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Full text of "Zeitschrift für romanische Philologie"

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ZEITSCHRIFT 


ROMANISCHE PHILOLOGIE 


BEGRÜNDET VON Pkror. Dr. GUSTAV GRÖBER t 


FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN 


VON 


Dr. ALFONS HILKA 


PROFESSOR AN DER UNIVERSITAT GÖTTINGEN 


1927 
XLVIL BAND. 


HERAUSGEGEBEN ALS 


FESTSCHRIFT FÜR CARL APPEL 
ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE AM 17. MAI 1927 


MAX NIEMEYER VERLAG 
HALLE (SAALE) 
1927 


Harr. 


INHALT. 


Seite 
FrienpgıcH BECK (Bamberg), Die rätselhaften Worte in Dante’s Vita Nova I 
PuıLıpp AuGusT BECKER (Leipzig), Adenet le roi und seine Gönner. . 28 
E. BRAUNHOLTZ (Cambridge), Die Streitgedichte Peters von Blois und 
Roberts von Beaufeu über den Wert des Weines und des 
Bier . . 2» 2 2 2 0 0 2 0000 30 
HERMANN BREUER (Breslau), Eine provenzalische Urkunde aus "Najac 
vom Jahre 1310. . 2 2 2 0 2 2 0 2 nenn. 39 
Joser Brück (Innsbruck), Zu altit. morfire „fressen“ . . 2 220. 44 
VINCENZO CRESCINI (Padova), Revestor . . . . a er \y | 
KARL VON ETTMAYER (Wien), Die Wortsippe um aoror; galiar . » . 4 
ARTHUR FRANZ (Würzburg), Die reflektierte Handlung im Cliges. . . 61 
HEINRICH GELZER (Jena), Der Silenceroman von Heldris de Cornualle . 87 
GIACOMO DE GREGORIO (Palermo), Due etimologie . . . . . 100 
ANTONIO GRIERA (Barcelona), Els noms vascos dels mesos de any. . 102 
ADALBERT HÄMEL (WÜRZBURG), Eine unbekannte Rolandiegende . . 113 
EUGEN H&RzoG (Cernäufi), Wortgeschichtliches . . . . . ... 115 
ALFONS HıLKA (Göttingen), Altfranzösische Mystik und Bepineotuni .. 121 
KARL JABERG (Bern) und JAKOB JuD (Zürich), Transkriptionsverfahren, 
Aussprache- und Gehörschwankungen (Prolegomena zum Sprach- 
und Sachatlas Italiens und der Südschweiz) . . . er 7A 
Lz0o JoORDAN (München), Studium der Lautgewohnheiten und Erkenntnis 219 
LupwıG KARL (Graz), Ungarn und die provenzalische Dichtkunst . .„ 235 
ADOLF Kor.sEn (Berlin), Zwei provenzalische Streitgedichte (BGr. 461, 16 
u. 434,1). . . ; . . 242 
Kurt LEWENT (Berlin), Provenzalisch Plus negative PER sieigernd.; 249 
CHARLES BERTRAM LEWIS (St. Andrews), The Function of the Gong in 


the Source of Chrestien de Troyes’ Ivain. . . 254 
ERHARD LOMMATZSCH (Greifswald), Französisches zu E. E. Niebergalls 

„Datterich“ . . . 271 
WILHELM MEYER-LÜBKE (Bonn), Zur "gallorsmanischen Shrachseschichte 287 
WERNER MULERTT (Halle), Doppelte Vornamen . . . 293 
Lupwıg PFANDL (München), Franziskanische Mystik des 7 Jahrhunderts 

in Spanien . . 302 
ALFRED PILLET (Königsberg), Grundlagen, Aufgaben und  eskongen 

der Troubadours-Forschung . . . . oe re 16 


ELisE RıcHTer (Wien), Impressionismus, Ernie and Grammatik 349 


IV INHALT. 


ALFRED Rısop (Berlin), Zur Syntax des Relativpronomens . . . . . 
GERHARD ROHLrs (Tübingen), Baskische Reliktwörter im Pyrenäengebiet 
MARGARETE RÖSLER (Wien), Londoner Französisch im XII. und 
XIV. Jahrhundert . . . . Be ee 
Dimmteı SCHELUDKO (Sofia), Über die arabischen Lehnwörter im Alt- 
provenzalischen . . . . En b 
OsKAR SCHULTZ-GORA (Jena), Boccaocio’ 8 Vater urkundlich in "Paris dach: 
weisbar . . . . .. . 
WiırLy ScruLz (Breslau), Ein Kalturbild aus den Mocedades del Gi von 
Guillen de Castro mit Ausblicken auf Quellen und Technik des 
Dichters wie auf den Cid des Corneille. . » ce 2 2... 
FRIEDRICH SCHÜRR (Graz), ua el.n 
Studien II. (Mit 2 Karten.) . . BA. 0 ce 
EvA SEIFERT (Berlin), Die beiden Verben habehe and tenere in der alt- 
spanischen Danza de la muerte. . . . 2 2.0 
GUNNAR TILANDER (Stockholm), Le sens et l’origine de v. fr. Hlaissier, 
plaisseis . . . . . 0... : 
JoHAan VısinG (Göteborg), Der historisch: zenstische Gesichtspunkt bei 
Anordnung der Bedeutungen in französischen Wörterbüchern 
KARL VORETZSCH (Halle), Proben aus den Obros et Rimos provvenssalos 
des Loys de la Bellaudiero . . » 2 2 2 02 2 2020 0.0 
WALTHER VON WARTBURG (Aarau), „Discuss“. . » 2 2 20 00. 
BERTHOLD WiIkEsE (Halle), Fünf Barzelletten nach alten Drucken . . 
EMIiL WINKLER (Innsbruck), Von der Kunst des Alexiusdichters . 
WOLFGANG VON WURZBACH (Wien), Unveröffentlichte Briefe und andere 
Schriftstücke von Prosper de Barante, J.-Ch.-L. de Sismondi, 
A.-J.-V. Leroux de Lincy, J.-D. Guigniaut, 2 Sandeau und 
Karl Bartsch. . . . . anca 
ADOLF ZAUNER (Graz), Freie und Soda, Vokale ; im F tanzöstschen ; 
Kara M. FASSBINDER (Saarbrücken), Formales und Technisches in der 
höfischen Dichtung des Raimbaut von Vaqueiras . . . . 
GEORG EBELING (Kiel), Zur Bedeutungsentwicklung romanischer Partikeln 
Hans BRoszinsKı, Register . © 2 2 0 2 2 2 nn. 


Die rätselhaften Worte in Dante’s Vita Nova. 


(8 12.) 


In den Worten der V. N.!: Zgo famguam centrum circuli cui 
simili_modo se habent circumferenhiae partes; iu autem non sic hat 
Dante seinen Lesern und Erklärern ein Rätsel aufgegeben, das bis 
auf den heutigen Tag trotz vieler Anstrengungen und sorgfältiger 
Untersuchungen ungelöst geblieben ist. Dafs er dabei die dem 
Signore de la Nobiltade in den Mund gelegten Worte absichtlich 
in das Dunkel eines Symbols oder Bildes gehüllt hat, steht aufser 
allem Zweifel. Die gewolite Dunkelheit entsprach nicht blofs dem 
mystischen Charakter des Jugendwerkes, sondern entsprang auch 
einer Überzeugung des Dichters, dals es „schön sei, dem edlen 
Geiste auch einige Mühe aufzubürden“ (Corv. II 5,146). Es ist 
in der Tat des Schweilses der Edleren wert, den Schleier dieses 
Symbols zu lüften; denn, wenn die wahre Deutung desselben ge- 
funden wird, ist auch der Schlüssel zum richtigen Verständnis der 
Hauptfiguren des Neuen Lebens, Amor und Beatrice, gefunden. 
Es eröffnen sich aber auch überraschende Zusammenhänge mit 
Stellen der Göftl. Kom. und der anderen Werke Dantes, ganz zu 
schweigen von der Auslegung des Neuen Lebens selbst, welcher 
sozusagen eine gebundene Marschroute vorgeschrieben wird. Endlich 
liefert die vorliegende Studie einen weiteren Beitrag für die Be- 
ziehungen Dantes zum Orient, worüber ich Zs. (41, 471—74 und 
44, 728) gehandelt habe. 

Zunächst ist festzustellen, dafs Signore de la Nobiltade ‚Herr 
der Vollkommenheit‘ bedeutet;?2 denn nodile ist bei Dante oft 
gleichbedeutend mit erfetto, wie ich im Deuischen Dantejahrbuch 
9, 96 nachgewiesen habe. Dazu wäre nachzutragen Cozv. IV 16, 32: 
der questo vocabolo Nobiltd s’ intende perfezione di propria natura in 
ciascuna cosa (vgl. idid. IV 19, 20— 22). Die Eigenschaft robile kann 
von irgend einer Sache ausgesagt werden, die „ar sua nafura „„per- 
Jelta®* ist (ibid. IV 16, 36). Nicht selten bedeutet simzle ‚gleich‘ 


ı S. Anhang V. 

% Fletcher (Modern Philology XI, 13) erklärte sZiri£ of charity, Pascoli 
(Mirabile Visione 2a ed. p. 37) falst nobzltade = magnanımitä. Der Signore 
de la Nobiltade wird auch Sire de la Cortesia (8 42,9), Padre de’ Lumi 
(Conv. IV, 20, 39), Zrima Intelligenza (Conv. IV, 21,36) Primo Amore usw. 
genannt (s. Zs. 40, 260). 


Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII. N 


2 FRIEDRICH BECK, 


(V. N. 8$ 15,52. 20,23. 30, 16. 36,4. 39,5 u. 29, ferner sımi- 
glianza $ 24, 32 Conv. IV 16,66), gleichviel, ob es als lateinisches 
oder italienisches Wort gebraucht ist. Diese Bedeutung ‚gleich‘ 
ergibt sich mit zwingender Notwendigkeit aus dem Bild vom Kreise, 
Denn das ‚simili modo‘ kann nicht besser als durch Dantes eigene 
Worte (Cunv. IV 16, 65) erklärt werden, wo er sagt, der vollkommene 
Kreis ist jener, in welchem ein Punkt ist, der von der Peripherie 
gleichweit entfernt ist: nzodile circolo ... quando ın esso & un punto 
ıl quale egualmente sia distante dalla circonferenza.3 Wie haben 
wir uns nun den unvollkommenen Kreis vorzustellen, welcher den 
Gegensatz zum nobile carcolo bildet? Eine kurze Abschweifung, in 
welcher auf die gekrümmte Linie und ihre Gebilde hingewiesen 
wird, führt uns zuerst auf eine Stelle beim hl. Augustin. Er sagt 
(de quantitate anımae Migne, P. 1. 32, 1051): „apud Horatium magnis 
laudibus solemus extollere illum versum, quanlo ait, cum de sapiente 
agerel! 
Fortis el in seipso lolus teres altque rolundus 
(Serm. lib. 2, sat. 7, V. 60.) 


Ei recte: nam neque in anımis bonis quicquam invenis quod magis 
sibi ex omni parte consentiat qguam virtultem neque in planis 
figuris quam circulum.“ 

Im Gegensatz zum Eckigen, Spitzen bedeutet die Rundung 
Einheit, Harmonie, Vollkommenheit. Die krumme Linie verdient 
den Vorzug* vor der geraden Linie, weil sie den Kreis, die Kugel 
bildet. Deshalb haben die Philosophen wie z. B. Pythagoras, 
Aristoteles, Plato und die Neuplatoniker (Plotin), Ibn Gabirol u. a. 
den Kreis, bzw. die Kugel gewählt, um entweder ein anschauliches 
Bild des Kosmos und seiner Teile oder des Verhältnisses von 
Ursache und Wirkung, von Schöpfer und Geschöpf u. dgl. zu geben. 
Die reinste und schönste Bewegung, die durch die Rückkehr in 
sich selbst ewig ist, ist die Kreisbewegung. So lehrte Aristoteles 
(Schwarz p. 57). Dem Plotin ist der Prozefs der Welt ein geistig 
bewegter Kreislauf (ibid. 94). Die Kreisbewegung kommt nach 
Philo „eigentlich blofs dem Geiste zu“; „wenn die Sterne nicht 
reine und göttliche Seelen wären, so würde ihnen die Kreis- 
bewegung nicht eigen sein“ (Frank p. 229). Bei Joachim von 
Floris (Ps. 233r) konnte Dante lesen: »n circulo nulla est anguli 
differentia sed est quodammodo ctirculus summe unum. Si hoc de 
alıqua re prelerguam de Deo dic possil: eo quod res rotlunda tola 
simul in seipsa esse uniformem videalur > et non sil in ea aliquid quod 
angulis sive cornibus osiendalur divisum ... und (sbid. 238r) id guod 
acutum est ın alıqua mysteriali fıgura sıgnifical principium sive finem, 


s Vgl. Augustinus, de quantitate animae cap. ıı (Migne, ?.Z 32, pP. 1045 
und 36, 520). 

* Conv. IV, 13,112: „JZ Derfetto collo imperfetto non si pud congiungere. 
Onde vedemo che la torta linea colla diritta non si congiugne mai; e, se 
alcuno congiungimento v' d, non 2 da linea a linea, ma da Punto a Punto,“ 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 3 


also im Gegensatz zum Kreis, zum « ef w, dessen Erläuterung ein 
grolser Teil der beiden Werke Joachims gewidmet is. Aus den 
beiden Stellen geht klar hervor, dafs der Kreis im höchsten Sinne 
eins ist, d. h. nicht geteilt oder unterbrochen durch Winkel und 
Ecken; keine andere Figur war also würdiger und geeigneter, die 
Gottheit zu versinnbilden. Kein Wunder, wenn die simplex unilas 
durch einen Kreis dargestellt wird, wie wir später sehen werden. 
Nach diesen einleitenden Bemerkungen wenden wir uns wieder 
Dante zu, indem wir die oben gestellte Frage beantworten. Dante 
versteht unter csrcolo jede Figur oder jeden Körper, der von einer 
krummen Linie umschlossen ist: Corv. II 14, 152 „dio cerchio 
largamente ogni rilondo, o corpo o sußerficie“ Solche Kreise 
in weiterem Sinne sind z.B. nach Coxzv. IV 16,67f. der eirunde 
Kreis, also die Ellipse, die dem Vollmond sich nähernde Mond- 
scheibe u. dgl. Aber das sind unvollkommene Kreise, weil sie 
nicht die höchste Entfaltung der viırta ın tulla la sua nalura er- 
reicht haben. Der Kreis im engeren Sinn, d.h. wie wir ihn ge- 
wöhnlich verstehen, ist dagegen vollkommen, ein ‚noddle circolo‘. 

Zur Zeit Dantes gab es zwei „vollkommene Kreise“, welche 
als Symbol Gottes weit verbreitet waren. Der erste war ein heid-. 
nisches, der zweite ein jüdisch-christliches Symbol. Beide konnte 
der Dichter verwerten, ohne dafs er (wie sonst häufig) genötigt 
war, das überlieferte Geistesgut den eigenen Ideen anzupassen oder 
es in christlichem Sinne umzudeuten. Der erste, heidnische Kreis 
ist die bildliche Darstellung der Begriffsbestimmung, welche Hermes 
Trismegistos von der Gottheit gegeben hatte. 

Von Hermes Trismegistos hat ausführlich gehandelt A. Kirchner; 
ihm gilt der „dreifach Gröfste* als historische Persönlichkeit (II? 
S. 577) und als Zeitgenosse Abrahams (f etwa um 1600 v. Chr.), 
sowie ‚e Chananaea stirpe‘. Der gleichen Ansicht ist Bonaventura,5 
bei dem Dante lesen konnte ‚/er maxımus, maxımus philosophus, 
maximus sacerdos & maxımus Aegypli rex‘$ Träger und Verbreiter 
seiner Wissenschaft waren nach Kirchner (t. II Zars altera S. 498 fl.) 
Orpheus und Aglaophamos (etwa 600 v. Chr.), Pherekydes, der 
Lehrer des Pythagoras (etwa 578—534), Pythagoras (580—568) 
und sein Schüler Philolaos (ungefähr um 430), welcher selbst wieder 
der Lehrer Plato’s (429—348) wurde. Ungefähr gleichzeitig mit 
Pythagoras wäre auch der Lehrer des Parmenides (etwa 513 v. Chr.), 
Xenophanes (569—480), und des Parmenides Schüler Melissus? zu 
nennen. Die Kette der Überlieferung würde sich schliefsen mit 
Philo Judaeus (30 oder 20 v.Chr. — um 45 n.Chr. Mead a.a.O, 
I, 204), und den Neuplatonikern Plotin (205—270), Porphyrios 


5 S. Bonaventurae operum omnium suppl. Tridenti MDCCL XXIV, t. 3, 
S. 1241, s.v. Mercurius. 

6 Neuere Literatur über H. Tr. bei Louis M&nard, Zermos Trismegiste, 
Paris 1867; Pietschmann Herm. Trism., Leipzig 1875; Mead, G.AR.S. 
Trhrice Greatest Hermes, London and Benares 1906, 3 voll. 

T Dante erwähnt ihn Par. 13, 125, Mon. III, 4, 22. 


I" 


4 FRIEDRICH BECK, 


(233—300?) und Proklus (412—485). Philo verdient besondere 
Erwähnung, weil er nicht blofs Verbreiter der hellenististischen 
Bildung war, sondern auch wie der Pseudoareopagite Dionysius, 
Ambrosius, Hieronymus und Joachim von Floris Ideen der jüdischen 
Religionsphilosophen in seinen Werken vorträgt. 
Die hermetische Begriffsbestimmung lautet: 
Deus est spaera intelligibilis, cujus 
centrum ubique, circumferentia nusquam,® 


So findet sie sich bei Alanus, bei Alexander von Hales und Bona- 
ventura (s. Anhang l); in dem der Hermetis, einem vielleicht im 
ı2. Jabrh. entstandenen, jedenfalls im 13. Jahrh. handschriftlich 
nachgewiesenem „Machwerk“, fehlt das ‚znfelligibilis‘ (Dr. M. Baum- 
gartner, Die Philosophie des Alanus de Insulis, Münster 1896, S. 118). 
Alanus schätzte das „Machwerk* so hoch, dafs er es sogar zur 
Grundlage seiner Regulae theol. machte; man vgl. Liber Herm. 
no. ı, 2, 7 mit Regulae 3, 7, 5. Dieses Zxber 24 Philosophorum mit 
seinem anspruchsvollen Titel bei nur zwei Druckseiten Umfang hat 
Denifle veröffentlicht (Archiv f. Literatur- u. Kirchengesch. d. Mittel- 
alters, Berlin 1886, II, 427/28). Es kommt als Quelle für Dante 
wohl kaum in Betracht, dagegen sind die beiden Franziskaner 
Alexander von Hales und Bonaventura neben Alanus in die engere 
Wahl zu ziehen. Am wahrscheinlichsten ist es, dafs Alanus der 
Autor war, aus welchem Dante schöpfte; ich möchte jedoch nicht 
behaupten, dafs er der einzige war. Im Gegenteil; die hermetische 
Definition, welche ich blofs bei Alexander und Bonaventura nach- 
weisen kann, gehörte höchstwahrscheinlich zu den Schulüberliefe- 
rungen des Ordens und wird deshalb auch bei manchem anderen 
Autor desselben zu finden sein. Für Alanus spricht vor allem die 
Tatsache, dafs er auch sonst den Dichter beeinflulst hat. Bossard 
hat es wahrscheinlich gemacht, dafs Dante den Ansiclaudianus ge- 
kannt hat (Alani de Insulis Anticlaudianus cum Divina Dantıs Alı- 
ghieri Comadia collatus Andegavi 1885, S. 72), und Salvadori (S. ı6) 
erklärte es ‚/uor di dubbio che D. abbia avuto un’ idea della sua ascen- 
sione celeste nel Paradiso dall” Anticlaudiano‘. Bossard hat auch nach- 
gewiesen, dafs Dante die hermetische Definition gekannt hat. Zu 
diesem Zwecke hat er Stellen wie Zurg. 11,1; Par. 14,30. 29,12 
zusammengestellt mit Anticlaudianus lib. 5, cap. 3: 

Nec solum loca cuncta replet sed singula solus 

Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ... 

Principium sine principio, finis sine fine 

er sine tempore durans 

Immensus sine mensura usw. 

(Vgl. Zs. XL, 267 und XLI, 471.) 
Bevor wir uns von der mehr oder minder sagenhaften Gestalt 

des Hermes Trismegistos abwenden, mufs noch ein Wort über das 


® spaera (spera, sphaera) wird ebenso wie circulus gebraucht (Kircher, 
t, II Zars altera 5. 85). 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 5 


Alter der unter seinem Namen gehenden Schriften gesagt werden. 
Die Griechen erkannten in dem ibisköpfigen Mondgott, welchen 
die alten Ägypter Teh, Tehu, Teehut nannten,? ihren Hermes; sie 
verwechselten ihn aber auch mit Asklepius (Aeskulap), ähnlich wie 
die Araber, welche in ihm vorzugsweise die medizinischen Kennt- 
nisse schätzten und ihn deshalb Hakim nannten. So erklärt es 
sich, dafs in den lateinischen Schriften des Mittelalters der Name 
Mercurius für Hermes Trismegistos der gebräuchliche ist. Überweg 
(Grundri/s d. Gesch. d. Phil. d. Altertums, 10. Aufl., Berlin 1909, S. 326) 
sagt: „Die Schriften des angeblichen Hermes Trismegistos ... 
stammen, abgesehen von einigen Partien wahrscheinlich christlicher 
Herkunft, in ihrer jetzigen Gestalt aus dem Ende des 3. Jahrh. 
n. Chr., zeigen aber noch nicht die charakteristischen Eigentümlich- 
keiten des Neuplatonismus.“ Dieses Urteil gründet sich wohl blofs 
auf eine Behauptung von Letronne (Inseridfion grecque de Rosette, 
Paris 1841, S. 20; s. Pietschmann S. 35), wird aber von Mead 
(a.a.O. I, 117) nicht anerkannt. 

Über einige religionsphilosophische Ideen der alten Ägypter 
berichtet Kircher; sie werden hier angeführt, weil sie für den 
weiteren Gang der Untersuchung wichtig sind. Es wird gesagt 
(II 2, 572), dafs Hermes ‚Aieroglyphice Deum divinaque semper 
per circulum expressit‘, ferner: ‚Aegyplü Deum ex circuli 
hieroglyphico intelligebant‘ (ib. 571), die Ägypter ‚frinam 
unitatem „Hemphta“ dicebant el sub figura ÖWpıxvxiontepo- 
uöopo, id est per globum, serpentem, alam in unum hierogramma 
eongesia occulle exprimebant (ibid. 10),1%° worin wir also einen Vor- 
läufer des Gotteskreises zu sehen hätten; besonders wichtig erscheint 
die Gewohnheit der Ägypter, auf ihren Obelisken Gott und auf 
Gott bezügliche Dinge durch Einfügung eines Kreises oder einer 
Kugel zu bezeichnen: „guandocungue magnum quidpiam, mirabıle, 
excellens in quo nonnulla divinilatis vestigia apparerent, indicare 
vellent, id apposito circulo seu sphaera demonstrarent“ (ibid. 
II 2,85). Wir schliefsen die Belege aus Kircher mit zwei Stellen, 
welche beweisen, dafs die hierogrammatische Eins bei den Ägyptern 
durch einen Kreis versinnbildet wurde: „unitalem quoque abso- 
Jutam per centrum signifcaturi circulum pingebant eo quod sicul 
centrum est principium omnium linearum figurarumgue ex lines con- 
stitularum, sic Unitas sußrema causa est omnium in mundo existen- 
fium“ (ibid. 22); der Kreis stellte dar „unitatem centralem denotat; 
id est centrum ponebant pro uno, et quia cenirum sola positione 
punch insensible est, id non meliore ralione signandum duxerunt quam 
eirculo* (1 2, 42; s. auch 84 u. 98), also der Punkt für sich (= cen- 
/rum) wäre zu unansehnlich gewesen, weshalb man ihn mit der 
Kreisliniie umgab. Wo aber ein Kreis ist, mufs naturgemäls ein 
Punkt als Zentrum desselben vorhanden sein. Ist nicht in der 
Tat der Punkt ein Kreis mit unendlich kleinem Radius? 


® Pietschmann S. 31—34; s. Anm. 6. 
 Papus 336. 


6 FRIEDRICH BECK, 


Der zweite „vollkommene Kreis“, welcher ein jüdisch-christ- 
liches Gottessymbol darstellt und Dante ebenso bekannt war wie 
der hermetische Zirkel, ist bei Joachim von Floris zu finden. 

Der kalabresische Abt wird von Dante Zar. 12, 141 wegen 
seines prophetischen Geistes gerühmt: 


il calavrese abate Giovacchino, 
di spirito profetico dotato; 


allein der schlichte, bescheidene Bauernsohn 1! von Celico, welcher 
63 Jahre vor des Dichters Geburt gestorben war, hatte mit seiner 
Voraussage der Erscheinung des Antichrist im Jahre 1260 sehr 
wenig Glück und dachte über seine prophetische Begabung selbst 
viel bescheidener als seine zahlreichen Anhänger und Verehrer. 
Ein religiös-mystisches Gemüt wie das des jungen Dante 
mufste sich besonders von zwei Werken Joachims angezogen fühlen, 
der Zxtositio in Apocalipsim und dem ZPsalterium decem cordarum.!? 
Die Auslegung der Stellen der Apokalypse 18, XXI6, XXI ı8, 
welche das & und & betreffen, die eingehende Besprechung des 
Gottesnamens, der simplex unilas und frinilas, kurz alle Fragen, 
welche den wesentlichen Inhalt der beiden obengenannten Werke 
ausmachen, werden im Zusammenhang mit dem Gotteskreis berührt 
und erörtert werden. Joachim geht zwar von «@ und @ aus, ver- 
gilst aber nicht darauf, auch die mystischen Eigenschaften des A 
und 2 zu verwerten. Insbesondere entnimmt er dem letzteren die 
„göttliche“ Rundung, welche ihn dann über O (fol. 36v/2 und 
37r/2) zum Kreise führt. Auf fol. 257 stehen dann neben A und 
o zwei Kreise. Der erste Kreis hat als Zentrum statt des Punktes 
die Worte: Zgo sum gu sum. Darunter steht als Erklärung: zu 
hac figura ostenditur simplex unilas. Erinnern wir uns daran, dafs 
die alten Ägypter schon die absolute Eins durch einen Kreis dar- 
stellten (s. S. 5). Der zweite Kreis hat statt des Mittelpunktes 
den Gottesnamen eve (vgl. fol. 35vfl.) und darunter die erläu- 
ternden Worte: Trinitas — unus deus habel relationem ad seplem 
spirilus qui missi sunt ab eo ad omnem subditam creluram (über die 


11 Gebhart (Z’Italie mystique S.62) sagt Joachim sei 1132 in Celico 
bei Cosenza geboren; „son pere appartenait d la bourgeoisie noble du 
royaume normand“. Nun liest man (/n Apoc, fol. 175r.,2): Sepius me dixisse 
vecolo et adhuc in suis locis repetere idipsum compellor: Nolo videri quod non 
sum fingens aliquid ex presumßlione mea. Non extimet aliquis exigendum 
ame qui sum homo agricola a juventute mea quod ab ipsis quoque 
prophetis exigi ante sua lempora non licebat quia et ipsi ex parte videbant 
et ex parte proßhetabant et nos adhuc ex parte videmus. Aus diesen 
schlichten Worten geht jedenfalls klar hervor, dafs Joachim, wie er später 
(fol. 190v.,2) sagt, nicht dem Frosch gleichen will: sana enim cum inflatur 
mentitur Se esse quod non est. 

12 Der Verfasser sagt darüber (fol. 230r.,1): Ssalterrum in quo Prae- 
ceptorum decalogus et totius summa fidei continetur. Der Titel des Werkes 
erinnert an Ps. 32,2: Confitemin:! Domino in cithara: in psalterio decem 
chordarum Psallite illi (vgl. Alunus de Insulis, Distinctiones, Migne, ?. 
210, 738). 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 7 


seplem spiritus vgl. Apoc. 1,4). Die beiden Kreise stellen nach 
fol. 36v nicht etwa zwei verschiedene Symbole dar; sie sollen nur 
das bessere Verständnis vermitteln. Dafs dies auch wirklich zutrifft, 
ergibt sich aus der völligen Übereinstimmung der Kreismittelpunkte; 
denn Zgo sum qui sum ist die Übersetzung von Jeve: Zxo 
sum gui sum, d.h. ich bin, der ist, der övrwoc ®v, der wirklich 
Seiende, der Ewige, gu: est et qui erat et venturus est omnipotens 
(Apoc. I, 8), derselbe, von welchem der Apostel Johannes sagt: 
dixit eis Jesus: amen, amen dico vobıs, antegquam Abraham fieret, 
ego sum. Joachim hat also zum Mittelpunkt seines Kreises die 
Stelle der Bibel Zxodus 3, 14 verwendet, welche lautet: (3,13) Ast 
Moyses ad Deum: Ecce ego vadam ad filios Israel, et dicam eis: 
Deus patrum vestrorum misit me ad vos. Si dixerint mihi: Quod 
est nomen ejus? quid dicam eisPp 3,14 dixit Deus ad Moysen: 
Ego sum qui sum. Ai: Sic dices flüs Israel: Qui est, misit me 
ad vos. Nun kennt die jüdische Mystik denselben Gotteszirkel, 
dessen Nlittelpunkt das Jod (") oder der einfache Punkt ist.13 Das 
Jod ist aber die gewöhnliche Abkürzung des Gottesnamens Jahwe 
(bei Joachim Jeve), der ja mit * beginnt (mim) und mit seinen 
vollen vier Buchstaben (eigentlich blofs drei, weil das rn zweimal 
darin vorkommt) immer im Tetragramm geschrieben wird. Diesen 
Gotteskreis, welchen Joachim aus der jüdischen Geheimlehre ent- 
nommen hatte, übernahm Dante unverändert aus dem Psallterium 
decem cordarum; er palste offenbar besser zu seiner Theorie des 
‚nobile circolo‘ als der hermetische Kreis, weil er der Ausdeutung 
noch einen weit gröfseren Spielraum gewährte als das von den 
alten Ägyptern als heilig verehrte Symbol. Es könnten nun Zweifel 
rege werden darüber, ob Dante, als er sein Jugendwerk nieder- 
schrieb, das Zsaltersum und die Zxposithio wirklich gekannt hat. 
Ich halte es für ausgeschlossen, dals Dante sich damit zufrieden 
gegeben haben sollte, blofs den Namen des als Propheten ge- 
feierten Joachim zu kennen. Kann man denn auch glauben, dafs 
der Dichter, ohne seine theologischen Werke zu kennen, 
dem Abt einen Ehrenplatz unter den gröfsten Kirchenlichtern ein- 
geräumt hätte? Es bedeutete ja schon an und für sich ein grolses 
Wagnis, den der Irrlehre verdächtigen Joachim unter die recht- 
glaubigen Doktores des Sonnenhimmels zu versetzen; denn die 
Irrtümer des Abtes, z. B. jene, welche das Trinitätsdogma betrafen, 
waren ja von der 4. Lateransynode verurteilt worden (s. Werner, 
Der hl. Thomas ]J, 115, A. ı; 1], 161. 193. 208. 2ı1). Andere 
Bedenken werden vielleicht gegen die Behauptung geäufsert, dals 
Joachim seinen Kreis der jüdischen Geheimlehre verdanke. Um 
solche Bedenken zu zerstreuen, ist es notwendig, sich Joachims 


i® „Das Jod, das eigentlich nur durch einen Punkt dargestellt wird, be- 
deutet das Prinzip, d.h. den Uranfang und das letzte Wesen der Dinge“, 
Papus8ı: „Avant la creation l’essence divine dtait redrösentde par un seul 
Doint(.) (de Pauly I, 92 und VI, 25)“ „Le yod est semblable au Loint 
mathematique“ (Karppe S. 290, 372). 


8 FRIEDRICH BECK, 


Beziehungen zur jüdischen Theologie und Mystik ganz im all- 
gemeinen zu vergegenwärtigen. Es ist bekannt, dals Joachim vor 
seinem Eintritt in das Cisterzienserkloster Sambucina (etwa um 1158) 
eine Reise ins heilige Land unternahm. Dafs die Reise Studien- 
zwecken diente, unterliegt wohl keinem Zweifel; höchst wahr- 
scheinlich hat sich Joachim einige Kenntnisse des Hebräischen !4 
angeeignet. Jedenfalls steht eines fest: im heiligen Lande wie in 
der Heimat hat sich der junge Mann nach seinem eigenen Zeugnis 
bei erfahrenen Juden Rats erholt (fol. 35v/ı: #2 fradunt peritissimi 
hebreorum). Für die Auslegung des & und ®, sowie des Namens 
Jeve ‚quod hebrei legunt Adonay‘ (fol. 35r/ı) benutzte Joachim ein 
Werk eines Juden, dessen Namen er sogar nennt. Es heifst 
(fol. 36v/2): Zee sacra trinitatis mysteria que in secrelis secre- 
forum conlinentur apud judeos palefecit hedreus quidam 
Petrus nomine, ılluminatus gratia Christi el conversus ad ipsum. 
Dazu ist am Rande vermerkt: [secrefa] secretorum judeorum, worunter 
wohl nur der ı3. Teil des Zohar mit gleichem Titel zu verstehen 
ist. 15 Dieser ‚conversus ılle hebreus‘ war Leibarzt des Königs Alfons L 
von Aragonien und entfaltete eine rege schriftstellerische Tätigkeit. 
Moses Sephardi, wie er vor seiner Bekehrung hiels, ist besonders 
durch seine disciplina clericalis bekannt geworden. Joachim hat bei 
seiner Erläuterung des Namens eve höchst wahrscheinlich aus 
des Petrus Alfonsus Dialogi XII cum Moyse Judaeco (Migne, Pi. 
CLVI, 535 fl. 611/12) geschöpft. Aufserdem werden einige sche- 
matische Zeichnungen in den Schriften Joachims auf Vorbilder bei 
Petrus Alfonsus zurückzuführen sein. (Man vgl. die Zeichnung bei 
Migne l.c. S. 611 mit jener Joachims fol. 226v und fol. 38r und 
vergegenwärtige sich Dantes Par. 33, 116!) 

Diese wenigen Feststellungen werden genügen, um den Leser 
zu überzeugen, dafs Joachim jedenfalls mit jüdischen Quellen sehr 
vertraut war; dafs sein Gottessymbol in der Tat auf eine jüdische, 
der Kabbala entlehnte Zeichnung zurückgeht, wird der weitere 
Gang unserer Untersuchung lehren. Wenn Joachim das a@ ef © 
(fol. 257 und oben S.7) auch durch zwei Kreise, die eigentlich 
nur einen Kreis darstellen sollen, erläutert, so ist es mehr als 
wahrscheinlich, es ist gewils, dafs sein Vorbild eher bei den Kab- 
balisten als bei Hermes Trismegistos zu suchen ist. Denn von 


16 Fol. 64r.,2 ist zu lesen: quia unus Dei spiritus: qui hebrauce (ul jam 

dixi) vocatur rua und fol. 64r.,1: rua que interpretatur spiritus. Fol. ıgır.,2 
vermag J. den hebräischen Namen armagedon nicht ins Lateinische zu über- 
tragen; Dagegen weils er, dafs der Adonay gesprochene Gottesname ‚in hebreo 
non eisdem caracteribus quibus scrißtum est pronunciatur, sed alıis‘ (fol. 35 v.,I). 
Auffallend ist das Schweigen Joachims über die wörtliche Bedeutung der 
einzelnen Teile des Namens eve, 
i 15 Völlige Klarheit darüber könnte blofs durch das Wiederauffinden der 
Übersetzung geschaffen werden; sie ist schon fol. 35v.,ı erwähnt worden, 
wo auch mit Bezug auf den unaussprechlichen heiligen Namen Gottes gesagt 
wurde, dafs verschiedene „arcana mysteria in secretis secretorum 
hactenus laluisse dignoscitur“. Ich vermute, dafs die Übersetzung auch 
das Kreissymbol enthielt mit dem Jod als Mittelpunkt. 


DIE 'RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 9 


dem letzteren ist bei ihm nirgends eine Spur zu finden. Wenden 
wir uns wieder Dante zu und versuchen wir seine Worte: Zgo 
famguam usw. zunächst für sich allein zu betrachten. Unser Haupt- 
augenmerk muls dabei auf die Schlulsworte ‚Zu autem non sic‘ ge- 
richtet sein in dem Bestreben, den logischen Gegensatz ‚/u autem 
non sic‘ in allen seinen Teilen weiterzuführen ;, das Ergebnis zeigt 
die Gegenüberstellung: 


EgO tamquam centrum circuli cu simili modo se habent 
circumferentiae partes 

Tu autem tamguam punclum (vel puncla) cui (quibus) diverso 
modo se habent circumferenhiae partes. 


Diesen Gegensatz zwischen Gott und Mensch bringt die 
Kabbala durch zwei Kreise zum Ausdruck: der erste ist mit dem 
Gotteskreis des Joachim identisch und oben (S. 6) bereits er- 
wähnt worden. Der zweite Kreis, das Symbol des Menschen, zeigt 
drei Punkte, welche natürlich nicht von allen Punkten der Peri- 
pherie gleich weit abstehen können. Ich gebe die zwei Kreise 
nach Papus S. 8ı bzw. 140 wieder: 


Fig. ı. Fig. 2. 


Zu Fig. ı bemerkt Papus: Der Punkt im Zentrum des Kreises 
versinnbildet die Ureinheit im Mittelpunkt der Ewigkeit, die 
durch den Kreis, die Linie ohne Anfang und Ende, dargestellt wird. 


Zu Fig. 2: Der Mensch setzt sich nach den Kabbalisten aus 
drei wesentlichen Elementen zusammen: Nephesch, Neschama und 
Ruach, welche unsere modernen Gelehrten mit Körper, Leben und 
Willen bezeichnen. 


Der Gedanke simill modo — diverso modo, welcher aus dem /» 
aulem non sic logisch gefolgert werden muls, wird aus den beiden 
Kreisen auf den ersten Blick vollständig klar. Es ist durchaus 
nicht unmöglich, dafs Dante die beiden Zeichnungen kannte, ja, 
dals sie ihm vorschwebten, als er die dunklen Worte niederschrieb. 
Der orientalische, um nicht zu sagen jüdische Ursprung des 
Danteschen Gotteskreises liegt noch offener zu Tage als die Ent- 
lehnung des Joachimschen aus der Kabbala. Vergleicht man die 
folgenden Stellen des ZoAar mit den entsprechenden Stellen der 
Göttl. Kom., so findet man nicht blo[s Berührungspunkte allgemeiner 


10 FRIEDRICH BECK, . 


Art, sondern geradezu handgreifliche Übereinstimmungen. Das 
metaphysische System Dantes im allgemeinen (das Jod = punkt- 
förmiges Urlicht als centre des centres der 9 (10) konzentrischen 
Kreise, bzw. Sephirot) und mehr noch in den einzelnen Teilen ist 
ein unwiderleglicher Beweis dafür; so ist z.B. das punktförmige 
Urlicht mit seiner alles überstrahlenden Stärke (Par. 28, ı6f.) ein 
charakteristischer Zug1® der Kabbala. Die oben (Fig. ı) beigegebene 
Erklärung beweist, dafs zwischen Jod (") und dem Punkt keinerlei 
Verschiedenheit besteht. Dieser „Urpunkt“* ruht nach dem Zohar 
(de Pauly IV, 150/51) auf neun Pfeilern: /e premier mystöre est 
symbolise par un Yod, Point primitif, appuyd sur neuf piliers 
gui le souliennent. Ües neuf piliers sont disposes dans les qualre 
direchons du monde; dazu die Zeichnung: 


Sie drückt wohl nur in eckiger Form dasselbe aus, was der Kreis 
in runder Form darstellt. ° Es heifst dann weiter (de Pauly VI, 
Notes du tome I", S. 25): Avant la criation lVessence divine E&lail 
reprisenlee par un seul Point (.),; mais aprds que la semence divine 
se ful manifestee Ü’essence de Dieuw est reprösenide par Ilrois Points 
disposis dans tous les sens pour indiquer que celui du milieu forme 
Ja semence divine, mais que tous cedendant ne sont qu'un. Zeichnung: 


18 


Nun folgt die für Dante besonders wichtige Stelle (de Pauly I, 129): 
Il est impossible de connaitre U’ Infini (Ayn Soph) qui est impalpable ; 
foute question et tloule meditalion resteraient vaines pour saisir Üessence 


16 Dieser Zug ist nach Asin (S. 208) auch in der arabischen Mystik vor- 
handen ; doch scheint mir eine wesentliche Eigenschaft, das punktförmige, 
auf das Jod hinweisende Ausstrahlen des Gotteslichtes bei dem Murcianer 
Abenarabi zu fehlen. Jedenfalls stammt das Bild, wie Asin zuerst gezeigt und 
ich jetzt bestätigen kann, aus dem Orient. 

17 Bei Abenarabi ruht der Thron Gottes auf 4, bzw. 8 ‚sostenes‘ (M. Asin 
Palacios, Abenmasarra y sw escuela 1914, S. 71). Wahrscheinlich ist aber 
dort der Gottesthron im Sinne des Alcoran von den Himmelskörpern zu ver- 
stehen (ibid.). 

18 Entstehung der Form des Kreuzes?, vel. das sinnige Gedicht von 
Peire Cardinal, ‚Dels quatre caps‘ (im Grundrifs von Bartsch no. 15) und 
Vossler, Peire Cardinal, München 1916, S. 64. 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 11 


de la Penste supröme, centre du tout,19 secret de lous les 
secrels, sans commencement et sans fin dont on ne voit gu une 
petite parcelle de lumiere telle que la pointe d’une 
aiguille,; et encore ceite parcelle n’est-dle visible que grüce d la 
forme materielle quelle a prise; car le Verbe a pris la forme des 
signes de l’alphabet qui dmanent du Point supröme,; die gleichen 
Gedanken kehren wieder (de Pauly IV, 5/6): 

Pod represente le Point central, Cause de toutes choses 
qui reste cache d tout le monde, qui est inconnu el qui reslera eiernellement 
inconnu; dest le mystöre supr&me de U’ Infini. De ce Point my- 
sterieux sort un mince fllet de lumiere qui, bien que 
cache egalement et invisible renferme Toutes les lumitres.?? 

Frank (S. 154) falst diese geheimnisvollen Ideen zusammen: 
„Der unteilbare Punkt (das Absolute), der keine Grenzen hatte 
und wegen seiner Reinheit und Helle nicht begriffen werden 
konnte, verbreitete sich nach aufsen und bildete eine Helle, die 
dem unteilbaren Punkt als Hülle dient. Obwohl diese Hülle 
nicht so rein wie der unteilbare Punkt war, so konnte sie doch 
ihres ma[slosen Lichtes wegen nicht betrachtet werden; sie 
verbreitete sich nach aufsen und diese Ausdehnung ward ihr Kleid. 
So entsteht alles durch eine immer emporsteigende Bewegung, so 
hat sich endlich die Welt gebildet.“ An Stelle des Kleides kennt 
der Zohar auch das Bild des Zeltes als Hülle (Robert Eisler, Welten- 
mantel und Himmelszelt, München 1910, 11, 603). Vgl. dazu Ps. 103, 2 
und Par. 23, ı12 (real manto). Und nun hören wir Dante! 


Par. 28,16: Un punto vidi che raggiava lume 
acuto?! si, che ’l viso ch’ elli affoca 
chiuder conviensi per lo forte acume:?l 
e quale stella par quinci piü poca, 
parrebbe luna, locata con esso 
come stella con stella si colloca. 

Forse cotanto quanto pare appresso 
alo cigner la luce che ’l dipigne, 


18 Vgl. de Pauly II, 504: c’est ainsi que les benddictions de la region 
appelde „cieux“ ou r6side le Yod arrivent, Par lintermediaire de la 
Sagesse supräme jusqu’aux justes d’ici bas ... Remarques que la Couronne 
supröme est formee de soixante-douze lumiöres ... Ces lumidres sont 
formedesencercle, aulvur duquel se trouve un Point dont tout le cercle 
tire son aliment; c’est le Saint des saints; c'est le scjour de "Esprit 
de tous les esprits, ‘est le centre de toutes forces, le Centre 
du centre, s. Anm. 30! 

2° Vgl. Padre de’ Lumi nach ac. I, 17 im Conv. IV, 20, 39. 

21 Par. 33, 76: 

Io credo, per l’acume ch’ io soffersi 
del vivo raggio, ch’ io sarei smarrito, 
se li occhi miei da lui fossero aversi 


Der überhelle Lichtstrahl hat also nicht blofs die Eigenschaft, anfangs das 
Auge zu blenden, er stärkt ihm auch die Sehkraft und befähigt den Dichter 
Gott selbst (geistig) zu schauen. Vgl. Par. 29,9; 30, 11; 33, 82, 


12 FRIEDRICH BECK, 


quando ’] vapor che ’l porta piü & spesso. 

distante intorno al punto un cerchio d’igne 
si girava si ratto, ch’ avria vinto 

quel moto che piü tosto il mondo cigne. 

E questo era d’ un altro circumcinto 

e quel dal terzo, e ’l terzo poi dal quarto usw. 


Hier haben wir das Jod (") als unteilbaren Punkt und Mittelpunkt 
des Gotteskreises und der konzentrisch darumgelagerten Kreise der 
neun Sephirot oder der neun Engelchöre; der Punkt wird durch 
seine aulserordentliche Kleinheit als unteilbar, als absolute Eins 
(unica stella!) gekennzeichnet, die lediglich durch das Ausstrahlen 
des ungewöhnlich starken Lichtes sichtbar wird. Das Pünktlein 
gleicht dadurch einem winzigen Sternchen: 


Par. 31,28: Oh trina luce che ’n unica stella 
scintillando a lor vista, si gli appaga! 


Auch die Lichthülle, das Kleid oder Zelt, fehlt nicht; vielleicht 
hat Dante hier aus dem Pseudoareopagiten geschöpft.?? Dieselben 
Vorstellungen, soweit sie die Lichthülle und konzentrische Kreise 
betreffen, finden sich nebenbei bemerkt auch bei Parmenides, den 
Dante entweder aus Boethius, De cons. II, pr. 2 oder aus Cicero, 
De nat. deorum lb. 1, cap. ıı kannte; er erwähnt Parmenides Zar. 
13, 125 und Mon. UI, 4,22. S. Ausg. d. Parm. v. Schoemann, Berlin 
1876, S. 54, Papus S. 336 und Rob. Eisler, a. a. O. I, 31, A. 3. 

Man kann mit Hinblick auf das Convivso bestreiten, dals die 
9 (10) Sephirot Dantes Vorbild gewesen sind; aber in Verbindung 
mit dem Punkte 


Par. 28,4I: 2 ....0.... da quel punto 
depende il cielo e tutta la natura 


mit dem Punto fisso (Par. 28,95), dem alle Zeiten gegenwärtig sind 
(Par. 17, 17), wo jedes „wo“ und „wann“ zum Punkte wird, d.h. 
schlechtweg eins und unteilbar, weil sich alles im Wesen Gottes 
eint, in Verbindung mit dem das überhelle Licht ausstrahlenden 
Punkte, wofür jedes Vorbild in der christlichen Literatur vor Dante 
fehlt, gewinnen die 9 konzentrischen Kreise eine Beweiskraft für 
kabbalistische Einflüsse auf Dante, an welche schon verschiedene 
Forscher gedacht haben.?3 Asın (208 ff.) hat Abenarabi als Dantes 


22 Epist. ad Caium Monachum (angeführt bei Thomas, Summa Theol., 
Opera, t. X11,218, Rom 1906) ‚sußerpositae Dei tenebrae‘, quas ‚abundantium 
dumis‘ appellat cooperiuntur omni lumini et absconduntur omni cognilioni 
und Zpist. ad Hierotheum: Invisibilis quidem Deus est proßter excedentem 
claritalem. 

28 S, die Übersetzung des Paradieses von Bassermann zu 28, 16 und 
besonders 26,134 und Casini-Barbi (D.C. 1923, S. 983) und Kampers im 
deutschen Dantejahrbuch 6, 3—40! Wülsten wir nicht dafs die obigen Verse 
(s. Scartazzini, D.C. zu Par. 28, 42) eine wortwörtliche Übersetzung von 
Aristoteles sind, so würde Maf. 22,40: in his duobus mandaltis universa 
lex pendet als Muster vermutet werden, 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 13 


Quelle nachgewiesen (vgl. Anm. 16); er schildert jedenfalls die zxsio 
bealifica wie Dante: „Dios es un foco luminoso que emile rayos de lus“. 
Mit fast den gleichen Worten wird bei Asın (Abenmasarra 58) auf 
Philo’s Vorstellung von der Gottheit verwiesen. Dabei beruft sich 
Asin auf Ritter, Gesch. d. Philosophie alter Zeit, Hamburg 1839, 
IV, 366f., wo auf des Alexandriners de cherub. 28 und de somn. 
aufmerksam gemacht wird. Die letztere Stelle palst nicht; die 
erstere ist bei Mangey (London 1742) 1, 156 zu finden und lautet 
in der Leipziger Ausgabe (Phrlonis Opera, Lipsiae 1898, I], 234: 
O yap roö ÖVros 6pdhaluds Ymrös Eripov XO0S xataimpıv 
od deltaı, aürög d’Ov adpyerunog ady), uvolas axtivas Exßaileı, 
or ovdeula Eorlv alodmtn, vontal dt ai aänacaı. Bei Mangey 
1,579 (= Oßera IU, 165) ist aufserdem noch zu lesen de mutatione 
nominum 1: Anyn 0: ts xadapwrarng adyiis Eos Eorıv. Diese 
beiden Stellen weisen aber das charakteristische Merkmal des Punktes 
mit seiner alles überstrahlenden Leuchtkraft nicht auf, es mülste 
denn sein, dafs man die erste Stelle (de cherud. 28) insofern gelten 
lassen wollte, als dp&aAuog = funto verstanden werden könnte 
(s. Anm. ı6). Für Dante kommt also Philo nicht in Betracht; 
ebensowenig kann von einer mittelbaren oder gar unmittelbaren 
Bekanntschaft des Dichters mit den Neuplatonikern, besonders 
Proklus und Plotinus, die Rede sein. Seit 1268 hatte zwar Wilhelm 
von Mörbeke in Viterbo seine Übersetzung des Proklus angefertigt, 
aber wahrscheinlich hat sie Dante nicht gekannt; sonst würde er 
Proklus irgendwo einmal erwähnen. Aber es ist in Dantes Werken 
von ihm ebensowenig die Rede wie von Plotin. Die Enneaden 
des Plotin (und gerade diese, VI, Buch 8, cap. ı8 kämen in Frage) 
waren aber im Mlittelalter nicht bekannt (de Wulff, Gesch. d. mittel- 
alterlichen Phil., übersetzt von Dr. R. Eisler, Tübingen 1913, p. 54) 
und beim hl. Augustin wird wohl Plotin flüchtig erwähnt, aber der 
Gotteskreis und, was die Hauptsache ist, das punktförmige Urlicht 
fehlt, weil es auch bei Plotin (Zrz. VI, 8, 18) fehlt ?4 (vgl. für Proklus 
H. Koch, Pseudodionysius Areopagita, Mainz 1900, S. 82—85; 150 
— 151; 248—249). Bei den Vermittlern der neuplatonischen und 
orientalischen Ideen wie bei dem Pseudoareopagiten Dionysius, 
Joachim v. Floris, dem hl. Ambrosius, dem hl. Hieronymus, welche 
Dante wohl kannte, ist für den Ursprung des Gotteskreises nichts 
zu finden, bzw. bis jetzt nichts davon bekannt geworden; nur 
Joachim macht eine Ausnahme. Seine Wege führen aber in die 
grübelnd-phantastische Welt der’jüdischen Mystik. 

Auch ohne jede Kenntnis des Hebräischen konnte Dante aus 
dem Gotteskreis Joachims mit dem Mittelpunkt Zeve, bzw. der Über- 


% Die Bebauptung Lubin’s in Scartazzinis D. C. zu Par. 28,42: ‚il simbolo 
Doi del Punto glielo somministrö St. Agostino‘ habe Ich auf ihre Richtigkeit 
nicht nachprüfen können. Ich bezweifle sie aber sehr. Sonst hätte der 
hl. Thomas von Aquin für sein Zumen divinum (= vivo raggio Par. 33, 76) 
nicht auf Alfarabi, Avicenna, Avempace und Averroes zurückgreifen brauchen 
(Asin 210), Vgl. Thomas, Summa theol, supplem., 38° part., q. 92, 8, I, 


14 FRIEDRICH BECK, 


setzung davon —= Zgo sum gu: sum entnehmen, dafs der „unaus- 
sprechliche* Name mit einem Jod, dem punktähnlichen Buchstaben », 
begann, welchem in seinem ‚Latino‘ ein I (J) entsprach; dieses 
wurde dann je nach Bedarf bald als Eins, bald (nach jüdischer 
Gepflogenheit) als Abkürzung des Gottesnamens gedeutet. Dante 
läfst Adam sagen: 


Par. 26,134: Pria ch’ io scendessi a 1’ infernale ambascia 
I s’appellava in terra il sommo bene 


Es ist also nicht etwa an einen von Dante erfundenen Namen zu 
denken, wie Barbi-(Casini) (D.C. 1923, S. 983) meint; vielleicht 
fiel auch für Dante der Umstand ins Gewicht, dafs I der höchste 
Laut in der Stufenleiter der Selbstlauter ist. Sicher ist nur das 
Eine, dafs sich der Zahlenwert des römischen Buchstabens für die 
religionsphilosophischen :Gedanken der simßlex unıtas vortrefflich 
eignete. In dem nodile circolo, dem würdigsten Symbol der Gottheit, 
sind (abgesehen von der schon erwähnten unilas und frinilas) ver- 
sinnbildet: Unveränderlichkeit, Ewigkeit, Allmacht, Allwissenheit, 
Unendlichkeit, Allgegenwart (örtlich und zeitlich), « und ®, ohne 
Anfang und Ende oder in die Sprache der Scholastik übertragen 
primum agens et ullimus finis. Die einzelnen Teile des Gotteszirkels 
sind mannigfach ausgedeutet worden, z.B. ist nach Plotin das 
Zentrum Gott, die Punkte der Peripherie sind die Geschöpfe, 
welche vom Mittelpunkt abhängig sind, während jener sie zur eigenen 
Existenz nicht braucht (Asin 338 und Zar. 19, 88—90). Wie die 
Eins jede Zahl entfaltet und in jeder Zahl enthalten ist, so ist 
Gott im Kosmos allgegenwärtig; wie der Kreis sich aus dem 
Mittelpunkt zu Radius und Peripherie entfaltet, so sind die drei 
göttlichen Personen Vater (Mittelpunkt), Sohn (Radius = Logos) 
durch den hl. Geist (Peripherie) zur hl. Dreieinigkeit zusammen- 
geschlossen.?° Diese und ähnliche Spekulationen findet man fast 
allenthalben und zu jeder Zeil. Aufser dem schon erwähnten 
Kircher verdienen hervorgehoben zu werden der deutsche Kardinal 
Nicolaus v. Cues, an dessen Studien Dante seine helle Freude 
gehabt haben würde, und Giordano Bruno, dessen hübsches Sonett 
in der Übersetzung von Carriere abgedruckt ist bei Schwarz (1913, 
I, 457 [Cues] und 519 [G. Bruno]); der Anfang lautet: 


„Ursach und Grund und Du, das ewig Eine, 
Dem Leben, Sein, Bewegung rings entflielst, 

Das sich in Höh’ und Breit’ und Tief’ ergiefst, 
Dafs Himmel, Erd’ und Unterwelt erscheine! 

Mit Sinn’, Vernunft und Geist erschau’ ich Deine 
Unendlichkeit, die keine Zahl ermilst, 

Wo Mitielpunkt und Umfang allwärts ist; 

In Deinem Wesen weset auch das meine.“ 


25 Vgl. Bassermannn’s Übersetzung des Paradieses zu 13, 55 f. und 28, ı6 ff, 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 15 


Die Betrachtung des punktförmigen Urlichtes (Par. 28, 41), „von 
welchem der Himmel abhängt und die ganze Natur“ klärt eine 
Stelle im Briefe Dantes an die italienischen Kardinäle auf (Jesto 
eritico XlI,2, S.431) „guod guidem de specula punctali eternilatis 
inluens qui solus elernus est, menlem Deo dignam viri! prophetici per 
Spiritum Sanctum sua tussione impressil* wird von Toynbee (Danitis 
Alagheriü Eßistolae, Oxford 1920) wiedergegeben: „And when He, 
who alone is eternal, beheld this thing from his eternal watch-lower 
on high, by his Holy Spirit He laid His command upon Ihe mind.“ 
In der dazugehörigen Anm. 4 sagt er: fPresumably from functus, 
in Ihe sense of ‚at Ihe point‘, ‚at the summit‘, hence ‚exalled, sublime‘. 
] have not been able to meet wilh anolher instance of the word. For 
the expression, cf. Ep. VO, 136—7: de specula summae_ celsitudinis. 
Toynbee hat offenbar mit der ‚punktförmigen Warte‘ nicht zurecht 
kommen können; besser erklärt Monti (Zeitere di D., Milano 1921, 
S. 262): dalla vedetta che s accentra in un punto dell’ infinıto nello 
spazio e nel tempo, aber eine ganz klare Vorstellung von dem Punkt 
oder ‚Sternchen‘, um welche sich konzentrisch die neun Kreise 
der Engelchöre drehen, welchen in der Kabbala die 9 (10) Sephirot 
entsprechen, scheint auch Monti nicht zu haben. Nebenbei sei 
noch bemerkt, dafs Z3. XI, 2 und mehr noch #2. VIII, 136 einen 
Gedanken von Thomas v. Aquin wiedergibt, welcher geschrieben 
hatte: Deus qui de aeternilatis excelso omnia respicil (Boffito im 
Giorn. stor. d. lett. it. Suppl. no.6, 1903, S. 24 Anm... Der Raum- 
mangel zwingt mich zum Verzicht auf jene Stellen bei Dante, 
welche seine Beziehungen zum hermetischen Bilde klarlegen könnten 
(s. übrigens Anhang II). Derselbe Grund verbietet mir, auf die 
Erklärungen des rätselhaften Bildes im einzelnen einzugehen, welche 
in den letzten Jahrzehnten gegeben worden sind. Es würde sich 
auch deshalb kaum verlohnen, weil manche Auslegung nur eine 
mehr oder minder glückliche Variation älterer Kommentare bietet. 26 
Ich verweise darum den Leser auf die bekannten besten Ausgaben 
von d’Ancona, Casini, Scherillo und besonders Melodia (s. auch 
Anhang II). Für die Erklärung der Worte und des Symbols gelten 
die folgenden Richtlinien: 


ı. Der Sire de la Nobillade, die Quelle aller Vollkommenbeit, 
ist Amor, d.h. Gott??T; ihm allein ist der nodile circolo angemessen. 
Dieser vollkommene, Gottes würdige Kreis ist eine sphaera intelligibilis. 


%# Im Gefolge Giuliani’s, dessen Leitgedanke die Stelle III, 6 des Propheten 
Malachias: Zgo enim Dominus et non mutor, et vos fili Jakob non estis 
consumti hätte sein können, befinden sich z. B. Costero, Romanelli, Fassini, 
Perini, Godefroy, Pascoli, Pietrobono u. a. Giuliani’s Worte: „zo rimango 
sempre lo stesso, non mi mulo mai“ ecc. sind von della Giovanna (Frammenti 
di studi dant. 1896, S. 2) widerlegt worden. 

327 Dagegen spricht Salvadori (S. 148): Nella Vita nova Amore non 2 
mas confuso con Dio und schüchtern fragt Pascoli (Mir. Visione 2a, ed. 
S.45—46): Z incluso nel paragone di Dante il concetto che amore sia Dio 
stesso?;, u Zs. XL, 260 und Y.N.$ 3,9 und 42, 


16 FRIEDRICH BECK, 


2. Das fu autem non sic setzt die Vollkommenheit Gottes in 
Gegensatz zur Unvollkommenheit des Menschen ; göttlicher Intellekt 
und menschlicher Verstand, Schöpfer und Geschöpf, speziell Gott 
und Dante werden einander gegenübergestellt (Par. 19, 81; Conv. 
IV, 5, ı—5 und 51— 58). Auf geistigem Gebiete, auf dem Gebiete 
des Wissens, muls sich dieser Gegensatz offenbaren; wäre dem 
nicht so, so könnte der Mensch überhaupt nicht mit der Gottheit 
in ein bildhaftes Verhältnis gebracht werden, wie es in dem Ver- 
gleich der Symbole und des daraus entspringenden Gegensatzes 
der Fall ist. Der harmonischen Allwissenheit Gottes steht das ärm- 
liche Wissen des Menschen gegenüber; und selbst diesem „Stück- 
werk“ sind bestimmte Schranken gezogen, deren Überschreitung, 
wie das Schicksal des ersten Menschen zeigt, sündhaft ist. 

3. Die Verfehlung Dantes, »o:a (8 ı2, 34 —38), muss darum 
auch auf geistigem, religiösem Gebiete liegen; sie ist ein ungestümes 
Verlangen nach wissenschaftlicher Erkenntnis der Glaubenswahr- 
beiten durch die Vernunft ($ 12, 36 non domandare piü che utıle ti sia); 
sie hat zur Folge die Einstellung des mystischen Grufses Beatricens, 
d. h. es verschliefsen sich dem unerlaubten, weil ungezügeltem 
Wissenstrieb neue Erkenntnisse; dadurch wird Seelenheil (salute) 
und Glückseligkeit des Dichters gefährdet. Dafs die beiden donne 
schermo alles andere, nur nicht wirkliche Frauen waren, sondern 
allegorische Vorgängerinnen der Donna gentile, scheint mir bei dem 
mystischen Charakter des Jugendwerkes aufser Zweifel zu sein. 
Melodia hat als erster unter den Herausgebern der V. N. zu $ ı2, 30 
die Bibelstelle ad Rom. XU, 3 angeführt: Dxo enim per gratiam quae 
duta est mihi omnibus qui sunt inter vos: Non plus sapere quam 
oportet sapere,?8 sed sapere ad sobrietalem, ei unicuique, sicut Deus 
divisit mensuram fide. Dante hat diesen Rat des Römerbriefes 
wiederholt im Conv. IV, 13, 59 und ergänzt Conv. II, 15, 70: e Derd 
Z’ umano desiderio & misuralo ın questa vila a quella scienza che qui 
avere si fud. Aus den gleich folgenden Stellen klingt das ‚fl che 
ulıle 4 sıa‘ und das ‚non domandare‘ deutlich heraus: im ersten 
Brief an die Korinther 1 Cor. 12,7: Unicuique autem dalur manı- 
festatio Spiritus ad utilitatem, und Zclus. I, 22, in Dantes Über- 
setzung (Conv. 11, 8,13): Pin alte cose di te non domanderai e pi 
/Jorti cose di te non cercherai; ma quelle cose, che Dio li comandb, 
Pensa: e in Piü sue opere non sia curioso. Den anschlielsenden Vers 23 
übersetzt Dante nicht mehr: non est enim hbi necessarium ea quae 
abscondita sunt, videre oculis tus (vgl. Zecks. 7,17); aber der Vers 


28 Darunter versteht Hugo von St. Victor das Streben mit der Vernunft 
Dinge begreifen zu wollen, welche die Kraft der menschlischen Vernunft über- 
steigen (Migne, ?. 2. 175, S. 897). Die jüdischen Religionsphilosophen Maimo- 
nides und Ben Sirach verwerteten in diesem Sinne die Stelle Prov. 25,27: 
Sicus qui mel multum comedit, non est ei bonum, sic qui scrutator est 
majestatis, opprimelur a gloria und Prov. 25, 16: Mel invenisti; comede, 
guod suffcit tibi, ne forte satialus evomas illud (mel — doctrina sapientiae, 
Prov. 24, 13), (Karppe S.23, 41, 211, 553). 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 17 


rundet das Bild ab. Er enthält die Mahnung: xlorevoov, credi e 
non disculere (Giorn. st. d. lett. it. 23, 396). Der Dichter hatte sich 
mit der ‚nosa‘ des frapassar del segno schuldig gemacht (Zar. 26, 117), 
weil er über seine menschliche Natur hinauswachsen wollte (frasu- 
manar Par. 1,70). Nun wirkt aber das Geschöpf dadurch dem 
Schöpfer entgegen: 


Purg. 17,100: ma quando al mal si torce, o con piü cura 
o con men che non dee corre nel bene 
contra ’l fattore adovra sua fattura. 


Der Zohar (de Pauly V, aıı) lehrt, dafs es verboten sei, in die 
Geheimnisse einzudringen, die Gott sich vorbehalten hat: „uns 
und unseren Kindern gehört nur, was geoffenbart worden ist“ 
(Deuteron. 29, 29). Die alte Überlieferung verbietet dem Menschen, 
vom Baume der Erkenntnis zu essen. Da nun Gott allwissend ist, 
ist unmäfsiges, unerlaubtes Streben nach Wissen ein Eingriff in 
seine Macht (Karppe S. ı1). Es ist eine Vermessenheit, sagt Dante, 
nach dem Grunde zu forschen, warum uns Gott in diesem Leben 
manche Einsicht versagt hat; denn er erschuf unsere Vernunft und 
wollte, dafs sie geringer sein solle als seine Macht (Cozv. II, 4, 74 
und Ill, 7,123; vgl. Zurg. 3,34—39 und (Questio de aqua el lerra 
XXII im esto critico S. 478). Der Grund, weshalb Amor weint, 
hängt mit dem Widerstande zusammen, welchen Dante seinem 
Schöpfer gegenüber geleistet hatte. Zwar unmittelbar wurde von 
der noia nur jene donna-schermo betroflen, um welche nach Amors 
Willen der Dichter sich bemühen sollte ($ 9,23); aber mittelbar 
trifft die Unbill Beatrice und Amor selbst. Hatte Dante nicht 
dem Signore de la Nobiltade passiven Widerstand geleistet, als dieser 
ihm unter Seufzern nahe legte, es sei nunmehr Zeit von der Schein- 
liebe (simulacra) abzulassen? (3 ı2, 15—2ı). Hatte nicht dieser 
Amor-Gott vergeblich „irgendein Wort“ (der Zustimmung) erwartet 
und darum bitterlich geweint? ($ ı2, 19— 20). 

Das würdigste Symbol Gottes im Weltall ist die Sonne — 
il Sole corporale e sensibile —; il Sole spirituale e intelhigibile & Dio 
(Corv. II, ı2, 37—50). Eine Quelle nicht materiellen, sondern 
geistigen Lichtes ist es, aus welcher die heilige Liebe im Feuer- 
bimmel hervorstrahlt (27. XTU, 24 = testo eritico S. 443). 


Nun ist der Gotteskreis offenbar nichts anderes als ein künst- 
lerisch stilisiertes Sonnenbild; statt materieller Sonnenstrahlen sendet 
sein Mittelpunkt, das punktförmige Urlicht, Strahlen geistigen Lichtes, 
geistiger Liebe, geistigen Lebens aus. Im Verhältnis zu diesen 
unzähligen Strahlen, welche die sich offenbarende ‚erste Liebe‘, 
der göttliche Urpunkt, aussendet, ist der menschliche Verstand 
etwa einem einzigen Strahl vergleichbar; der göttliche Intellekt 
erfüllt das All, des Menschen Blick reicht nur eine Spanne weit: 


Par. ı9, 53: Dunque nostra veduta, che convene 
esser alcun de’raggi de la Mente | 
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVLI. 2 


ı8 FRIEDRICH BECK, 


di che tutte le cose son ripiene, 

non pd da sua natura esser posscnte 

tanto, che suo principio non discerna 
molto di lä da quel che 1’ & parvente, 


79 Or tu chi se’ che vuo’ sedere a scranna, 
per giudicar di lungi mille miglia 
con la veduta corta d’ una spanna? 


Auf Grund des vorstehenden Beweisstoffes muls die Erklärung der 
lateinischen Worte lauten: Ich bin der Signore de la Nobiltade, d.h. 
der Herr jeglicher Vollkommenheit (als cenitrum circuli). In mir 
konzentriert sich alles Wissen, weil jeder Punkt der Peripherie in 
meinem Banne steht, von mir gleichmälsig umspannt und begriffen 
wird (J/ddio che solo colla infinita capacıta U’ Infinito comprende Conv. 
IV,9,ıgf.). Ich bin der Allwissende, meinem unendlichen, schranken- 
losen Geist ist keine Grenze gesetzt; dagegen ist dein menschlicher 
Horizont beschränkt auf die deiner immer werdenden und ver- 
gehenden Natur entsprechende Erkenntnis. Über diese deine 
Fassungskraft hinaus sollst du nicht forschen wollen: es ist sträf- 
liches und schädliches Beginnen. 


Natürlich beruht diese Erklärung auf der Voraussetzung, dafs 
Amor und Gott Wechselbegriffe sind. Da aber, wie oben Anm. 27 
erwähnt wurde, diese Voraussetzung bestritten wird, muls sie als 
richtig, dagegen die Theorie von Salvadori und Genossen als falsch 
erwiesen werden. Fragen wir uns zunächst, was denn der ‚giovane 
vestito di bianchissime vestimenta‘ ($ ı2, ı1) bedeuten soll, wenn er 
keine Verkörperung Gottes sein soll? Ein Engel des Herrn wie 
Conv. IV, 22,125 und 130, lautet die Antwort. Wo und wann erscheint 
aber einmal der Kreis als Symbol eines Engels? Wie kann sich 
ein solcher Engel Signore de la Nobiltade nennen? Wie kann er 
Dante gegenüber von simwlacra nostra sprechen? Nein; der Jüngling 
im weifsen Lichtgewande ist derselbe, der den Dichter in seinen 
Traumgesichten oftmals ‚Ad mi‘ genannt hat ($ ı2, 18). Solche 
Visionen werden aber vorher nur in den 8$ 3 und 9 erzählt. Der 
Amor dieser beiden Visionen ist derselbe wie jener des $12: Gott 
ist der ‚dolcissimo signore‘, welcher den Dichter durch Beatrice be- 
herrscht ($ 9, 10) und ihm ‚/eggeramente vestilo e di vil drappi“ 
erscheint ($ 9, 13), aber kein Engel. Noch viel weniger kann man 
bei dem signore di pauroso aspelto in der Feuerwolke ($ 3,5) an 
einen Engel denken. Wie könnte man sich vorstellen, dals ein 
Engel Beatrice nackt in seinen . Armen hielte? (8 3,9f.). Deutlich 
genug sagt uns Dante, wer dieser Signore war: es ist der Herrgott, 
welcher in der Y. N. $ 3,9 genau dieselben Worte spricht, die er 
zu Moses spricht nach Zx. 20,2: Ego sum Dominus luus; es ist 
derselbe Herr, welcher sich in der Vision Jakobs zu erkennen gibt: 
Ego sum Dominus Deus Abraham, palrıs tu, el Deus Isaak (Gen. 
28, 13); es ist derselbe Herr, von welchem der Lebensgeist zitternd 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. Ko 


sagt: Zece deus fortior me qui veniens dominabitur mihi ($ ı, 18). 
Auf diesen Herrn passen wohl der pauroso aspelto (8 3,5) und die 
lateinischen Worte; sie deuten auf die Gottesfurcht, welche den 
Menschen zur Befolgung der Gebote Gottes zwingt „uf fimeas 
Dominum deum tuum el custodias omnia mandala et pracecepla ejus 
(Deuter. VI, 2). Vielleicht klammern sich die Verfechter der irrigen 
Auslegung noch an einen letzten Einwand: es sei nicht möglich, 
dafs der Herrgott in so verschiedener „Maske“ und bald als jung, 
bald als alt dargestellt werde; denn der in der Feuerwolke 
erscheinende, schrecklich anzusehende Signore könne nicht derselbe 
sein wie der Jüngling im schneeweilsen Gewande. 

Darauf lasse ich den Pseudoareopagiten Dionysius antworten 29: 
„„Der „Alte der Tage“30 wird Gott genannt, weil er aller 
Dinge Ewigkeit und Zeit ist, zugleich aber vor den Tagen, vor 
der Ewigkeit und vor der Zeit besteht. Man mufs aber Zeit und 
Tag und Zeitabschnitt überhaupt und Ewigkeit gottgemäfs von ihm 
gebrauchen, als der in aller Bewegung unwandelbar und unbewegt, 
und in dem ewigen Bewegtsein immer in sich selbst bleibet, und 
der Ewigkeit, der Zeit, der Tage Ursächer ist. Deshalb wird er 
auch in den heiligen Gotterscheinungen mystischer Ge- 
sichte als Greis und als jung dargestellt; das erste, um 
den Alten zu bezeichnen, der von Anfang ist, das andere 
um den anzudeuten, der nie altert, oder beides soll lehren, 
dafs er vom Anfang an bis ans Ende durch alles durchgehe, oder, 
wie unser göttlicher Lehrer sagt, beides offenbart das Alter Gottes, 
der Alte nämlich deute aufs Erste in der Zeit, der junge aufs 
Ältere nach der Zahl. Denn die Monas und was um die Monas 
herum ist, hat eine höhere Stelle, als die weiter herausgegangene 
Zahl.“ * 

Es gilt noch Bedenken zu widerlegen gegen die obige Be- 
hauptung (S. 54), dafs Amor in den 88 3, 9, 12 immer der Gleiche, 
d.h. Gott sei. Nun wird der signore di fauroso aspello der Prosa 
(8 3, 5) im Sonett (8 3, 45—49) vom Dichter selbst als Amor 
erklärt: 


quando m’ apparve Amor subitamente, 
cui essenza membrar mi dä orrore. 
Allegro mi sembrava Amor etc. 


Ebenso erfahren wir aus dem Sonett (8 9, 37), dals der ‚dolcissimo 
signore‘ des Prosatextes ($ 9, 10), 2 gual mi segnoreggiava per la 
virtü de la genlilissima donna,?! ne la mia imaginazione apparve come 
peregrino‘ unser Amor ist: 


9 de div.nominibus cap. 10, $ 2 (bei Engelhardt, Die angeblichen Schriften 
des Areopagiten Dionysius, Sulzbach 1823, ı. Teil, S. 145). 

% Das ist die gewöhnliche Bezeichnung Gottes im Zohar; sie geht wohl 
zurück auf Daniel 7,9: antiguus dierum sedit: vestimentum ejus candidum 
quasi nix el capıli capılis ejus quasi lana munda, Ihronus ejus flammae 
ignis accensus, 

ss Vgl. $1,29f. und $ 12,41. 

2*+ 


20 FRIEDKICH BECK, 


Trovai Amore in mezzo de la via 
in abito legger di peregrino. 


Aus 8 ı2,8: Amore, aiuta ıl tuo fedele, aus $ ı2, 16: simulacra nostra, 
d.h. die Scheinliebe zu den beiden donne-schermo, welche vom 
Dichter auf Befehl Amors angeknüpft wurde,3? aus $ 12,41 (=$ 9,10 
und $ ı, 29f.), d.h. der Bezeichnung ‚Signore de la Nobiltade‘, 
welcher durch Beatrice den Dichter beherrscht, geht in Verbindung 
mit der Bedeutung des Gotteskreises klar hervor, dafs Amor-Gott 
überall die treibende Kraft der Liebe des Dichters ist; eine aus- 
drückliche Bestätigung liefern auch die Verse der Ballade 8 ı2, 59 
und 67, 89, welche den Ratschlägen Amors ($ ı2, 38 ff.) entsprechen. 
Das Schlufsergebnis der Studie ist: Unter Amor ist in Dantes 
Jugendwerk jedesmal Gott zu verstehen, wenn er als Person handelnd 
eingeführt wird. Es ist undenkbar, den Danteschen Amor mit dem 
heidnischen Cupido gleichzusetzen,3® wie es zuletzt Labusquette 
(S. 616, 621, 673 ‚Cupidon christianise‘) getan hat. Nicht als ob 
man sich an der Anpassung an die heidnische Überlieferung zu 
sto[sen bräuchte; im Gegenteil, sie ist bei Dante gar nicht so selten 
(s. Anhang 1V). Aber die Vermengung von Heiligem und Profanen, 
welche oft zu einer frivolen Verletzung der religiösen Empfindungen 
führen muls, ist Ärgernis erregend und, vom wissenschaftlich- 
kritischen Standpunkt des Danteforschers aus betrachtet, ein un- 
verzeihlicher Fehler der realistischen Auslegungsmethode. Was soll 
man zu Sätzen Labusquette’s sagen, wie z.B. dafs bei den Dichtern 
des dolce stil nuovo „Cupidon y coudoie le Christ un peu familierement“ 
(300), oder gar, dafs der Dantesche Amor neben anderen heiklen 
Funktionen besonders den Beruf eines „roz des entremelteurs“ (310) 
ausübe, dals „sa fonclion est d’unir lhomme et la femme et, pour 
alleindre le but, tous les moyens lui sont bons (!!) ... ıl conseille l’im- 
moral (|!) expedient du schermo*? Nur ein Realist (und L. ist einer 
von der gemälsigten Richtung) kann auf solche Ideen kommen, 
welche mit Dante gar nichts mehr gemeinsam haben. Dante’s 
eigene Erfahrungen und die Lehren seiner Vorgänger, der Trou- 
badours, werden beiseite geschoben oder nicht beachtet; wie wäre 
es sonst möglich, dafs solche Verirrungen, deren Folgen zu offenem 
Widersinn führen, immer noch gläubige Anhänger finden? Hat 


s2 Beim Durchlesen des $ 5, ı6f. gewinnt man den Eindruck, Dante habe 
aus freien Stücken der ersten donna schermo eine crheuchelte Liebe bezeigt, 
um dadurch seine wirkliche Liebe zu Beatrice zu verschleiern. Dieser Eindruck 
ist trügerisch: Amor war auch schon das erste Mal die Triebfeder dieser 
‚Leidenschaft‘. Denn es heifst $ 9,10: e Derö quello cuore ch’ io ti facea 
avere a lei, io Ü’ho meco etc. 

88 Das sehr umfangreiche Buch hat trotz seiner Mängel auch seine Vorzüge: 
es ist jedenfalls verdienstvoll, dafs L. den ernsten, aber mifslungenen Versuch 
unternommen hat, völlige Klarheit über den Begriff Amore zu schaffen. Viel- 
leicht finde ich noch Zeit, an anderem Orte darüber zu sprechen. Hier sei 
nur auf die mifslungene Auslegung des Gotteskreises hingewiesen; L. sieht in 
dem Kreisbild das — — Glücksrad (!), S. 624 ff. 

s Man ziehe einmal die logischen Schlufsfolgerungen aus dem $ 24; wird 
dann, wenn Amor ein ‚entremetteur‘ ist, nicht Beatrice zur Kupplerin ?! 


DIE RÄTSELHAFIEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 21 


nicht Dante an sich selbst erfahren ($ 13, 6), dafs „duona 2 Ja 
signoria d’Amore perö che irae lo 'niendimento del suo fedele da tutte 
de vili cose*? War es nicht oberster Grundsatz der Troubadour- 
poesie, dafs die Liebe der Antrieb zu allen edlen Hand- 
lungen sei? Ich eile zum Schlusse; wer meine Auslegung des 
$ ı2 für richtig anerkennt, mufs die Überzeugung gewinnen, dafs 
die realistische Methode keine Daseinsberechtigung mehr haben 
kann. Amor ist Gott und die Göttlichkeit Beatricens®s 
ist (wegen der Folgerungen aus $ 24) nicht mehr zu bezweifeln. 
Der Gegensatz zwischen der angeblich historischen Beatrice des 
Neuen Lebens und der „verklärten* Beatrice der Göttl. Kom. ist 
nur durch die Schuld der Erklärer geschaffen worden, besteht aber 
in Wirklichkeit gar nicht. Das Jugendwerk Dantes ist ein mystisch- 
religiöses Buch, wie es von einigen einsichtigen und unbefangenen 
Erklärern immer schon behauptet worden ist. Es ist ein Irrtum 
zu glauben, dafs man ein solches Werk mit der historisch-realistischen 
Methode jemals werde erklären können. 


Anhang. 


L 


Alanus ab Insulis (Migne, Pair. lat. CCX, 627, Reg. VII). 


Deus est spaera inlelligibilis, cujus centrum ubigue, 
circumferenlia nusgquam. 


„Hanc probat ılla regula, qua diclum est „„solam monadem esse 
alpha et omega“* |d.h. die vorhergehende Reg. V]: ex co enim 
quod principio carel el fine, Deus spaera dicitur: proprium 
enim spaericae formae est principio el fine carere. Sed non est spaera 
corporalis, imo intelligibilis (vgl. Corv. Hl ı2, 39). Cum enim 
Deum spaeram esse dicimus, non oportel nos deduci ad imaginalıones, 
uf imagınemur eum esse spacram ad simililudinem corporum, sed, duce 
intelligenlia, ea ralıone intelligamus ipsum Deum esse spaeram, 
quia aeternus est ... O magna inter spaeram corporalem et in- 
telligibilem differentia / Im spaera corporali centrum propler sul parvi- 
falem vix alıcubi esse berpenditur, circumferentia vero in Pluribus locıs 


35 Erst jüngst bat Barbi (in seinen Studi danteschi X, 20 A.) über $ 24, 31 
-—32 gehandelt. Come va intesa, fragt er, J’ affermasione ‚ha nome Amore‘? 
Come un pensiero momentuneo, per dare una lode a Beatrice. Unwillkürlich 
denkt man dabei an einen Anlals wie 8 5, 25,: wo sich zum ersten Male als 
Zweck der Dichtung das Lob der Geliebten offenbart (Jar che sia loda di lei); 
nach Verweigerung des Grufses wird die Not zur Tugend, der angebliche 
Zufall des $ 5 zum System, welches von $ 19 bis zum Ende 'durchgeführt wird. 
Den Kern der Sache, warum in dieser Benennung ein Lob Beatrice’s liegen 
müsse, berührt Barbi gar nicht. Er ist offenbar in Verlegenheit, wenn er die 
Frage beantworten solite, inwiefern die Gleichstellung der Geliepten mit Amor 
für Beatrice besonders schmeichelhaft ist. Mit ein Paar Worten (un Densiero 
momentaneo), die nichts besagen, wird der Kernpunkt der Frage umgangen; 
aber über das Wesen Amoıs verliert Barbi kein Wort. 


22 FRIEDRICH BECK, 


esse comprehendilur. In inlelligibili vero spaeral cenirum ubigue, 
circumferentia nusquam. Cenlrum dictur creatura, quia sicul 
fempus collatum aeternilati repulatur momentum, sic crealura im- 
mensilali Dei comparala, punctum, vel centrum. Immensitas ergo 
Dei circumferentia dicitur, quia omnia disponendo quodam modo 
omnibus circumfertur el omnia infra suam immensilalem complechtur. 
Hae ceiiam alıia differentia inter spaeram corporalem el in- 
telligibilem quia spaerae corporalis centirum immobile, circumferentia 
mobilis; in spaera intelligibili contra, quia Deus stabilis? manens dat 
cunca moveri.“ 

Bei der Ausdeutung des Bildes nehmen die der Gottheit in 
den Mund gelegten Worte Zgo famguam ... lu autem non sic nicht, 
wie hier bei Alanus, Bezug auf die Gegensätze Ewigkeit und 
Augenblick, Unendlichkeit und Kleinheit, sondern Schöpfer und 
Geschöpf werden einander gegenübergestellt vom Standpunkte des 
Wissens, weil ja Dantes Verfehlung auf diesem Gebiete liegt. 
Darum wird aus dem aufserordentlich deutungsfähigen Bilde nur 
die eine Eigenschaft der Unvollkommenheit, Unzulänglichkeit, das 
Stückwerk des menschlichen Wissens hervorgehoben, welches sich 
nicht erkühnen darf, die ihm gesetzten Schranken zu durchbrechen 
und so der Allwissenheit Gottes sich an die Seite stellen zu 
wollen. 

Nirgends wird bei Dante der Punkt als Symbol des Menschen 
verwendet, der sub specie aeternilalis gesehen ‚nec Punch quidem 
/öcum‘ einnimmt (Joh. v. Salisbury bei Migne, Zafr. lat. 199, Poli- 
craticus lib. IV, cap. ı0, S. 532); er ist vielmehr immer das Symbol 
Gottes. 


Alexander v. Hales (Doctoris irrefragabilıs Domini Alexandri de 
ales ... pars prima summe theologice ... Antoni Koburger 1510) 
pars I, qu. 7, membrum ı schlielst eine längere Erörterung über 
die bildliche Darstellung des snfellectus creatus und der divinae 
substantiae simplicilas mit den Worten: propter quod dieit Tri- 
megistus (sic!) deus est sphera intelligibilis cujus centrum 
est ubique, circumferentia nusquam. 


Mit Danteschen Gedankengängen hat die Stelle keine Be- 
rührungspunkte. 


Bonaventura (Ifmerarium mentis ad Deum cap. 5; in der Ausg. 
S. Bonaventura, Oßerum t. septimus, Lugduni MDCLXVIN, S. 133, 
col. 1): 

Rursus revertentes dıcamus, quia ıgilur esse purissimum et abso- 

/utum, quod est simplieiter esse, es! primarıum, el novissimum, ıdeo est 


1 Genauer drückt Alanus den Gedanken aus De articulis catholicae fidei, 
lib.ı, XXI „Deus igitur essentialiter est ubique, nusguam aulem 
localiter. 

2 Der Vers lautet bei Boethius, de consolatione philosophiae, lib. III, 9: 
Ipse manens stabilis dat cuncta moveri. Alanus führt denselben Vers auch 
an confra haereticos Ill, 4. 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 23 


omnium origo et finis consummans. Quia acdternum & pracsentissimum, 
ideo omnes durationes ambil el inlral, quasi simul existens earum 
cenlrum el circumferentia. (uia simplicissimun et maximum, ideo 
fofum ınlra omnia el lolum exira omnia, ac per hoc est sphaera 
intelligibilis cujus cenirum est ubigque el circumferentia nus- 
guam. Quia actualıissimum et immutabilissimum, ideo ‚stabile manens 
moveri dat universa’ (s. oben die Stelle aus Alanus A. 2). 


IL 
Par. 14, 30: 
Quell’ Uno e Due e Tre che sempre vive, 
E regna sempre in Tre e Due ed Uno, 
Non circonscritto, e tutto circonscrive. 


Johannes Damascenus, De fide orthodoxa (Migne, Zatr. gr. 
XCIV, 8534): 

Circumscriplum hoc est quod loco vel'tempore vel anımi per- 
ceptione comprehenditur: incircumscriptum aulem quod nullo horum 
conlinetur. Quamobrem solus Deus incircumscriptus est qui 
Drincipio et fine careat, alque omnia complectatur (nepıLEyov), 
nullatenus ipse comprehensus (nepLexöuevog). 

Philo (Siegfried, PA. v. Al., Jena 1875, S. 207): ... orı 6 
usv HEeög oUgl noV' OB ydap repiegerar AAAa REpLeyeı Tö 
räv, leg. allg. UI, ı7. 1,97; 3. Purg. 11,2 (Scartazzini). 


Dante, Zpist XI, 25 (Testo eritico 443, 69): 
Quod autem de divina luce plus recipiat, potest probari per duo: 
primo, per suum omnia conlinere el a nullo continert. 


Alanus de Insulis (Anticlaudianus lib. 5, cap. 3): 


Nec solum loca cuncta replet sed singula solus 
Infra se claudit, quasi meta locusque locorum ... 
Principium sine principio, finis sine fine 

ee 2 2 00. . Siae tempore durans 
Immensus sine mensura. 


Purg. ıı, 2: 
O Padre nostro, che ne’cieli stai, 
Non circonscritto, ma per piü amore 
Che a’ primi effetti di lassü tu hai. 


Conv. IV 9,22: 

Dunque la giurisdizione della natura universale & a certo termine 
finita, e per conseguente la particolare: e anche di costei egli £ limi- 
tatore Colui che da nulla 2 limitato, ciod la prima Bontd, ch’ 
1lddio, che solo colla infinita capacitd |’ Infinito comprende. 


24 FRIEDRICH BECK, 


Par. 27, ıı2: 

E questo cielo non ha altro dove 

Che la mente divina, in che 3’ accende 

L’ amor che il volge, e la virtü ch’ ei piove. 

Luce ed amor d’ un cerchio lui comprende, 

Si come questo gli altıi, e quel precinto 

Colui che il cinge solamente intende. 

(Vgl Par. 30, 39 f.) 

Par. 33, 116: 

Nella profonda e chiara sussistenza 

Dell’ altro Lume parvemi tre giri 

Ditre colorie e d’una continenza., 


Conv. IV 16, 57 fi.: 


Questa perfezione intende ıl Filosofo (d. b. Aristoteles) ne/ seftimo 
della Fisica (d.h. Phys. VII 3,2464), guando dice: „„Ciascuna cosa 
& massimamenle perfetla, secondo la sua nafura. Onde allora lo 
circolo si pud dicere perfelto, quanlo veramente 2 circolo, as 
quanlo aggiugne la sua fpropria virlü,s che allora & ın Iulla sua 
natura; e allora si puö dire nobile circolo.“* E questo 2 quanıo 
in esso & un punto, ıl quale egualmente sia dislante dalla 
eirconferenza (s. auch Par. 13, 531 —060; 19,40; 26, 17; 50, 103; 
33, 138 und Conz. II 14, 11 u. 153). 


Il. 


1884 Renier (Giorn. stor. d. !. it. U, 391). 

18860 Bonghi (Za Cultura V, 13). 

1894 Maruffi (Giorn. Dant. 11, 3; s. Zull. I, u, 

1896 Earle (Quarterly Review, July). 

1896 Mlott (System of Courtly Love, P. 150). 

1896 Della Giovanna (Frammenti di st. d. 1—7). 

1898 Butti (Giorn. Dant. VI, 128; s. Bull. V, 168). 

1902 Scarano (Beatrice, P. 142). 

1902 Proto (KRassegna critica VI, 193—200; s. Zull. X, 264 
und XXVI, 9—ıo). 

1903 Gargano Cosenza, Sımbolo di Bealr. S. 104. 

1903 Boffito (BZull. X, 266). 

1903 Boffito (Rendiconti dell’ Zstituto Zomb. pp. 1129 u. 1142). 

1903 Chistoni, Seconda fase del pensiero dantesco p. 55. 

1904 Zappia, Questione di Beatr. S. 267/68. 

1907 Parodi (Bull. XIV, 23). 

1907 Salvadori, G., Sulla vita giovanıle di Dante p. 51 und 
145—149. 

1908 Cochin (Vila Nova, trad. S. 200— 203). 

1909 Sicardi (Nuwa Antologia ı. April; s. Zs. 36, 241). 

1910 Federzoni, V. N. con note di Carducci, p. 40. 

1913 Pascoli, Za mirabdile visione, 2. ed., S. 39. 


DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 25 


1914 Marigo, Mistica e Scienza, p. 55, A. 1; s. Bull. XXVL,9. 

1915 Pietrobono, Poema Sacro ], 56. 

1918 Lora, Nuova interpret. d. Vita Nuova S.63/64 (Zs. 41,485). 

ı9gıg M. Asın Palacios, Zscatologia Musulmana en la Div. 
Com. S. 338fl.; s. Zs. 41,472. 

ıgıg Parodi (Bull. XXVI, ı0). 

1920 van Dijk, Vila Nuowva S. ı27fl.; 3. Zs. 44, 252. 

1920? R. de Labusquette, Les Beatrices p. 624 fl. 

1922 Grandgent (Harvard Alumni Bullein vol. XXIV no. 14, 
p. 308— 319) — 

1924 Grandgent, Discourses on Dante, P. 93—94. 


IV. 
Purg. 6, 118: 
E se licito m’&, o sommo Giove, 
Che fosti in terra per noi crucilisso, 
Son li giusti occhi tuoi rivolti altrove? 


„Hier tritt besonders scharf die naive Vermischung der klas- 
sischen und christlichen Welt bei Dante zutage“, so bemerkt zu 
der Stelle Bassermann (Fegeberg). Zurg. 15, 88 werden in einem 
Atemzug als Typen besonderer Milde und Sanftmut die Gottes- 
mutter Maria und die Gemahlin des Pisistratus genannt. Christ- 
liches Denken ist mit heidnischer Sage und Geschichte aufs innigste 
verwoben Purg. 18, 100—ı103, wo als Beispiele rechten Eifers die 
„Heimsuchung Marias und der rasche Siegeszug Cäsars gegen die 
Pompejaner Spaniens“ (Bassermann) nebeneinander gestellt werden. 
Der Christ Dante liest aus Virgils 4. Ekloge V. 4ffl. ebenso wie 
seine Zeitgenossen eine messianische Prophezeiung heraus Zureg. 
22, 70 (Bassermann). Wie treuherzig und fast kindlich nimmt sich 
als Muster der Mäfsigkeit und Zurückhaltung in Speise und Trank 
aus Maria mit den römischen Frauen und Daniel! Ein Gegenstück 
dazu ist Maria in Parallele mit der Nymphe Callisto, obwohl die 
unbefleckte Gottesmutter einen scharfen Gegensatz zur befleckten 
heidnischen Nymphe darstellt (Zurg. 25, 128 u. 131). Purg. 24, 13 
bis ı6 sagt Forese von seiner ebenso guten wie schönen Schwester 
Piccarda: /rionfa lieta nell’ alto Olimpo (= cielo empireo oder Himmel 
im christlichen Sinne). Die Musen, deren Hilfe bei dem schweren 
Werke der Schilderung des Triumphzuges angerufen wird, nennt 
der Dichter „hochheilige Jungfrauen“ Purg. 29, 37. Auch den 
Apollo ruft er an (Par. ı, ı3), aber nicht etwa wie der heidnische 
Sarazenenkönig Marsilies im Rolandslied, sondern als Christ, dessen 
Symbolik in Apollo die Sonne als würdigstes Sinnbild Gottes auf 
Erden sieht. Die Gottesmutter Maria wird Augusta, d. h. Himmels- 
kaiserin, genannt (Par. 32, 119). Treffend ist die Bemerkung Falkes 
(Dante 1922, p. 603), welcher zu der Szene, in welcher Matelda 
den Dichter im Lete untertaucht, bemerkt: „Das antike Moment 
des Vergessens und das christliche der Weihe verbinden sich aufs 


26 FRIEDRICH BECK, 


innigste miteinander.“ Recht seltsam kommt uns (Conz. U 6, ı7 vor, 
wo der Erzengel Gabriel als ‚gue/ si grande lega:!o erscheint, che 
venne a Maria, giovinella donzella di Ircdıcı anni, da parte del Senato 
celestiale!‘ [Mit der Lesart des ssto crıtico 1921 p. 179 ‚Sanalor 
celestiale kann ich mich nicht recht befreunden; denn zu dem 
ganzen Ideenkreis der verehrungswürdigen, segensreichen Einrich- 
tungen des von Dante abgöttisch geliebten alten Rom palst der 
‚Senalo‘ besser als der Salvatore; man erinnere sich dabei auch, 
dafs diesem Ideengang zuliebe Petrus zum Centurio der ersten 
Manipel (a//o primipilo) ernannt wird (Par. 24, 59). Vgl. das con- 
cistoro divino Conv. IV 5, 15.) 

Es liefsen sich noch manche Beispiele für solche heidnische 
Gedanken in christlicher Form, für eine solche ‚assaciazione del 
classco e del cristiano‘ (Vandelli) oder melange de souvenirs paiens 
ei du christianisme (Labusquette 325) beibringen. 

Von den Ichrreichen Ausführungen Lab.s sei nur noch die 
Stelle aus dem hl. Gregor angeiührt (Zpis/ola ad Desiderium epıs- 
copum), weil sie beweist, dafs der Heilige an dieser Vermengung 
Anstols nahm: „i/ ne fauf pas que la meme bouche mele les lowanges 
de Jupiter avec celles du Christ.“ 


V. 


Ich zitiere die V. N. nach Casini 2?, ed. 1890, das (onwrio 
nach Giuliani 1874, das Buch Afonarchia nach Bertalot ıgı8, die 
übrigen Werke nach der Ausg. d. it. Dantegeseilsaft Opere di Dante, 
Firenze MCMXXI, welche ich kurz mit %s/o critico bezeichne. Ich 
habe schon in der Zeitschr. f. rom. Phil. (= Zs. 44,471, A. ı) auf 
die Unzulänglichkeit des /esto critico hingewiesen. Seine unpraktische, 
zum Zitieren nicht geeignete Einteilung hat mich veranlalst, zu 
Casini und Giuliani zu greifen. Für unrichtige Lesarten sei das 
Beispiel Conv. I. Kanz., V. 14 angezogen: 

Suol esser vila de lo cor dolente, wo offenbar solea gelesen 
werden muls. Denn in den Kreis der Imperfekta gia, vedia, par- 
Java, dicea palst nur solea. Diesem Kreis von Imperfekten steht 
eine Gruppe von Präsensformen gegenüber: or apparisce, fa, segno- 
reggia, Irema, face, dice, Irova, distrugge, sok (V. 28), welch letzteres 
mit dole (V. 30) reimt. Es ist ganz natürlich, dafs der antıco pensiero 
erzählt, was bisher war, während der nu020 pensier ausführt, was 
jetzt ist. Gegen die von Parodi-Pellegrini gewählte Lesart fällt 
entscheidend ins Gewicht, dafs die beiden Herausgeber später selbst 
solea lesen, nämlich im Kommentar zu V. 14, d.h. Conv. 1I 10,9 = 
testo crit. 11, 9 letzte Zeile von S. 187: questo & quello speziale densiero, 
del quale detlo & di sopra(!) che solea esser vila de lo cor dolente. 


Abkürzung. 
Zs. — Zeitschrift für romanische Philologie. 


F. BECK, DIE RÄTSELHAFTEN WORTE IN DANTES VITA NOVA. 27 


Öfter angeführte Literatur. 


Asin M.-P., Za Zscatolopia Musulmana en la Divina Comedia, Madrid 1919. 

Frank, Aaddala, Leipzig 1844. 

Joachim v.Floris, Zxposiio in Apocalipsim [= Ap.);, Psalterium decem 
cordarum [Ps.], Venetiis 1527. 

Karppe S. Ztude sur les origines et la nature du Zohar, Paris 1901. 

Kircher A., Oedlpus Aegydtiacus, Romae MDCLIII, 2 tomi. 

Labusquette Robert de, Autour de Dante. Les Beutrices, Paris 1921? 

Papus, Äabdala, übersetzt von Nestler, Leipzig 1910. 

de Pauly (Jean), Sepher ha Zohar, traduit par — —, Paris 1906, 

Salvadori G. Vita givvanıle di Dante, Roma 1907. 

Schwarz Dr. H., Der Gottesgedanke in der Geschichte der Philosophie, 
I. Teil, Heidelberg 1913. 


Leider habe ich verschiedene Werke nicht einsehen können, wie z.B. 
M.Sappa, Un punto della D.C. Iddio imaginato come un punto in: „il 
Piemonte“ III, 2 und C. Roy, La rappresentasione della divinitd in D. in: 
Rivista ligure XXIV, S. 


FRIEDRICH BEcK. 


Adenet le roi und seine (Gönner. 


Jeder Liebhaber der altfranzösischen Literatur wird seinen 
ick mit stillem Behagen an dem herrlichen Miniaturbild geweidet 
haben, das uns den Spielmannskönig Adenet zeigt, wie er seinen 
hohen Gönnerinnen Vortrag hält. Vgl. Suchier, Gesch. d. fra. Litt.?, 
S. 2ı1. Auf dem Ruhebett sitzt halb ausgestreckt die Hauptfigur 
mit der Königskrone, versonnen lauschend, den Kopf auf die Linke 
gestützt, eine Rose in der Rechten; neben ihr auf einem Sitzpolster 
eine zweite Frau, ebenfalls gekrönt, mit sprechender Handbewegung. 
Am Fufsende, die Laute in der Hand, beugt der Spielmann das 
Knie und trägt vor. Zwischen beiden, in der Mitte vor dem 
Ruhebett, sitzt eine vierte Gestalt, den linken Arm familiär auf die 
ruhende Königin lehnend, einen Handschuh in der Rechten. 
„Adenet le Roi, die Königin von Frankreich, Mahaut von Artois 
und Blanche von Kastilien unterhaltend. Nach einer gegen Ende 
des ı3. Jahrhunderts geschriebenen Handschrift in der Arsenal- 
bibliothek zu Paris.“ So werden wir belehrt. 

Wer die beteiligten Personen sind, müssen wir aus der be- 
gleitenden Dichtung, dem Cleomades, entnehmen; wir erkennen es 
aber auch an der Kleidung, die heraldisch gehalten ist, wie man 
auf den ersten Blick sieht. Als seine Gönnerinnen nennt Adenet 
la roine de France und Madame Blanche. Die erstere ist 
die zweite Gemahlin Fhilipps Ill. von Frankreich (}t 1285), Maria 
von Brabant, die Tochter Heinrichs III., des Lehrmeisters und 
ersten Beschützers Adenets; sie trug die Krone seit 1274 und 
lebte bis 1321. Madame Blanche ist die seit 1275 verwitwete 
Gemahlin des Infanten Ferdinands von Kastilien, des ältesten Sohnes 
Alfonsos des Weisen (f 1284); man sollte sie aber nicht Blanca 
von Kastilien nennen, so hiefs die Mutter Ludwigs des Heiligen, 
sondern als Tochter des letzteren, Blanca von Frankreich. Sie 
kehrte als Witwe nach Frankreich zurück, und das erlaubte Sancho IV. 
sich über das Erbrecht seiner Neffen, der Infanten de la Cerda, 
hinwegzusetzen und die kastilische Krone an sich zu reifsen. Dals 
die Bestimmung richtig ist, ersehen wir aus dem Bilde: das Gewand 
der Königin Marie vereinigt die Lilien von Frankreich auf blauem 
Grund mit dem goldenen Löwen von Brabant auf schwarzem Feld; 
bei Blanca kommt zu den Lilien der Turm von Kastilien auf rotem 
Untergrund und der Löwe von Leon (?) hinzu, das Wappen derer 
de la Cerda. 


PH. AUG. BECKER, ADENET LE ROI UND SEINE GÖNNER. 29 


Wer ist nun aber die mittlere Figur? Gewifs nicht Mathilde 
von Brabant, die Witwe Roberts I. von Artois, des Bruders Ludwigs 
des Heiligen, verheiratet 1237, verwittwet 1219, gestorben 1288, 
auch nicht ihre Enkelin Mathilde, die Tochter Roberts U., der 
später (1302) die Grafschaft unter Ausschluls ihrer verwaisten Neffen 
zugesprochen wurde Man sieht nicht, was sie in diesem Kreis 
zu suchen hätte, und kein heraldisches Kennzeichen weist auf 
Artois hin. Ist es überhaupt eine Frauenfigur, die wir vor uns 
haben? Warum trägt sie das kurzgelockte Haar ohne Kopf- 
bedeckung? Warum reicht ihr das Kleid nur bis zur halben 
Wade? Es leuchtet sofort ein, wenn man einmal aufmerksam 
geworden ist, dals wir einer jugendlichen Mannesgestalt gegenüber- 
treten; und der Anzug deutet auf ein Mitglied des Hauses Brabant. 
Zweifellos sitzt einer der beiden Brüder der Königin neben ihr, 
und zwar nicht Johann I., der regierende Herzog (1260— 1294), 
sondern der jüngere Gottfried, Herr von Arschot, wie die Ähre 
auf der linken Gewandhälfte anzudeuten scheint. Er ist es, der 
seiner Schwester und ihrer Schwägerin den Sänger vorführt: das 
ergibt sich aus der Stellung der Gruppe. 

Diese Feststellung ist für Adenets Lebensgeschichte von Wichtig- 
keit. Wenn es richtig ist, dafs dieser seine berufliche Ausbildung 
dem guten Herzog Heinrich Ill. von Brabant (} 1261) verdankt 
und wenn er ı270/7ı mit Gui de Dampierre, Graf von Flandern, 
und dem Kreuzheer nach Italien ging, so können wir aus der 
Widmung der Znfances Ogier an Königin Marie und aus der Ab- 
fassung des Cleomades auf Anregung der beiden hohen Frauen 
und aus unserem Bild erschliefsen, dals er um 1275 wieder im 
Dienst der Familie von Brabant steht. Später mag er in Robert Il. 
von Artois einen neuen Beschützer gesucht haben; aber um 1280 
lebt er am französischen Königshof; und die Miniatur, die wir 
betrachten, wird nicht gegen Ende des ı3. Jahrhunderts entworfen 
worden sein, sondern in der Zeit, wo diese Menschen noch glücklich 
zusammenlebten. Wir dürfen die Figuren, sprechend wie sie sind, 
als nach dem Leben gezeichnete Porträts ansehen. 


PhuıLıpp AUGUST BECKER. 


Die Streitgedichte Peters von Blois und Roberts von Beaufeu 
über den Wert des Weines und Bieres, 


Von Peter von Blois (ca. 1135—.ca. 1205), dem als Schrift- 
steller hervorragenden Erzdiakon von Bath, der während einiger 
Jahre am Hofe Heinrichs II. die königliche Gunst genols und nach 
dem Tode des Königs eine Zeitlang in der Normandie Sekretär 
der Königin-Witwe Eleanor war, besitzen wir aulser mehrfach ver- 
öffentlichten Prosaschriften auch sieben lateinische Gedichte, von 
denen die folgenden der Gattung der Streitgedichte angehören: 
De lucla carnıs el spiriltus, worin zwei personifizierte abstrakte Begriffe 
als Streitende auftreten, und zwei Gedichte, in denen der Verfasser 
den Wein auf Kosten des Bieres im Streit mit einem Freunde preist, 
der seinerseits dem Bier den Vorzug gibt.! Die erhaltenen Gedichte 
Peters (über dessen Leben und literarische Tätigkeit C. L. K[ingsford] 
im XLV. Bande des Dictionary of National Biography, p. 46fl., gut 
orientiert) sind sicher nicht die einzigen, die er verfalst hat. In 
einem Briefe (LXXVI, zitiert von M. Edelestand du M£ril in Podsies 
populaires latınes du moyen äge, S. 201) schreibt er: Ego quidem 
nugis et cantibus venereis quandoque operam dedi, sed per gratiam 
ejus qui me segregavit ab utero matris meae, rejeci haec omnia a 
primo limine juventutis. Dafs er trotz dieser Versicherung auch 
später seine jugendlichen Gedichte nicht gering schätzte, geht aus 
anderen Briefen hervor. In Brief XII schreibt er an seinen Neffen: 
Mitte mihi versus et ludicra quae feci Turonis, et scias, cum apud 
me transcripta fuerint, eadem sine dilatione aliqua rehabebis, während 
er einer Sendung reiferer Verse an den Mönch G. de Alneto die 
folgenden Worte hinzufügt (Brief LVO): Quod autem amatoria 
juventutis et adolescentiae nostrae ludicra postulas ad solatium 
taediorum, consiliosum non arbitror, cum talia tentationes excitare 
soleant et fovere. Omissis ergo lascivioribus cantilenis, pauca quae 
maturiore stylo cecini tibi mitto, si te forte relevent a taedio et 
aedificent ad salutem. Ob vier erhaltene französische Verse von 
unserem Peter von Blois oder einem Namensvetter herrühren, ist 
ungewils (s. Zistoire litteraire XV, 417). 


1 Peter’s Versus de commendatione vini und Responsio ad quendam 
contra cerevisiam wurden zuerst von I. A. Giles veröffentlicht im vierten Bande 
seiner Ausgabe von Pefri Blesensis Opera omnia, Oxonii 1846, S. 372— 374. 
Nach der Ausgabe von Giles wurden sie wieder abgedruckt in Migne’s Pafro- 
logie latine, vol. 207, Paris 1855, col. 1155—1156. 


— 


r.. 


STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 31 


J. H. Hanford, der in seiner Schrift 7%e Medieval Debate between 
Wine and Water (Publications of the Modern Language Association 
of America, XVII, 3; 1913) und in der Einleitung zu seiner Aus- 
gabe von Wine, Beere, Ale, and Tobacco: a seventeenth cenlury Interlude 
(Studies in Philology, XII. Jan. 1915), ebenso wie H. Walther in Das 
Sfreitgedicht ın der lateinischen Literatur des Mittelalters, München 1920, 
S. 46 ff., ausführlich über die Literatur der Streitgedichte von Wein 
und Wasser und von Wein und Bier handelt, sagt von den beiden 
hierher gehörigen Gedichten Peters von Blois (7Ae Medieval Debate, 
S. 328): „In the first (rhymed hexameters) the poet lauds wine by 
contrast with beer, describing in detail the effects of each. The 
Responsio (elegiacs) is evidently a reply to some poem which apparentliy 
turned the tables on Peters Versus by praising beer at the expense 
of wine. Beer is here called „simia vini” (cf. the expression sımıa 
Dei, often used of Satan), and Aorrendum genus aqua. Wine, on 
the oıher hand, is the blood of Christ. At Cana water was changed to 
wine and not to beer. If you adduce the incest of Lot (Genesis 19, 33), 
“not wine but man’s excess was at faul. At the close the pious 
and scholarly author <afeguards his reputation by saying that this 
poem, like the one which provoked it, is only a harmless joke,* 
Das Gedicht, das, wie Hanford sagt, “apparently turned the tables 
on Peter’s Versus”, existiert in der Tat und ist in derselben Hand- 
schrift der Cambridger Universitätsbibliothek enthalten, der Giles 
die beiden Gedichte Peter’s entnommen hatte, ist aber anscheinend 
bisber nicht veröffentlicht. Nach dem Katalog der Handschriften der 
Cambridger Universitätsbibliothek enthält die Handschrift Gg. 6.42 . 
als vierten Artikel Versus Roberti de Bellafago de Commendalione 
Cervisie, während Artikel 3 und 5 die Versus und Responsio Peters 
von Blois sind. Über den Verfasser dieses unveröffentlichten Ge- 
dichtes teilt E. M(aunde) T(hompson) im vierten Bande des Dictionary 
of National Biography S. 36 folgendes mit: Beaufeu, Bellofago, or 
Bellofoco, Robert de (fl. 1190), was a secular canon of Salisbury. 
Educated at Oxford, he gained, at an early age, a reputation for 
learning, and become the friend of Giraldus Cambrensis, Walter 
Map, and other scholars. He is said to have written a work 
entitled ‘Encomium Topographi&’, after hearing the ‘Topographia 
Hiberniz’ of Giraldus read by the author at a festival at Oxford. 
A second work, ‘Monita salubria’, is also attributed to him by 
Bale;, and a poem in praise of ale, “Versus de commendatione 
Cervisi@’, in a manuscript in the Cambridge University Library 
(Gg. VI. 42), bears his name. 

Darf der Robertus de Bellafago, der launige Domherr von 
Salisbury (jocosss, Gedicht III, 29), der mit dem Peter von Blois in 
Versen über Wein und Bier disputiert, identifiziert werden mit dem 
Robertus Salebere, zu dessen Gunsten Peter an Johann von Salisbury, 
Bischof von Chartres, seinen früheren Lehrer (Brief XXIl), schreibt 
(Brief LXX), und mit dem anscheinend lebensfreudigen Robertus 
Sarisberiensis, dem Peter in Brief LXI von der eitlen Vogelbeize 


32 E. BRAUNHOLZZ, 


abrät, dessen venfris ingluvies er in Brief LXXXV tadelt und den 
er in demselben Brief erinnert: Non est equidem regnum Dei esca 
et potus. Esca ventri, et venter escis. Deus autem et hunc et 
has destruet? Andere Briefe ad R. subdıcanum Saresberiunsem (CV), 
ad R. decanum et capıtulum Sarisberiensis eccesie (CXXXUl), ad 
decanum et capılulum Sarisberiensis ecclesi@ (CIV) handeln von ernsteren 
Dingen. Die Briefe ad R. amicum suum (LXXIX, worin Peter seinen 
Freund verspottet, weil er, ursprünglich ein Feind des weiblichen 
Geschlechts, sich zu sacrilegas nuplias habe hinreilsen lassen, und C) 
gehören wohl ebenfalls hierher: Robert war in der Tat verheiratet, 
denn es ist bezeugt, dafs “the church of Horton was given by 
Agnes, his wife, ‘in praebendam’ to the church of Sarum” 
(W.H. Jones, Fasti Ecckesie Sarisberiensis, 1879, S. 393). 

Da der Abdruck der beiden Gedichte Peters von Blois bei 
Giles in einigen Punkten verbesserungsbedürftig erscheint, so teile 
ich sie nochmals auf Grund einer Kollation mit der Handschrift 
mit und füge an der Stelle, wohin es gehört, das hier zum ersten 
Male veröffentlichte Gedicht Roberts von Beaufeu hinzu. 


L Versus Magistri Petri Blesensis De Commendatione Vini. 
(Cambridge University Library MS. Gg. 6.42. Giles, Petri Blesensis 
Opera, vol. IV, p. 372—373). 


f. 222°. Felix ille locus quem vitis amenat amena, 

Illa beata domus que Bachi munere plena 
Vina dat hospitibus de vitis divite vena; 
Sed domus infelix ubi cervisiatur avena, 

5 Mensurata nimis, modo mensuranda lagena, 
Infumata seges, non vina, immo venena. 
Ejus enim potum sequitur dirissima pena, 
Pes titubans, cerebri turbatio, mens aliena. 
Turbida mens nescit vitiis imponere frena, 

ı0 Dum furit ebrietas in aquis Venerisque cathena. 
Fervida fermento traitur caro mentis egena, 
Nliciti motus nulla cohibentur habena, 
Dum bibitur Lethea palus, iterumque serena 
Mingitur in lapidem renum concrescit arena; 

15 Quem nisi cum ferro nec ejicit ars galiena. 
Plus valet ergo mihi vinum cum paupere cena 
Quam tibi cum potu de furfure fercula dena. 


6 Infumata] Infirmata G. vina] vino G. immo] imo G. 13 Dliciti] 
Nlicitus ms. 15 Quem] Quam G. 17 fercula] fercla ms. 


IL Versus Roberti de Bellafago De Commendatione Cervisie. 


f. 222°. Eloquio dulci vernans et voce serena 
Munera commendat Bachi tua, Petre, camena. 
Cum tu historias nota transcurris arena, 
Nonne legis Bachi calices et pocula plena 


STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 33 


5 


Io 


f. 222 v0, 
15 


20 


25 


Plus fecisse mali quam noxia queque venena? 
Hoc subnixa deo vinique juvante lagena 
Victorem Sodome devicit filia lena, 


Indulgensque mero cathaclismi post inamena 


Cham derisorem dampnat Noe vindice pena. 
His caret exemplis simplex et sobria cena, 
In qua convive facili potantur avena. 
Exhilarans mentes convivia reddit amena 
Undis juncta Ceres, sed ab ipsis vix aliena, 


Temperat ardores et fervida ventris ana 


Motibus illicitis imponens sobria frena. 

Set simul incaluit vino vinaria vena, 

Estuat in lumbis, quos nulla refrenat habena, 
Vulcani fornax, ut mens rationis egena 

Has nequeat flammas ulla cohibere cathena. 
Inflammata mero greco calet igne crumena. 
Quem nec claustra tenent quin frangens ostia dena 
Ad mundum revolet licet occurrente leena. 
Hanc febris speciem non mitigat ars galiena 
Nec citharista sono nec garritu philomena, 
Donec subveniat moıbo Frix sive Lacena, 


3 tu] ıü ms. 6 subnixa] subnixo ms. 8 post] pus ms. 
plena ms. 16 vena] veno ms. 21 frangens] franges ms. 


Ill. Responsio Magistri Petri Blesensis. 


Opera, vol. 1V, pp. 373—374). 


[. 222°, 


10 


15 


20 


Scribo, sed invitus: invitat enim grave vitis 
Me probum gravius improbiusque loqui. 


9 pena] 


(Giles, Petri Blesensis 


Improbe, quid reprobas quod pagina sacra, quod usus, 


Quod probat utilitas ipsa, quod ipse Deus? 
Per verbi verbum de vitis munere munus 
Conficitur vite sancfificante manu. 
Hinc ubi conficitur Christi cruor, hinc procul absit 
Potus furfureus sulfureusque liquor! 
In vinum convertit aquas prece matris aquarum 
Conditor, at nunquam cervisiavit eas. 
Cur igitur vino prefertur simia vini 
Horrendumque genus degenerantis aque? 
Mutuat a vino quod inebriat et quod acescit, 
In solis vinum sic imitata malis. 
O labor infelix damnataque sollicitudo, 
Que studuit quod aquis ebrius esset homo! 
Obicis incestum Loth vino: non ibi vini 
Culpa, sed in vino non habuisse modum, 
Peccavit potor, non potus ut in patre primo 
Non cibus in culpa, sed gula sola fuit, 
Quicquid agis, peccas nisi sis moderatus et ipsam 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVUI. 3 


34 E. BRAUNHOLTZ, 


Justiciam librat justificatque modus. 
Magna quidem cerebri est turbatio, quod cerebrose 
Cervisiam laudat cervisialis homo: 
235 Cognata urine, fecis germana videtur, 
Non hominis potus, sed cibus esse suis. 
Ut breviter signes quid et unde sit, aspice signum 
Cervisie factum stramine, fece litum. 
Dum sine felle jocor, quia te cognosco jocosum, 
30 Jocunde admittas et sine felle jocum. 


Titel: Responsio] Respontio ms. 3 sacra quod] sacraque ms. 11 simia 
vini] simia vino ms. 12 degenerantis] degnerantis ms. 13 acescit] acessit ms. 
17 Obicis] Objicis G. 20 cibus] citus G. 27 und:] unum ms. 


Anmerkungen. 


Über das Versmafs der drei Gedichte ist zu bemerken, dafs 
Il sich in der Form genau an I anschliefst. I besteht aus ı7, 
I aus 23 Hexametern mit dem Endreim -@na. Der mehrfache 
Gebrauch desselben Wortes im Reim ist in beiden Gedichten ver- 
mieden. In II kehren die 17 Reimworte von I in anderer Reihen- 
folge wieder, wozu noch 8 neue Reimworte kommen: camena, lena, 
inamena, a@na, crumena, leena, philomena, Lacena. III ist in 
Distichen geschrieben, ohne Reim, aber mit Verwendung von 
Alliteration und Replikation: 7 conficitur, Christi, cruor; 9, 10 con- 
vertit, Conditor, cervisiavit; ı9 Peccavit, potor, potus, patre, primo; 
20 cibus, culpa; 27 signes, sit, ssgnum; 28— 30 factum, fece, felle, 
felle — ı invitus, invitat, vitis; ı, 2 grave, gravius; 2—4 probum, 
improbius, Improbe, reprobat, probat; 4 ipsa, ipse; 5 verbi, verbum; 
munere, munus; 5, 6 vitis, vite; 6, 7 Conficitur, sanctificante, con- 
flcitur; 9 aquas, aquarum; ıı vino, vini; I2 genus, degenerantis; 
13, I4 vino, vinum; 17, ı8 vino, vini, vino; 19 potor, potus; 
22 Justiciam, justifical; 23, 24 cerebri, cerebrose, Cervisiam, cervi- 
sialis; 27 signes, signum; 29, 30 felle, felle; jocor, jocosum, Jocunde, 
jocum. In V. ı2 reimen furfureus und sulfureus. Auch im Gebrauch 
der Hilfsmittel der Rhetorik, wie z. B. der Anaphora und des 
Chiasmus, zeigt sich der Verfasser gewandt: 3, 4 das vierfache 
quod; 4 utilitas ipsa — ipse Deus; 5, 6 de vitis munere — munus 
vite; 8 potus furfureus — sulfureus liquor; 135 labor infelix — 
damnata sollicitudo; 25 Cognata urine — fecis germana; 26 hominis 
potus — cibus suis. 


1. 


4. Ubi cervisiatur avena ‘wo Getreide zu Bier gemacht wird’; 
cf. III, 10. Cervisiare im Sinne von ‘cervisiam conficere’ aus dem 
Jahre 1152 bei Du Cange unter cerevisia (als Zusatz von Carpentier) 
belegt. 

5. *Zu reichlich zugemessen, während es nur flaschenweise 
zugemessen werden sollte. Dafs Bier in gıölseıen Quantitäten 


STREITGEDICHIE PETERS VON BLOIS U. ROBEKTS VON BEAUFEU, 35 


getrunken zu werden pflegt als Wein, deutet auch die bekannte 
Stelle in Crestiens Fvain (592, 593) an: Plus a paroles an plain 
pot De vin qu’an un mui de cervoise. 

6. Lesart und Sinn dieses auch metrisch bedenklichen Verses 
sind unsicher. Es ist unmöglich zu entscheiden, ob die Handschrift 
Infumala oder Infırmata hat. Will der Dichter sagen: ‘geräuchertes 
Getreide (= gedörrtes Malz?), nicht Wein, sondern Gift’? Wie 
Giles seine Lesart /nfirmata versteht, ist mir nicht klar, etwa: ‘ge- 
schwächtes (durch den Zusatz von Wasser)’ ? 

8. Im Conflictus vin! et aqua (Carmini Burana, 173), Str. 9, 
wirft das Wasser dem Weine vor: Titubando solet ire Tua sumens 
basia, Verba recte non discernens. 

13. Lethea palus ‘das lethäische (Vergessenheit bringende oder 
eher: aus der Unterwelt stammende) Sumpfwasser‘, verächtliche 
Bezeichnung des Bieres. Der Ausdruck ist vielleicht nach Vergils 
Stygia plus (Fon. VI, 369. neben Stygie ague, ib. 37 4, und Stygia unda, 
ib. 385) gebildet. Properz gebraucht IV, 7 ZLeih@a stagna neben 
Letheus liquor, für das Wasser des Flusses Lethe, den er in dem- 
selben Gedichte einen furßis amnis nennt. 

13. 14. Vgl. das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm 


De cervisia, 

Nullus amicorum posset meliora monere 

Quam tu, quo moneor parcere cervisi®. 
Cum bibo cervisiam nihil est turbatius illa, 

Sed cum mingo nihil clarius esse potest, 
Terreor inde nimis, quoniam qu& spissa bibuntur 

Reddita clara gravi viscera Sxce repl° ıt. 

(Notices et Extraits XXVUI, 2, S. 423.) 


Wie Haur&au bemerkt, ist die Autorschaft des Epigramms unsicher. 
Es wäre auch möglich, dafs die Verse von Matthieu von Vendöme 
herrühren, der von sich selber sagt, dals er elegische Verse gegen 
das Bier geschrieben habe. Vgl. auch Wattenbach in Si/zungsber. 
der Bayr. Akad. Phil. hist. Cl., 2. Nov. 1872, S. 571. Eine Nachahmung 
des obigen Epigramms sind die folgenden bei Du Cange unter 
cerevisia zitierten Verse von Henri von Avranches: 


Nescio quid Stygiz monstrum conforme paludi, 
Cervisiam plerique vocant; nil spissius illa, 

Dum bibitur; nil clarius est, dum mingitur; unde 
Constat quod multas feces in ventre reliquit. 


Peter von Blois, der in Tours erzogen zu sein scheint (Brief XII), 
kannte vielieicht das Hildebert von Tours zugeschriebene Epigramm. 
Vgl. auch Hanfords Anmerkung zu Z. 2gı fl. des Interlude Wine, 
Beere, Alc, and Tobacco. 

15. ars galiena *Galens Kunst’. Der Name des berühmten 
Arztes kommt im Mittelalter in den Formen Galenus (Peter von Blois 
ed. Giles, I, S. 257; Dante, Monarchia 1, 13,6) und, vielleicht durch 


3* 


36 E. BRAUNHOLTZ, 


Verwechslung mit dem Namen des römischen Kaisers Gallienus, 
Galienus (Novati, Sforia letteraria d’Italia. Le Origini, S. 453) vor. 
In Dantes italienischen Werken (/nferno; Convivio) heilst er Galieno, 
bei Chaucer (Canterbury Tales, Prologue) Gallien. Als Adjektiv kommt 
galienus wieder vor in II, 23. 


U. 


7. Victorem Sodome, d.h. Lot. Die abschreckenden Beispiele 
von Lot (Genesis XIX, 31—35) und Noah (Genesis IX, 21, 22), die 
hier gegen Peter von Blois ausgespielt werden, sind von diesem 
selbst mehrfach verwertet. In einem an den Magister A. gerichteten 
Briefe (VII), in dem er durch Zeugnisse aus der heiligen Schrift 
diesen früher tüchtigen Disputanten, der aber an den Trunk geraten 
ist, davon abzubringen versucht, schreibt er: Si juxta apostolum 
bonum est non bibere vinum,! non video qualiter possit bonum 
esse contrarium. Ideo prudens illa mulier filium suum instruens, 
in visione dicebat; Noli regibus, o Lamuel, dare vinum, ne forte 
obliviscantur judiciorum Dei, et subvertant populi &zquitatem. Sed 
nec ullum secretum est, ubi regnat ebrietas.? Loth, quem Sodoma 
non Vicerat, vina vicerunt. Vinea quoque, quam Noe plantaverat, 
suo non pepercit auctori, et ex delicto patris, usque hodie derivatur 
ad posteros macula servitutis, In seinem Gedichte De Penitentia 
(Giles IV, 370), 26ff. warnt Peter vor den sieben Todsünden: 


Pracipue pestes septem memores capitales, 
Non solum fontes, sed rivos inde fluentes. 
Fonte suo rivus magis est quandoque nocivus. 
Unde Loth incestus pejor fuit ebrietate, 
Atque Cain gravior czdes fraterna furore. 


Auch sonst kommen die Geschichten von Lot und Noah als beliebte 
Gründe gegen den Genuls des Weins vor. In Golie Dialogus inter 
Aquam et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems commonly attrıbuted to 
Walter Mapes, S. 87 fl). V.g91—94, klagt das Wasser den Wein an: 


Per te Noe femora dormit denudatus, 
Unde maledicitur irridendo natus; 

Per te mundo prodiit partus infamatus, 
Cum fuit in montibus Loth inebriatus. 


So auch in einer wohl dem ı7. Jahrhundert angehörigen spanischen 
Romanze: Z/ Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib., p. 30g®). 

8. cathaclismi post inamena ‘nach den Beschwerden der Sünd- 
flut’. Cataclysmus = diluvium, s. G. Goetz, Thesaurus glossarum 
emendatarum ], 188. 

9. vindice pena, statt des handschriftlichen v. fena, wie Catull 
65,193. Das Wort dena ist schon V.4 im Reim gebraucht. 


! Wohl auf Eph. V, ı8 bezüglich. 
I Prov. XAXIL, 1-4. 


STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS U. ROBERTS VON BEAUFEU. 37 


tı. facili potantur avena ‘mit leichtem Getreidesaft getränkt 
werden’. Als kausatives Zeitwort im Sinne von ‘tränken’ kommt 
potare bei Kirchenschriftstellern vor, s. Rönsch, Zfala und Vulgata, 376; 
Kaulen, Zandbuch zur Vulgata, 160; so Zlala, Maltth. 25, 35: sitivi 
et potastis me sitientem (Vu/gafa: dedistis mihi bibere). 
13. Undis juncta Ceres ‘das mit Wasser vereinigte Getreide‘. 
Vgl. Altercatio vini et cerevisie (Zeitschrift für deutsches Altertum, 
ALIX, 1908, S. 201), wo in Str.4 von den Lobpreisern des Bieres 
gesagt wird: 
. . credunt nasci de Cerere 
et de claro Neptuni genere. 


ab ipsis vix aliena ‘vom Wasser wenig verschieden’. 

ı6. vinaria vena ‘die Wein führende Ader’. Vgl. Carmina 
Burana, 178: Bachus venas penetrans Calido liquore Facit eas igneas 
Veneris ardore; Dispulatio iuter Anglıcum et Francum (Th. Wright, 
Political Poems and Songs, 1, S. 9ı), worin der Franzose behauptet, 
dals ebenso wie der Wein das Bier übertreffe, so das weintrinkende 
Frankreich das biertrinkende England, und dafs für die Engländer 
der Tag, an dem sie nach Bachus’ Art trinken, ein Festtag sei: 


Salve, festa dies, toto venerabilis ®vo, 
Qua Deus in venas scandit. 


Der volkstümliche Glaube, dafs der getrunkene Wein sofort in die 
Adern übergeht, erklärt auch Stellen wie Horaz I, #5. XV, ı9, wo 
der Dichter seinem Korrespondenten mitteilt, dafs er, wenn er an 
der See ist, einen edlen, milden Wein verlangt: quod cum spe 
divite manet In venas animumque meum. 

20. greco igne. Der oft erwähnte Explosivstoff, afrz. feu gregeois; 
s. Carpentier bei Du Cange unter :grzs 2; A. Schultz, Das höfische 
Leben, 11, S. 303. 

crumena ‘Geldsäckchen, Börse’, hier wohl im Sinne von scrotum; 
vgl. die Bedeutung des französischen des bourses. 

2ı. Quem == diesen, den so vom Wein Erhitzten. 

23. ars galiena, wie ], 15. 

24. philomena für Philomela, wie Carmina Burana 47, Str. 3 
und in Crestiens conte de Philomena. Auf Verwechslung mit Philu- 
mena beruhend ? S.G. Goetz, Thesaurus glossarum emendatarum ], 57 
unter amabilıs. 

25. Frix sive Lacena ‘ein phrygisches oder spartanisches 
Mädchen’. Vgl. Consultatio Sacerdotum (Th. Wright, The Latin Poems 
commonly attributed to Walter Mapes, S. ı74 ff), V. 117—120: 


Dixit quindecimus: „Quando bibo vina, 
et me sompnus recipit hora vespertina, 
tunc ut mecum dormiat volo concubina, 
ne mihi deficiat carnis medicina, 


38 E. BRAUNHOLTZ, STREITGEDICHTE PETERS VON BLOIS ETC. 


II. 


5. verbi verbum ‘das Wort Christi’. Dieser und der folgende 
Vers beziehen sich auf die Verwandlung des Weins in das Blut 
Christi beim heiligen Abendmahl. Vgl. Golie Dialogus inter Agnam 
et Vinum (Th. Wright, Z’he Zatin Poems, S. 87 fl.) V. 07, 68: 


nec fuit, ut legitur, aqua, sed Iyaus, 
de quo dixit Dominus, ‘Hic est sanguis meus’; 


Pleyto del Agua con el Vino (Th. Wright, ib.) p. 307®. 

8. Potus furfureus sulfureusque liquor ‘der Kleientrank, der 
schwefelfarbige Saft’ = das Bier. 

9. 10. beziehen sich auf die Hochzeit von Kana, auf der auf 
Bitten seiner Mutter der Schöpfer des Wassers (Gott, Christus) das 
Wasser in Wein verwandelte (/oA. Il, ı—9). Ein Verteidiger des 
Bieres könnte anführen, dafs auch diesem die Ehre zuteil geworden 
ist aus Wasser verwandelt zu werden: in den Acta Sanclorum, ı.Febr., 
Vita IV. S. Brigide cap. 10 wird berichtet: quodam die quidam 
leprosi sitientes de via cerevisiam anxie a B. Brigida postulaverunt. 
Christi autem ancılla, videns quia tunc illico non poterat invenire 
cerevisiam, aquam ad balneum portatam benedixit, et in optimam 
cerevisiam conversa est a Deo, et abundanter sitientibus propinata 
est. S. Hehn, Aulturpflanz:n und Hausthiere‘, S. 149. 

ı1. 14. Das Bier ist öfter als eine Nachahmung des Weines 
(wie hier als simia vin!) bezeichnet worden, z.B. von Vergil, der 
Georg. 11, 376, von den Skythen sagt: pocula l&ti Fermento atque 
acidis imitantur vitea sorbis, von Ammianus Marcellinus, der in 
Rer. gest. XV, ı2,4 die Gallier ein Trinkervolk nennt, vini avidum 
genus, adfectans ad vini similitudinem multiplices potus, von Tacitus, 
nach dessen Germ. 23 potui humor ex hordeo aut frumento in 
quandam similitudinem vini corruptus, s. Hehn, Kulturpflanzen, 
S. 147—1409. 

16. quod mit dem Konjunktiv = ut, wie z. B. Carınina Burana, 
194, Str. 5: vos precor sodales, Auribus percipite novas decretales: 
quod avari pereant et non liberales. 

19. in patre primo = Adam. So de primo padre, Dante, 
Par. XI], ııı. 

20. cibus = fructus ligni, quod est in medio paradisi, Gen.1ll, 3. 

24. cervisialis homo ‘der dem Bier Ergebene’. Du Cange 
belegt unter malpenning aus dem Jahre 1264 das Adjektiv in dem 
Ausdruck denarü cervrsiales ‘ Biersteuer’. 

28. factum stramine. In der Altercatio vini el cercvisie (Z. f. 
deutsches Altertum, XLIX, S. 202), V.ı3 wird das Bier /estuce filia 
genannt. 


E. BRAUNHOLTZ. 


Eine provenzalische Urkunde aus Najac vom Jahre 1310, 


Im November 1907 erwarb ich in Najac, das ich wegen seiner 
prächtigen, das Tal des Aveyron beherrschenden Burgruine von 
Toulouse aus besuchte, die untenstehende Urkunde, Der Ehrentag 
unseres geschätzten Provenzalisten scheint mir ein guter Anlafs zu 
sein, sie endlich der Öffentlichkeit zu übergeben. Möge sie ihn 
an seine eigenen Fahrten im südlichen Frankreich erinnern, die 
er in Gesellschaft desselben Alfred Jeanroy ausführte, dem auch 
ich in Toulouse nähertreten durfte und mit dem ich eine Fahrt 
nach dem östlich von Toulouse gelegenen Verfeil unternahm, an 
die mich seither das Vertfuell des „Jaufre“ so oft erinnerte. Leider 
ist uns, wie mancher andere, auch der treffliche Jeanroy nun durch 
den grolsen Krieg fremd geworden. 

Die Urkunde, ein Notarinstrument, steht auf einem eng be- 
schriebenen Blatt mit eingeritzten, blafsfarbigen Linien in leserlicher 
Schrift von ungleicher Sorgfalt. Der beschriebene Teil mist von 
links nach rechts durchschnittlich 22,5 und von oben nach unten 
17,7 cm. Die Linien sind schlecht eingehalten, wohl aber eine 
am linken Rande befindliche senkrechte. Die Tinte ist im all- 
gemeinen kräftig erhalten. Der Text lautet: 


Noverint universi, presentes pariter e/ futuri, quod nos 

W. Pavielh da Masairolas e Peronela, sa mollzer, ab mardament 
del dig W.Pavielh, mo marit, amdoi e cascus, per nos e per 
totz nostres successors, vendem e desamparam, per aras e per 

5 totz temps, a vos Huc Valade e Na Johana, sa mollser, e a tot 
vostre voluztari una peisa de terra, que avem el terrador de 
Picaucel de Masairolas, que’s cofrozta d’una part ab la vostra 
vizha boulas e mieig e d’autra ab aque/a d’En P. Depueig doze 
boulas e mieig e d’aval ab lo riu de Masairolas et enaisi, coma 
IO sen pueia acapsus, parten de boula en boula tro e la vostra 
vixha. Tot enaisi vos o donam e’'us 0 desamparam per aras e 
per totz temps, coma sobredig es e on miels aras i esei er 
per adenant, e ab sos intrars e ab sos issirs e ab totz sos autres 
apertenemers e ab tot, qwi qwii sia aras ni per adenant, ses 
15 alcu retenemenrt, qwe no'i fam de re, per XII so/s de rodanes 
geritz, Dos e percorrens, que conoissem de vos aver agutz, que 
noinh tenem per be pagaig e voinh solvem. Renuzciaish ad 


40 


20 


25 


30 


39 


40 


45 


50 


95 


HERMANN BREUER, 


exceptzo de no» aguda pccunia, coma sobredig es, e/ doli «/ 
in factum. E-us donam tota la mai valensa, quazt que mai 
valgues aras ni per adena»t, del dig pretz, que donat noinh 
avetz. Renuzciaizh legi, que incipif: rem majoris precii et auc 
de duobus vel pluribus reis. Et em vos tengug de la evicto e 
voizh obliguam totz nostres bes presens e endevenidors. Re- 
nuzciaish omnri jur? canonico ef civik, e ieu la dicha Peronela 
renuzcio Specialiter jurd Vellesanı senatusconsulti, privilegio dotali 
ei omni auxilso mulierum. Et ab aquesta present carta nos li 
dig W. Pavielh e Peronela, sa mollier, nos derevestem de tot lo 
dreig, que avem ela dicha peisa de terra, e'n revestem vos los 
davardigz Huc Valade, Na Johana, sa moller, e voish metem 
en bona posec,o e pazibla ef juramus supra qualluor sancıa 
Dei Evangelia a nobzs corporalster tacta nunguam contra prediciam 
verire seu aliqsid predictorum. Et ieu N’Amielh Valade, pro- 
curaire d’En Bertran de Startemia, donzel, marit de N’Elena, 
flha que fo d’En Bertolmieu R., qui fo sa en reires, e nom 
del dig Bertran per causa dotal de la dicha N’Elena, requistz 
dels davandigz Guillerz Pavielh, Peronela, sa mollier, lauzi e autrei 
a vos li davandig Huc Valade, Na Johana, sa mollir, estan 
a Masairolas sotz la seizshoria del dig Bertran la venda desus 
dicha e las causas, que contengudas i so, ab una carca de froment 
e una emina de sivada, que'n donetz per cad’ an a la S. Jolia 
de ces al dig Bertran o a so luec-tenert a la mesura de Najac 
e VI deniers de reire-acapte, quarzt si escaira. E sas autras 
seinhorias, o mais el primier encartament e[s] ditz, e retieizh, 
id est, que neguna part, ni aquwesta ni las autras, no solvi del 
ces, que dona tota la causa, mas que tot ne sia obligat e autras 
seishorias salvas, se i avenio. Et autrei vos, que'i puescatz far 
deviza, se’us voletz, eus oO prometi gardar e tener deves coma 
las autras de la honor de Najac. Z ie meders e vos agart 
l’acapte e men tieiah per be pagatz e nom del dig Bertran 
de Startemia de totas seinhorias pel temps pasat tro el jorn 
d’uei. E se'n voliatz desissir, ieu lauzaria e nom del dig Bertran 
a tot home de foras, cavalsr o clerc o maio d’orde, estan sotz 
la seishoria del dig Bertran de Masairolas, sas seinhorias salvas, 
e no'i podetz re donar. Asolven/cs testes fuerunf: R. de Tresressac, 
R. Mazenx Spurius, Johan Mazerx ef ego G. Mairhai, pudlicus 
Naiacz notarıus, qui de mandato dic/arum partium hanc cartam 
scripsi ei signavi. Actum Naiacs V° kalendas Januar anno 
dommi M°CCCX? illustrissimo domno Phzlppo Franquworum rege 
regnante. [Hic signaculum notarii.] 


Lesungen: 2 W.] vgl. 36 Guillem, 55 @. — 2 Mas-Airolas? — 


8 P]] Peire — 18 exceplio] excepeio? c und / sind nicht zu scheiden, 
auch o und e gleichen sich sehr — 25 eher de#-; sen-] e undeutlich — 


34 


Hs. 


R.]) Raimon — 43 e]) = en (ind) — 48 ie medeis en vos] 
jeinedeuo/ (der i-Strich sehr schwach, über Z ein Akut), 


EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 41 


Wortschatz: 6 volunları ‘Bevollmächtigter’? s. Levy-Appel, 
Suppl. und Teulet, Zayettes du tresor des chartes I, 314°, 5. — 8 boula 
‘“Grenzstein, Strecke zwischen zwei Grenzsteinen’. Das Wort steht 
noch bei Teulet III, 169? u. 433° und Aug. Vidal, Douse Comptes 
Consulaires d’Albi Il, 77 u. 93 (duola). S. v. Wartburg s. v. *bofina. — . 
10 acapsus ‘bergauf’. — 10 Zarlener ‘sich erstrecken’. — 10 und 
50 ro en ‘bis zu. — 12 on miels ‘in dem Höchstmafse wie’. — 
13 intrar ‘Eingang’, zssir ‘Ausgang. — 15 rodanes ‘Münze von 
Rodez. — 16 gerit, garit ‘garantiert. — 16 percorren 'kurs- 
fähig’. — 17 solver ‘für quitt erklären’. — 18 exception ‘Einrede’, 
‘moyen oppose & une demande judiciaire’ (Behrens l.i.l. — 
18 doli (exceptio) ‘Dolus’, ‘Arglist’, ‘Vorsatz’. — 19 an factum (actio) 
(Klage) auf Tatbestand’. — mai valensa ‘Höchstwert’, ähnlich ma: 


valgues. — 21 auc oder auf‘) mir unklar. — 22 reus ‘Gesamt- 
schuldner’. — evitio ‘Entwehrung’, ‘Entsetzung’, ‘Ausweisung’. — 
23 endevenidor ‘zukünftig. — 25 Velleianum (46 n. Chr.): Inter- 


zessionen der Frauen sind unwirksam und gewähren eine excepftio 
(Taschenwörterbuch zum Corpus juris civilis, Berlin ıgrı1); vgl. benefice 
de Vellein (Schwan-Behrens, Gram. de l’ancien frangais 11, p.74 
dernidre ligne). — 27 derevestir refl. ‘sich (eines Lehens) begeben’. — 
34 que fo ‘verstorben’. — 36 Jauzar ‘billigen’. — 39 carca ‘Last’, 
ein Mals. — 40 emina ein Hohlmals. — Jolian] ihm wurde in Najac 
eine Kirche geweiht. S. Teulet, II, 2686. — 42 reire-acaple (relro- 
accapılum) ‘droit exig& du sous-feudataire A la mort du seigneur ou 
du tenancier’ (Levy). — 42 escager refl. ‘zutreflen’. — 43 on mais] 
vgl. zu 12 on miels. — 43 encarlament ‘charte’. — 45 donar 'ab- 
werfen, einbringen’ (?). — 45 mas que ‘dals vielmehr’. — 46 avenir 
‘zutreffen’, vgl. zu 42 escaser. — 47 devisa ‘Testament’. — deves 
(defensu) ‘geschützt. — 48 e...e sowohl ... als auch. — 
51 desissir] vgl. dessesir bei Schwan-Behrens I. c. Glossar. — 52 de 
foras ‘von auswärts’. — maio (mansione) ‘Haus’, m. d’orde ‘Ordens- 
haus’. 


Sprachliches: Zeisa < *peltia, mieig < mediu; luec < löcu, 
puescals < *pössiatis -scalis, Depueig < de pödıu, pueia < *pödiat, 
u < hödie, amdoi < *ambidui, pagaig < pacalı, tengug < *lenu-uli;, 
n: Jolia < Jolianu, bos < bonos, mo < m(e)um, e< in, inde, so 
< s(u)um, sunt usf., cofronta <.confronlal; noinh < nos inde, voinh 
< vos inde, renunciamh < renuntiamus inde;, sivada < *cibata (Hafer); 
maio < mansıione; lauzi < laudo, promeli < promilto, solvi < solvo, 
tieinh < teneo, relieinh < *reteneo; avenio Z adveni(e)bant. 

Zur Aufhellung teile ich einige von mir persönlich von dem 
Munde des nicht mehr jungen Verkäufers der obigen Handschrift 
abgelesene heutige Patoisformen von Najac mit: du:z raus < duos 
*yvos, niau < növu, fir.k < föcu, ds»k < jdcu, üels < oclo (ls, dz durch- 
weg statt /3, d2); malı < malulinu, su < sunt (su malaus ‘sind krank’); 
gl» (e halb offen) < eecesia; be:bi < bibo, cre:zi (e halb offen) 
< credo. / 


42 HERMANN BREUER, 


Anhang. 


Ich drucke noch eine weitere lateinische Urkunde ab, die ich 
gleichzeitig mit der obigen in Najac erworben habe. Ihr unterer 
. Teil ist abgeschnitten. Der Schrift nach scheint sie wesentlich 
jünger zu sein, 


Noverint universi et singali, presentes pariter et futuri, 
quod facta quadam venditzore per Guilhermum Calveti, patrem 
Guilhermi, et dietum Guilhermum, eius filium, Petro Ribas de 
quadam vinea dictorum, patris et filii, scita (sic!) el campinas 

5 ın feudo, ut ibidem dictum fuit, nobilis Johannis de Palheyrolus 
dominicelli confrontata ab una parte, ut ibidem [dictun:] fuit, cum 
vinea Arnaldi Queronii et ab alia parte cum terra et boygne 
(laygue?) Bertolomei de Amelhone et parte alia cum vinea 
Stephani Coia et si qui sint alii confines, precio undecim librarum 

ı0o et quatuor solidorum Turonensium cum insti/orio super huizsmodi 
verditione sumpto et recepto per me notarzum infrascriptum est 
sciendum cuxctisqze sit notum ut supra, quod constitutus persona- 
liter in presentia mei notarii et testium infrascriptorum dictus 
nobilis Johannes de Palheyrolus, dominicellus et frater dommi 
ı5 Bertrasndi de Palheyrolus, guondam miilitis, dictam vendam 
laudavit et dictam vineam superizss confrontatam tradidit ad 
censum et ad accapitum nuzc et in perpetuum dicto Petro 
Ribas ibidem presenti, stipulanti et recipienti pro se et suis 
successoribzs universis, presentibzs et futuris cum tribzs pon- 
20 haderis anone mensure Caslucii, quas retinuit de censu anno 
quolibet in festo beafi Juliani, et cum uno denario Caturcensz, 
quem cognovit de accapito haduisse, et cum alio denario 
Caturcens’, quem retinuit de retroaccapito, quando accidet, 
domino vel feudatario permutanti et vendis salvis et retentis 
25 ac aliis juribzs feudalibas quibzscumgque consuetis salvo et retento 
per dic/um dominum feudalem, quwod dictus Petrus Ribas neque 
sui dictam vineam superius confron/afam non possit vendere, 
dare seu inpignorare seu alzas ullomodo alienare militi, clerico 
neque domui religiosorum nec dare seu alias (Hs. al) concedere 


30 ad supercensum nec ponere. ....... ne 2 rn 
ee de . aliam servitutem neC .. 2.2. 200% 
Anmerkungen: 4 scala = siıa.. — 4 campinas] vgl. die 

Campine Belgiens; e/] gleichsam e/ terrador de. — 7 wohl kaum 


l’aygue (aigua) ‘Wasserlauf’, eher dboygne, boina (*bolina) ‘Grenze’; 
b ist graphisch mehr gesichert. Unter demselben *doiina reiht 
v. Wartburg obiges bowla ein. Vgl. auch *dudila bei Gamillscheg, 
Franz. Etym. Wört. S.ı18. — 10 cum institorio “mitsamt der Ge- 
schäftsgebühr,. — 11 est sciendum] in Hs. Zs/ mit Punkt davor; 
ich wollte das Anakoluth beseitigen. — 15 venda] romanisch st. 
lateinisch; ähnlich Sonhadera ‘ein Getreidemals. — 20 Casluai] 


EINE PROVENZALISCHE URKUNDE AUS NAJAC VOM JAHRE 1310. 43 


der Stadt Caylus en Quercy (Tarn-et-Garonne); vgl. casirı de Castlus 
Teulet, I, 93, 286®. 

Zeichensetzung: Ein breiter Punkt steht hinter /utur! ı, 
Guilhermi 3, Ribas 3, dominicelli 6, Queronii 7, Amelhone 8, Coia 9, 
Precio q, librarum 9, Turonensium 10, infrascriplum ı1,confronlalam ı6, 
Iradıdıl 16, perpeluum 17, anone 20, Juliani 21, habuisse 22, reiro- 
accapilo 23, accdel 23, permutanli 24, relentis 24, consuelis 25, 
feudalem 26, clerico 28, religiosorum 29, sußercensum 30. Nach 
Caturcensi 2ı (am Zeilenende) langer Gedankenstrich. Im übrigen 
stammt die Zeichensetzung von mir. 

Grofsgeschrieben sind u.a.: Quod 2, Zst 11, Quod ı2, Ei 2ı, 
Et 22, Et 24, Ac 25, Salvo 25. 

Salvo el retenlo geht wohl auf alo denario zurück. 


H. BREUER. 


Zu altit, morfire „fressen“, 


Diez 386 hat altit. morfire „fressen, tüchtig essen“ und afrz. 
morfier dass. bei Carpentier mit mndl. morfen, mhd. murpfen „ab- 
fressen“ verbunden, Th. Braune, Zr?. 2ı, 216 für morfire und morfler 
ein ahd. *murphjan nach alemann. mürpfen, aargauischem mürpfe 
„beim Essen den Mund vollstopfen“ angesetzt und Meyer-Lübke, 
REW. 50682 it. morfire auf ein langob. *mor/jan unter Berufung auf 
mndl. morfen zurückgeführt. Diese Angaben über rom. und germ. 
Verba bedürfen einiger Berichtigungen. Beginnen wir mit dem 
Rom. Wie steht es mit afrz, morfier? Diez führte es aus Carpentier, 
d. i. Du Cange-Carpentier IX, 277b an, wo aber nur auf den Artikel 
morphea 1 des mlat. Wörterbuches verwiesen wird; in diesem Artikel 
V,522a wird morfler erwähnt, aber nicht belegt. Dagegen belegte 
God. V, 408b alierdings morfer „manger goulüment“ aus Noel du 
Fail, Daliverneries d’Eutrapel, chap. 2 und aus „Cinquiesme partie 
de la muse normande“, jüngeres mor fer „manger“ aus Sorels Francion, 
dazu ein von morfier abgelcitetes morfiaille „gourmandise* und 
merkwürdigerweise auch „mauvais vin“ aus Cotgrave, ein von 
morfiaille gewonnenes morfailler „manger avec avidite, devorer* 
aus Rabelais I, 5, wo es gegen den Schlufs des Kapitels steht. 
Somit verzeichnet God. morfier und Ableitungen nur aus Texten 
des ı6. und 17. Jahrhunderts. Es ist ausgeschlossen, dafs ein 
morfier „gierig essen“ im Afrz. des 12, 13., 14., 15. Jahrhunderts 
bestanden habe, ohne ein einziges Mal in der reichen Literatur 
dieser Zeit aufzutreten; man kann nicht von einem „afrz.“ morfier 
sprechen, sondern höchstens von einem mfrz. Worte Herkunft 
dieses morfier von einem altniederfränk. oder ahd. Verbum ist 
wegen des späten Auftretens von morfier unmöglich. Da das Frz. 
des ı6. Jahrhunderts überaus reich an it. Lehnwörtern war, so 
stammt mfrz. morfier wahrscheinlich von altit. morfire „fressen“. 
Da der Stamm und die Bedeutung völlig übereinstimmen, kann 
die Verschiedenheit der Konjugationsklasse die Herleitung nicht 
ausschliefsen. Die von Herzog, ZrP. 23, 370 verzeichneten Fälle 
des Überganges von -ir zu -ier bei echt frz. Verben gehören 
allerdings dem Lothr. und Wallon. an und stützen einen Übergang 
von *morfir zu morfier nicht, das, noch von Pariser Sorel gebraucht, 
wohl vom Pariser Ilofe ausgegangen ist, sich freilich später in die 
Normandie bis Rennes verbreitete, wie der Gebrauch in der „Muse 
normande“ und durch Du Fail aus Rennes zeigen, während der 


JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MOKFIRE „FRESSEN®, 45 


unstete Rabelais sein morfiailler irgendwo kennen gelernt haber. 
kann. Auch in Paris und Umgebung konnte altit. morfire, dessen 
Endung vielen es übernehmenden Franzosen nicht sicher bekannt 
war, unter Bewahrung des z zu den Verben auf -er übergeführt, 
insbesondere ein viel gebrauchtes altit. morffa „er pflegte zu fressen“ 
in 2/ morfioit französiert werden. Meyer-Lübke hat unter den Ver- 
tretern des germ. Verbums im Rom. mfrz. morfier mit Recht nicht 
angeführt, hätte es freilich als Lehnwort verzeichnen sollen. Diez 
und er haben germ. Herkunft von morfire (morfier) unter Berufung 
auf mndl. morfen angenommen. Auch mit diesem Worte hat es 
eine eigene Bewandtnis. Verwijs-Verdam führen in ihrem mndl. 
Wörterbuch 4, 1935 morfen „kauwen, herkauwen“* nur unter Hin- 
weis auf den Artikel morfen, morfelen „ruminare, remandere* im 
Wörterbuch von Kiliaen an, der den Brabanter Dialekt zugrunde 
legte (Te Winkel, Pauls Grundrifs 1?,795), und bemerken schliefslich: 
Het is niet ziker dat het woord in het Middelnederlandsch reeds 
bestaan heeft, doch het is zeer waarschijnlijk om oudfransch morfier 
„vreten“. Dem kann man nur beipflichten. Das von Kiliaen aus 
dem Südniederländ. der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bezeugte 
morfen stammt wahrscheinlich aus dem mfız. morfier, das gleichfalls 
aus dem ı6. Jahrhundert überlie'ert ist und das sich von Paris 
aus wie so viele andere Wörter und Wortformen nicht nur nach 
der Normandie, sondern auch nach dem Norden verbreitete. Auch 
das von Rabelais gebrauchte morfiuiller ist ja nach dem Norden 
des frz. Sprachgebietes vorgedrungen und im Hennegau als morfalier 
„manger avidement“ erhalten. Neundl. murf „Maul“ beweist nicht 
etwa die Bodenständigkeit des mndl. morfen. Franck, Ziymologisch 
woordenboek 662 betont, dals murf erst im Neundl. vorkomme, und 
stellt es zu mndl. morfen, das er als „ouder nieuwnederlandsch“ 
bezeichnet; danach ist murf erst von morfen abgeleitet. Diez führt 
neben mndl. morfen ein mhd. murpfen „abfressen“ an; schon der 
Umstand, dafs einem mhd. murpfen ein ndl. *morpen entsprochen 
hätte, weist darauf hin, dafs morfen nicht bodenständig ist. Dieses 
murpfen verzeichnet Diez wie noch Benecke-Müller-Zarncke, MAd. Wb. 
2, 276 aus Johann Bernhard Frisch, Zeuisch-lateinisches Wörterbuch 
1,675c, der murpfen, murfen „abnagen“ aus Pictorius anführte. In 
den eigentlich mhd. Texten kommt das Wort nicht vor, weshalb es 
Lexer in sein jüngeres mhd. Wb. nicht aufgenommen hat. Es wird 
aber durch schweizerd. murpfe „essen, kauen“ als verächtlicher 
Ausdruck (Staub-Tobler, Schweizerisches Jdiotikon 4,421), aargauisches 
mürpfe „beim Essen den Mund vollstopfen* (Th. Braune, Zr?. 
21, 216), elsäss. mürfle „wie die alten Leute kauen“ in Mühlhausen 
(Martin-Lienhart, Wb.der elsäss. Mundart 1,654), bayr. mur fein, mor fein 
„mit geschlossenen Lippen kauen“ (Schmeller, Bayr. Wb. 1, 1647) 
gestützt. Endlich ist das von Meyer-Lübke im RZW. angenommene 
langob. *mor/jan durch *murpfjan zu ersetzen, das auch Th. Braune 
für das Ahd. angesetzt hat. Man wird also unter Berufung auf 
spätmhd. murpfen und die nhd. Dialektwörter, nicht auf mndl. morfen, 


46 JOSEF BRÜCH, ZU ALTIT. MORFIRE „FRESSEN“. 


ein langob. *murpfjan annehmen, daraus altit. morfire herleiten, 
daraus mfrz. morfier, morfer, daraus mndl. morfen. Bei der genauen 
lautlichen und begrifflichen Übereinstimmung zwischen morfire und 
*murpfjan ist am germ. Ursprung von morfire festzuhalten und die 
Verbindung mit rum. mo/fäl „knabbern, nagen“ aufzugeben, die 
Sainean, ZrP? 30, 310 vornahm und derentwegen er die germ. 
Herkunft von morfire, morfier verwarf. Er nahm onomatopoetischen 
Ursprung an, den schon Meyer-Lübke im RZW. mit den Worten 
„kaum Schallwort* ablehnte. Rum. mo//a: ist wohl slav. Ursprungs 
(Cihac 202). 


Nachtrag. 


Sainean, Sources indigdnes de l’eElymologie frangaise 1, 435 meint, 
morfier stehe für *morfilker, eine Ableitung von morfer. Nun wurde 
morfier 1548 von DuFail in seinen Baliverneries d’Eutrapel gebraucht. 
Er hätte morfier für *morflkr nur dann sagen können, wenn 
damals schon / zu y geworden wäre. Der Wandel von / zu y ist 
aber erst seit 1687 bezeugt (Meyer-Lübke, /rz. Gram. I, 163), 
also 130 Jahre später als morfier bei Du Fail. Saineans Auffassung 
ist somit unmöglich. 


Joser BrRÜcH. 


Revestor. 


Questa voce occorre nel provenzale una sola volta, ch’ io 
sappia.. La ricavo dal luogo, che ora si vedrä, per il quale mi 
rifaccio alle due coblas, a botta e risposta, vivacissime, tra Fa'cö 
e Cavaire: codlas, che riproduco da H 5ı° e P 55'”?, con nuove 
cure critiche.1 Le due redazioni manoscritte sono indipendenti: 
eP, per quanto guasto, rispecchia, io credo, il testo migliore. Le 
varianti, superfluo dirlo, son quelle sole di senso. 


Cavaire, pois bos joglars est, 

digatz me per que‘l pe perdest: 
3 s’aviatz crebat lo revest- 

or, o mort romeu el cami; 

gar tuit mas en vos fan boci: 
6 mas pendre, ardre vos afı. 


Cavaliers, pois joglars lo vest, 
de cavalaria's desvest; 

9 c’us joglaretz del marges d’Est, 
Falcos, vos a vestit ab si: 
e sem demandatz qi'm feri, 

ı2 e’us demanderai gi’us vesti. 


2 d.lopepergep. H. 3 s’'manca H. cremaz P. trobat H. [Accolgo 
la corresione Lavaud, fresso Duc de la Salle de Rochemaure et 
R.Lavaud, Zes Troub. Cantaliens, 11 558; R.Lavaud, Notes Complemen- 
taires, p. 118). 4 ora o azromeuelclam P. or manca 11. 5 ge tot H. 
toz P. vos] uas P. uos fan detras b. H. 6 mas penda arde uos afı P. 
mas eu per me be uos nafı H. 7 Caualier poi uilars P. pois] cui H. lo 
manca H. 8's]elsP. des uetP. 9c’]mancaP. marcheP. 10 Falco H. 
Flacs (= Falcs) P. sa P, Il e sem] per gem H. 12 ge nocaus 
deman H. qe P. os H. 


‘Cavaire, poiche buon giullare siete, ditemi perche il piede 
perdeste: se mai aveste scassinata la sacristia 0 morto un romeo 
su la strada; che tutti se non contro voi fanno boccacce; ma 
impiccagione, bruciamento vi garantisco.' 


ı Per H v. ed. diplom. Gauchat-Kehrli, St. di Fil. Rom., V 521 (187 
— 188); per P ed. diplom. Stengel, Arch. f. d. St.d. neuer. Spr.u. Lit., L 264. 
Cfr. Gr., 111,2; 151,1; e Duc de la Salle Rochemaure-Lavaud, Zes 
Troub. Cantaliens, Aurillac, 1910, Il 558—559; Lavaud, Zes Tr. Cant., 
Notes complementaires, Aurillac, 1910, pp. 117—119. 


48 °  VINCENZO CRESCINI, REVESTOR. 


‘Cavaliere, poiche giullare lo veste, di cavalleria si disveste; 
ch@ un giullaretto del maırchese d’ Este, Falcone, v’ ha vestito del 
suo spoglio: e se mi do:andate chi mi colpi, io vi domanderö 
chi vi vesti.’ 

Tralascio ogni piü largo commento, che, in parte, avrä suo 
luogo altrove, per non toccare se non di revestor. Si tratta d’un 
esempio di rima spezzata, di che rimane traccia nella corrotta 
lezione P. L’altra, H, & invece difettiva d’una sillaba: 

o mort romeu el cami, 


che di -or & sfuggita la ragione, non compresa neppur rell’ altro 
testo, per effetto di quella spezzatura, d’uso, comunque, non frequente 
e familiare.1 E nemmeno a un sagace come il Levy riemerse essa 
dal guasto delle due versioni. ll supplemento raynouardiano registra 
revest, recando i vv. 1—4 secondo H e soggiungendo i vv. 3—4 
di P, senza alcuna anche ipotetica interpretazione. Il Levy si 
rifugiö disperatamente nell’ ampio seno del Tresor mistraliano, 
ripescandovi dal dialetto del Var rev2st, col senso ‘revers, Contraire, 
espieglerie’.”2 Anche il Lavaud non vide che rezes/ e non penso 
a riattaccarlo a -or dell’ ottosillabo seguente in P; ma ebbe l’intuito 
felice del senso vero del vocabolo, per quanto spezzato (reves/), e 
del passo.? 

Per me € chiaro che bisogna leggere, racconciando Pe com- 
piendo H, revestor, alla qual voce corrisponde esattamente reres/orium, 
aggiunto dai Benedettini al Du Cange nel debito posto. 

‘Revestorium, Idem quod supra Revestiartum, nostris Sacrıstia. * 

E revestiarium ha pur esso il suo riscontro provenzale in 
revesliari, col valore, sintende sempre, di ‘sacristia’”.5 Cosi I’ antico 
francese ebbe revestiaire, come, in altra maniera formativa, reveskur, 
reveslitoire, e, cid che piü importa nel caso nostro, revesloir re- 
vestorium, tutto col senso ognora di ‘sacristia’®: il luogo, dove 
i sacerdoti preparavansi, e preparansi, agli offici ed ai riti rivestendosi 
dei sacri paramenti prescritti. 

Lo sciagurato Cavaire, monco d’ un piede, aveva contro a sc 
la voce pubblica, perch& nel medioevo, che tanti criminali puniva, 
con mutilazioni, chi mutilo compariva era assai male raccomandato 
e poteva passare per delinquente; onde il moncone faceva fouf 
simplement accusar Cavaire come strangolatore di romei e come, 
per dire a modo di Dante, 

ladro, alla sacrestia, de’ belli arredi. 
VINCENZO CRESCINI. 


I Diez, Die Poesie der Tr.?, p. 86, n. 2. 

3 Provenz. Sußßl.-W., VII 319. 

8 Les Troub. Cant., I1 558-559 e Notes compldmentaires, p. 113. 

* Gloss. mediae et inf. Lat, .v Revestorium da Revestitorium. 

5 Levy, Proven:. Supßl.-W., VII 3ı9; e Petit Dictionnaire Prov.-Fr. 
Vedi pure vestiari, Levy-Appel, Pr. S.-W., VIll 706; e il corrispondente 
vestiarium, presso Du Cange, col significato anche di ‘guardaroba‘. 

® Godefroy, Dict. de l’a. I. fr., sotto le varie voci. 


Die Wortsippe um aprov. galiar. 


Man könnte die etymologische Kunst mit der Sternkunde 
vergleichen. So wie diese die Bahnen der Himmelskörper, so 
sucht jene die historischen Wege der Wortzeichen festzustellen. 
Und da gibt es nun am romanischen Worthimmel neben allerhand 
Kometen, Doppelsternen, Trabanten u. dgl. auch gewisse Stern- 
haufen oder Sternnebel, von denen wir weder wissen, von wannen 
sie kommen, noch wie sie entstanden, die aber da sind und gerade 
wegen ihrer Rätselhaftigkeit das besondere Interesse grolser Meister 
der Etymologie errangen. Ich nehme nun zur methodischen Be- 
handlung solcher wissenschaftlichen Aufgaben einen vom üblichen 
z. T. geradezu entgegengesetzten Standpunkt ein. Gewils war es 
ein enormer Fortschritt, als Schuchardt auf die Wichtigkeit begriff- 
licher Zusammenhänge in der Etymologie hinwies und seine Beweis- 
führungen vielfach auf der Synonymik aufbaute.e Doch war es 
andrerseits m. E. ein Mifsverständnis und Irrtum, wenn andere, so 
besonders Elise Richter, und teilweise auch Meyer-Lübke, diese 
begrifflichen Brücken, die Schuchardt baute, als historische Ent- 
wicklungsgänge hinnahmen resp. selbst ähnliche „Bedeutungs- 
entwicklungen“ (oft äufserst komplizierter Natur) aufstellten, welche 
sich bei einzelnen Worten ausgebildet haben sollten. Ich halte 
diese synonymischen Beziehungen oft für nicht mehr als rein 
theoretische Konstruktionen, die weit davon entfernt sind, die 
wirklichen Schicksale dieser etymologischen Sternhaufen zu ent- 
hüllen. 

Um mich deutlicher aussprechen zu können, will ich gleich 
auf ein konkretes Beispiel eingehen und zwar auf den dem Probleme 
galiar besonders nahestehenden Aufsatze It. gal/ia von Schuchardt 
(Zs. fr. Ph. 29, 323, hierzu 25, 237 und 30, 214), der zu galiar 
in mancherlei Beziehungen zu stehen scheint. Hier, wie in seinen 
übrigen Etymologien, stellt Schuchardt ein Zentrum für seinen 
ganzen Sternhaufen, einen Stammvater für die ganze Wortsippe 
(wenn man die Sache historisch betrachtet) in It. gala auf. Ich 
halte die Rolle dieses Wortes vom Standpunkte der historischen 
Entwicklung aus für rein fiktiv. Für „Schwiele, Geschwulst, Hals- 
mandel*, die in Sch.’s Gedankengängen eine beträchtliche Rolle 
spielen, standen den Spätlateinern verschiedene ursprünglich von- 
einander ganz selbständige Ausdrücke zur Verfügung, die mit der 

Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVIL. 4 


50 KARL V. ETTMAYER, 


Zeit zu begrifflichen Verwechslungen und lautlichen Kontaminationen 
Anlafs boten: ganglium (speziell das „Überbein“), glandula (die 
„Halsmandel“, im Latein auch „Halsweh, Kropf“ [strüma, tumor)), 
gangraena resp. *cancraena („Krebsgeschwulst*), ga/us bei Orybasius 
(wahrscheinlich „Hüftgelenkentzündung“). Damit verbinden sich 
wahrscheinlich griechische Ausdrücke wie yd@AAıov (bei Hesych) 
für „Eingeweide“ und jenes x&AAaıa („Bart des Hahnes“), von dem, 
wenn es tatsächlich ein vorderasiatisches Wort war, nicht blofs 
It. gallus „Hahn“, sondern auch die yaAAoı („verschnittene Diener“ 
an Kybele) stammen mögen, insofern es ganz gut denkbar erscheint, 
dafs der Hahnenbart als Männlichkeitszeichen auch auf die Hoden 
übertragen sein konnte. Der Wechsel von x < y bereitet, soviel 
ich sehe, kein unüberwindliches Hindernis, — zumal keines dem 
Romanisten gegenüber, der immer damit rechnen muls, dafs die 
griech. Tenues ala rom. Mediae erscheinen, und der deshalb in 
diesen halb medizinischen Ausdrücken auch calum nicht aulser 
acht lassen darf. Wie diese Worte untereinander zu gruppieren 
sind, woher sie stammen, wie sie vertreten sind, ist, wenn auch 
nicht ganz, so doch teilweise für den Romanisten eine cura posterior. 
Tatsache ist, dafs sie vorhanden waren, im Gebrauche standen und 
auch in den romanischen Sprachen ihre Spuren hinterliefsen. So 
ist das ital. gangola (Meyer-Lübke, Z#. Wb. 3777) mit seinen süd- 
italienischen Nebenformen siz. ganguni „grolser Zahn (Überzahn)*, 
calabr. gangularu „Kiefer“, molf. ghengodde „irgend ein Vorsprung“ 
ganz offenkundig von ganglium beeinflust Aber auch *gallıö 
„Halsmandel, Halsweh“, wie es längs der ganzen Adria in 
Italien fortlebt, scheint eher mit ganglium als mit galla zu- 
sammenzuhängen, — hat sich aber, ‘wie seine Lautgestalt zeigt, 
mit xdAAaıov gekreuzt, das unmittelbar in nprov. gaioun, galhow 
„fraise de coq, caroncules de paon* wieder auftaucht. Gewils 
führen semantische Brücken weiter von Geschwulst, Wucherung, 
besonders am tierischen Körper, und zwar einerseits zu harter, 
runder Kiesel, Stein, andrerseits zu Trieb, Schölsling, Knospe, aber 
durchaus nicht immer im entwicklungsgeschichtlichen Sinne, so dafs 
„Geschwulst* zu „Keim“ wurde und nicht etwa umgekehrt ein 
Ausdruck für „Schöfsling, Blütenrispe, Fruchtzweig* den Worten 
für „Geschwulst* angepalst werden konnte. So manche „Wiesel“- 
kräuter, d.h. Zauberkräuter (zu griech. yaAlc), wie z.B. das gallium, 
das die Milch gerinnen macht, oder „Helm“kräuter (zu galea) führten 
von Hause aus Bezeichnungen, die galla nicht unähnlich klangen, 
aber mit dieser zunächst nichts gemein hatten, während andrer- 
seits germ. galle „Schwiele, Blase, Eishöcker“ (so in Tirol) in Frank- 
reich vielfach als rom. Lehnwort hereinspielte.e Dazu kommen 
dunkle vorrömische Wortbeziehungen. Im lilyrischen mufste dem 
griech. 40Aog, ebenso wie im Germanischen eine Form ga/ ent- 
sprechen, daher auch im Illyrischen „dunkelfarbig, schwarz“ event. 
mit diesem Worte wiedergegeben werden konnte. Wenn nun in 
Südtirol galaveise, djalavei: für „Schwarzbeere, Hleidelbeere“ ge- 


DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR, 5I 


braucht wird und ein ähnliches Wort galadere für „aufgeblühte 
Knospe* im Albanischen auftaucht, so wäre es nicht unmöglich, 
dafs auch hier einer von den immer zahlreicher erkennbaren 
Ilyrismen der Östalpen vorläge. 

Kurzum, wo die Synonymik eine etymologische Einheit be- 
hauptet, sehe ich eine homoionyme Vielheit. Nicht das einzige 
It. galla hat die zwanzig oder dreilsig romanischen Worte gezeitigt 
und die mannigfachen Bedeutungen derselben aus sich selbst heraus 
gezeugt, wie sie bei Schuchardt oder im #7. Wb. zu finden sind, 
sondern eine Fülle homoionymer Worte existierte, die zunächst 
ganz verschiedene Bedeutungen trugen, — die aber im Laufe der 
Zeit allerhand analogische und begrifflliche Anpassungsprozesse 
durchmachten, so dafs es geschehen konnte, dals ein Wort, das 
zunächst den Gallapfel bedeutet hatte, gleichgesetzt wurde einem 
andern, das „Überbein“ oder das „Hahnenbart“ bezeichnete, und 
dafs sich daraus jene scheinbaren romanischen Grundtypen wie 
*galliö, *gallitta, *galliamen, *gallofa usw. entwickelten, die nur 
konstruktiven Wert haben, und denen in der realen Wortgeschichte 
kein Platz angewiesen werden kann. Es ist nicht meine Absicht, 
die Etymologien der rom. galla-Sippe hier zu erörtern, weshalb ich 
nur andeutungsweise meine Ansicht darüber äufsern konnte, viel- 
mehr will ich mich dem prov. galiar zuwenden und meine homoio- 
nyme Methode im Gegensatz zur synonymischen Untersuchung 
daran erläutern. Homoionymik heilst zunächst: alle irgendwie 
eruierıbaren Formen, die für ein etiymologisches Problem in Frage 
kommen, sammeln und zwar nicht nur die der romanischen Idiome, 
sondern auch aller jener Sprachen, aus denen die Romanen ge- 
schöpft haben können, also im lateinischen und griechischen Wort- 
schatz, im illyrschen und keltischen, event. auch im germanischen 
und arabischen, oder was sonst noch einschlägig wäre. Dann gilt 
es, die romanischen Formen nach ihrer Lautgestalt, ihrer Bedeutung, 
dem Zeitpunkt ihres ersten Auftretens und ihrer ursprünglichen 
Verbreitung möglichst festzustellen und mit den vorromanischen 
Worten, die in betracht gezogen werden könnten, zu vergleichen. 
Bemerken wir irgend einen begrifflichen oder lautlichen Sprung, 
der eine glatte Identifikation der romanischen Entwicklungsform 
mit dem ihm zugemuteten Etymon nicht ohne weiteres gestattet, 
so ist sofort zu untersuchen, ob nicht ein fremder Ausdruck herein- 
gespielt haben könnte. Das Resultat einer solchen Untersuchung 
ist dann allerdings keine „Etymologie“ in gewöhnlichem Sinne, 
sondern ein mehr oder weniger verästelter und verzweigter Stamm- 
baum von Etymologien oder besser: ein Flufssystem von solchen. 
Zum Ausgangspunkt wähle ich prov. galiar, denn dieses der 
aprov. Literatur ziemlich geläufige Wort, schon lange den Roma- 
nisten aus Guill. Figueira und Guilh. de la Tor bekannt, und das 
im Aprov. eine ganze Reihe von nominalen Ableitungen aufweist 
(galier, galiat, galiador, gahiairitz, galiars), ist ein relativ einfacher 
Fall. Ks kommt nur in einer Bedeutung, der des „Betrügens“ speziell 


4* 


52 KARL V. EITMAYER, 


auch zwischen Ehegatten und Liebenden — besonders seitens der 
Frau — vor und hat keine weiteren Wandlungen durchgemacht, 
denn es ging später in den vielen, gleichbedeutenden Wörtern der Pro- 
venzalen unter. Die älteren auf Bernart v. Ventadorn, Peire d’Alvernhe 
und Raimbaut d’Aurenga zurückreichenden Belege zeigen uns das 
Wort schon früh der höfischen Sprache der Provenzalen angehörig. 
Von anderen rom. Sprachen kennt Guittone d’ Arezzo ein galkare 
— gabbare, und im Nordfranz. bringt Godefroy einen ziemlich 
frühen Beleg aus dem Rou und einen ganz späten aus Guill. d. 
Machaut. Weitere Vorkommnisse konnte ich mit Hilfe der glos- 
siertten Ausgaben nicht eruieren. Auf der iberischen Halbinsel 
verzeichnet Echegaray galeador „embustero“ als veraltet (belegt bei 
Berceo). Aus modernen Dialekten ist es mir nirgends bekannt. 

Meyer-Lübke greift, ohne auf Braune’s Bedenken (Zs. /. r. Ph. 
XXIlI, 206) weiter einzugehen, die Diez’sche Ableitung aus got. 
dvals wieder auf, obwohl sie durch mehr als einen Umstand wenig 
wahrscheinlich erscheint. Weder die gotische Bedeutung (einfältig) 
noch die westgermanische (Irrtum, Ketzerei) will sich so recht in 
die Verwendung von galiar schicken, und lautlich besitzen wir 
nach Auschluls von it. guercio kein zweites germ. Wort, das den 
Wortanlaut dw- den Romanen aufgenötigt hätte, doch zeigt sowohl: 
die germ. Behandlung dieses Wortes als auch die romanische Be- 
handlung von frk. /kwahlja, dals dieses d gewils keine Neigung zur 
Gutturalisierung hatte. Nun gibt es aber ein anderes, im Nordgerm. 
stark verbreitetes Wort, das lautlich und begrifflich besser zu passen 
scheint: nämlich schwed. altdän. galen „nicht bei Sinnen, verrückt, 
verdreht“, das auch ins Englische (gale vgl. Skeat) übernommen 
wurde. Besonders hervorzheben ist, dafs es mitunter auch „gefehlt, 
falsch“ (dän. gal/regne „falsch rechnen“) bedeutet. Das Wort gehört 
nach Torp-Noreen zu anord. gala „bezaubern, Zaubersprüche singen“ 
(vgl. dtsch. Nachtigall) und reiht sich sowohl hinsichtlich des Be- 
deutungswandels „bezaubern, betrügen“ (speziell auch in sexuellem 
Sinne), als auch in dem weder im Nordfrz. noch im Limusin. jemals 
palatalisierten g andern normannischen Lehnworten (z. B. gap) 
einwandfrei an. Die Schwierigkeit liegt nur mehr in der Stamm- 
erweiterung, da ein germ. *galigön ebenso unwahrscheinlich ist wie 
ein hybrides *gal-isare. Letzteres sollte prov. *galejar ergeben (vgl. 
gabejar, falbejar etc. Adams, Woriform. im Prov. p. 357), obwohl 
allerdings vereinzelt auch -sar-Formen (frepiar, seliar) vorkommen, 
die aber aus dem Nordfrz. importiert sein mögen. 

Aulserdem belegt Mistral tatsächlich im Languedoc ein modernes 
galejd, galhejd als „coquetter, faire le fier, badiner, plaisanter, railler, 
faire le coq“, nebst galejado, galejaire, galejage (aus Marseille), dem 
sich bei Labernia ein katal. gal/jar „die Stimme drohend erheben, 
den schneidigen Kerl spielen, Übergehen (von Flüssigkeiten)“ bei- 
gesellt, das sich in span. gallear (alzar la voz con amenazas y 
griterias, sobresalir entre otros, enfurecerse con otro diciendole 
injurias, — aber auch cubıir el gallo a las gallinas) fortsetzt. Im 


DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 53 


Gallego heifst gakcar nur mehr fecundar el huevo par el ‚gallo. 
Im Salmantino belegt Lamano y Beneite zwar galleado (fecundizado), 
doch stellt er dazu das Verb gallar. Dieses ist natürlich lat. gall- 
are (in den Glossen belegt), jenes *gallizare „den Hahn spielen“.1 
Dals in einem Lande, wo die Halınenkämpfe heute noch als Volks- 
belustigung arrangiert werden, vor allem an den Kampfhahn gedacht 
wird, versteht man. Aber die „drohende Stimme“ gehört gar nicht 
in seine Rolle. 

Weder im Kampf noch beim Bespringen läfst der Hahn seine 
Stimme hören, sondern nach erfolgter Begattung oder eventuell 
auf der Flucht. Diese „drohende Stimme“ mufs daher einem 
andern Worte entnommen sein. Tatsächlich zeigen die über ganz 
Frankreich und Italien verbreiteten Reflexe von gallare, *gallizare 
eine ganz andere Einstellung. Ersteres ist hauptsächlich in Süd- 
frankreich und Oberitalien, letzteres im gleichen Gebiete und 
aulserdem noch in ganz Uhteritalien und Sardinien verbreitet. 
Überall bedeutet es „obenauf sein wollen, vergnügt oder prahlerisch 
sein® (it. primeggiare, braveggiare, galluzzare, stare in giubilo). Der 
zänkische Charakter kehrt nur in Sizilien wieder (gaddiar! = sgri- 
dassare, patroneggiare. Biundi) und an einzelnen Punkten in Nord- 
frankreich, so in der Dauphine gaillon: se moquant de nous 
(Ravanat), in den Vogesen (garıd: chicaner, taquiner, deranger) 
und wallonisch in der Wendung fe vla be gailk, te voila bien fier, 
dedaigneux, singulier (Sigart). Dafs Nordfrankreich nur spärliche 
Reste der beiden Verba erhielt, erklärt sich aus dem Verluste von 
gallus. Doch ist die Bedeutung von sp. gallear auf ein anderes 
eigenartiges Wort übergegangen — wenigstens im Osten Frank- 
reichs. In den Vogesen heifst galvauder (nach Haillant) „gäter, 
contrarier*, mitunter „railler, arranger, conduire, commander“. 
Doch der feindselige Sinn scheint vorzuwalten, denn in der Bresse 
übersetzt es Guillemaut mit „mettre en desordre, gäter“ (daneben 
auch fläner), der Die. gen. mit avilir, humilier par reproches, und 
ebenso führt Piat nprov. Synonyma an, die beiläufig „anschreien, 
niederdonnern“* bedeuten. Das Wort kann nur von einem germ. 
Namen *Galabold oder *Galawald stammen: den Galabold spielen! 
Da haben wir das nordische ga/a „etwas beschreien, Zauberlieder 
singen“! Und damit wäre ich zur ersten Bedeutungs- resp. Wort- 
transfusion gelangt: It. gallare „das Bespringen des Hahnes“ resp. 
ein jüngeres *gallizare „den Hahn spielen“ transfundiert mit einem 
aus anord. gala gebildeten Verb resp. dessen Nebenformen, die 
ursprünglich „zaubern“ bedeutet hatten.? Aber die Sache geht 
noch weiter. Auch in Westfranken ist galvauder heute noch mehr- 
fach vorhanden, — aber hier waltet die Bedeutung „fläner, vaga- 
bonder“ vor: so in der Normandie, in der Maine, im Anjou. 


ı WVorbereitet durch ein von gallus ausgehendes, an gaudescere an- 
gelehntes gallescere (cfr. Du Cange). 

8 Unmittelbar liegt nord. galen vor in manc. de galo de travers, con- 
trairement au vrai sens. 


54 KARL V. EITMAYER, 


Danchen existieren ähnlich klingende Wörter wie anj.: envoyer au 
galivage, en voyer qqn au loin pour s’en debarasser, Äfre en galivage 
courir la pretantaine, mainc.: ga/voeee courir par monts et par vaux 
(Dottin). Endlich gehört hierher norm. galigds r&jouissance de;- 
ordonnee, litteralement ripaille de galins-gallois, c’est A dire de gueux 
sans vergogne, de dröles de la pire espece (Moisy). Damit gelangen 
wir zu einer zweiten Worttransfusion; es sind verschiedene bre- 
tonische Wörter, die sich dem nord. ga’a beigesellten: galvoeee 
entspricht einem germ. *walhiskare, ist also eine verbale Ableitung 
zu afrz. galesc, galois, jenes bekannten afrz. Namens der Bretonen 
(Gales), welcher uns seit dem 14. Jh. als generelle Bezeichnung 
eines lustigen Gesellen, guten Kameraden, Spalsmachers, einer 
hübschen Sache usw. entgegentritt. Die Verwendung des Wortes 
in diesem Sinne muls indessen wesentlich älter sein, denn nprov. 
galoi „jovial, joyeux, de belle humeur“, muls, obwohl in der aprov. 
Literatur nicht belegt, nach Ausweis seiner Lautform, schon am 
Beginn des ı3. Jh’s, wenn nicht schon im ı2. in Südfrankreich 
Verbreitung gefunden haben. Wir müssen wohl annehmen, dafs 
die bretonischen Laissänger & la Bledherik seit den Tagen Hein- 
richs I. bis in die Provence hinab, ja selbst weit nach ÖOberitalien 
hinaus, wohlbekannte Gäste waren, denn heute noch sagen die 
Bormij: canlar in galf$ (allerdings von den Hühnern, da wieder 
eine Transfusion mit gal/ „Hahn“ eintrat), die Mailänder ride rn 
galesch ridere sardonicamente. Ich kann mir wohl denken, dafs 
diese Leute von jenseits Broceliande nicht blols ihre Mabinogion- 
Geschichten (wohl meist in halbfrz. Sprache!) vorgetragen haben, 
sondern auch praktisch das „Zaubern“ als bequemes Mittel, sich im 
Leben durchzuschwindeln, nicht verschmäht haben werden. Das 
obige galigas wäre demnach geradezu als gali-gabs (zu afız. gaber, 
bret. goaß) zu deuten. Auch galivage erscheint mir als eine scherz- 
hafte Umdeutung des seit dem Beginn des 15. Jh.’s auftauchenden 
romavage „Pilgerfahrt“, dem bekannten roumavagı der Felibres. 
Ob noch weitere Bretonenworte resp. Ausdrücke, mit denen man 
die Bretonen kennzeichnete, hereinspielen, wage ich nicht zu ent- 
scheiden. Dem frz. galvander sieht nicht blols galvage, sondern 
auch bret. galvaden „cri d’appel“ (zum gleichen idg. Wortstamm 
wie anord. gala gehörig) sehr ähnlich. Doch sind lautliche wie 
begrifliche Schwierigkeiten damit verbunden, die ich nicht zu 
überwinden vermag. 

Nebenbei möchte ich erwähnen, dafs auch galvauder alleıhand 
Transfusionen mit galoper (besonders im Westen), mit deborder 
(gren. galıbourdd), mit bonfemps (gren. und tarant. galabontein und 
ebenso schon im Vaux de vires des alten Basselin als galedbontemps, 
vgl. Godefroy), endlich mit doffes (manc. galibotE marcher dans la 
boue) durchmacht. 

Doch vor allem werden wir afrz. galer (resp. esgaler) unsere 
Aufmerksamkeit zuwenden müssen. Dafs dieses nach Godefroy 
schon im 14. Jahrh, in der frz. Literatur besonders im 15. und 


DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 55 


16. Jahrh. belegte Wort mit den galois zusammenhängt, kann kaum 
bezweifelt werden. Seine Bedeutung „s’amuser, se r&jouir, danser, 
faire la noce“ (God.), die namentlich in den modernen Dialekten 
vielfach im speziellen Sinne des Herumziehens von Wirtshaus zu 
Wirtshaus und dabei Excedierens gebraucht wird, schlielst sich 
ganz eng an die Wortgruppe an. Schon Rustebeuf gebraucht das 
gale im Sinne von rejouissance.1 Bei Villon finden wir faire la 
gale se livrer & la joie, au plaisir. Dazu das heute in ganz Öst- 
frankreich verbreitete ga/e m&chante personne, das auch im Westen 
(norm. mauvaise gale m&chante personne) gelegentlich auftaucht. 
Wir sind hier dem galiar, von dem wir ausgingen, sehr nahe- 
gerückt. Tatsächlich kann man unmöglich erkennen, ob afrz. galie 
„prostituee“ (Bastard de Bouillon, heute noch in Savoyen), galier 
coureur de galas, homme de joyeuse humeur (u. a. bei Rabelais) 
und galeresse (God. 1279) zu obigem galer oder zu galiar, galiador, 
galiairitz zu stellen ist. Aber auch andere Ausdrücke sind kaum 
zu unterscheiden. Godefroy zitiert aus dem Blanchandin die Form 
gaalise, das mit mit. gadalıs (afrz. jael, jaial, prov. gazal, bret. gadal) 
ein früh belegtes, etymologisch dunkles Wort für „Prostituierte“ ist. 
Auch kelt. ga/ „Kraft, Macht“ spielt offenbar herein, wenn Jehan 
de Preis das Wort gakois (lies: galois) für „fort, venerable* ver- 
wendet. Das ist schliefslich nicht verwunderlich. Dafs Bretonen 
in England und vielfach auch in Frankreich umherzogen, wissen 
wir, dafs sie dabei auch Erzählungen ihrer Heimat zum besten gaben, 
ist wahrscheinlich. Dafs sie dieselben in rein bretonischer Sprache 
vorgetragen hätten, ist kaum denkbar. Das afız. drefunner wird 
wohl ein keltisch-französisches Kauderwelsch gewesen sein, ähnlich 
dem Franko-Italienischen in Oberitalien; und da konnte es wohl 
geschehen, dafs bretonische Worte im Sinne gleich- oder ähnlich- 
lautender französischer Ausdrücke Verwendung fanden, und um- 
gekehrt. Darum müssen wir, sobald wir in diese Sphäre geraten, 
das Bretonische ebenso berücksichtigen wie das Französische. 
Wenn die Franzosen die Bretonen als die galeis oder galoıs 
bezeichneten, so hiels (resp. heifst heute noch) umgekehrt auch 
der Franzose (und Engländer) bei jenen gal/ oder gallö, d. i. 
Fremdling. Man glaubt dieses Wort mit Suffixwechsel an dtsch. 
Gast, It. hostis anknüpfen zu sollen. Aber ich hege in dieser Hin- 
sicht meine Zweifel. Das neukeltische Verb für „gehen, werden“ 
besteht ähnlich wie der französische Ersatz für It. ie, aus einer 
Auswahl nur mehr defektiv flektierter Verba, unter denen ein 
Stamm *all die Aufmerksamkeit des Romanisten besonders erregen 
muls (vgl. Pedersen, Vgl. Gr. II, 452). Zu diesem gibt es nun 
Präteritalformen mit einem schwer erklärlichen Vorschlags-g: corn. 
gallas „er ist gegangen“ resp. Part. gyllys (l.c. p. 275). Dieses g 
kann durch Einmengung der Flexionsformen von gallaf „ich kann“ 


1 Hierher vielleicht auch das bei G. de Coincy belegte gauler = dis- 
siper (?) (God.). 


56 KARL V. ETTMAYER, 


eingedrungen sein. Es ist nun merkwürdig, dafs die beiden Namen, 
unter denen die Kelten in Südeuropa auftraten, als Galli in Italien 
und als [«&Aaroı in Griechenland und Kleinasien, gerade diese 
beiden Wortstämme enthalten. Der Name der Gall wird schon 
lange als „Fremdlinge* gedeutet, und die kühnen Geschichts- 
konstruktionen, die man benötigte, um zu erklären, wieso die 
Gallier sich selbst als die „Fremden“ hätten bezeichnen können, 
werden überflüssig, wenn man an Stelle dessen „Wanderer “ setzt 
(und als solche sind ja die Kelten tatsächlich nach Italien gekommen). 
Der Wanderer ist aber derjenige, „der gegangen ist“ (d.h. aus 
der Heimat fortzog), so dafs zwischen dem Präteritum von „Gehen“ 
und der römischen Volksbezeichnung tatsächlich ein Zusammen- 
hang bestehen kann. Dafs in einem defektiven Verb alte Sprach- 
reste fortleben können, ist an sich wahrscheinlich... Dazu kommen 
aber noch einige weitere Indizien. Gewisse wandernde Händler 
und Handwerker hielsen bei Griechen und Römern gallodromi, es 
scheinen nach den Berichten (siehe Thes.) die antiken Vorläufer 
der mittelalterlichen galoıs gewesen zu sein, die bis nach Hispanien 
kamen. Ich glaube nicht, dafs Leumann das Wort richtig mit 
usque in Galliam currentes übersetzt, denn Gallien war für die 
antiken Kulturländer bei weitem keine ultima Thule — ich meine 
vielmehr dafs galli selbst „die Wandernden“ hiefs, dem erklärend das 
griech. doouoL beigefügt wurde. Auch die jungfräulichen britan- 
nischen Priesterinnen, die Gallisenae (bei Mela 3, 6, 48), mögen 
recte galli-genae („von Fremdlingen oder Wanderern Abstammende*) 
gewesen sein, — daher ihre Jungfräulichkeit! Endlich scheinen 
die cisalpinen Gallier ein Wort dieses Stammes besessen zu haben, 
denn die in den lombardischen Alpen noch erhaltenen Wendungen 
mandär in galia (Bormio) „in die Fremde schicken“, /erra di galia 
(Posch) „fernes Land“ können sich natürlich weder auf Gallien, 
noch kaum auf Galiläa beziehen. Auch zum mittelalterlichen Bre- 
tonischen finde ich keinen Weg. 

Der Name der Galat! wird aber wohl mit Recht als die 
„Mächtigen“, die „Starken“ gedeutet — sie waren aber ebenso 
auf Kriegswanderschaft begriffen gewesen wie die italischen Galli. 
Ich frage mich daher, ob da nicht mehr als eine blofse Laut- 
ähnlichkeit zwischen den beiden Namen bestand, — sei es, dafs 
ein alter Ausdruck für „mächtig sein, zeugen* — zum Begriff 
„werden, gehen“ übergeleitet wurde, sei es, dals schon die auf 
Kriegsfahrt befindlichen Kelten die Ausdrücke für „wandern“ und 
„mächtig sein“ miteinander vermengten. 

Ich mufste bis in diese dem Romanisten wenig vertraute 
sprachliche Prähistorie zurückgreifen, denn das afırz. Wort galer, 
nprov. galejd bedeutet nicht blofs „sich vergnügen, excedieren“, 
sodern hat noch manche weitere Verwendungen gefunden, die mir 
auf ein weit höheres Alter, als das zunächst in Betracht gezogene, 
zu verweisen scheinen (auch diese Bedeutungen sind allerdings nicht 
vor dem 14. Jh. belegt). Von Amyot bis Lafontaine wird galer öfter für 


DIE WORTSIPPE UM APROV. GALIAR. 57 


„reiben, bürsten, kratzen“, daneben auch für „schlagen“ gebraucht. 
Puitspelu führt Iyon. galöre für eine „steinbeschwerte Bodenbürste“ 
an, Moysi gibt „schlagen“ an. Daneben in der Normandie, Anjou und 
Maine galeter, galter battre l’air avec les bras en proie ä une suflo- 
cation violente (Verrier et Onillon), se tordre dans l’agonie (Dottin). 
Man denkt hier natürlich an Aalefer — aber woher dieses? Der 
Kampfhahn ist beim Sterbenden kaum das Vorbild gewesen. Aber 
dazu gehören nun begrifflich einige nprov. Formen, die wieder an 
*gallizare erinnern. Mistral übersetzt galejd im Lim. und Lang. 
mit cerıbleer — gemeint zu sein scheint das „Worfeln“. Das von 
ihm zitierte Beispiel aus Bonnet ergibt aber den Sinn der „im 
Wind bewegten Getreideähren“. Die gleiche Verbalform aus dem 
Querci kennzeichnet die Bewegungen der Forelle (oder eines 
andern Fisches) zwischen den Steinen des Baches. Es mufs mithin 
in Westfrankreich irgend ein Wort gegeben haben, das „unnuhig 
hin und her bewegen“ bedeutet hatte und in verschiedenster Weise 
Anwendung fand. Auch in Oberitalien glaube ich Spuren eines 
solchen Wortes gefunden zu haben. Piem. ga/avia „eine Art Dresch- 
flegel“ kann natürlich kein direkter Abkömmling von piem. kavara 
(vgl. Meyer-Lübke, WS I, 239) sein, das allerdings zu caballus 
gehören mag. Lomb. gar wird ı. für den Laubengang, in dem 
sich der Vogelsteller ungesehen bewegen kann, 2. für den Kanal 
oder die Grube, in welcher der Gerber seine Felle einlegt, 3. ver- 
einzelt auch für den Wagen gebraucht, jedenfalls handelt es sich 
immer um einen Weg resp. ein Mittel zum Fortbewegen. Ob it. 
galleria ursprünglich den „Wandelgang“ bezeichnete, mufs dahin- 
gestellt bleiben, — ich lasse es daher hier beiseite. Für alle diese 
Worte ist keine irgendwie befriedigende etymologische Verbindung 
zu finden.! Ich denke nun an folgende Möglichkeit. Gesetzt, 
der kelt. Wortstamm *al/ mit der Präteritalform *gal/ hätte schon 
im Altgallischen bestanden, so würde sich aus ersterem bei Über- 
nahme ins Romanische die Quelle zum präsentischen *alare „gehen“ 
ergeben, wie es uns in den Keichenauer Glossen begegnet, wie wir 
es aus nordfrz. aller und altfurl. alar kennen. Gewils wäre das 
keltische Wort kaum von den Romanen rezipiert worden, wenn cs 
dem It. amöulare nicht so ähnlich geklungen hätte. Aber andrer- 
seits konnte amdulare nur auf altkeltischem Boden *allare ergeben. 
Daneben mülste m. E. ein präteritales *gallare gestanden haben 
„auf der Wanderschaft sein, sich unruhig hin und her bewegen“, 
das in die verschiedensten Wortbildungen hineinspiclen konnte. 
Und dieses altgallorom. *gallare hätte den viel späteren Ableitungen 
aus afrz. galois gewissermalsen vorgearbeitet. 

Aber damit ist die Form gakar noch immer nicht erklärt, 
obwohl einiges des homoionymen Gesamtbildes vor und nach dem 
Auftreten dieses Wortes bereits festgestellt werden konnte. Mit 


2 Aus Raummangel mufs ich es mir versagen, diesen Satz im einzelnen 
zu erbärten. 


58 KARL V. ETTMAYER, 


*gallizare steht galiar in keinerlei näher formulierbarem Zusammen- 
hang. Alle anderen etymolozischen Schürfungen führten immer 
wieder zu einem Verb *gallare. Und ob ich vom anord. gal2, ob 
ich vom Bretonischen oder dem Altgallischen ausgehen wollte, 
immer wieder stiefs ich bei meinen Versuchen, eine Erweiterung 
des Präsensstammes ansetzen zu wo:len, auf Schwierigkeiten und 
Bedenklichkeiten. So festigte sich im Verlaufe meiner Untersuchung 
in mir immer mehr die Überzeugung, es müsse noch eine weitere 
Worttransfusion mit einem lateinischen Worte stattgefunden haben, 
das der s»inerzeitigen Schriftsprache angehört hatte und in halb- 
gelehrter Weise das / vor dem Hiatus ; nicht zur Palatalisierung 
brachte (also nach Art von palie, navilie, milie, concılie). Als solches 
kann aber nur gaka resp. eine davon ausgehende Ableitung in 
Frage kommen. Etwa It. gakare? Es ist belegt und bedeutete 
mit der galea bedecken, infolgedessen „verbergen“ (CGl. V 639, 25). 
Aber ı. ist das Verb selten und namentlich in späterer Zeit nur 
bei Tertullian und Priscian belegt (cf. Z’hes.), 2. gibt es keinen 
rechten Sinn. Es ist im Romanischen kein Reflexiv, und andrer- 
seits ist eine Wendung „jemanden betrügen, indem man ihn mit 
dem Helm bedeckt(?) oder verbirgt (?)* unverständlich. Auch eine 
direkte Anknüpfung an galea ist nicht dienlich. Man erfährt aus 
dem T7%hes. nur, dals die galea namentlich in späterer Zeit (Isidor 
zum Trotz) gewils nicht aus Leder, sondern aus Metali (cristata, 
nılens, gemmis [ornata] etc.) gefertigt war, ja sogar schon Varro 
sagt aerea terla nitel galea, so dals die Ableitung aus yal&n „Wiesel- 
fell hier fraglich erscheint; sodann, dals eine galea auch als Gefäfs 
(bes. für Wasser) dient, und dafs Columella einmal den ap.x gal- 
linae mit der (gehörnten) ga/a gleichsetzt.e Auch Drac. Rom. 
(Ende 5. Jh.) spricht einmal von einem galealus afex. 

Offenbar ist hier galeatus apex als Umschreibung für gakar 
gebraucht, der kein Helm, sondern eine Fellmütze war (auch die 
Perücke wird damit bezeichnet), in spätlateinischer Zeit aber jede 
Art von Kopfbedeckung bedeutet zu haben scheint. Es ist die 
seltenere, doch noch bei Cassiodor und Frontinus gebrauchte Form 
gegenüber dem gleichbedeutenden galerum (auch mask.). Es dürfte 
eine altgriechische und altitalische Art von Kopfbedeckung bes. 
der Hirten gewesen sein, denn wenn sie Vergil den Pränestinern, 
Statius den Arcadiern zuweist, so können diese Dichter dies gewils 
nicht ohne Stützung auf irgend eine Tradition getan haben. In 
der Zeit Suetons trägt man es in den jopinis. Es scheint sich tat- 
sächlich um Felle von Wildtieren (Wiesel oder Wölfen) gehandelt 
zu haben, ähnlich der sard. mas/fruca. Daneben bezeugen die 
Glossen deutlich seine Verfertigung aus Binsen mit mantelartigem 
Charakter (falleum). Seine Form scheint ebenfalls gewechselt zu 
haben, da es bald der ara, der mitra, dem cıdaris (aus Linnen), 
dem filleus, calamaucus, CG1.NV,522 auch dem capellus „Hut“ gleich- 
gesctzt wird. Auch während und nach der Völkerwanderung ist 
das galerum allgemein üblich, ja dient sogar als nomen genericum 


DIE WORTSIPPE UM APROV, GALIAR. 59 


für „Kopfbedeckung“ überhaupt.! Bei Claudian (Ende 4. Jh’s) 
lesen wir Alercurius galero teclus. Im Conc. Matisc. (a. 585) heifst 
es secwlares galerum de capıite auferant („haben ihr Haupt zu ent- 
blöfsen“) usw. 

Mit dieser starken Verbreitung des \Vortes geht Hand in Hand 
ein militärischer Legionärausdruck. Schon Caper und später Vegetius 
berichten, dafs die calönes (d. i. die Trofssklaven, welche ihren 
Herren ins Feld folgen) und die Zixae (d. i. die Marketender), 
galearii, auch galiarii, galliaru genannt werden, — offenbar das 
galear der cassis gegenüberstellend („bemützt“, nicht „behelmt“.) 
Dafs diese mit den Heeren herumziehanden Leute ein übles Volk 
sind, ist nur zu verständlich, weshalb sie denn auch als /afrones, 
buccellarüi etc. bezeichnet werden. Auch bewaffnet scheinen sie in 
späterer Zeit gewesen zu sein. Andrerseits ist aber von Wichtigkeit 
die Glosse *galzarıius (geschrieben gallarius) (CG. V, 600), also opifex 
infimi generis und galiaria (eine von Caper getadelte Angleichung 
an Zxra), negotii alieni mercator (CG/. V, 204). Wir erinnern uns 
der gallodromi, die ich als wandernde, keltische Händler betrachtet 
hatte, — hier scheinen sie als gakarıl wiederzukehren. Der Aus- 
drack duccellarü, ein in der Völkerwanderung ausdrücklich bei Goten 
bezeugtes und bei den Römern verbreitetes Wort, wird glossiert mit 
parasitus, adulator, blanditor, scurra. Ich glaube, dafs die Laut- 
ähnlichkeit zwischen galearıus und gallodromi kein Zufall ist, und 
dals das fahrende gallische Volk der römischen Zeit einen guten Anteil 
am Trols der Legionen und der germanischen Kriegsscharen gehabt 
haben wird. Das Wort verschwindet auch nach der Völkerwanderung 
noch nicht. Du Cange belegt galiator nebulo, flagitiosus und galiare 
„vagabundieren und betrügen“. Im 12. Jh. wird galialor in galiardus, 
später goliardus (mit Anlehnung an gula oder collegium ?) umgesetzt. 
Und damit sind wir bei der letzten Worttransfusion angelangt. Ein 
halbgelehrtes Wort gal.arıus kreuzte sich mit dem mehrfach ent- 
springenden *gallare und ergab galealor, woraus ein *galare ab- 
geleitet wurde. Es ist der vornehmste, gebildetste Ausdruck für 
dieses fahrende, gallische Gesindel gewesen, der der mittelalterlichen 
Gesellschaft zur Verfügung stand und den provenzalischen Hof- 
sängern nicht unwürdig erschien, in ihre Kunstsprache aufgenommen 
zu werden. Im Volke ganz Frankreichs war das Wort auch ver- 
breitet, hier hat es das /mouilliert! Es ist hier auch zu einer viel 
günstigeren Bedeutung gelangt, denn Turold schreibt v. 3113: 


Gent ad le cors gaillart et ben seant 


worin ich wieder eine Umdeutung im Sinne von bret. ga/ „Kraft“ 
erblicke. ennoch ist es auffällig, dafs dieses heute noch allent- 
halben übliche Wort von keinem der höfischen, nordfrz. Dichter an- 
gewendet wird. Ein übler Beigeschmack muls ihm doch angehaftet 


1 Milo, der Lehrer Hukbalds (Ende 9. Jh.’s), bezeichnet damit geradezu 
das „Kinderhäubchen“ (Mon Ger. P. I, m:daev. ILL De sobrietate v. 913). 


60 KARL V. EITMAYER, DIE WORTSIPPE UM APROV. GALLIAR. 


haben. Dafs germ. geil in Nordfrankreich auch mit beteiligt war, 
ist möglich, aber nicht notwendig anzunehmen. 

Ich bin mit der Untersuchung eigentlich noch nicht zu Ende. 
Dem galiador hängt sich der galiot „Pirat, Seeräuber, Ruderer* an, 
der, von galie „die Galeere“ ausgehend, namentlich seit dem 16. Jh. 
im Gebrauch an den alten galiador öfters anklingt. Das Wort galıe, 
galee selbst scheint eher mit dem Keltischen als mit dem Griechischen 
zusammenzuhängen, wo weder x&4o» noch Yan einen wahr- 
scheinlichen Anschlufs bieten, besonders mit Rücksicht auf die dem 
Mittelmeer fehlenden, von den Romanisten wenig berücksichtigten 
mhd. Formen galine, galinaere, die mir eine keltische Grundform 
gal-äfa resp. gal-ina als „Kampfschiff“* wahrscheinlicher machen. 
Auch die Geschichte von gal/ant ist keineswegs einfach. Zunächst 
eine Art Brigant bezeichnend, wird es wohl das Part. präs. zu galer 
gewesen sein, das aber nicht den ersten Ausgangspunkt gebildet 
haben dürfte, vielmehr leitet eine Reihe mittelalterlicher Zeugnisse, 
wie das bei Du Cange gebuchte galo „Strafe der im Konkubinat 
lebenden Priester (England)* zu den gallantes der Antike (Varro, 
Plinius = insanientes), die sich wieder bei den verschnittenen 
Kybelepriestern, galli genannt, verlieren, womit wieder ein neues 
Glied der ganzen düsteren Wortgruppe einzureihen ist. Dafs gala, 
gallon mit galla (Meyer-Lübke, £1. Wib. 3655) nichts mehr zu tun 
hat, brauche ich wohl nicht erst zu erweisen, wohl aber möchte 
ich bemerken, dals it. galluzzare zu galluzzo „junger Hahn“ gehört 
und teils an galer, teils an galligare angelehnt wurde. Manches, 
was Schuchardt mit gal/z verband, ist von frz. gaule (Meyer-Lübke 
9496) nicht zu trennen. So reiht sich ein Ausdruck an den andern, 
und man fände füglich kein Ende. 

Ich hätte die ganze Abhandlung in drei Zeilen erledigen 
können: aprov. galiar, afrz. galier stammen nicht, wie seit Diez 
angenommen wurde, von got. dvals, sondern von halbgelehrtem, 
mittelalterlichem lat. galiator, das selbst auf spätlat. galearıus zurück- 
zuleiten ist, und das Verb nach sich zog. 

Aber wer verstünde dadurch, wieso der „Bemützte“ zum 
„Betrüger“ werden konnte? Und wer begriffe, was für Leute 
diese Betrüger waren und wie sie Betrug übten? Wie sich dieser 
Ausdruck zu begriffsverwandten und ähnlich klingenden Wörtern 
verhält ? 

Die etymologischen Deszendenzreihen sind recht schön, und 
Bedeutungssynonymik ist ein wichtiges Hilfsmittel zur Feststellung 
etymologischer Zusammenhänge. Aber beide hängen historisch in 
der Luft, wenn nicht das hinzutritt, was ich das Studium der 
Homoionymie nenne. 


Karı v. ETTMAYER. 


Die reflektierte Handlung im C/iges. 


Cliges ist der Roman, mit dem Chrestien von Troyes den 
Geschmack seines höfischen Publikums am besten getroffen zu 
haben scheint. Es liegt nahe zu untersuchen, durch welche Art 
der Erzählungskunst diese Wirkung erreicht wurde. Es genügt 
nicht, wenn man sagt, das sei durch die Zeichnung des Wunsch- 
bildes der ritterlichen Kultur geschehen. Ebenso wichtig ist die 
Frage, wie dieses Wunschbild in der Erzählung ausgewertet ist. 
Zu ihrer Lösung soll die folgende Arbeit einen Beitrag bringen. 

Derartige Untersuchungen drängen sich jetzt auf, gerade wenn 
wir einen Meister der Generation ehren wollen, die uns voraus- 
gegangen ist. Wir zeigen unsere Bewunderung, wenn wir auf dem. 
von diesen Gelehrten gelegten Grund weiterzubauen versuchen. 
Erst war es nötig, die Texte sicherzustellen und die Einzelkunst- 
werke von aulsen zu stützen: durch Datierung, Erschlielsung von 
Lebensumständen des Dichters, von Quellen, von literarischen und 
kulturellen Parallelen. Jetzt drängt sich der Teil der Interpretations- 
aufgabe in den Vordergrund, bei dem die altfranzösischen Epen 
von innen heraus erforscht werden, als Kulturausdruck und als 
dichterische Leistung. Das bedeutet nur eine leichte Schwerpunkts- 
verschiebung bei der Erklärung. Exakte philologische Arbeit ist 
hierbei nicht weniger notwendig als früher. Nur versucht man 
sie noch mehr als bisher auf die Unterscheidung von Inhalt und 
Stoff, von Kulturausdruck und Kulturerscheinung, von stilistisch- 
ästhetischer Erkenntnis und Werturteil auszudehnen. Einzelunter- 
suchungen in dieser Richtung widersprechen dem erstrebenswerten 
Ziel der Gesamterkenntnis nicht, auch wenn sie einseitig sind; es 
kommt nur darauf an, dals man von dieser einen Seite aus etwas 
Wesentliches sehen kann. 


Cliges zerfällt in zwei Teile; im ersten handelt es sich um 
die Brautfahrt von Cliges’ Vater Alexander, im zweiten um die 
Liebe des Cliges zur Frau seines Oheims. Er genielst ihre Liebe, 
ohne die gesellschaftliche Konvention allzusehr zu verletzen und 
gewinnt sie schliefslich zur Frau, nachdem durch List die Voll- 
ziehung der Ehe mit dem ersten Mann umgangen ist. Diese 
Handlung ist aber nicht der wesentliche Inhalt des Romans; sie 
ist nur scheinbar sein Gerüst; die Handlungskurve wird überdeckt 


62 ARTHUR FRANZ, 


durch die Wirkungskurve; der Inhalt gruppiert sich um Wirkurgs- 
höhepunkte und ist nur notdürftig auf den epischen Faden auf- 
gereiht. Als wirkungsvoll aber ist der Teil des epischen Geschehens 
herausgearbeitet, der vor teilnehmenden Zuschauern sich abspielt, 
oder für die das Interesse des Lesepublikums anzunehmen ist, 
weil das Idealbild seiner gesellschaftlichen Konventionen darin ab- 
gespiegelt erscheint. Diesen Teil des epischen Inhalts kann man 
als reflektierte Handlung bezeichnen. 

Der Dichter tritt öfters aus seiner epischen Objektivität heraus 
und spricht zu seinem Publikum von seinem Metier; dann nämlich, 
wenn er andeuten will, dafs die Ausführung der Erzählung an sich 
die Hörer wahrscheinlich langweilen würde: 


2358 Por tant qu’as plusors despleüst 
Ne vuel parole user ne Perdre, 
QOu’a miauz dire me vuel aerdre. 


Gegenüber den Täuschungsmanövern mit dem Trank, der Alis 
impotent machen soll, wird das äufsere Geschehen bei Hochzeit 
und Ehe ganz kurz abgemacht; mehr ist nicht nötig, sagt der 
Dichter dreimal (V. 3241. 3246. 3263). Eine Geschichte, die die 
Hörer schon wissen, braucht nicht noch einmal erzählt zu werden 
(5536—40; vgl. auch 2855 etc), V.4036 sagt der Dichter, dals 
er seine Geschichte durch die Aufzählung der einzelnen Teil- 
nehmer am Turnier nicht in die Länge ziehen wolle. Indirekt 
deutet er damit den Gegensatz seiner Darstellungsart zu der ver- 
alteten der chansons de gesie an. Aber dann, wenn diese Personen 
interessant werden, werden sie zum Teil doch genannt und auf- 
gezählt. Ebenso werden Alexanders Gefährten, als sie sich vor 
Artus zum Ritterschlag präsentieren, nicht einzeln genannt und 
alle Einzelheiten dieses Vorgangs bewulst weggelassen: 


1209 Chevalier sont, a tant m’an tes. 


Denn es handelt sich in diesem Augenblick nur um den Gesamt- 
eindruck, den das glänzende Gefolge des Königssohrs auf die 
Umgebung macht. Aber später, V. 1280, als die jungen Ritter 
ihre erste Tat tun sollen, und das Licht der Aufmerksamkeit auf 
sie gefallen ist, werden sie von Alexander alle ı2 namentlich auf- 
gerufen. — Das sind direkte Hinweise des Dichters auf seine Ab- 
weichungen von der rein epischen Kompositionsart. 

In zweiter Linie gibt uns die Einteilung des Romans in 96 
Abschnitte einen objektiven Anhalt für die Wertung der Wirkungs- 
szenen gegenüber dem einfachen Handlungsverlauf. Die Abschnitte 
sind ungleich lang; der kürzeste umfalst acht Zeilen (V. 2193 ff.), 
der längste 292 Zeilen (V. 4283). Es ist nicht anzunehmen, dafs 
die Einschnitte von den Schreibern herrühren. 

Fast ein Drittel der Einschnitte stehen nicht an der Stelle, 
an der man sie nach dem epischen Inhaltsverlauf erwarten sollte. 
Sie markieren nicht die Handlungstäler, sondern die Wirkungs- 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 63 


höhen. Der neue bildhafte oder dramatische Effekt, der die Augen 
der Zuschauer in der Handlung auf sich zieht, ist durch eine 
Erwartungspause vorbereitet. Er wird liebevoll angeschaut und 
ausgeführt; das weitere, interesselosere epische Geschehen wird ihm 
sorglos angehängt. Der Schluls von dieser Einteilungsweise auf 
die treibenden Kräfte der Dichtung liegt nahe. Die folgenden 
Beispiele sollen zur Erläuterung dieser Beobachtung dienen. 

V. 422 ist ein Sinnesabschnitt: König Artur breitet mit seinem 
Gefolge den Zug nach der Bretagne vor. Der neue Abschnitt 
beginnt aber erst V. 441, wo Alexander das Privatboot des Königs 
besteigt und in die Intimität seiner Familie aufgenommen wird. 
Nicht die Ankunft und die neuen Taten des Königs (V. 566; vgl. 
V. 570!) markieren den nächsten Abschnitt, sondern die Analyse von 
Alexanders Liebesgefühlen, um die es schon bei der Überfahrt 
geht (V. 575). — V.ı210 ist die Szene vom günstigen Eindruck, 
den Alexander und seine Gefährten machen, zu Ende; es beginnt 
der Kriegszug gegen den ungetreuen Verwalter; aber dieser neue 
Vorgang ist ohne Abschnitt angehängt, und erst, als das lagernde 
Heer ein schönes Bild bietet, wird wieder abgeteilt (V. 1261 fl). — 
Vor Vers 1648 ist zwischen dem beginnenden Liebesgeständnis und 
den Vorgängen im belagerten Schlo[s ein ganz scharfer Einschnitt, 
aber diese epische Szene ist nicht abgetrennt. Der neue Teil 
beginnt erst V. ı713 mit der neuen Wirkungsszene: die Belagerten 
werden beim Ausfall überrascht, während der Mond sie bescheint 
und die Wachen sie bemerken. — Der Abschnitt vor V. 2057 
zerschneidet das Abenteuer des verkleideten Alexander in der Burg; 
die Schlufswirkung des Kampfes beginnt den neuen Teil: Nachdem 
der Graf gefällt ist, ist der Widerstand der anderen zu Ende, sie 
können in Schande abgeführt werden. Das epische Tal liegt erst 
hinter dieser Szene, V. 2067: die Leute draufsen haben eine ganz 
andere Vorstellung von dem Geschick Alexanders; sie betrauern 
seinen Tod. Aber für den Dichter gilt dieses Tal nicht als Ab- 
schnitt: der tatsächliche Erfolg (schimpfliches Abführen der Gegner) 
und der erwartete Milserfolg (betrauerter Tod) gehören ihm als 
Wirkungsgegensatz nebeneinander. — Der Endeffekt dieser Ruhmestat 
Alexanders ist seine Rückkehr zum Heer. Vor diesen Schlufseflekt 
ist ein doppelter Einschnitt gelegt: V. 2193: die Trauer des Hceres 
ist eine Täuschung; V. 2201: Alexander reitet aus der besiegten 
Burg nun wirklich dem König entgegen. 

Am Ende des ersten Teils zeigt sich nochmals deutlich der 
Gegensatz zwischen stofflicher und effektischer Einteilung. Kein 
Abschnitt findet sich V. 2350 zwischen der rituellen Liebeserklärung 
und der Hochzeitsfeier, kein Abschnitt V. 2374 zwischen der Be- 
lohnung des Alexander und der Schwangerschaft der Soredamors 
mit der Geburt des Sohnes Cliges; wohl aber erscheint ein Ab- 
schnitt dazwischen (V. 2361) vor der Zusammenfassung des Erfolgs, 
den der ideale Held davongetragen hat. Vgl. noch V. 1359; 1419; 


1491 (nicht 1483); 1859. 


64 ARTHUR FRANZ, 


Im Hauptteil herrschen die gleichen Einteilungsverhältnisse. 
Hier greife ich nur wenige Stellen heraus. Bis V. 2707 ist das 
Publikum beschrieben, vor dem die Kaiser sich begrüfsen und vor 
dem die Kaisertochter erscheinen wird. An dieser Stelle ireien 
sie wirkungsvoll auf, also ein Abschnitt. — Mit dem Elanzenden 
Gesellschaftserfolg des Cliges neben Fenice 


2796 De ui esgarder sS’angoissent 
2799 A merveille l’esgardent tuil 


beginnt ein längerer Abschnitt, der im Anschlufs an den Liebes- 
blick zwischen den beiden die modischen Geistreichigkeiten über 
das zweigeteilte Herz bringt, und an diese Ausführungen ist nach 
V. 2856 ohne Abschnitt ein epischer Anhang angeschlossen über 
den Sachsenherzog, der Ansprüche macht. Die Kompositionsfuge 
ist freilich deutlich angedeutet. Aber der neue Teil beginnt erst 
mit Vers 2871, vor der Szene, wo der Bote des Sachsenherzogs 
seine Botschaft höfisch ausrichtet (vgl. V. 3963) und man diese 
Botschaft in typischer Weise aufnimmt. — Der interessanten Braut- 
nacht folgt ohne Abschnitt bei V. 35372 die Bedrohung durch den 
Sachsenherzog und der gemeinsame Abzug der Kaiser; die Teilung 
ist erst dort, wo das Heer ein reflektiertes (V. 3402) Bild bietet 
(V. 3395). — Auf das Zwiegespräch Fenice-Thessala über die 
Symptome der Liebe folgt, ohne Einschnitt bei V. 3196, der Plan 
der Thessala, der stoffllich das Folgende bestimmt. — Der letzte 
Abschnitt der Turnierepisode bei Artus beginnt mit V. 5041 in dem 
Augenblick, als die Sonne des Ruhms am hellsten über Cliges 
strahlt: er darf dem König seine Abenteuer erzählen, und er erntet 
die offiziellen Glückwünsche. Anschliefsend hieran wird die Sehn- 
sucht des jungen Helden nach Fenice und seine Rückkehr zu ihr 
erzählt (V. 5070— 5114); aber diese entscheidende Wendung ist 
nicht durch einen Abschnitt angedeutet; diese unreflektierten Er- 
eignisse bilden, wie so oft, einen nebensächlichen epischen Anhang; 
der neue Einschnitt ist erst vor dem Empfangsbild bei der Ankunft 
des Helden in Konstantinopel markiert (V. 5115): alle kommen ihm 
entgegen, vor allen begrülsen ihn Kaiser und Kaiserin: 


5118 Zuit li Dlus riche et li plus noble 
Li vienent au port a l’ancontre. 
Et quant l’anßerere l’ancontre, 
Qui devant tos i fu alez, 
Et Danpererris lez a les, 
Devant tos le cort acoler etc. 


Solche Einschnitte im Augenblick der höfischen Resonnanz, statt 
an der Stelle der epischen Handlungsgliederung, finden sich noch 
häufig. Ich führe nur die wichtigeren Stellen an, ohne sie einzeln 
zu interpretieren. Zwischen 2555 und 2619 bildet V. 2595 keinen 
Abschnitt; ebensowenig dann V. 2635. 3011 (nicht 3002); 3395; 
3424/ 3571; 4139 (nicht 4120); nicht 4193 und 4213, statt dessen 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 65 


4237; 5663 (nicht 5655); 5905 (nicht 5885); 5989; 6033; 6425 
und 6503 (nichts dazwischen). 

Schon aus diesen Beobachtungen über die Einteilung des 
Romans ergibt sich, dafs darin zwei Arten epischer Handlung eine 
Rolle spielen: die einfache und die reflektierte Handlung. Reflektiert 
sind solche Ereignisse, die ihren Akzent dadurch erhalten, dafs sie 
sich vor dem Hintergrund von interessierten Beobachtern abspielen, 
oder dem Urteil eines gesellschaftlichen Übereinkommens unterliegen; 
sie werden von diesem Hintergrund zurückgespiegelt und wirken 
deshalb weniger als Handlung, als vielmehr als Pose, als Haltung, 
als Effekt. Solche akzentuierte Handlungen also stehen in den 
Abschnitten häufig vor, die anderen, die einfach der Fortsetzung 
der Fabel dienen, nach. Die folgenden Ausführungen sollen zeigen, 
dals wir es bei dieser höfischen Resonnanz mit einem künstlerischen 
Zentralproblem dieses höfischen Epos zu tun haben. 


Ich betrachte zuerst die Hauptfabel des Ciiges unter dem 
Gesichtspunkte der höfischen Resonnanz. Es ist die Geschichte 
vom getäuschten Ehemann. Alis hat gegen sein Versprechen eine 
junge Frau genommen, Fenice Diese liebt den Cliges, den 
eigentlich thronberechtigten Neffen ihres Gatten. Aber sie will 
nicht beiden angehören. Es mufs ein Mittel gefunden werden, 
dafs der Gatte sie in Ruhe läfst. Dafür gibt sie zwei Gründe an, 
einen gesellschaftlichen und einen epischen. Erstens mufs die üble 
Nachrede vermieden (V. 3145 ff.), zweitens muls dem Cliges der 
Thron erhalten werden (V. 3173fl.). Nur der erste Grund hat 
Zugkraft; die zweite Begründung wird erst bei der eiligen Lösung 
der Fabel wieder hervorgeholt (V. 6572 ff. und 6677ff.), wo dem 
. getäuschten Ehemann die Schuld zugeschoben wird. Bis dahin ist 
der Gedanke an die gesellschaftliche Nachrede für Fenice mafs- 
gebend. Mehr aus gesellschaftlichen Vernunftbedenken (V. 3157) 
als wegen moralischer Skrupel ist ihr die Promiskuität zuwider, die 
den Tristanstoff unhöfisch macht: 


3145 Miaus voldroie estre desmanbree 
Que de nos deus fust remanbree 
L’amors d’Iseut et de Tristan, 
Don tantes folies dit l’an, 

Que honte m’est a raconter ... 


Isolde liebte zwei und zerstörte ihr Leben: 


3157 Ceste amors ne fut pas resnable ... 
3163 OQuia de cuer, si et le cors.... 


Der Trank, der Alis impotent macht, und die List der Fenice, 
sich tot zu stellen, werden von ihr und vom Dichter dem Gesichts- 
punkt des gesellschaftlichen Echos untergeordnet. Gleich nachdem 
die beiden Liebenden sich endlich ausgesprochen haben, sagt Fenice 
sehr deutlich zu Cliges, dals sie nicht fleischlich die Frau des Kaisers 


Zeüschr. f. rom. Phil. XLVLI. 5 


66 ARTHUR FRANZ, 


ist; nur weils das (leider) der Hof nicht, und auch der Kaiser 
weils es (glücklicherweise) nicht; also gebe ich, fährt sie fort, wenn 
ich mich Dir hingebe, kein schlechtes Beispiel: 


6251 Ne ja nus par mon essanpleire 
N’aprandra vilenie a feire. 


Allerdings der Kaiser darf sie nicht wiederfinden: 


5269 Si que ja mes me retruisse, 
Ne vos ne moi blasmer ne puisse 
Ne ja ne s’an sache a quoi Drandre. 


Nach der Bretagne will sie nicht gehen, denn das würde üble 
Nachrede wie bei Tristan und Isolde bringen: 


5315 Ztciet la, totes et tuit 
Blasmeroient nostre deduit. 
Nus ne crerroit ne devroit croire 
La chose si come ele est voire. 


In dem Sinne der gesellschaftlichen Unanstöfsigkeit deutet sie auch 
das Pauluszitat (nach ı.Kor.7) um, wer nicht keusch bleiben wolle, 
solle vorsichtig sein: 


5328 Ss sagemant, que ıl n’an praingne 
Ne cri ne blasme ne redroche. 


Deshalb kommt es ihr vor allem auf die geschickte Inszenierung 
ihrer List an: 


5361 Zt se la chose est par san feite, 
Ja ne sera an mal retreite, 
ne nus n’an porra ja mesdire ... etc. 


Aus diesen Stellen ergibt sich, eine wie grolse Rolle die Nach- 
rede in der Begründung der Hauptfabel spielt. Es kommt darauf 
an, was die Beobachtenden sagen. Mit Sittlichkeit hat das wenig 
zu tun. Nie ist im Cliges von Moral, nur von Korrektheit die Rede. 
Der Dichter und sein Publikum wissen das sehr wohl. Chrestien 
hat in seiner dichterischen Umarbeitung der Fabel (vgl. Foerster 
Textausgabe?, S. XIX) die Täuschung des Ehemanns zwar gesell- 
schaftsfähig gemacht, aber sie doch als Erzählungsmotiv gelassen. 
Or est l’anperere gabes heilst es V. 3329, womit vergnügt das 
Gesamturteil über die Szene ausgesprochen wird, in der dem Kaiser 
geschickt der Trank beigebracht wird, der ihn zum Vollzug der 
Ehe ungeeignet macht. Am Schlufs des C/iges wird der Inhalt der 
Geschichte von Fenice richtig als Betrug bezeichnet. Weil man 
davon erzählt, wie Fenice ihren Mann hintergangen hat, lassen die 
‚späteren Kaiser ihre Frauen einsperren; denn sie fürchten auch ihre 
Untreue. 

6769 Comant Fenice Alis deut 
Primes par la poison qu'il but 
Et fuis par l’autre traison. 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 67 


Von diesem Gesichtspunkte aus mufls man die Gesamtfabel 
beurteilen. Damit rückt die bekannte These Foersters, Üliges sei 
ein Antitristan, in ein etwas anderes Licht. Der Hauptsatz seiner 
Beweisführung lautet: „Dieser Hauptunterschied (im Tristan sündige, 
im C/iges eheliche Liebe) beherrscht die beiden Gedichte“. Die 
Foerstersche These mufs abgeschwächt werden. Cliges ist kein 
Tendenzroman. Wenn er aber eine Tendenz hätte, wäre es nicht 
eine moralische, sondern eine gesellschaftliche Tendenz. Der Dichter 
macht uns das bewundernswerte Kunststück vor, eine moralische 
und an sich langweilige Geschichte, — die von Alexander und 
Soredamors — und eine än sich unmoralische, aber amüsante Ge- 
schichte — die von Cliges und Fenice — zu gleichartigen poetischen 
Kunstwerken zu gestalten, indem er sie beide auf denselben gesell- 
schaftlichen Hintergrund projiziert. Aus der Konvention, in die er 
sie einordnet, gewinnt er ihnen einen neuen eigenartigen Reiz ab. 

Die Erzählungselemente, in denen Tristan und Cliges überein- 
stimmen, sind zwar auffällig genug. Aber, was übereinstimmt, sind 
nur Stücke, die der einfachen Fabel angehören. Diese sind für 
den Cl/iges nicht so wesentlich, dafs sie seinen Charakter entscheidend 
bestimmen könnten. Der Gegensatz der zwei Epen besteht nicht 
in der Gegenüberstellung von Sünde und Moral, sondern darin, 
dafs Tristans Leidenschaft sich über die gesellschaftliche Konvention 
hinwegsetzt, Cliges Geschichte aber zeigt, wie man diese erfüllt, sie 
ausnutzt, sie lebt, sie lehrt. Im Zrissan ist die Leidenschaft, im 
Cliges die richtige Pose literarisch ausgewertet. 

Der Ausdruck Pose enthält keinen Tadel. Er bedeutet nur, 
dafs die Spieler in vielen Szenen des Üliges vor anderen und für 
die Beurteilung durch andere agieren, und dafs der Dichter immer 
an dieses Verhältnis von Handelnden und Beobachtenden denkt. 
Diese Darstellungsart ist nicht nur ein äufserliches Kunstmittel, durch 
das der Dichter seine Fabel schmückt, sondern sie bestimmt den 
Inhalt des Cliges wesentlich. Durch sie wird der Stoff in den Dienst 
einer bewufsten, begrenzten und eifrig ausgebauten gesellschaftlichen 
Lebenskunst gestellt. Die romanische Pose ist nicht leer. Sie reizt 
den Einzelnen, seine edlen Eigenschaften, die Resonnanz hervor- 
rufen, in der Aktion zu steigern; sie ermöglicht aber auch dem 
Dichter, diese hochgesteigerten Individualleistungen in ein System 
edler Geselligkeit einzuordnen und die Resonnanzkräfte, mögen sie 
wirklich oder gedacht sein, künstlerisch wirken zu lassen. 

Bei den Beispielen beginne ich mit solchen Stellen aus dem 
Chiges, in denen die Szene zweigeteilt ist: wir sehen die Aktion 
und zugleich den Hintergrund, vor dem sie sich abspielt. Es sind 
beobachtete Handlungen. 

Alexander fährt zu Artus ab. Das geschieht vor Zuschauern. 
Kaiser und Kaiserin begleiten ihn (V. 240); die Seeleute sind schon 
in den Schiffen und bilden den Hintergrund (243); die Begleiter 
mit dem vorgeschriebenen fröhlichen Eifer geben die Stimmung an 
(230, 253); die Zurückbleibenden winken beim Einschiffen; sie 


5* 


68 ARTHUR FRANZ, 


steigen auf eine Höhe, um die Abfahrenden länger sehen zu können. 
Damit ist die Handlung auf die Zuschauer übergegangen, denn die 
Überfahrt selbst spielt keine Rolle mehr. Das ist eine reflektierte 
Handlung. — Bei der Einschiffung von Artus Heer zum Kriegszug 
zeigt sich ein anders zweigeteiltes Bild (V. ı0g6fl.). Das lagernde 
Heer bildet den Hintergrund für Cliges und seiner Genossen Ehrung, 
die den Ritterschlag empfangen sollen. Die Szene selbst spielt sich 
vor Arturs Zelt ab, und bietet ein schönes höfisches Schauspiel 
(V. ııg6fl.).. — V.ı1261 stellt das farbenbunte Heer zugleich die 
Zuschauer und den Hintergrund für das Kriegsspiel mit den Be- 
lagerten (vgl. V. 3401f£). Diese kommen ungewaffnet aus ihrer 
Burg heraus: 
1272 A gaus defors sanblant mostrerent 
Que gueires ne los redotoient ... 


Auf diese Pose der Sorglosigkeit wird reagiert. — Die ersten ge- 
fangenen Feinde werden geschleift, und zwar vor den Augen der 
Belagerten (V. 1446 ff.). 

Ehe Fenice erscheint, ist das Publikum da, auf das sie Ein- 
druck macht (2707 ff.), ist sie doch von Gott ausdrücklich wegen 
dieses Eindrucks geschaffen worden: 


2718 Con Deus meismes l’avoit feite, 
Cui mout i plot a travaillier 
Por feire jant esmerveillier. 


So wirkt denn auch ihre Erscheinung sehr, wie sie barhäuptig und 
eilig daherkommt; ihre Schönheit leuchtet mit der des Cliges um 
die Wette; die folgende hyperbolische Schönheitsbeschreibung ist 
durch die Resonnanz richtig vorbereitet. — V. 4622ff. hat Cliges 
drei Rüstungen holen lassen und sie verborgen. Wie sie aussehen, 
will der Dichter erst beim Auftreten des Cliges erzählen, wenn 
dieser seinen Effekt vor den berühmtesten Rittern der Erde an- 
bringen kann. Vom Gesichtspunkt des überraschenden Erfolges 
vor ausgesuchtestem Publikum müssen die drei Ruhmturniere be- 
trachtet werden. Das ist ihr Inhalt; die Fabel selbst ist sehr dünn. 
Zuerst tritt Sagremors auf: seul entre deux rangs (V. 4642); die 
Zuschauer reden über ihn; niemand wagt sich vor. Auf diesen 
Eindruck, den Sagremors macht (4662), reagiert Cliges und sprengt 
als überraschende schwarze Erscheinung vor. Er hat sofort Erfolg: 


4668 Ne n’i a un seul qui le voie, 
Que ne die li uns a l’autre: 


nCist s’an va bien lance sor fautre, .. ,* 


Alles sieht nach ihm, spricht von ihm, wettet auf ihn; sowohl die 
Barone wie das Volk. Die Selbstverständlichkeit, mit der Cliges 
seine Gegner, selbst die weltberühmten Helden, wie Perceval, nieder- 
schlägt und sich fiance geloben läfst, zeigt, wie wenig Wert der 
Dichter auf die Kampfhandlungen, soweit sie von der Resonnanz 
unabhängig sind, legt. 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 69 


4846 Veant tos gaus qui les gardoient 
A Cliges feru Perceval 
Ss quil l’abat jus del cheval.... 


Die Kampfreihe endet mit einem unentschiedenen Streit mit Gauvain. 
Das Publikum empfängt diesen mit einem Gemurmel, das Cliges’ 
Tat in das rechte Licht setzt: 


45235 vera C’est Gauvains 
Qui n’est a pie n’a cheval vains. 
C’est cil a cui nus ne se prant.“ 


Diese Anerkennung reizt den Cliges. Der folgende Zweikampf ist 
durchaus als Schaustück gegeben. Die Zuschauer strömen herzu 
und bilden einen Kreis (4942); sie wissen nicht, wer siegen wird. 
Auch der König sieht, ehe er zum Schlichten eingreift, dem Schau- 
spiel erst noch eine Weile zu. Als Held ist Cliges ausschliefslich 
in dieser Spiegelung lebendig; der Anreiz der Resonnanz erhebt 
ihn über sich selbst. 

Man könnte meinen, dieser Reflex der Taten sei nur in der 
Turnierepisode so wirksam, weil diese keinen anderen Zweck hat, 
als den, Cliges Ruhm zu zeigen. Aber der Sachsenkrieg, der im 
Epos nicht nur formale Bedeutung hat, zeigt die gleiche Erscheinung, 
und ebenso ausgeprägt. Zuerst wird der junge Abgesandte des 
Sachsenherzogs von Cliges zu einem Buhurt herausgefordert. Dieser 
wird als Schauspiel erzählt; die 300 Gefährten auf jeder Seite bilden 
den Chor. Alle am Hof suchen sich gute Plätze zum Zusehen (2887 ff.) ; 
auch Fenice sieht den Heldentaten zu: 


2912 A Lliges esgarder esirive, 
Sel siut as iauz, quel part qu'il aille. 


Damit ist der allgemeine Hintergrund für den Ruhm gegeben, und 
ebenso ist der Kontakt für die liebende Anerkennung hergestellt. 
Nicht die Sache, um die gestritten wird, ist der Inhalt des Kampfes, 
sondern die Wirkung auf Fenice. Sie soll sein Lob hören und 
seinen Ruhm sehen. Deshalb strengt er sich an. 


2914 Et cal por li se retravailie 
De behorder apertemant 
Por ce qu'ele oie solemant 
Que il est preus et bien adroiz ... 


Was die beiden sonst noch geheim halten müssen, darf auf 
diese Weise zu erkennen gegeben werden: er darf ihr zuliebe 
kämpfen, sie darf von seinem Lob sprechen. Die Gegner werden 
natürlich besiegt; das steht fest und löst keine Spannung aus; auch 
bei der Niederlage kommt es nur auf die Resonnanz an: das 
Prestige der Sachsen ist herabgesetzt (2939 ff.); sie erleiden den 
Schimpf, ins Wasser gejagt zu werden. 

Aus den späteren Stadien des Sachsenkrieges ist die Gefangen- 
schaft der Fenice hervorzuheben. Cliges befreit sie, und er ist 


70 ARTHUR FRANZ, 


beglückt, vor ihr seine Heldentaten zu tun; genau wie oben ist 
das eine Form der Liebeserklärung: 


3757 Quant il puet feire apertemant 
Chevalerie et hardemant 
Devant celi qui le fait vivre. 


Ihr zuliebe geht er auf einen Sachsen los und spaltet ihm den 
Schädel (3780). Die Wirkung auf Fenice bleibt nicht aus; der 
Umstand, dafs sie ihn nicht erkennt, läfst eine geistreiche Doppel- 
heit dieser Wirkung entstehen: sie möchte, dafs er es sei, und 
möchte es doch nicht. 

Wir haben es mit mehr zu tun, als mit einer Teilnahme der 
Zuschauer an der Peripethie; es ist eine Doppelhandlung; eine 
äufsere, in der die Leistung durch die Resonanz verstärkt wird, 
und eine innere, die in den Beobachtern vor sich geht. Die 
Wirkung ist poetisch besser ausgewertet als die Tat. Der Kampf 
entspricht in der Regel einem selbsiverständlich gewordenen Schema. 
Dieses ist an sich nicht mehr spannend; die Spannung wird uns 
durch die reflektierte Handlung vermittelt. 

Aus dem unentschiedenen Entscheidungskampf zwischen Cliges 
und dem Sachsenherzog, der ähnliche Züge aufweist wie der schon 
behandelte Kampf mit Gauvain, sind folgende Punkte hervorzuheben: 
Cliges hat sich diesen Kampf als höfischen Lohn ausgebeten (3975); 
bei der Gewährung hat der Kaiser vor Mitleid geweint, Cliges vor 
Freude. Fenice lälst sich hinführen; vor ihren Augen kämpft er; 
das ist das Wichtigste an der Geschichte; sie wird sterben, wenn 
er stirbt. Aber auch alle anderen sind beteiligt, etwa wie ein 
sportbegeistertes Publikum. 


4059 Quant el chanp furent tuit venu, 
Haut et bas, juevrd et chenu ... 


Dieses Publikum ist für den Dichter nötig. Er braucht es, um ihm 
die Verantwortung für die epischen Übertreibungen abzunehmen, 
die er als Rationalist nicht mehr gern tragen möchte: 


4073 Zt sunble a gaus qui les esgurdent, 
que li hiaume espraingnent et ardent. 


Das Kaiserpaar steht vorn; es fühlt am meisten mit. Als Cliges 
strauchelt, ist es dem Kaiser, als wäre er an seiner Stelle, unter 
seinem Schild: die Kaiserin schreit vor Teilnahme. Diese Resonnanz 
aus dem Munde der Geliebten gibt ihm Kraft. Das dichterische 
Spiel ist auf die Zuschauer übergegangen. Fenices Schrei hat auch 
beim Publikum Resonnanz. Kann er der Schicklichkeit unter- 
geordnet werden ? Schadet er ihrem Ansehen? Nein, denn man 
nimmt ihn für den Ausdruck rein menschlicher Teilnahme, wie alle 
sie fühlen: 
4114 ÖOnques nul hon ne l’an blasma, 
Eingois Van ont loee tust, 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 7! 


Ihr guter Ruf ist das Pendant zu seinem Ruhm; die beiden Hand- 
lungen stehen auf der gleichen Projektionsebene. 

Cliges Kampf mit dem Sachsenherzog endet mit einem Vergleich. 
Auch dieser wird vor Beobachtern abgeschlossen. Öffentlich mufs 
der starke Herzog anerkennen, dafs er dem jungen Cliges nicht 
aus Edelmut nachgibt, sondern weil er ihn nicht überwinden kann: 


4174 „Oiant tos le dirois an haut. 

4178 Otant trestos ces qui sont ci 
Le vos covandra recorder, 
S’a moi vos volez acorder.“ 
Li dus oian& toz le recorde. 


Der Inhalt des Abkommens ist gleichgültig, die Wirkung ist da: 
Cliges hat den Ruhm, die Griechen die Freude und die Sachsen 
den Ärger davon. Nicht das ist ihnen schmerzlich, dafs der alte 
Herzog einen ebenbürtigen Gegner gefunden hat, sondern dafs alle 
es gesehen haben und nun davon reden. Diese Resonnanz tönt 
noch nach, während die Handlung fortschreitet und die Heere 
wieder auseinander gehen, jedes in sein Land (4194 fl.). 

Durch das Mittel der Beobachtung wird die Handlung in ihrem 
Gange öfters umgelenkt. Als Alexander von seinem ersten sieg- 
reichen Abenteuer zurückkommt (V. 1350fl.: sa premiere chevalerie), 
stellt er die mitgebrachten Gefangenen der Königin zur Verfügung. 
Daraus entstehen Schwierigkeiten; die Königin mu[s mit dem König 
in dessen Zelt verhandeln. Vor dem Zelt beginnt eine stumme 
Szene zwischen Alexander und Soredamors. Er macht — vor ihr — 
die Nachdenklichkeitsgeste und schweigt: 


1376 Soredamors garde s’an prist, 
Qui pres de lui se fu assise. 
Asa meissele a sa maın mise 
E sanble que mout soit pansıs. 


Diese seine absichtliche Unbewegtheit gibt ihr Veranlassung, ihn 
noch genauer als sonst anzusehen; so bemerkt sie, dals er das 
Hemd trägt, in das ihr Haar eingenäht ist (vgl. V. ı160fl., 1174 fl, 
1605 ff). Auf diese Weise wird die Heldenhandlung mit der Liebes- 
geschichte verknüpft; sie werden beide auf die gleiche Beobachtungs- 
fläche projiziert, auf der sie sich nebeneinander vertragen. 

V. ı580 wird ein fortgeschrittener Zustand der gleichen Liebe 
behandelt. Alexander sitzt neben Sordamors; sie wagen sich kaum 
anzusehen; nur durch Blässe usw. ist der Grad ihrer Liebe erkennbar. 
Diese Zeichen werden von der dabeisitzenden Königin beobachtet, 
doch läfst sie sich nichts merken. Auf die Beobachterin geht nun 
von selbst die Handlung über; sie nimmt die Lösung in die Hand 
(V. 1604 fl.). 

Auch sonst ist die Beobachtung als Mittel für den Handlungs- 
umsprung beliebt. Als z. B. Fenice von den Ärzten zur Prüfung, ob 
sie wirklich tot ist, gemartert und gar gebraten wird, sehen die 


72 ARTHUR FRANZ, 


1000 Damen des Hofes durch ein kleines Loch in der Tür zu. 
Diese unerwartete Beobachtung vermittelt die plötzliche Lösung im 
letzten Augenblick durch den Einbruch der Zuschauerinnen in das 
Zimmer (V. 6026ff.). — Ähnlich ist es bei der Entdeckung des 
verborgenen Liebespaares. Bertrand, der über die Gartenmauer 
gestiegen ist, sieht sie zufällig in nackter Umarmung im Garten: 
6450 Soz Pante vit dormir a masse 
Fenice et Cliges nu a nu. 


Der Konnex wird sofort doppelt hergestellt: Bertrand drückt seine 
Verwunderung in direkter Rede aus; Fenice fühlt sich gesehen — 
dafs sie aufwacht, weil eine herabfallende Birne sie im Schlaf stört, 
ist eine von Chrestiens rationalistischen Motivierungen — und 
schreit: so wird die dramatische Weiterentwicklung in vielen Fällen 
auf die reflektierte Handlung aufgebaut. ! 


Die Wertmafsstäbe, die im C/iges Beurteilung und Handlung 
bestimmen, sind von der Resonnanz abhängig. Ehre und Schande 
sind mit gesellschaftllichem Erfolg und Milserfolg identisch; sie 
liegen nicht in einer innerlichen Überzeugung; sie existieren nicht, 
wenn niemand da ist, — wirklich oder gedacht — auf den die 
Taten wirken. Nur auf dem Umwege über die reflektierte Hand- 
lung gehen die Kulturwerte in die epische Dichtung ein. Deshalb 
haftet dem Kulturbild, das wir aus dem Cöiges gewinnen können, 
ein eigentümlich formaler Charakter an. Das Streben nach Ehre 
innerhalb einer begrenzten Anerkennungssphäre ist eine Tendenz, 
die den Zweck der einzelnen Handlungen selbst — worum gekämpft 
wird, was in der Rede erreicht werden soll, wozu Geist und Eleganz 
verwendet werden — in den Hintergrund drängt. Literarisch ge- 
sehen, entspricht dieser kulturell formalen Einstellung die episch 
formale Dichtart, bei der das Erzählungsziel aufserhalb der Erzählung 
selbst liegt: Musterbeispiele von Benehmen und Denken, die einer 
werdenden gesellschaftlichen Konvention entsprechen, Geistreichigkeit 
und Überraschung, das sind formale dichterische Ziele, in deren 
Dienst die epische Phantasie gestellt wird. 

Ehre und Preis zu erwerben ist die Absicht aller Personen, 
die in den Vordergrund treten. Man erwirbt sie nicht nur durch 
Schönheit und Sieg, sondern auch durch Benehmen und Geist, 
vor allem durch die richtige Aufmachung. Die Wege dazu lassen 
sich zum Teil erlernen. Die Griechen waren die ersten Lehrmeister 
der Kunst, durch das Benehmen und durch Geist Lob zu gewinnen: 

31 Que Grece ot de chevalerie 
le premier los et de clergie. 


So sagt der Dichter am Beginn der zweiten Einleitung. Und jetzt, 


fährt er fort, wohnt der Ruhm in Frankreich, Lob zu erringen 
und Ehre zu erlernen: 


1 Die Entdeckung des schlafenden Liebespaares im Tristan zeigt diesen 
Konnex gerade nicht. 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 73 


86 Biaus pere, por enor aprandre 
Et por conquerre pris et los. 


Deshalb zieht Alexander von seinem Vater fort zu Artus; es ist 
das erste Handlungsmotiv, und es bleibt während des ganzen Epos 
eins der wichtigsen. Dafür tut der Vater seinem Sohn alles zuliebe. 
Diesem Ziel sind die Aufzüge und die Turniere, das Auftreten, die 
Haltung und die Listen untergeordnet. Es ist interessant zu be- 
obachten, wie sorglos oft die Kämpfe selbst gegeben, wie sche- 
matisch die abgebrauchten Mittel der chansons de geste verwendet 
werden, und wie alle diese Inhalte zurücktreten gegenüber der In- 
szenierung der Enderfolge. Als z.B. Alexander eine beliebige Menge 
Gegner vom Pferde gestochen und überlistet hat, kehrt er mit vier 
Gefangenen zurück; dann erst kommt das Ziel des ganzen Unter- 
nehmens: 
1343 Mes Alizandres ot le pris, 
Qui par son cors loiies et pris 
Quatre chevaliers an ameine. 


Man sieht, wie er mit seinen Leuten erfolgreich ankommt; wie 
steht er nun da! 

Oder ein anderes Beispiel. Die Verteidiger von Guinesores 
planen einen Ausfall. Was hat dieser für einen Zweck, was soll 
er nützen? davon wird nicht gesprochen, sondern es heilst nur, 
dafs der Nachtkampf ihnen Ruhm bringen wird: 


1671 Avront tel ocision feite, 
Que tos jors mes sera vetreite 
La bataille de cele nuit. 


Ruhm ist die Freude der Helden, um die sie kämpfen: 


4049 Qu’avoir cuide chascuns la gloire 
Zt la joie de la victoire. 


Wir hatten gesehen, wie der Ruhm mit der Resonnanz identisch ist. 
Die Resonnanz ist also auch das gewöhnlichste Mlittel, ihn dar- 
zustellen. Wir sehen, mit den Augen der Zuschauer im Epos, wie 
Cliges von der Besiegung des Abgesandten der Sachsen zurück- 
kommt: 
2956 Zt Cliges a joie vetorne, 
Qui de deus Pars le pris anporte. 


Wir finden es natürlich, dafs in diesem Milieu der Ruhm unmittelbar 
in Liebe ausgewertet werden kann. Fenice gibt ihm den Lohn 
mit dem Blick. Mit ihren Ohren hören wir, wie die Deutschen 
anerkennend von ihm sprechen, wie sie stolz ist, dafs die Liebe 
sie nicht getäuscht hat, weil ihr Erwählter als der schönste und 
höfischste anerkannt wird, wie er es ja tatsächlich ist (V. 2980 fl.; 
vgl. den gleichen Weg von der Anerkennung zur Bestätigung durch 
die wirkliche Abstammung V. 323 f.). 


74 ARTHUR FRANZ, 


Einige Male ist die Resonnanz, die das affektvolle Auftreten 
auslöst, gerade nicht durch Reden, sondern durch Schweigen der 
Umgebung angedeutet. Das geschieht z. B. in dem eindrucksvollen 
Moment, in dem Alexander mit seinen Gefährten in glänzender 
und richtiger Aufmachung vor dem König aufzieht: 


319 Zi li baron trestuit se teisent; 
Car li vaslet formant lor pleisent 
Por ce que biaus et janz les voient. 


Das anerkennende Murmeln über Cliges hört V. 5023 im Augen- 
blick der gröfsten Ehrung auf: 


5024 Mes la parole leissent tuil 
De lui loer et losangier. 


Vor dieser schweigenden Versammlung nimmt Artus die rituelle 
Ehrung vor, ihn persönlich zum Essen zu führen, wo Cliges das 
Rätsel der verschiedenen Rüstungen lösen und seinen Namen 
nennen soll (vgl. auch den Namen als lösenden Endeffekt V. 3815). 
Mit dem Namen fällt der volle Glanz seiner Herkunft auf ihn. 
Die Spannung ist gelöst: Alles gratuliert, und alles redet wieder 
von ihm: 
5060 Zi tuit cil qui de lui parloient 
Dient que mout est biaus et preus. 


Die Schande, das Gegenbild des Ruhms, wird ebenfalls fast nur 
in der Resonnanz gesehen und wiedergegeben, wie oben am Bei- 
spiel der Begründung von Fenices sittlichem Verhalten und anderen 
Beispielen gezeigt ist. 


Bei dieser Auffassung von Ruhm und Schande und bei dieser 
Wichtigkeit des Eindrucks, den die auftretenden Personen machen, 
und der Resonanz, die sie auslösen, ist es begreiflich, dals auf 
diejenigen Faktoren das grölste Gewicht gelegt wird, durch welche 
Eindruck und Resonnanz bestimmt werden. Ein solcher Faktor 
ist die Haltung. Haltung zeigen alle Hauptpersonen. Sie legen 
ihren Instinkten Zügel an, und sie tun es, einmal, weil dadurch 
ihre Erscheinung dem Zeitideal genähert wird, das die Erfüllung 
gewisser gesellschaftlicher Konventionen in sich schliefst, und zweitens, 
weil dadurch die Wirkung ihres Auftretens und Handelns erhöht 
wird. Den Literarhistoriker interessiert weniger die Beantwortung 
der Frage, welche Haltungssitten zur Zeit Chrestiens als wesentlich 
angesehen wurden, als die der damit nicht identischen Frage, welche 
Rolle sie im Kunstwerk spielen. Ich beginne mit der Behandlung 
der Haltung in der Liebe. Der Gegensatz zwischen Gefühl und 
Haltung ist gerade auf diesem Gebiet eine der dankbarsten Vor- 
lagen für den Dichter. 

Hierfür eignet sich die Liebesgeschichte zwischen Alexander 
und Soredamors besonders gut als Beispiel. Denn ihr einziger 
Inhalt ist die vorschriftsmälsige Haltung der Liebenden, sonst ist 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 75 


nichts an ihr fesselad, denn der äufsere Gang der Geschichte ist 
selbstverständlich. Mann und Frau haben sich, besonders im Hin- 
blick auf das Renommee, diskret zurückzuhalten; das ist die Voraus- 
setzung für den Erfolg in der Liebe, erschwert aber andrerseits 
den Erfolg. 

Dem Dichter scheint die Zeichnung der Grenze, auf der unter- 
drückte Gefühlsäufserungen noch bemerkt werden können, besonders 
lohnend. Ein gröfserer Teil der sogenannten psychologischen Über- 
legungen der Soredamors über die Liebe hat diesen Grund und 
entzüäckte dadurch das Publikum. Wie weit mufs sie sich zurück- 
halten ? Wie weit darf sie sich offenbaren, so dafs er das Geständnis 
gerade noch bemerkt, ohne dafs sie sich etwas vergibt, das heilst, 
ohne dafs die anderen etwas bemerken? Kann sie annehmen, 
dafs er in der Liebe erfahren ist, weil ein Erfahrener mehr bemerkt 
als ein in Liebe Unerfahrener? Die lange Überlegung der Sore- 
damors V. 993fl. über die Möglichkeit eines Geständnisses aus 
ihrem Munde z.B. ist im Grunde weiter nichts als die Diskussion 
einer Haltungsfrage. 


998 ... Ce n’avint onqgues 
Que fume tel forsan feist 
One J’amer home requeist, 
Se plus d’autre ne fust desvee. 
Bien seroie fole provee, 
Se je disoie de ma boche 
Chose qui tornast a reproche. 
Quant par ma boche le savroit, 
Fe cuit que plus vil m’an avroit, 
Si me reprocheroit sovant ... 

(Vgl. V. 1040 fl.) 


Wenn es erlaubt wäre, würde sie die Zurückhaltung überschreiten 
(V. 1611 ff). 

Die Zurückhaltung des Mannes ist noch stärker konventions- 
bedingt. Auf den bekannten wirkungsvollen Gegensatz zwischen 
der Kühnheit in den Heldentaten und der Schüchternheit in der 
Liebe (V. 1580ff.) kann ich hier nicht eingehen. Der Frau gegen- 
über wagt Alexander nichts — das ist die gegebene Theorie, die 
der Dichter mit Beispielen illustriert, und zu deren gedanklicher 
und künstlerischer Ausgestaltung er beiträgt. Die ganze Liebes- 
geschichte Alexander-Soredamors ist eine Folge von Illustrationen 
einer Wunschtheorie; man kann sie mit einem Bild als Schmuck- 
stickerei auf dem Hintergrund ritterlicher Konvention bezeichnen, 

Zwei Beispiele der Zurückhaltung der Liebenden möchte ich 
herausheben, weil in ihnen die Haltung der Soredamors nicht durch 
die Situation bedingt ist, und die Konvention infolgedessen als 
isoliertes Kunstmittel vor uns steht. 

Als Soredamors im Schiff des Königs zuerst mit Alexander 
zusammenkommt, rächt sich Amors für ihre bisherige Unempfindlich- 


76 ARTHUR FRANZ, 


keit und läfst sie gleich in Liebe entbrennen. Sie möchte zu ihm 
binsehen: 
464 A grant Painne tenir se Puet, 
Que vers Alixandre n’esgart ; 
Mes mout estuet qu’cle se gart 
De mon seignor Gauvain son frere. 


Kein Mensch ist gegen die Liebe. Für Soredamors liegt durchaus 
kein Grund vor, sich vor Gauvain in acht zu nehmen, oder höchstens 
der Grund, dafs Gauvain die Sitten kennt, die der Frau Zurück- 
haltung gebieten. — Das zweite Beispiel steht V. 2ııg: Man hält 
Alexander für tot; Soredamors wird besinnungslos und bleich. Im 
übrigen wagt sie ihre Gefühle nicht zu zeigen; die Umgebung 
könnte es bemerken und sie tadeln. So handelt sie, obwohl in 
Wirklichkeit die Umstehenden so mit sich selber zu tun haben, 
dafs sie nichts bemerken würden, auch wenn sie sich mehr gehen 
liefse und damit ihren Tadel verdienen würde: 


23119 Zt ce la grieve mout et blesce 
Qu’ele n’ose de sa destresce 
Demostrer sanblant an apdert, 
An son cuer a son duel covert. 
Et se nus garde s’an preist, 

A sa contenance veist 
Que grant destresce avoit el cors 
Au sanblant qui paroit defors. 


Dieser Gegensatz zwischen unterdrückter Äufserung und Gefühl 
läfst sich literarisch sehr gut verwenden. Er kommt dehalb oft vor. 
Bei der Liebe zwischen Cliges und Fenice liegt die Sache 
etwas anders. Fenice ist verheiratet, also scheint hier die vor- 
sichtige Zurückhaltung der Liebenden durch die Handlung bedingt. 
Aber dieser Gesichtspunkt ist für ihre gegenseitige Reserve durch- 
aus nicht bestimmend. Die Zurückhaltung bei der Werbung um 
die verheiratete Frau wird durch genau die gleiche Konvention 
begründet, wie die bei der Werbung um die Braut. Bis zur Er- 
klärung der Liebe ist jedenfalls kein Unterschied zu bemerken 
zwischen den Szenen, in denen Fenice noch nicht verheiratet ist 
(V. 2800fl.) und denen, in denen sie verheiratete Kaiserin ist. 
Cliges und Fenice vermeiden denselben Tadel höfischer Indiskretion, 
wie Alexander und Soredamors: 
2800 Mes Cliges par Amor conduit 

Vers li ses iauz covertemant 

Et remainne si sagemant 

Que a l’aler ne au venir 

Ne lan Duel an por fol tenir ... 


Als Cliges die nun verheiratete Fenice von den Sachsen befreit 
hat und erfolggekrönt vor ihr steht, erwartet man ein Geständnis. 
Aber nichts geschieht: 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 77 


3835 Des iaus parolent par esgart; 
Mes des langues sont si coart ... 


Warum? Weil, wie ausdrücklich gesagt wird, die Minnelehre — 
die hier nicht einmal ganz palst — es so gebietet: Das Mädchen 
muls sich unschuldig, ungeschickt zeigen, der Liebende ihr gegen- 
über erstaunlich feige, wenn er auch für sie die gröfsten Helden- 
taten vollbringt: 


3840 ... car simple chose 
Doit estre pucele et coarde. 


3903 Mes seul celi quWil aimme dot 
Zt por li soit hardiz par tot. 


Die Haltung der zwei ist also in erster Linie doktrinbestimmt. 
Die Szene ist komponiert, um die Lehre zu illustrieren; Cliges 
benimmt sich richtig: 
3905 Donc ne faut ne ne mesprant mie 
Cliges, s’il redote sS’amie. 


Nebenbei werden noch zwei andere Gründe für die Zurückhaltung 
angegeben, die zur Hauptlehre schlecht passen. Cliges will sich 
keiner Abweisung aussetzen (V. 3827), und er hätte seine Erklärung 
doch gewagt, wenn Fenice nicht die Frau seines Onkels gewesen 
wäre. Aber das sind unorganisch angehängte, in Wirklichkeit nicht 
durchschlagende Gründe für die Reserve. 

Noch zweimal dient die Konvention als Mittel, die Erklärung 
hinauszuschieben: bei Cliges’ Abzug zum Artushof und bei seiner 
Rückkehr. Beim Abschied, V. 4290ff., wagen sich die beiden 
immer noch nicht anzusehen, als wenn sein Fortgehen etwas Un- 
rechtes wäre: 


4297 Que de droit esgarder ne l’ose 
Aussi come d’aucune chose 
Zt vers li mespris et forfet, 
Si sanble que vergoigne an et. 


Keins von beiden merkt, wie der andere heimlich seufzt und weint. 
Das ist alles ebenso gegebene Pose, wie das Folgende: Cliges’ 
Eile, seine Nachdenklichkeit.e — Bei seiner Rückkehr hätte ihn 
Fenice gern liebend gekülst: 5131 Mes folie fust et forsans. Nicht 
weil sie verheiratet ist, sondern weil jede Frau sich öffentlich dem 
Liebhaber gegenüber so zurückhalten mufs. Es sind die gleichen 
Ausdrücke, die zur Begründung der Vorsicht trotz der verschiedenen 
Situationen an anderen Stellen verwendet werden: V.999 /orsan; 
V. 2804 for fol tenır. Und auch als sie sich dann ungestört 
sprechen können, wirkt die gleiche Reserve weiter. Die rationalen 
Erklärungen, die der Dichter noch hinzufügen zu müssen glaubt, 
sind auch hier schwach (V. 5152, wie oben V. 3827). 

Sehr häufig gibt Chrestien seiner Fabel eine rationalisierende 
epische Motivierung. Mehrere derartige Fälle, die Einzelzüge 


78 ARTHUR FRANZ, 


betrafen, haben wir schon angegeben. Der Zaubertrank, der Alis 
impotent macht, ist die wichtigste derartige Rationalisierung; durch 
ihn wird ein grolser Teil der Haupthandlung motiviert. Weder 
Dichter noch Leser glauben recht daran, aber er stellt doch eine 
gewisse verstandesmälsige Achtbarkeit des Ehebruchs her. Der 
Gatte darf die Wirkung nicht merken, deshalb wird ihm im Traum 
der Liebesgenufs vorgespiegel. Es ist wahrscheinlich, dafs die 
Idee zu einem die Liebe beeinflussenden Trank aus Tristan stammt; 
aber der Charakter dieses Motivs ist ganz verändert. Im Tristan 
ist der Trank ein Symbol, hier im Üliges ist er eine rationale Er- 
findung. 

Auch Fenice bekommt einen geheimnisvollen Trank von Thessala 
bereitet. Dieser macht sie scheintot. Auch dieser Zaubertrank 
trägt den Charakter einer motivierenden Erfindung. Die Täuschung 
wird dadurch wahrscheinlicher. Der Dichter zieht jedoch auch 
künstlerisch seine Folgen aus dieser Idee, und zwar im Sinne der 
reflektierten Handlung. Die scheintote Fenice wirkt auf Cliges. Er 
bejammert vor ihren hörenden Ohren ihren Tod (V. 6228 ff.). Sie 
möchte ihn gern trösten; die Spannung, die darin liegt, wird durch 
den Seufzer, den Fenice endlich ausstolsen kann, gelöst (V. 6206). 
Um diese schöne Wirkung zu ermöglichen (vgl. die später be- 
sprochenen Scheinhandlungen), ist eine zweite, äufserlich folge- 
richtige, innerlich aber unwahrscheinliche Motivierung nötig: Cliges 
darf von dem Scheintodstrank vorher nichts wissen (V. 6223). 

Diese verstandesmälsige Begründung und Zusammenbindung 
der Handlung beweisen wohl Chrestiens grolses technisches Talent, 
sie sind aber nicht immer als künstlerischer Vorzug anzusehen. 
Sie ziehen das Geschehen aus der Sphäre der künstlerischen Not- 
wendigkeit in die der alltäglichen Wahrscheinlichkeit herab. Wenn 
man den Mafsstab äufserlicher Folgerichtigkeit an das Epos anlegt, 
so wird man dem Werk als Dichtung gewils nicht gerecht, wie die 
Anmerkungen Foersters (kleine Ausgabe? zu V. 6223 und zu den 
Versen 5894, 5937, 6225, 6239, 6387, 6421) zeigen. — Verstandes- 
mälsig anstolsende Züge werden auch an anderen Stellen durch 
rationale Motivierung mundgerecht gemacht. Ich erinnere an Fenices 
Grablegung und Befreiung. Die Wachen bemerken nicht, dafs es 
ihr im Grab bequem gemacht wird: 


6153 Ainz sont brestuit DPasmed cheü. 


Sie bemerken auch nicht, dals Cliges seine Geliebte holt, denn sie 
haben getrunken und schlafen deshalb. Dieses Motiv wird aber 
auch künstlerisch ausgenutzt. Es dient dazu, die Spannung zu er- 
möglichen bei der Frage, wie Cliges wohl zu ihr hineingelangen 
wird, und diese Spannung leicht zu lösen: 


6188 Cliges ne set comant ıl Past. 


Ich kehre nach diesem Exkurs über die rationale Motivierung 
wieder zu dem Pıoblem der Haltung zurück. Aus den Beispielen 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 79 


über die Zurückhaltung der Liebenden hat sich ergeben, dafs diese 
nicht episch oder moralisch, sondern ästhetisch begründet ist. Der 
Dichter will seine Zuhörer erfreuen. Einerseits wird dadurch eine 
gewisse literarische Spannung erreicht, zweitens aber, was wichtiger 
ist, wird der Liebeskodex, der in der Gesellschaft galt, durch Bei- 
spiele illustriert. Die Haltung, die vorgeführt wird, ist nicht nur 
für die Liebenden im Epos gültig, sondern für alle Liebenden. Sie 
hat Eigenwert. Sein Publikum hat der Dichter dabei im Sinn; 
die Leser sollen anwendbare Musterbeispiele darin sehen; sie sollen 
sagen: so wie sie hier in der Geschichte handeln, handeln die 
Liebenden richtig. 

Nur in einem Falle ist die Haltung der Liebenden durch den 
Gang des Epos bedingt: Cliges und Fenice müssen dem Entfüh- 
rungsplan zuliebe ihre Umgebung täuschen. Fenice jagt, bei Beginn 
der Krankheit, ihren Geliebten laut davon, weil sie glauben machen 
muls, dals seine Anwesenheit ihr unangenehm ist: 


5687 er por ce guW’an cuit 
Que ce que li plest li enutt. 


Cliges geht davon, vor anderen kräftig Trauer heuchelnd: 


5694 S’an vet feisant chiere dolante; 
Qu’ains si dolante ne veistes. 
Mout pert estre par defors Lristes; 
Mes ses cuers est lies par dedans ... 


Beim Scheinbegräbnis stimmt Cliges auffällig heuchelnd in die 
Trauer der anderen ein: 


6140 Zt Cliges refet duel a certes, 
Tel qu'il s’an afole et confont 
Plus que Luit li autre ne font. 


Aber bei genauerer Betrachtung sieht man, dafs solche Züge der 
Kategerie: „Haltung in Liebesfragen aus Vorsicht“ nicht unter- 
geordnet werden dürfen. Sie gehören vielmehr in die sehr aus- 
gebildete Klasse der Täuschungen und Überraschungen. 
Auch diese haben ihr Fundament aufserhalb der Handlung im 
engeren Sinne, sie gehören auch zu den reflektierten Handlungen; 
denn die Täuschung an sich und ihre überraschende Lösung sind 
es, die interessieren; sie fesseln erstens die Personen des Epos, 
die die Täuschungen und Überraschungen mit erleben und die 
ihnen zusehen; sie fesseln aber auch die Leser, wenn sie mit 
diesen Personen fühlen. 

Bei einer dichterischen Einstellung, die mehr auf Spiel und 
Wirkung als auf den Stoff gerichtet ist, können Schein und Täuschung 
als Erzählungsmittel gute Dienste tun. Sie stellen eine willkürliche, 
auf den Effekt berechnete Abart der Pose dar. Während die 
übliche schöne Geste das äufsere Bild des Inneren zugunsten der 
gewollten Wirkung nur etwas korrigiert, handelt es sich jetzt darum, 


80 ARTHUR FRANZ, 


dafs ein falscher oder wenigstens ein irrtümlicher Eindruck hervor- 
gerufen wird. 

Als Beispiele gebe ich zuerst zwei Fälle des Waffentausches. 
Alexander und seine Gefährten gelangen in die Burg der Feinde, 
weil sie die Waffen der erschlagenen Gegner angelegt haben (V.ı845fl.). 
Deshalb lassen die Wächter sie ein, deshalb werden sie im Innern 
nicht gehindert. Sie unterstützen die Wirkung des täuschenden 
Anzuges noch dadurch, dafs sie stumm bleiben und die entspre- 
chenden Trauergebärden machen: 


1874 Tel sanblant de dolor feisant, 
Qu’apres aus lor lances trainent 
Et dessos les escus s’anclinent, 
Si qu'il sanble que mout se duelent ... 


Gewifs ist diese List ein episches Mittel, die Handlung, nämlich 
die Eroberung der Burg, vorwärtszubringen, und der Dichter hat 
diesen Gesichtspunkt überaus geschickt ausgewertet (V. 1880 fl.) ; 
aber die Szene ist doch nicht auf dieses Ziel hin zugespitzt, sondern 
darauf, dafs das verkleidete Eindringen auf die Burgleute eine 
Wirkung hervorbringt. Was gibt es bei diesen für eine Über- 
raschung, für einen Schreck, als die scheinbaren Freunde sich 
plötzlich als Gegner entpuppen und losschlagen ! 

Der Rüstungstausch des Cliges ist eine Wiederholung des 
gleichen Motivs, nur ist die Reflexwirkung hier noch gesteigert. 
Cliges hat den Neffen des Sachsenherzogs erschlagen, der seinen 
Kopf zu bringen sich gerühmt hatte. Er zieht dessen Rüstung an 
und besteigt sein Rofs. Sein eigenes lälst er frei laufen, damit 
seine Genossen denken, er sei tot: er will also einen Effekt hervor- 
rufen: 

3532 Por les Groois feire esmaiier. 


Zugleich werden die Gegner raffiniert getäuscht; sie glauben, ihres 
Herzogs Neffe komme mit dem versprochenen Kopfe zurück. So 
ist eine doppelte Täuschung erreicht: 


3556 D’anbes pars cuident qu’il soit mors, 


Der Leser freut sich an dieser Situation, weil er weils, dals es eine 
doppelte Täuschung ist. Und die Lösung bringt dann eine doppelte 
Überraschung; eine unangenehme bei den Gegnern, eine freudige 
beim eigenen Heer. Auf diese Folge von Spannung und Lösung 
bei Zuschauern und Lesern ist es in der ganzen Szene abgesehen. 
— So ist auch die Effektwirkung durch den Rüstungswechsel in 
den Turnierszenen aufgebaut. 

Aus ähnlichen Gründen reizte den Dichter die Darstellung 
der gehemmten (z.B. V.2zııgff.) und der unnötigen (z.B. V. 5810 ff.) 
Gesten und die Ausführung der verborgenen und irrtümlichen 
Gefühle. So betet Alexander das Haar seiner Geliebten nicht 
wirklicb an (Foerster a.a.0O. S. XXXH), sondern er hätte es an- 
gebetet (V. 1196), wenn er gewulst hätte, dafs es ihr Haar ist, 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 81 


und wenn er (V. 1619) nicht durch die Anwesenheit von Zuschauern 
daran gehindert worden wäre. Die Handlung als Gedankenspiel 
entfaltet sich frei; gerade als irreale Handlung palst sie zur Men- 
talität der Leser. In der Wirklichkeit verhält sich Cliges dem 
Hemd gegenüber weniger ätherisch. Wie er das Hemd im Bett 
umarmt, das ist erotisch etwas schmackhaft gemacht. Denn der 
Dichter sagt sich mit seinem Publikum: Die Gesten macht man 
vor anderen; wenn man allein sich überschwenglich betätigt, so 
mufs man durch die Liebe töricht geworden sein (V. 1631—1646). 

Die irrtümliche Trauer ist mehrmals sehr sorgfältig ausgeführt. 
Das Unwirkliche ist dabei wesentlich. Gerade darin liegt die 
Spannung. Der Hörer weils, dafs es nur ein Spiel ist, und er 
wird oft ausdrücklich darauf hingewiesen; z.B. V. 2072 u. 2087: 


2071 Si feisoient un duel mout fort 
Por lor seignor li Greu a tort, 


2087 Mes por neant se desconfortent. 


Trotzdem, oder gerade deswegen, wird die Szene ausgemalt, mit 
Angabe der Namen der Trauernden, mit Chor und Zuschauern. 
In diese Trauerszene tritt als Protagonistin Soredamors ein. Ihr 
irrtümlicher Schmerz hat einen ausgeführten Hintergrund, und die 
Lösung des Irrtums ist nun um so effektvoller. — Um den Tod 
der Fenice wird mehrmals ausführlich getrauert. Die irreale Toten- 
klage (V. 5791 ff., 6072 fi., 6129 ff.) ist ein Spiel. Die Hauptbeteiligten 
wissen das, und die Hörer auch. Auf diesem bewulsten Mifsver- 
hältnis zwischen Äufserung und wirklicher Ursache beruht die immer 
wieder ausgenutzte Wirkung von solchen Iyrischen Phantasiegebilden. 
Sie sollen weiter nichts sein als ein schöner Schein. 

Wenn wir nun zu den übrigen Haltungsposen von geringerer 
Absichtlichkeit zurückkehren, können wir uns mit kurzen Andeu- 
tungen begnügen. Sie alle beanspruchen ein Interesse für sich, 
das nicht im Fortgang der Handlung allein begründet liegt. Es 
kommt uns hier nicht auf den kulturhistorischen Inhalt dieser Ge- 
bräuche an, sondern darauf, dals sie als korrekt gespielte und durch- 
geführte Posen literarisch wirken. Das richtige Verhalten wird von 
den Mitspielern im Epos gewertet und wurde von den Lesern 
ästhetisch genossen. In dieser Spiegelungsmöglichkeit liegt der 
literarische Gehalt des Benehmens. 

Der Musterritter, mag er Alexander oder Cliges heilsen, hat 
sich in bestimmter Weise zu verhalten. Nur von Artus kann 
Alexander seine Ritterwaffen erbalten (V. ı13 fl.); bescheiden mufs 
er von seiner Unerprobtheit sprechen (V. 146). Wenn Cliges auch 
zu Artus will, so erfüllt er damit genau die gleiche Vorschrift; 
auch er nennt sich zu unerprobt, um sein Land schon zu verwalten 
(V. 4214ff,, 4245). 

Der Erfolg erfreut den Helden, aber zu viel Lob mufs ihn 
beschämen: 


Zeitschr. f. rom. Phil, XLVUI. 6 


82 ARTHUR FRANZ, 


5017 Que plus le bent tuit ansanble 
Qu’il ne devroient, ce li sanble ; 
Mes bel li est et san a honte; 
Li sans an la face lı monte 
Si que tot vergoigner le voient. 


Das richtige Mafs, die richtige Mitte zwischen Stolz und Herab- 
lassung, ist die Voraussetzung für das korrekte gesellschaftliche 
Benehmen: 
3932 Cil n’est Bas fos ne ne s’orguelle 
Ne ne se fait noble ne cointe. 


Nachdem Alexander und seine Leute zum Ritter geschlagen sind, 
müssen sie sich in Taten bewähren, wozu sind sonst Lanze und 
Schild da? (V. ı305f.). Gefährliche Abenteuer und Zweikämpfe 
bitten sich junge Helden als Gunst aus, Alexander ebenso wie 
Cliges, als sie von der Heimat Abschied nehmen, und nochmals 
Cliges, als es sich um einen Entscheidungskampf handelt: 


3971 Mes Ciiges as Pies lor an chiet ... 
Que ıl ceste bataille eüst 
An guerredon et an merite. 


Noble Gesinnung nutzt Waffenerfolge nicht materiell, sondern nur 
zum Ruhme aus. Alexander schickt die gefangenen Verteidiger, 
statt sie zu töten, zum König, damit sie ihn als Absender rühmen 
(V. 2169 fl). Die gleiche Pose nimmt Cliges ein, als die dreitägigen 
grolsen Turniere vorüber sind. Eine ganze Anzahl der Ritter sehen 
jetzt, dafs er ihr Überwinder ist: 


4996 EZ tuit cıl l’apelent seignor. 


Aber er will es nicht wahrhaben, dafs er es sei, der die Herrschaft 
über sie gewonnen hat; und wenn es auch so wäre, seien sie 
doch alle frei: 
4998 Mes ıl le viuul a bos nolier 
Et dit que trestuit quite svient 
De lor fois, s’ıl cuident et croient 
Que ce fust il qui les preist, 


Wenn man sieht, dafs kurz vorher berichtet wird, wie sich Cliges 
für den Ehrungsakt als französischer Ritter umkleidet, wie also der 
korrekte Anzug für das Auftreten als wesentlich angesehen wird, 
so versteht man, dafs es sich bei den besprochenen Gesten um 
eine Art wirkungsvoller geistiger Draperie handelt, deren richtiger 
Faltenwurf von den Lesern ästhetisch genossen wurde. 

Es gibt eine grofse Anzahl von Teilvorgängen im Epos, deren 
Anziehungskraft darauf beruht, dafs sie schön geregelt, ich möchte 
fast sagen rituell, sich abspielen. Ich erinnere an die Begrüfsungen 
und Abschiede, die Herausforderungen und die Turniere. Sie 
alle werden nicht nur beobachtet, sondern auch beurteilt; es wird 
als Aufgabe literarischer Kunst empfunden, dafs ihr richtiger Ablauf 


DIE KEFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 83 


zur Geltung kommt. Damit hängt die Bewertung der direkten Rede 
bei Chrestien zusammen. Denn diese Auffassung vom richtigen 
Ablauf ist mit rhetorischer Kunstauffassung eng verwandt. So 
werden denn auch die Reden als Teil des korrekten Benehmens 
nicht vergessen. Es gehört zu den Voraussetzungen für die Be- 
tätigung des höfischen Helden, dals er wirkungsvoll reden kann. 
Zum Beispiel wird von Alexander bei einer Begrülsungsszene aus- 
drücklich gesagt: 


340 Qui la langue avoit esmolue 
A bien parler et sagemant. 


Auch bei Botenberichten wird von der richtigen Redeweise ge- 
sprochen (z. B. V. 2871, 3960—65, 6719), und Musterreden, die 
die Handlung nicht gerade fördern, werden viele in extenso ge- 
geben (z. B. V 2280ff. und 2311 fl.). 

Es ist im Rahmen dieses Aufsatzes nicht möglich und nicht 
nötig, diesen Gesichtspunkt im einzelnen auszuführen. Ich kann 
nur ausgewählte Beispiele besprechen, bei denen etwas Besonderes zu 
bemerken ist. Die Ankunft des Alexander und seiner zwölf Genossen 
ist als so gut aufgemachte Szene beschrieben, dafs alle sofort den 
Eindruck erwecken aus hochadeligem Hause zu stammen: 


319 Zt li baron trestuit se teisent; 
Car li vaslet formant lor fleisent; ... 
Ne cuident pas qu’il ne soient 
Tuit de contes ou de roi fil; 
Et por voir si estoient ıl. 


Erst der Eindruck, der durch den Aufzug hervorgerufen wird, dann 
erst die Wirklichkeit, an der der Eindruck gemessen wird, und 
die ihn bestätigt. Ähnlich verhält es sich mit Fenices Eindruck 
von Cliges. Sie hat ihn gleich geliebt, weil er als der Beste erschien; 
es bestätigt sich, dals er es auch war (V. 2980ff.), s. o 

Als Acorionde die Herausforderung des Alexander an Alis 
überbringt, wird ein Kehrbild der üblichen Begrüfsungen gegeben. 
Die einzelnen Etappen des Unterschieds sind die folgenden: V. 2474: 
Er antwortet nicht auf die Zurufe der Freunde; er begrüfst den 
Kaiser nicht, neigt sich nicht vor ihm und nennt ihn nicht mit 
seinem Titel (V. 2480ff.); im folgenden diplomatischen Zwiegespräch 
gibt der Bote nicht nach, usw. Die Szene fesselt weniger durch 
das, was geschieht und was verhandelt wird, als dadurch, dals sie 
von der Norm abweicht. Ähnlich ist die Szene V. 2536 ff. zu be- 
‚urteilen. Die Leute des Alis widerraten, als dieser gegen Alexander 
etwas unternehmen will, diese Gegnerschaft und drohen mit Abfall. 
Dieses Benehmen weicht von der Regel ab. Untergebene haben 
den Lehnsherrn, wenn er sie zu Taten ruft, ihres Eifers zu ver- 
sichern. Diese Haltung ist häufig geschildert, typisch z.B. V. 1077 fl. 


1085 Einsi le roi tuit asseürent 
Et afient formant et jurent ... 


6* 


84 ARTHUR FRANZ, 


Hierbei kann bemerkt werden, dafs bei Kämpfen gewöhnlich die 
Gegner des gerade im Vordergrund stehenden Helden dadurch 
verdunkelt werden, dals sie von den Posen, die Sympathie einbringen, 
abweichen. 

Freigebigkieit und Betätigungstrieb sind Bestandteile des 
Ritterideals. Sie gehören zur Wohlerzogenheit (V. ı84f., ı90f.). 
Diese Tugenden spielen aber in unserem Roman keine Rolle. 
Trotzdem wird mehrmals zur Jargesce gemahnt (V.405ff., 4580 fl.), 
und von der faresce wird (V. ı54fl.) abgeraten. Diese Stellen 
würden noch stärker aus dem Gesamtplan des Epos herausfallen, 
wenn sie nicht eben Teile der Theorie bildeten, der man sich in 
seinem Benehmen zu unterwerfen hat. 

Es gibt auch Gesten, die aus dem Zusammenhang herausfallen, 
die wenigstens unnötig erscheinen, da ihr Reflex nicht in die 
Handlung eingeordnet ist. Man kann sie als reine Schmuckgesten 
bezeichnen. Ich denke an zwei Fälle, die sich in den etwas nach- 
lässig komponierten Schlüssen der beiden Teile finden. Gegen 
Ende der ersten Geschichte erhält Alexander zum Lohn für seine 
Taten den als Preis angesetzten Becher. Aber er ist so edel, 
dafs er ihn nicht behalten will. Ohne jede innere Motivierung 
schenkt er ihn an Gauvain weiter: 

2234 La code prant et par franchise 
Prie mon seignor Gauvain tant 
Que de lui cele cope prant; 
Mes a mout grant painne l’a prise. 


Am Ende des Hauptteils ist Cliges geflohen, und der Diener Jehan 
hat dem Kaiser Alis seine Schmach ins Gesicht gesagt. Alis fordert 
ihn auf, den Aufenthalt seines Herrn zu verraten. Den weils er 
zwar nicht, aber er beginnt doch mit der Biedermannsgeste: 
6598 Fe vos dirai? Et je comant 
Feroie si grant felonie 


Die Handlung wird dadurch nicht gefördert, es ist nur eben eine 
Schmuckpose mehr. Aber eine Wirkung hat sie doch. Sie läfst 
ein Licht auf des Kaisers Gegner fallen und verstärkt dadurch das 
Dunkel, in dem sich der betrogene Gatte befindet, auf den Schimpf 
auf Schimpf gehäuft wird. 

In der Kultur, deren Ausdruck die höfischen Epen sind, ist 
eine weltliche Bindung an Stelle der religiösen Bindung getreten; 
das weltliche Ritual ersetzt zum Teil die kirchlichen Vorschriften. 
Es ist von diesen Vorschriften befruchtet. So ist die Standhaftigkeit, 
mit der Fenice die Scheintodsprobe aushält, dem kirchlichen Märtyrer- 
tum nachgebildet und dessen wirkungsvolle Pose ist benutzt. Sie 
verhält sich den Peinigungen gegenüber genau wie eine Märtyrerin. 
Auch das Wort fehlt nicht: 

5993 Ne por ce n’i porent rien feire 
Ne sospir ne parole treire, 
N’ele ne se crolle ne muel .,. 


DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 85 


6014 Cele se test ne ne lor viee 

Sa char a batre ne maumetre ... 
6024 Oui au charbon et a la flame 

Li feisoient sofrir martire. 


Der Grund ihrer Standhaftigkeit ist freilich nicht heilig, aber die 
äufserliche Wirkung ist ähnlich. Deshalb scheint es natürlich, dafs 
sie als Liebesmärtyrerin in ein Grab gelegt wird, das eigentlich 
für eine Heilige bestimmt war: 


6094 Or soit au leu de saintüeire 
L’anpererris dedans enclose ; 
Qu’ele est, ce cuit, mou£ sainte chose. 


Die Liebenden Alexander und Soredamors werden von der Königin 
mit einer gewissen weltlich rituellen Feierlichkeit zusammengegeben ; 
ein höfisches Lächeln ersetzt den Ernst des kirchlichen Segens 
(V. 2342). Von den kirchlichen Zeremonien wird nur in der 
äulserlichsten Weise gesprochen; nur ihre Form wird benutzt, nichts 
von ihrem Inhalt (z. B. V. 3330, 5812). 

Zum Schlulfs mufs noch auf diejenigen Stellen hingewiesen 
werden, in denen die konventionellen Vorschriften, nach denen 
man sich zu richten hat, direkt als Forderungen ausgesprochen 
werden. So heilst es z.B. V. ı78, als Begründung dafür, dals 
Alexanders Vater seine Zusage zur Abreise nicht rückgängig. 
machen kann: 


178 OQw’anperere ne doit mantir. 


Er ist eben Kaiser, und mit dessen Würde und dessen Pose würde 
sich eine andere Handlungsweise nicht vertragen. — Verräter müssen 
geschleift werden, deshalb ist König Artus an die typische Ent- 
scheidung gebunden: 


1443 OQu’an doit traitor trainer. 


(Vielleicht klingt ein Wortspiel mit) — Ein König mufs zu belohnen 
verstehen; er mufs den richtigen Mann und das richtige Malfs 
dafür finden können. Seine Handlungsweise wird von der Um- 
gebung (mit der sich die Leser identifizierten) daraufhin kontrolliert, 
ob die Wahl der Ehrung richtig getroffen ist. So billigen die 
Barone ausdrücklich (V. 1450ff.) die Ehrung des Alexander durch 
König Artus. Alexander hat die Ehrung verdient: 
1470 Tuit li baron de la cort dient, 

QOuw’an Alixandre est bien assise 

L’enors que li rois li devise. 
Nach dem Tode der Eltern trauern Cliges und Alis nur gerade 
im rechten Malse; sie verletzen nicht unnötig das Gebot der ge- 
sellschaftlichen Heiterkeit: 


2625 An firent duel si come il durent, 
Mes de duel feire se recrurent. 


86 AKTHUR FRANZ, DIE REFLEKTIERTE HANDLUNG IM CLIGES. 


Schliefslich: Die Königin beobachtet das Augenspiel zwischen 
Alexander und Soredamors. Aber sie tut so, als ob sie es nicht 
bemerke. Damit handelt sie richtig: 


1600 Ne fait,sanblant qu’ele conoisse 
Rien nule de quangu’ele voit. 
Bien fist ce que feire devoit; 
Que chiere ne sanblunt n’an ist ... 


(Vgl. oben V. 3841 und 3905.) 


So steht die Konvention deutlich sichtbar hinter dem Benehmen 
der Handelnden. Sie ist der Hintergrund, sie ist zugleich die 
Schranke für ihre Posen. Auf Grund dieser Konvention beurteilen 
die Zuschauer im Epos die Richtigkeit der Haltung, und die Leser 
die Richtigkeit der Dichtung. Dieser Reflex bildet ein literarisches 
Mals einer anderen Zeit. 

Aber mit der Resonnanz, die sie auslöst, und dem literarischen 
Mals, das sie ermöglicht, ist die Bedeutung der reflektierten Handlung 
und der Pose nicht erschöpft. Sie ist auch eine Stütze der Handelnden 
selbst. Diese haben einen festen Hintergrund, vor dem sie sich 
leicht und sicher bewegen. Die suggestive Kraft der eigenen Pose 
hält den Helden aufrecht und erhebt ihn über sein alltägliches 
Niveau. Das ist ein typisch romanischer, speziell französischer Zug. 
Deshalb kann meine Untersuchung über die reflektierte Handlung 
vielleicht dazu dienen, das Wesen der romanischen Pose als eines 
Bestandteils der romanischen Geistesstruktur an einer Beispielreihe 
zu veranschaulichen. Dem Romanen ist die Pose in der Tat etwas 
anderes als uns, etwas weniger Äufserliches. Indem er die gegebene 
Pose erfüllt, wächst er in sie hinein und wird das wirklich, was 
er spielte. 


ARTHUR FRANZ. 


Der Silenoeroman von Heldris de Oornualle, 


Ich habe schon mehrfach auf diesen altfranzösischen Roman 
hingewiesen, cp. Z. f. frz. Spr. u. Lit. 43, 1,74 und 47, I, 73, und 
besonders Nature, Niemeyer Halle 1917, S. VI, worin ich einige 
Textproben aus dem Romane gab. Die kritische Ausgabe, die 
wegen der Kriegszeit und anderer Arbeiten zurückgestellt werden 
mulste, ist weit fortgeschritten. Da aber der Text das Interesse 
der Literarhistoriker erwecken dürfte, will ich eine Inhaltsangabe 
dieses bisher ganz unbekannten Romans geben.‘ Es wird auch 
nötig sein, einige der durch den Roman erwachsenden literarischen 
Probleme anzuschneiden, denn stofflich ist der Roman von nicht 
unbeträchtlichem Interesse. So hoffe ich, dafs diese kleine Gabe 
unserem Jubilar, der stets ein reges Interesse für die alt- wie neu- 
französische Literatur gezeigt hat, nicht unwillkommen sein wird. — 
Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die kurze Nachricht 
über die Handschriften des Lord Middleton in Wollaton Hall in 
der Romania 42, ı44ff. Nach längeren Bemühungen erhielt ich 
durch Herrn W.H. Stevenson vom St. John’s College in Oxford 
die Schwarzweifsphotographie des Textes, wofür ich ihm auch an 
dieser Stelle herzlichst danke. 

Stevenson hat die Handschriften in seinem Report on the 
Manuscripts of Lord Middleton preserved at Wollaton Hall, Notting- 
hamshire, London ıgıı, der von der Historical Manuscripts 
Commission veröffentlicht wurde, sorgfältig beschrieben. Von der 
uns interessierenden Handschrift sagt Stevenson I. c. S. 221: A 
siout volume, measuring about eight inches by twelve, written ın an 
early thirteenih century French hand .. .!“ 

S. 224 sagt Stevenson: III. (Fo. 189) — A foem of about six- 
thousand five hundred octosyllabic lines of the Arthuriän cycle, evidently 
based upon Geoffrey of Monmouth. As appears from Ihe first line? 
the author was a Master Heldris (= Hildric, Heudri) de Cornvalle, 
a name hitherto unknown.“ Ferner gibt Stevenson noch ein paar 
ganz kurze Textproben. Das ist alles, was bisher über den Text 
gebracht worden ist. 


I Cp. Friedwagner, Z. f.r. Ph. 39, 585, der sich für dieselbe Handschrift 
wegen der Vengeance Raguidel interessierte. 
® Der Name kehrt auch gegen Ende V. 6682 wieder: 


Maistre Heldris dist chi endroit ... 


88 HEINRICH GELZER 


Ich gebe nunmehr eine genaue Inhaltsangabe, damit mit dem 
Roman literarhistorisch gearbeitet werden kann. Ich gedenke dabei 
mit Dank der Inhaltsangaben unedierter Werke bei Gaston Paris, 
Histoire litteraire de la France B. XXX, der einzigen grofszügigen 
Übersicht über die Artusromane, die im meisten noch heute nicht 
überholt ist. 


Einleitung. 


Maistre Heldris de Cornualle schreibt sein Werk nach den 
Regeln der Kunst, aber nur für Leute, die Verständnis dafür haben 
und nicht für die, die Geld der Ehre vorziehen; vor allem nicht 
für die Geizigen. Aber der Geiz beherrscht jetzt die Welt. Über- 
haupt ist die Verderbnis jetzt weit verbreitet, besonders an den 
Höfen. Aber er will mit dem Schelten aufhören und sein Werk 
beginnen. 


I. Teil. 


In England herrschte einst mächtig König Ebain. Er führte 
einen langen Krieg mit König Bege von Norwegen. Norwegen 
leidet sehr unter dem Krieg, und der Rat der Norweger schlägt 
eine Heirat zwischen Ebain und Eufeme, der Tochter von Bege, 
vor, um den Krieg zu beenden. Ebain ist einverstanden, da er 
sie schon lange geliebt hat. Er holt sie feierlich ein, und die 
Heirat findet statt. Vier Monate dauert die Hochzeitsfeier. So 
war es in der alten Zeit; aber die schlechten Menschen der Gegen- 
wart kennen solchen Brauch nicht mehr. 

In Ebains Land war ein Graf, der zwei Zwillingstöchter hatte. 
Zwei Grafen heiraten die beiden Mädchen; aber sie geraten in 
Streit über das Erbe. Sie fordern sich heraus, in Cestre findet 
der Zweikampf statt, beide sterben an ihren Wunden. Ebain, 
darüber erzürnt, bestimmt nun, dafs Frauen in England nicht mehr 
erben dürfen. 

Der König verläfst Cestre. Als er durch den Wald von Malroi 
reitet, tötet eine Schlange dreilsig Leute aus seinem Gefolge. Der 
König setzt für den Besieger der Schlange einen Preis aus: Eine 
Grafschaft und die Hand eines Edelfräuleins nach eigener Wahl. 
Cador  preu, der Neffe des Königs, liebt die Tochter des Grafen 
Renalt von Cornualle, Eufemie. Er will deshalb den Kampf mit 
der Schlange wagen. Er stärkt sich im Gebet und erlegt das 
Tier. Der König freut sich sehr darüber. Zusammen reiten sie 
weiter nach Herincestre. Cador wagt aus Liebesangst nicht um 
Eufemie zu bitten. In der Nacht wird er krank infolge des Giftes 
der Schlange. Der Kämmerer Ades meldet es dem König, und 
dieser ruft die heilkundige Eufemie, die Cador heilen soll. Sie 
heilt ihn auch, aber er ist kränker geworden, aus Liebe. In einem 
langen Monolog klagt und leidet er. Indessen leidet auch Eufemie, 
die von Liebe zu Cador ergriffen ist; so leiden beide. Bei Tages- 


DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 89 


anbruch geht sie zu Cador; sie will sagen: amis, parlös a mi, sagt 
aber: parles hay mi. Es folgt eine Betrachtung über a mi und ay m:. 
Endlich gestehen sie sich ihre Liebe, aber sie zweifeln, ob der 
König Wort halten wird. Denn auch Eufemie gegenüber ist der 
König verpflichtet: er hat ihr für Cadors Heilung die Wahl eines 
Edelmanns als Gatten freigestellt. Sie gehen zum König, der darüber 
mit seinen Vasallen berät. Inzwischen sind die Liebenden in 
grolser Angst; da kommt der Graf von Cestre im Auftrage des 
Königs und sagt ihnen, dafs der König sie beide für einander 
bestimmt hat. Die Hochzeit wird gerüstet, Renalt von Cornualle, 
der Vater der Eufemie, kommt an den Hof des Königs. Renalt 
ist ein Ehrenmann; solche gibt es jetzt nicht mehr. Es folgt wieder 
eine Betrachtung über die Schlechtigkeit der Welt. 

Renalt reist mit Tochter und Schwiegersohn nach Hause. 
Bald darauf stirbt er, und Cador wird Graf von Cornualle. 

Jetzt will der Dichter das Abenteuer vom Kinde Cadors 
erzählen. Cador spricht mit seiner Frau über das zu erwartende 
Kind. Es soll heimlich geboren werden, nur Cadors Base soll 
seine Frau pflegen. Wenn das Kind geboren ist, soll die Base 
auf jeden Fall einen Sohn melden, damit das Erbe erhalten bleibt. 
Das Kind wird geboren, es ist ein Wunderwerk der Natur. Die 
Base meldet einen Sohn, es ist aber eine Tochter. Der Graf will 
sie nun als Sohn erziehen lassen wegen des Erbes. Silence soll 
er heifsen, weil die Wahrheit verschwiegen werden muls. Damit 
das wahre Geschlecht des Kindes nicht erkannt wird, wird dem 
Priester gesagt, das Kind sei krank. Es findet eine Nottaufe statt. 
Das Kind wird von der Base und einem Seneschall in einem ein- 
samen Hause aufgezogen. Nature ist voll Zorn über die Täuschung. 
Das Mädchen wächst nun als Knabe auf und wird sorgfältig erzogen. 
Als es älter ist, erzählt ihm sein Vater die. Wahrheit. Silence wird 
nun als Ritter erzogen. Als das Mädchen zwölf Jahre alt ist, tadelt 
Nature sie, sie solle zu weiblichen Arbeiten gehen. Da kommt 
Noreture und redet dagegen. Silence folgt Noreture. 

Zwei Menestrels verirren sich in der Nacht und kommen an 
das einsame Haus. Sie werden gastlich aufgenommen und von 
Silence freundlich bedient. Silence überlegt sich in der Nacht, er 
will mit den Menestrels gehen, um ihre Kunst zu lernen. Er weils 
ja nicht, ob er in chevalerie etwas leisten wird und ob er nicht 
später wieder Frauenkleidung tragen kann. Er nimmt von den 
Menestrels Abschied, um auf die Jagd zu gehen. Statt dessen ver- 
kleidet er sich, er färbt sich, um unkenntlich zu werden und fährt 
mit den Menestrels nach der Bretagne. Hier gibt er sich ihnen 
zu erkennen. Er will ihnen dienen, dafür sollen sie ihn ihre Kunst 
lehren. 

Inzwischen wird Silence zu Hause vermifst; der Seneschall 
und die Base sind verzweifelt über sein Verschwinden, ebenso die 
Eltern, die in grofse Klagen ausbrechen. Der Seneschall meint, 
die Menestrels hätten ihn geraubt. Deshalb werden von Cador 


90 HEINRICH GELZER, 


alle Menestrels bei Todesstrafe aus dem Lande verbannt. Kein 
Menestrel darf das Land betreten. 

Drei Jahre wandert Silence mit den Menestrels und lernt ihre 
Kunst so gut, dafs er sie weit übertrifft. Die Menestrels werden 
neidisch darüber. Silence hat seinen Namen abgelegt und nennt 
sich Malduit, weil er nach seiner Natur schlecht unterrichtet ist. 
Sie kommen an den Hof des Herzogs von Burgund. Dieser zieht 
Silence derartig vor, dafs die Menestrels ihn zu töten beschlielsen. 
Sie nehmen Abschied vom Herzog, um nach Spanien zu reisen. 
In der Nacht träumt Silence, Hunde wollten ihn zerreisen. Vor 
Schreck wacht er auf; da hört er im Nebenzimmer die Menestrels 
reden, die ihren Mordplan aushecken. Am nächsten Morgen weigert 
er sich, mit ihnen zu reisen. Sie zahlen ihm hundert Mark vom 
Gewinn aus und reisen allein ab, Silence bleibt beim Herzog von 
Burgund, macht sich aber bald auf den Weg zu seinen Eltern. Er 
geht in das beste Gasthaus, der Wirt erschrickt, weil er Spielmann 
ist, und erzählt ihm von dem Bann gegen die Jongleurs. Silence 
spielt so schön, dals das Volk ihm bewundernd zuhört. Am nächsten 
Morgen wird er vor den Grafen geführt, unterwegs spielt er auf 
seiner zwielee. Ein Alter erkennt ihn, aber der Graf glaubt ihm 
nicht. Der Alte rät ihm, den Spielmann nach seinem Sohne zu 
fragen. Der Graf führt Silence in ein Nebenzimmer, und nun gibt 
er sich zu erkennen. Silence sagt, warum er geflohen ist, und der 
Graf erkennt ihn an einem Kreuz auf der rechten Schulter. Grofs 
ist die Freude Cadors, seiner Frau und des ganzen Landes. Cador 
hebt den Bann über die Menestrels auf. 


II. Teil. 


Der König erfährt davon und entbietet Cador und Silence 
an seinen Hof. Silence ist am Hofe gern gesehen. Die Königin 
verliebt sich in ihn. Als der König auf der Jagd ist, ruft sie 
Silence in ihr Zimmer, der sie mit Harfenspiel unterhalten soll. 
Sie sucht Silence zu verführen, wird aber zurückgewiesen. Sie 
sinnt nun auf Rache. Es folgt eine Betrachtung über die Liebe. 
Die Königin lockt Silence zum zweiten Male auf inr Zimmer, sucht 
ihn zu verführen und wird wieder abgewiesen. Nun ruft sie um 
Hilfe, Silence wolle sie vergewaltigen, und hält Silence so lange 
fest, bis der König dazu kommt. Ihm gegenüber verklagt sie Silence. 
Aber der König ist besonnen. Lob der Mäfsigung. Ebain beschlielst, 
Silence zum König von Frankreich zu schicken mit einem Brief, der 
König von Frankreich soll Silence bei sich behalten und zum Ritter 
schlagen. Während der Kanzler den Brief schreibt, schreibt die 
Königin einen anderen, in dem steht, Ebain bitte den König von 
Frankreich, dem Boten den Kopf abschlagen zu lassen. Dieser habe 
Ebain beleidigt, aber der König könne sich wegen der vornehmen 
Verwandtschaft des Boten nicht an ihm rächen. Silence kommt 


DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 91 


vor den König von Frankreich; dieser küfst ihn zur Begrüfsung 
und befiehit dem Kanzler, den Brief zu lesen. Als der König den 
Inhalt gehört hat, wird er nachdenklich: Da er ihn gekülst hat, 
darf er ihn nicht töten; andererseits will er dem König von England 
seinen Wunsch nicht abschlagen. Er ruft einen Rat der Grafen 
von Blois, von Navers und von Clermont zusammen. Der Graf 
von Blois, der älteste, sagt, der König mufs einen Aufschub von 
vierzig Tagen geben wegen des Kusses; dann kann er tun, was 
er will. Clermont sagt, er solle ihn freilassen. Navers sagt, nach 
den vierzig Tagen soll er ihn zu einem fernen Freunde schicken, 
der ihn töten soll. Schliefslich sagt Clermont dem König, ohne 
dafs man sein Verbrechen wisse, dürfe man den Boten nicht töten. : 
Der König findet das richtig, weils aber nicht was tun. Clermont 
rät, der König solle an den König von England um Aufklärung 
schreiben und Silence solange in Ruhe lassen. König Ebain erhält 
den Brief, zieht den Kanzler zur Rechenschaft und wirft ihn ins 
Gefängnis. Inzwischen ist Silence in Frankreich bei allen sehr 
beliebt. Der englische Kanzler im Kerker zu Winchester erinnert 
sich, dafs die Königin den Brief in Händen gehabt hat, und sagt 
das dem König. Es wird ein neuer Brief geschrieben, ein ver- 
räterischer Graf habe den ersten gefälscht. Der König von Frankreich 
ist sehr froh über die Lösung. Mit siebzehn und einem halben 
Jahre wird Silence zum Ritter geschlagen. In einem grolsen Turnier 
bleibt Silence siegreich. Betrachtung über cortoisie: Anstand ist 
Erziehungssache. In Frankreich lieben und bewundern alle den 
tapferen Ritter. Da bricht in England ein Aufstand aus. Ebain 
bittet seine Frau, ihm zu erlauben, Silence zurückzuholen. Be- 
trachtung über die falsche Liebe der Frau. Die Königin sagt, sie 
habe nichts gegen Silence, und der König entbietet den jungen 
Ritter. Silence stölst mit dreifsig ders zum königlichen Heer. Der 
feindliche Graf ist aus Cestre gewichen und hat sich in einer festen 
Burg festgesetzt. Silence wappnet sich zum Kampf, redet seine 
französischen Genossen an; dann beginnt die Schlacht. König 
Ebain und der feindliche Graf kämpfen, der König fällt vom Rofs. 
Silence kämpft wie ein Löwe. Drei französische Begleiter Silencens, 
Gui de Calmont, Roger de Bialmont und Hyeble de Chastel-Landon 
helfen dem König wieder in den Sattel. Silence nimmt den feind- 
lichen Grafen Conan gefangen. Die Schlacht endet mit dem völligen 
Siege der Königlichen. 

Die Königin ist bekümmert. Sie will entweder Silencens Liebe 
gewinnen oder sich an ihm rächen. Nun möge Gott Silence 
schützen! Er ist in hoher Gunst beim König, aber die Königin 
lockt ihn wieder in ihr Zimmer und versucht, ihn zu verführen. 
Silence weist sie ab, er habe schon eine Geliebte. Nun sagt die 
Königin dem König, Silence stelle ihr immer noch nach. Der 
König wird zornig und will sich rächen, weils aber nicht wie. 

Die Königin erzählt ihm vom Turmbau Fortigiernes und von 
Merlin, der allein den Turm bauen konnte, seitdem aber verschwunden 


92 HEINRICH GELZER, 


ist. Nur durch Frauenlist kann Merlin gefangen werden. Silence 
soll Merlin fangen, der dem König eine angebliche Vision deuten 
soll. Wenn Silence den Befehl nicht ausführt, soll er verbannt 
werden. 

Silence bricht traurig. auf. Nach einem halben Jahre des 
Suchens trifft er am Rand eines grofsen Waldes einen Mann, der 
ganz weils am Rücken ist; dem erzählt er seine Aufgabe. Der 
Alte weils Bescheid über Merlin; Merlin ist ganz behaart wie ein 
Bär, schnell wie ein Hirsch der Heide und lebt von Wurzeln. Er 
haust in der Nähe; aus einer nahen Quelle pflegt er zu trinken, 
seit vier Tagen war er nicht da, weil sie jetzt trocken ist. Silence 
. soll dableiben; der Alte wird am nächsten Morgen wiederkommen 
und Wein, Honig und Milch in drei Gefäfsen, sowie frisches Fleisch 
mitbringen. Silence soll dann ein Feuer machen und das Fleisch 
braten; Merlin wird es riechen und herbeikommen. Silence soll 
sich dann verstecken. Das Fleisch soll sehr gesalzen sein, den 
Honig soll Silence in die Nähe stellen, die Milch etwas weiter, den 
Wein am weitesten. Merlin wird das Fleisch essen, dann durstig 
werden und alles austrinken. Dann soll Silence bereit sein, ihn 
zu fangen. Der Alte bringt am nächsten Morgen alles und ver- 
abschiedet sich. Silence befolgt seinen Rat und brät das Fleisch. 
Merlin riecht den Duft und nähert sich dem Feuer. Da kommt 
Noreture und klagt, dafs Nature sie in Merlin bezwinge. Nature 
wird zornig, Noreture antwortet, die Erbsünde stamme von Nature. 
Aber Nature schilt sie: die Erbsünde stamme von Noreture. Diese 
solle sich davon machen; bei Merlin habe sie verlorenes Spiel. 
Noreture flieht, und Nature zwingt Merlin, zum Feuer zu laufen. 
Merlin frifst und säuft sich voll und schläft ein. Silence kommt 
und fesselt ihn. Merlin fragt ihn nach Namen und Absicht. Aber 
Silence sagt, er werde ihn töten, weil er Gorlains, seinen Vorfahren, 
getötet habe, als er Uterpandragon in des Herzogs Gestalt ‚zu 
dessen Frau geführt habe, die da Artu empfing. Merlin selbst 
wäre in Gestalt des Seneschalls dabei gewesen. Merlin ist gar 
nicht traurig, denn er weils schon, wie die Sache ausgehen wird. 
Silence führt nun Merlin gefangen fort. Die Nachricht vom Fang 
Merlins kommt zum König. Dieser ist sehr zornig darüber, weil 
er hofite, Silence niemals wieder zu sehen. Darum ist er zornig 
auf Merlin, der doch nur durch Frauenlist gefangen werden sollte. 
Das ganze Land ist in Aufregung, über siebenhundert ziehen den 
beiden entgegen. Am Rande der Stadt treffen Silence und Merlin 
einen zilam, der zwei neubesohlte Schuhe in der Hand trägt. 
Merlin beginnt zu lachen, sagt aber den Grund nicht. Dann 
kommen sie zu einer Abtei, da sieht Merlin einen Aussätzigen 
betteln. Er lacht wieder wie toll, sagt aber den Grund nicht. 
Dann kommen sie zu einem Friedhof. Neben der Kirche in einem 
der Höfe findet ein Begräbnis statt; ein Priester singt und ein 
Bürger weint und schreit. Merlin lacht wieder, gibt aber den 
Grund nicht an. Merlin wird nun vor den König geführt; aber 


DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 93 


auch dem König will er nicht sagen, warum er gelacht hat. Der 
König wird zornig und droht, ihn martern zu lassen. Da lacht 
Merlin über den König, dann über sich selber, dann über Silence, 
weigert sich aber immer zu reden. Merlin wird mifshandelt. Die 
Königin hat eine Nonne bei sich, diese verspottet ihn. Merlin 
lacht über sie, weigert sich aber wieder zu sprechen. Die Königin 
verhöhnt Silence, der einen solchen Wahrsager mitgebracht habe. 
Silence verteidigt sich, da lacht Merlin über die Königin. Der 
König wirft Merlin in den Kerker und läfst ihn drei Tage fasten. 
Am vierten lälst er ihn vor den versammelten Hof führen; falls 
er nicht spricht, wird ihm der König den Kopf abschlagen lassen. 
Nun spricht Merlin: er lachte über den zsJa:» mit den Schuhen, 
weil dieser sterben muls, ehe er nach Hause kommt. Der König läfst 
nachfragen, es bestätigt sich. Nun fragt ihn der König, warum er 
vor der Abtei gelacht habe. Merlin antwortet: Arme bettelten dort, 
und unter ihren Fülsen liegt ein grolser Schatz verborgen. Er 
wird gefunden. Nun fragt der König, wie es damit stände, dafs 
er, Merlin, nur durch Frauenlist gefangen werden könne. Merlin 
weicht aus und verschiebt die Antwort auf später. Der König 
fragt weiter, warum Merlin bei dem Begräbnis gelacht habe. Merlin 
erwidert: Der Priester sang für den Toten, und der Bürger weinte, 
Der Bürger hätte fröhlich sein sollen, denn das Kind war das 
Kind des Priesters. Die Königin schilt Merlin, dafs er die Frauen 
verleumde und bedroht ihn mit dem Tod. Der König wird zornig, 
schilt über die Frauen und schickt sie auf ihr Zimmer. Nun fragt 
der König Merlin, warum er über ihn, über sich und über Silence, 
und dann über die Nonne und über die Königin gelacht hat. 
Merlin beginnt zu antworten. Da erschrecken die Königin, die 
Nonne und Silence, der fürchtet, dafs nun sein Geheimnis enthüllt 
wird. Merlin erklärt nun, warum er über die fünf gelacht hat. 
Er sagt: „Alle haben sich gegenseitig getäuscht, einer von uns ist 
entehrt worden, zwei von uns haben zwei von uns unter falscher 
Kleidung getäuscht.“ Alle Anwesenden erschrecken über die rätsel- 
haften Worte Merlins. Der König verlangt nun die Erklärung. Da 
spricht Merlin: „Die Königin hat euch entehrt; Silence und die 
Nonne haben uns beide getäuscht. Die Nonne täuschte euch in weib- 
lichem Gewand, und Silence mich in männlichem Gewand. Die 
Nonne ist ein Mann, Silence ein Mädchen.“ Der König befiehlt beide 
zu entkleiden, Merlins Rede bestätigt sich. Nun fragt er Silence 
nach dem Grunde der Verkleidung und wie es mit seinen Ver- 
gewaltigungsversuchen der Königin gegenüber gewesen wäre. Silence 
gesteht die Wahrheit; wegen des Erbes ist er als Mann erzogen 
und gekleidet worden, die Königin hafst ihn, weil er nicht ihr 
Geliebter werden wollte. Der König gibt den Frauen das Erbrecht 
wieder; alle am Hof freuen sich darüber. Die Nonne wird hin- 
gerichtet, und die Königin wird von Pferden zerrissen. Silence 
werden Frauenkleider angezogen; erst hiels sie Silentius, nun Silentia. 
Nature entfernt alles Männliche von ihr. Der König nimmt sie 


94 HEINRICH GELZER, 


zur Frau; ihre Eltern, Cador und Eufemie, kommen, und grofse 
Freude herrscht. 


. Schlufs. 


Heldris lobt die guten Frauen; er wollte nicht die Frauen, 
sondern nur die schlechten Frauen tadeln. Er hat Eufeme sehr 
getadelt, aber Silence noch mehr gelobt. Darum soll keine gute 
Frau ihm zürnen, sondern sich nur noch mehr bemühen, tugend- 
haft zu sein. 

Gesegnet sei der Vortragende, gesegnet sei der Dichter. Den 
Männern und Frauen, die das Gedicht anhörten, gebe Jesus, was 
sie begehren. — 

Wenn wir den Inhalt des Werkes betrachten, läfst sich einiges 
von der Kompositionsweise des Dichters erkennen. Als Kernproblem 
schält sich folgendes heraus: Ein Mädchen kommt verkleidet als 
Ritter an den Hof eines Königs. Die Königin verliebt sich in 
den angeblichen Jüngling, wird abgewiesen und sucht sich zu 
rächen. Das verkleidete Mädchen entgeht den Gefahren, fängt 
Merlin, der die treulose Königin entlarvt. Der König heiratet das 
Mädchen. 

Dazu fügt der Dichter eine Vorgeschichte der Eltern des 
Mädchens, ein bekanntes episches Motiv. Auch wie die Eltern zu- 
sammenkommen, zeigt Verwertung beliebter zeitgenössischer Motive: 
Drachenkampf und Hand einer Dame als Preis, sowie Heilung 
des kranken Siegers durch die Geliebte. 

Selbständig gefunden ist wohl die Begründung, warum das 
Mädchen als Knabe aufgezogen wird, nämlich um ihm das Erbe 
zu erhalten. König Ebain hat, weil zwei Grafen einander um des 
Erbes ihrer Frauen willen im Zweikampf töteten, in England das 
Erbrecht der Frauen abgeschaflt. Bei der Heirat des Königs mit 
Silence wird auf deren Bitten das Erbrecht der Frauen wieder 
eingeführt. Ich sagte schon, hier scheint der Dichter originell zu 
sein; vielleicht hat die Sache auch einen historischen Hintergrund. 

Die Jugendgeschichte von Silence zeigt auch altbekannte Motive: 
die Landflucht des Helden mit Färbung zur Unkenntlichmachung 
und Verkleidung als Spielmann. — Wenden wir uns zum Haupt- 
problem. Hierzu findet sich eine interessante Parallele in der 
Geschichte von Grisandole, die in den Prosaroman von Merlin in 
der Vulgataversion eingeschaltet ist, cp. H.O. Sommer, The vulgate 
version of the arthurian romances, Washington 1908, vol. II, 
S. 281— 292. Der Inhalt der Episode ist folgender: Merlin trennte 
sich von Artus und ging in den Wald von Romenie. Julius Caesar 
war Kaiser von Rom und hatte eine Frau aus edlem Geschlecht, 
aber von wollüstiger Art. Sie hatte zwölf Jünglinge bei sich, die 
Frauenkleider trugen. Wenn der Kaiser abwesend war, schliefen 
sie bei ihr. Zu dieser Zeit kam eine Jungfrau an den Hof des 
Kaisers, die Tochter von Mathem, dem Herzog von Alemaigne, 


DER SILENCBROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 95 


der von Frole vertrieben worden war. Sie kam als Knappe ge- 
kleidet, weil sie heimatlos war und nicht wulste, was aus ihren 
Eltern geworden war. Niemand merkte ihr an, dafs sie kein Mann 
war. Sie gefällt dem Kaiser, der sie zum Ritter schlägt und dann 
zu seinem Seneschall macht; sie nannte sich Grisandole, ihr Tauf- 
name aber war Avenable. In einer Nacht hatte der Kaiser einen 
Traum: Er sah eine grolse Sau mit einem goldenen Reif auf dem 
Kopf. Da kamen zwölf junge Wölfe und besprangen die Sau, 
einer nach dem andern. Der Kaiser fragte, was mit den Tieren 
geschehen sollte, und man sagte ihm, sie sollten zur Strafe ver- 
brannt werden, und sie wurden auch alle verbrannt. Der Kaiser 
erwachte und wurde sehr nachdenklich, sagte aber seiner Frau 
nichts davon. 

Merlin verwandelte sich in einen Hirsch, kam nach Rom in 
den Palast zum Kaiser und sagte ihm, dafs nur der wilde Mann 
ihm seinen Traum erklären könne. Dann entfloh der Hirsch. Der 
König erklärte nun, er wolle seine Tochter und die Hälfte seines 
Reiches dem geben, der den wilden Mann oder den Hirsch fange. 
Viele versuchten es, aber ohne Erfolg. 

Auch Grisandole machte sich auf; eines Tages erschien ihm 
der Hirsch und sagte ihm, er solle sich Fleisch, Milch, Honig und 
Brot verschaffen, vier Gefährten und einen Jungen mitnehmen; 
dann solle er ein Feuer anzünden und daneben auf einen Tisch 
das Brot, die Milch und den Honig stellen. Dann solle er sich 
mit seinen Gefährten verstecken, der wilde Mann würde schon 
kommen. Nach diesen Worten verschwand der Hirsch. Grisandole 
befolgte die Ratschläge des Hirsches. Das Feuer wurde angezündet, 
der Junge drehte den Bratspiefs mit dem Fleisch, der Duft des 
gebratenen Fleisches verbreitete sich, und ein ganz bärtiger und 
schwarzer wilder Mann erschien,. frals alles auf und schlief neben 
dem Feuer ein. Nun kamen Grisandole und seine Gefährten herbei 
und banden ihn mit einer eisernen Kette. Sie ritten zum Kaiser 
zurück. Der wilde Mann sah Grisandole an und lachte. Grisandole 
fragte ihn nach dem Grunde, er lehnte aber ab zu antworten, ehe 
sie vor dem Kaiser wären. Sie kamen vor eine Abfei, wo viele 
Arme auf Almosen warteten. Da lachte der wilde Mann wieder; 
Grisandole fragte ihn wieder nach dem Grunde, doch er lehnte 
wieder jede Auskunft ab. Sie kamen zu einer Kapelle; darin 
beteten ein Ritter und ein Knappe. Plötzlich geht der Knappe 
auf den Ritter zu und gibt ihm eine mächtige Ohrfeige; das wieder- 
holt sich noch zweimal. Jedesmal lachte der wilde Mann, ver- 
weigerte aber die Auskunft. Sie kamen in die Stadt, und der 
wilde Mann wurde vor den Kaiser geführt. Er erklärte, Christ 
und getauft zu sein, und erzählt seine Herkunft. Er würde auch 
erzählen, warum er gelacht hat und noch anderes mehr, aber erst 
solle der Kaiser seine Barone entbieten. Am vierten Tag war 
der Hof entboten; auch die Kaiserin und ihre zwölf Jungfrauen 
erschienen auf Wunsch des wilden Mannes. Der wilde Mann lachte 


96 HEINRICH GELZER, 


über sie. Nun bittet ihn der Kaiser zu sprechen. Da erzählt der 
wilde Mann dem Kaiser dessen eigenen Traum ganz genau. Der 
Kaiser gibt zu, dafs alles richtig wäre. Nun erklärt der wilde 
Mann den Traum: die Sau bedeutet die Kaiserin, die zwölf jungen 
Wölfe sind die zwölf Jungfrauen der Kaiserin, die verkleidete 
Jünglinge und die Liebhaber der Kaiserin sind. Der Kaiser wird 
sehr zornig und befiehlt seinem Seneschall Grisandole, die Jung- 
frauen zu entkleiden. Es zeigt sich, dafs der wilde Mann die 
Wahrheit gesagt hat. Nach dem Urteil der Barone werden die 
Kaiserin und die zwölf Jünglinge verbrannt. 

Nun will der Kaiser wissen, warum der wilde Mann über 
Grisandole, vor der Abtei, in der Kapelle und über die Kaiserin 
gelacht hat. Über Grisandole lachte er, weil er durch Frauenlist 
gefangen wurde, denn Grisandole ist eine Frau. Vor der Abtei 
lachte er, weil unter den Fülsen der Bettler sich ein grolser Schatz 
befindet. 

Dann erklärt der wilde Mann die drei Ohrfeigen, die der 
Knappe seinem Ritter in der Kapelle gab [für uns hier ohne 
Interesse]. 

Über die Kaiserin lachte er, weil sie den besten Gatten hatte 
und sich doch mit den zwölf rıdaus einliefs. 

Der Kaiser läfst den Schatz ausgraben und Grisandole unter- 
suchen. Wieder bestätigen sich die Wahrsagungen des wilden 
Mannes. Er offenbart noch die Herkunft Grisandoles und rät dem 
Kaiser, sie zu heiraten. 

Nun fragt der Kaiser, wie er heilse und wer der Hirsch ge- 
wesen sei. Aber der wilde Mann verweigert die Antwort und geht 
for. Am Ausgang des Saales schreibt er in schwarzen Buchstaben 
auf hebräisch, dals der wilde Mann Merlin von Norhomberlande 
und der Hirsch Merlin, der Ratgeber von Artus, gewesen sei. Der 
Kaiser läfst die Eltern von Grisandole und ihren Bruder Patrice 
holen, setzt sie wieder in ihr Erbe ein, heiratet Grisandole und 
gibt Patrice seine Tochter zur Frau. 

Die Buchstaben, die Merlin am Eingang der Halle geschrieben 
hatte, werden erklärt und verschwinden dann auf wunderbare Weise. 
Der Kaiser und Grisandole aber lebten herrlich und in Freuden. — 

Vergleichen wir nun die beiden Erzählungen, Grisandole (G) 
und Silence (S), so finden sich starke Übereinstimmungen, aber 
auch beträchtliche Unterschiede. 


Das verkleidete Mädchen im 


Dienste eines Kaisers (Königs) G S 
verkleidete Jünglinge (Nonne) im G S 

Dienste der Kaiserin (Königin) (12 Jünglinge) (Nonne) 
Traum des Kaisers (Königs) G S 


(fingierter Traum, 
abgeschwächtes 
sekundäres Motiv) 


DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE. 97 


Abenteuer auf Betreiben der zu- 
rückgewiesenen Königin 

der Fang des wilden Mannes 

nachdem er gefressen hat 


an] 
un un un 


Lachen des wilden Mannes: 


über seinen Überwinder 

beim Begräbnis 

über den zı/ams mit den Schuhen 

über die Armen bei der Abtei 

über den Knappen, der seinen 
Herrn schlägt 

über die Kaiserin (Königin) 

über den König, über sich 

der Gefangene erklärt sein Lachen 

Bestrafung der Kaiserin (Königin) 


aalaa a||a 


(verbrannt) (von Pferden 
zerrissen) 
Bestrafung der verkleideten Jüng- G S 
linge (Nonne) (verbrannt) (hingerichtet) 
der Kaiser (König) heiratet das 
Mädchen G S 


Es ist klar, dafs keine der beiden Versionen G und S aus 
der anderen abgeleitet werden kann, vielmehr beide auf ältere 
Quellen zurückgehen müssen. 

Es handelt sich bei beiden Erzählungen um Folklormotive, 
über die Lucy Allen Paton, The story of Grisandole, a study 
in the legend of Merlin, Publications of the modern Languages 
Association of America vol. XXII, 1907, S. 234—276 gehandelt 
hat cp. E. Brugger, Z. f. frz. Spr. Lit. 332, 60—63. 

Sie weist l.c. nach, dafs es sich um drei Motive handelt: die 
treulose Königin, das verkleidete Mädchen, das Fangen des wilden 
Mannes. Untereinander combiniert: die treulose Königin liebt das 
verkleidete Mädchen, der wilde Mann klärt alles auf, der König 
heiratet das Mädchen. 

Paton weist die Motive in der internationalen Literatur reichlich 
nach.1 Uns interessieren besonders die Parallelen in der franzö- 
sischen Literatur. 

Zu den Devinailles von Merlin: Merlin-Huth ed. Paris und 
Ulrich,2 der v&/aın mit den Schuhen I, 48. 

das Begräbnis I, 5of. 


Beide auch in der lateinischen Vita Merlini. 


1 Cp. ferner Hilka, Neue Beiträge zur Erzählungsliteratur des Mittelalters, 
Breslau 1913, zu Nr. I und III. 

3 Die Versromane scheinen ihr Wissen über Merlin nur aus Galfrid von 
Monmouth bezogen zu haben. 


Zeitschr. £. rom. Phil. XLVII. 7 


98 HEINRICH GELZER, 


Eine ähnliche Devinaille vom Baumblatt cp. Vita Merlini und 
Lailoken (Ward, Ro. 22, 510). 

Die Abenteuer, in die die zurückgewiesene Königin den angeb- 
lichen Jüngling Silence hetzt, sind ebenfalls altbekannte Motive: 
Frau Potiphar und Uriasbrief. Bei der letzten Probe, dem Fang 
des wilden Mannes,! zeigt sich zwischen Grisandole und Silence 
ein bemerkenswerter Unterschied: In Grisandole hilft Merlin selbst 
bei seinem Fang, bei Silence gibt der alte Mann die nötigen Rat- 
schläge. Es ist dabei nicht durchsichtig, wer eigentlich dieser Alte 
ist. Ursprünglich war es wohl auch hier Merlin selbst. Aber dem 
Silencedichter erschien es unwahrscheinlich, dafs Merlin seinen 
eigenen Fang bewirkt, und so rationalisierte er seine Vorlage. 

So werden wir für das Kernstück des Silenceromans eine Vor- 
lage annehmen müssen, die der Vorlage der Grisandoleepisode 
einigermalsen entsprechen wird. Es ist kaum anzunehmen, dals 
der Silencedichter aus damals bekannten Motiven sich sein Thema 
geschaffen hat, sondern eben die Ähnlichkeit mit der Grisandole- 
episode zwingt uns zur Annahme einer schon geformten Vorlage — 
einer mündlichen oder schriftlichen —, die aber nicht erhalten ist. 

Für das ganze Werk ist das Vorbild Galfrids von Monmouth 
klar zu erkennen: in Milieu und Anschauung, aber auch in Einzel- 
heiten. So ist der Name des Königs Ebain aus Galfrid genommen, 
cp. Eba, Buch ı2, Kap. ı3, Zeile 14, während allerdings die Namen 
Eufeme und Eufemie nicht aus Galfrid stammen, sondern wohl 
Erfindung des Maistre Heldris sind. Dagegen ist Cador von 
Cornwallis wieder ein Galfridischer Name. Mit Gorlains, der offen- 
bar dem Gorlois, dux Cornubiae von Galfrid gleichzusetzen ist, 
liegt die Sache komplizierter. Bei Galfrid also Gorlois, bei Silence 
Gorlains.. Im Brut heifst er Gornois, V. 8007 und V. 8699. Nun 
zeigt die Variante in V. 8007 Gorlins, steht also unsrer Namens- 
form nahe. Aber im Brut ist er Graf von Cornwallis, während 
er bei Galfrid und im Silence Herzog von Cornwallis ist. Hier 
steckt noch ein kleines Problem.?2 Die Stelle im Silenceroman, wo 
Gorlains erwähnt wird, hat auch aus einem andern Grunde Be- 
deutung. Silence hat Merlin gefangen; Merlin fragt ihn nach seinem 
Namen und dem Zweck des Fangens. Da sagt Silence: Mein Vor- 
fahre Gorlains wurde durch dich getötet, als du, selbst in verwandelter 
Gestalt, den Uterpandragon in Gestalt des Gorlains zu dessen Frau 
führtest; in dieser Nacht wurde Artus gezeugt, Silence 6141 fl. 
Die Kenntnis der Geschichte der Zeugung des Artus hat der Silence- 
dichter aus Galfrid. Aber es ist nicht zufällig, dafs der Dichter 
Heldris de Cormualle heilst: Wir finden hier ein Moment von 
cornwallisischem Lokalpatriotismus. Silence sagt, er wolle seinen 


1 Der wilde Mann scheint nicht von Anfang an mit Merlin identisch ge- 
wesen zu sein, cp. Lailoken (s. o.). 

8 Interessant ist auch die Form Fortigierne im Silence. Bei Galfrid, im 
Brut, den arthurischen Vers- und Prosaromanen finde ich blofs die Form mit V. 
Nur im englischen Arthour and Merlin ed. Kölbing stets Fortiger. 


DER SILENCEROMAN VON HELDRIS DE CORNUALLE, 09 


Vorfahren rächen. Dabei ist davon vorher gar keine Rede. Fr 
hätte nie daran gedacht, Merlin zu fangen, wenn der König es ihm 
nicht befohlen hätte. Aus diesem Lokalpatriotismus heraus ver- 
stehen wir auch die Wahl des Namens Cador für den Vater des 
Helden und den Helden des ersten Teils des Romans. Cador, 
dux Cornubiae, spielt eine untergeordnete Rolle im Galfrid; aber 
weil er Cornwalliser ist, hat ihn der Silencedichter gewählt. Er 
hat aus Galfrid alles zusammengesucht, was mit Cornwallis zu- 
sammenhängt. 

So können wir die Kompositionsarbeit des Silencedichters in 
grofsen Zügen erkennen. Das Kernstück: das Folkloremotiv 
Grisandole, wovon er eine — schriftliche oder mündliche — 
Vorlage kannte; dazu eigene Einleitung und Begründung unter 
Verwertung damals in der französischen Literatur geläufiger Motive, 
Kenntnis und Verwertung von Galfrid von Monmouth unter dem 
Gesichtspunkt eines besonderen Interesses für Cornwallis. Noch 
ein Wort zum Namen des Dichters: Heldris. Es ist offenbar ein 
germanischer Name, aber er findet sich schon im Galfrid B. 9, 
K.4, Z.44 als Cheldricus, der nach San Marte, Anmerkung zu 
dieser Stelle, gleich Cerdic ist. 

Als letzter wichtiger Punkt ist anzuführen, dafs ein Mann aus 
inselkeltischem Gebiet, nämlich aus Cornwallis, arthurische Stoffe 
behandelt, aus demselben Cornwallis, dessen Bedeutung für den 
Tristanroman J. Loth, Contributions dä l’&tude des romans de la 
table ronde, Paris ıgı2 im 6. Kapitel, Cornwall et le roman de 
Tristan, hervorgehoben hat. 


HEINRICH GELZER. 


y* 


Due etimologie, 


Catanese Diofru. 


Antonio Traina Nuovo Vocabolario sic. it. 3. ediz. Palermo 1890, 
rimanda diofrw a elefanti, e nel Vocabolarıetto reca „Diotru s. m. 
elefante“. Gli altri vocabolaristi non registrano questa voce, che 
realmente non esiste con significato comune nel siciliano. Essa 
€ usata a Catania per designare la figura dell’ elefante sormontata 
da un obelisco egiziano, che & nella Piazza del Duomo, benche & 
naturale che qualche parlante la usi talvolta in traslato per Jofantı 
o elefanti in genere, sempre pero avendo presente allo spirito quella 
data figura. 

Questa & in lava; e per cidÖ non puö supporsi che sia stata 
importata in Sicilia, ma deve credersi che sia stata scolpita ivi. 
E’ probabile che rimonti all’epoca di Pirro, che, venuto in soccorso 
dei Siciliani, sbarcö in Catania, conducendo seco con le truppe 
che doveano muovere per Siracusa, i suoi elefanti (cfr. C. Sciuto 
Patti, Za fontana dell’ elefante esistente in Calanıa, in Arch. Stor. Sic. 
N.S. a XIO p. 257ss.). L’ Elefante poi restöo come emblema della 
cittä di Catania. 

Chi tentasse spiegare I!’ origine della voce diosrw, prescindendo 
dai ricordi storici sul cennato monumento, o anche scolpiti in esso, 
farebbe delle supposizioni assolutamente inverosimili. 

L’ obelisco, introdotto in Catania verosimilmente dopo Augusto, 
fu innestato all’ elefante soltanto nel 1736, come dice la iscrizione 
della parte anteriore del monumento. La iscrizione della parte 
posteriore addita quella figura dell’ elefante come un oggetto magico, 
celebre per i prestigi di un certo Eliodoro (... ex aefneo lapide 
simulacrum Heliodori olim pracstigüis celebre ...). 

Fazello (DecaIL. III c. ı) da a codesto negromante ambo i 
nomi di Diodoro e Ziodoro. Ma D’ Amico (Cafana ıllustrata 1, 365, 
380; IH,72, 75) ne cita il nome sotto la forma Ziodoro, che riproduce 
la forma genuina Zkodoro, colla sola elisione dell’ atona iniziale. 

Questo Eliodoro, quale „discepolo degli Ebrei, negromante, 
e fabbro di idoli“ (cfr. M. Amari, Storia dei Musulmani etc. I, 2195), 
benche canditato alla Sede Vescovile di Catania, fu perseguitato 
da S. Leone de Ravenna, Vescovo di Catania nel 725, 

Gli autori citati riconoscono che Diofrw abbia origine da 
Elhodoro; e cosi anche G. Gioeni (Saggio di etimol, sic.) Tuttavia mi 
sembra opportuno convalidare e giustificare glottologicamente tale 


GIACOMO DE GREGORIO, DUE ETIMOLOGIE, 10I 


origine, poiche nel siciliano, come anche in molti altri dialetti neo- 
latini, sono ben rari i casi dello spostamento dell’ accento. Ora 
a confermare la etimologia di diofru da Zliodoro, divenuto per la 
elisione della sillaba atona iniziale Zsiodoru, ci serve l’esempio di 
Tödaru venuto da Zeoddrus. Liodoru divenne, per assimilazione 
di / iniziale al d interno Diodoru; poi 1’ accento si spostö sulla 
prima sillaba, e il secondo o, divenuto atono, venne eliso. 


Italiano cıurlare. 


I dizionari definiscono: non star ben saldo, tentennare; ma 
avvertono che la voce si usa solo familiarmente nel modo ciurlare 
nel manico. Ne il Caix n& il Koerting n& il Meyer-Lübke registrano 
tal voce. Rigutini e Bulle ne dichiarano incerta la etimologia. 
La Crusca (V. impressione) la suppone analoga al lat. arcuarı, 
moversi in giro, e crede che da essa derivi cwurlo, alterato dal 
vino, Fr. Zambaldi, Vocab. etim. it. l’ascrive alla base onomatopeica 
chiu voce imitativa del canto dell’ assiolo, pur pensando al ted. quer] 
frullo, arnese che gira; alla quale ultima etimologia inclina anche 
il Pianigiani, Vocabol. etim. della I. it, pur ricordando !’ etimo crculare. 
E’owvio perö che circu- non avrebbe potuto trasformarsi il cur-; 
e che neppure lo avrebbe potuto guwir-. Anche la Crusca poi 
considera ciwrlo, ubbriaco, come derivato da czurlare; e lo & anche 
cturlo il giro della persona che fanno i ballerini su d’ un sol piede. 
Di questa voce poi € un diminuitivo ciwrlosto (poco comune), definito 
da P. Petrochi (Nuovo dision. univ. della 1. it.) colpo a mano chiusa, 
voltando il braccio. 

A me sembra che in ciurlare si abbia la fusione di ci(golare) 
lo stridere che fanno le legna con i ferri fregati insieme e urlare 
dar fuori grida. N popolo, cominciando a profferire la voce cıgolare 
pensö, per analogia del significato, anche a urlare; e pronunziando 
la prima sillaba, tralasciö le altre, e aggiunse al «- la voce urlare 
per intero: cslgolare) urlare. 


GIACOMO DE GREGORIO. 


Els noms vascos dels mesos de l’any. 


Mein Standpunkt ist dieser: erst das Baskische 
selbst reden zu lassen, ohne Rücksicht auf Hamitisch 
oder Kaukasisch oder welche andere Sprache auch. 
Selbst die Vorarbeiten zu einer solchen Betrachtungs- 
weise, wie ich sie mir als notwendig denke, sind 
noch nicht vorhanden. 

(C. C. Uhlembeck, ZJZV XVII, 424.) 


ı. L’afirmaciö del gran vascöoleg, que acabem de transcriure, 
posa de manifest que totes les investigacions fetes fins ara no han 
pas arribat a acertar a donar una filiaciö de la llengua vasca. 
La comparacio muütua dels dialectes vascs i la coneixenca del 
seu ric vocabulari han de portar necessariament a una concepcid, 
molt diversa de la tinguda fins ara, sobre l’origen i estructura de 
la llengua vasca. Segurament en estudiar el vasc s’ha abstret 
massa el mot del seu ambent i de la seva vida de famiılia. En 
empendre un estudi sobre els noms dels mesos vascs es mon desig 
de trobar l’orıgen de la llur singular nomenclatura en el mon 
romänic que enrotlla aquest pais, del qual hague de sentir fortes 
influencies, per tal com el domini d’aquesta llengua era solcat per 
les vies romanes que unien l’Aquitänia amb Pextrem de la Tarra- 
conensis, amb la Lusitania i amb la B£tica. Per altra banda &s 
curiös que el pais creuat per peregrins innombrables que anaven 
a Sant Jaume de Galicia, conservi una llengua que res tingui que 
veure amb les que l’enrotllen. 

Hubschmiedt, Zeitschrift für deutsche Mundarten, XIX, 169 ss. 
observa que en els Alps, a Fribourg (Greyez), en el lloc on es 
topen els dialectes alemans i romans, es alla on el celta va perdurar 
mes temps. Si l’establir un paralel fos possible, creuriem poguer 
dir que el vasc s’ha pogut conservar, on &s avui, per trobar-se 
enl’indret on conflui una corrent lingüistico-cultural que venia 
del sur d’Espanya i una altra, paralela a la que donä origen al 
catalä, que venia de la Gallia. Si aixö fos d’altra manera el vasc 
s’hauria conservat en les valls d’Hecho, de Broto, de Bielsa, de 
Benasc o a la Vall d’Aran. 

Representa el vasc la llengua preromana de l’Espanya, arre- 
conada per les dues corrents a l’indret on conflueixen els camins 


A. GRIERA, ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 103 


de la Gallia i de l’Espanya? Representa el vasc el romänic pre- 
literari d’Espanya i de l’Aquitänia, llengua neutral formada en el 
pais de les dues confluencies lingüistico-culturals? L’estudi com- 
paratiu i documentat dels dialectes vascs amb els gascons i aragonesos 
ho resoldrä. 

Les fonts d’aquest estudi sön una nota sobre els noms usuals 
dels mesos en vasc, proporcionada amablement per l’eminent 
vascöleg Dn. Resurrecciön Ma de Azkue i l’article de Julien Vinson, 
Le Calandrier vasque publicat en la Revue International des Etudes 
Vasques, 1V, 32 ss. 


2. Azkue assegura que el vasc z/ component dels noms dels 
mesos de l’any, significa ‘lluna’. Aquest significat es certament 
ben acertat si &s te en compte que els pagesos dels Pirineus i de 
bona part de Catalunya, encara avui, conten l’anyada per llunes, 
igualment que els pagesos de Mallorca (Rokseth, Za Oulture des 
cer&ales d Majorgue, 55). Prova que antiguament es contava per 
Ilunes el fet de que la Pasqua se celebres despr&s del pleniluni 
de marc i que una de les disputes mes fortes en els primers temps 
de l’Esglesia fos la de la data de la celebraciö de la Pasqua. Si, 
per tant, es t& present el caräcter arcaic del vasc, es compren 
desseguida la presencia de la //una en la denominaciö dels mesos. 
Quin es l’origen del vasc # component dels noms dels mesos ? 
El vasc ö te un doble significat: z/ significa ‘lluna’ i ‘morir’. Dos 
mots d’origen divers han coincidit i aixö, possiblement, explica 
Vorigen de sdargı ‘lluna’. Azkue, Die. vasco ... en Varticle s/ observa 
que :/ ‘una’ hoy no se usa mas que en los derivados, como se 
vera en muchas de las palabras que siguen a esta. J/ ‘morir’, 
compareix amb la variant %s/ ‘matar’. Aquesta aspiraciö ens fa 
entreveure quin deu ser l’origen d’aquest mot: EI llatı FINIRE ha 
passat al provengal i al catalä finar i finir amb els significats de 
‘morir’, ‘extingir-se’, ‘apagar-se’ i, al nostre entendre, ha donat 
il en vasc. La F- per regla general, despres de passar per una 
aspiracidö, desapareix en gascö i tambe en vasc; la caiguda de la 
-N- es tamb& regular en vasci i Palternancia de />r, r >/&s 
tambe molt fregüent en vasc: ira < FILICE ‘helecho’, gura < GULA 
‘deseo’. EI mot z,, per tant, que externament sembla un mot vasc 
dels mes autöctons no &s res mes que un llati FINIRE. Provablement 
tamb&E hem d’admetre un origen romanic per z ‘lluna’. Primerament 
per raö de la metätesi tant fregüent en vasc la L-, palatalitzada 
com en catalä i en bable i en algun dialecte aragones, va passar 
a ıl.2 Per altra banda el so # < uU despr&s de passar per & es 
pot comprovar perfectament en vasc: s; ‘gendre’ germ. SUNUS,? 
ihi *jonc’ < JUNCU?, inguru ‘entorn’ < IN GYRU. 


3 Meyer-Lübke, RJZV, XV, 209 ss. 

3 Dans certains dialectes ZZ mouill&ee semble s’&tre normalement r&solue 
en un groupe sl, Gavel, RIEV, XV, 206. 

8 Meyer-Lübke, /b. 226, Gavel, /d. XII, 69. 


104 ANTONIO GRIERA, 


3. Si el component s/ dels noms dels mesos &s d’origen romänic 
ho sön els altres elements integrants? Assagem de demostrarho: 
GENER: Els noms vascs d’aquest mes s6n els següents: 

URTARIL (B, BN, L)1 ‘gener’, ‘mes del principi d’any’ Hi ha 
tres mots vascos que presenten un cert paretiu: urre ‘or’, ur ‘aigua’ 
i urte ‘any’. Com cal explicar l’etimologia d’aquests tres mots 
coincidents en vasc i d’arrels tan diverses en llati? EI mot llatı 
AQUA va passar a aua, Comp. l’aragon&s autos ‘actos’. Ara b& el 
pas de au cap a o i cap a u &s regular en vasc: urka “forca’ 
i la naixenga de un -r darrera - es freqüent en vasc: Jau i Jaur 
‘quatre’, irw i arur ‘tres’. Si be Navarro Tomäs? constata que 
la  vasca &s linguo-alveolar, pot haver existit molt b& una -r velar, 
igual que en catala,® la qual explicaria l’origen de la -r parässita 
de molts mots acabats en -u. I si wr &s un provinent del Ilatı 
AQUA, urre pot ser molt be un derivat regular de aur < AURU 
amb doble sr i e per a distingir-lo de AQUA i, paralelament, 
urle pot ser un representant de ANNU: A +4 N venen a au en vasc: 
lau PLANU, mauka ‘manga’ aryaun ‘rem’. La -/ €&s molt possible 
que sigui analögica, comp. elurte ‘neu’ < FLOREi el catalä cors ‘cor’, 
ort ‘or’, etc. Per altra banda l’epentesi d’una r intervöcalica no 
es pas rara en vasc.* Urtail, per tant, pot ser molt be un re- 
presentant de ANNU + LUNA. 

NEGIL (AN): ‘mes de l’hivern’, ‘gener”. Aquest nom que tambe& 
designa el mes de ‘desembre’ deriva, segurament, de NEBULU ‘nuvo!’, 
‘fosc’, comp. negu ‘hivern’. Els paralels romänics ens justifiquen 
aquesta etimologia: drume ‘desembre’ ‘Nadal’; druma ‘hivern’, 
brumo, brumal ‘hivern’.5 Les boires de gener justifiquen de sobres 
aquests noms: «Per Sant Vicents s’alcen les boires i el sol entra 
pels torrents» (Plana de Vich). 

LLOLL (BN) ‘gener’ vegi’s LOTAZIL ‘desembre’. 

1z0TzıL (AN) ‘gener’, ‘mes del gel’. Aquest mot &s molt 
provablement un representant del llati GELU; foneticament no hi 
trobem grans dificultats: com en espanyol la G- passa a ;- com el 
llatı FRAXINU vasc lisar. La E que no &s breu sino llarga (la 
diftongaciö del castellä %zlo es deguda a la influencia de la G-), 
l’obertura del catalä je/ ho prova. Per tant la E llarga de GELU 
podia passar molt be a o (vegi’s n. 4) ila -L, per raons que 
desconeixem passa a -/z avangant-se al gasco u on la -L ha 
passat de ae. 


4. FEBRER: aquest mes es Conegut en vasc amb els noms 
següents: 


ı AN = Alto.nabarro; B = Bizkaino; BN = Bajo navarro; G = Gui- 
puozkano; L = Labortano; R = Roncales; S = Suletino: Sön les abreviatures 
emprades per Azkue en son Dicionario vasco ... 

3 Homenaje a Menendes Pidal, 11, 531. 

8 Griera, Contribucid a una dialectologia catalana, 24. 

6 Gavel, /b. 217. 

5 Merlo, / nomi romansi delle stagione e dei mesi, 21 i 175. 


ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 105 


otsaıL (AN, BN, G, L) ‘mes dels llops’ (Azkue), ‘mes del 
fred’ (Vinson).1 Creiem mes aviat en un ‘mes de fred’ que no 
pas en un ‘mes dels llops’. Sembla que el grup FR- desapareix 
en vasc: Jesar ‘freixe’ amb article aglutinat; oskıryı ‘fresc’, otz 
‘fred’, EI so o procedent de E llarga, que compareix en zlsolzıl 
i que podem comprovar pel catalä del segle IX,?2 ha existit i 
existeix en vasc: ori < VIRIDU, bios < PECTUS, el qual so segura- 
ment va passar a 3 i a u segons els Casos. 

BARANTAILA [barandaila] (Vinson, 25. 33). Exceptuats els anys 
de Pasqua molt alta, el Carnaval s’escau sempre pel febrer i tembe& el 
diumenge següent, que &s el primer diumenge de Quaresma. Aquest 
diumenge Es conegut pel diumenge dels brandons el qual deuria 
donar el nom que ens ocupa al febrer pel domini vasc. 

«Au moyen äge on le nommait le Dimanche des brandons, par 
suite d’un usage dont le motif ne semble pas avoir ete toujours 
ni par tout le m&me; en certains lieux, les jeunes gents qui s’etaient 
trop laisse aller aux dissipations de carneval devaient presenter ce 
jour lä a l’eglise, une torche a la main, pour faire satisfaction 
publique de leurs exces.»? Aquest costum ha sobreviscut encara 
fins avui en alguns indrets de la Suissa romande i en els Pirineus 
occidentals de Catalunya. 

ZEZEILA ‘mes dels toros’, ‘mes en el qual els toros cobreixen 
les vaques’: Aquest nom &s possible que sigui un representant de 
SEDERE. El trobarnos, per una banda amb els mots zezendu ‘resistir-se 
la vaca’, zezengei ‘novillo’, zesenki ‘carne de toro’ i, al constatar, 
per l’altra banda, que el llati SEDERE tendeix a desapareix i a Esser 
substituit per SENDENTARE ens fa presumir que aquest mot va pendre 
un significat lleig, al qual trobem en zezeula. No falten indicis 
d’aquest significat pejoratiu de SEDERE: «Polypus foemina modo 
in ouis sedet: modo cauernam concellato brachiorum amplexu 
claudit» (Plin., Z:d. 9, Ca. 51). «Si autem non sedet animo tuo 
postea dimittes eam liberam (Hyeron., /n Deuteronomium). EI signi- 
ficat del catalä ces que acaba de desapareixer ho comprova. Demes 
tenim que el catalä seure es traduit en Torra per accumdo equivalent 
a accubo ‘“jaure’; els romans i la gent de l’edat mitja menjaven 
ajacats. Ara be si jaure ha pres en catalä un significat pejoratiu 
‘fornicar’, es molt explicable l’origen del sezeıla ‘febrer’. 


5. MARC: els noms vascs d’aquest mes sön: 


MARTI (marchoa): L’origen romänic d’aquest nom &s incontestable. 
El llatı MARTIU €s el seu fonament. 

EPHAILA (epalla) ‘marc’. Una doble etimologia pot explicar 
Porigen d’aquest nom del mes de marc. Zphaila pot ser un derivat 


ı RIV, IV, 35. 

» Olotis, nom de la ciutat d’Olot surt en 872 (Balari, Origenes histöricos 
de Catalufla, 156. 

8 Dom Gueranger, L’Annde liturgique, V, Premier dimanche de 
Cartme, 135. 


106 ANTONIO GRIERA, 


d’espadar ‘mes d’espadar el lli i el cänem’. La presencia de !’«- 
prot&tica amb la desapariciö de la s es perfectament regular en 
vasc.1 La desaparicio de la d < T &s tambe& perfectament expli- 
cable comp. els mots asmau, danzau Que suposen un -ATU.? 

Gavel® suposa que ephas “foucher’ prove d’un epakı o epagi. 
Es precisament en aquest mes que es fa la poda dels arbres i de 
les vinyes: «lo pobill poda a l’abril» «si vols beure vi i menjar 
pa sembra primerenc i poda tardä» (Falset). 

OSTAROA ‘marc’ que comparaix tamb& en la forma ostala 
(Vinson, 7b. 36) amb el significat de ‘maig’ te son origen, al nostre 
entendre, en un drosiar amb la perdua del grup dr-. EI brostar 
en aquest mes, segons quina classe d’arbres, com el fer-ho altres 
pel maig, pot molt be haver donat nom a un i a l’altre mes. 


6. ABRIL: els noms vascs d’aquest mes son: 

APHIRILA (apirila, apırıl, aprilla): tots aquests mots sÖn originaris 
del romänic april amb conservacio de la -PR- com en roncales. 

YORRAILA [jorrasia] (Vinson, Z2. 33) “abril’: aquest mot &s 
tambe d’origen romänic. EI mot jorra suposa un SARCULARE; 
comp. l’espanyol sallo < SARCULU ‘aixadell’”. EI pas de -LL- a sr 
no €s pas estrany al vasc comp. Uri Ullivarrit i el de la s-a j 
tampoc: comp. jolas ‘recreu, deport’ de solds. Corrabora aquesta 
etimologia el fet de escaure’s en aquest mes el temps d’herbejar 
els sembrats si es vol tenir bona cullita. Deme&s l’abril es conegut 
per zarcleder a Dissentis i per zarcladur a la Sopraselva.5 


7. MAIG: els noms d’aquests mes, tots d’origen romanic, sn: 


MAIATZ (maiafgu): es el nom romänic derivat del llati mAıU, 
es general en tot el domini vasc. 

OSTARILA ‘maig’: vegi’s osiaroa. 

EPHAILA ‘maig’: vegi’s mes enrerä, n. 5. 

LORAILA (orrilla) ‘maig’: aquest nom &s, sense cap dubte, un 
derivat de FLORE amb doble rr per haver passar la R a consonat 
final. Arreu del domini catalä el maig es conegut per mes de les 
flors; en romanes es conegut per forarıu i en aleman per Dlumen- 
monat. 


8. juny: els noms vascos d’aquest mes sön mültiples: 


GARAGARIL ‘mes de la cebada’, ‘epoca de la cebada’ (Azkue, 
AN, G). Dues sön les etimologies provables d’aques mot: Garagar 
es un derivat el de GRANU + GRANU amb la caiguda de la -n-, 
comp. garau ‘gra’ i en aquest cas seria, com assegura Azkue, el 


1 Gavel, /d. 138. 

2 Gavel, /d. 404—407, Azkue, Dicc. II, 295. 
s RIEV, XII, 354; Gavel, /d. 330. 

% Gavel, /D. 211. 

5 Merlo, ZB. 31. 

® Merlo, Zd. 130—131. 


ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 107 


'mes de l’ordi’. Mes aviat, emprö, ens inclinem a creure que 
garagarıl &s un aragarıl derivat de erega, arcga ‘rella’ amb una 
9- COmMp. garratoin ‘rata’!; per tant garagaıl seria ‘mes de 
llaurar’. 

GARAGARTZARO ‘juny’ (AN, G): Aquest nom del mateix origen 
que l’anterior, es un derivat d’aregar + el suffix -ARIU ‘el mes 
sembrador’. 


EREIARO (AN, L) ‘mes de la siembra’ (Azkue), errcaroa (Vinson, 
DB.33) € un visible derivat de reia amb e- protetica per rad de 
la r-. L’idea de llaurar la terra que compareix en aquests tres 
noms del juny no €s pas estranya a les demes llengües romäniques: 
«la rella de Sant Joan molts la saben i pocs la fan» (Altea): comp. 
suis franc&s semoraul,2 somarer ‘treballar la terra’.3 


JORRAILA ‘juny’ (Vinson, Z5. 33): vegi’s mes amunt n. 6. 


ARRAMAYATZA ‘juny’ (Vinson, /5. 33): aquest mot &s el mateix 
que el maig segon, remaig amb la a- per ra6 de tenir »-inicial. 


UDAILA “juny”. EI mot uda &s sumament prolffic en vasc: 
udar ‘estiu’, udabarrı i udaberri ‘primavera’ udabiols “canıcula’ 
(Azkue, Dicc.). EI mot #da representa en vasc el mateix paper que 
el llati vERE en las llengües romäniques de la peninsula: verano, 
primavera, cat. verol, verolar, etc. Mes encara, posem la qüestio 
si uda €&s el llati vere. En la llengua vasca &s dona un fet 
curiös que ha estat constat en parlar de urtar:l i es, que mots 
coincidents o gairebe coincidents en romänic, sön tamb& coincidents, 
o gairebe coincidents, en vasc: udar ‘estiu’ te un homönim: udare 
‘pera’. Donat el tractament vasc de la p- i de la v-,* &s cosa 
molt verosimil que PERA i VERE hagin vingut a parar a un uda, 
udar. Per altra banda cal tenir en compte que el vasc, com el 
catala, t€E una o< E, i lo en vasc, com en gasco, passa a u; 
aixı tenim zZugi ‘veure’ la u del qual &s la I de VIDERE, u/e < PILU 
pel’, #datzor! < VENCILLU + AVICELLU ‘falsia’ on tenim # i o pro- 
cedents de una E (vegi’s n. 4). 

BAGILA (dagıl, babail, B). Azkue el denomina ‘mes de les 
faves’. Seria, per tant, aquest nom un derivat del llatı FAva. Al 
nostre entendre, emprö, &s mes verosimil que sigui un derivat de 
bago ‘faig’. L’abundancia de faigs del pais vasc, la popularitat 
del seu fruit, la /aja, poden haver trasm&s molt be el seu nom 
al mes de juny. Hi ha un refrany catalä que diu: «pel maig la 
rama al faig >». 

JORRAILA ‘juny’, vegi’s abril 6. 

SAN JUANILA ‘juny’, ‘mes de Sant Joan’ per rad de la gran 
importäncia que la seva festa te en el poble. 


I Gavel, 28. 351. 

2 Bulletin du Glossaire, 1906, 15. 

8 Jud-Aebischer, Archiv. Rom., IV, 46—47. 
* Gavel, /b. 316. 


108 ANTONIO GRIERA, 


EKHAILA *juny’ (Vinson, ZD. 36). No ens atrevim pas a aventurar 
una etimologia d’aquest nom del mes de juny. Els noms de enadu, 
/anadur (Dissentis) aplicats al juliol poden ser molt be& paralels 
del nom vasc del mes de juny. No sembla pas cosa inverossimil 
el poder admetre un FENILE que hagi donat origen el ekkaila. 
La caiguda de F-, de -n-iel canvi de -La , comp. pews “cabells’ 
en gasco, i la presencla de -k< -s, comp. el pronom actiu de 
primera persona r:ık que pressuposa un yeu, no fan inverossimil 
la nostra hipötesi. 


9. JuLIOL: Noms vascos d’aquest mes: 


UTZAIL, UTZA (AN, BN,G, L). Azkue el nomena acertadament 
‘mes de la cullita’. EI nom de cullita aplicat al juliol no &s pas 
exclusiu del vasc: el provencal mes di meissoun, el gallec mesal 
(Vigo), el napolitä juw/o messoro, el campidan&s mesi de argiolas ho 
confirmen. L’aforistica catalana del juliol fa esment especial de 
la cullita: «Qui no trilla pel juliol no trilla quan vol» (Fraga, 
Tamarit, Aitona). «P’es juliol ses garbes a s’era i es bous en es 
sol» (Mallorca). Ara b& si el juliol i el vasc us/a, que li dona 
nom, signifiquen cw/lta per que l’us/a no pot venir d’un llati ARISTA, 
que entre els seus multiples significats te els de “messa’, ‘anyada’ 
i ‘estiu’? (comp. Thesaurus Linguae lalinae). Per altra banda el 
Glosarium Rivipullense VI tradueix Arısta = messis. La # de usta 
es un cas de u—o procedent de &. L’AR-d’ARISTA ha desaparegut, 
segurament, per haver estat pres per prefix comp. garagarıl i ereiaro. 

GARAGARIL ‘juliol’ (B) vegi’s juny n. 8. 

GARIL ‘juliol’ (AN), segons Azkue ‘mes del blat’ &3, al nostre 
entendre, un mot format de GRANU + IL, comp. garau ‘gra’ amb 
epentesi de l’a entre el grup GR- i amb la caiguda de la -n-.1 

SANTANAIL ‘juliol’ (G). EI nom de Santa Anna dona nom 
al mes de juliol en algunes localitats de Guipüzcoa, de la mateixa 
manera que Es conegut en sard per sw mesi de su Carmu (Porru), 
la madleina de Santa Magdalena (Barbaina) i pel mes de san Jagoa 
‘mes de Sant Jaume’ (Algarve). A Catalunya el dia del Carme 
es assenyalat per sembrar fasols i tamb&e hi ha la dita popular 
«per Santa Magdalena l’avellana plena»s. En la diada d’aquesta 
santa a Menorca, les noies es reguen els cabells amb aigua beneita 
perqu& els creixin. 


IO. AGOST: els noms vascs d’aquest mes sön: 


ABUZTU (abustua, abostua, abustuba) (Vinson, Zb. 33): aquest 
nom amb les diverses variants seves &s un derivat del romänic 
agostio amb el canvi de la -G- en -Ö-, alternäncia no pas rara en 
la llengua vasc.? 

AGORRIL ‘agost’ (Roncal i BN): Dificilment es pot encertar 
l’etimologia d’aquest mes conegut per mes de les caldes (Torellö) o 


1 Meyer-Lübke, Z/ZV, XV, 209 ss. 
2 Gavel, /b. XV, 348. 


ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 109 


mes de la calilla (Tora de Tost). L’agost &s nomenat a Valencia 
mes de la bugor, mes de la xafagor. Bugor, com el cat. bwor, i bavor, 
l’espanyol daho i provablament xa/agor, amb Varticle sa aglutinat, 
suposen un VAPORE. Ara be, si es t@ en compte que la B- desapareix 
facilment en vasc,i agorril podria ser molt be un derivat de dahor 
+ ı ‘mes de la calor’, denominaciö que s’av& perfectament amb 
el mes d’agost. 

DAGONIL (Azkue), dagonilla (Vinson, Id. 33) ‘agost’. Adquest 
mot €s, provablement, una variant d’agorri/ que compareix tambe a 
Benasc en la forma auerro ‘tardor’. L’alternäncia de la d- i de 
la 5- &s fregüent en vasc,? i en el present cas hem demostrat que 
agorril tenia una d-, i, ademes, el canvi de -n- a -r- i al reves 
no &s pas estrany en el vasc: belhaunikalu i belaurikatu “agenollar-se”. 


il. SETEMBRE: Noms vascos d’aquest mes: 


BURUIL 'setembre’, ‘mes de las cabezas’ (Azkue), bdurusla 
(Vinson). Vinson en parlar d’aques mes obseva: «en eflet, ne 
saurait &tre autre chose le «mois t&te», c’est A dire, «le mois extr&me, 
le mois terminal», et nous en conclurons que l’annee basque se 
terminait et comengait en septembre, probablement a la plein lune 
de Fequinoxe d’automne, epoque astronomique remarcable et bien 
connue.» 3 

Certament l’any vasc, com l’any de les terres romäniques 
comensgava pel mes de setembre. Tenim una bella prova d’aquest 
fet en la denominaciö sarda del mes de setembre: l’algueres el nomena 
caviranı, el sassar&s cabbidannu, el gallur&s i el logudor&s el designen 
per cabıdann!, en la localitat de Nuoro es conegut per capıdannı 
i en campidan&s per cabudanni.* 

Certs refranys i certes costums del domini catalaä fan tamb& 
referencia al comengament i acabament d’any pel mes de setembre: 


Per Sant Miquel 

la migdiada s’en puja al cel. 

lo berenar s’en puja al cel (Benassal). 

les vetlles baixen del cel (Pineda). 

Morella per Sant Miquel tot l’any mirarem al cel (Olocau). 


A Menorca per la Mare de Deu de Setembre Mare de Deu (d’es 
missalges), els missatges renoven els contractes de la feina del camp 
els quals acabaran per la vigilia de Nadal. 

Si es t&E en compte que el gasco cabell €s l’aresta per tal com 
els Zeus son els ‘cabells’ i tenint el vasc el mot duru amb el 
significat de ‘cap’, derivat de pıLu, el durusil €s el ‘mes cap’ o el 
‘primer mes de l’any”. 


I Gavel, Zd. 307. 
32 Gavel, /b. 349. 
8 Vinson, ZDd. 34. 
* Merlo, /d. 157. 


110 ANTONIO GRIERA, 


URRILA (urria, iralla, iraıl, ırailla [B], urri [B]). Aquests 
mots no son denominacions del setembre tretes dels noms de les 
falgueres o de l’escassedat; sön variants de pıLu amb la perdua 
de la P-, comp. se, ule ‘pelo’ (Azkue) i amb la tramudansa de -L- 
a -r- tant fregüent en la liengua vasca. 

GAROIL ‘setembre’; vegi’s juliol n. 9. Aquest mes &s dit ‘el 
mes mes fart de l’any’ perque s’hi fan les collites (Cat.). 

AGORRA ‘setembre’; vegi’s agost n. 10. 

12. OCTUBRE: Noms vascs d’aquest mes: 

URRIL (AN, BN, B, L), urrila (B), urrila bıgarrengo (B), urria, 
urriya, urriela). Tots aquests mots explicats anteriorment (n. ıı) 
indiquen el comengament de any. En tenim una prova en lurria 
bigarrengo que Azkue tradueix per ‘mes segundo de la escasez’ i 
que &s en realitat el mes segon despres de cap d’any. 

BILDILLA ‘octubre’”. Tenim tamb& molt provablament en aquest 
mot una representaciö de PILU ‘cap’ amb el canvi tant fregüent 
en vasc de p- a b-, amb la conservaciö de la -L- deguda a l’epentesi 
d’una -d-. 

AZARO ‘octubre’ (Navarra) ‘el mes de sembrar’. Es aquest 
nom un derivat de ADSERO. Les alusions al sembrar son fregüents 
en el refrener catala d’aquest mes «Per Sant Lluc moll o eixut 
(sembra)»; «Per la Mare de Deu del Pilar el blat ni eixit ni per 
sembrar». «Quan l’octubre &s arribat, sembra el segle l’ordi i el 
blat»; «Qui vulga tenir un bon favar sembri les faves per la Mare 
de Deu del Pilar» (Catalunya). 

GASTANAZITU 'octubre’, ‘mes de la collita de les castafies’. 
Aquesta alusi6 a la collita de les castanyes no &s pas exclusiva del 
vasc. Aquest mes es conegut per mes dei castxeil (Crana), kolonoiu 
(Lot),! i tenim el refrany catalä que hi fa referencia: 

«Per Sant LJuc la castanya salta del pelluc; 
i al cap de vuit dies a fira la duc (Llofriu)>. 


LASTAIL ‘octubre’, ‘mes de la canya’ (Azkue). EI mot asia 
que no el trovem en vasc amb el significat de ‘canya’ compareix 
en arlalasio ‘'canya de blat de moro’. Una raö que confirma l’origen 
romänic d’aquest mot la tenim en el nom felacanyes que, a Falset, 
es dona al mes el de novembre. 

AGORRA ‘octubre’, vegi’s n. IO. 

13. NOVEMBRE: els noms vascos de l’onz& mes de l’any sön: 

AZARO (AN, BN, G, L) (azaroa, hazaroa, azarua): ‘mes de 
sembrar’; vegi’s octubre n. 12. 

AZzıL (AN, BN, G, L) ‘novembre’, ‘mes de sembrar’. Es un 
derivat de ADSERO + IL. Confirmen aquesta etimologia aforismes 
com els que segueixen: 

«En novembre tot lo mon sembra» (Burriana). 
«Per Sant Andreu deixa l’arreu» (Tremp). 


I Merlo, Z/d. 164. 


ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 111 


SEMENDI (B) ‘novembre’, ‘mes de la sementera’. Es un derivat 
de sement + ıl; comp. el provengal semen. 

GOROTZILA ‘novembre’, ‘“mois du fumier’ (Vınson, 7b. 36). 
Provablement goro/z es un derivat de culo/z, el qual tant pot ser 
un dirivat de cuJo/z, mot que serveix per designar els caps de ti6 
que queden per cremar en les piles de carbö, com el fem. Mes 
aviat creuriem en el mes de replegar cwlofs per fer foc durant 
’hivernada. 

ABENTU ‘novembre’. Es el mot llati ADVENTU. 


14. DESEMBRE: Eis noms d’aquest darrer mes sön: 


ABENDOA (abentu, abentia, abendua, abenduba) ‘desembre’. Tots 
aquests mots deriven d’un ADVENTU,! temporada litürgica de gran 
importäncia, comengament de !’any litürgic i preparaciö per l’ad- 
veniment del Fill de Deu. Aquest mot que es conegut a l’Aran i 
a la Gasconya en la forma adfn vegi’s no. 697 de la carta d4emdre 
del’ALF (380) es trova tambe a Venasc i a Andorra. Adembes les 
reminiscencies d’aquest nom son abundoses en tot el domini catalä: 
mes de l’adveni (Peralada, Llofriu, Lillet, etc.): 


«A L’advent tanta pasta com ren» (Alcarrac); 
eBlat sembrat al mes d’advent si neix no ment» (Lillet), etc. 


GABONIL (G. Atalın) ‘mes de la noche buena’ (Azkue): El mot 
gabon t& dos significats ı. bona nit i 2. temporada de Nadal. 
Aquest mot t& una serie de derivats: gabon-egun ‘dia de Nadal’, 
gabon-gaba ‘nit de Nadal’, gabongarı ‘estrena’, gabonsubil ‘tiö de 
Nadal’. Dues etimologies ens atrevim a proposar per aquest nom 
vasc del mes de desembre: gadoril seria un compost de gauw + bon 
+ i/ ‘mes de la noche buena’ gas &s possible que sigui un derivat 
de NOCTE (noiz, nou, com en catalä, nau i, per la perdua de la n-, 
fregüent en vasc, gau); el don + ı/ no ofereixen cap dificultat. 
L’altra etimologia de gadon:l tindria un caräcter marcadament 
popular: gabonil seria el mes dels capons’. EI cap6 &s tipic del 
Nadal; totes les cangons populars parlen dels capons; per tant no 
seria gens estranya una semblant procede£ncia. 

LOTAZIL (tlotea, Berango) ‘desembre’, ‘mes de dormir’. EI 
vasc lo significa ‘dormir’ i aquesta idea pot haver influit prou 
per a donar nom al mes de desembre, si es te en compte les 
llargues vetlles i nits d’aquest mes, el m&s curt de l’any. De la 
mateixa manera que el llati PECTUS ha vingut a biofs en vasc, LECTU 
havia de venir a 40; donada emprö la palatalitzaciö de la L- 
en catalä, dialectes aragenesos de la frontera i bable, hem d’admetre 
una palatalitzaciö de la L- amb la qual eg degu& fondre la ; de /iosa. 

NEGILA ‘desembre’ vegis gener n. 2. 

BELTZILA (slbeltz) ‘desembre’, ‘gener’; ‘mes negre’. L’etimologia 
d’aquest nom del desembre i del gener &s certament forga dificil, 


ı Vida Cristiana, I, n. ı. 


112 A. GRIERA, ELS NOMS VASCOS DELS MESOS DE L’ANY. 


En catalä es parla sovint de gelada negra, i de /red negre i que 
el fred rosteix i cou les plantes. Per tant l’idea de negra €s prou 
aplicable als mesos de desembre i de gener per la llur fredor i 
per la llur curtedat. Si ideolögicament la denominaci6 no repugna 
€s possible que el NIGRU hagi vingut a dels? La -N- desapareix 
fregüentment en vasc;1 i apareix substituida per una g- o una &-, 
Per alta banda el canvi de R>/ es tambe molt fregqüent en 
aquesta llengua, comp. z/ FINIRE, aixf com no repugna el pas de 
-] > tz, comp. :20/zil ‘gener’ n. 3. 


ANTONIO GRIERA. 


1 Gavel, /d. 265. 


Eine unbekannte Rolandlegende, 


In Cartagena scheint man die Reliquien des heiligen Adalhard 
verehrt zu haben. Adalhard war der Vetter Karls des Grolsen, 
Abt von Corbie und Gründer von (Neu)-Corvey an der Weser, 
eine der bedeutendsten Persönlichkeiten seiner Zeit. Auf Grund 
falscher Anschuldigungen wurde er nach Karls Tode verdächtigt, 
verbannt, drei Jahre vor seinem Tode (2. Januar 826) jedoch wieder 
in Gnaden aufgenommen. 

Eine Legende erzählt nun, die Reliquien Adalhards, der in 
Spanien noch den Beinamen Genesius führt, wären 886 von Corbie 
nach Cartagena überführt worden. In Verbindung mit dem vermeint- 
lichen Grab Adalhards in Cartagena taucht dann eine neue Legende 
auf. Adalhard erlangt von seinen Eltern auf inständige Bitten die 
Erlaubnis zu dem neu aufgefundenen Grabe Santiagos zu wallfahren. 
Dort angekommen falst er den Entschlufs sein Leben als Einsiedler 
Gott zu weihen. Er begibt sich auf ein Schif. Während der 
Fahrt erhebt sich ein ungeheurer Sturm. Die Mannschaft glaubt 
ein auf dem Schiff befindlicher grolser Sünder wäre Schuld an 
dem Toben des Elementes,. Schon wollen die Schiffsleute das 
Los entscheiden lassen, als Adalhard sich als Opfer anbietet. Er 
wirft sich ins Meer, kommt aber ans Land und wird dort von 
einem Abt aufgenommen. Ihm erzählt er seine Geschichte. Er 
lebt dann 25 Jahre als Mönch in Cartagena. 

Die nahe geschichtlich begründete Verwandtschaft Adalhards 
zu Karl dem Grolsen hat nun auch die Einführung der Figur 
Rolands in diese Legende veranlalst. Adalhart gilt als „frater 
Rolandi* und Roland wird auf Veranlassung seiner Eltern nach 
Spanien geschickt um seinen Bruder zu suchen: 


... donec Parentum inueteratus amor Rolandum fillum, & Genesii 
fratrem impulit, vt filium, & fratrem exulem per orbis Hispani 
plagas, aut quia Carolus Magnus prole orbatus vltimam complebat 
senectutem, cuius Genesius, vt natu maior, & sanguine propinquior, 
Regnorum erat aiunt haeres designatus, aut quod verius est, quia 
Parentes ante ipsorum obitum fillum Genesium vliimum vale 
dicere concupiere, quaereret & inuentum, ad Parentum desideratos 
perduceret amplexus. Patrum Rolandus annuit votis, & Hispaniae 
littoribus penetratis, portubus lustratis, Compostellam deuenit, nec 
illic de fratre quidquam prouidus inuenit speculator. S. Apostolo 
Parentum obtulit vota, & quo fratrem exulem possit conspicere 
lachrymabundus a IACOBO efflagitat, qui interius viscera Rolandi 
commouens, ab Altaris Apostolici Rolandus confortatus discessit 
adspectu, & nauem conscendens, post Oceani diluuium, & Medi- 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVUI. 8 


II4 ADALBERT HÄMEL, EINE UNBEKANNTE ROLANDLEGENDE. 


terranei angui-portum pererratum, demum, magnis laboribus 
exantlatis Carthaginensem Hispaniae sinum, quo nunc caput 
Rolandi (forte ex hoc tempore, & origine) dicitur, peruenit. Hic 
soluta carina, portum arripit, Insulam lustrat, & ad Mineralis 
montis cacumina accedens, dum sese per aspera obliqui nemoris 
tesqua euanescit, itineris Confusione ramorum semitam penitus 
aberrauit. Tunc tuba cecinit, ad cuius sonitus tinnitum Genesius 
arreptus, protinus insurgens sonorae vocis halitum per condensos 
arborum fructices, auctoremque buccinae quaeritabat. Inuenit 
Rolandum Genesius, & dispositione diuina, vterque alterius con- 
spectu obmurescens, ille fratrem agnouit, iste germanum inuenit. 
Aduentus causas retulit Rolandus, illis se opposuit Genesius, 
& post longam de status sui perseuerantia disceptationem, demum 
Rolandum dimisit. Qui Parisios rediens, Parentibus, & Carolo 
Magno vitimam Genesij voluntatem aperiens, omnia de loco, 
instituto, & moribus Sancti Eremitae conducibilia recensuit. Vixit 
ergo aliquot annos ibidem Genesius, donec resolutionis eius 
tempus peruenit, quo receptis Ecclesiae Sacramentis, creatori 
animam purissimam commendauit, ad annum Domini DCCC Imp. 
Carolo Magno. 


Tamayo y Salazar, der in seinem Martyrologium Hispanicum 
(Lugduni 1651) die Legende unter dem 2. Januar erzählt, ist sich 
selbst im Klaren über den apokryphen Charakter der ihm vor- 
liegenden Quelle. Er fügt deshalb hinzu: 


„Quam parum haec a veris distent, ex collatione utrorumque 
patebit, quod ut ne longius protrahatur ad vera pergo.* 


und im Anschlufs daran erzählt er dann nach anderen Quellen 
das Leben Adalhards, teilweise wieder mit anderen Legenden ver- 
mengt. 

Tamayo y Salazar gibt an, er habe die oben angeführte apo- 
kryphe Adalhardlegende „ex pervetusta Nostrorum traditione, quid de 
ipso senserit antiquitas apud Carthaginem Spartariam, ex Codicibus 
MSS. Camarini humanarum literarum Magistri apud Murtium olim 
emeriti, a Huelamo relatis* genommen. 

Wie dem auch sei: Die Legende von der Rolandfahrt nach 
Spanien und zwar nach Santiago de Compostella und nach Cartagena 
hat bestanden, denn für die Adalhardlegende ist sie an sich neben- 
sächlich. Jedoch der in dem obigen Text erwähnte Hinweis auf 
eine Rolandreliquie in Cartagena: 


„quo nunc caput Rolandi (forte ex hoc tempore et origine) 
dicitur* 
erklärt vielleicht die Zusammenhänge. 
Auf welchem Wege die fränkischen Reliquien und damit die 


merkwürdigen Legenden nach Cartagena gekommen sind, habe 
ich bis jetzt noch nicht ausfindig machen können. 


ADALBERT HÄNMEL. 


Wortgeschichtliches. 


a) Frz. amour. 


Die heute herrschende Ansicht über die lautlich auffällige 
Form amour ist wohl die, dafs sie dem literarischen Einfluls der 
Trubadurpoesie zu verdanken sei. A. Thomas äufsert sich immerhin 
nicht sehr entschieden: „L’opinion la plus probable Jarait £tre 
cele qi voit dans amour, come dans jalous, une forme literaire due & 
P’influance de la poesie amoureuse des troubadours“ (Rom. XLIV, 324). 
Eine neue Beschäftigung mit dieser Frage dürfte also angebracht sein. 

Doch wird es vielleicht gut sein, zunächst eine Vorfrage zu 
erledigen. 

Seit dem Erscheinen von A. Thomas’ eben angeführtem Artikel 
in Kom. XLIV, 321 ff. wissen wir, dafs die lautgesetzliche Form im 
Franz, existiert hat. Er hat sie in zwei Schriftstellern des 15. Jh. 
gefunden, beide Male in der Bedeutung „Brunst von Tieren“, das 
eine Mal von Hirschen, das andere Mal von Widdern. Ein Blick 
in v. Wartburgs Franz. etym. Wörterb. Sp. 908 zeigt ferner, dafs 
das Wort in dieser uns heute noch in nordfranzösischen 
Mundarten besteht. 

Thomas weist aber weiter durch die allerdings ganz vereinzelte 
Angabe eines Dialektwörterbuches nach, dafs das Wort auch in der 
gewöhnlichen Bedeutung bestanden hat und zwar in Ricey (Aube) 
im Süden der Champagne in der Redensart /ouf d’ameu. 

Es fragt sich also, warum man von der Form ameur keine 
Spur in der eigentlichen altfranzösischen Literatur finde. Aus dem 
Pikardischen, in dem heute diese Form vorzugsweise zu Hause ist, 
und aus dessen Gebiet (Abbe£ville) auch eines der mfrz. Zeugnisse 
stammt, haben wir doch ungezählte Denkmäler verschiedenen Cha- 
rakters aus der alten Zeit; aber die Form scheint noch weiter ver- 
breitet gewesen zu sein, das Beispiel von Martin le Franc weist 
auf die östliche Normandie, das zitierte des Dialektwörterbuchs 
auf die Champagne. 

Wäre das Wort bereits im Altfranzösischen auf die Bedeutung 
„Brunst der Tiere“ beschränkt, so wäre das Fehlen in der afız. 
Literatursprache einigermafsen begreiflich, weil die Literatur von 
der Sache wenig Notiz nimmt. Man mülste dann annehmen, dafs 
das Wort in der Bedeutung „Liebe“ bereits im Altfranzösischen 
lokal sehr beschränkt gebraucht wurde. Aus der Gegend ungefähr, 
aus der einzig ameur in dieser Bedeutung belegt ist, stammt nun 


8* 


116 EUGEN HERZOG, 


aber, wie allgemein angenommen wird, der grofse Dichter Chrestien 
de Troyes. Es lohnt sich also, auch seine Reime noch einmal 
daraufhin durchzusehen. 

Foerster hat bekanntlich angenommen (vgl. grolse Cliges- Aus- 
gabe LVII, Nr. 10), dafs bei Chrestien geschlossenes freies o in 
zwei Gestalten erscheint, als eu und als o. Ersteres in den Wort- 
ausgängen eu, eus, eu, eusc(s), o in allen anderen Fällen, und so 
namentlich vor r und in den Paroxytonen. Meine Schülerin, Frl. 
Dr. Adele Getzler, hat in ihrer Dissertation den betonten Vokalismus 
Chrestiens auf Grund der vollständigen Reimlexika untersucht und 
ist zum Teil zu abweichenden Resultaten gekommen. Nicht- 
Diphthongierung des g[ zu eu läfst sich als reguläres Produkt 
höchstens für die Stellung vor labialen Konsonanten annehmen, 
z. B. für das Wort /os (Zupus), das ja auch im Gemeinfranzösischen 
im allgemeinen die Form /oup hat, ferner in den ebenfalls gemein- 
französischen Formen nos, vos, espos, jalos. Sonst zwingt nichts, 
eine Spaltung der Entwicklung anzunehmen nach der Stellung in 
der Silbe und nach der folgenden Konsonanz, und da wegen der 
Reime mit -ocs und Olamadeu Diphthongierung zu eu für die Worte 
neveu, preu, veu, qgueu, neu, seus (solus) und Suffix -os# sicher ist, 
so besteht kein hinreichender Grund, dieselbe Entwicklung nicht 
auch für die andern Fälle anzunehmen. Nur hat allerdings Chrestien 
neben den Formen mit ex in seltenen Fällen auch solche aus einem 
andern Dialekt mit 9 verwendet.1 Es reimt also duos 22mal als 
deus, nämlich 3mal mit jeus (jocus), 6mal mit Zeus (locus), ı5mal 
mit seus (solus), wovon streng beweisend allerdings nur die ersten 9 
sind, dagegen einmal mit vos. Für die Stellung vor -/e(nt) zeigt sich 
eine strenge Scheidung, auf der einen Seite SOLA, GULA, ÖL(L)A 
ıımal, auf der andern Seite saole(nt), dolent, fole(nt), und allerdings 
auch cole(nt) (colat, -anf), das sein undiphthongiertes o aus den 
flexionsbetonten Formen bezogen hat, 5mal. Was nun or, ors, ort, 
ore, orent betrifft,?2 so zeigt sich im allgemeinen eine ziemlich strenge 
Scheidung, 306 unvermischten Reimen, und zwar 124 mit e] und 
182 mit g[ stehen nur ı4 sichere Vermischungen der beiden Laute 
gegenüber. Was speziell die Endung -or betrifit,? haben wir 184 
reine Reime, und zwar 71 mit p], ı13 mit g[ und nur 9 sichere 
Vermischungen. Für -ors? 23 unvermischte Fälle, und zwar 5 
mit 9], ı8 mit p[ und nur eine Vermischung. Es ist daraus mit 
Sicherheit zu schlielsen, dafs im allgemeinen -or genau so zu -eur 
geworden ist wie PRODE zu freu und DUOS zu deus, und dafs die 
wenigen widersprechenden Reime einer fremden, wenn auch nahen 
(südöstl.) Mundart entnommen sind, um so mehr als in den beiden 
vermutlich spätesten Werken Chrestiens, Wilbelmsleben und Perceval, 
keine sicheren Vermischungen mehr existieren. 


1 Das ist das Hauptresultat der betr. Untersuchung von Frl. Dr. Getzler. 
Auf Einzelbeiten braucht hier nicht eingegangen zu werden, da die auch sonst 
an Resultaten reiche Arbeit, sobald als es möglich ist, gedruckt vorliegen wird, 
% Abgesehen von amour(s). 


WORTGESCHICHTLICHES, 117 


Was nun amor(s) anbetrifft, so reimt es ıomal mit 9], ı ı mal 
mit o[, wobei zu bemerken ist, dafs im Wilhelmsleben überhaupt 
kein Reimfall vor amor vorkommt, was nach dem Inhalt dieses 
Denkmals wenig auffällt, und im Perceval nur 5 Reime mit yor, 
keiner mit g[. Betrachten wir von den ıı Fällen, wo es mit o[ 
reimt, zwei als nicht sicher, da es sich um den Reim mit dem 
etymologisch gleichartigen Namen Soredamors (über diese beiden 
Reime s. weiter unten) handelt, so bleiben noch immer 9. 

Wollen wir nun voraussetzen, dafs Chrestien von allem Anfang 
an nur die spätere gemeinfranzösische Aussprache ampr > amour 
gekannt hat, so mülsten wir in den Werken vor dem Perceval 
y (rı) Vermischungen gegen 5 rein reimende Fälle annehmen, ein 
Verhältn's, das mit den sonstigen Zahlen für -or(s) in einem gar 
zu auffallenden Widerspruch steht. Da ist es doch gewils viel 
wahrscheinlicher, dafs Chr. neben dieser Aussprache auch die 
etymologisch zu erwartende ameur(s) gekannt hat, um so mehr als 
diese Aussprache, 40 km von Troyes entfernt, noch 1868 in ihrer 
ursprünglichen Bedeutung bestanden hat, und zwar in einer Gegend, 
auf die auch sonst noch manches in Chrestiens Sprache weist. 

Wir können aber vielleicht noch einen Schritt weiter gehen 
und eine Vermutung darüber wagen, warum Chrestien in seiner 
letzten Schaffenszeit dieser Form aus dem Wege geht. Wir sind 
ja in einer Zeit des sich steigernden und immer mehr ins Mystische 
und Platonische hinüberspielenden Minnekultus, in einer Zeit der 
zunehmenden Preziosität. Sollte da nicht Chrestien für die Haupt- 
Idee dieser geistigen Atmosphäre eine Wortform vermieden haben, 
die schon damals in der Sprache des täglichen Lebens die Tendenz 
gehabt haben mag, sich auf den niedern Naturtrieb einzuengen, 
wie er gerade im tierischen Leben zutage tritt? Bedenken wir 
auch, dafs diese Einengung uns namentlich für die Pikardie und 
Flandern bezeugt ist, und gerade auf Beziehungen zum flandrischen 
Hof und eventuell auf einen dortigen Aufenthalt weist uns die 
Widmung im Gralroman. 

Vielleicht hängt noch eine andere Erscheinung mit der Tendenz 
zusammen, gerade die Form ameur zu vermeiden. In Zxbl. f. germ. 
u.rom. Phil. 1919, Sp. 98f. habe ich nachgewiesen, dafs Chrestien 
im Obl. Sing. die Form amors kennt. Aufser den dort angeführten 
Reimstellen amors : Soredamors Cl. 446 und amors : dolors Yv. 13 
kommt noch als sicheres Beispiel in betracht amors : Soredamors 
Cl. 980;1 minder sicher Cl. 1598 amors : colors, Cl. 3113, wo ver- 
mutlich amors : dokors zu lesen ist, und Er. 2436 amors : mors. 
Der Piural wäre zwar an den drei letztangeführten Stellen nicht 
ausgeschlossen, ist aber unwahrscheinlicher als der Singular in dem 
Moment, wo amors als Oblicus sicher bezeugt ist. 

Im Reim mit geschlossenem gedecktem o erscheint der Oblicus 
amors nie. Daraus ergäbe sich, dals der Oblicus amors stets ameurs 


ı Vgl. den darauffolgenden Vers. 


118 EUGEN HERZOG, 


zu lesen ist,! und es läge nahe anzunehmen, da/s Chrestien diese 
analogische Oblicusform, die auch anderwärts begegnet, eingeführt 
hat. um das Wort von ameur „Brunst“, das wohl hauptsächlich in 
Redensarten wie Ö/re en ameur gebraucht wurde, zu differenzieren. 
Chrestien hätte also zunächst zwischen den beiden Möglichkeiten, 
den Begriff der Minne von dem der Brunst zu unterscheiden, ameurs 
und amour geschwankt und sich dann für amour entschieden, was 
deutlicher war und gestattete, die Differenz auch im Rectus fühlbar 
zu machen. Chrestien stand damit wohl im Einklang mit der 
Sprachentwicklung der höhern Stände. Das ı3. Jh., aus dem die 
frühesten erhaltenen Chrestien-Hss. stammen, scheint die Form 
ameur „Liebe“ jedenfalls nicht mehr zu kennen. Oder war Chrestien 
nicht Mitläufer, sondern Bahnbrecher? Da es sich bei der höfischen 
Minne um einen Begriff handelt, der hauptsächlich in literarisch 
gebildeten Zirkeln diskutiert wurde, so ist ein Einflufs der Literatur- 
sprache, der Einfluls eines so viel gelesenen Dichters nicht von 
der Hand zu weisen. Dann aber wäre die Möglichkeit nicht aus- 
geschlossen, dafs Chrestien selbst unter literarischen Einflüssen steht. 
Der Einflufs der frühern normannischen Hofliteratur, besonders 
des Eneasromans (daneben wohl aüch Wace, Marie de France, der 
sog. Urtristan) auf Chrestien ist allgemein anerkannt. Dort gab es 
keine Scheidung zwischen e] und p[, dort reimt amur unterschiedslos 
mit jur und mit enur. Das mag Chrestien veranlalst haben, die 
ihm auch aus der unmittelbaren Umgebung von Troyes bekannte 
Form amour nicht nur zu gebrauchen, sondern auch später fest- 
zuhalten. Provenzalische Einflüsse mögen ja auch noch hinzu- 
gekommen sein, aber für Chrestien scheinen mir die französischen 
naheliegender und wichtiger. 


b) Afrz. englouve adj. fem. „gefrälsig“. 


Englouve ist ein seltenes Wort, das in Chrestiens Cliges 5793 
im Reime auf /ouve erscheint: 


Morz coveteuse, morz englouve! 
Morz est pire que nule louve. 


Auch an dieser Stelle kennen es nur drei von sechs Hss. 
Was sonst über das Wort bekannt ist, hat Foerster in der An- 
merkung der grolsen Cliges-Ausgabe zusammengestellt; im Wörter- 
buch gibt er statt der Etymologie ein Fragezeigen. Es kann doch 
wohl keine Frage sein, dafs das Wort zu lat. zngluvies in Beziehung 
steht. Dieses bedeutet nicht nur „Vormagen, Kropf,“ in welcher 
Bedeutung es einen Ableger im Italienischen hat (vgl. Meyer-Lübke, 
REW. 4424), sondern auch „Gefräfsigkeit, Völlerei“. Da es in 
dieser Bedeutung bei den Kirchenschriftstellern vorkommt, mag es 


1 Deshalb müfste man dann eben auch an den beiden erwähnten Stellen 
ameurs: Soredameurs lesen. 


WORTGESCHICHTLICHES, 119 


zunächst aus der Kirchen- und Predigtsprache in die Volkssprache 
gedrungen! und dann ein Adjektiv gewissermalsen zngluvus daraus 
rückgebildet sein. 


c) Frz. maıgle, prov. magalh. 


Der erste Beleg dieses Wortes stebt im Cliges 3852, im Reim 
auf aigle. Es ist dort zu einem ironischen Vergleich gebraucht. 
Über die Bedeutung wird an der Stelle nur so viel klar, dafs es 
ein landwirtschaftliches Gerät ist, mit dem der Bauer (vz/am) seine 
schwere Arbeit verrichtet, und von dem er lebt. Im Chrestien- 
Wörterbuch ist es als „Spitze, Hacke“ übersetzt, was vermutlich 
ein Druck- oder Lesefehler für „Spitzhacke* ist. Denn in der 
Anmerkung zu unserer Stelle in der dritten kleinen Cligesausgabe 
weist Foerster selbst die Bedeutung „Spitzhacke der Weinbauern“ 
unzweideutig nach; und tatsächlich stimmen alle ne in Gode- 
froy zu dieser Bedeutung. 

Über die Etymologie des Wortes ist Foerster im unklaren, er 
macht im Chrestienwörterbuch ein Fragezeichen. Meyer-Lübke in 
REW. 5527 schreibt das Wort me(r)gle, gibt ihm die Bedeutung 
„Gabel, Hacke“ und stellt es zu einem Etymon *mergula, das 
„kleine Gabel“ bedeutet hätte. Es wäre dann eine Ableitung von 
mergae, womit man im Lateinischen eine Art Gabel oder Rechen 
für gemähtes Getreide bezeichnet hat. Aber die Bedeutung „Gabel, 
Rechen“ läflst sich, wie es scheint, für das frz. Wort nicht nach- 
weisen, auch spricht nichts für den Bedeutungsübergang Gabel > 
Hacke; denn das span. mie/ga von merga (man könnte auch hier 
eher an das supponierte Diminutiv *mergula denken) abzuleiten, 
bezeichnet Meyer-Lübke selbst als zweifelhaft (5524). 

Jedenfalls ist im Französischen eine Form mit r ganz isoliert 
(nur ein Beleg, und vielleicht auch der verlesen). Alle andern 
Beispiele weisen das r nicht auf. Das e aber mufs wohl wirklich 
aus einem az entstanden sein; wenn auch der Reim bei Chrestien 
nicht strenge beweist, da bei Chrestien gelegentlich a’ mit g reimt, 
so beweist doch die Nebenform mag, die hie und da auftritt 
und aus *mergula nicht zu erklären ist. Auch wird man das fran- 
zösische nicht von dem prov. magalh trennen wollen, das eine sehr 
verwandte Bedeutung aufweist (Mistral: „houe, sorte de pioche & 
lame plate et recourbee“). Das Wort scheint besonders im Südosten 
der Provence in den Alpendialekten vorzukommen. Der All. lingu. 
kennt es in der Gestalt magaj oder magay für die Punkte im Dep. 
Alpes maritimes 897, 899, 991 (vgl. 1763 C, bEche), im letztern 
auch das Verb magalhar als magaja (1764 C, bächer). Auch der 
einzige aprov. Beleg, der bis jetzt angeführt worden ist, weist in 
dieselbe Gegend (Vie de Saint Honorat). 


ı Vgl. die Form engluive wie deluive. 


120 EUGEN HERZOG, WORTGESCHICHTLICHES. 


Scheint also diese Herleitung ausgeschlossen, so halte ich da- 
gegen die von Fr. Mistral s. magalh gegebene für sehr erwägenswert: 
gr. uaxeiia „Schaufel, Spaten, breite Hacke“. Dafs das Wort im 
Lateinischen nicht belegt ist, kann wohl nicht ernstlich dagegen 
sprechen. Es mag hier lokal sehr beschränkt gewesen sein, ist 
vielleicht von der griechischen Kolonie Massilia in die Umgebung 
gedrungen und dann mit dem Weinbau in die Champagne und 
andere nordfrz. Gegenden verpflanzt worden. Auch die lautlichen 
Schwierigkeiten scheinen mir gering. Dafs ein griech. uadxeAla 
zunächst etwa als *mdkalla nachgesprochen wurde, erklärt sich leicht, 
einerseits als Assımilation an den Tonvokal,i andrerseits durch den 
auch sonst zu konstatierenden Einfluls eines Z/ auf unbetontes e, 
vgl. alımosina, dalfınus.. Aus mdkalla erklärt sich die franz. Form 
ohne weiteres, während die prov. magalh eine Kontaminationsform 
darstellen würde, das Resultat des Bestrebens, das Wort durch 
Einmischung des Werkzeugsuffixes -acd« mundgerechter zu machen. 


EUGEN HERZOocC. 


ı Vgl. Meyer-Lübke, Zinführung, 3. Auf!., 8 131. 


Altfranzösische Mystik und Beginentum. 


Das Beginentum, über dessen Entstehen und Verbreitung wir 
durch J. Greven’s! jüngste Forschungen am besten unterrichtet werden, 
hat besondere Mittelpunkte seines Aufblühens für Nordfrankreich 
mit dem heutigen Belgien, Paris? und im Osten für das lothringische 
Gebiet (Metz)3 aufzuweisen. Die literarischen Urteile über die 
Beginen teils von freundlicher, teils von feindlicher Seite aus, sind 
bereits von E. Lommatzsch* und T. Denkinger5 gestreift worden, 
lassen sich aber sicher bei planmälsigem Sammeln vermehren, 
ähnlich steht es mit den lat. Zeugnissen der Chronisten, Prediger 
und Theologen.d6 Dafs nun schwärmerische Mystik und franzis- 
kanisches Armutsideal seit der zweiten Hälfte des 13. Jhdts. diese 
ganze, den Laienstand im Anschlufs an das Aufkommen der beiden 
Bettelorden mächtig ergreifende Bewegung kennzeichnet, zeigen 
altfranzösische Prosatraktate und verstreute Dichtungen, die gewils 
eine Zusammenfassung verdienen. Zuvörderst habe ich zwei Hand- 
schriften im Sinne, die eine Lokalisierung des Beginentums an- 
deuten. 

Nach dem Nordosten führt uns die Hs. Berlin, Staatsbibl. Gall. 
Oct. 28, von einem Pikarden vielleicht in Lille oder Umgebung zu 
Anfang des 14. Jhdts. geschrieben. Sie enthält eine gröfsere Reihe 
von Prosastücken und einige lehrhafte Dichtungen und ist eine Art 
von geistlichem Erbauungsbuch für eines der Beginenhäuser jener 
Gegend Frankreichs. Die Entstehung der Texte selbst, verglichen 
mit solchen gleichen Charakters in anderen Hss., kann man ruhig 
in die letzten Jahrzehnte des 13. Jhdts. setzen. E. Bechmann hat 


1 Die Anfänge der Beginen. Münster 1912 = Vorreformationsgesch. 
Forschungen VIlI, — Der Ursprung des Beginenwesens = Histor. Jahrbuch 
XXXV (1914), S.26 ff., zgt fl. Alteste Darstellung bei Jo. Laurentius a Mosheim, 
De beghardis et beguinabus commentarii. Lipsiae 1790. 

2 L&on Le Grand, Les b£guines de Paris = ANl&moires de la Societe de 
P’histoire de Paris XX (1893), S.295—357. M.D.Chapotin, Histoire des domini- 
cains de la France. Rouen 1898, S. 5ı0fl. 

s Fürs Elsals vgl. K. Schmidt, Die Strafsburger Beguinenhäuser im Mittel- 
alter = Alsatia 1856—60, S. 149— 228. H. Delacroix, Essai sur le mysticisme 
speculatif en Allemagne au XIVe si&clee These de Paris 1899. 

* E. Lommatzsch, Gautier de Coincy als Satiriker. Halle 1913, S. 30 u. 119. 

5 T. Denkinger, Die Bettelorden in der französischen didaktischen Literatur 
des Mittelalters. Diss. Tübingen 1915, S. 5off, u. 70. 

® Einiges s. im Anhang II. 


122 ALFONS HILKA, 


das Verdienst, in seiner Studie Drei Diis de !’ame! das Wichtigste 
aus dieser Hs. hervorgeholt zu haben. Der mystische Einschlag? 
ist bedeutend: „das bräutliche Verlangen nach dem Heiland, die 
schmachtende Sehnsucht nach dem himmlischen Bräutigam“,3 mit 
der bis zur Geschmacklosigkeit getriebenen Verwendung von Bildern 
und Allegorien, z. B. das Rösten im Feuer der Liebe und Auf- 
gehen am Spiels der Sehnsucht (es fu d’amour soil rostis, en l’espoi 
de desir diervE B 11, 5/6), das Schmieden der Liebesnägel, Hammer 
und Ambols beim Betrachten der Leidensgeschichte Christi (c/aus 
d’amours, martiel, englume B 13 —ı5), das Turnier des Kreuzes mit 
Fahnen der Sehnsucht (guinfaine de le crois, gonfanon de desirier 
(B 20, 3/4), Belagerungsgeschütz beim Gebet (arbaksire a wur Br 
— verwandte Hs. Brüssel 9411— 9426] 2—4). Dazu treten die 
Ausdrücke aus dem Minneleben: Beständige Anrufungen des douls 
amıs, die Anreden an jore und «douls pris, ferner Antithesen (A 4; 24 
u. 25), die Unruhe der liebenden Seele (A Je fois rıt, puis est ploreuse, 
ore esi seüre, ore est doubteuse, or se voelt laire, or voell crier A 35,4—6, 
morir d’amours, rage d’amer, a mains joinles vous cri merchi, cuer 
fondant, sol anientir, douchour, enivrement und yvroigne esperiteuls), 
der himmlische Geliebte als medecine, vins, douls fruis, manne et miel, 
ardeur empensee ventrine, feus en riviere (A 36) u.a.m. 

Die Definition des Beginentums (C ı) setze ich nochmals 
hierher: 


Savds que j’apiel beghinage P* 
Conscienche ne mie large, 

Lieue et devote affection, 

Oster son coer de tout herbage, 
Cur l’esperit fait grant damage 
De Dieu sentir en orison. 

Deus larmes de contricion 

Et trois far grant compassion 
Valent l’avoir qui par mer nage; 
Mais celi de devotion 

Ne poroit esprisier nuls hom, 
Souvent fait a Dieuw son manage.® 


1 ZfrPh. XIII (1890), S. 34—84. 

® Vgl. J. N. Schneider, Joachim von Floris und die Apokalyptiker des 
Mittelalters. Progr. Dillingen 1872/3, S. 62 ff. über die pantheistisch-mystische 
Richtung und den Preis der heiligen Armut als der Königin aller Tugenden 
und der Blüte christlicher Vollkommenbeit bei den Begharden uud Beginen. 
H. Delacroix a.a.O., S. 14 fl. 

$ Beckmann, a. a.O. S. 55. Vgl. J. Greven, Anfänge der Beginen, 
S. 69ff. über die ekstatischen Zustände und den visionären Einschlag der 
Beginen. 

« Das Wort ist erst nach 1261 oder 1262 bezeugt, vgl. G. Kurth, Bulletin 
de l’Acade&mie royale de Belgique, Classe des lettres, 1912, 5.458 u. J. Greven, 
Ursprung des Bsginenwesens = S. A, S. 38. 

5 Über die älteste Beginenregel (gegen 1246) vgl. Greven, Anfänge der 
Beginen, S. 211. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 123 


Dazu gehört das Gespräch zwischen einem Pariser Theologen und 
einer schlichten Begine (fol. Qv): 


ll fü uns maistres a Paris, si apiella un sien compaignon et 
li dist que il li amenast une beghine, et cils l’en amena une. Ft 
li maistres li dist: „Quels gens iestes vous et que faites vous?“ 
„Maistres“, fait elle, „nous faisons che que li fols ne scet ne ne 
poet faire; car li fols poet vivre en pain et en yauwe et aler 
descaus et en laignes et viestir haire. Et se ne le sces, si ’apreng 
a faire.“ „Et que faites vous dont?“ che li a dit li maistres. 
„Nous scavons Dieu amer, confesser, nous warder, Dieu cognoistre, 
les ‚VII. sacremens, nos proimes amer et desevrer les visces des 
virtus, avoir humilit@ sans orgoel, amour sans hayne, pascienche en 
tribulation, clere cognissanche de Dieu et de sainte eglise, et 
apparillies de tout souffrir pour Diu: tout chou est beghinages.“ 
Qnant li maistres l’oy, si dist: „Dont saves vous plus de divinite 
que tout li maistres de Paris.“ 


Nach dem westlichen Lothringen, nach Metz, führt uns die 
Sammelhs. der Stadtbibliothek Metz Nr. 535, die nach P. Meyers 
Beschreibung! aus den letzten Jahren des ı3. Jhdts. oder den 
ersten des 14. Jhdts. stammt und vor der Revolution in der Abtei 
Saint-Arnould (Metz) gelegen hat. Die lehrhaften Traktate, besonders 
die geistlichen Dichtungen, zeigen denselben Charakter der mystischen 
Gottesliebe, vermehrt um den Preis franziskanischer Armut, wie die 
Berliner Hs. Direkt an die Beginen wendet sich das Gedicht 
Qui vuet droit beguinage avoir (fol. ı53v) und Je di que c'est folie 
dure (fol. ı70v). Aber in denselben Kreis gehört auch die von 
P. Meyer kurz angezeigte Vision: Quant li mundain sont endormi 
(fol. 132r).2 Ihr sind 24 Strophen ungleicher Länge in Achtsilbnern 
und Assonanzen (wohl Nachahmung de alten Chansons de geste) 3 
voraufgeschickt, aber durch den Verlust des ersten Blatts der Lage 
bei fol. 128r scheint der Anfang dieser Dichtung, die jetzt nur 
674 Verse bietet, nicht erhalten zu sein. Die Mundart ist durchaus 
lothringisch. P. Meyer wies bereits auf Str. 2 mit ihren Ausgängen 
auf -asse hin, wohin auch richesses, contesse, messe eingereiht sind 
mit der Aussprache des westlothr. -asse. eg ist auch durch & aus- 
gedrückt in Str. 3. 5. 9. 13. as reimt mit 0 in Str. 21: plakt, 
meffait, lait : droit, also die spätere Lautierung £. enmie 95 — amıe, 
vgl. enmorous 215 — amorous. Diese Anfangsstrophen enthalten 
Ermahnungen zur Gottesliebe und zu frommem Leben, Hinweise aufs. 
Paradies und das Gericht. 


i Bulletin de la Societ& des anciens textes francais XII (1886), S. 41 fl. 
Die hier mitgeteilten Texte habe ich 1914 in Breslau kopiert und bin der 
Leitung der Metzer Stadtbibliothek für die liebenswürdige Zusendung an die 
Breslauer Univ. Bibl. nach wie vor zu lebhaftem Danke verpflichtet. 

3 2.2.0. S. 53 ff. 

® Vgl. P. Meyer, Bulletin 1884, S. 75 über eine franziskanische Dichtung 
(Chanson d’amors de pure povreteit) aus einer gleichfalls an Metzer fromme 
Frauen gerichteten Hs. vom Ende des 13. Jhdts. 


124 ALFONS HILKA, 


Die eigentliche Vision 2ı2fl. ist in Achtsilbnern und Asso- 
nanzenpaaren gehalten. Doch erlaubt sich der Dichter, ganz ab- 
gesehen von den seine Aufgabe wesentlich erleichternden Assonanzen, 
gar viele Freiheiten. Selbstreime finden wir nicht selten: or/ 259, 
voir 260, seni 272, amours 294, ful 329 Keine Reimentsprechung 
ist für 238, 263, 402, 42ı und 552 zu finden, und die 5 Verse 
379fl. haben denselben Ausgang -anf (ent), dies Laissenprinzip 
schimmert noch durch in 222/53. 234/8. 261/3. 286/9. 309/12. 
317/20. 358/61. 364/8. 375/8. 379/83. 386/9. 392/5. 390/y9. 
400/2. 428/30. 441/4. 453/6. 461/4. 465/8. 477/82. 535/09. 
557/02. 5607/72. 581/4. 587/90. 610,3. 661/4. 671/4. In 335/39 
herrscht keinerlei Reimprinzip: recovreir — monde — doner — goute 
— perpelueil, oder liegen hier Assonanzen € und p in der Reihen- 
folge ababa vor? Die Achtsilbner sind nicht gleichmäfsig be- 
handelt, Fälle von zu kurzen oder zu langen Versen mache ich in den 
Anmerkungen kenntlich, man beobachtet auch Hiatus hinter uufre 406, 
Irone (= trosne) 427, que 4506, table 493, anglö 573. Eine gewisse 
Mannigfaltigkeit von Rhythmen erscheint 294fl. durch Mischung 
von Acht-, Zehn- und Zwölfsilbnern, selbst zwei Sechssilbner (Lied 
des Paradiesvogels), Schema: 8a ıoa ız2b ıob | ıob 8c 6b 8d 8d 
6b | 10c ı0e ı0b Be de. Vgl. ferner die Anordnung 426—440: 
Sa 8a ıob ıob ı2b ı2c ı2c | dd 8d 8b 83d 8b 8e 6f ıoe. 
Weiterhin erhalten wir Zehnsilbner in 313/4. 319/22. 442. 445/8, 
Zwölfsilbner in 371/2. 375/8. 420/3. 430/2. 441. 443. Eine Art 
von weiblicher Zäsur hinter der 4. Silbe beim Zehnsilbner ist zu 
bemerken in 320. 322. 429 und hinter der 6. Silbe beim Zwölf- 
silbner in 377. 420. 422. 441. 443. 

Wichtige Assonanzen: 


boscaige:sage 216; certainne: aimme 531; nianl: quant 629. 
Innocent : enfant 470, : chant 573, : blanc 656. 
estant : lherusalem 356; sanc : forment 520. 


Inf. I -er:eir 220. 228. 234. 280. 340. 483. 571. 647; :!regardeis 
253, : voleis 286, : reveneis 413, : bonteis 468, : enyvreis 527, 
: enamoureis 545; : osleil(< hospitale) 236. 568, : esperiteil (< 
spiritalem) 561. 

2. Pl. -ez. zrez : porreis 288. 


„ei.  ostei (frz. ost£) : charneis 225 (< camalis), vgl. esderiteisment 
640; estei (< aestatem) : enivreis (frz. enivrez) 261; Zrinitei : es- 
periteil 548; clarei (frz. clart) : les cleis (< claves) 604; bontei : 
resusciter 610; volentei: pensers 663, vgl. esie (< aestatem) : 
voleir 661; Pitel (< pietatem) : baignier 590. 

-ee. Galylee : enyvreie (frz. enivree) 314; gardee : aleies (frz. 
alees) 354. 

a mı (frz. amoi) : prins 249. 333, : paradıis 641; avec mi: de 
ci 645. 

abi (frz. a toi) : alı (frz. a Zui) 360. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK URD BEGINENTUM. 125 


-1e (frz. -iee). maisnie : courloisie 431; sachie : dragie 540. 
amours : enmorous 214. 226, : pour vous 220. 

Endausfall von -e in mi (= mie < mica) : amı 358, :cı 480, von 
“ent in gerroie (frz. guerroient) : partiroie 285; mervoille : faılle 205. 

Einsilbiges vorr (frz. veosr) 251. 269. 282. 327. 457. 550; zwei- 
silbiges seure 23. Anzumerken sind die Futurformen despan- 
derai 9, randerai ı1, raverai 13, ferner sons 1.Pl. 105. Hiatus- 
fälle: 2 146. 341, cö 531, gwö 250, beliebt nach m. c. liqu. 
in vostr& 226, aulrö 406, table 493, angle 573, s. auch S. 124. 

‘Keine Elision wie oft beim weibl. Artikel: 4 ame 550. 


Der Inhalt der Vision der menschlichen Seele lautet: Während 
die weltlich Gesinnten nachts schlummern, wachen die Gottesfreunde. 
Als ich einst durch einen Wald ging, hörte ich die Klage einer 
Dame, die es nach Gottesminne verlangte. Alles habe sie Jesu zu 
Liebe preisgegeben, nach ihm allein dürste ihre Seele (vgl. Hymnus 
Jesu dulcis memoria), seine Gegenwart, süfser als alles in der Welt, 
ersehne sie, um ihn zu schauen, ihm zu folgen. Da vernimmt sie 
den lieblichen Gesang eines Vögleins auf einem dichtbelaubten 
Baum, der die Menschen zur Gottesliebe auffordert. Er lälst sich 
von ihr nicht haschen, wohl aber verheifst er ihr, dals sie ihn einst 
besitzen und er zunächst sie ins Paradies geleiten werde. Darob 
entzückt, bricht sie voll Sehnsucht nach dem himmlischen Geliebten 
in Tränen und Seufzer aus, eine sanfie Ohnmacht umfängt sie, 
aus der sie nur erwacht, um das Verschwinden des Vögleins und 
ihre Vereinsamung zu beklagen. Es trösten sie die von ihr als 
Himmelsboten angerufenen Tugenden, sie selbst ergibt sich der 
Meditation, hingestreckt auf ein Lager, das gebildet wird von Armut, 
mit der Caritas als Kopfkissen und der Castitas als Kopfdecke, 
Virginitas als Bettuch und Humilitas als Bettdecke. Die Tugenden 
aber nehmen ihren Weg zum Himmel: erst waschen sie sich in 
den Tränen der Reue, dann besteigen sie das Rofs des Glaubens, 
gelangen durch den Pfad der Reinheit ans Himmelstor und klopfen 
an mit Seufzern und Klagen. Es öffnet ihnen das Mitleid und 
leitet sie zum Paradies hinauf. Meditation eilt durch die Strafsen 
der Himmelsburg voran, ihr folgt das Gebet. Die Tugenden 
schildern das Leid ihrer Dame, deren Sanftmut und Gottestreue, 
warum habe der Herr sie so lange verlassen ? Der Himmelskönig ver- 
spricht sein Kommen, wenn der Winter vorüber sei und die Wiesen 
und Bäume in frischer Frühlingspracht erprangen. Doch die Liebe 
erinnert ihn an sein festes Königswort: Bevor noch man mich ruft, 
so bin ich hier. Er verläfst den Thron, geleitet von den Jungfrauen 
und den Innocentes und kommt auf dem Rosse des Glaubens zur 
frommen Seele, als Boten schickt er Inspiration und Devotion 
voraus. Sie glaubt in ihrer mystischen Verzückung mit den Augen 
des Herzens ein gar liebliches, süfses Kind vor sich zu sehen, den 
Inhalt aller Wonne, dahinter das ganze himmlische Gefolge der 
Engel, Erzengel, Apostel, Bekenner und Märtyrer. Sie lädt es zu 


126 ALFONS HILKA, 


einem Mahle ein: Frömmigkeit stellt den Tisch hin, Klugheit bringt 
das Tischtuch, Beichte besorgt das Händewaschen, Verschwiegenheit 
das Tuch zum Abtrocknen. Das Kind spricht den Segen, Sehn- 
sucht bedient die Gäste mit Himmelsfreude, Seufzern, Betrachtung, 
als Gespräch dient Gottes Wort, als Speise Himmelsbrot, als Trank 
Reuetränen, als Nachtisch Hoffnung, Bulse, Versenken ins Trinitäts- 
geheimnis. Liebe vermittelt zärtliche Begrüfsung des Himmelskönigs, 
nach dem Mahle gibt es Spiele und Tänze, Jubelgesänge ihm zu 
Ehren. Darauf wird dem Kinde ein Nachtlager bereitet: Bufse 
bringt das Stroh, Jungfräulichkeit die Linnen, Keuschheit das Kopf- 
kissen, Nächstenliebe die Kopfdecke, Demut das Bettuch. Weisheit 
gebietet der Frömmigkeit, vorerst das Kind zu baden. Dabei be- 
dienen Foi, Perseverance, Esperance, Pacience, Atemprance, Hu- 
militez, Orisons. Alle erhalten vor dem Schlafengehen einen Wärz- 
wein (care), dessen Kraft alle Gebrechen heilt, Tote auferweckt, 
Klugheit verschafft. Das Bett bestreut Liebe mit Ölbaumblüten, 
Contemplatio und Innocentia betten das Kind ein, Devotio schläfert 
es ein, Amor liegt neben ihm. Die fromme Seele ruht, berauscht vom 
himmlischen Trank, so finden sie die heimgekehrten Tugenden vor. 
Am nächsten Morgen aber weckt Minne die Seele, die im Paradies 
geweilt zu haben wähnt, und lädt sie zur Hochzeit im Himmel ein, 
um körperlich oben zu kosten, was sie geistig unten geschaut. 
Unter dem Geleit der prächtig gekleideten Himmelsscharen (die 
Engel und Erzengel voran, dann die Innocentes in halb roten, 
halb weifsen Gewändern, die Jungfrauen in weilsen Mänteln) gelangt 
sie ins Paradies, wo der König seiner Tochter die Königinwürde 
zuerkennt. 1 


Text I. 
1. 


A Dieu proier me tornerai fol. 128r. 
Et trestout mon cuer i metrali]. 
Si haut, si grant ne si verai 
N’ai trov& ne ne troverai, 
5 Et pour cel a lui me tanrai 
Ne ja mais ne m’en partirai. 
Tous jours loiament l’amerai, 
Jusqu’en la fin le servirai 


ı Ähnliche mystische Traktate verdienten eine Sammlung und Unter- 
suchung, z.B. Hs. Brit. Mus. Royal 16. E. XII (2. Hälfte des 13. und Beginn 
des 14. Jhdts.), vgl. P. Meyer, Bulletin 1912, S. 45 fl. Hier stehen Auslegungen 
des Hohelieds, Briefe einer liebenden Seele, Abtei des hl Geistes, eine Regel 
für ins amants. Das Jesuskind hat sechs Ammen: „Virginite congoit Jesu- 
crist; Verite l’enfante; Povrete le vest; Pais le couche et lieve, Piti& l’alaite; 
Oraison le paist; Devotion l’aboivre; Lermes le baingnent; Pensce le porte; 
Amours l’acole, Pacience le norrist. Die lat. Werke ähnlichen Charakters vom 
hl. Bernhard an bilden natürlich den Ausgangspunkt für diese ganze, bisher 
wenig gewürdigte Literaturgattung. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


10 


15 


230 


25 


30 


35 


40 


Et cuer et cors despanderai. 
Il m’a donne tout ce que j’ai 
Et por ce je li randerai. 

As povres en repartirai, 

A cent doubles le raverai 

Ce c’orandroit pour lui ferai. 
Repentance demanderai, 
Grace de croire en droite foi 
Selonc Dieu et selonc la loi. 


2 
Cis mondes faut et si trespasse 
Honours, delices et richesses. 
Il n’est roine ne coutesse 
Qui ne soit tous jors en la trasse 
Au dyable, neis en la messe; 
Plus est seure la voie basse.! 


3. 
Biax dous Ihesus, par ta bonie 
Donne moi bonne volentei, 
Humle cuer en prosperitei, 
Pacience en aversitei. 
Fai moi servir la Trinitei, 
Vivre et morir selonc ton grei. 


4. 
Teis cuide vivre longuement 

Qui vivra ci mout cortement, 

Et morra desporveement. 

Les gens dient conmunement: 
„Tout vait au bon definement; 
Diex nous donrat repentement.“ 
Ce n’est pas parlei sagement; 
Souvent le dit teis qui en ment, 
Car il avient tout autrement. 
Chascuns ne seit c’a l’uel li pent,? 
Car teis eschape qui puis pent. 

Cil qui bien voit et le mal prent 
C’est a bon droit, c’il s’en repent.?® 


5. 
Sire de la terre et de mer, 
De tout mon cuer te vuel amer. 


fol 


127 


.128v. 


1 Das von P.M. eingesetste, aber in der Hs. fehlende en vor la voie 


ist überflüssig: seure ist zweisilbig. 


2 Vgl. %. Morawski, Proverbes frangais 


(Les Classiques fr. du moyen äge 47, 1925), nr. 355, P. M. merktan: Le Roux 


de Lincy, Livre des proverbes II, 268. 


P.M. notiert: Le Roux de Lincy, Livre des prov. II, 394. 


8 Morawski, Prov. fr. nr. 1853 


128 ALFONS HILKA, 


45 Desormais veul acostumeir 
A tous besoins toi reclamer; 
Si vuel en orison entrer. 
Il convient mon cuer rasembler, 
Toutes cusensons fors bouter 
so Et le monde congie domneir. 
Premiers te convient confesser 
Et a Dieu dou tout racorder, 
As benefices Dieu penseir. fol. 129. 


6. 


Diex nous fist quant n’estiens mie. 
55 Quant hons ot pechie par folie, 

lhesus, li rois de signorie, 

Par sa mort li randit la vie. 

He! Diex, con tres grant courtoisie! 

Miex vaut que conteis ne baillie; 
60 Ce ne t’aprent nule clergie. 


7- 
Coers qui bien ce recordera 
Et a certes i pancera 
Et orisons enbracera, 
En paradis ce levera, 

65 En gemissant sospirera, 
Tous mautalans pardonnera, 
Tous ces pechies confessera, 
As povrcs largement donra, 
A tous biens s’aparillera, 

70 Tout le monde pou prisera; 
Bien vivra et bien se morra. 


Qui Dieu veut a certes proier 

Premiers ce doit aparillier, 

Trestout son cuer doit reverchier, 
75 Quanque Dieu desplait fors sachier. 


+ B 

Penseir convient et recorder, 

En dolour et en cuer amer; 

Ce que at meffait en penseir 

Et en parleir et en ovrer, fol. 129 V. 
80 En conmandemens trespasser 

Des iex dou cuer! convien[t] plorer 

Et d’ore en avant soi garder, 


ı el. O. Schultz-Gora, Zfr Ph. NNIX (1905). 337 ff. und Literaturbl. f. 
germ. u rom. Phil. XXIX (1908), 371. Schon Ephes. 1,18: illuminatus aculs 
cordis. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


95 


100 


105 


110 


115 


120 


Le fais de penance porteir, 
Autrui damage retourneir. 

En ce puet on merci trover 

Et a Dieu s’ame ıacordeir, 

Le grant roi de terre et de mer. 
Tous jours ce doit on amender, 
De bien en mieus avant aler; 
C’est grans honte de reculeir, 
De soi vers la fin mal proveir. 
Diex nous garde de regiber! 


IO. 


Quant hom a pansei en sa vie, 
Pense confaite sa folie.! 

L’ame qui est a Dieu enmie 
Penseir doit a la courtoisie 
Que Diex le fist, li fis Marie. 
Fous est qui teis signor oblie. 


II. 


Vilains est et de put afaire 

Qui ne pense au mont d’Escauvaire 
Ou Diex ot tant pour nous a faire: 
Ii se deffit pour nous refaire, 

Il se penat de nous parfaire; 

Et nous travillons a contraire, 


129 


Nous sons costumier de mal faire, fol. 130r. 


Nous perdons le jeu a mestraire.? 


12. 
Une goute de pie vie 
Pasce toute philosophie, 
Richesces, honors, signorie; 
Sans Dieu ameir est tout folie. 


12. 

Cuers qui tant at perfection, 
Quant il se met a orison 

Et entre en meditacion, 

A. Ihesu doit s’entencion 
Leveir et sa devocion, 
Recorder l’incarnacion, 
Toute sa conversacion, 

Puis la mort et la passion, 
Le pris de la redemption. 
Mout li doi grant conpassion, 


1 Erpänse: est vor sa f. 


im Toblerband. 


Zaitichr. 1. rom. Phil. XLVII, 9 


3 Vpl. Strohmeyer über das Schachspiel 


130 


125 


130 


135 


140 


145 


150 


155 


100 


ULLI m nn 


ra Zls 


ALFONS HILKA, 


Quant pour moi jeteir de prison, 
D’enfer et de chaitivison 

Tout fist par sa dilection. 

Il n’en atent nul guerredon, 

Il n’en ot ne pris ne raison: 
Tout fist de grace et de perdon. 
Puis met ta contemplacion, 

Ton estude, ta vision 

En! la sainte surrection: 

A ce s’acordent li sermon; 

Ne pues oir miedre changon. fol. 1301 
Pourvoi toi de contriction 

Et de vraie confession, 

Paie la satisfacion, 

Tien aucune religion; 

Ensi revanras a pardon; 

Diex ferat l’asolicion. 

Vez ci la tribulacion, 

Ou nous serons tuit conpaignon 
Li angle et li saint baron, ? 
Tous jours mais en la vision, 
En gloire, en jubilacion. 


14. 
Balance ne poroit peseir 
Et cuers ne le porroit penseir, 
Main escrire, eus regarder 
NE oreilles oir conteir:® 
Briefment nul nel poroit amer. 


15. 
Et con grant bien il troveroit 
Cil qui en paradis vanroit! 
A tous jors mais ne moroit 
Ne ja mais morir ne poroit, 
De tous annuis quites seroit, 
Ja mais ne s’en departiroit, 
Face a face Dieu connistroit; 
De ces biens ce mervilleroit 
Et en Dieu se deliteroit 
Et de tout son cuer l’ameroit; fol, 131T. 
Tous jors sans fin le loeroit, 
Ampbrasceroit et festiroit, 
Serviroit et conjoieroit 
Ne ja anuiez n’en seroit. 


8 Genttivverhälinis su conpaignon, * Fpl. ı Cor. 11,9. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


165 


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195 


16. 


Tant vous di je de paradis: 

C’est uns biaus lieus, pareis tous dis, 
Riches et combles et plantis. 

Nuns p’i est povres ne chaitif: 
Chascuns at tout a son devis. 

La voit on Dieu a ce cleir vis, 

La se mostera Ihesucrist; 

Tout ce conferme li escris. 

Alons i, c’est nostre pais! 


17. 

Alas! con seront cil honnis 
Qui de teil leu seront bani! 
Honteus seront et esbahi; 
Par lor pechie i ont failli, 
De Ihesucrist sont departi. 


18. 
He! Diex, con dure departie 
De Ihesucrist et de Marie 
Et de toute sa conpaignie! 
Quant l’arme pert qu’estoit s’amie, 
Cerat de ces confors banie, 
Perdut at pardurable vie. 


19. 

Or est li tens et li saisons 
D’aumones faire et orisons, 
De justicier les cuers felons, 
D’amendeir toutes mesprisons. 


20. 
Qui ne s’amende quant il puet, 
Ne ce chastoje quant il veut, 
N’est pas merveille, s’il s’en duet 
En la fin quant morir l’estuet. 


2I. 


Qui bien a la mort penseroit, 
Je croi que grant paour avroit, 
Toutes haines perdonroit 

Et tous autrui chateis randroit, 
Loiaument ce confesseroit! 

Et a Dieu se racorderoit, 

De bien morir se peneroit, 

De tous maus se chastieroit. 


I consilleroit vor confesseroit Zs. 


9* 


131 


fol. 131 v. 


132 ALFONS HILKA, 


22. 


A jugement serons, a plait: 

La donra on chascun son droit; 
200 Qui l’avra envers Dieu meflait, 

Hom li ferat et honte et lait. 


23. 
Saveir te convient par bataille, 
Faire marchie sens repentailles. 
Pour Dieu gardons que nus n’i faille; 
205 Chaitis seroit, n’est pas mervoille. 


24. 
Ihesus est pres de nous ajidier, 
De conforter et d’ensaignier, 
De droit conduire bon sentier. 
C’il te trovoit bon escolier, fol. 132 r. 
210 Pres seroit de toi chastoier; 
Mais fous ne se lait ensajgnier. 


25. 
Quant li mundain sont endormi, 
Adonc veillent li Dicu ami. 
J’ai un pou savour& d’amours, 
215 S’en veul conter as enorous, 
L’autr’ier passai par un boscaige. 
La vois oi d’une dame sage! 
Qui apres amors languissoit. 
Trop forment se garmentoit 
230 Et disoit: „Amours, amors, 
Lonc tens ai langui pour vous! 
O dous Ihesus a remanbrer, 
Plus de cent fois a savoreir, 
J’ai tous de mon cuer ostei?: 
225 Orguel et desirs charneis, ? 
S’ai je fait pour vostr& amour. 
Debonaires as amorous, 
Mout seis bien grans joie donneir 
A ceus qui te veulent amer. 
230 Tu es confors et repentans, ? 
Et qu’es tu donc a toi trouvans? 
Ihesus, dou cuer toute doucors, 
Fontaine, Jumiere et savours, 
Langue ne porroit raconteir, 


..-. re 


I Eine Silbe zu viel, 2 Fine Sılbe fehlt. 8 lies: as rep. 


FR Dee lie he nm m ana Me he nn ne I nl En ee FE a ae 


I Lies: :isier. 


Silbe fehlt. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


235 


240 


245 


250 


255 


260 


265 


270 


275 


Nule escripture deviser 

Le preu qui est en toi amer! 

De mon cuer vous otroi l’oteil: 
Quant il vous plaira, ci vanrez, 
Je vous quier, sire, sens orguel: 
Nule autre chose je ne veul. 
Certes, ja mais ne finerai 

De querre tant que je t’avrai. 
Dous Ihesus, je vous cri mercit: 
Mout aproche li avespris; 

.C. mil fois fais a desirer 

Plus que cuers ne poroit penser. 
Je vous ai si en mon cuer mis, 
Nule autre chose ne desir. 

Priez li quant vous l’aveis prins, 
Pour Dieu qu& il revaigne a mi, 
Au moins qu& il me vangne voir; 
Je ne puis cens lui joie avoir. 
Sire, au moins me regardeis, 

Que je vous puisse assavorer, 

De vos desier! ne me porroie; 
Vostre amour trop griez me gerroie. 
Nuns ne seit conment il me soit; 
Tuit diroient, j’aroie droit. 

Cil qui te goustent, plus fain ont; 
Cil qui te boivent, plus soif ont. 
Qui de t’amour est enivreis, 

Il ne doute n’iver n’estei 

Ne richesse ne povretei, 

Ne ne doute ne froit ne chaut; 
Que qu’il avaingne, ne m’en chaut. 
Je vuoil bien de meis defaillir, 
Pour ce que puisse a lui venir. 
Conlie® mi quant pour mi voir 
Qui les angles paist de son voir, 
Des jex de joie et de ris® 

Ens caroles de paradis. 

Cil qui vostre dousour ne sent, 
Il ne seit qu’est biens ne ne sent. 
Ihesus, a qui mes cuerg languit, 
Autre choze ne li soufit; 

En vous sont trestoutes bonteis, 
Toutes douceurs, toutes clarteis. 
Je vous aing, sire, sens mentir, 
Trop plus asseis que je ne di. 


2 glie Zs., Zies: Conduie mi tant parmi voir. 


133 


fol. 132 v. 


fol. 133 r. 


s Eine 


134 


280 


285 


290 


295 


300 


305 


310 


315 


320 


325 


ALFONS HILKA, 


Je ne puis dire ne conteir 

Con mes cuers est pres de pasmer; 

Se je le pooie un trop pau voir, ! 

Je le siuroie ou il iroit; 

Ja mais de lui ne partiroie 

Pour trestous ciaus qui me gerroie. 

Tres dous Ihesus, ce vous voleis, 

Laissiez vous sen[s] plus regarder: 

Je vous sieurai ou vous irez, 

De mi ambleir ne vous porreis.* 

Desour li garde, 3’a veü 

Desus un aubrisel ranmu 

Un oiselet mout bien chantant, 

Qui chantoit tant seriement: 

„Ameis vdus qui santeis amours! 

Il n’est joie s’elle ne vient d’amours.“ 

Quant ot l’oisel parler, forment fut esbahie: 

Panre le volt, mais elle n’en print mie. 

Apres li dit: „Bele, tres douce amie, 

En aucun tens vous me tenreis, 

Mais encor n’est ce mie. 

Teneis ma foi: je vous plevi 

Je vous manrai en paradis, 

Ne ne tarsera mie.“ 

Li oiseles qui est en haut monteis 

De la ce fait une joie no[ve]le, 

Que tous defaut li cuers de son amie. 
Au cuer la point une estancele 

Amouree, fine et novelle. 

Par defors parut un petit: 

De larmes de joie et de ris, 

De sanglotemens, de sospirs 

Furent trestuit sui sen rempli. 

Qui donc veist con bien fut enyvreie! 

Mot ne desit pour l’or de Galylee. 

Par tout ses membres forissoient 

Les joies qui dedens estoient. 

Tant at de joie, nel puet dire: 

De tout en tout fust defaillie. 

Li oisel&s, par cui joie li vint, 

Bat ces alletes, s’en vait en paradis. 
Celle qui gist en contemplacion 

Bien fu remplie de sainte vision: 

Toutes les vertus de son cors 

Li sont faillies par defors. 

Quant l’oiseles raleis en fust, 


1 Lies: Se jel p. 


fol. 133 v. 


fol. 134 r. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


330 


335 


340 


345 


350 


355 


360 


365 


370 


I Lies: tanrai. 


Si li revinsent ces vertus; 

Oevre ses iex et cuide voir 
L’oisel dont joie li venoit: 

N’en vit mie, raleis en fut 

En paradis dont venus fut. 
Adonc ce prist a garmenter, 
D’eures en autres a pasmer. 
„Lasse!“ dist elle, „que ne prins, 
Quant il s’asist si pres de mi? 
Je cuidoie bien recovreir, 
J’aquiteroie tout le monde, 
Quant qu’il puet prometre et doner, 
Pour avoir une sole goute 


135 


De teil joie perpetueil. fol. 134 v 


Nus hons ne la puet raconter, 
Bouche dire n& escouteir. 

Je cuit bien dire, sens mentir, 
Qu’il ne soit autres paradis, 

Ce ja mais venir i voloit, 

Miex le tanrat! que par le doit. 
Certes, ja mais ne finerai 

De braire, de huchier: (ha) hai! 
Tant qu’en ravrai aucun oi 
Novelles de mon chier ami; 

Ja mais nesun repos n’avrai 
Tant que mesagiers troverai, 
Qui sage la terre et le pais? 
Par on ira en paradis. 

Vertus, ou estes vous aleies? 
Tous jours vous ai si bien gardee.“ 
Les filles de Iherusalem 

Devant la sainte ame en estant 
Dient: „Dame, ne douteis mi!® 
Nous te ramanrons ton ami: 
Ou il vanra sains a ti, 

Ou tu iras laissus a li.“ 

Adonc se mist en orison, 

Lonc tens en contemplacion. 
En un lit gist de povretei: 


Orillier at de charitei fol. 135 r. 


Et un cuevrechiet de chastei; 
Uns dras ot de virginitei; 
Couverte fut d’umelitei. 
Ces vertus prennent lor chemin 
Pour aler droit au paradis. 
Bien se levent de larmes de conpunction 


® Eine Silbe zw viel; sage siatt sache. ? mi—= mie. 


136 ALFONS HILKA, 


Et si prennent desir d’ardant affection; 
Sor le destrier de foi monterent, 
Chemin de purtei chevaucherent, 

375 Tant que vinrent a la porte de paradis. 
Hurtent par gemissemens, boutent par sospirs. 
Pities oevre la porte, que volentiers le fıst; 
Par le doi les en moinne contremont paradis. 
Meditacions vait corant 

380 Par les rucs le roi querant. 

Orisons levoit maintenant, 
Et meditacion le prent. 
Devant lui dient en estant: 
„Sire, nous somes messagier 

385 A ma dame, sens atargier: 
Lajus venir vous convenroit, 
Ne desire(s) fors vous a voir.* 
Sa meniere dient au roi, 
Conment elle se contenoit: 

390 „Mout est blonde par connoissance, 

Si est blanche par innocence, fol. 135 v. 
Bien droite par discrecion, 

Les ieus at simples con coulons, 

Bouche vermoille con siglatons! 

395 De recordeir vostre passion. 2 

Bien est sa fois enluminee, 
Toutes ces oevres ordenees. 
Ces pensees sont bien coulees 

Et ces paroles enmielces. 

400 EIle est si plainne de bontei 
Que nus ne la puet resgarder 
Trestous ne soit enamoureis. 

Sor ces choses en mervillie®: 
Pour coi vous l’aveis tant laissie ?* 

405 Quant li rois l’oit, si en sozrit 

Et tuit li autr& autresı. 
Li rois respont par couvertise: 
„sSachies, n’irai encores mie, 
Ancois sera yvers passeis 

410 Et sera revenus esteis; 

Quant li prei seront bien florit 
Et li arbre seront foillit, 
Damiselles, si reveneis; 

Adonc i porai bien aler.“ 

415 Amour entendi sa raison; 
Tantost le prent par le giron: 


Y Eine Silbe zu viel, 8 Ausnahmsweise passion zweisilbig. 8 Lies: 
est m. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 137 


„Sachies, sire, vous i vanreis, fol. 136 rr. 
Se vous voleis demorer rois! 
Vous aveis dit par vos escris 
420 Qu’ancois c’on vous apelle, dites vous: Je sui ci. 
Sires, de veritei aleis i maintenant! 
Se vous n’i aleis, sire, je seroie banie, 
En vostre pais ne demoroie je mie. 
Nous savons bien que qui est rois 
425 Pour nule riens ne mantiroit.“ 
Li rois si lieve, n’atant plus: 
De son trone est descendus. 
Amors l’amoinne parmi paradis, 
Parmi apostres et parmi les martyrs; 
430 Vierges et innocent vont adds apres li, 
Changonette chantant plainne de courtoisie. 
Nus n’en seit mot chanteir, s’il n’est de sa maisnie. 
Or s’en vont tout coillant flourctes 
Et tout juant de nois muguestes; 
435 Roses et glai et flours de lis, 
Flammes et flours de viclete 
Furent joinchie tuit li chemin. 
Quant vinrent fors, si sont montei 
Sor le destrier d? foi, 
449 Chevauchent le chemin de purtei;! 
Jusques a la sainte ame n’i ot arestison?: fol. 136 v. 
Ou lit la treuvent de contemplacion, 
Messages li envoient par inspiracion 
Soprins® d’amors et de devocion. 
445 Elles li sont entre les memelestes, 
Joie demoinne* desous sa saintureste. 
Elle le sent, c’est un saut tressaillie, 
De joie fut ces vertus defaillies. 
Avis li fu par vision 
450 Que devant li at un enfaucon, 
Qu’en lui soient toutes amours, 
Toute savours, toute dougours; 
En lui sont trestoutes bonteis, 
Sapience et humeliteis; 
455 Solaus ne vaut a sa clartei, 
Nes qu& ivers encontre estei. 
Des iex dou cuer le convient voir; 
Oeil corporeil nel puet voir.® 
Sem? plus purteis de sapience 
460 WVoit® l’enfant de toutes science; 
ee le Te Bee en ne nen Br nee zein: 


ı Eine Sılbe zu wenig zum Zehnsilbner. ?2 Lies: Jusqu’a la s. a. 
Lies: Sospirs, % = demoinnent. 5 Eine Silbe zu viel, 6 Eine Silbe 


34 wenig, lies; pueent voir. ? Sem = Sens. s Vont Zs. 


138 ALFONS HILKA, 


Voir le puet esperitelment ! 
Ou qui l’aimment bien ardanment 
Et bien l’aimment desirranment. 
Sovent saje? de cest present. 
465 De sa facon n’ose parleir, 
Pour ce que n’en soie blasme&s: 
En lui sont trestoutes bonteis fol. 137 r. 
De quant que Diex en puet donner. 
Les vierges sont deleis l’enfant 
470 Et d’autre part li innocent, 
Angle et archangle et cherubin, 
Apostre, confes et martyr: 
Teil joie lor vit demeneir, 
De doucour est ces cuers pameis; 
475 Teil joie ne pot sostenir, 
Toute la convint defaillir. 
A cele eure li fu avis 
Que li enfes parlast a li: 
„Amie, vous m’aveis tant quis, 
480 Trovei m’aveis, n’en douteis mi! 
Tes desiers m’a fait venir ci 
Et descendre de paradis,* 
Son ami(u) vit tout sens parleir; 
En son cuer le semont au souper.? 
485 „Je t’otroie, tres chiere amie, 
Trestout de quanque tu me pries.“ 
Piti&s a une table mise, 
Et prudence la nape assise; 
D’iaue servoit confessions, 
490 De touaille discrecions. 
Aport€ a on sans mesure 
Se qu’il lor convint par droiture. 
A la tabl& assis se sont: fol. 137 v. 
Li enfes fist la benicon, 
495 Desiers les servit au mangier, 
Si aporta le mes premier: 
Sachies de voir, ce fu de ris 
Qui tous chaus vint de paradis, 
Dont il orent si grant plantei 
500 Conme de roses en estei. 
Li secons sospirs d’amorestes, 
Tous plain de diverses floretes, 
Li tiers ce fut senglutimens, 
Li quars ce fut gemissemens, 
505 Et li quins jubilacions, 


1 saje = sai je. ® Eine Silbe zu viel, 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 139 


S’an servoit contemplacion: 
De celie ont a remanant 
Tuit cil qui la furent mangant, 
De penseir meditacion, 
510 Entre li et confession; 
Ce sont paroles de delis 
Qu’eles dient de paradis. 
Si grant savoir avoit as pains 
Pius manjuent, et plus ont fain; 
515 De cestui pain sont sostenu 
Angle et archangle de laissus: 
C'est li parole Jhesucrist 
Dou queil et vierges et martyr 
Furent enyvrei si forment fol. 138 r. 
520 Qu’il en respandirent lor sanc. 
Cis pains si est de teil foison 
Plus en manjuent, plus en ont, 
S’en furent passut en desers 
Quarante ans li fil Israel, 
525 De vin servoit devocion 
De larmes de compunction; 
Nuns n’en puet si tres pou gosteir 
Maintenant ne soit enyvreis. 
Confessions sert de pomestes 
530 C’on apelle pomes grenettes; 
CE est esperance certainne 
D’avoir tous tens celui c’on aimme; 
Mout ierent bones a mangier. 
Elle les prent en un vergier; 
535 Par defors fu clous d’espinetes 
Et par dedens fut d’amouretes, 
Planteis de diverses florestes, 
Plains de roses, de violete, 
D’espices et de nois muguestes. 
540 Amours a d’un escrin sachie 
Une buistete de dragie, 
Blanche pouree d’amourestes 
Faites de flour de nois muguestes; 
Ne fu nus qui en puit gosteir, 
545 C’il ne fut bien enamoureis; fol. 138 v. 
Elle avoit teus vertus en li 
Le sen dou cors fait endormir: 
Ce sont resgart esperiteil 
De sainte ame en la Trinitei. 
550 Quant li ame se paist en voir 
Celui qui elle desiroit, 
Cui il avoit tant jours ameie, 
Toutes lor viandes teis sont 


140 


555 


560 


565 


580 


585 


590 


595 


600 


ALFONS HILKA, 


Que plus manjuent, plus fain ont. 
Toutes choses quant qu’il voloient 
En la reie d’amors prenoient. 

Il n’osent dire ne penser, 

Ne lor soit tantost apresteifr). 
Lor baisier et lor acoleir 

Furent sens plus de resgarder: 
Ce sont desir esperiteil 

Que sainte ame fait enpanser 
Quant pour li vot sajus venir, 
Povretei et la mort soffrir. 

Elle voit ou miroir d’amours 
Quanqu’elle a desirr& tous jours. 
Amours li fist mains maus porter, 
Pour li remestre en son osteil. 
Et quant ce vint apres sosper, 
Mout i ot festes et clarteis: 


Innocent prennent a juer fol. 139 r. 


Et les vierges a caroleir, 

Angle, archangle et innocent 

Et les vierges chantent un chant: 
„Sains Peres, sains Filz, sains Espirs, 
Tu regneras tous jours sans fin! 
Ou que tu soies, nous irons 

Et saus fin joie demenrons!* 
Ensi de[se]rvent amouretes 

Con se soient pomes grenetes. 

A la sainte ame fu avis 
Qu’enqui fust trestous paradis, 
Plains de solas et de delis. 
L’enfant i a on fait un lit: 
Penance l’estrain aporta 

Et virginitei les blans dras, 
L’orillier aporte chasteis 

Et le cuevrechiet chariteis, 

La coverture humbliteis. 

Sapience dit a pitei: 

„Il convient cel enfant baignier !“ 
Le lit a fait devocions, 

Aveuc li meditacions. 

Fois avoit un baing aportei, 
Perseverance l’at chaufei, 
Esperance le conportoit, 


v. 
Et pacience le baingnoit; fol- 139 


Atemprance l’at bien lavei, 
Humilitez bien essuei, 

Orison en ses bras Je prent 
Et l’emporte mout doucement. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


605 


610 


615 


620 


625 


630 


635 


640 


045 


I Lies: a porte. % Eine Silbe fehlt. ® Lies, verrez, 


Quant vint devant son lit, s’appelle 
Sapience une damoisele: 
„Donnes a boivre dou clarei 
Dont ma meire porte les cleis! 
Vous en estes li boutilliere, 

Et ma meire en est taverniere.* 
Sapience en est! port& tant, 
Chascuns en print a son talant. 
Cis vins est de si grant bontei 
Qu’il fait les mors resusciter, 
Tous malades donne sante 

Qui le boivent en veritei; 

Se fait sambler toutes dolours 
Que ce soient toutes dougours, 
Ce fait les sages asotir 

Et les sos sages devenir. 
Quant ce vint a aler couchier, 
Des floretes d’un olivier 

Avoit amours le lit jonchiet. 
Contemplacions le couchoit, 
Innocence la couvetoit. 
Amours se couche avec li,? 
Devocions les endormi. 

Les vertus furent repairiez, 
Qui bien estoient travilliez: 
Lor dame treuvent qui estoit 
Plus yvre qu’elle ne soloit; 
Dou parleir n’i avoit niant 

Ne dou dormir ne tant ne quant, 
Enyvreie est, ce m’est avis, 
D’un des freres de paradis. 
Quant vint a l’aube parissant, 
Amors a fait lever l’eufant. 
Son amie avoit trovee? 

Ausi con lou so[i]r enyvree. 
„Amie, il vous convient aler 
En paradis pour espouser! 

La vanrez® vous corporelment 
Se que vois esperiteisment.“ 
„Sire, por Dieu entent a mi: 
Ne sui je mie en paradis? 
Saiens sont trestoutes bonteis, 
Toutes savours, toutes clarteis:; 
Ja mais ne quier partir de ci, 
Mais que tu soies avec mi." — 
„Amie, tout laissiez esteir: 


141 


fol. 140r. 


142 ALFONS HILKA, 


Laissus vous en convient aler! 
Je suis rois, vous sereis roine.® fol. 140 v. 
650 Maintenant l’a par la main prise. 
Doi a doi aloient chantant 
Angle et archangle vont devant; 
Diversement furent vestit 
Innocent, vierges et martyr: 
655 Roube partie ont innocent, 
Moiti@ rouge moitie blanc.! 
Les vierges chapes portoient! 
Qui les autres ne resambloient; 
Les chies ont plaisans con saffırs, 
660 Robes blanches con flours de lis. 
Angle sont blanc con flour d’est@ 
Et ont alletes pour voleir 
Cil vont tout a lor volentei 
Trestout ausi conme pensers. 
665 Ensamble entrent en paradis, 
An leu trestout plain de delis. 
Dont apelle li rois sa fille, 
Une corone a en son chief mise?: 
„Je sui rois et tu iez roine, 
670 Or fai trestout a ta devise. 
Il n’a saiens petit ne grant 
Ne soient tuit en ton conmant, 
Et desore mais en avant 
Seront fait tuit li tien conmant“ ... 


1 Eine Silbe fehlt. 2 Eine Silbe su viel. 


Il. 


Über das zweite Gedicht äufsert sich P. Meyer! nur kurz: 
„Po&sie, visiblement franciscaine, sur l’amour de la pauvrete. Jen 
ai copi& le commencement et la fin [= v. ı—ı2; 379—392], mais 
ne l’ai pas lue en entier. L’allusion & saint Bernard, dans les 
derniers vers, m’est obscure.“ Auch hier Achtsilbner, von denen 
194. 206. 357. 368 eine Silbe zu wenig, 267. 273 zu viel ent- 
halten. Einen Zehnsilbner bietet vereinzelt 341. Mischreime wie 
creche : destrecce 197 kommen auch sonst im Nordosten vor. Selbst- 
reim mit avoır 149. 383. Blofse Assonanzen sind auch hier wahr- 


I A.a.O. 61. Greven, Anfänge der Beginen, S. 100 ff. betont im Gegensatz 
zu P. Meyer, dafs die Armutsidee der Beginen durchaus nicht von der franzis- 
kanischen Bewegung abzuleiten sei: Leben mit eigner Hände Arbeit, nicht 
aber Betteln haben sie als obersten Grundsatz, 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 143 


zunehmen: Aaire:: escarlate 87; Bernars:tourmens 275 und Bernart : 
fais 389; escorchieg : chartriers 245; batel: iver 259; estargier : 
detri 335. Verderbt scheinen guarte : peresse 325 (doch lothr. ferasse) 
und &etordre : pleindre 343 zu sein. Bezüglich der Reimtechnik sind 
folgende Fälle hervorzuheben, die fürs Lothringische charakteristisch 
sind: 

fens : volans 53, : decevans 77; defaillent : valent 59. 

Inf. I: -er mit Graphie -ear gemischt 27. 35; mere:: peire 191; 
-cie — -te in alourneie : pureie (— foree) 213. Zusetzung des aus- 
lautenden -e in ortee : povretei 239, letzteres reimt mit coszeil 
(frz. costd < costatum) 95. 

Ausgang -3se (frz. -see). pie : plongnie 45; emploie: vie 277; es- 
courcie : mie 321. 

-ous : menours 107. Merkwürdig se courouse (frz. se courrouce) : 
angrouse 15, letztere Form gehört zu engrossier, wir erhalten also 
dieselbe Abschwächung des Diphthongen p:9 (dann Zusammenfall 
von gu und g) wie im Reimpaar repors (frz. repos) : bois 279. 

Für den Konsonantismus läfst sich hier feststellen, dafs aus- 
lautendes s ebensowenig Lautwert hat wie /, daher orisons : sarmon 
39, vgl. 303; savomr : savoirs 157; labours : sejour 287; melodies : 
avillie 345, andererseits enss : sentil 373 und s’endort:cor 353, auch 
en li: nasquil 193, aber nasgui 204. Daher stehen im selben Reim- 
paar s und / einander gegenüber, weil beide bereits verstummt 
waren: confors : deport 41, deperdus : secourut 187, fors : confort 329, 
eüs : ful 371. 

hautesse entspricht durchaus der lautlichen Entwicklung, der 
Selbstreim (mit dessrece) 105 kann nicht als Kriterium gelten, c und 
s wechseln beim Kopisten wahllos, vgl. cempre 195. Verzicht auf 
die Moullierung des / bei obigem defaillent (: valent) 60, wo freilich 
ein vazillent nicht ganz unmöglich wäre, aber beweisend bei mer- 
voille : senmelle 370. 

Für die Formlehre fällt wenig ab. Verstummung des Plural- 
ausgangs beim Verb -en/, daher Graphie und Reimwort dLore 125, 
im Versinnern forte 287 mit Hiatus (s. u.), der Editor ist nicht 
berechtigt dortent dafür einzusetzen. Umgekehrt steht armment 177 
und soren! 325 im Versinnern für den Singular, hingegen mit be- 
sonderer Härte /uf deperdus 187, wo es sich doch um den Plural 
(— /urent deperdu) handelt. 

vıvommes in Konjunktivfunktion und mit -omes Ausgang 58. 


Die Silbenzählung bekundet zerderids 78 und deveroif 271, 
meteroit 299 als dreisilbig, Preisgabe des Hiatus in jwner 25, junent 
124, selbst deussent 212, alles zweisilbig. 

Die früher angeführten Beispiele des Hiatus e nach m. c. liqu. 
sind auch hier vertreten: alondre 53, estre 303. 305, s’acorde 350, 
auch Zortö (— portent) 287. 

Hiatus bei Konjunktionen n2 16. 44 und gu? 236, doch zeigt 
mies (: mie) ı08 im Innern das Bestreben, den Hiatus durch ein 


144 ALFONS HILKA, 


euphonisches s zu vermeiden. Gehört ein zives (uziue/ Hs.) 98 = vırve 
auch hierher? Auffällig ist gewifs der Konj. bei se. 

Inhaltlich steht diese Dichtung nicht eben sehr hoch. Vor allem 
ist der Übergang vom Preis der Aaire s. Bernart (131) zu jenem 
der Aarpe desselben Heiligen (entschieden klar erst 307 ff.) recht 
unvermittelt, so schwankt einigemal der Kopist bezüglich der beiden 
Wörter. In 28g9/yo ist wohl maistre corde Con apelle Misericorde 
bereits die wichtigste Saite jener Harfe, aber der Kopist schreibt 
seneronl, nicht sonneront, und hat vielleicht noch an ceigneront la 
corde wegen des bisherigen Zorter la haire gedacht. Jedenfalls ist 
der Gedankenzusammenhang nicht klar herausgearbeitet. 

Das Lob wahren Beginentums erstreckt sich hier auf die 
Männer (begums). Sie sollen Selbstverachtung, Schweigsamkeit, 
Geduld bei Unbilden, Mäfsigkeit in Nahrung und Kleidung, bufs- 
fertige Gesinnung, Nächstenliebe in guten Werken, Verzicht auf 
weltliche Lust wie Jagdhunde und Jagdvögel bekunden. Ein deguin 
mufs der Schwalbe gleichen, die frei in die Lüfte Gott entgegen 
sich emporschwingt, auch dort nur ihre Nahrung, nicht den Wurm 
auf der Erde sucht. Die Habsucht ist der schlimmste Fehler der 
Welt. Das härene Buflsgewand ist der nach Armut strebenden 
Beginen schönste Zier und so nacheifern sie den Bettelorden (/reres 
menours), die sich gern verachten und schmähen lassen, aber auch 
den Zisterziensern (cax de Citiaus), deren erhabener Gönner, der 
hl. Bernhard, ihnen diese Aare besonderer Art als bestes Ver- 
mächtnis übergeben hat: Gebet und unverdrossene Arbeit sind ihr 
Ideal, vollkommene Armut: povzeteis el beguinages dot esire ensi con 
mariages (179/80). Arm war in solcher Aaire der Heiland, er er- 
löste die durch Eva sündige und durch des Angels Ave Maria 
dem Heil zugeführte Menschheit. Wie prunken aber die Prälaten, 
die das Volk bedrücken, dafs es nicht einmal die doree zum Lebens- 
unterhalt hat, desgleichen Könige, Grafen, aber auch Bürgerliche 
und Bauern! Armut lebt nur noch bei den Jüngern von Citeaux 
und den Predigtmönchen, überall sonst ist sie geächtet. Das 
Armutsgewand trugen nach Christus die hll. Laurentius, Stephanus, 
Leodegar, Bartolomaeus, Andreas, Petrus und Paulus, Fenice (?), 
Susanna, Juliana, Constantia, Agnes, Agatha, dann Augustinus, 
Hilarius, Martinus, insbesondere Bernardus. 

Ein Tröster in Leid und Arbeit ist die Harfe des hl. Bernhard, 
gestimmt und gespielt von Armut, Vernunft, Reue und Bulse, Demut, 
Liebe und Mitleid, dazu von Geduld, Gerechtigkeit. Selig, wem 
dies himmlische Instrument erklingt, wer durch Gottesminne und 
Armut sich das Paradies dereinst verdient! 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 145 


Text II. 


OM vuet droit beguinage avoir, fol. 153 v. 
Il at mestier par estevoir 
Qu’il ne despesse fuer que lui 
Et ce! soit larges pour autrui, 
5 Ce fasse joie d’autrui bien, 
Tout autresi conme dou sien. 
Beguins ce doit mout bien garder; 
Il ne doit mie trop parler. 
Sovent avient qui trop parole 
ı0 Qufil at tot dit parole fole; 
Le monde puet il bien despire, 
Mais il ne doit avoir point d’ire. 
S’on dit beguin ne lait ne honte, 
N’en doit tenir ne plait ne conte, 
15 Car de despit si? se courouse, fol. 154 rr. 
Ne puet estre qu’il n& angrouse, 
Beguins doit estre en estenance, 
Ce ne doit pas croire sa pance, 
Car la pance est gloute et vilainne; 
20 Ja n’iert lie, c’elle n’est plainne. 
Le cors doit on bien sostenir 
Et de mangier et de vestir 
A mesure, qu’il ne defaille; 
Mais Diex veut bien c’on se travaille 
25 Et de veillier et de juner 
Et de soi batre et de plorer. 
Ensi se doit beguins meneir 
Et en l’amour Dieu reposer, 
Se beguins trueve les descors, 
30 I en doit faire les acors. 
Beguins ne doit pas estre a aise, 
Ce ses voisins est a malaise; 
A son pooir le doit aisier, 
C’il seit qu’il ait de lui mestier. 
35 Beguins doit povres piez laveir 
Et les malades viseter; 
Beguins doit estre estrois vers lui 
Et dous et larges vers autrui; 
Beguins dolt estre en orisons 
40 Et ameir messes et sarmon; 
Tuit sui solas et sui deport fol. 154 v. 
A ce doit estre ces confors, 
Teil doient estre sui jouel: 


I Etce = Etse, Et si, ähnlich 5. 18 Ce = Si u. 32 Ce = Se, Ces 
== Ses 60 etc. Is = sim sil. 


AAltschr. f. rom Phil, XLVII. io 


45 


so 


55 


65 


70 


75 


85 


90 


ALFONS HILKA, 


Ne doit avoir chien n& oisel 

Ne kalandre ne jai ne pie, 

Dont P’amours Dieu soit alongnie, 
Quar de folie s’entremest 

Qui de son Dieu fait oiselet; 
Drois beguins est en leu d’oisel, 
Qui fait voleir son arondrel, 

Son cuer, a Dieu et za pensee: 
La doit estre s’amours donnee, 
Car l’alondr& en mout bon tens 
Volentiers est en l’air volans 

Et en volant prant sa pasture 

Et quiert en l’air, de ver n’a cure. 
Elle nous donne ensignement 

Qne nous vivommes sagement, 
Laissons les chozes qui defaillent, 
Ces amons tant con elles valent. 
Diex fist terre pour nos servir; 
Elle nous doit paistre et vestir, 
Ce n’en doit nuns plus enchargier, 
Mais on s’ocist par convoitier. 
Voies le monde et ses enfans: 
Tant en i at des convoitans 

Qui convoitent apres ’avoir; fol. 155 r. 
Ja n’en cuident assez avoir; 

Si convoitent la signorie 

Et si convoitent la baillie; 

Ausic vivent conme pourcel, 

Ne samblent mie l’alondrel 

Qui en volant prent sa pasture, 
Laisse le monde, n’en at cure. 
Laissiez le monde a convoitier, 

Si vous tourneis a Dieu proier, 
Car li mondes est decevans 

Et vous i perderies le tens! 
Quant li beguins pert sa journee, 
Ja mais ne serat recovree, 

Qu’i rois ne dus ne conte crient, 
Car li tens passe et la mors vient. 
Beguins doit vivre par mesure, 
Qu’il n’ait Irop fain ne trop froidure, 
Vestir doit drap a .lI. envers, 
Tant que ces cors en soit covers: 
Ausi chier a drois beguins haire 
Pour soi vestir conme escarlate. 
Beguin ne chaut de coi se soit 
Qu’il ait vestit, mais qu’il n’ait froit. 
Queil bien li font drap cotenei? 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 147 


Povre charge est de vanitei, 
C’est une pourre qui trop vole; fol. 155 v. 
Sachi&s que trop de gens afole. 
95 Beguins doit ameir povretei 
Et la doit joindre a son costeil, 
Car povreteis li ramentoit. 
Se ces beguins vives! a droit, 
Qui l’amour Dieu avoir vora, 
100 Il doit ameir ce qu’il ama. 
Il vous convient d’orguel deffandre, 
Ce vous voleis la voie apanre 
Si con hom va en paradis, 
Si soiez povres et despris, 
105 Car mout est bonne la destrece 
De quoi on vient a grant hautesse. 
Esgardez les freres menours: 
Il ne sont mies orguillous, 
Ainz mostrent bien apertement 
110 Lor povretei devant la gent. 
Ja userier ne lor bobans 
N’amerat Diex, qu’il sont puans; 
Orguel ont mis desous lor pies, 
Si est despis et travillies 
115 Et defouleis en la longaingne, 
Ne ja n’iert teis que il s’en plaingne, 
Si faites gens sont bon beguin; 
Diex les i gart jusqu’a la fin! 
Si esgardeis ciax de Citiaus: fol. 156r. 
120 Lor beguinages est mout biaus; 
Il sont aouvrei tout le jour 
Et toute nuit sont en labour, 
Il ont dur lit et discipline, 
Junent et viellent? a matine. 
125 Li un chantent, li autre plore, 
Mout lor tarse que Diex demore; 
Mais povreteis qui les conforte, ‘ 
Tous jours lor dit: „Donneis vos force! 
Je vous ferai bel don donner, 
130 Se vous voleis ensi mener: 
Preneis la haire s. Bernart 
Et leveis main et couchies tart!“ 
C’est une haire mervillouse:; 
Elle n’at cure d’estre oiseuse 
135 Ou en labour ou au mostier, 
An orison pour Dieu proier, 
Ceste haire ne porte mie 


nn 


ı uiues Hs. 2 Lies: veillent. 


Jogle 


148 ALFONS HILKA, 


Cil qui convoite signorie 
Ne cil qui assamblent l’avoir; 
140 Il nen ont cure de l’avoir. 
Li orgu[illous] et li mondain, 
[ . . . e ® e I 
Li me[nteour] et li felon 
Cil n’en [ont] cure ne glouton; 
145 Teis gens ne se veulent amer, fol. 156 v. 
Si les convient aillours penser; 
Trop sont vilain et plain d’outrage. 
Porteir l’estuet en beguinage, 
Car li beguin doient avoir 
150 Les choses qui font Dieu avoir; 
Mais ceste haire est un pou dure; 
Ne sai se nuns hons en at cure, 
Car il i at mais pou de gens 
Qui vestent icest vestemens, 
155 Si ont apris a vivre en pais, 
Ce n’an vuelent porter nul fais. 
Ce ne tain ge mie a savoir, 
Car ce n’est mie drois savoirs, 
Car Diex cui paradis estoit 
160 Et nuns meflais en lui n’avoit, 
N’i entra mie sens dolour. 
Que feront donc li pecheour 
Qui riens n’i pu[e]ent demander ? 
I(l) porront il sans poinne entrer ? 
165 Nennil, foi que je doi Marie! 
Sifaitement n’i vait on mie. 
J’ains beguignage par amour 
Qui toute jour est a labour, 
Qui volentiers vat au mostier 
170: u. 0 ee dan Se ee 
Pour aquerre sa sauvetei 
Tous tens, et yver et estei; fol. 157 r. 
Et si convient par estevoir 
Tous ceus qui Dieu veulent avoir 
175 Si haute vie conmancier 
Qu’il aient honte dou laissier, 
Car cil aimment Dieu trop petit 
Qui povretei tient en despit, 
Car povreteis et beguinages 
ı80 Doit estre ensi con mariages, 
Car cil qui n’aimment povretei 
Sont par despit beguin clamei. 
Sachiez, ce pu[e]ent cil voloir 


1 Ein Vers fehlt. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BRGINENTUM. 


185 


190 


195 


200 


205 


210 


215 


220 


225 


1 Häufges Wortspiel swischen Eva und Ave (Mariens Begrüfsung durch 
E) 


Qui la haire vuelent avoir. 

Diex la sentit premierement, 
Pour ceus geter fors de tourment 
Qui par Eve fut deperdus 

Et par ‘Ave’! sont secourut. 
‘Ave’ portat hautes novelles: 
Que Diex vanroit en la pucelle 
Et si feroit de li sa mere 

Et il seroit et filz et peire. 
Granz joie fut quant vint en li, 
Et plus grant quant il nasquit;? 
Mais cempre vinrent li torment, 
Car il nasquit si povrement 
Qu’il füt nns mis en une creche; 
La souffrit il mout grant destrece, 
C’on ne l’avoit de coi covrir, 
Car povreteis le vot servir, 

Iluec fist Diex sa conpaingnie 
De povretei, sa douce amie, 

Qui onques puis ne li failli 
Jusqu’a la mort, puis qu’il nasqui. 
Or la veut on pour ce petite 
Qu’elle est et vis et despite:? 
Nuns ne li veut son huis ovrir, 
C’elle devoit as chans gesir. 

Or regardeiz cest granz prelas 
Com il li font pou de solas 

Et ce vivent de son avoir 

Que li povre deussent avoir, 

Et se li ont si atourneie 

Qu’elle n’at mie la pureie; 

Et ce sait bien certainnement 
Que Diex l’amat plus durement; 
Mais petit aimment le signor 
Qui le serjant ne fait honour.® 
Ce regardeis contes et rois 

Et les vilains et les courtois 
Com il despitent povretei: 
Aucun en sont mout destorbei, 
Quant elle vient en lor maison, 
Qu’elle n’i vient s’a charge non. 
Quant il n’ont mais de quoi finer, 
Ce lor convient l’osteil presteir. 
Mais Dieu qu’en chaut de lor anui, 


149 


fol. 157v. 


fol. 158 r. 


den Engel), vgl. lat. Hymnendichtung. » Eine Silbe fehlt. 
7. Morawski, Prov. fr. nr. 663: En l’amour dou seignour gaaigne li serjanz. 


Vel. 


150 


230 


240 


245 


250 


255 


260 


270 


1 Lies: haire, 


ALFONS HILKA, 


Car il ne l’ont mie pour lui? 
Ce ce ne fussent prescheour 

Et li petit frere menour 

Et cil de l’ordre de Citiaus 

Qui la vestent de lor drapiax, 
Elle s’en fust pieg’a fineie, 

Car li riches hons I’a bannie. 
Aucun beguin me reconfortent 
Pour bonne haire que il portent. 
Celle haire cui Diex portat, 
Quant il morit, si la laissat; 

Et quant il l’ot assez portee, 

Si la charga a povretei, 

Ce la portat a ses amis, 

Sains L.orans l’ot qui fut rotis, 
Sains Estevenes fu lapidez 

Et sains Legiers les iex creveis, 
Sains Bertremeus fut escorchiez, 
Sains Andrieus lonc tens fut chartriers 
Quant on le pandit a Patras 
Par les jambes et par les bras, 
Et sains Pierres l’ot a son col 
Et puis la donna a saint Pol. fol 
Quant Diex li donna l’espee, 

Ja li fut la harpe! donnee, 

Ce la portat en Romenie, 

Ce la donna sainte Fenice,? 

Qui fut fille d’empercour 

Et mout amat nostre Signor; 
Mais ces peres la tourmenta, 
Pour ce qu’elle se baptizat; 

En meir la mist en un batel 
Trestoute soule sor l’iver, 

Ce s’an ala avec le vent, 

Dieu reclama mout doucement. 
Ceste haire ot sainte Sesanne, 
Et ce l’ot sainte Julienne, 

Sainte Constance et sainte Agnes, 
Et si l’ot sainte Agathe apıds; 
Eles avoient drois sentemens?® 
Qui soffroient tant de tourmens. 
Trestuit li saint que j’ai nommei 
Ne soffrirent tant de durtei; 

Li cuers nous en deveroit fendre: 
Cil voloient a droit entendre. 
Celle haire portat Augustins,® 


.168v. 


2 Vorher felice gestrichen. ® Eine Silbe zuviel. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


275 


280 


285 


290 


295 


Sains Hylaires et sains Martins, 
Qui tant soffrirent de tourmens; 
Et apres ce l’ot sains Bernars 
Et la portat toute sa vie: 

La fut elle bien emploie, 

Qu’il la portat parmi les bois; 
Tant la portat qu’il ot repois. 
Or !’a laissie a ses amis, 

A ceus qui sont d’amours enpris, 
Si s’en deduisent en convent. 
Et li clostrier l’ont mout sovent 
Et as hores et as matines; 

Et li convens en deceplines 
Sovent la port& en labours; 
Mais il n’i at point de sejour, 
Si seneront! la maistre corde 
C’on apelle Misericorde. 

Et qui la harpe? aront amei, 
Troveront Dieu en sa plantei, 
Si s’en doit on mout conforter, 
Puis c’on en at si grant loiuer. 
Manieres est as autres gens. 


“ La pu[e]ent avoir mout souvent. 


300 


305 


310 


315 


18.0. S._144 


Li cors ne se porroit deffandre 
Quant li cuers veut a Dieu entendre. 
Qui meteroit la teste fors, 

Uns tous seus cuers vaut bien, c. cors. 
Nuit et jour doit on Dieu servir, 
Les povres paistre, revestir; 

On doit estr& en orison 

Et amer missel et sermons; 

On doit estr& en la labour 

Pour aquerre la Dieu amour. 

La harpe est bone qui ravoie 
Ceus qui sont fors de droite voie. 
Ce vous voleis la harpe oir, 

Dont faites povretei venir: 

Ce la ferat mout haut soner, 

Ce vous bien voleis escouter, 
Car povreteis l’a mout porteie., 
Et quant la harpe est descordeie, 
Ce la tempre sens et raisons, 

Ce fait sonner confession; 
Contessions et repentance 

Bien s’acordent a penitance; 

Se fait sonner humeliteit, 


% Lies: haire. 


151 


fol. 159 r. 


fol. ı59v. 


152 ALFONS HILKA, 


320 Pities, amours et chariteis. 
Et desirier ne se fait! mie; 
Obedience est escourcie. 
Mout se travaillent durement 
Pour bien sonner conmunement. 
325 Et justice sonent la quarte, 
Et cremour veut soner peresse, 
Et destresse la fait gaitier, 
Qu’elle non laisse somillier; fol. 160r. 
Mais elle vient avec confort, 

330 Pour ce qu’elle semblast plus fors. 
Qui dons oroit soner soffrance ! 
Mout durement court esperance: 
Sa corde sonne par grant joie; 
Toute la barpe ce ravoie. 

335 Pacience fait estargier, 
Commandemens l’at detrie, 

Et justice li dit mout lait; 
Mais droiture est venue en plait 
Qui entr’eles a mise acorde; 

340 Chascun remet main a sa corde, 
Qui adonc orroit Ja harpe soner, 
Amour gemir, pitie plorer, 
Contricion ces poins detordre 
Et desirier hurter et plaindre! 

345 Ce sont les hautes melodies. 
Misericorde est avillie, 

Qui mout tost sonne amour et pais. 
Toutes s’acordent a un fais: 
Esperance sonne cremour, 

350 Qui bien s’acord& a doucour; 

Humeliteis entent Ja noise, 

Tant vat par tout qu’elle l’acoise; 

Si tost qu’elle sonne son cor, 

Amours ce taist et päis s’endort. fol. 160v. 

355 Adonc lor vint sospirs mout pres, 
Qui mout bien le sert de .Il. mes, 
De piment et de gingembres.? 

8 


.oe.. . oe oo...) 0 008 0 0 08 8 8 8 8 0 oo 


Apres les vint servir solas, 

360 Qui de bien servir n’iert ja las, 
Qui n’aporte s’espices non: 
Tant en geste par la maison 
Qu’elle rendit si grant odour 
Que nus n’i sant mal ne dolour, 

365 Qui la porroit faire son lit? 


I Lies: faint oder taist. ® Eine Sılbe fehlt. ® Ein Vers fehlt. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 153 


Mais il ne l’ont fors li eslit 
A cui Diex donne sentement 
De la joie qu’elle atent,?! 
Qui lor mostre celle mervoille. 
370 Quant il avient c’aucuns senmelle? 
De tous les biens qu’il at eüs, 
Ne nous seit dire que ce fut 
Fors que de ce qu’il at sentit; 
Tous jours voroit qu’il fust ensi. 
375 Qui en poroit un pou avoir, 
Ne la donroit pour nul avoir; 
Mais ce ne poroit nuns ovrer 
Qui ne vuet de pechi& müer. 
Or nous metons a Dieu servir: 
380 Ce nous ferat ces biens sentir, 
Et si amons la povretei fol. 161r. 
Et si soiens de li privei, 
Car Diex l’avoit pour nous avoir, 
Si en devons grant joie avoir; 
385 Et nous amons ausi pour lui, 
Si serons fors de grant annl, 
Car pour un pou de povretei 
Nous promet Diex si grant plantei; 
Ceste harpe est le dons Bernart. 
390 Or nous mest Diex en ces biensfais; 
Amen, Amen! chascuns en die, 
Que Diex nous doint sa conpaignie! 


1 Eine Silbe fehlt, lies: qui les a.? s S. Glossar. 


III. 


Dies Stück über die Gottes- und Nächstenliebe einer echten 
Begine, die in frommem Gebet weinen und seufzen, im Liebesfeuer 
schmelzen und. verbrennen soll, hat P. Meyer nicht ganz abgedruckt 
(v. 1—20). Er streift nur wenig die metrische Form. Diese ist 
vernachlässigt. Der Hauptsache nach sind es Achtsilbner, aber 
Siebensilbner haben wir in 2. 3. 2ı und einen Neusilbner in 5. 
Zum Schlufs haben wir Kurzverse als Fünfsilbner in 23. 24 und 
einen Sechssilbner in 25. Es handelt sich mehr um Assonanzen denn 
um Reime, vgl. 1—3, 10—ı2, vgl besonders creature : amertume 6. 
Zu den Versen ı6 und ı9 fehlt die Entsprechung. sure ı9 ist 
bereits zweisilbig, und digne 22 steht in Assonanz zu deguine, ob- 
wohl solche Reime sonst nicht selten sind. 


® A.a.0.S.73. 


154 


10 


15 


20 


25 


ALFONS HILKA, 


Text III. 


J« di que c’est folie pure 

Quant cuers en la creature, 

Non en Creatour met cure, 

Car de l’amour dou Creator 
Aquiert on pais et joje et dousour; 
De l’amour de la creature 

Aquiert on poinne et amertume. 
Pour tant, beguines, qui ameis, 
Pour Dieu vos amours ordenez! 
Ameis, ameis, premierement 

De tout vo cuer entierement 

Le dous Ihesu souvrainnemen! 
Apres ameis la creature, 

Non pour li, mais pour sa faiture, 
Non pour grace ou pour sapience, 
Mais pour celui cui tous bien donne, 
Non pour poissance ou pour beltei, 
Mais pour celui qui l’a criet. 

Ausi serat vostre amors sure, 
Plaisans a Dieu et nete et pure. 
Celle est vraiement beguine 

Et de l’amour Jhesucrist digne 

Qui plore et gemit, 

Sospire et languit, ! 

Qui plore en orison, 

Sospire par devocion, 

Languit par meJitacion, 

Remet et art ou feu d’amours. 


fol. 179 v. 


fol. ı ır. 


1 Dahinter steht: Remet et art et pır amour de cuer destant (leizteres 
Wort getilgt), doch wird dies ein Fehler des Kopisten sein; vgl. den 


letzten Vers. 


Index einiger Wörter. 


acorde 11 339 

acorder ıfl. I 130, 11 348. 350 
acort pl. Il 30 

acoustwmeir intr. 144 

afaıre 199 

aisier 11 33 

alletes 1662 = elktes 
alondre II 53 

alondrel, arondrel IL 50. 72 
anprouse ll ı6 zu engroissier 
amouree 1 308 


amouretes, amourestes 1 536. 542. 579 

aouvrei II 121 

avespri 1214 

baullie 159, 11 70 

beguin 117. 17. 27 fl. 

beguinage Il ı. 120. 148. 167 (de- 
gZuignage). 179 

beguine 1118. 2ı 

bodan Il ııı 

Duistete I S41 

a certes 162. 72 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 155 


chateis 1 193 
changon L 131 
clarei I 604 
clostrier II 284 
conjoier I 160 
conporter 1 596 
contei 1 59 
convent II 283. 286 
couvertise 1407 
couveter 1 622 
corde 11 289. 333. 340 
costeil II 96 
cotene! (drap) II gı 
decepline II 286 — discipline 11 123 
deperdu II 187 
deport II 41 
descorder 11 314 
descort IL 29 
despesse Il 3 zu despire 
despire IL ıı 
despit II 114. 206 
par despit IL 162 
tenir en despit 11 178 
despris IL 104 
desporveement 1 32 
destorber II 222 
doubles 113 
dragie 1541 
enchargier 11 63 
enmorous 1 215 = amorous 
enpris II 282 = espris 
envers IL 85 
escourcier intr. II 322 
espinete 1535 
estargier Il 335 = atargier 
estenance 11 17 = astenance 
estroit II 37 
a un fais II 348 
festir Lısg 
finer II 225 
Anir ıfl. II 233 
famme 1 436 
forete, floreste 1537. 619 


forissir 1315 = fors issir 

freres menours II 107. 230 (Petit 
fr. m.) 

fuer II3 = fors 

garmenter ıfl. I 219. 331 = gaimenter 

gingembre Il 357 

giron 1416 

haire I1 87. 131. 133. 137. 151. 184. 
236. 237. 252. 273. 291 

harpe 11 307. 309. 314. 334. 341. 389 

Jouel 1143 

Juner 1125. 124 

kalandre 1145 

longaingne IL ıı5 

manier 11 295 

de meis 1 266 

mestraire 1 106 

miroir d’amours 1565 

nois muguetes, n. muguestes 1434. 
539. 543 

pasce 1108 = Passe 

passut 1523 —= Pascut 

pomes greneites 1 530. 580 

pourre 1193 

Dureie Il 214 = fouree 

quarte II 325 

racorder 186. 195 

raison 1 125 

regiber 192 

reie d’amors 1 556 

remetre intr. III 23 

repentaille 1 203 

reverchier 174 

saiens 1643. 671. sains I 360 = galenz 

sajus 1563 — ga jus 

senmeller II 350 = sangmesler s. 
W. Foerster, ZrPh. 1912, 736. 

tarser 1303. II 126 

temprer (la harpe) 1I 315 

trasse 121 = trace 

tribulacion 1 138 

userier IL ı1ı 

vis fem. 11 206 zu vl. 


156 ALFONS HILKA, 


Eigennamen. 
Agathe U 266 Hylaire 11 274 
Agnes Il 265 Israel (fl I.) 1524 
Andrieus Il 247 Jerusalem (flles 5.) 1 356 
Augustin II 273 Fhesucrist 1517 
Bernart Il ı31. 277. 389 Legier I 244 
Bertremeus 1 245 Lorant II 242 
Citiaus Il 119. 231 Marie II 165 
Constance 1I 265 Martin II 274 
Escauvaire (mont d’E.) I 100 Pierre 11 249 
Estevene II 243 Pol OD 250 
Eve II 187 Romenie IL 253 


Fenice (?) IL 254 
Galylee (l’or de G.) 13ı4 


Sesanne II 263 
Trinitei 128. 549. 


Anhang I. 


In diesem Zusammenhange ist es wohl angebracht, den Ab- 
schnitt über die Beginen aus der für den Gebrauch der Prediger 
bestimmten Exempelsammlung, die durch die Hss. Tours 468, Bern 
679 und Upsala C. 523 vertreten wird, heranzuziehen. Sie stammt 
aus der zweiten Hälfte des ı3. Jahrhunderts, 1 


Sciendum est quod personae dignae ad statum beguinagiü 
pervenire debent habere .XXVII. proprietates ad hoc quod possint 
ibi recipi et vivere, prout ex testimoniis sacrae Scripturae possumus 
confirmare. 

Diese Fassung von 28 Eigenschaften (alle durch Bibelstellen 
erhärtet) einer guten Begine = A stelle ich mit einer anderen, 
erweiterten von 32 Eigenschaften gegenüber = B, sie steht ın der 
Hs. Bibl. nat. lat. 15972, fol. 177v von einer Hand des Ausgangs 
des 13. Jhdts. (Artois) eingetragen: Vechi les .KXAÄIL proprietis de 
beginage. P. Meyer hat den Text im Bulletin de la Societ& des 
anciens textes francais 1912, S.98 abgedruckt (natürlich ist da cu/ 
plourant ein häfslicher Druckfehler). Ich benutze eine Kopie, die 
mir der stets hilfsbereite Konservator H. Omont 1914 zusandte. 


A 


1. das regarder? 
2. en haut penser? 


B 


1. bouche orant 


2. eul plorant (P.M.: cul plourant) 


3. ceur desirant 


3. sovent orer‘ 


ı Vgl. meinen Aufsatz: Compilatio singularis exemplorum. S. A. Breslau 1913. 

® Prov. VI, 16: Sex sunt, quae odit Dominus et septimum detestatur 
anima eius: oculos sublimes etc. 

8 Thren. III, 4: Levemus corda nostra cum manibus ad Dominum. 
Ps. LIV, 23: Iacta cogitatum tuum in Domino, et ipse te enutriet. 

% ı Thess. V, ı7: Sine intermissione orate. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINEN1UM. 157 


A B 

4. petit aler! 4. petit aler = Ag 

5. naient gengler? 5 das regarder = A ı 

6, Janguir d’amer! 6. en haut Penser = A2 

7. nele conscience‘ 7. droite entencin = AB 

8. droite entencion ® 8. douche pacience = A9 (P. M.: 
9. dolce pacience® paciense) 

10. foy enluminant! 9. ceur croissant 

11. esderance eslevant® 10. entendement cherubinal = A ı7 
12. amour embrasant? 11. sentement ceraßhinal = A 18 
13. Pures Densees!? 12. aler en scant = A 20 

14. oevres ordenees\\ 13. farler en taisanıt = A 19 

15. Saroles enmielees? 14. Plourer en riant = Aaı 

16. cuer tronisant!® 15. estre fort en enfleivant (l. afe- 
17. entendement cherubinant!“ bloiant)® = A 26 

18. sentement seraphinant \5 16. riche en apovriant —= A 24! 

19. parler en taisant\® 17. sage en laisant = A 25 
20. aler en seant!! 18. Pensces coulees = A 13 

21. rire en plorant!® 19. Paroles enmelees = Aıs 

22. dormir en veillant ! 20. euvres ordenees = Ag 


ı Thren. III, 28: Sedebit solitarius et tacebit. 

2 Eph. IV, 29: Omnis sermo malus ex ore vestro non procedat. 

3 Cant. II, 5: Fulcite me floribus, stipate me malis, quia amore valeo. 

* Is.1,16: Lavamini, mundi estote, auferte malum cogitationum vestrarum 
ab oculis meis. 

s Is. X<XXVII, 3: Memento, Domine, quomodo ambulaverim coram te 
in veritate et in corde perfecto. 

® Mat. X, 16: Ecce ego mitto vos etc. ı. Petr, III, 14: Et siquid patimini 
propter iustitiam boni. 

? 1. Petr. U,9: Qui vos vocavit in admirabile lumen suum. 

8 Is. XL, 31: Qui sperant in Domino, mutabunt fortitudinem: assument 
pennas ut aquilae, volabunt et non deficient. 

® Luc. XII, 49: Ignem veni mittere in terram: et quid volo, nisi ut : 
accendatur (et ardeat). 

1° Phil. IV, 8: De cetero, fratres, quaecumque sunt vera, quaecumque iusta, 
quaecumque sancta, quaecumque amabilia, quaecumque bonae famae, si qua 
virtus, si qua laus disciplinae, haec cogitate. 

11 1, Cor. XIV,40: Omnia honeste et secundum ordinem fiant. 

12 Cant. IV, ıt: Mel et lac sub lingua tua. 

18 Unde sicut throni, qui dicitur ordo angelorum, ob eius tranquillitatem, 
et dicitur in eo quiescere Deus: sic beguina debet habere cor tranquillum, 
cor pacificum ad quiescendum Deum. Augustinus in libro Confessionum: 
Quies apud te valde est, Deus meus, et vita imperturbabilis; qui intrat in te, 
intrat in gaudium suum, et erit ei optime in optimo. Unde dicet beguina 
tali: Haec requies mea in saeculum saeculi; hic habitabo, quoniam elegi eam. 

1 Baruch III, 14: Disce, ubi sit intellectus, ubi sit sapientia, ubi longi- 
turnitas viae et vitae, ubi sit lumen oculorum et pax., 

18 Col. III, 2: Quae sarsum sunt, capite. 

18 1 Reg. I, ı3: Porro Anna loquebatur in corde suo. 

1 Gal. V,25: Si spiritu vivimus, spiritu et ambulemus. 

18 Tob. XI, 11: Coeperunt ambo flere prae gaudio. 

18 Cant. V,2: Ego dormio, et cor meum vigilat. 

2° P.M. liest: estre fors en fleivant und verweist auf fleve (franz. foible). 

2 P,M.: en apourtant. 


158 ALFONS HILKA, 


A B 
23. jeuner en menjant! 21. foi enlumincee = A 10 
24. riche en apovreant? 22. esperance eslevee = All! 
25. sage en assolant® 23. amour embrasee = A12 
26. forte en afoibleant‘ 24. angelique entendement 
27. conforter en desesperant® 25. cowrtoisie espirituel 
28. morir en vivant® 26. devins sentemens 


27. dormir en vellant = A 22 
28. vellier en dormant 

29. morir en vivant —= A 28 
30. vivre en morant. 

31. Jjuner en maignant A 23 
32. maignier en junant 


Daran schliefsen sich 26 schlechte Eigenschaften, die eine 
Begine zum Eintritt unwürdig machen: Sciendum est quod sunt 
aliae malae proprietates, quae reddunt beguinam indignam, ne 
faciat professionem in sancta religione beguinagii, et quaelibet 
beguinae tales ab hoc ordine repelluntur: 


I. amour ont desordesice® 6. en langue humilitE‘? 

2. acointance privee? 7. en vevre nicetE!% 

3. vision controwvee 8. serpent sont par detraction!” 
4. Penitance mal salee‘! 9. angles en conversacion !? 

5. en cuer ont duplicitd'? 10. Iruffes ont Pour confession‘ 


ı Tob. XII, 18—ı9: Cum essem apud vos, per voluntatem Dei videbar 
quidem vobiscum comedere et bibere, sed ego cibo invisibili utor, qui ab 
hominibus videri non potest. 

2 2 Cor. VI, ı0: ıanquam nihil habentes, et omnia possidentes. 

® 1 Cor. III, ı8: Si quis vult esse sapiens, stultus fiat, ut sit sapiens. 

* 2 Cor. XII, ı0: Cum autem infirmor, tunc potens sum. 

s5 Tob. VI,9—ı0: Qui coepit, ipse me conterat et haec mihi sit con- 
- solatio, ut affligens me dolore non parcat. 

® 2 Cor. VI, 9: quasi morientes, et ecce vivimus. 

T P.M.: esperanche e. . 

8 Ideo fugiendae, unde Gregorius: Absque ulla dubitatione qui non vult 
vitare mulierum familiaritatem, cito labitur in ruinam. 

® Ideo Augustinus: Quanto namque melioris famae sunt, tanto citius 
alliciunt iram sub affectu picetatis; latet ignis in specie libidinis. 

10 Os. X,4: Loquimini verba visionis inutilis et ferietis foedus cum 
mendacio. 

11 Id est nimis delicata, quae non sicut sal a putrefactione servat, sed magis 
vermes libidinis generat. ı Tim. V,6: Quae in deliciis est, vivens mortua est. 

1% Ecclii. II, 14: Vae duplici corde. 

18 Prov. XXVI,25: Si submiserit vocem, non credas ei, quoniam septem 
nequitiae sunt in corde eius, 

ı# ı Tim. V, 13: Otiosae discunt circuire domos, non solum autem otiosae 
sunt, sed et verbosae et curiosae, loquentes, quae non oportet. 

15 Eccle. X,ır: Si mordeat serpens in silentio, nihil eo minus habel, 
qui detrahit. 

1## 2 Cor. XI, 14: Angelus sathanae transfigurat se in angelum lucis. 

7 diu sedendo et nihil dicendo, peccata a confcssore requirendo, virtutes 
pro peccatis confitendo, aliena dicendo et sua tacendo, excusando, non accu“ 
sando. Contra ista Is. XLIII, 26: Dic tu iniquitates tuas, ut iustificeris. Die 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 159 


11. faus sousßirs Bour devocion! 19. vaines sont en gengler? 
12. en mout savoir sont curieuses? 20. Planetes du ciel pour aler! 
13. d’autrui fait sont souspegonneuses® 21. couvertes sont en regarder'‘! 
14. en jugement Presumpcieuses‘ 22. serdent en autrui bareter‘? 
15. en compaignies enuieuses® 23. dures sont en devocion!® 
16. dar jelousie envieuses® 24. renart en meditacion‘* 
17. en acointances Perilleuses! 25. charnel en contemplacion 5 
18. en afection furteuses® 26. singes en jubilation 

2. 


Beispiel einer Begine mit preziöser Ausdrucksweise: 


Quaedam beguina dixit quod vellet suspendi, submergi, 
incendi, humo infodi: serdue au gibet de contemplacion, noiee 
en un flum de larmes de contricion, arse en un feu de charit£, 
enfoie en la fosse de humilite. 


Eine andere rühmt sich, über allem Tadel erhaben zu sein: 


Quaedam beguina dixit quod nullus obloqui poterat in 
malum de ea, quia se ele rit, dest compaignie, se ele ploure, 
c'est devocionsz; se ele parle, c'est prophecie; se ele se test, dest 
religions; se ele dort, ele est ravies se ele songe, c’est visions,; 
se ele menjue, dest pour vivres se ele jeune, dest penitence; se 
ele boit vin, c'est pour nourrir; se ele n’en boit, dest abstinence. 


contra primum tuas iniquitates, contra secundum, contra tercium, ut iustificeris 
contra quartum. 


! Exemplum de Assa, filia Caleph, suspirante et petente a patre, rogata 
a marito irriguum superius et inferius (Jos. XV, 17—19). 

2 Eccli. III, 22: Fortiora te ne scrutatus fueris. 

® Eccli. III, 26: Multos supplantavit suspicio eorum. 

* Eccli. XVLII, 10: Vidit Deus praesumptionem cordis eius, quia mala est. 

5 2 Thess. III, ır: Audivimus inter vos quosdam ambulare inquiete, 
nihil operantes, sed curiose agentes, 

6 Eccli. XXVI,7—9: Super omnia gravia dolor cordis, mulier zelotipa. 
Et iterum: Mulier zelotipa flagellum linguae, omnibus communicans. 

? Prov. VII, 25 u. 26: Ne abstrahatur in viis illius mens tua, nec decipiaris 
in semitis eius: multos enim vulneratos deiecit, et fortissimi quique interfecti 
sunt ab eo. 

8 Exemplum de Oolla, quae insanivit in amatores suos (Os. XXIII, 5). 

® Prov. VII, ı0: garrula et vaga, quietis impatiens, 

10 Jud. 13: sidera errantia, quibus procella tenebrarum conservata est. 

11 1 Reg. III, 3: ‘Heli non poterat videre lucernam, donec extingueretur’, 
sub pallio cum capite velato quasi in obscuro foramine modico, ut non videantur 
omnia videre, vident. 

12 Gen. III, ı: Serpens erat callidior cunctis animantibus terrae. 

13 Tob. XLI, ı5: Cor eius indurabitur quasi lapis. 

14 Ps. XXXV, 5: Iniquitatem meditatus est in cubili suo. 

15 Dan. XIII, ı6: De senibus non erat ibi quisquam praeter duos senes 
absconditos, contemplantes eam. 


be ogle 


160 ALFONS HILKA, 


Eine andere verteidigt ihren Stand gegenüber den Vorwürfen eines 
Doktors der Theologie: Item quaedam beguina dixit cuidam doctori 
eam reprehendenti:! 


Vous lisies, et nous eslisons. 

Vous dites, et nous faisons. 

Vous aprenez, el nous prenons. 
Vous maschies, et nous engloutons. 
Vous marchandez, nous achetons. 
Vous enluminez, nous embrasons. 
Vous quidez, el nous savons. 

Vous demandes, et nous prenons. 
Vous queres, et nous trouvons. 
Vous ames, et nous languissons. 
Vous languissiez, et nous mourons. 
Vous semez, et nous messonons. 
Vous laboures, et nous reposons. 
Vous megrissiez, et nous engressons. 
Vous sonez, et nous chantons. 

Vous chantes, et nous espringuons. 
Vous espringuez, et nous saillons. 
Vous florissies, nous fructifons. 
Vous gostes, nous assavourons.? 


Eine andere spricht von Jesus in schwärmerischen Antithesen: 
Quaedam beguina ait de Jhesu: 


C'est li tres haus, et poi ennoures; 
Li tres amanz, petit ames; 

Li tres bons, poi assavoures; 

Li tres uissans, poi redoutes; 

Li tres beaus, petit conneüs; 

Li tres sages, petit creüs; 

Li tres larges, poi mercies; 

Li tres courtois, poi festoies. 


Männliche und weibliche Beginen sollen Vater und Mutter der 
Armen sein: Beguinus et beguina debent esse pater et mater pau- 
perum exemplo Job qui dicebat: Pater eram pauperum. Probatio: 


1. Se Ü me demandoit, je li donnoie.® 
2. Se ıl estoit en dolour, je em ploroie.* 
3. Se Ü estoit desconfortes, je le confortoie.® 


ı Hs. Bern fügt hinzu: Cum esset turbata de bona correptione magistri 
sicut superba et praesumptuosa respondit, quasi diceret: Vos debetis bene 
beguinas reprehendere. 

%2 Die Berner Hs. fügt hinzu: Tunc ipse doctor dixit vel potuit dicere: 
Vous aputes, nous desputons. 

s Tob. XXXI, ı6: Si negavi pauperibus, quod volebaat. 

* Tob. XXX, 25: Flebam quondam super eo, qui oppressus erat. 

5 ib.: et compatiebatur anima mea päuperi. 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 161 


. Se il ne Dovoit aler, je le Bortoie.! 

. Se il estoit aveugles, je le menoie.? 

. Se il avoıt fain, je le paissoie.® 

. Se ıl estoit nuz, je le vestoie.* 

. Se il avoit froit, je le chaufoie.° 

. Se ıl estoit trespassanz, je le herberjoie.® 


- 9 Au 3 


3. 


Novellistischer Teil in fünf Exempeln: 


2.1 


Beguina quaedam neptis cuiusdam episcopi dormiebat quadam 
vice in ecclesia quadam hora, qua veniebat eam visitare epi- 
scopus. Et surgentes beguinae dixerunt illam esse raptam nec 
eam excitare ausae sunt, quia possent eius spiritum plurimum 
perturbare. Voluit eam episcopus saltem a longe videre. 
Et paulo post excitata et vocata ab eo recognovit quod 
dormiebat et sompniabat quod Magnificat es/oif bacons et 
Nunc dimittis 2oree. 


Beguinus, praedicans frater, narravit fabulam 8 quod lupus 
deportans arietem, insecutus a domino cum servientibus et 
canibus, intravit maneriam unam, ubi erat rusticus. Cui 
promisit pellem arietis, ut non accusaret. Venientibus et 
quaerentibus, si lupus esset ibi, dicebat ‘non’ ore, sed agitabat 
caput, ostendens eum. Quod totum vidit lupus, aliis non 
intelligentibus signum. Et recedentibus exivit lupus; a quo 
quaesivit pellem rusticus, cum eum non accusasset. Tunc 
ait lupus: Benedictum sit verbum tuum, sed mala gutta crepet 
tibi oculos (mes male goute te criet les ieuz), quia insinuabat 
eum. — Sic, ait frater, bdeneoites soient vos parolles, id est 
orationes, mes male goute vous criel a louz les ieuz, quia totum 
vultis videre. 


Beguina quaedam veniens de sermone, obviavit sociae, quae 
non interfuerat, et ait: Maledicta es, hodie quia non fuisti 
in sermone fratris, qui praedicavit nobis de omnibus gaudiis 
paradisi. Vere, respondit illa, si scirem quod possent numerari 
et praedicari, minus appretiarentur. 


Beguinae quaedam missae fuerunt ad quandam villam a qui- 
busdam zelantibus pro eis et ut sub manu cuiusdam curati 
valentis proficerent. Et cum quaedam fuisset impraegnata ibi et 


ı Tob. XXIX, ı5: Pes fui claudo. 

? jb.: oculus fui caeco. 

8 Tob. XXXI, ı7: si comedi buccellam meam solus, 

4 Tob. XXXI, 20: si non benedixerunt mibi latera eius. 

® ib.: de velleribus meis calefactus est pauper. 

®° Tob. XXXI, 32: Foris non mansit peregrinus, ostium meum viatori 


patuit, 


? Diese und die folgende Nr. fehlt in Hs. Bern. 
® Vgl.L.Hervieux, Les fabulistes latins II (1884), 139. 217. 275. 328.722. 798. 


Zeitschr, f. rom. Phil. XLVI1 11 


ogle 
I ’ 


162 ALFONS HILKA, 


curatus ille increparetur ab his, qui eas miserant, eo quod 
numquam profecissent sub eo, ait: Immo, quia de una factae 
sunt duae. 


5. Beguina quaedam audiens sermonem cuiusdam fratris, qui 
erat fillus sacerdotis, sicut ipsa sciebat, affecta ad eius ferventem 
praedicationem, surgens coram omni populo ait: Benedictae 
sunt matutinae, quae fuerunt amissae pro gignendo te! Et 
sic credens commendare eum, multicipliter confudit coram 
illis, qui ignorabant defectum. 


Ich stelle ferner die sechs Beginengeschichten aus der Mensa philo- 
sophica, lib. 1V, cap. XLII, hierher und benutze den Druck [Coloniae] 
s.l.a. = Hain 11075: 


De beghinis. 


I. Beghina quaedam dixit quod nullus sibi obloqui valeret, quia 
si ipsa rediret, esset societas; si fleret, esset devotio; si loqueretur, 
esset philosophia; si taceret, esset religio; si dormiret, esset quies; 
si surgeret, esset visio. Et sic de multis aliis gloriata fuit; sed unius 
erat oblita, scilicet quod quanto magis gloriaretur, tanto magis fatua 
reputaretur. Vgl. oben S. 159. 

2. Quaedam beghina Remis fuit de cuius ore Christus in forma 
pueri exire videbatur, quia nimis loquax erat. 

3. Quidam volens ostendere inutiles occupationes beghinarum 
fecit unum circulum in quo erat depictum quomodo tres beghinae 
unum anserem suffarzabant: una tenebat pedem, alia applicuit 
ferrum, tercia cum malleo ferrum affıxit. In circuitu autem circuli 
scriptum erat: Sicut hae tres beghinae de suffarzandis anseribus se 
intromittunt, sic faciunt reliquae. 

4. Quaedam beghinae conferebant qua morte eligerent mori. Una 
dixit: Ego eligerem suspendi in suspendio contemplacionis; Job 
enim dicit: suspendium elegit anima mea. Alia Jixit: Eligo sepeliri 
in sepulcro humilitatis. Tercia elegit cremari igne caritatis. Quarta 
elegit submergi in lacrimis compunctionis. Vgl. oben S. 159. 

5. Quaedam beghina in una tunicula discooperto capite divertebat 
in domo et casu pulsaverunt duo fratres ad porlam. Quae cucurrit 
et ostium aperuit et verecundata quod non fuit velata capite 
posteriorem partem tuniculae super caput retorquens clam fugit 
Cui frater: Methildis, tege posteriora, quia melius est videre nudum 
caput quam culum. 

6. Contigit in quadam domo beghinarum quendam clericum nocte 
inventum fuisse cum una: ubi ad cameram illius multae convenerunt 
ad videndum spectaculum. Quod audiens una alia, in cuius lecto 
adhuc quidam alter clericus iacebat, festinans videndi cupiditate, 
credens cooperire caput suum panno consueto, accepta braca amasii 
sui caput suum cum ea Cooperuit et sic ad locum spectaculi vel 
lamenti venit, conans cum aliis plangere, ac si ipsa nihil de simili 
sciret. Quam bracam capiti suppositam una prospiciens clamavit: 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 163 


O soror et socia dilecta, quid est hoc vel quid sibi vult hoc 
sonnium quod apportasti?P Illa ex hoc plus confusa est quam 
altera socia quae salvata est per simile, cum non esset sola in tali 
delicto. 


Ich führe hier noch andere lat. Zeugnisse! an: 


Jacobus de Vitriaco, Sermo ad virgines (bei J. Greven, Ursprung 
des Beginenwesens, S. A. S. ıgfl.): 


Haec vult esse deguina, sic enim nominantur in Flandria 
et Brabancia, vel Japelarda, sic enim appellantur in Francia, 
vel humiliata, sicut dicitur in Lumbardia, vel d,202e secundum 
quod dicitur in Ytalia, vel coguennunne, ut dicitur in Theotonia ; 
et ita deridendo eas et quasi infamando nituntur eas retrahere 
a sancto proposito. Sed aliquando a viris sapientibus defen- 
duntür, eo quod delectantur in carbonibus verbi Dei et quod 
decurtata est lingua earum, eo quod verba otiosa et canti- 
lenas lasciviae non loquuntur. Unde dicunt boni viri: Quid 
molesti estis his mulieribus? Quid enim mali faciunt ? 
Nonne libenter ad ecclesiam vadunt et psalteria sua frequenter 
legunt? Nonne sacramenta eclesiastica venerantur et tota 
die confessionem faciunt et praeceptis sacerdotum acquiescunt, 
qui indices sunt iustitiae et quod noverunt loquuntur? 


Jacobus de Vitriaco, Exempla ed. Th. Fr. Crane, 1890 = Folk- 
lore Society 26, nr. 279: 


Vidi quendam valde religiosum Cisterciensis ordinis mo- 
nachum, qui adhuc de monachis superstes erat, cum audiret 
quod multi et magni viri de statu huiusmodi mulierum male 
sentirent et contra eas latrare non cessarent, rogavit Deum 
ut oscenderet ei cuiusmodi mulieres essent quas deguinas 
seculares nominabant. Et accepto divinitus responso quod 
inveniuntur in fide stabiles et in opere efficaces, tantum post- 
modum eas diligebat quod earum detractoribus semper op- 
ponebat se. Vgl. Lecoy de la Marche, La chaire frangaise au 
moyen äge. 2° Edition, Paris 1886, S. 365 u. oben S. 160. 


Thomas Cantipratanus, Miraculorum et exemplorum libri duo. 
Duaci 1605, S. 478 zum Jahre 1226, wo viele Beginen in Nivelles 
(in oppido Nivellensi) vom ignis sacer ergriffen und in der Kirche 
der hl. Gertrudis wunderbar geheilt wurden: 

In hac urbe, ut pluribus adhuc viventibus notum est, 
mulierum devotarum, quae deghinae dicuntur, nunc late diffusa 
per orbem religiositas inchoavit. 


Etienne de Bourbon, dominicain du XIII® siecle, Anecdotes 
historiques, leEgendes et apologues p. p. Lecoy de la Marche. 
Paris 1877, S. 2ı: 


3 Vgl. ferner Du Cange, Gloss. s. v. beghinae. 
ı11* 


164 ALFONS HILKA, 


Audivi a domino Philippo de Montemirabili, qui multa 
monasteria albarum monialium in Francia construxit: Dicitur 
quod quaedam dbeguma, cum diu caruisset sensibili sponsi 
visitatione, afflicta et languens timore et desiderio, dixit 
Fidei, tanquam pedissequae suae, ut ad sponsum iret, et eum 
adiurando per suos articulos, quasi per carmina, et urgendo 
fervidis orationibus et profundis gemitibus venire compelleret; 
Spei, ut venientem cum gaudio susciperet et ad influendas 
multimodas suas delicias cordi arido piis suspiriis et desi- 
deriis eum arctaret; Caritati, ut susceptum caperet et captum 
vinculis caritatis ligaret et astringeret, et astrictum detineret. 
Quod et factum est, et inaestimabilem et durabilem sentiit 
eius consolationem. 


S. 62: Item accidit nuper in dyocesi Remensi quod tres 
pueri jacebant in uno lecto. Cum autem maxima fierent 
tonitrua et corruscationes, ille qui jacebat in medio surrexit 
sedendo inter alios duos ad orationem; quem cum alii irri- 
derent, vocantes eum deguinum, et arguerent, subito fulgur 
descendens utrumque hinc inde occidens medium orantem 
nec tetigit nec laesit. 


$. 335: Geschichte einer zänkischen Begine in Reims. 


Anhang II. 


Auswahl einiger Stellen zur Beginenkritik aus dem 13. bis 
14. Jhdt., die zum weiteren Sammeln anregen mögen. 


Roman de la violette des Gerbert de Montreuil S. 27: 


Gondree avoit la vielle a non, 

Fille ert Gontacle le larron. 

Cil l’ot d’une fausse deguine 

Qui maint meschief fist de s’eskine. 
Por chou di jou, tels est en’entente: 
‘De pute rachine pute ente’. 


Percevalfortsetzung des Gerbert de Montreuil bei Potvin 
V]J, 201: 


Si parement pas ne sambloient 
De truande ne de drguine. 


Jacques d’Amiens, ZL’Art d’amors, hısg. v. G. Körting. 
Leipzig 1868, S. 66: 


v. 2299 Les deghines, je le sai bien, 
Aiment nett& sour toute rien, 
Plus nettement apparellies 
Les voi c’autres et affaities. 
Molt tienent n&s lor garnemens, 
Les vis ont clers et rouvelens, 


ALTPFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 165 


S’aiment bien boire et bien mangier, 
Largement viestir et caucier; 

Molt se sunt enviers Diu enclines, 
Volentiers lievent as matines, 

Tel cose en ai oi parler 

Ke je ne voel ci raconter. 

D’une riens sui lies, sans mentir, 
Ke Diu ne puet on pas mentir; 

Le siecle puet on engignier, 

Mais Diu ne puet on cuncyer. 


Gautier de Coinci bei Barbazan-M&on, Fabliaux et Contes, 
Paris 1808, I, 320: 


Beguin, ce dient, sont benigne, 
Beguin, ce dient, sont si digne 
Qu’il ne pensent a nule widive; 
Beguin, ce dient, se derive 

Et vient a denignitate. 

Ha! ha! larron, quel barate! 

Je i sai autre derivoison, 

A la milleur des deus voise on. 
Beguin certes ne sont pas doz, 
Ja soit ce qu’aient symples voz, 
Ainz sont poignant plus de fregon. 
Beguin se viennent de degon, 

Et de dbeguin revient degarz, 

Et ce voit bien nes uns soz garz 
Que de begart vient brais et boe 
Qui tot conchie et tout emboe. 


Salut d’enfer bei A. Jubinal, Jongleurs et trouveres. Paris 


1835, S. 43: 


S. 44: 


En la grant sale Tervagan 
La menjai .I. popelican 

A. une sausse bien broie 
D’une deguine renoie, 

Qui tant avoit du cul feru 
Qu’ele l’avoit tout recreu. 


Li Cordelier, li Jacobin, 

Qui escritrent en parchemin 

La confession des deguines 

Et les pechiez que font souvines. 


Geus d’aventure, ebda. S. 155: 


Bien savez fere le coilart, 
Le beguin et le papelart. 


166 ALFONS HILKA, 


Songe du Paradis (nicht von Raoul de Houdenc), bei A. Scheler, 
Trouv£eres belges, nouv. serie. Louvain 1879, S. 203; vgl. M. Fried- 
wagner, ZfrPh. XXV (1901), 753fl. Ausgabe nach den mir freund- 
lichst vom Koll. Friedwagner zugestellten Kopien der drei Hss. B 
— Brüssel 9411—26, fol. 8c; P = Bibl.nat. 837, fol. 86d; T = 
Turin L. V. 32, fol. 38b: 

v.68 Dant demanderent tout ensemble 
Les contenanches des beguines, 
S’eles erent aukes benignes 
A lor proismes, si qu’eles doivent; 
Se chou ne font, bien se dechoivent. 
Nis de celes de Cantimpre 
Ont mult enquis et demand. 
Je respondi qu’eles servoient 
Nostre Sangnor et mult estoient 
Plaines de tres grant passience 
Et gardent bien obedienche 
A lor sens et a lor pooir 
Et sevent mult tres bien voloir 
L’avantage et le preu d’autrui, 
Tot sans pesance et sans anui. 
Et si vos di bien sans dotance 
Ke mult font grande penitance 
Teles i a tot coiement 
Et tienent bien en lor covent 
Religion et caste& 

Et sunt plaines d’umilite 

Et font aumosnes volentiers 
Et est lor serviches entiers 

A Dieu, le pere droiturier. 
Mais le covent font empirier 
Teles i a par lor folies 

Et par les laides vilonies, 

Ke les foles font coiement. 
Ensi est il tot voirement: 
Avec les sages sunt les foles, 
Et samble as fais et as paroles 
K’eles aient a Dieu le cuer, 
Et eles l’ont si ru& puer, 
Qu’eles se soillent en l’ordure 
De lecherie et de luxure 

Et des autres vilains pechies 
Dont tous li mons est entechies. 
Dehors semblent bepuines estre 
A lor samblant et a lor estre, 
Et eles sunt dedens coluevres 
Toutes plaines de males oevres, 
De religion ont habit, 


ALTPRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 167 


Mais ja pour chou n’aront habit 
En paradis le glorieus, 

Le saintisme, le precieus, 

U les bonnes seront posces 

Et avec les sains coronees, 


Rustebuef, Zes Ordres de Paris in Rustebuefs Gedichten, hgb. 
A. Kressner. Wolfenbüttel 1885, S. 52: 


L’ordre aus deguines est legiere, 
Si vos dirai en quel maniere: 
L’en s’en ist bien por mari prendre; 
D’autre part qui besse la chiere 
Et a robe large et pleniere, 

Si est dbeguine sanz li rendre, 

Si ne lor puet on pas defendre 
Qu’eles n’aient de la char tendre 
S’eles ont un pou de fumiere; 

Se Diex lor voloit por ce rendre 
La joie qui est sanz fin prendre, 
Sainz Loranz l’acheta trop chiere. 


Ders., Des Ordres, ebda., S. 57: 


Beguines avons mont 
Qui larges robes ont; 
Desoz les robes font 
Ce que pas ne vos di. 
Papelart et beguin 
Ont le siecle honi. 


Ders., Des beguines, ebda. S. 62: 


En riens que deguine die 
N’entendez tuit se bien non; 
Tot est de religion 

Quanque l’en trueve en sa vie: 
Sa parole est prophecie; 

S’ele rit, c’est compaignie; 
S’el plore, devocion; 

S’ele dort, ele est ravie; 

S’el songe, c’est vision;! 
S’ele ment, nou creez mie. 
Se beguine se marie, 

S’est sa conversacion; 

Ses veuz, sa prophecion 
N’est pas a tote sa vie. 

Cest an plore et cest an prie, 
Et cest an penra baron, 


I Vgl. oben S. 159. 


168 ALFONS HILKA, 


Or est Marthe, or est Marie; 
Or se garde, or se marie; 
Mes n’en dites se bien non: 
Li rois nel sofferroit mie. 


Ders., De la vie du monde, ebda S. 186: 


Molt mainent bone vie deguines et beguin; 
Avoec els me rendisse le soir ou le matin: 
Ja ne croirai gloton aveques le bon vin, 
Ne geline avoec coc, ne chat avec sain. 


Le dit des Mais bei A. Jubinal, Nouveau recueil de contes, dits, 
fabliaux. I. Paris 1839, S. 185: 


Rendues et nonnains, Filles Dieu et depuines 

Font mains divers enclins en ploiant leurs eschines; 
Mais il prennent souvent privees disciplines 

Qui leur valent au corps miex qu’autres medecines, 


Le Dit de la Queue de Renart, ebda., U. Paris 1842, S. go: 


Prestres, moingnes, jacobins, 

Cordeliers et li deguins 

Qui font bien le papelart. 

Sous leur chapes ont Regnart ... 
S. 91: 

Beguines et ces nonnains 

Et Filles Dieu, nul n’en doute, 

De Regnart sont souverains: 

Chascune vers soy le boute. 


De Vipocresie des Jacobins des Jean de Conde, hgb. A. Scheler, 
Dits et contes de Baudouin de Conde et de son fils Jean de Conde. II. 
Bruxelles 1867, S. 186: 


Et encor retenez de mi 

Qu’a beginage 

Ont il moult volentiers visnage; 
Tout aussi envis con froumage 
Chas mangeroit, 

Uns d’elles a elles mefferoit; 
Obedience passeroit. 

Lor filles sont, 

Onques n’outrage n’i pensont, 
Mais souvent d’eles pitance ont. 


Roman de la Rose, hgb. E. Langlois. II. Paris 1921, S. 222: 


v.11938 Mais deguins aus granz chaperons, 
Aus chieres pales e alises, 
Qui ont ces larges robes grises, 
Toutes fretelees de crotes, 
Houseaus fronciez e larges botes, 


ALTFRANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 169 


Qui resemblent bourse a caillier: 

A ceus deivent prince baillier 

U gouverner aus e lor terres, 

Ou seit par pais ou seit par gueıres. 


Des mainliens des Beghines von Gilles li Muisis, hgb. Kervyn 
de Lettenhove, I. Louvain 1882, S. 237 (38 Strophen): 


Or sunt en moult de lieus convent de berhinages, 
Demisiclles senees, religieuses, sages; 

De tous estas y sont et de pluseurs linages; 

Pour leurs enfans aprendre leur font gent avantages. 


Mantiaus et warcoles et simples abis portent; 

Entr’elles a bien faire trestous les jours s’enortent: 

Par couvens, par maisons, par numbre se cohortent; 

Es biens qu’on lor voit faire, moult de gent se deportent ... 


Qui mesdist de deghines, moult petit s’en avanche; 
Dieus leur doinst en bien faire boine perseveranche 
Et pour avoir leur vivre boine multeplianche, 

Par quoy partir puissons trestout a leur penanche ... 


Dieu pri que degkinage se puissent soustenir 
Et es boines coustumes anchienes bien tenir, 
Boines oevres dedens et dehors maintenir, 
Qu’avoec elles puissons en paradis venir. 


Lamentations de Matheolus de Jehan le Fevre p.p. A.G. van 
Hamel. Paris 1892, S. 90: 


v.1765fl. Au jour d’hui soubs turlupinage 
Trouveroit on en tapinage 
Envie, dol, ipocrisie, 
Pensee par fraude brisie, 
Especialment es deguines. 
D’ardors ou feu d’amours sont dignes, 
Car il n’est si jolie chose, 
Quant leur burlette est bien desclose 
Et elles sont bien a droit pointes 
Et dessoubs large robe jointes. 
Plus sont simples et precieuses, 
Et tant plus sont luxurieuses. 
Elles font le catimini; 
Mais, par le verbo Domini! 
Elles cuevrent leur ribauldie 
Du mantel de papelardie. 
Le beuf heent, le torel quierent, 
On les fiert, et elles refierent; 
On les harigote, on les luist; 
‘Tout n’est pas or quanque reluist.’ 


170 ALFONS HILKA, ALTF RANZÖSISCHE MYSTIK UND BEGINENTUM. 


Lateinischer Text: 


v.1247 Sub facie tiacta macie, sub simplice veste 
Sunt hodie fraus, invidie, mentes inhoneste. 
Ergo tibi caveas pro nostris, dico, dberkignis! 
Infernalis eas comburat pessimus ignis! 
Cum res describi nequeat lascivior ulla 
Ipsis, quando sibi reseratur carnea bulla. 
Nam populo quanto reddunt se simpliciores, 
Ia ludo tanto Veneris sunt fervidiores. 
Extra quatymini faciunt sanctasque, sed intus 
Cordis vulpini sunt; deest in corde jacinctus, 
Qui foris apparet. Querunt spreto bove taurum, 
Qui sibi rus subaret. Non est quitquit nitet aurum; 
Decipiunt mundum, diffamant religionem 
Eluduntque Deum, lactant in corde drachonem, 
Quamvis angelice sint extra turturesque, 
Et quamvis etiam verbis sit apostola queque. 
v.1352 Pseudo-papelardas verbis, factisque renardas 
Multas expertus, sibi presens dogma ministro; 
Ut bene sis certus, experto crede magistro! 
Este procul, vite tenues! insigne pudoris 
Absit! ut inde status vestri minuatur honoris. 
Ordo sive status dies merito prohibetur, 
Secta dbeghignatus derisia cum reputetur; 
Omnibus his viciis repleta cremabitur usque 
In baratris Stigiis, ubi desunt ordo statusque. 


ALFONS HiıLka. 


Transkriptionsverfahren, Aussprache- und Gehörsschwankungen. 


(Prolegomena zum „Sprach- und Sachatlas Italiens 
und der Südschweiz“.) 


Vorbemerkung. 


Über die Fragen, die den Gegenstand des vorliegenden Auf- 
satzes bilden, ist da und dort in dialektologischen Arbeiten und in 
andern sprachwissenschaftlichen Untersuchungen gehandelt worden. 
Besonders bemerkenswert scheinen uns einige Gedanken, die 
Rousselot, Zes modificalions phonttiques du langage in Rev. des Pat. 
Gallorom. V (1892), 224 ff. äufsert. Eine systematische Kritik ver- 
schiedener Notierungen derselben Mundart geben unseres Wissens 
nur OÖ. Bloch in der Einleitung seines Aflas ling. des Vosges 
meridionales S. XIXf. und Gauchat in der Einleitung zu den 
Tableaux phonttiques des patlois suisses romands von Gauchat, 
Jeanjaquet und Tappolet, Neuchätel, Attinger, 1925. Das 
letztgenannte Werk, das eine wichtige Materialsammlung zu den 
uns interessierenden Fragen darstellt, wird im folgenden mehrfach 
benutzt werden. Dem Aufsatze von B. Schädel, Über Schwankungen 
und Fehlergrenzen beim phonetischen Notieren im Bull. de dialectologie 
romane 11(1910) ist für unsere Zwecke wenig zu entnehmen. 


Zur Transkription: Im Folgenden werden alle Dialekt- 
formen — von einigen kleinen, durch den Druck notwendig 
gemachten Abänderungen abgesehen — in der Originaltranskription 
wiedergegeben. Scheuermeier, Moser und Jaberg bedienen sich der 
Transkription des AIS, die sich an das System von Böhmer-Ascoli 
anlehnt. Zum Verständnis dieser Transkription diene Folgendes: 

Hochgestellte kleine Lettern bezeichnen schwach artikulierte 
Laute. — Übereinanderstellung zweier Lettern deutet einen Zwischen- 
laut an. — Der Hauptakzent wird mit ’, der Nebenakzent mit ‘‘, ein 
verstärkter Hauptakzent mit ” bezeichnet. — 2, 3 deuten stärkere, 4, % 
schwächere Palatalisierung, 4, &, ö etc. stärkere, &, &, ö schwächere 
Nasalierung an. — Ein senkrechtes Strichlein unter dem Konsonant 
(Bd, t, A, s etc.) bezeichnet die Lenis, ein kleiner Kreis (/, 7, z, z etc.) 


silbige Stimmhaftigkeit von Liquiden. — e 0 ü etc. — geflüstertes 
oder gehauchtes e, o, # etc. — ge und 9 == übergeschlossenes e 
und 0; g, 0, @==überoffenes e, ound &. — 1,u, ü geschlossen, 5, 4, 4 
offen. Sonst bezeichnen Vokale ohne diakritische Zeichen mittlere 


172 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


Werte. — y und w» = konsonantisches 7 und «, auch als zweites 
Element von Diphthongen. — a = „Indifferenzvokal“ („vocale 
indistinta“), der sich a nähert (z. B. auslautendes a in den Bündner 
Mundarten und in vielen oberitalienischen Dialekten, vgl. e in 


hochdeutsch Nase = näsa); > — „Indifferenzvokal“, der sich & 
nähert (franz. e muet). Vgl. im übrigen unten S. 179 ff. 

# — velares r, r = ungerolltes r. — 5 liegt zwischen s und 5, 
3 zwischen 3 und 2£ — y==ich-Laut, % = ach-Laut. 


In den Zusammenstellungen unten S. ıg4ff. werden wieder- 
holte oder lexikologisch verschiedene Antworten durch Komma, 
morphologisch verschiedene Formen (z. B. Singular und Plural, 
Maskulinum und Femininum etc.) durch Semikolon getrennt. — 
com. — Korrektur der ersten Antwort durch den Gewährsmann. — 
: = zögernde Antwort. — * bezeichnet eine Antwort, die von einem 
andern als dem Hauptgewährsmann stammt. — Durch Ünterstreichung 
mit einer Wellenlinie (--) drückt der Explorator aus, dals er ein 
Wort oder einen Laut nicht sicher wahrgenommen, durch Uhnter- 
streichung mit einem Horizontalstrich, dafs er in Fällen, die zweifel- 
haft sein könnten, seiner Sache absolut sicher ist. — Durch Punkte 
wird angedeutet, dafs eine Form einem syntaktischen Zusammen- 
hang entstammt, durch —, dals identische Wörter oder Wortelemente 
nicht wiederholt werden. 


Abkürzungen: AIS (Atlas—Italien— Schweiz, Atlante— 
Italiano — Svizzero, Atlas —Italien— Suisse) = Sprach- und Sach- 
atlas Italiens und der Südschweiz. Sch — Scheuermeier; Ja —= 
Jaberg; Mo = Moser. ALF = Atlas linguistique de la France. 


Unserm Freund und Mitarbeiter Herrn Scheuermeier sagen 
wir für die Durchsicht des Manuskripts und für mancherlei An- 
regungen, Herrn R. Moser für die Überlassung seiner canavesischen’ 
Dialektaufnahmen herzlichen Dank. 


I. Transkriptionsverfahren. 


Es gibt zwei Arten, Mundarten zu transkribieren. Die eine, 
die wir als die schematisierende bezeichnen möchten, besteht 
darin, dafs man die charakteristischen Laute einer mundartlichen 
Sprachgemeinschaft zu erfassen sucht, für jeden dieser Laute ein 
Zeichen wählt, sich so ein System von lautlichen Kategorien bildet 
und nun weiterhin das Gehörte in das ein für allemal fixierte 
System einordnet. Von der Spannweite der lautlichen Kategorien 
pflegt man sich dabei keine klare Vorstellung zu machen und geht 
mehr oder weniger bewufst von der Voraussetzung lautlicher Normal- 
werte aus, die es festzustellen gilt. Mit andern Worten, man wendet 
auf die phonetische Transkription der Mundart dasselbe Prinzip 
an, das für die schriftliche Fixierung unserer Kultursprachen mals- 
gebend gewesen ist. Dabei erleichtert sich, wer lautgeschichtlich 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 173 


orientiert ist, die Arbeit gerne dadurch, dafs er die Wörter isoliert 
und nach den Paragraphen der historischen Grammatik zusammen- 
stellt und abfrägt. Mit einem derartigen Fragebuch sind zuerst die 
Redaktoren des Glossaire des patois de la Suisse romande ins Feld 
gezogen (anders wurden die Materialien zu den Tableaux phond- 
Jigques gesammelt)1, Das von Merlo zusammengestellte phonetische 
Normalquestionnaire der Opera del Vocabolarıo della Svizzera italiana 
beginnt mit den Fragen: pace—trave—chiave—scala— sale — 
amaro—portare—-portarlo etc. — ramo— mano — piano—rana— 
casa— naso etc. 

Das zweite Transkriptionsverfahren möchten wir das impres- 
sionistische nennen. Es geht nicht darauf aus, das lautliche 
System einer Mundart festzustellen, sondern darauf, den momentanen 
Gehörseindruck in jedem einzelnen Falle möglichst genau wieder- 
zugeben. Der Notierende hält ohne irgendwelchen Versuch der 
Schematisierung alle Lautnüancen fest, die er wahrzunehmen glaubt 
und die ihm seine Transkriptionsmittel schriftlich zu fixieren ge- 
statten. Das Ideal ist, die Laute so wiederzugeben, wie sie die 
natürliche Rede bietet, mit allen Unregelmälsigkeiten und In- 
konsequenzen, die die Verschiedenheit des Sprechtempos, die 
wechselnde affektische Einstellung, nachlässige oder deutliche Artiku- 
lation usf. erzeugen. Vollkommene Beobachtungsbedingungen bietet 
ja nun freilich nur die von aufsen unbeeinflufste und des Beobachters 
nicht inne werdende spontane Unterhaltung von Dialektsprechenden. 
Wer wie der Sprachgeograph abfragen muls, wird seinen Auskunft- 
geber so zu beeinflussen versuchen, dafs er seine Antworten, soweit 
es angeht, den natürlichen Sprechbedingungen anpalst; er wird 
ihn möglichst wenig wiederholen lassen und ihn nicht zu über- 
deutlicher Aussprache veranlassen. Die ganze Einrichtung seines 
Fragebuches wird auf dasselbe Ziel eingestellt sein: Die Fragen 
sind nicht nach phonetisch-historischen Reihen, sondern nach sach- 
lichen Gesichtspunkten geordnet; Wortfragen und Satzfragen wechseln 
ab und fügen sich zu assoziativ verknüpften Gruppen zusammen, 
so dals die Wechselrede zwischen Explorator und Gewährsmann 
(die „Aufnahme“) sich der Form der natürlichen Konversation nähert, 
Es ist die Methode, die der gereifte Gillieron besonders in seinen 
Vorlesungen mit aller Energie als die allein richtige empfohlen hat. 
Sie ist von Edmont bei der Sammlung des Materials für den 
ALF angewendet worden und liegt auch den Zableaux phoniliques 
zugrunde, für die das abzufragende Wortmaterial meist in kurze 
Sätze eingebettet wurde. 

Wie sehr es darauf ankommt, ob man das eine oder das 
andere Verfahren anwendet, zeigt in ungemein instruktiver Weise 
ein Vergleich zwischen den Notierungen von Gauchat in seiner 
1890 in der Zeitschr. f. rom. Phil. (14, 397 fl.) veröffentlichten Disser- 


! Vgl. dazu Gauchat und Jeanjaquet, Bibliographie linguistique de 
la Suisse romande II, ı6f. 


174 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


tation über die Mundart von Dompierre und denen der Tadkaux 
phonctiques, wo Dompierre ebenfalls figuriert (unter no. 42). Die 
Mustersätzchen und Mlusterwörter der Zableaux wurden hier am 
15. Sept. 1907, also 17 Jahre nach der Veröffentlichung der Disser- 
tation Gauchats, von ihm selbst und von Jeanjaquet abgefragt. 
Zwischen den beiden Materialsammlungen liegen die neuen Ein- 
sichten von Rousselot und Gillieron und die Abkehr von den 
Theorien der Junggrammatiker, zu der Gauchat selbst mit seiner 
schönen Arbeit über die phonetische Einheit (lies Mannigfaltigkeit!) 
der Dorfmundart von Charmey kräftig beigetragen hat.! In der 
nachfolgenden Tabelle setze ich in die erste Kolonne die ab- 
gefragten Stichwörter mit den ÖOrdnungsnummern der Zabkaux, 
indem ich durch Punkte andeute, wenn sie dort aus einem syn- 
taktischen Zusammenhang herausgenommen sind, in die zweite 
Kolonne Gauchats Notierungen von 1890 mit Angabe der Para- 
graphen seiner Phonetik von Dompierre, in die dritte seine Notie- 
rungen von 1907 und in die vierte die Notierungen von Jean- 
jaquet. Ich wähle als Beispiel die von dem Doktoranden Gauchat 
im Auslaut mit #, im Inlaut mit @e bezeichnete Lautkategorie, die 
auf verschiedene lateinische Lautgruppen zurückgeht. 


FRAGEN GAUCHAT GAUCHAT JEANJAQUET 
1890 1907 1907 
$ 20, @ 
108 ..fait.. (P.P.) ae? 222 Ja? 
286 .. fait..(P. P.) fa fa 
326 ..fait.. (P.P.) Ja‘ Ja 
384 ..fait.. (P.P.) fa‘ fa‘ 
8 22. 
38 .. fevrier.. Jevrä: Jerrd [dvrät 
52 .. sentier.. sädäe sälä sädä 
67 (le) grenier... gurnä: gurnä gurnä 
255 .. pommier.. Pomä« pömd p’mä? 
375 .. ouvrier orräe ovräd övrä? 
117 (une) chaudiere Zspuwder? Ishudädr tsaddäer 
350 .. fumee.. Jumäer> Jumätre Jumä®re 
Ss 26 
mäclsu mäatdett mädet 


388 (le) medecin.. 


ı L’UnitdE Phonetique dans le palois d’une commune. In der Festgabe 
für Morf dus romaniscnen Sprachen und Literaturen, Halle, Niemeyer, 1905. 

2? bezeichnet hier den Akzent (System Böhmer). In den Zabkaux 
gilt ” für den geschlossenen, ‘ für den offenen Vokal (System ALF). 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 175 


FRAGEN GAUCHAT GAUCHAT JEANJAQUET 
1890 1907 1907 
$ 27P 
387 .. fievre Jäevra Jacvra faevra 
449 (un) lievre läaevra lacdvra lätvra 
235 tiede läedu 1dda% taddü 
S 31a 
51 .„.suivre.. Säedr? eaddre eabdre 
g 318 
472 six ae eä(d)! ea? 
3 33 
216 (du) miel mäe mä() mä? 
I 35 ß 
213 ..soif säe sä sä 
239 (le) verre.. vaeru varu varu 
30... voit.. väe ved ve 
284 (on) croit.. krä« kr? krd 
5 307 
194 (du poivre) parvru pädvru patur" 
47 (je) dois.. däevu dad" aevt 
230 .. boire.. bäer? bädr bädre 
3 37€ 
37 (au) mois.. mä« ma? mä? 
469 trois frä« rä Ira® 
281 .. pris prä: prä pra? 
542 
18 .. froid /rae /ra(e) Jra\e) 
etc. 


Resultat: Was der Gauchat von ı8g0o mit zwei Graphien 
bezeichnet, erscheint bei dem Gauchat von 1907 mit ı2 Lautungen, 


nämlich ad, a‘, a4, a®, d‘, a, ä, ä, d, &‘, @, 2. Man möchte wirklich 


! Dazu die Anmerkung: „die ‘forme lite’ [also wohl Schnellsprechform] 
nähert sich ev“. Eingeklammerte Laute ‘können schwinden’, Ist das hier so 
zu deuten, dafs Gauchat ae bei wiederholter Antwort mit und ohne e gehört 
hat? Auffällig ist, dafs Jeanjaquet diese Doppelform nie verzeichnet, 


176 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


meinen, dafs das Ohr sich mit den Prinzipien ändert. Von der 
interessanten Tatsache, dafs der in Frage stehende Diphthong je nach 
dem Satzzusammenhang, nach Sprechtempo, Tonstärke, Affekt usf. 
verschieden klingt, steht in der Dissertation von Gauchat kein 
Sterbenswörtchen, und vor ihm und nach ıhm haben Dutzende von 
Mundartbeschreibungen in derselben Weise schematisiert. 

Man wende nicht ein, dafs Gauchat ı8go wahrscheinlich nur 
isolierte Formen abgefragt hat; gewils bedingt das eine grölsere 
Gleichmälsigkeit des lautlichen Habitus der Antworten, aber selbst 
in den ıo Pausaformen, die oben für 1907 angeführt sind, erscheint 
der Diphthong mit vier verschiedenen Lautungen und diese stimmen 
in der Mehrzahl der Fälle nicht mit den Transkriptionen des 
Jahres ı890 überein. Von den Notierungsunterschieden gegenüber 
Jeanjaquet, die sicher nur zum Teil daher rühren, dafs dieser eine 
andere Antwort festgehalten hat als Gauchat,! sehe ich dabei ab. 
Im übrigen gehört es eben zum Wesen der impressionistischen 
Methode, dafs sie das Wort unter den verschiedenen Bedingungen 
festhalten will, die die Rede mit sich bringt. 

Die schematisierende Methode ist verwerflich, sobald sie den 
Anspruch erhebt, die Wirklichkeit getreu wiederzugeben — und 
das hat sie in der Tat oft genug getan. Ihre theoretische Recht- 
fertigung ist vielmehr darin zu suchen, dafs sie sich der Ideal- 
vorstellung nähert, die sich der Sprechende von seiner Mundart 
macht. Da/s für diesen lautliche Normalwerte existieren — die 
mit der Wirklichkeit des Gesprochenen durchaus nicht überein- 
zustimmen brauchen — hat Jaberg an anderer Stelle ausführlicher 
dargetan.2 Daher rührt es, dafs der Einheimische einfacher tran- 
skribiert als der Fremde, und dafs er die Mannigfaltigkeit der 
Lautungen leugnet, die dieser wahrnimmt. Es braucht für ihn 
eine starke Willensanstrengung, um sich von seinen lautlichen Ideal- 
vorstellungen freizumachen und die Wirklichkeit unvoreingenommen 
zu beobachten. Der Einheimische wird dem Doktoranden Gauchat 
von 1890, nicht dem erfahrenen Dialektologen von 1907 zustimmen. 
Je intimer übrigens ein Dialektologe mit seinem Forschungsgebiet 
vertraut ist, desto mehr wird sich, wenn er sich nicht wie Gauchat 
bewulst dagegen wehrt, seine Transkription vereinbeitlichen. Die 
Notierungen Griera’s im Katalanischen Sprachatlas sind dafür ein 
typisches Beispiel. 

Die schematisierende Methode hat aber auch unbestreitbare 
praktische Vorteile: Das Notieren ist weniger anstrengend. Die 
Aufmerksamkeit kann sich auf die schwerer zu erfassenden Laute 
konzentrieren und sich so entlasten, Ist das Fragebuch überdies 


1 Es ist bedauerlich, dafs die mit so grofser Sorgfalt durchgeführten 
Aufnahmen der Zudlkaux phonedtigues nicht verzeichnen, ob die Notierenden 
die erste oder wiederholte Antworten des Gewährsmannes wiedergegeben haben. 
Es erschwert das die Beurteilung der Notierungsunterschiede in Fällen wie 
den vorliegenden sehr. 

2 In seiner Besprechung des katalanischen Sprachatlasses Ro. 50 (1924), 281. 


TRANSKRIPTIONSVERf., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 177 


nach lautlichen Gleichmäfsigkeiten geordnet, so ist die Vergleichs- 
möglichkeit stets vorhanden: Es ist unmittelbar festzustellen, ob das 
a von pace gleichlautet wie dasjenige von trave und chiave, von 
scala, amaro usf.1 

Diesen Vorteilen stehen aber grolse Nachteile gegenüber. Die 
Aufmerksamkeit des Transkribierenden wird eingeschläfert, die Ge- 
fahr der Suggestion besonders bei reihenweiser Anordnung der 
Fragen beim Fragenden und beim Befragten erhöht, der Gehörs- 
eindruck durch die feste Erwartung bestimmt, gewisse Lautungen 
zu hören. Ist ein Laut einmal klassifiziert, so achtet man nicht 
mehr auf seine Nüancen. Fallen solche trotzdem ins Ohr, so läfst 
man wiederholen, bis die gewünschte Regelmälsigkeit erreicht ist. 
Lautliche Schwankungen treten besonders bei Allegroformen auf. 
Der Schematiker will keine Allegroformen haben. Wenn sie ihm 
von seinem Gewährsmanne geboten werden, so lehnt er sie ab 
und plagt ihn, bis er die Lentoform gibt, d.h. die künstlich isolierte, 
präparierte, auf den Teller gelegte, nicht die dem natürlichen Flufs 
der Rede entsprechende Form — die Sprache in der steifen 
Sonntagstracht, 

Auch die impressionistische Methode hat ihre Nachteile, 
Es kann — besonders bei lexikologischer Gruppierung oder bei syn- 
taktischer Einbettung des abzufragenden Materials — leichter als bei 
der schematisierenden Methode geschehen, dafs identische Laute 
je nach der perzeptiven Einstellung des Aufnehmenden verschieden 
notiert werden, wenn sie zu verschiedenen Zeiten an sein Ohr 
klingen. Dies ist um so leichter möglich, je feiner das von 
ihm verwendete phonetische System ist.?2 Der ungeheure Vor- 
zug des Verfahrens ist der, dafs die Gefahr der Autosuggestion 
bei dem historisch eingestellten Forscher stark vermindert, dafs 
das wirklich Gesprochene zwar vielleicht nicht immer richtig — 
wer möchte bei phonetischen Aufnahmen absolute Richtigkeit ver- 
bürgen! — aber doch stets mit voller Absicht wiedergegeben wird. 
Ob Allegro- ob Lentoform, stets folgt der Stift des Aufnehmenden 
dem Gehörten. Die unmittelbare, unretouchierte Mannigfaltigkeit 
des Wirklichen wird festgehalten, die vergleichende Analyse für 
später aufgespar. Wird eine Antwort verschieden wiederholt, so 
wird verschieden notiert. Die rasche, verschluckende, gehauchte, 
flüsternde Aussprache ist ebenso wertvoll wie die insistierende, 
deutliche, schulmeisterliche, gibt sie doch oft die überraschendsten 
Aufschlüsse über die Entwicklungstendenzen der Sprache. 

Die impressionistische Methode stellt viel höhere Anforderungen 
an den Forscher als die schematisierende. Er mufs während der 
ganzen Aufnahme mit voller Anspannung der Aufmerksamkeit dabei 
sein; er kann sich nicht auf die Beobachtung einzelner Laute 
konzentrieren und andere vernachlässigen. Im Moment wo er eine 


I Vgl. unten S. 182. 
2 Vgl. Gauchat in der Einleitung zu den Zubkaux Phonttiques S.XI. 


Zeitschr. £ rom. Phil. XLVII. 12 


178 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


neue Form wahrnimmt, darf all das, was vorher durch sein Ohr 
gegangen ist, für ihn nicht existieren. Er hat während der Auf- 
nahme auf jede vorgefafste Meinung und auf alle wissenschaftliche 
Spekulation zu verzichten. Man fordert von ihm die Genauigkeit 
des Phonographs. Dafs dieses Ideal nicht zu erreichen ist, liegt 
auf der Hand: der Mensch ist keine Maschine; auch das impressio- 
nistische Verfahren wird nur Näherungswerte ergeben; aber es sucht 
in ehrlichem Streben die volle Wahrheit zu erfassen. Wir haben 
es für unsere Aufnahmen gewählt und es ist von dem von uns in- 
struierten Hauptexplorator Paul Scheuermeier nach bestem Wissen 
und Können durchgeführt worden. Wenn Rohlfs — besonders in 
seinen ersten Aufnahmen — und Wagner weniger nüanciert notieren 
und seltener abweichende Wiederholungen derselben Antwort bieten, 
so liegt das daran, dals sie bereits feste Transkriptionsgewohnheiten 
besalsen, als sie sich in den Dienst unseres Atlasses stellten. 


% * 
% 


Von der gewählten Transkriptionsmeihode aus ist die Ein- 
stellung zu dem phonetischen Kleide zu gewinnen, in dem der 
AIS — derin diesem Punkte prinzipiell nicht vom ALF abweicht — 
das gesammelte Material vorlegt. 


Drei Dinge bedürfen ausführlicherer Erörterung: 

ı. Die Relativität der schriftlichen Fixierung lautlicher Gehörs- 
eindrücke. 

2. Die Ausspracheschwankungen. 

3. Die Gehörsschwankungen. 


Der Besprechung dieser drei Gegenstände sollen als Anhang 
einige Materialien zur vergleichenden Kritik von phonetischen 
Parallelaufnahmen beigefügt werden. 


II. Die Relativität der schriftlichen Fixierung lautlicher 
Gehörseindrücke. 


Soll ein Transkriptionssystem nicht unendlich kompliziert und 
infolgedessen schwer zu handhaben und schwer zu lesen sein, so 
mufs auf das Festhalten gewisser minimaler Lautnüancen verzichtet 
werden, auch wenn diese wahrnehmbar sind. Es ist klar, dafs damit 
ein Element der Willkür in die Aufnahme eingeführt wird: Welche 
Lautnüancen sind minimal, welche verdienen wiedergegeben zu 
werden? Ein objektives Kriterium gibt es nicht. 

Es ist willkürlich, wenn wir in dem für den AIS gewählten 
System die unendliche Skala der dentalen Spiranten mit Ascoli 
(Agl. ı, XLVI und ı1,X) in die drei Tranchen s, s, $ und z, 3, ? 
zerlegen,1 gerade so willkürlich wie wenn Goidanich (Ag 


ı Nur ausnahmsweise hat Scheuermeier zwischen $ und s ein Zwischen- 
glied (s) eingeschaltet. Andererseits hat er im venetischen und emilianischen 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 170 


17, XXXIII) vier Tranchen unterscheidet. Willkürlich ist es, wenn 
wir für den palatalen Quetschlaut,i dessen vielfältiger Klang schon 
Ascoli bewulst gewesen ist,? nur das Zeichen ? (g) vorgesehen 
haben.? Die Transkription wird zwar verfeinert, aber die Willkür 
durchaus nicht beseitigt, wenn etwa Sganzini in seiner Arbeit 
über die Mundarten des Livinentals drei Palatalisierungsgrade unter- 
scheidet. 4 

Was soll man endlich über den Sammeltopf sagen, in den 
die an manchen Orten so scharf charakterisierten Varianten der 
sogenannten „Vocale indistinta® geworfen werden? Ascoli begnügt 
sich mit g5; Goidanich® ist mit Recht anspruchsvoller; er bemerkt, 
dafs nicht nur napolitanisches auslautendes e, franz. e muet und 
piem. inlautendes e etwa in /efla, wo er es mit 2 bezeichnet und 
als velarisiert ansieht, eine verschiedene physiologische Grundlage 
haben, sondern dals das letztere im Piemont in mindestens drei 
Varietäten vorkommt, die er als offenes, mittleres und geschlossenes 
E unterscheidet. In Wirklichkeit spotten die Varianten jeder zahlen- 
mälsigen Feststellung. Die Analyse des 2 des Dialektes von Usseglio 
(„che generalmente & largo, ma che talvolta puö colorirsi in piü 
maniere, difficili da percepirsi“), die Terracini versprochen hat, ? 
ist unseres Wissens nie erschienen. Wir selbst haben für die ober- 
italienischen Formen der „vocale indistinta®* zwei Zeichen vor- 
gesehen, von denen das eine (a) im Klang, der für uns allein 
mafsgebend ist, die dem a sich nähernde, die andere (7) die dem 
ö sich nähernde, frz. e muaet verwandte Varietät andeutet. Aus- 
gesprochenere Schattierungen sollten durch Überstellungen (@ mit 
übergeschriebenem a, &, e,0; a,d,e,1,0,u,ü,« mit übergestelltem 
a; > mit übergeschriebenem e, u, «@ etc.) wiedergegeben werden. 
Dieser Überschreibungen hat sich denn auch Scheuermeier in aus- 


Gebiet die Notwendigkeit empfunden, zwischen s, z und die Interdentalen 9, d 
ein s mit übergestelltem 9, ein s mit übergestelltem d einzuführen. 


ı Vel. Agl. 17, XXVIIf. und Goidanich, Zer la fisiologia delle 
rattratte in Miscell. Hortis 11, 929 ff. 

2 Agl.1ı, XLVI: „La loro pronuncia ... varia piü o meno da regione 
a regione*". 

3 Scheuermeier, der angewiesen war, im Notfall das von uns vorgesehene 
Transkriptionssystem zu ergänzen, hat sich freilich nicht da:nit begnügt und 
eine ganze Reihe feinerer Nüancen auszudrücken versucht, von denen unten 
die Rede sein soll, 

4 Italia Dialettale I, 195. 

5 Agl.ı, XLIV: „g, la cosi detta vocale indistinta, specie d’ e volgente 
all’ ö, che si ode con particolar frequenza nell’ inglese“. Um zu erfahren, was 
Ascoli selbst und seine Mitarbeiter unter diesem Laut verstanden haben, 
müfste man seine Verwendung in den Einzelarbeiten des Apl. studieren. 
Ascoli verweist auf seine eigenen Notierungen des Gredener Dialekts Ag. 
1, 363ff. Der Vergleich mit Scheuermeier, der die Mundart von Wolkenstein 
aufgenommen hat (P. 312), zeigt, dals dieser sein & ungefähr so verwendet 
wie Ascoli sein g. Nur in der Schreibung des Diphthongs ez nähert er sich 
mit £y der Gartner’schen Schreibung gi. 

° Agl. ı7, &XV und XXVIl. 


T Agl. 17, 214. 
ı23* 


180 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


gedehntem Malse bedient — und trotzdem sind die beiden Zeichen, 
besonders «a, Sammelzeichen geblieben, die nicht nur physiologisch 
(worauf es uns nicht ankam), sondern auch klanglich recht ver- 
schiedene Laute bezeichnen. Die Ausdehnung unserer Material- 
sammlung auf Unteritalien und die Herbeiziehung eines neuen 
Explorators haben es mit sich gebracht, dafs > auch für die ver- 
klingenden Endvokale Süditaliens verwendet wurde. 

Trotz mancher derartiger Sünden glauben wir die Genauigkeit 
der im Terrain arbeitenden Dialektologen durchschnittlich erreicht, 
in vielen Fällen übertroffen zu haben. Der Spezialist möge sich 
nicht darüber verwundern, Laute unter demselben phonetischen 
Nenner vereinigt zu sehen, die er zu trennen pflegt; er wird auf 
der andern Seite Unterscheidungen finden, die er gewöhnlich ver- 
nachlässigt. Die auf bestimmten Dialektgebieten gebräuchlichen 
Transkriptionen sind oft traditionell festgelegt, betonen gewisse 
Unterschiede und lassen andere im Dunkel. Sie lenken damit 
genau so wie die konventionellen Graphien der Schriftsprachen 
die Beobachtung in gewisse Bahnen,! die dann gerne für die 
einzig gangbaren gehalten werden. Dazu kommt das subjektive 
Element einer auf bestimmte lautliche Eigentümlichkeiten eingestellten 
Beobachtung, die von der Muttersprache, von der besonderen Vor- 
bildung oder den speziellen Interessen des Transkribierenden be- 
dingt sein kann. Von Italienern stammende Darstellungen ober- 
italienischer und rätoromanischer Mundarten vernachlässigen im 
allgemeinen den Unterschied zwischen Lenis und Fortis, der dem 
Deutschschweizer stark ins Ohr fällt. Die konsequente Notierung 
der Lenis durch Scheuermeier (f, A, s etc.) bedeutet sicher eine 
Bereicherung der Beobachtung.? Dasselbe gilt für die gehauchten 
Auslautvokale (in unserer Transkription a, e, :, o etc. mit über- 
gestelltem ), die für mittelitalienische Mundarten so charakteristisch 
sind und doch kaum irgendwo erwähnt werden,3 — und doch ist 
das Faktum für die Erfassung des Zusammenhangs zwischen dem 
oberitalienischen Schwund der Auslautvokale und ihrer Schwächung 
in Süditalien von kapitaler Bedeutung. Hier wären die Be- 
obachtungen Scheuermeiers über den besonderen Charakter der 
intervokalen stimmhaften Explosivae in venetischen Mundarten zu 
erwähnen, seine Feststellungen über Zwischenlaute zwischen # und ö, 
besonders in vortoniger Stellung, über schlaffe Vokalartikulationen 
in emilianischen Mundarten und viel anderes mehr. 


ı Vgl. Gauchat, Einleitung zu den 7aodleaux Dhon., S. VIII unten. 

%2 Man vergleiche die in derselben Richtung liegenden sorgfältigen Trans- 
skriptionen von Schürr in seinen Studien über romagnolische Mundarten. 
Die stimmlose Lenis hat auch Lutta in seinem Dialekt von Bergün, Zs. 
Bh. 71 von der Fortis unterschieden. 

8 Ich erinnere mich nur an eine gelegentliche Bemerkung von Parodi 
(der übrigens Genuese war) in seinen „Question! teoriche (Nuovi Studi medie- 
vali I, Separatum S. 14): „Quando io dico: va bene!, mi sorprendo spesso a 
pronunciare di sfuggita, quasi senza sonoritä, l’e finale (e di qui potrebbe 
prender le mosse un indebolimento costante di questo suono all’ uscita) .. ‚* 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U, GEHÖRSSCHWANKUNGEN. -181 


Umgekehrt wird sich der toskanische Dialektologe darüber 
aufhalten, dafs Scheuermeier den Sibilanten von tosk. dece gleich 
transkribiert wie denjenigen von jesce, nämlich mit $, wobei der 
Unterschied nach ihm hauptsächlich in der verschiedenen Expirations- 
energie liegt. Er rechifertigt sich, indem er darauf hinweist, dals 
niemand daran Anstofs nimmt, wenn man bünänerisches £ in 
Ischendra und tosk. Ed in cenere mit demselben Zeichen transkribiert, 
trotzdem sie in der Klangfarbe mindestens ebensoweit auseinander 
liegen wie $ und intervokales toskanisches 4.1 

Relativ ist jede Transkription aber auch noch in anderer Hin- 
sicht. Sie hängt nämlich von den Normalvorstellungen ab, die sich 
der Transkribierende von den Lauten des von ihm verwendeten 
Transkriptionssystems macht. Diese Normalvorstellungen sind ihrer- 
seits mehrfach bedingt. Sie stehen zunächst einmal in Beziehung 
zu den Lauten der Muttersprache des Transkribierenden, in viel 
geringerem Mafse zu später hinzugelernten Lauten. Die mutter- 
sprachlichen Laute bilden gleichsam die eiserne Elle, an der das 
Fremde gemessen wird. Ein objektives Mals für die schriftliche 
Fixierung der lautlichen Gehörseindrücke ist noch nicht gefunden. 
Besonders frappant tritt das bei der Unterscheidung zwischen offenen 
und geschlossenen Vokalen hervor. Was ist offen, was ist geschlossen, 
wo geht die Grenze durch? Scheuermeier hat in seiner Heimat- 
mundart ein offenes e (g?rn), das bedeutend offener ist als das 
offene e von Ja. (= Jaberg) und ungefähr dem e von frz. pere 
entspricht. Er beurteilt also die e der von ihm aufgenommenen 
Mundarten von der Normalvorstellung eines offeneren e aus als Ja. 
und analog verhält es sich mit o. Die Folge ist, dals er bei Auf- 
nahmen, die er gemeinsam mit Ja. macht, Schattierungen von e 
und o als geschlossen transkribiert, die diesem als offen erscheinen, 
weil er sie an seinen weniger offenen e und g milst. Daher 
rühren gewisse Unterschiede in der Wiedergabe der Mundart von 
Cerea,? die Ja. und Sch. gleichzeitig mit demselben Gewährsmann 
abgehört haben. Scheuermeier schreibt Za pe, pet, Ja. Ja pet, pel 
„pelle“, und es stehen sich in analoger Weise gegenüber: a Zfsta 


ı Der Bündner empfindet, wie mir Reto Bezzola bestätigt, sein in 
tschendra als wesentlich verschieden von tosk. c in cenere. Tosk. c liegt für 
ihn ungefähr in der Mitte zwischen seinem C und seinem ©. Das kommt auch 
in den Gaumenbildern und den zugehörigen Transkriptionen zum Ausdruck, 
die Lutta, Der Dialekt von Bergün (Bh. 71 der Zs.) S. 40f. gibt. Engad. 
wird hier mit Z/, engad.E mit 6, und tosk.c mit //g(!) transkribiert. Die 
Hilflosigkeit der Phonetiker intervokalem tosk. c (£) gegenüber kommt im 
übrigen aufs deutlichste zum Ausdruck in den Beschreibungen, die Merlo, 
Fonologia del dialetto di Sora, S.125f. zusammenstellt. Verschiedene dieser 
Äufserungen laufen auf Scheuermeiers Auffassung hinaus. Merkwürdig ist 
jedenfalls, dafs ober- und unteritalienische Dialektologen den Unterschied 
zwischen C und e nicht wahrnehmen oder ihn als minimal anseben. Vgl. schon 
Ascoli, A4gl.1,XLVII: „Nella pronuncia fiorentina, ilc e il g, ai quali preceda 
vocale e sussegua e od 1, si accostano di molto a se 3“. 

2 Vgl. die Gegenüberstellung der Transkriptionen von Ja. und Sch. 
unten S. 201 ff, 


182 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


— la Igsta; na möla de kavfyi — na möla de kaveyı „capelli folti“; 
gi spruey — 1 Hervfy; un dlo, do — ip usf.! 

Ein absolut sicheres Mals geben aber selbst die Laute der 
heimischen Mundart nicht. Die Perzeption eines Lautes wird nicht 
nur durch anerzogene Normallautvorstellungen bestimmt, sondern 
sie hängt auch von den unmittelbar vorher oder nachher aktuali- 
sierten Lauten ab. Wenn ich den Singular Sg und gleich darauf 
den Plural de höre (so etwa in Cannero am Langensee), so frappiert 
mich der Unterschied stark. Frage ich die beiden Formen in 
einem grölseren zeitlichen Abstande ab, so fällt er unter Umständen 
nicht mehr ins Ohr. Beurteile ich nämlich /£ von der Vorstellung 
eines sehr offenen e-Lautes aus (e), so kann mir g£ als geschlossen 
erscheinen und ich notiere auch im Sing. fe. Das wird besonders 
bei einer Mundart leicht möglich sein, die wie die meisten ober- 
italienischen Mundarten für die Aussprache von e und o eine grolse 
Spannweite hat.2 Die Kontrastwirkung, die den Gehörseindruck 
verstärkt, ist, was auch Gauchat, Tabkaux VII bemerkt hat, dann 
besonders stark, wenn dasselbe Wort denselben Laut in zwei 
Schattierungen enthält. 

Eine verwandte Erscheinung ist es, wenn lautliche Mafsstäbe — 
später erworbene leichter als die der Heimatmundart entlehnten — 
sich im Laufe der Zeit verschieben: Die in derselben Mundartregion 
wieder und wieder gehörten Laute können sich an die Stelle der 
ursprünglichen Normalvorstellungen setzen und es kann geschehen, 
dafs man, wenn man nach einer längeren Dialektreise an ihren 
Ausgangspunkt zurückkehrt, anders transkribiert als im Anfang. 


11l. Ausspracheschwankungen. 


Wenn man die Transkription eines Dialektologen auf ihre 
Zuverlässigkeit hin prüfen will, dann befreie man sich von dem 
trotz Rousselot, Gillieron, Gauchat, Terracini, Hubschmied, 
Terracher und anderen noch weit verbreiteten und von den meisten 
Verfassern von Dialektmonographien genährten Vorurteil, dafs das- 
selbe Wort von demselben Individuum oder gar von verschiedenen 
einer Mundartgemeinschaft angehörenden Individuen stets in derselben 
Weise ausgesprochen wird und dafs die historische Lautserie in der 
modernen Dorfsprache die wunderbare Regelmäfsigkeit aufweist, 
die in den Paragraphen der Lautlehren erscheint. Wenn etwas 
sich dem vorurteilsiosen Beobachter aufdrängt, so sind es die indivi- 
duellen und interindividuellen Ausspracheschwankungen nicht nur 
in verschiedenen Satzzusammenhängen, sondern, wenn auch weniger 
weitgehend, auch bei der Wiederholung isolierter Wörter. Wie 
grofs diese Schwankungen innerhalb derselben, von den Sprechenden 


1 Vgl. die Feststellungen von Lutta, Dialekt von Bergün, S. 26. 
?2 So hört Ja. in der Nähe von Cannero denselben Kartenspieler bald 
re, bald ?re zäblen. 


TRANSKRIPTIONSVERF,, AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 183 


zweifellos als identisch empfundenen Lautserie sein können, ersieht 
man aus den oben reproduzierten Zusammenstellungen aus den 
Tableaux phonttiques, die dadurch ihren besonderen Wert erhalten, 
dafs sie auf den Notierungen der gewiegtesten Kenner der west- 
schweizerischen Mundarten beruhen und dafs sie durchweg das 
Gehörsbild von zwei gleichzeitig beobachtenden Exploratoren wieder- 
geben. Scheuermeier hat auf unsere Instruktion hin, wenn er sie 
festzuhalten vermochte, wiederholte Antworten seiner Gewährsleute, 
die voneinander abwichen, stets notiert. Dabei hat er durch eine 
besondere Form der Unterstreichung unsicher gehörte Formen ge- 
kennzeichnet, hie und da auch absolut sicher gehörte Lautungen 
hervorgehoben, die ihm besonders auffielen. Wir reproduzieren 
auf den Karten des AIS alle diese Feststellungen mit vielleicht 
übertrieben scheinender Pedanterie.e Dem aufmerksamen Beobachter 
geben sie die wertvollsten Andeutungen über gewisse Lautentwicklungs- 
tendenzen, über auswärtige Einflüsse usf.; den Praktiker lassen sie 
die Aufnahmen gleichsam miterleben. 

Wie aufschlufsreich sind z. B. die Transkriptionsschwankungen 
bei den stimmhaften intervokalen Explosiven in Venetien! Man 
vergleiche etwa die Formen für pecora: dyfora, py&gora, pl. Pyegore 
in P. 385 Cavarzere, Py£gyra, dann zögernd fy£vpra, pl. Pyerore in 
P.364 Campo S. Martino, oder bei dem wiederholt in verschiedenem 
syntaktischem Zusammenhang abgefragten fuoco: P. 360 s/@ ki al 
ftgo „bleibe drinnen am Feuer“, sopyar indgl föh „soffiare sul 
fuoco“, bei der Wiederholung /ögP, el fg? 1 g mgrig „il fuoco & 
spento“; in 372 Raldon argnte ffögg „accanto al fuoco*, soßydr el 
fögo, el föo le mgrto, in P. 345 Vas: taka 1 fo, süfa tel fögo (wohl 
Imperativ statt des gefragten Infinitivs). Intervokales d erscheint 
an manchen Orten bald als d, bald als d mit übergeschriebenem d, 
womit eine leichte Lösung des Verschlusses angedeutet wird, z.B. 
in 345 Vas nut, nüdi, aber fra /uta nüdda „era tutta nuda*, in 
346 Tarzo Za kärne krüdda, aber rizo krüdo ustf. 

Die unten S. 209 zu erwähnenden Unstimmigkeiten in der Wieder-' 
gabe des bergünischen Nasals bei Lutta und Scheuermeier ist 
man auf ungenügende Perzeption von Seiten Scheuermeiers zurück- 
zuführen geneigt. Allein die Bemerkungen von Lutta, Dialekt von 
Bergün 8 260 zeigen, dals zum mindesten die Resultate des Nexus 
NGA und NGU schwankende sind: Zunga „Zunge“ kommt neben 
langa, san „Blut“ neben sarc vor. So ist es nicht verwunderlich, 
dafs wir bei Scheuermeier san? „Blut“, dalen® „sofort“, fsanga 
„Zange“, danga „Zunge“ neben Zend „Butter“ finden. 

Man mag einwenden, dafs, wo ein einziger Explorator notiert, 
sich nicht mit Sicherheit feststellen läfst, ob es sich um Aussprache- 
oder um Gehörsschwankungen handelt. Und in der Tat werden 
die nachfolgenden Erörterungen zeigen, dafs es äulserst schwierig 


! Sollte es sich nicht mit andern Verbindungen (z. B. vents „zwanzig“, 
Sch. vgiits) analog verhalten ? 


184 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


ist, beides zu trennen. Wir haben aber bei gemeinsamen Aufnahmen 
mit Scheuermeier und mit andern oft genug dieselben lautlichen 
Varianten nebeneinander gesetzt wie unsere Begleiter. Einige Bei- 
spiele dafür findet man in den unten wiedergegebenen Vergleichs- 
aufnahmen. Bemerkenswert ist auch, dals in den oben zusammen- 
gestellten Beispielen für die Notierungen von Gauchat und Jean- 
jaquet die Schwankungen innerhalb der Lautserie grölser sind als 
die Abweichungen zwischen den beiden Exploratoren. Das würde 
noch deutlicher hervortreten, wenn man aus den Tadkauxr ersehen 
könnte, ob beide dieselbe Antwort des Gewährsmannes oder ver- 
schiedene Wiederholungen derselben wiedergeben. Im übrigen hat 
Scheuermeier (etwas weniger ausführlich Rohlfs und Wagner) zu jeder 
Aufnahme phonetische Bemerkungen geschrieben, in denen er sich 
über die objektiven und subjektiven Grundlagen der Inkongruenzen 
seiner Notierungen Rechenschaft abzulegen sucht und in denen er 
auch seine Beobachtungen an der spontanen Rede sowohl seines 
Gewährsmannes als auch anderer Personen niederlegt. Wir hoffen, 
den Benutzern des AIS früher oder später diesen wertvollen Kom- 
mentar zugänglich machen zu können. Wir entnehmen ihm hier 
nur einige Andeutungen über besonders weit verbreitete und z. T. 
auch von uns selbst beobachtete lautliche Schwankungen. 


Die eben erwähnten Transkriptionen der stimmhaften inter- 
vokalen Explosivae in venetischen Mundarten finden ihre Erklärung 
in der Bemerkung zu 345 Vas (denen sich andere anreihen lielsen): 
„Man spricht hier im allgemeinen rasch und artikuliert nachlässig. 
Für die spontane Unterhaltung in der Umgebung des Gewährs- 
mannes trifft das in noch höherem Grade zu als für seine eigenen 
Antworten. Besonders die zwischenvokalischen Explosivae werden 
häufig flüchtig und undeutlich ausgesprochen, so dafs sie leicht 
verwechselt werden können.“ 


In obwaldischen und in zentralladinischen Mundarten wird der 
Verschlufs bei der Artikulation von £ oft so stark gelöst, dafs an 
seiner Stelle ein y erscheint, gfoya statt Sfrga, dumfnya neben 
dumenga in P. ıı Surrhein, vdya neben vera „Nadel“ in 314 Penia 
(Canazei). Ähnlich verhält sich £ im venetischen Gebiet: „g bat 
im Zusammenhang, schreibt Scheuermeier zu P. 375 Gambarare 
(bei Venedig), wie häufig auch anderswo in Venetien, eine schwache, 
unklare Artikulation, so dals man oft fast den Eindruck von y, & 
£, Z hat; ich bin nicht nur schwankend in der Transkription, 
sondern der Gewährsmann schwankt wirklich auch in der Aus 
sprache: kafgyo „capello*; Zyasa, $yasa „gela*; yfra, Eyära (un- 
sicher gehört), gära „ghiaia*; 7a yuya (unsicher gehört), yuga „la 
troia“ usf. Von aufserordentlicher Labilität ist in demselben Gebiet, 
wie wir uns bei gemeinsamen Aufnahmen mit Scheuermeier über- 
zeugt haben, intervokales /, z.B. in a/a, was in den Graphien 7, 4%, 


Z,y, 3, y zum Ausdruck kommt. „Das / wird ganz verschieden 
ausgesprochen“, bemerkt Scheuermeier zu P. 393 Fratta im Polesine. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 185 


„Es schwankt je nach Zusammenhang, Tempo und Bewulstssein 
des Sprechenden von der normalen Artikulation über mouillierte 
und 9 ähnliche Formen bis zum völligen Schwund. Je deutlicher 
der Gewährsmann reden will, desto mehr nähert sich der Laut ? 
oder /.“ Schriftsprachliche Einflüsse können die Verhältnisse noch 
komplizieren. „Der Schwund von intervokalem /, lesen wir in den 
Bemerkungen zu P. 354 Romano (im Vicentinischen), scheint dem 
Gewährsmann als Mundarteigentümlichkeit nicht recht bewulfst zu 
sein. Bald fällt es, bald erscheint es als mehr oder weniger starkes y, 
bald, besonders bei bewulstem Wiederholen, als deutliches /, hier 
und da auch als weniger deutliches und reduziertes £ Ich bin 
nicht sicher, ob es sich bei diesem / um literarischen Einfluls oder 
um die alte bodenständige Form handelt [um letzteres wohl kaum!]. 
Die jüngeren Angehörigen der Familie haben es nicht, sondern 
lassen es fallen oder artikulieren yY“. 

Für lombardische Mundarten ist die Labilität von intervokalem 
v charakteristisch; e und o variieren fast in ganz Oberitalien in 
ihrem Öffnungsgrad; die canavesischen Dialekte zeichnen sich durch 
gelegentliche emphatische Längung der intervokalen Konsonanten 
aus; in der Toskana wird bei den intervokalen stimmlosen Explosiven 
der Verschlufs beim raschen Reden mehr oder weniger stark ge- 
lockert, so dafs mannigfache spirantische Formen erscheinen; die 
römischen Mundarten schwanken zwischen schwacher und starker 
Expiration, Stimmhaftigkeit und Stimmlosigkeit bei den Explosiven 
und Spiranten; in den Abruzzen sind die Diphthongierungsresultate 
gewisser Vokale je nach dem Sprechtempo verschieden usf. 

Bei gewissen schwachbetonten Wörtern wie z. B. dem Artikel 
und den Personalpronomen häufen sich die lautlichen Spielformen. 
So erscheint das Personalpronomen der ı. Person in Mathon (Schoms, 
Graubünden) als gpw, ypw, ypw, y9, 30, 5b 6 Q. 

Je nach den Gegenden sind es, wie auch Gauchat, Tablaux 
S. XV bemerkt hat, andere Elemente des Lautsystems, die sich im 
Flusse befinden. Es liefsen sich auch stabile und labile Mundarten 
einander gegenüberstellen.! So sind z.B. die bündnerischen Mund- 
arten weit fester als die frankoprovenzalischen. Städtische Mundarten 
weisen im allgemeinen weniger satzphonetische Schwankungen auf als 
bäurische Dialekte. Es hängt dies damit zusammen, dals der Städter 
unter dem Einflusse der Schriftsprache und der Schule bestimmter 
und schärfer artikuliert als der Bauer; doch spielt dabei auch die 
Verfestigung und Selbstsicherheit der städtischen Kultur eine Rolle. 
Schwierig gestaltet sich oft die lautliche Perzeption an kultur- 
fremden und isolierten Orten. Als besonders dornenvoll vermerkt 
Scheuermeier z. B. die Aufnahmen ıı Surrhein (Bündner Oberland), 
140 Rochemolles am Mont CE£nis, 222 Germasino am obern Comersee, 
307 Padola in der Provinz Belluno, 443 Comacchio usf.e. Doch 
gilt hier keine Regel; klare und eindeutige Lautsysteme können 


! Vgl. hierzu Gauchat, Zudlaux, S. XI. 


186 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


auch in bäurisch-bodenständiger Kultur erwachsen, wie das gewisse 
deutschschweizerische und bündnerische Mundarten zeigen. 

Abweichende Aussprache verschiedener Individuen verzeichnen 
die Atlaskarten, auf denen nicht vom Gewährsmann stammende 
Formen an dem vorgesetzten Sternchen zu erkennen sind, recht 
oft, und weiteres Material bieten die phonetischen Anmerkungen. 
Hier Beispiele anzuführen, ist wohl nicht nötig. 

Dafs es sehr weitgehende und je nach den Mundartgebieten 
verschieden gerichtete Ausspracheschwankungen bei der Wiederholung 
desselben Wortes durch dasselbe Individuum — besonders im Satz- 
zusammenhang, aber auch isoliert —, innerhalb der individuellen 
Gestaltung der Lautserie und endlich in Bezug auf das Wort und 
die Lautserie bei verschiedenen Individuen gibt, unterliegt keinem 
Zweifel. Die Variationen gehen, wie oft gesagt worden ist, auf 
zwei Gruppen von Tatsachen zurück, einmal auf die verschiedene 
psychische Einstellung des Sprechenden, die sich in Redetempo, 
Nachdrücklichkeit, Betonung, Gefühlsausdruck usf. äufsert, andrer- 
seits auf die Erscheinungen der inneren, d.h. der innerhalb der 
kleineren oder gröfseren Sprachgemeinschaften sich vollziehenden 
Sprachmischung. Beide Faktoren zu trennen, möchte nur einer 
eingehenden psychologischen und soziologischen Analyse gelingen. 
Diese Analyse hier vorzunehmen, ist nicht unsere Absicht. Da- 
gegen haben wir noch auf die der natürlichen Rede zuwider- 
laufenden Bedingungen hinzuweisen, die die gesteigerte Mannig- 
faltigkeit der in den Atlasaufnahmen festgehaltenen Lautbilder 
erklären. 

Man halte sich stets gegenwärtig, in welch unnatürlicher Situation 
sich der Auskunftgeber dem Ausfrager gegenüber befindet. Er sitzt 
stunden-, ja tagelang am Tischchen bei einer ungewohnten Be- 
schäftigung; er unterhält sich nicht in seinem Dialekt, sondern er 
antwortet auf schriftsprachliche Fragen; die Fragen reihen sich 
zwar in möglichst natürlicher Folge aneinander, aber der Verlauf 
des Gespräches wird doch immer wieder unterbrochen. Der Be- 
fragte hat das Bewulstsein, deutlich reden zu müssen, damit sein 
Partner aufschreiben kann, was er sagt. Es gibt Gewährsleute, die 
dieser Situation während der ganzen Aufnahme nicht Meister werden 
und daher unnatürlich aussprechen, andere — die guten Auskunft- 
geber —, die ihren Aplomb nie verlieren und auch dem Ausfrager 
gegenüber ihr natürliches Tempo bewahren, solche, die während 
der Aufnahme besser, andere, die schlechter werden, und endlich 
Leute, die fortwährend von einem Extrem ins andere fallen. Die 
momentane Disposition, der Grad der Ermüdung, Interesse oder 
Gleichgültigkeit der Aufgabe gegenüber, eine je nach dem Charakter 
der Fragen sich oft sprunghaft verändernde psychische Einstellung 
beeinflussen in hohem Grade den phonetischen Charakter der 
Antwort. Wie die Ermüdung einen guten Gewährsmann verderben 
kann, zeigt in typischer Weise das Beispiel eines bodenständigen 
Schuhmachers aus Pisa, der zuerst gute, einheimische Mundart gab, 


TRANSKRIPIIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 187 


im späteren Verlauf der Aufnahme aber nicht mehr dazu gebracht 
werden konnte, natürlich auszusprechen, so dals z. B. intervokales % 
in den Materialien der ersten Sitzung schwindet, in den späteren 
Sitzungen als 2 erscheint. Scheuermeier deutet das wohl richtig 
rein psychologisch: Es wurde dem Manne zu langweilig, die nur 
geringe Abweichungen zeitigende Umsetzung der Frage in die 
Pisanermundart vorzunehmen — so wiederholte er bei lexikologischer 
oder morphologischer Identität die schriftsprachliche Frage. Wir 
haben auch wiederholt beobachtet, dafs an der Aufnahme nicht 
beteiligte Personen — die Frau, die Kinder oder andere Verwandte 
des Befragten — in ihren Zwischenbemerkungen bodenständiger sein 
können als der vielleicht besser informierte Gewährsmann, weil ihre 
geistige Frische nicht unter einer unnatürlichen Situation gelitten 
hat. Im Grunde identische satzphonetische Verhältnisse können bei 
Aufnahmen benachbarter Mundarten ein ganz verschiedenes Aussehen 
bekommen, je nachdem der Befragte schüchtern oder kouragiert, 
gleichgültig oder interessiert, schulmeisterlich oder natürlich, leicht 
erregbar oder apathisch, affektisch oder verstandesmäfsig eingestellt 
is. Dazu kommt noch die Scheu des Ausgefragten, insbesondere 
des sozial tiefer stehenden, dem fremden Explorator gegenüber, 
die ihn trotz aller Belehrung immer wieder dazu führt, besser zu 
reden als er es gewohnt ist, also Laute höher gewerteter Mund- 
arten oder der übergeordneten Schriftsprache einzuführen. Ver- 
hängnisvoll kann die konstante oder die vorübergehende Gegenwart 
anderer Personen werden, wenn diese weniger bodenständig und 
zum Spotte geneigt sind. Umgekehrt kommt es auch vor, dals ein 
Gewährsmann im Übereifer archaischere Formen gibt, als er sie in 
der täglichen Rede gebraucht, was fast unfehlbar eine Mischung 
von Sprachformen zur Folge hat, von all den Produkten der Sprach- 
mischung nicht zu reden, die sich auch in der normalen Unter- 
haltung natürlich ergeben. 

Wer von einem Sprachatlas Einheitlichkeit der lautlichen Ver- 
hältnisse erwartet, wird bitter enttäuscht werden. Wer die Mannig- 
faltigkeit zu deuten versteht, wird freilich darin eine reiche Quelle 
der Belehrung finden. Man suche die phonetische Wahrheit nicht 
in der einzelnen Antwort, sondern in den allgemeinen Tendenzen, 
die sich aus der Vergleichung ganzer Gruppen von Lautungen 
ergeben, wie das Hubschmied in seiner originellen und ergebnis- 
reichen Arbeit zur Bildung des Imperfekts im Frankoprovenzalischen 
gelehrt hat. 1 


IV. Gehörsschwankungen. 


Die Zuverlässigkeit der lautlichen Perzeption eines Dialekt- 
forschers wird bestimmt durch seine Gehörsschärfe, durch seine 
momentane Disposition (Ermüdungserscheinungen), durch seine 


1 Beihefte sur Zs., Heft 58 (1914). 


188 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


heimatlichen Lautgewohnheiten, durch seine Erfahrung 
(Gewöhnung) und durch den Grad seiner Suggestibilität. 

Über die Rolle der Gehörsschärfe zu reden, hat wohl 
keinen Sinn. Es sei hier blofs darauf hingewiesen, dafs schlecht- 
hörige Forscher nicht notwendigerweise groben Gehörstäuschungen 
unterliegen. Sie lassen sich die Antworten so laut sagen und so 
oft wiederholen, dafs grobe Irrtümer kaum vorkommen. Die feinen 
Varianten der Aussprache gehen dabei allerdings verloren. 

Die Aufnahmen für unsern Sprachatlas mufsten oft in lang- 
dauernden Verhören durchgeführt werden. Kurze und über längere 
Zeit sich hinziehende Sitzungen verboten sich schon aus finanziellen 
Gründen, waren aber auch meist nicht mit den Wünschen der 
Gewährsleute vereinbar, die möglichst rasch zu ihrer gewohnten 
Arbeit zurückkehren wollten. Dafs unter diesen Umständen ge- 
legentlich auch bei so zähen und energischen Naturen wie Scheuer- 
meier eine gewisse Ermüdung eintrat, ist leicht verständlich. Es 
gibt keinen Menschen, der mit einer stets gleich gespannten Auf- 
merksamkeit Sinneseindrücke aufzunehmen und zu registrieren ver- 
möchte. Die Ermüdung beugt selbst den stärksten Willen, und 
wie jeder Arbeiter unterliegt auch der Explorator um so mehr der 
Routine, je weniger frisch er ist. Es ist, wie Scheuermeier selbst 
bemerkt, wohl öfters vorgekommen, dafs er anfänglich mit kon- 
zentrierter Aufmerksamkeit alle Schattierungen eines Lautes fest- 
zuhalten versuchte, im weiteren Verlauf der Aufnahme sich aber 
mit einer vereinfachenden Transkription begnügte, die theoretisch 
als gleichwertig erkannte Nüancen unter einem Generalnenner ver- 
einigte, mit andern Worten, dafs er aus der impressionistischen in 
die schematisierende Methode zurückfiel. Das mag z.B. der Fall 
sein, wenn er den charakteristischen Diphthong der Gegend von 
Somvix im Bündner Oberland, den die Schriftsprache mit au wieder- 
gibt (maun „Hand“), in Punkt ıı Surrhein zunächst mit aw, «w, 
ew, gew mit übergeschriebenem « transkribiert, dann aber bei aw 
stehen bleibt.1 Freilich ist nachträglich sehr schwer zu entscheiden, 
ob es sich im einzelnen Falle um das Aufgeben des Kampfes mit 
der wechselnden Erscheinung des Lautes oder um das definitive 
Erfassen eines Gehörseindruckes handelt, der anfänglich subjektiv 
variierte, ? 

Die Rolle, die heimatliche Lautgewohnheiten als Trans- 
skriptionsmalsstäbe spielen, ist schon angedeutet worden. Sie be- 
stimmen aber auch in hohem Grade die Perzeptionsfähigkeit des 
Forschers. Jaberg hat ein sehr feines Ohr für die Wahrnehmung 
der offenen Aussprache von 3, u und ä, weil alle drei in seiner 


ı Der Laut klingt, von der Nasalierung abgesehen, ähnlich wie 80 in 
port. mäo. 

2 Vgl. Gauchat, Tadleaux S. XI, der bemerkt, dafs die Unterschiede 
zwischen den Notierungen zweier Forscher gegen Ende der Aufnahme ab- 
nehmen, wofür er z. T. andere als die oben genannten und gewifs auch nicht 
zu leugnende Gründe anführt, 


nn 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 189 


Mundart (Langenthal im Oberaargau) sowohl lang als auch kurz 
vorkommen: mir, 14, für, rynt, rint, sünt („mir*, „du*, „Türe“, 
„rund“, „Rind“, „Sünde“) neben v7, sär, tür („Wein“, „sauer“, 
„teuer“) mit geschlossenem 3, # und ö (hier fehlt die kurze Varietät). 
Scheuermeier, der in seinem Heimatdialekt 4, 5 und 4 nicht oder 
doch wenigstens nicht so scharf charakterisiert besitzt, hat mehr 
Mühe, sie festzuhalten, und Italiener notieren sie meist gar nicht. 
Einem Östschweizer (St. Galler), der bei einer Aufnahme für das 
Wiener Phonogrammarchiv die Mundart von Ja. transkribierte, ent- 
ging die Nüance deswegen des öftern, weil auch er sie in seinem 
Dialekt nicht besitzt. Umgekehrt wird es Ja. schwer, die zwischen 
f, y und g, g liegenden Varietäten scharf zu unterscheiden und 
einzuordnen. So schwankt er z. B. in der Transkription der lom- 
bardischen Resultate von vlat. 9 (etwa in Certenago in der Nähe 
von Lugano) zwischen % und 9 (ne’ät oder ne’öt?). Es ist ihm 
zwar von Anfang an klar, dafs der Laut im allgemeinen etwas 
offener ist als sein 4; aber er ist nicht sicher, ob er näher bei % 
oder bei g liegt. Der Pflock p sitzt, trotzdem er Ja. aus dem 
Hochdeutschen, aus andern Schweizerdialekten, aus dem Franzö- 
sischen und dem Italienischen durchaus geläufig ist, nicht ganz 
fest: hinzugelernte Laute sind nie so absolut sichere Mafsstäbe 
wie die von Kindheit an geläufigen. Wer in seiner Mundart % 
und p besäfse, würde wahrscheinlich ohne Zögern zu dem 9 ge- 
griffen haben, das Ja. nachträglich als das richtigste erschien. 
Der Mittelitaliener dagegen, der als konstitutive Laute! z und 
9, nicht aber % kennt, würde 9 wohl unter p subsumiert haben. 
Der geringe Öffnungsgrad seiner heimischen £ und g, die sie recht 
nahe an ital. etc. 4, p rücken, mögen schuld daran sein, dafs Ja, 
gelegentlich zwischen g und g£, p und p schwankt, wenn er einem 
e oder o begegnet, das zwischen beiden Nüancen ungefähr in der 
Mitte liegt und besser ohne diakritisches Zeichen notiert würde, 
während er die £ und p, die offener sind als die seinigen, unzwei- 
deutig wahrnimmt. | 

er ähnliche Beobachtungen berichtet Lutta, Der Dialekt 
von Bergün S. 26 mit Bezug auf das für die mittelbündnerischen 
Mundarten charakterisiische sehr geschlossene &£ [das g unserer 
Transkription], das ihm als Oberengadiner von seiner Heimatmundart 
her nicht geläufig war: „Herr Dr. Luzi [ein Mittelbündner], dem 
der sehr geschlossene 4-Laut von Haus aus vertraut ist, notiert 
öfters sehr geschlossenes £ (a3&, vekt, vegda), wo ich nur geschlos- 
senes e hörte, und umgekehrt nur e (e/), wo ich sehr geschlossenes 
£(&/ „Tür“) notierte“. Es ist anzunehmen, dafs hier Luzi richtiger 
hörte als der im übrigen sehr feinhörige Lutta. Laute, die man 


1 Konstitutiv nennen wir Laute, deren sich der Sprechende bewufst ist — 
die also nicht etwa blofs unter gewissen satzphonetischen Bedingungen auf- 
treten — und die bedeutungsbildend sein können. Vgl. z.B. in Ja.s Mundart 
sörg „sauer werden“, syra@ „surren“. 


190 | KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


in seiner eigenen Mundart besitzt, identifiziert man leicht; Ab- 
weichungen davon mit absoluter Richtigkeit einzuschätzen, ist kaum 
möglich. 

Die Perzeptionsfähigkeit für Stimmhaftigkeit eines Lautes wird 
sich der deutschschweizerische und der süddeutsche Romanist, der 
sie von Hause aus nicht kennt, in jahrelanger Übung erwerben 
und groben Verhörungen nicht ausgesetzt sein. Eine gewisse Un- 
sicherheit kommt aber doch über ihn, wenn er in Gebiete gelangt 
wie das der römischen Mundarten, wo die toskanischen stimmliosen 
Laute unter gewissen Bedingungen bald als stimmhafte, bald als 
stimmlose Lenes auftreten. So schreibt Scheuermeier in dem am 
Fulse der Sabiner Berge gelegenen Palombara (P. 643), wo Ja. einem 
Teil seiner Aufnahme beigewohnt hat: zfdp „vuoto“, mit dem 
konventionellen Zeichen für unsicher Gehörtes, in der Wiederholung 
völo; oder in Ja. 3 Aufzeichnungen findet sich für /a spıga als erste 
Notierung a spika, wiederholt spiga, korrigiert in spfka. In Serrone 
bei Paliano in den Sabinerbergen (P. 654) schreibt Ja. no dgrmeng 
„un termine“ „und korrigiert np frmeng, im Satzzusammenhange 

. dyfsi goppe „dieci coppe* (ein F eldmafs) und isoliert /a kjppa, 
10 io kasyöng ‘der Garbenhaufen’, korrigiert zp ‚kasyöng usf. 

Dafs unter diesen Umständen bei zwei gleichzeitig notierenden 
Exploratoren Abweichungen vorkommen, ist selbstverständlich; der 
Erfahrene wird sich eher darüber verwundern, dafs Scheuermeier 
und Ja. in Palombara in weitaus den meisten Fällen miteinander 
übereinstimmen (vgl. unten S. 204 fl.). 

Dafs der Schweizer die in seiner Mundart so bedeutungsvollen 
Unterschiede zwischen langen und kurzen Vokalen und zwischen 
Lenis und Fortis leicht wahrnimmt, ist ebenso verständlich, wie 
dals der Italiener sie vernachlässig. Umgekehrt hat der Mittel- 


1 Auch Scheuermeier hat in Serrone schwankende Notierungen, weist 
aber in seinen phonetischen Bemerkungen besonders auf die gewils nicht zu 
leugnende Tatsache hin, dafs bei demselben Wort die Aussprache zwischen 
stimmhafter und stimmloser Lenis und Fortis schwanken kann. In der natür- 
lichen Rede herrscht die leicht stimmhafte Lenis vor; beim Isolieren des 
Wortes kann stimmlose Lenis und bei bewufstem, verdeutlichendem Wieder- 
holen sogar stimmlose Fortis eintreten. 

Italienische Forscher haben — ihrer auf die schematisierende Transkription 
gerichteten Einstellung gemäls — unter Vernachlässigung der satzphonetischen 
Nüancen, vor allem den normalen Charakter der in Frage stehenden Laute 
festzustellen versucht. Es gereicht dem ausländischen Sprachforscher zum 
Troste, dafs sie — ebensowenig wie bei tosk. € — nicht zu einem befriedigenden 
Resultate gekommen sind, wie besonders aus Merlo, Fonolopia del Dialetto 
di Sora, Pisa 1920, S.124 Anm.1I hervorgeht, wo eine sichere Entscheidung 
über Sonorität oder Nichtsonorität der Experimentalphonetik zugeschoben wird. 
Die Anmerkung bezieht sich zwar auf die Explosiven nach Nasal, aber gilt 
ebensosehr für die intervokalen stimmlosen Explosivae, die „einen Teil ihrer 
Artikulationskraft verloren haben, so dafs sie sich den entsprechenden stimm- 
haften Lauten nähern“ (Merlo, ebenda). 

Vgl. auch Carlo Battisti, Ze dentali esplosive intervocaliche nei dia- 
betti italianı in Prinsipienfragen der Romanischen Sprachwissenschaft, Bh. 28a 
der Zs., S. 168 fl. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 101 


und Unteritaliener (nicht der Oberitaliener) ein feines Gefühl für 
die Längung von Explosiven und Spiranten, das dem Schweizer — 
und wohl auch dem Franzosen — abgeht, weil er sie nicht besitzt: 
sein Ohr ist auf den Unterschied zwischen Lenis und Fortis ein- 
gestellt, der bei ihm den Unterschied zwischen einfacher und ge- 
längter Explosiva und Spirans ersetzt. Anders verhält es sich mit 
den Liquiden und Nasalen, wo einzelne dtschschweiz., z. B. die 
Berner Mundart, zwischen einfacher und gelängter Konsonanz 
deutlich unterscheiden. Es ist bezeichnend, dafs der trotz Seiner 
westschweizerischen Abstammung in berndeutschen Lautgewohn- 
heiten aufgewachsene Louis Gauchat meines Wissens der erste 
Forscher gewesen ist, der die für viele westschweiz. Mundarten so 
charakteristische Längung von » im Typus efrnna „epine“ zum 
Ausdruck gebracht hat,1 während die Westschweizer Cornu (Val 
de Bagnes), Gillieron (Vionnaz) und der Franzose Edmont (vgl. 
ALF Karte 476 Epine) nichts davon wissen. Man vergleiche auch 
Kolonne 272 Epines der Tudleaux phonstigues: der so feinhörige 
Neuenburger Jeanjaquet nimmt die Längung des » doch viel 
weniger häufig wahr als Gauchat und Ja. (vgl. unten S. 214). Offenes 
I #, Z notiert er als Westschweizer viel seltener als die Deutsch- 
schweizer Gauchat und Tappolet, die die Laute in ihren Mundarten 
besitzen (vgl. Tabl. phon. XVIf.). Dagegen hat er ein feineres 
Gefühl für die Nasalierung. 

Die Gehörsmängel, die auf dem muttersprachlichen Lautsystem 
beruhen, können durch Übung mehr oder weniger gutgemacht 
werden. Es bedarf einer gewissen Gewöhnung, um mit den 
Lauten einer noch nie gehörten Mundart vertraut zu werden. Dafs 
aus äulsern Gründen den Atlasaufnahmen an den einzelnen Orten 
kein längerer Aufenthalt vorausgehen konnte, ist eines der Momente, 
die die unbedingte Zuverlässigkeit der Transkriptionen der Explora- 
toren beeinträchtigen mögen. Eine gewisse Kompensation dieses 
Nachteils liegt darin, dafs die Artikulationsgewohnheiten nicht von 
Ort zu Ort wechseln, sondern im allgemeinen auf grölseren Gebieten 
gleichartig sind. Der Fxplorator wird also die Schwierigkeiten, 
denen er beim Betreten von phonetischem Neuland begegnet, nach 
und nach überwinden lernen. Für den Benutzer des Atlasses ist 
daraus die Lehre zu ziehen, dafs er bei der Beurteilung der 
Transkription die Chronologie der Aufnahmen, die im Ortschafts- 
verzeichnis berücksichtigt wird, nicht vernachlässigen darf. Es ist 
auch oft innerhalb der einzelnen Aufnahme zu beobachten, dafs 
die Sicherheit sich bei bestimmten Lauten erst nach und nach 
einstellt. 

Im bergellischen Soglio stöfst Scheuermeier auf ein stark redu- 
ziertes stimmloses z, das oft mit einer kleinen Pause an den vorher- 
gehenden Vokal angeschlossen wird. Er schreibt darüber: „Grolse 
Mühe machte mir die Perzeption des auslautenden » nach dieser 


I Vgl. Zs. 14 (1890), 435 (Patvis de Dompierre). 


192 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


Pause. Deutlich war es nach #: saf*, pantg‘* usf., schwierig aber 
nach e und 5. Bei der Reduktion des Lautes und bei seiner 
Stimmlosigkeit fiel es mir anfänglich sehr schwer, zu erkennen, ob 
» oder # vorliege. Erst durch den Vergleich mit ähnlichen Fällen 
wurde ich im Verlaufe der Aufnahme sicherer: Nicht /£*, sondem 
Ser, bE*, mf*, Sf". Herr Giovanoli [ein zum Vergleich herbei- 
gezogener gebildeter Gewährsmann] spricht immer volles stimm- 
haftes n:/£n; so auch Pool [der Gewährsmann für die Aufnahme, ein 
Bauer] im Satzzusammenhang: al /£n al seka. -A besteht daneben 
deutlich wie sonst in dA, avdon, pün, piN etc.“ 

Im südlichen Piemont macht Scheuermeier das charakteristische 
ungerollte r Schwierigkeiten, als er ihm zum ersten Male be- 
gegnet. „Z/ und r können deutlich unterschieden und normal 
artikuliert auftreten“, lesen wir in den phonetischen Bemerkungen 
zu P. ı56 Castelnuovo (Prov. Alessandria), „daneben hörte ich bald 
für beide einen neuen Laut, der mich verblüffte, und den ich zuerst 
für ein schlecht artikuliertes reduziertes / hielt: nf'a, langsam wieder- 
holt ng-rd „nuora*, s&', Tochter des Gewährsmannes s@r7 „(capelli) 
lisci“, dalid, Tochter barid „guercio*, A&', Tochter k$r „Herz“. 
Dann merkte ich, dafs es sich um einen immer wiederkehrenden 
typischen Laut handelte: ein nicht gerolltes, oft schwach artikuliertes 
oder reduziertes r, das r unseres Systens.“ 

In derartigen Fällen, wo der doch wohl identische Laut mit }, 
r, r, 7 wiedergegeben wird, handelt es sich um ein tastendes Er- 
fassen des Gehörseindruckes, um den Kampf des Explorators mit 
der flüchtigen Erscheinung. Eine Transkription ist stets nur an- 
deutend, die feine Skala der wirklichen Klänge vermag sie nie 
ganz zu erfassen. Ganz besonders ausgesprochen muls aber der 
skizzenhafte Charakter der phonetischen Fixierung bei einem Sprach- 
atlas sein, der grolse Gebiete umfalst. Scharfe Konturen darf man 
hier nicht verlangen; was geboten wird, ist vielmehr mit den neben- 
einander gelegten, suchenden Bleistiftstrichen des Künstlers zu 
vergleichen, aus denen der Betrachter das Gültige herauslesen muls. 
Man lese die Transkriptionen des AIS knitisch, im vollen Bewnulst- 
sein der Unvollkommenheiten, die ihnen anhaften müssen, chne 
von ihnen mehr zu verlangen, als was sie geben können und 
wollen. Durch Andeutung der subjektiven Unsicherheiten der Ex- 
ploratoren auf den Karten weisen wir dem Benutzer mit Absicht 
den Weg der Kıitik. 

Der schlimmste Feind einer zuverlässigen Transkription ist die 
Autosuggestion. Die Gefahr ist besonders grols beim bewulst 
arbeitenden Sprachforscher, vor allem bei demjenigen, der es auf 
die Erfassung gewisser Lautgesetze abgesehen hat. Typisch ist, 
was Gauchat in ZunilE phonttiyque dans le palois d’une commune 
(Sonderabdruck S. 43) gesteht: „Le phenomene de d en passe 
de devenir ao m’a beaucoup intrigue depuis mon premier sejour 
en Gruyere; c’est, parmi les sons charmeysans mobiles, celui 
qui m’a daabord frappe. Au commencement j’avais si bien 


Tage 0 are ehe ee ee 


a 


® 
TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 193 


idee que a latin devenait d dans ce dialecte que je m’ob- 
stinais, pour ainsi dire, ä noter d,! jusqu’& ce qu’un mot me 
mit sur la bonne voie. En demandant les noms des outils servant 
au tressage de la paille, je vis sur la table une planchette que la 
tresseuse me designa par 9 Zaw. Ne reconnaissant pas de suite 
l’etymologie du mot, force me fut de m’en tenir & l’impression 
acoustique. Un moment plus tard, ayant appris que la planchette 
servait ä mesurer les brins de paille prepar&s pour la tresse, je 


compris que c’etait le mot latin quartu (guar/ d’aune = 30 cm) 
et j’etais averti au sujet de d — ao.“ Wie viele Dialektologen 
könnten ähnliche Geständnisse ablegen — wenn sie den Mut dazu 
fänden | 


Weniger gefährdet sind Nichtfachleute wie Edmont oder nach- 
drücklich Gewarnte wie Scheuermeier; aber es ist eine Illusion, zu 
glauben, die Suggestion spiele bei ihnen keine Rolle. Der Satz, 
dafs alles, was einmal bewulst war, im Unbewulsten nachwirkt, hat 
auch hier seine Richtigkeit. Phonetische Erfahrungen klingen nach 
und können den unmittelbaren Gehörseindruck fälschen. So glaubt 
Ja. bei den gemeinsamen Aufnahmen mit Scheuermeier auf vene- 
tischem Gebiete bemerkt zu haben, dafs dieser anfänglich unter 
dem Eindruck der vorangegangenen lombardischen Aufnahmen 
betonte Vokale gewohnheitsmälsig als lang notierte, wo Ja., der die 
letzten Dialektstudien in der durch die Häufigkeit kurzer betonter 
Vokale charakterisierten Toskana gemacht hatte, kein Zweifel an 
der Kürze des Vokals zu bestehen schien. Und Gauchat will 
bei dem mit den Wallisermundarten besonders gut vertrauten Jean- 
jaquet bemerkt haben, dafs er bei der Transkription den Frei- 
burger Mundarten eine leichte walliserische Färbung gab: „un brin 
de couleur valaisanne* (Tabl/aux S. XII). 

In besonders frappanter Weise äufsert sich, wie Jaberg Xo. 
50 (1924), 281 dargetan hat, die Autosuggestion der eigenen 
Mundart gegenüber. Die Idealvorstellung des Lautes übertönt hier 
die unbefangene Wahrnehmung besonders der Schnellsprechformen. 
Der Toskaner, der in natürlicher Rede cufola, safone, rafa? etc. 
(mit labialem /) spricht, leugnet die Existenz dieser Formen, weil 
sie langsam und deutlich gesprochen cupola, sapone und rapa lauten. 
Die Suggestion wird durch schriftsprachliche orthographische Ge- 
wohnheiten verstärkt: Der Römer, der schreiben kann, schaut dem 
Explorator ins Heft und erklärt, er schreibe falsch, man sage nicht 
rabo, arado, spiga, sondern rapa, aralo, spica; und wenn er diese 
Wörter mit bewulfster Artikulation vorspricht, so lauten sie auch 
wirklich so. 

Die Autosuggestion kann unter dem Einflusse der Schrift 
geradezu groteske Formen annehmen. Ein Schüler de Ecole Nor- 


ı Von uns gesperrt. 
2 Scheuermeier scheint etwas anderes gehört zu haben als Ja.; er tran- 
skribiert häufig saßhone, rapha usf. 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIL 13 


194 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


male Superieure in Paris hat Ja. gegenüber einmal steif und fest 
behauptet, er höre den Nasalvokal in franz. vin, vaın, vint und zıngt 
verschieden, und von einem Senesen hat er den sentenziösen Aus- 
spruch gehört: Die Pisaner sprechen schlecht, sie sagen Ja asa, 
wir sprechen das c korrekt, wir sagen Ja Aasa. 

Dafs auch Dialektforscher, besonders wenn es sich um satz- 
phonetische Erscheinungen handelt, derartigen Suggestionen unter- 
liegen, steht aufser Zweifel. \Ver dazu Gelegenheit hat, vergleiche 
einmal den von Abbe Luyet für das Berliner Phonogrammarchiv 
gesprochenen Text aus Saviese (Wallis) mit seiner eigenen, im 
Schweiz. Archiv f. Volksk. 25 (1924), 29 des Separatabzuges veröflent- 
lichten Transkription. Das wirklich Gesprochene weicht, wie Ja 
bei der Phonogrammaufnahme konstatieren konnte, stark von der 
Transkription des Verfassers ab. Herr Luyet hat freilich die Richtig- 
keit von Ja’s Beobachtungen aufs entschiedenste bestritten. 

„Fürchte die Autosuggestion wie den bösen Feind“, stand 
im Vademecum des Explorators, in dem Scheuermeier unsere In- 
struktionen formuliert hatte. Er wird es nicht als Beleidigung 
empfinden, wenn wir die Vermutung aussprechen, dals er so wenig 
wie wir in unsern eigenen Aufnahmen den bösen Feind stets be- 
siegt hat. 


V. Materialien zur vergleichenden Kritik phonetischer 
Transkriptionen.! 


Die nachfolgenden Materialien sollen dem Leser gestatten, 
sich ein selbständiges Urteil über Art und Tragweite der Ab- 
weichungen zu bilden, die sich bei phonetischen Aufnahmen ergeben, 
wenn diese von demselben oder von verschiedenen Forschern mit 
denselben oder mit verschiedenen Gewährsleuten durchgeführt werden. 
Dabei halte man sich gegenwärtig, dafs Notierungsunterschiede 
zwischen zwei Forschern bei der gleichzeitigen Befragung desselben 
Gewährsmannes nicht notwendigerweise Perzeptionsunterschiede dar- 
stellen. Wie schon Gauchat hervorgehoben hat, und wie jeder 
Praktiker weils, ist es bei Dialektaufnahmen unumgänglich, einzelne 
Antworten wiederholen zu lassen; temperamentvolle Auskunftgeber 
wiederholen auch spontan oder korrigieren sich in so rascher Abfolge, 
dals die Feder nicht alles festzuhalten vermag. So geschieht es, 
dals bei gemeinsamer Arbeit häufig der eine Forscher diese, der 
andere jene Antwort notiert. Man beachte im Folgenden besonders 
die Fälle, wo wiederholte Antworten (durch Komma getrennt) fest- 
gehalten wurden. 

Dafs die Abweichungen beim Abfragen isolierter Wörter geringer 
sind als bei Sätzen, ist selbstverständlich. 


1 Man erinnere sich an die Angaben über Transkription und Abkürzungen 
in der Vorbemerkung (oben S. 171 f.). 


fen 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 195 


Zu beachten ist, dafs die Forscher, von denen hier Materialien 
verwendet werden, fast alle auf das impressionistische Verfahren 
eingestellt waren. Nur Ettmayer notierte mehr schematisierend.1 

Dals wir zum Vergleich meist Aufnahmen des einen von uns 
beiden verwenden, wird man verstehen: über die Art, wie die 
Materialien gesammelt worden sind, hat man eine genaue Vor- 
stellung nur dann, wenn man dabei gewesen ist; und eine ver- 
läfsliche Interpretation der Notierungsunterschiede ist nur dem 
möglich, der die in Frage stehenden Mundarten hat sprechen 
hören. 


ı. Traversella (Valchiusella bei Ivrea, Provinz Turin). Der- 
selbe Forscher (Jaberg) hört denselben Gewährsmann zu ver- 
schiedenen Zeiten ab. Der zweiten Aufnahme wohnt ein zweiter 
Explorator bei (Herr Moser, Schüler von Ja.); es wird dabei ein 
umgearbeitetes Fragebuch verwendet. 


FRAGEN JABERG 1909 JABERG ıgı2 MOosER 1912 
ı la foglia la föya,corr. Ja föya, corr. Ja dla; 
fela? dla 2 föle pl. 
2 la radice la rais® la rays larays; b-pl. 
3 la scorza d’un Ja skpröa id., /arüska la skerda, 
albero la rüska 
4 scortecciare..  skurdär id. skursär; 
a skörda 
3. Pers, 
Ind. Pr. 
5 la ciliegia la lärzza la Carfza % la lartza 
6 I pomi comin- ; mait a ku- imaytfı ku imayt a ku- 
ciano a fiorire. moindm a may$an5 mä y82n 
furtr; furir Jyerir 
7 I ciliegi hanno /Carfsga lan Ltarfgalan ’learfzealan 
giä cominciato dakumamdä da kumayn- dd kumäyda 
otto giorni fa. ei di fa Ya at dfa «dd fd 


ı Vgl. Ro. Fo. XIO (1902), 324 fl. 


® corr. = Korrektur des Gewährsmannes, 


— In Trav. ist 7 erhalten. 


Der Gewährsmann liefs sich bei der ersten Antwort vom Gemeinpiemontesischen 


beeinflussen. 


zuerst die gemeinpiemontesische Form entwischte. 
» Mit & bezeichneten Ja. und Mo. die dem ä@ sich nähernde „vocale 
Das diphthong. Element, das Ja. hier mit ; wieder- 


indistinta“ dieses Dialekts. 
gibt, wurde von ihm bei späteren Aufnahmen durch y ersetzt. 


* Verdeutlichend ausgesprochen: diar?sa. 
5 Offensichtlicher Schreibfehler für Aumgyn9an oder kumgydan. 


Es ist bezeichnend, dafs ihm auch bei der zweiten Aufnahme 


13* 


196 


FRAGEN 


8 


10 


11 


12 


13 


14 


15 
16 


17 


Quest’ anno ab- 
biamo avuto 
molti frutti. 
Avreste dovuto 
vedere come gli 
alberi ne erano 
carichi. 
scuotere un 
pero per far 
cascare le pere. 
sbucciare un 
pomo 

Mi sono seduto 
sotto un albero, 
appoggiato 
contro il fusto. 
Un ramo marcio 
mi & caduto sul 
viso. 

Se non man- 
giamo le nostre 
prugne, imputri- 
diranno ben 
presto. 

la pesca 

!’uva 

Le uve son dolci. 


18 dolce f£. pl. 


19 
20 
21 


il grappolo pl. 
la vigna 
la fragola 


JABERG 1909 


stanıan avü 
lanla früta 


Larisse duvü 
vpöe me ka 
le pianig a 
1 fram karıc 

supalär m pair 
por far kayg 
ı pair 

rüskär m mail 


imsunsala sul 
ana pianla, 
puzä kun- 
Ira..? 

mbrank märd 
amgkals 
la tgra. 

si mängen ntin 
[ müstg brüng, 
a mardn 


sübıl 


| bzsi 

l üwa 

? üver a sm 
due 

du; -a;, dü$; 
dudg 

27 rap; rip 

la vila 


Ir 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


JABERG 1912 


stanı a avü 
mulu bayn 
04 früta‘ 

s artssg dyvi 
vgög kümg | 
Piantg al 
fro karıa? 

supalär m 
payr par far 
kaye i payr 

rüskär m 
mayl 

In sun sata 
sul na pianta, 
puda künira 
I bitun 

m brank sak 
amgkayes 
la fra 

si’ manga nm 
( nüsirg 
brüng, a 
mardran 
Drest 

{ pesi 

l üvva 

? üvg a sen 
düdg> 

dü$; -a; düg, 
dudg 

Lrap 

la villa 


id. 


% ‚ £ 
ı r .. . “.. .. 
Oder: ase £ früta. Moser: azä früta. 


3 Oder: karid. 


83 Der Gewährsmann fand das zutreffende Wort nicht. 
* Der Gewährsmann schwankt zwischen zw und vv, entscheidet sich für 
das letztere. , 
5 Oder gaturif. Moser: sauriä. 


MOoSsER 1912 


si dnian avü 
müly bayn ? 
Jrütta 

i ärisse duvü 
vedde kum’l 
Dyänte alfro 
karıd 

supatär n payr 
pr far kayg 
s payr 

rüskar m 
mayl 

ın sun sala 
si’ na Pyänla, 
pudä künir ’l 
bitum 

m brank sak 
amgkayds 
la lira 

si mängn nın 
U nüslre 
Drünle, amar- 
dran präst 


7] pässı 

id. 

füvwve a sfn 
dud-ge 

dus; du9ga; 
düß, dügde 
> rrap 

la vila 


id. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. 


FRAGEN 


22 la noce pl. 


23 il noce pl. 


24 la castagna pl. 
25 il castagno pl. 


26 il salcio 

27 il faggio pl. 
28 il sambuco 
29 l’acero pl. 
30 la betulla 
31 l abete 

32 il larice 


JABERG 1900 


7? spitlal; 
spilut 

Unusat; -U 

la kasifüa; -Ne 

lärbul; darbuy 

lgurin 

J6: i JE 

{ sambü 

{ pien; z pızn 

la biulla 

[ wern! 

la breinguna ? 


GREHÖRSSCHWANKUNGEN. 1097 


JABERG 1912 


bb spilul; 3% 
spilut 

la nüs, nuza!! 

la kaslgäa 

Zdrbul; # -uf 

id. 

Sb f6 

{ sambi 

id. 

id. 

/ wernz 


dringuna 


MosER 1912 


la spittul; 
spiltuf 

la nüs, I nusat 

la kastöna 

id. 

id. 

+0: Fl 

’] sambü 

 pyän; ipyän 

la byulla 

] wärni 

dränguna 


Eine Vergleichung der Ja.schen Aufnahmen von 1909 und 
1912 ergibt zunächst einige lexikologische Unterschiede, auf die 
hier nicht eingegangen werden soll. Zur Transkription ist zu be- 
merken, dafs Ja. in den beiden Aufnahmen von Traversella häufig 
die Akzentstelle nicht bezeichnet und s nicht von s geschieden hat. 
Von den phonetischen Varianten fallen sicher dem Gewährsmann 
zur Last: 12 pusd—pudd, 14 nüsge—nüsirg, 16 Awa— Üvva, 25 dr- 
buy—drbu. Im übrigen stimmen die beiden Aufnahmen von Ja. 
recht weitgehend überein. Die auffälligste Beobachtung ist, dafs 
Ja. den Laut, den er bei seinem ersten Kontakt mit den cana- 
vesischen Mundarten einheitlich & schrieb, nach vielfacher Be- 
schäftigung mit dem Canavesischen und dem Piemontesischen über- 
haupt bald a, bald a, bald a mit übergeschriebenem « notierte, 
was an den oben S. 173 festgestellten Unterschied zwischen den 
Transkriptionen des jüngeren und des älteren Gauchat erinnert. 
Auch die Notierung von unbetontem a und von a vor Nasal 
erscheint jetzt differenzierter. Das Mals für offene und geschlossene 
6 o und & scheint sich etwas verschoben zu haben (1,7, 13, 27). 

Viel beträchtlicher sind die Unterschiede zwischen den Notie- 
rungen von Moser (Mo.) und denen von Ja. Zu den die Erfassung 
der ‘vocale indistinta‘ («, @, a mit übergestelltem & usf.) und den 
Öffnungsgrad der betonten und unbetonten Vokale betreffenden 
Unterschieden gesellen sich solche, die die Nasalierung, die Kon- 
sonantenlängung und die Konsonantenqualität, besonders die Assi- 
milationserscheinungen im Satzzusammenhang angehen. Mo. hört 
kumay$ä, wo Ja. kAum« Pe notiert (7); einem fräta (8), vgdr (9), 
pesj (15), dude (17), düda (18), spilul (22) von Ja. steht ein frälta, 
vföde, pässı, die, dug%a, a von Mo. gegenüber. Wo Ja. 1909 


I auzat kleiner. 
? Ja. notierte 1909 Jie Velarisierung des » vor velarem Konsonant nicht. 


198 KARL JARERG UND JAKOB JUD, 


und ıgı2 7: pryr schreibt, notiert Moser n payr (10). sfr (17) 
steht s?7 gegenüber. Mo. schreibt 7 frütta (8 Ja. ad früta), indem 
er mit dem Apostroph andeutet, dafs das dZ blofs implosiv ist. 
Einzelnes — so 7 «et di fa gegenüber @d di fd und 4 sZurdar 
gegenüber sAursar mag ja gewils darauf beruhen, dafs Ja. eine 
andere Antwort festgehalten hat als Mo.; in der Mehrzahl der Fälle 
wird es sich aber um Perzeptionsunterschiede handeln, was zeigt, 
wie stark das subjektive Moment ins Gewicht fallen kann. Dabei 
ist zu bemerken, dals Ja. und Mo. ıgı2 die canavesischen Mund- 
arten durch längere Aufenthalte kannten, dals aber Traversella ihre 
erste gemeinsame Aufnahme in diesem Gebiete war. 

Eine viel weitergehende Übereinstimmung zeigt der Vergleich 
der Notierungen von Ja. und Mo. bei der nächsten gemeinsamen 
Aufnahme (Rueglio, in der Nähe von Traversella), wofür wir die 
Materialien nicht reproduzieren. Wenn man davon absieht, dals 
Ja. s nicht besonders notiert und dafs Mo. stimmhaftes r, /, m 
und » anders transkribiert als Ja., so ergeben sich hier etwa 50, 
absolut identischer Notierungen. Zu diesem nach unseren Erfahrungen 
günstigen Resultate haben verschiedene Umstände beigetragen: Ja. 
und Mo. hatten ihre Notierungen der Mundart von Traversella 
besprochen und ihre Transkriptionen etwas angeglichen. Rueglio 
stellt denselben Mundarttypus dar wie Traversella; der Gewährsmann 
antwortete hier natürlicher und sicherer als dort, und endlich lie[sen 
sich die beiden Exploratoren im allgemeinen einzeln abgefragte 
Wörter nicht wiederholen, so dafs sie meist dieselbe Antwort zu 
Papier brachten. ! 


2. Ceresole Reale (Orcotal, Prov. Turin). Stark italianisierte 
frankoprov. Mundart. Zwei Aufnahmen desselben Forschers (Jaberg) 
mit verschiedenen Gewährsleuten. 


FRAGEN JABERG 1909 JABERG 1912 


ı Bada che le gal- bäka ke 1 gilnas a bika he | £inas a 
line non vadano vayon niant ant al vayun Nint anti I 
nel giardino. £ardin rt? 

2 Le galline hanno a7 gilnas (r.-05)? a la gind 1a ft (r. Jet) 
finito difarl’uova. Zaun (r.ant) fniat Lüg 

färg Lüt 


ı Was Millardet in der Einleitung zu seiner Ziude de dialectolgie 
landaise, Toulouse 1910, S. XXIIf. über die Vorteile eines raschen Abfragens 
bemerkt, ist, soweit es die Aussprache angeht, gewifs richtig. Je weniger man 
die Antworten wiederholen läfst, desto unbefangener bleibt der Befragte. Etwas 
anders verhält es sich mit Bezug auf die morphologische und lexikologische 
Zuverlässigkeit. 

?2 Langsam gesprochen. 

® „ — wiederholte Antwort, 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 


FRAGEN JABERG 1909 

3 Hai venduto le #(r.) a vandä i üg? 
uova? 

4 Le venderö do- gı li vandrey dmdn 
mani. 

5 covare 31 kwär; küval 

6 spennare una spiümäar na $ılnd 
gallina 

7 il gallo pl. Ju gäl 

8 la cresta del gallo /a Artsa dal gal 

g un uccello pl. ün üzgl 

ıo la piuma la frümd 

ıı V’ ala pl. ün äla 

ı2 Tornando dalla menir; k a Iyrnavunt 


13 
14 
15 
16 
17 
18 
19 
20 
21 
22 


23 


24 


scuola, i ragazzi ° da sköla, li bfda a 


sono andatii a suynt ala dazniar i 


snidare degli uc- üzfl 

celli. 

la gabbia la gaäbia 

il passero lu pasarft 
il fringuello lu franguüy 
la lodola +3 
la rondine la ründyla 
il merlo iu merly 

!’ aquila l agıa 

il corvo pl. la kurbes 

la lepre la lgvra 

il Iupo lu lü 

Sono animali che a sont besias ka fsunt 


stanno nei boschi. ant I büwak 


lu kasadür a vät a 
la kdsa 


I cacciatore va 
alla caccia. 


199 
JABERG 1912 


ti a vandd i ül? 


ie (corr. 4) vendräi 
dumän 

..kuär, küal 

piümala 


lu gäl 

la krösa 

..n üzgl? 

id. 

ün äla; 2 älas 
viniar da sköla li 
bfda sont alä dızniar 
s üzdl. 


u pasarft 

lu frangiy 
la Iödola?3 

la ründyla 
id. 

id. 

id. 

id. 

id. 


synt anımäl sarväago; 
ay iyyni ant lı büwak, 
r. al buskinas 

u kasadür vet a la 
käsa 


!3 = Es ist auch Indik. Praes. 3. Pers. abzufragen. 

® Uccello bei der zweiten Aufnahme im Satzzusammenhang: Ho preso 
un uccello al laccio: z 7y Dres n üsgl an trdpula. Daher der Artikel in der 
Allegroform. 


8 4 ist das Zeichen für das Nichtvorhandensein einer Sache. 


Der zweite 


Gewährsmann, der als Jäger die Vögel besser kennt, befindet sich im Wider- 
spruch mit deın ersten. 
* Die Frage lautete bei der zweiten Aufnahme: Sono animali selvatici; 
stanno nei boschi. 


200 


FRAGEN 


25 la formica 

26 il formicaio 

27 un’ ape pl. 

28 il ragno 

29 la mosca 

30 Le mosche rom- 
pono le tele dei 
ragni. 

3ı il tafano 


32 il pidocchio 
33 la pulce 
34 Che tempo fa? 


35 Con questo tempo 
non si puö uscire. 
36 Usciremmo se fa- 
cesse bel tempo. 


37 fuori 

38 dentro 

39 II caldo & stato 
tardivo quest’anno. 

40 Sudo come una 
bestia. 


JABERG 1909 


la fürmirj 

lu fürmiar 

la vifa ‘vespa’! 
laran 

la müsıg? 

a/ müsias a rünlunt 
a] tElas di ardi 


tavan, -an(amitüber- 
geschriebenem >) 

lu piey 

Ja püge, f 


he tens rg Jait?, ke 


ten ki fait?? 

kun si tens Wi is Po 
niant sayir 

i sayarıem s ı füsat 
an bel tens 

er 

deins 

u dal al as isıa 
lardi sıt an 

£i südy 1 istemmj 
üna b£sj 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


JABERG 1912 


la fürmirg 


 fürmter 


na vefa ‘vespa’! 

id. 

! müyj 

la müyj a seankat la 
iela di aran 


u lavzn 


id. 
la pii 
ki teins T fayt? 


kun si leınsas po pa 
satar 
sayirien s ı füsat bel 


id. 

id. 

lu dal a yyiä tärt sıl 
dn 

südy Rome na bfyıe 


Es ist leicht zu erkennen, dafs die Abweichungen zwischen 


den beiden Aufnahmen gröfser sind als in Traversella. Es ist das 
nicht blofs dem Umstande zuzuschreiben, dafs in Ceresole zwei 
verschiedene Gewährsleute abgehört wurden, sondern es entspricht 
auch dem labilen Charakter der frankoprovenzalischen und proven- 
zalischen Mundarten der Westalpen.* Manches findet seine Fr- 
klärung in den phonetischen Notizen Ja.’s zu der Aufnahme von 
ı912. Wir lesen dort: „Auslautendes z und # schwanken zwischen 
3, 5 und e—u, 4 und og. 5 und g dürften die Normalformen sein. 
Bei insistierender Aussprache werden sie zu ge und 9. Bei flüchtiger 


1 Die Gewährsleute bemerken übereinstimmend, dafs es in Ceresole keine 
Bienen gebe. 

2 Ja. schwankt hier in der Transskription swischen 5 und S. 

8 Das zweite ist Schnellsprechform. o 

* Über das Verhalten von auslautend:m s im Satzzusammenhang s. Jaberg, 
Notes sur l’s final dans les palois franco-provengaux et provencaux du 
Piemont (Bull. du Gloss. des pat. de la Suisse rom. 1911, annee IO, p. 49 suir.). 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 201 


Rede perzipiere ich häufig 2 und «.“ Vgl 25 fürmirj— fürmirg, 
33 püge, püge — pügj, 29 und 40 sogar mäsıg und b2j gegenüber 
müyj und döyie, wo bemerkenswert ist, dafs 7 und ze in beiden 
Aufnahmen nebeneinander vorkommen. 


Zu den so auffällig verschiedenen Resultaten von SC und ST in 
den beiden letztgenannten Beispielen sowie in 23, 30, 39 und 40 
halte man die Notiz: „xy ist nicht mit dem ich-Laut identisch, 
sondern liegt zwischen y und s. Ich habe in der Notierung wieder- 
holt geschwankt.* Ob nur Perzeptionsunsicherheit oder ob auch 
Ausspracheschwankungen vorliegen, möchten wir nicht entscheiden. 
Um die so stark voneinander abweichenden 3 und se (29, 40) zu 
verstehen, denke man an das oben S. 195 Anm.4 erwähnte über- 
deutliche diarfza in Traversella. „Unbetontes «, 7, lesen wir weiter- 
hin in den erwähnten Notizen zu Ceresole, schwanken. Das Gleiche 
gilt für den entsprechenden Laut vor Nasal: >y, ay, ay, ay. Die 
Perzeption ist nicht durchaus sicher; doch dürfte sie dem objektiven 
Tatbestand nahe kommen.“ — „Die intervokalen Gleitelaute y und v 
werden oft sehr schwach artikuliert oder verschwinden ganz. Bei 
deutlicher Aussprache erscheint aber speziell v stets wieder. In 
der Umgebung von labialen Vokalen nähert sich v dem w.“ Vgl. 
5 kivat—kücal, 35 suyir—salar. Andere Unterschiede wird der 
Leser selbst analysieren. 


3. Cerea (Prov. Verona). Gemeinsame Aufnahme zweier gleich- 
sprachiger Exploratoren (Scheuermeier und Jaberg) mit dem- 
selben Gewährsmann.i 


FRAGEN SCHEUERMEIER JABERG 

ı le ossa psi id. 

2 la pelle la pel, pet la pet, pel 

3 il capo (la testa) Ja /dsla la Igsta 

4 i capelli s.? kaveyi, -£Xi, ün kaveyo kaveyı, kavfgyi,;, un 
kaveyo 

5 icapellilisci; liscio ? ı kaveyi ...? 

6 capellispessi(folti, na mpla de kavfyi ..na möla de kaveyi 


abbondanti, fitti) 
7 (gli ha strappato) um mülo.., na zbran- u müco de kavfyi, na 


una ciocca dica- Ka de kaveyi zbrankä de k- 
pelli. 
8 la treccia la Irsa id. 


1 Das Fragebuch wird hier und in der folgenden Zusammenstellung auch 
in Bezug auf dıe Reihenfolge der Fragen ganz genau reproduziert. 
35 —= Es ist auch der Singular abzufragen. 


202 


FRAGEN 


9 il cervello 

10 la fronte 

ıı le tempie s. 

ı2 un occhio 

13 le sopracciglia s. 

14 la palpebra (pelle 

che copre gliocchi) 

15 le ciglia s. 

16 !’ orzaiolo (bolli- 
cina che viene 
nella palpebra) 

17 il sole mi ab- 
baglia, Inf. 

ı8 „Guerciare* 

19 cieco f. pl. 

20 soffiare il naso 3 

2ı il moccio 

22 la bocca 

23 il labbro pl. 


24 la lingua 
25 i denti 
26 un dente marcio 


27 il dente molare 
28 Si leva il sole. 


29 la luna 

30 la stella pl. 

31 il terremoto 

32 Che tempo fa? 

33 Malgrado il 
tempo brutto ha 
voluto uscire. 

34 Bisogna restare 
dentro, 

35 accanto al fuoco. 

36 Non vada fuori! 

37 lontano 


SCHEUERMEIER 


ı seruey 

gl vizo 

le tempig; una lempia 
un 0C0, ddo 

lg sive 

: lg palpere 


palperg 


um borosö# 


ı el söl me bat int i adı, 
e! sol mg fa mal i &di 

le lgsko, le zgwgrso 

derbe; Brba;, grbi 

me süpio el näzo 

le kandele 

la böka 

N lavarı, läri, un 
zlavarg 

la lengwa 

i denti 

un dente, dento zbüzp, 
denta... 

maselari 

a leva el sül, lEva syl 


la lina 

la si&la; le stele 

Leremglo 

ke I£mpo fa? 

si ben k el tempo g 
brülg la volü ndar 
föra 

bizöla slär in käza, 
-drento 

argnt al fögo. 

np P vaga föra! 
Jonlän 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


JABERG 
ı dervgy 
id. 

id. 

un pcp 
le Hye 


Ä ig palbgre 


um borozol 


r. el sol me bäte £nl 
; 2 ei 

lg lösko, zgwersg 

id. 

me süpyo Inazo, elnazo 

id. 

id. 

ı lavari, 3 ldabrı;, u 
slavarg 

id. 

id. 

un dente zbüso, dento .. 


id. 

a l£va jl söl (s leicht 
unrein) 

id. 

id. 

tgremölo 

id. 

r. sieben k gl tempo g 
dDrulo la volu ndar 
fera 

bızdda slar in käsa, 
-drento 

argnt al fögo 
nö I vaga föra! 

id. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 203 


SCHEUERMEIER 


d fndg ven Io? 
ng dörmo stanfie 


FRAGEN JABERG 


d endo ven to? 
ng dprmo stanple 


38 Donde vieni? 
39 Non dormiro 


stanotte. 
40 sudare 3 suddr;, südo ı suddr; sudp ı! 
4ı Quandosihasete, kwände se ga st id. 


42 sihalagolasecca. sg gd la göla stka se ga la gola scha 


43 secco pl. seko (fast $) Seko 

44 Bevereisecifose diarta se ge Süse bearia se ge Jüse 
acqua. l äkwa. l äkwa 

45 bere bear, corr. bla id. id. 

46 il condotto d’ac- : konddto d akwa id. 
qua 

47 la fontana pl. la fontäna ‘Quelle’ id. ‘Quelle’ 


48 il trogolo della /drbi id. 
fontana (com’ & 
fatto ?) 


49 Yacqua fresca m.? 
50 !’ acqua pura 

51 attingere acqua 
52 torbido f. 

53 piovere; piove? 


äkwa [reska;, fresko 
äkwa für 

ira su äkwa, -sü20.. 
törboio; Iorbula 
Byda, pyda; pydve,pyöe 


akwa [reska, fresko 
äkwa püra 

id. id. 

tdrbolo;, Iorbula 
Pyda, pyde 


54 spiovere (cessar 
di piovere) 


no pyde Pi id. 


Ja. und Sch. waren, als sie nach Cerea kamen, die veronesischen 
Mundarten fremd. Der erstere hatte vorher eine Aufnahme in 
Melara (bei Ostiglia im ferraresischen Grenzzebiet) und gemeinsam 
mit Sch., der von der Lomellina her kam, eine solche in dem 
venetischen Cavarzere an der unteren Etsch (Prov. Venezia) ge- 
macht. Die Verhältnisse lagen also weniger günstig als bei den 
oben besprochenen Aufnahmen von Mo. und Ja. im canavesischen 
Gebiet. 

Die Zusammenstellung bezieht sich auf zwei Bruchstücke aus 
dem Normalquestionnaire des AIS, das eine aus dem Anfang, das 
andere aus der zweiten Hälfte. Wortfragen und Satzfragen sind 
beide Male gemischt. Der Prozentsatz der absolut identischen 
Notierungen ist in beiden Stücken derselbe, nämlich ungefähr ein 
Dritte. Bei näherem Zusehen ist aber leicht erkennbar, dafs die 
Abweichungen im zweiten Bruchstück (Nr. 28 ff.) geringer sind als 


I 5 mit übergeschriebenem d. 
2m —= Es ist auch das Maskulinum des Adjektivs abzufragen. 


204 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 

im ersten: das Ohr der Exploratoren hatte sich an die Mundart 
gewöhnt. Die Notierungsunterschiede betreffen zum grölseren Teil 
die Vokalqualitäten, seitener die Vokalquantitäten. Dabei handelt 
es sich hauptsächlich um e und o, die Sch. häufig geschlossener 
perzipiert als Ja., wofür oben S. ı81f. eine Erklärung gegeben worden 
ist. Was Ja. als @ notiert, hört Sch. hie und da als «a. Aus dem 
Vergleich ist auch ersichtlich, dafs den beiden Exploratoren, ins- 
besondere Ja., anfänglich die Perzeption der vorgeschobenen dentalen 
Spiranten Mühe machte. Sch. hat von # eine andere Vorstellung 
als Ja. Vgl. die stark abweichenden Notierungen von 9 cervello 
und ı3 sopracciglia; übrigens bemerken Ja. und Sch. in ihren 
Tagebüchern, dafs der Gewährsmann gerade hier in der Aussprache 
schwankte. Andere kleine Abweichungen übergehen wir. Beachtens- 
wert ist, dafs im zweiten Bruchstück auch die Antworten auf die 
Satzfragen in weitgehendem Mafse übereinstimmen. 


4. Palombara (Prov. Rom). Gemeinsame Aufnahme zweier 
Exploratoren (Sch. und Ja.) mit demselben Gewährsmann. 
FRAGEN 


SCHEUERMEIER JABERG 


ı Si spacca 


2 il legno. 

3 laccetta (piccola) 
4 la scure (grande) 
5 la scheggia 

6 Col “falcetto” 

7 si tagliano i rami. 
8 il manico 

g la sega 

ıo la pietica 


ıı la segatura (la 
farina che cade) 


12 segare un asse 


13 la sega lunga 


se spdkka, wir sagen: 
ydm a spakk 

£ löna, ..spakkd e lena! 

ddtetifla 

accella 

ün dacc jilu 

ky marrdeiu? 

de tayem i rämi 

u mänıku 

a stga 

i gdvallitti, andere sa- 
gen auch 4 gondcca® 

a segadüra 


segd una daula 


u segd 


ıamo a spakk 


e lena 

l adetola 

l adeta 

un daleeiy 

ku marräccu (et 
layem i ramı 

u mänigu 

id. 

gonöcca, u gavalliltu 


a segadüra 
a segd una däßula, 


... däula, täula‘ 


u segd 


ı Der Gewährsmann hat also dreimal geantwortet; Ja. hat nur die zweite 


Antwort festgehalten. 


% Sch. hat hier den geflüsterten Auslautvokal bemerkt, der Jaberg beim 


vorhergehenden Wort aufhel. 


Vgl. oben S. 180. 


8 J. hat die erste, Sch. die letzte Antwort (Sing. von gdvallitti) nicht 


festgehalten. 


* Sch, hat die erste Antwort festgehalten; J. hat offensichtlich zunächst 
nicht sicher gehört und desbalb zweimal wiederholen lassen. 8 = bilabiales v. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 


FRAGEN 


14 la fascina pl. 


15 la fragola (colti- 
vata, selvatica) 
ı6 la mora dirovo pl. 

17 il rovo pl. 

ı8 li cacciatore 

ıg va alla caccia. 

20 la volpe 

2ı il lupo f., pl. 

22 l’ orso pl. 

23 Sono animali sel- 
vatici. 

24 la lontra 

253 lo scoiattolo 

26 il ghiro 


27 la faina (Haus- 
marder, mangia i 
polli) 

28 la donnola 

29 il tasso 

30 il riccio 

31 iltopo(specie diff.) 

32 la trappola da 
topi 

33 il pipistrello 

34 il ramarro 
(grande, verde) 

35 la lucertola (piü 
piccola, grigia) 

36 I’ orbettino (ce- 
cilia) 

37 la serpe 


1 ı grofs, 2 klein, 


SCHEUERMEIER 


um fas3o, una faSsı- 
nella! 
e Jräyle; una fräyla 


£ morrige 

u rüdu 

u gddladöre 

vda kalla, ..vakkäcla 
a gölcbe 

u lübu; a löba 
Dürtisy, lLürtsi 

sd animal sarvadıgı 


una londra 
Skoydttgly 

a gyira, a ££ira;, 2 
fire pl. 

a faina 


donnula 

dassu 

ridlu 

döpi, a sörggat 
drdppola, cor. u 
doparölu 
e nöllule, una -a 
räganu 


RR NN 


a musgrla 


£ lberditg £ige 


a ipera; e berg 


2 ja. hat nur die zweite Antwort notiert. 
8 Anlaut unsicher gehört. Beide Exploratoren scheinen Mühe gehabt zu 
haben, den Anlaut richtig zu erfassen. Sch. hat wohl besser gehört. 


% 2 gröfser als ı. 


205 


JABERG 


um vassu, Jassinflla ! 
e Jräule, una fräula 


ge morrige, morriggt 
id. 

u galadöre 

vd kkddla? 

a göleße 

id. 

Lürtsu, Lürtsi 

sp anımall sarvadıpi 


id. 
skoydttolu 
a fira, gira; e gegfre® 


id. 


id. 

id. 

u rietu; ı riddı 

u döbu, a sörega‘ 

a dräpula, u dobardlu 


id. 

id. 

a muffria 

ge ıbergite glge, una 


iberiita gfga 
a dbera; e ibere 


206 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


FRAGEN SCHEUERMEIER JABERG 

38 la rana a rangcca id. 

39 la raganella a rdganplla a raganella;, pL-2 
40 il rospo u rospu id. 

4ı la salamandra a Jdarandula a Jardndula 

42 il gambero u rändu, -gu u rüngu 

43 la chiocciola £ fummäge; a -ga £ &ummäge;, -ga 
44 il guscio della a gpcca a gfcca 


chiocciola 


45 la lumaca (nuda) 2 gummäge nüde £ummäge nüde 
46 il lombrico i frmi, u ygrme i frmi;, u yerme 
47 la mignatta (la e mindlie eg minale, a -la 


48 


sanguisuga) 
la mosca pl. 


a moska, e -ske 


möska 


Zu den Vergleichsmaterialien aus Palombara ist zu bemerken, 
dals hier Sch. und Ja. zum ersten Male mit einer römischen Mund- 
art in Kontakt gekommen sind und dafs der letztere nur während 
einiger Stunden einer von Sch. begonnenen Aufnahme hat beiwohnen 
können. Sch. kam aus der Toskana, Ja. aus der Schweiz. Sehen 
wir davon ab, dals Sch. häufig den Nebenakzent notiert hat, auf 
den Ja. (der gelegentlich sogar den Hauptakzent hinzuzusetzen 
vergals) nicht achtete, und dafs der eine gelegentlich eine andere 
Antwort festhielt oder wegliefs als der andere. Im übrigen zeigt 
der Vergleich, dafs die Notierungsunterschiede im Gegensatz zu 
Norditalien weniger die Vokale als die Konsonanten — das in 
dieser Gegend labilere Element — betreffen. Nur in fünf Fällen 
(3, 5, 36, 39, 44), von denen zwei geringe Unterschiede betreffen, 
sind betonte Vokale verschieden notiert worden; etwas häufiger 
sind die Abweichungen bei den unbetonten Vokalen, die natur- 
gemäls weniger sorgfältig artikuliert und weniger zuverlässig wahr- 
genommen werden. Recht verschiedene Resultate hat die Be- 
obachtung der Längung, der Stimmhaftigkeit und des Expirations- 
druckes der Konsonanten ergeben. Ja. hat wiederholt einfache 
Konsonanz notiert (3, 4, 5, 18, 32, 47), wo Sch. gelängte Konsonanz 
gehört hat. In der Beobachtung der intervokalen stimmlosen Ex- 
plosivae stimmen zwar beide überein, soweit es sich um die Fest- 
stellung der allgemeinen Entwicklungsrichtung handelt (Lenisierung, 
Sonorisierung); doch hat Sch. wiederholt nur Lenisierung gehört 
(8, 32, 37), ja einmal sogar den normalen stimmlosen Laut ge- 
schrieben (31), wo Ja. wohl schematisierend stimmhaftes 5, d, g 
notierte. Bei Konsonant nach Nasal stimmen beide Exploratoren 


1 Ja. erinnert sich, dals er sich bewufst war, mit der Notierung 5, d, £ 
nur einen Annäherungswert zu geben, dafs die Laute durchaus nicht den Grad 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 207 


überein (24, 41, 42); dagegen hat Ja. zweimal eine von Sch. nicht 
notierte Lenisierung der dentalen stimmlosen Spirans wahrgenommen 
(23, 31). Ja. um vasfu gegenüber Sch. um fa (14) gehört zu 


dem Gegensatz Ja. mänigu Sch. manikis (8). Endlich hört Sch. 


mehrmals unreines s (s) — einmal sogar $ (25) — das Ja. einer 
alten üblen Gewohnheit gemäfs nicht notiert. 
* * 
” 


Die bis jetzt mitgeteilten Materialien sind mit ähnlicher prin- 
zipieller Einstellung von deutschschweizerischen Forschern gesammelt 
worden, die dasselbe phonetische Transkriptionssystem verwendeten. 
Dazu kommt, dafs Mo. von Ja. in die Technik der Mundarten- 
forschung eingeführt, Sch. von ihm darin weiter ausgebildet worden 
ist. Trotzdem haben sich recht beträchtliche Notierungsunterschiede 
ergeben. 

Im Folgenden sollen Transkriptionen von Forschern einander 
gegenübergestellt werden, die verschiedene phonetische Systeme 
verwenden, verschiedene Muttersprachen haben oder prinzipiell 
verschieden eingestellt sind. 


5. Latsch (Bergün, Mittelbünaden). Ein Rätoromane (Lutta)! 
und ein Deutschschweizer (Scheuermeier) befragen zu verschiedenen 
Zeiten verschiedene gleichaltrige Gewährsleute. Lutta verwendet 
das System der Ass. phonet., Sch. dasjenige des AIS. Beide sind 
auf das impressionistische Verfahren eingestellt. 


FRAGEM LuTtta 191 I —ı1914 SCHEUERMEIER 1920 

I em en 

2 duss düos 

3 treks Ir hs 

4 kalar kalar 

5 Lfenty Ene 

6 siks siks 

7 sja:t syät 

8 weis weis 

) nf 5 nökf 
10 diaf dias 
11 endaf fndas 
12 dodaf doddas 
13 Iredof Irgddas 


der Stimmbaftigkeit der entsprechenden oberitalienischen, französischen oder 
toskanischen Laute haben. Vgl. oben S. 190. 

ı Die Transkriptionen Lutta’s, des allzu früh verstorbenen Verfassers der 
ausgezeichneten Monographie über den Dialekt von Bergün (3A. 71 zur Zs.), 
nach den im Besitz von Jud befindlichen Originalmaterialien. 


208 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


FRAGEN LUTTA ıgı1— 1914 SCHEUERMEIER 1920 

14 katsırdaf, kats:ardf[  kalgardas 

15 kendaf kenda$ 

16 sedaf seddas 

17 di/sja:t dıssyal 

18 dizwäls dısw ets 

19 diznakf diängkf 

20 venis venIs 

2ı dreifsig br ent? Ir gnla 

22 der Kopf ı? Iyo: 2 cö z 

23 die Haare is tyavells sets cavelis 

24 das Ohr lure:b lurfta 

25 das Auge Pt en ü, 

26 der Mund bötya la bdca 

27 die Zunge b Handy», dandy? la tänga 

28 das Zahnfleisch dsindadg v2 la fingegva 

29 der Hals kutels ıl kuldis 

30 der Rücken dis ıl dias 

3ı der Bauch ventor ı? ventar 

32 das Herz ko:r ıl kör 

33 Januar zne:r Sner 

34 April zuret avrtt 

35 Mai me:Is mels 

36 August Avuafı awuast 

37 Oktober ulscwar okidbar 

38 der erste Tag tyalßndo exlönda 

des Monats 

39 die Woche le:um I funa 

40 Sonntag dumändy3 dumfiga 

4ı Montag tendaydat tendaide, cort. den- 
daädze 

42 Dienstag ma:rde ; märde 

43 Mittwoch mjadze:vn? mjälseuna 

44 Donnerstag deiwvdy? detavga 

45 Freitag vendardae vendardz? 

46 Samstag sInd? spnda 

47 gestern far tar 

48 heute als pls 

49 morgen daman damdn 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 209 


Der Vergleich ergibt fast in der Hälfte der Notierungen volle 
Übereinstimmung. Dafs Lutta wie Sch. in Zürich studiert und wie 
alle gebildeten Bündner Romanen stark auf deutsche Artikulation 
eingestellt ist, sowie dafs es sich hier nur um Wortfragen handelt, 
erklärt das relativ günstige Resultat. Manche Abweichungen fallen 
dem Gewährsmann zur Last: so 37 der Germanismus pkröbar in 
der Aufnahme von Sch. gegenüber Lu. u/sdwar. Die dem Schweizer- 
deutschen sich nähernde bündnerrom. Artikulation der stimmhaften 
Laute erklärt Abweichungen wie 18 diyweis — dıswe Is, 33 zner — 
Infr, 43 mjadse:una — mjälstuna (vgl. übrigens Lutta, Bergüu $ 135). 
Dafs velares » schwer warzunehmen ist und sich #4 nähert, teilt 
Sch. in seinen phonetischen Bemerkungen mit; nach Lutta kon- 
kurrieren die beiden Laute; daher die abweichenden Notierungen 
in 1, 5, 20, 27, an welch letzterem Orte die doppelte Notierung 
von Lu. charakteristisch is. In 8 weis wird Sch. das zweite 
Element des Diphthongs genauer wiedergeben als Lu. Ja. hat die 
Verdumpfung dieses Elementes in dem benachbarten Stuls beobachtet. 
Man vergleiche übrigens die Beschreibung des entsprechenden 
bergünischen Lautes bei Lutta, Der Dialekt von Bergün S. 39. 


6. Grimentz (Vald’Anniviers— Wallis). Zwei in verschiedenen 
Sprachgebieten aufgewachsene Forscher (der Neuenburger Jean- 
jaquet und Gauchat, der aus einer in Bern niedergelassenen 
westschweizerischen Familie stammt) nehmen dieselbe Mundart mit 
demselben Gewährsmann gleichzeitig auf. Ein dritter Forscher 
(Jaberg) hört ı2 Jahre später an demselben Orte zwei andere 
Gewährsleute ab. 


Die Materialien von Jeanjaquet und Gauchat entstammen den 
Tabl. phon. und sind mit den dort giltigen Ordnungsnummern ver- 
sehen. Die Formen von Jaberg mulsten, soweit sie nicht isoliert 
gefragt wurden, andern syntaktischen Zusammenhängen entnommen 
werden als diejenigen von Gauchat und Jeanjaquet. Bei den 
letzteren ist der syntaktische Zusammenhang aus den angeführten 
Fragen zu ersehen; für Ja. wird er durch Punkte angedeutet und 
teilweise in der Anmerkung wiedergegeben. Vollständig sind die 
Materialien bei Ja. nur für das erste Sujet (Frau Rouvenez); das 
zweite, aus dem benachbarten Painsec stammende Sujet, Herr 
Vouardoux, wurde nur zur Kontrolle beigezogen. Die von ihm 
herrührenden Formen sind mit * bezeichnet. 


Das Transkriptionssystem von Gauchat und Jeanjaquet ist das 
des ALF, wozu folgende Ergänzungen zu beachten sind (vgl. Zadz. 
Phon. S. 1): „4, & t) 6,U, u —=a,2d,1,0,u,u de timbre imprecis, 
tendant plus ou moins vers dou & == velares / (/ des Polnischen). 

= palatalisiertes &. Eingeklammerte Vokalzeichen bedeuten bei 


Ja. geflüsterte Vokale, bei Gauch. und Jeanj. satzphonetische 
Varianten. 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 14 


210 


FRAGEN 


ı I fait 
(chaud) 

3 aujourd’ 
hui. 

6 (un bon) 
temps 

ı8 (Il faisait) 
froid. 

31 ..lalune 

32 les £&toiles 

37 (Au) mois 

38 (de)fevrier 

40 (ilya) de 
la neige, 

41 (de la) 
glace. 

50 1 faut 

51 suivre 

52 le sentier.. 

65 La rive 

66 est &troite. 

8ı Le mur 

82 est com- 
mence. 

87 Le boeuf 

88 a des 
cornes. 

89 L’echelle.. 

92 ..le falte 


ı I fait froid. 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


JEANJAQUET 


1905 
1 JE 


vweikg 
ven 


Fri 


la una 
117) Esiie 
mi 
tor! 
de nekX 


eyurt 

I Isımindt 
h rt va 

22 fhrin 

l mük 

l& kömesyd 


JE baulyd 


la de körne 


/ & sye la 
la fresa 


2 .. s’il faisait beau temps. 
® Gauchat und Jeanjaquet haben die Akkusativ-, Jaberg die Nominativ- 


form. 


4 I] neige ("il donne de la neige’). 
5 s ist unsicher gehört. 


° Il faut savoir bien nager. 


? Leur cuisine est trop £troite, 


GAUCHAT 
1905 


id. 
id. 
IE! 
id. 


la Ipna 
1öj dsıle 
mt 

id. 

de ndk 


id. 


id. 

evurd 
Iscmen8t 
rıgva 
L&s) ehrise 
li mük 

LE kömesyd 


bauleyd 
la de körne 


/ Isyfia 
ld. 


JABERG 
1917 

iJe Uri), ‘fo 
Uri)! 

we£ 


.68.d? 


../ri, *fri 


5 Iünna?> 

le£ edtle 

mi 

Jevrt 

3 dong de nek! 


la lläs>, *4 las 


konig.., *fa..® 

Sürre 

Ispmingl 

la rjgva 

.. ghrit? 

.. MUR 

..komäadya .., 
*komäsyd ..® 

lo büls‘ *byis? 

ig köwrne, "le 
köWwrn? 

ledigıa? 

la fröyda, la 
/rtda 


Vouardoux gibt die Nominativform, 


8 $ von Frau Rouvinez ist ein individueller Sprachtehler. 


® In anderem Zusammenhang. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. ZII 


FRAGEN 


93 du toit. 
94 II ferme 
95 la fenetre 
96 de la 
chambre. 
97 Il balaie 
98 devant 


99 la porte 


100 de la 
grange. 
ı02 (On a) 
perdu 
103 la clef 
104 du 
clocher. 
105 Elle est 
106 perdue. 
109 Je vais 
110 au marche 
ııı chercher 


ıı2 une pelle, 
ı13 (une) faux, 
114 (un) man- 
che de faux. 
115... (un) 
fleau. 


ı16 (un) van, 


1 Je toit. 


JEANJAQUET 
1905 


du Hi 

ı k[öW 

la fenöhru 
U pild 


21 &hoUuvd 
Jevan 


la pörta 
de la gräze 
perdak 


la kja 
da kjösye 


IE 
perdwäye 
yo vd 

U 3 
o marleyä 
Isörkä 


dina päala 
fese 
Juksye 


hjeye 


vän 


% chauffer la chambre. 


8 ]JI s’agenouillerait devant elle. 


% Vous &tes perdu. 

5 S, oben S. 210, Anm. 8. 
® je vais acheter.... 

T C’est bon marche. 

8 Courez chercher tout-de-suite ceci et cela. 


GAUCHAT 
1905 

au 1 

id. 

Sinthra 

da pild 


1 ehölive 
id. 
id. 
id. 
id. 
kja 
id. 
id. 


perdwayE 
id. 


u märtey?t 
Iserka 


dna pala 
Ses(e) 
[uksy? 


id. 


JABERG 
1917 


lo #1 
un 
Ja feneyhra 
.. 19 pille? 


ehövg, *ehdwug 

...dgvd ..3, 
*,. dgvan ...> 

la pörta; *u 
pöwrla 

la gräs, gräs 


...pgrdgk 


la klä 

Ip kipdye; 
"klosye? 

die 

Berduay 

ıo ve, *ıo ve „.® 
..marteya! 

.. Rerik, *herik, 
*iserka® 

la päla 

la 89, "fs 
lo fuksig, 
"fuksyg 

lo xleyi, xieye, 
*] eileyg£ oder 
*/j Aleye 

/g van 


14* 


212 


FRAGEN 


117 (une) 
chaudiere, 

ı18 (une) 
charrue, 


119 (une)cuve, 
ı20 (un) p£&- 
trin, 

124 (un) lit, 
126 (un) cou- 
teau, 

127 (des) ci- 
seaux, 
ı28 (un) 
miroir, 
130 (une) cou- 
ronne. 
164 battre en 
grange 
ı65 moudre 
166 le bie. 
167 garder 
168 les b£tes. 


187 Le foin 


188 est sec. 
2ıg (de la) 
viande 
220 crue. 
236 L’eau 


KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


JEANJAQUET 


1905 
Isugdire 


Isäru ye 
löna 
mä 


hükse 
kusı? 


föWee 
meryö% 
körönu 
&hötre 
mudr? 
/ö bla 


qwärdä 
IE besye 


1e Jen 


lE echX 
Isci 


krwä 
2 Aue 


GAUCHAT 
1905 


Isugdird 


id. voyelle to- 
nique entre % 
et 0. 

id. 


id. 
vwardä 
id. 


JABERG 
1917 


la Isygdirz 


la Isarrüy, 
*sarrüyl 


la tina, *ljnna 


la mgy, *mgy 


la küks 

lo kuktt, 
*kuklt) 

le Joste), *fowse ! 


.. mir, 
Imjrjgw 
korfna .. 


ehör?, *ehdurr? 


müdre 

*/n bla 

wärda, *wardä 

.. de bfihye, 
*.beyhyg? — 
le behye . „, 

.. bedie 

I fer *.. 
Je? 

seh, "Seh 

Ise 


krud 
1 Ew?..* 
*] vw .., -Erol?) 


ı Eingeklammert sind hier die schwach wahrnehmbaren, geflüsterten Vokale. 
2 Les b&tes cı@vent .. 


3 ,. les foins. 


4 Peau fraiche, 


u” 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPK.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 213 


FRAGEN JEANJAQUET GAUCHAT JABERG 
1905 1905 1917 
237 (est) claire. Ajära klära ...klära! 
402 Main- öra id. gra.. *uyra.. 
tenant 
403 je suis yö eikt wärıkk yö eik vwärıg warijk 
gueri, 
404 gu£rie. wärlkea vwärlkea werfkl, corr. 
warfkl, *wa- 
riktl 


Die Mundart von Grimentz gehört zu jenen ungemein schwer 
zu erfassenden Walliser Mundarten, von denen Gauchat in der 
Vorrede der 7ad/. phon. S. XI schreibt: „Les patois valaisans, avec 
leur vocalisme tr&s flottant et abondant en nuances mixtes, leurs 
consonnes instables et souvent bizarres, leur vie intense, leur variete 
surprenante, ont &te les plus difficiles & saisir.“ ... „En Valais, 
laspect linguistique est si original et nouveau qu’il est capable de 
derouter le philologue le plus experimente.“ Der beste Kenner 
der Walliser Mundarten ist Jeanjaquet. Gauchat war im Jahre 1905 
mit ihnen noch nicht näher vertraut; doch fiel die Aufnahme in 
Grimentz an das Ende einer mehrwöchigen Dialektreise im Wallis, 
Ja. hörte 1917 zum ersten Male romanische Oberwalliser Mund- 
arten, kannte aber die verwandten Mundarten des Ormonttals. 

Auffällig sind zunächst die Unterschiede zwischen Frau Rou- 
venez (R.) und Herrn Vuardoux (V.), die nicht etwa dem Umstande 
zuzuschreiben sind, dafs V. aus Painsec stammt, sondern die auf 
dem verschiedenen Sprechtempo beruhen: R. spricht natürlich, V. 
(Lehrer) forciert die Artikulation. Das äulsert sich deutlich in der 
Aussprache der unbetonten Endvokale e und z, die bei R. schwächer 
erscheinen als bei V. (236), geflüstert werden (127, 236) oder ganz 
schwinden (118, 404). Die Aussprache des Gewährsmannes von 
Gauchat und Jeanjaquet (M. = Monnier) nähert sich in dieser 
Beziehung eher derjenigen von V. als derjenigen von R., wie man 
aus dem Vergleich von 41, 100, 106, ı13 und 124 ersieht, wo 
2. T. sogar sowohl R. als auch V. im Gegensatz zu M. den Auslaut 
fallen lassen. Dafs auch Gegenbeispiele vorkommen, wird bei der 
Labilität dieser vokalischen Elemente nicht verwundern. 

Deutlich erkennbar ist bei Jeanjaquet und Gauchat der Vor- 
zug eines Transkriptionssystems, das auf die Walliser Mundarten 
mit ihren schlaff artikulierten verklingenden Vokalen abgestimmt ist. 

Betontes £ und 9 neigen zur Diphthongierung. Es stimmt 

der überdeutlichen Aussprache von V., dafs bei ihm die Di- 
Tynonge viel häufiger auftreten als bei R. (1, 97, 99, 109, 126, 


® une nuit claire. 


214 KARL JABERG UND JAKOB JUD, 


127, 128, 164, 236). M. stimmt wie zu erwarten besser zu V. 
als zu R. 

Der Gegensatz 65 ri'val (Jeanjaquet), rigva (Gauchat und 
Ja.) stimmt zu Beobachtungen, die Ja. auch sonst gemacht hat: das 
parasitische g resp. % ist wie in Bündner Mundarten (vgl. Lutta, 
Bergün S. 313 ff.) labil. So findet sich in den Materialien von ]Ja.: 
lo bigr’ „le beurre*, aber burg rd? „beurre rance* in der Aus- 
sprache von R., dagegen dygrp rä$° bei V.; ıo pyuy pa Ip Ig dpmä 
„je ne puis pas te le donner“ bei R. und V., aber isoliert 
pwiß etc. 

Wenn es sich in all diesen Fällen wohl vorwiegend um 
Ausspracheschwankungen handelt, so werden sich die folgenden 
Notierungsunterschiede, z. T. wenigstens, eher durch Perzeptions- 
schwankungen erklären. 

Die Längung der intervokalen Liquidae hat Ja. häufiger notiert 
als Gauchat und Jeanjaquet (31, 41, 51, 96, 118, 119, 164), und 
zwar hauptsächlich bei V.: auch hier verrät sich die emphatische 
Aussprache des letztern. Jeanjaquet notiert diese Längung nie (vgl. 
oben S. ıgı), Gauchat nur vereinzelt (89, 112). 

Die Palatalisierung von auslautendem % nach palatalen Vokalen 
hat Ja. bei V. stets deutlich wahrgenommen (40, 188); dagegen 
entging sie ihm bei der flüchtigen Aussprache von R. wiederbolt 
(188, 403). A£ (Jeanj.), Z (Gauchat) und £ (Ja.) sind verschiedene 
Graphien für denselben Laut. 

Bei den Nasalvokalen (6, 82, 98, 100, 116, 187) scheinen 
die Perzeptionsunterschiede wohl gröfser, als sie in Wirklichkeit 
sind. Ja. hört den Timbre von ? offener als Jeanjaquet und Gauchat 
und notiert daher &. Den gutturalen Nachklang des Nasalvokals 
hat er wohl wahrgenommen, aber nicht notiert. Immerhin scheint 
Ja. 98 dpa und 187 /? beim ersten Abfragen verhört und erst 
beim zweiten Gewährsmann richtig erfalst zu haben. Zweifelhaft ist 
37 mi (Jeanj. und Ja.) gegenüber m? (Gauch.). Das auslautende nr 
hat nur Ja. als stimmlos verzeichnet, eine Eigentümlichkeit, die ihm 
schon bei bündnerischen und bei benachbarten alpinen italienischen 
Mundarten aufgefallen war. 

Eine gewisse Unsicherheit bei der Wahrnehmung der dentalen 
und palatalen Spiranten und Semiexplosiven vermerkt Ja. in seinen 
phonetischen Notizen zu Grimentz ausdrücklich. Man vergleiche 
die auch bei Gauchat und Jeanj. nicht stets übereinstimmenden 
Schreibungen (87, 110); doch liegen hier höchstwahrscheinlich auch 
objektive Schwankungen vor. 

Am stärksten subjektiv bedingt scheint die Einschätzung der 
Vokallängen; am meisten gelängte Vokale notiert Ja.; dann folgt 
Gauchat, und zuletzt kommt Jeanj. Hier scheint der Unterschied 
zwischen Deutschschweizer und Welschschweizer zum Ausdruck zu 


ı Der Punkt deutet hier wohl eine Pause an. Ähnliches in Bündner 
Mundarten, z. B. in Somvix. 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 21 5 


kommen (vgl. Gauchat, Tabl. phon. XVIf.).. Wir wagen nicht zu 
entscheiden, ob die Deutschschweizer unter autosuggestivem Einflufs 
hier eigene Artikulationsgewohnheiten auf einen fremden Dialekt 
übertrugen oder ob der Westschweizer ein für Vokallängung weniger 
empfindliches Ohr hat. 


7. Castelfondo (Nonsberg). Zwei Forscher (v. Ettmayer 
und Scheuermeier) verschiedener Nationalität nehmen zu ver- 
schiedenen Zeiten mit verschiedenen Gewährsleuten dieselbe Mundart 
auf. Beide haben zwar das Deutsche als Muttersprache, aber be- 
sitzen als Österreicher und Schweizer verschiedene Artikulations- 
gewohnheiten. 

Die Materialien von Ettmayer sind seiner Arbeit über Zom- 
bardisch- Ladinisches aus Südtirol, Ro. Fo. XIII (1901) entnommen. 
Vgl. speziell S. 4ı4fl., 483 ff, 500 und 506. Ettmayer sammelte, 
wohl im wesentlichen mit Einstellung auf die schematisierende 
Methode, Material für lautliche Untersuchungen. Immerhin gibt er, 
gerade für Castelfondo, recht häufig Doppelformen. Er hat die 
Wörter isoliert abgefragt (nach lautlichen Serien?), während die 
Vergleichsmaterialien von Sch. vielfach aus syntaktischen Zusammen- 
hängen losgelöst sind. Zum Verständnis der bei den Vokalen fein 
differenzierten Transkriptionen von Ettmayer halte man gegenwärtig 
(vgl. S. 337): a velar; @ zwischen a und d; e velares mitteltoniges e; 
& unbetontes velares e (frz. e muet); ? zwischen e und g und > (die 
Erklärung der Bedeutung des letztern Zeichens sucht man an der 
angegebenen Stelle umsonst); & zwischen 2 und a; «@ = unbetontes 
a (zwischen a und 2), also wohl mit der Transkription des AIS 
übereinstimmend. Zu unbetontem eo und u vgl. S. 543: „Un- 
betontes x und 2 ist nicht ganz rein velar und schliefst sich mithin 
den unbetonten Vokalen «a, £ö, & an; 0 nähert sich hierbei stets 
dem geschlossenen 0.* $ zwischen s und 9 (meist postdental). 

Neben die Transkriptionen von Ettmayer und Scheuermeier 
stelle ich, soweit sie vorliegen, diejenigen des einheimischen Forschers 
Battisti in seiner Arbeit über die Nonsberger Mundart! und die 
von Ascoli im Arch. glott. 1, 327 fl, trotzdem sie sich nicht auf 
Castelfondo beziehen. Ascoli hat in dem etwa eine Wegstunde 
von Castelfondo entfernten Fondo gesammelt, und auf diesen Ort 
werden sich wohl auch die nichtlokalisierten Angaben von Battisti 
beziehen. Man vergleiche die Äufserungen von Ettmayer, Zs. 33 
(1909), 598ff. über das Verhältnis seiner Transkription zu der 
Battistis. 


ı Sitsungsber. der Kais. Akademie der Wiss. in Wien. Philos.-Hist. Kl. 
160. Band, 3. Abhandlung (1908). 


PR ww N m 


216 


FRAGEN 


neve 
vedova 


pero 
domenica 


sera 


stella 
cena 


pieno 
femmina 
sete 

tre 
vendemmia 


freddo 
dito 


venti 
trenta 


minestra 
vedo 
legno 
selva 
orecchio 
cenere 
lingua 
piede pl. 
dietro 


ieri 
febbre 
fiele 


ı Datum der Publikation der Saggi ladıni. 


KARL JABERG UND JAKUB JUD, 


ETTMAYER 
1901 

neu 

vedoa 

per 

damendja 


sera (über- 
geschloss. e) 
$tela 


$ena,1$end(über- 


geschloss. e) 

plen 

Jemna 

se 

frei 
vendema, Ten- 
demia 

frei 

de (über- 
geschloss. e) 
vinti 

Irenta, Iranid 


man gäira 
vedi 

len 

$elva 
rekla 
sender 3 
lenga 
pers pi 


NY 74 


alızrı 
fizver® 


fiel 


% Schreibfehler ? 
3 Ist statt 6, € zu lesen? Die Zeichen sind bei Ettm. oft 


gedruckt. 


SCHEUERMEIER 


1921 
new .. 
vfdpa 


vgl... P£ri‘pere’ 


domfra, lang- 


sam domen£a 


sera 


vgl. de steige pl. 


efna 


plfn 

.. [fmma ..? 
.. st 

frey 

vendgma 


..fret 
di 


vinth 
Ir enta 


..mengsira 

old 

.. fen 

selva 

rekla 

eender 

lenga 

pr Prev 

dadre (a l’ar- 
mär) 

alfrı 

..SyEwer 

frel 


BATTIsTtı 
1908 
neu 


per 
domenjä 


serä 


stelä 
cend 


plen 
se 


Iret 
vandema 


frei 
de 


ASCOLI 
1873! 
neu 


domenga 


sera 


Cena 
plen 
N 4 


frei (?) 


/red 
de 


Irentä (im Re- 


gister e) 
mangsirä 
veds 
len 
seclvä 
reklä 
cender 
lengä 
PP; 12131 
drid 


aber; 
figver 


Il 


vedi 


veclt 


dender | 


pe, pıdı 


aljeri 


schlecht aus- 


TRANSKRIPTIONSVERF., AUSSPR.- U. GEHÖRSSCHWANKUNGEN. 217 
FRAGEN ETTMAYER SCHEUERMEIER BATTISTI ASCOLI 
| 1901 1921 1908 18731 
: 29 lepre higver? .. bykvar Jjever hievr pl. lieuri 
30 pecora bi213a by£ca 3 bieeäa bieca 
‚31 *gebia djeba gfba gjebä 
'Nebel’ | 
32 dieci dio! dıfs dies dies 
33 chiesa gliia, seltener glfzia, Frau: glirziä glesia (Revö) 
| gluäia glvfzia 
34 sei Sie syey 0773 
55 letto let ..det det 
;6 bene ben, ben „ben (kt), ..ben ben ben 
j rikuräada, ..bgn 
(Pausa), ..dgn 
(Pausa) 
37 viene vejn. van ven ven 
38 tenero Iender, tender . . lendar Iender 
39 vengo veni ven‘ ven 
40 uccello auisal, autsel ..awel.. quegl 
41 bello bal, bel bel bel 
42 fratelli Jradızı ..Sradigy vgl. fradel 
‚3 vecchio vetyel .vgwyel.. vohjel vecel 


Die Mundart von Castelfondo gehört im Gegensatz zu der- 
jenigen von Grimentz einer Dialektgruppe an, die stark von aufsen 
beeinflufst ist. Das erkennt man in den vorgelegten Materialien 
an Doppelformen von Ettmayer wie 7 sSena, #!end; 12 vendema, 
vendemia; 33 gläia, glisZia (Sch. analog), vielleicht auch 16 /renta, 
Irantä und an Unterschieden wie 17 Ettm. mangfira — Sch. me- 
nestra;5 22 Sender — dinder.® Vielleicht gehört hierher auch der 
auffällige Unterschied in der Notierung des Diphthongs von E in 
24ff, den Ettm. mit 7, Sch. mit yg oder yg wiedergibt. Aus den 
Materialien von Ettm. selbst und aus Battisti, Die Nonsberger 
Mundart 37 und S. 29, Anm. ı geht hervor, dafs yg und ye die 
verbreitetsten hochnonsbergischen Lautungen sind. In Castelfondo 
lautet der Diphthong nach Battisti ;£. 


! Datum der Publikation der Sargı ladıni. 

% pl. Zöveri und Auri 

® Vgl. pl... dyece, langsam byfce. 

* Wohl Schreibfehler für veAi. 

5 Vgl. dazu Battisti 79: „In nicht direktem Anlaut ist der Wandel e, :>a 
sehr häufig“. Unter den Beispielen findet man mänestra und VINDEMIA 
vandgmä, von denen das erste bei Ettmayer im Nonsberg fast durehwegs 2, e, &, 
das letztere ausschliefslich e-Laute aufweist. 

® Vgl. dazu Battisti S. 135 über Doppelformen mit ce und g (= von 
Ettmayer). 


218 KARL JABERG UND JAKOB JUN, TRANSKRIPTIONSVERFAHREN ETC. 


Im übrigen ist eine Beurteilung der Unterschiede zwischen 
Scheuermeier und Ettmayer gerade bei den Schattierungen von e sehr 
schwierig, da es ohne Kenntnis der in Frage stehenden Mundarten 
kaum möglich ist, sich ein zutreffendes Bild von den Werten der 
Transkriptionszeichen von Ettmayer zu machen. Festgestellt sei: 
Ettmayer schreibt wiederholt &, wo Sch. £ (19, 22, 23) hat. Dazu sind 
bei Ettm. selbst die Doppelformen den, ben (36) und Zender, tender (38) 
zu halten. Batt. schreibt S. 36 f. ohne zu lokalisieren /eR, dender, leyga. 
Man beachte im weitern die Unterschiede oder nur partiellen Über- 
einstimmungen von Sch. und Ettm. unter 16, 36, 37, 40, 41, 43. 

Das etwas velar klingende g, dals Ettm. für den Auslaut an- 
gibt, stimmt zu dem a von Sch.; doch verzeichnet dieser gelegentlich 
eine etwas schlaffe Aussprache (@ in 4, 5, 7, 17); in zwei Fällen 
entspricht Sch.’s unbetontes @ einem unbetonten 2 von Ettm. (29, 38), 
während Sch. in 22 d/nder und 27 /yfwer gegenüber Send/r und 
fizver von Ettmayer (wo wohl £ für Öö verdruckt ist), eine nach- 
drücklichere Aussprache festhält. Battisti schreibt hier -er. 

Im Konsonantismus gehen auseinander 27 Ettm. fA70Cr (Baut. 
Sigver) Sch. Syewer,! 26 Ettm. alıarı (Batt. Aljer;)) — Sch. affri.? 
— Bei dj—g (4, 31) handelt es sich blofs um einen graphischen 
Unterschied; doch beachte man unter 4 bei Sch. die Schnellsprech- 
form domgia und 43 vfyygl gegenüber Ettm. »e/yei.3 

Um eine verschiedene Auffassung des phonetischen Grund- 
mafses handelt es sich offensichtlich, wenn Sch. und Battisti mit s 
wiedergeben, was Ettm. $ schreibt. Entsprechend Sch. £ (= 4) — 
Ettm. /% (7. 30). Nach Ettm. S. 338 bedeutet $ palatalisiertes s mit 
Lippenrundung (it. sc‘), s palatalisiertes s ohne Lippenrundung 
(dtsch. -sch). Das charakteristische venetische s und 3, das in 
unserer Transkription zwischen $ und s, Z und z liegt (vgl. Battisti 
$ ı51) scheint Ettm. nicht zu unterscheiden. 

Auffällig ist, dafs im allgemeinen die Transkription von Sch. 
derjenigen von Battisti näher steht als derjenigen von Ettmayer, 
trotzdem der erstere nicht speziell die Formen von Castelfondo 
gibt. Es wird sich das dadurch erklären, dafs einerseits Ettmayer 
stärker differenziert als Battisti und Sch., andrerseits die Tran- 
skriptionssysteme der beiden letztern wenig voneinander abweichen. 

Die Ascoli’sche stimmt als die am wenigsten differenzierte am 
genauesten zu der Battisti’schen Transkription. 


KARL JABERG und JAKOB JUD. 


ı Man vergleiche Batt. S. 30 /z£ ver — fieurä (Dambel) — fieur> pl. 

2 Sch. bemerkt: „? und Zy schwer auseinander zu halten: Lafär, korr. 
Calyar“ (vgl. Batiisti S. 89). 

8 Es handelt sich bier, wie man aus den Bemerkungen Scheuermeiers 
zu dieser Aufnahme ersieht, nicht etwa um ein Versehen. Sch., dem bünd- 
nerisches € durchaus vertraut ist, hat nonsbergisches £ bei seinem Gewährsmann 
je nach der Stellung in Wort und Satz als einen sehr variablen Laut empfunden, 
den er mit verschiedenen Zeichen wiedergibt. ze&al notiert er in erein- 
stimmung mit Ettm. als die Form eines 80jährigen Mannes. 


Studium der Lautgewohnheiten und Erkenntnis, 


Im vergangenen Jahrhundert war das Studium der Lautgewohn- 
heiten der Beginn einer vertieften Kenntnis irgendeiner Sprach- 
wissenschaft. 

Die grofse Regelmäfsigkeit der Lautentwicklung machte sie 
zur Basis einer jeden Sprachbetrachtung. Man sprach von Zauf- 
geselzen. Erklärte die Entwicklung der Formenlehre teils als Wirkung 
dieser Lautgesetze, teils als rationale Folge des Bestrebens dem 
irrationalen Wirken der Lautgesetze auszuweichen, 

Die erste grofse Revolution in diesem Kapitel der Sprach- 
geschichte war die Entdeckung von Schuchardt, dafs auf dem 
Gebiete der Mundarten die Abweichungen von diesen Gesetzen 
zu zahlreich wären, um weiterhin von Geselzen zu sprechen. In 
dem Streite mit Thomas, der mit geringer Einsicht für die autori- 
tative Meinung von G. Paris eingetreten war, prägte Schuchardt 
die vortreffliche Formel: 


„Lautgesetze werden nicht unter Donner und Blitz verkündet. — 


Es war dies, verehrter Meister, für Sie und mich ein Ansporn, nur 
um so tiefer dem Wesen jener „Gleichmäfsigkeiten* in der Sprach- 
entwicklung nachzuspüren, welche man früher fälschlich Zausgesetze 
nannte, die allerdings sicher etwas anderes sind, als eben Gesetze 
im Sinne von „Naturgesetzen“. 

Anders eine Gruppe von Fachgenossen, welche auf der einen 
Seite aus dem Schuchardtschen Satze nur die Negation verstanden, 
auf der anderen Seite aber sich durch die s/arren Laufgesetze, wie 
sie sie nannten, in ihrer etymologisierenden oder ästhetisierenden 
Bewegungsfreiheit geniert fühlten. Für diese war die Schuchardtsche 
Entdeckung ein Freibrief sich ohne Studium der Lautgewohnheiten 
an Sprachstudium und Sprachbewertung zu machen. 

Die Möglichkeit eıner Sprachwissenschaft ohne Lautlehre suchte 
vor allem Vossler in Positivismus und Idealismus in der Sprach- 
wissenschaft (1904) mit den Worten zu erweisen: 


„Wie die Gliederung in Laut-, Flexions- und Satzlehre 
zustande gekommen ist, dürfte kein Geheimnis sein. Durch 
Zerkleinerung, durch mechanische Teilung. Man wollte die 

“ Sprache nicht in ihrem Werden, sondern in ihrem Zustand 
kennen lernen. Man betrachte sie als etwas Gegebenes und 


220 LEO JORDAN, 


fertig Vorliegendes: also positivistisch.1 Man anatomierte sie. 
Die lebendige Rede ward in Sätze, Satzglieder, Worte und 
Laute zerlegt. Einen Organismus kann man zerstören, aber 
nicht in seine Teile zerlegen“ (S. 8). 


Das Vosslersche Programm war also und ist, Sprache sei 
eine Sammlung von Ganzheiten, die man nur als Ganzheiten fassen 
könne. Nun kann man unzerlegte Ganzheiten zwar nicht rational 
erfassen, wohl aber geniefsen und werten?: 


„so kann die Geschichte der sprachlichen Entwicklung 
nichts anderes sein, als die Geschichte der geistigen Aus- 
drucksformen, als Kunstgeschichte im weitesten Verstande des 
Wortes. Grammatik ist ein Teil der Stil und Literaturgeschichte, 
die ihrerseits wieder in die allgemeine menschliche Geistes- 
und Freiheitsgeschichte (Kulturgeschichte) eingeht“ (S. ı 1, 12). 


Die grundlegenden Irrtümer dieser Auffassung sind nun die 
folgenden: Wenn man Ganzheiten oder Individuen betrachtet, 
kommt man nicht über sie hinaus. Denn jede Ganzheit ist für 
sich bestehend und ein Einmaliges. Vom Einmaligen als solchem 
aber kann es natürlich keine Wissenschaft geben. Das gilt aber 
nur für die Ganzheit, für das Individuum. Sobald man das 
Individum analysiert, kommt man zu Abhängigkeiten, also auch zu 
Klassen und Ordnungen, also zu Wissenschaft: 


Denn was man ist, das blieb man andren. schuldig. 


Will man also wirklich Geschichte treiben, will man Prozesse fassen, 
so darf man die Objekte bei Leibe nicht als unzerlegbare „Individuen*, 
als „Ganzheiten“ fassen, sondern man muls im Gegenteil in sie 
hinein schauen. Jede Ganzheit, jedes Individuum besteht aus 
Abhängigkeiten einerseits, und aus Eigenem, Individuellem anderer- 
seits. Nur durch Analyse, nur durch Zergliederung der Merkmale 
kann man das Eigene und das Abhängige erkennen, unterscheiden. 

Und so macht der Vosslersche Vorwurf gegen Sprachzerglie- 
derung: „Sie mache Prozesse zu Zuständen“, den Eindruck eines 
Sophismas: Denn nicht, wer Sprache nach räumlichem und zeit- 


I Ich brauche nicht auf das paradoxe dieses Sositivistisch aufmerksam zu 
machen: Der Positivismus lehrte: Döfinir !’homme par U’humanite, stand also 
dem Vosslerschen Idealismus sehr nahe. Obiges Verfahren aber ist weder 
positivistisch noch idealistisch, sondern lediglich analytisch. Was Vossler und 
seine Schule nicht leiden können, nennen sie Positivismus. 

2 In der Tat hat Vossler in der Praxis nie auf die Analyse von Sprach- 
phänomenen verzichtet. Selbst die Wertung von sprachlichen Einfällen oder 
Satzgebilden ist ja ohne Zergliederung nicht möglich. Das Paradoxe dieses 
Zwiespalts erhellt besonders grell aus einem der wackeligsten Essais seiner 
Sprachphilosophie (1923), dem System der Grammatik: Hier will er den 
Beweis von tolgendem führen: (S. 66): „In der Tat... auf Mechanismus der 
Physis und Mechanismus der Psyche reduziert sich alles sprachliche Leben 
wie die grammatische Methode es erfalst.“ Wir werden in diesem Aulsatze 
den Gegenbeweis erbringen. 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 221 


lichem Vorkommen, nach Laut, Form und Satz zergliedert, stabilisiert 
Prozesse; — sondern wer sich vornimmt, sprachliche Dokumente als 
Ganzheiten unzergliedert zu lassen. Nicht als Ganzheiten nämlich 
stehen sie zur Umgebung einerseits, — andererseits zu Vergangen- 
heit und Zukunft in Beziehung, sondern nur mit ihren Elementen. 
Als Ganzheiten sind sie einmalig. 

Wo stammt diese vernunftwidrige Zergliederungsfeindschaft 
her? Aus Rousseaus und seiner Schule Liebestheorie, ihrem ex- 
tatischen Selbstvergessen. Hier verbot sich Zergliederung: Gibt 
‘man nicht ganz, nimmt man nicht ganz: On resie deux. 

Von der Geliebten her übertrug die Folgezeit jene mystische 
Vereinigung, in Liebhaberweise mit dem Gefühl verallgemeinernd, 
auf jedes Objekt. 

Schon Goethe-Schiller wandten der Sprachforschung ein: 


Anatomieren magst du die Sprache, doch nur ihr Kadaver, 
Geist und Leben entschlüpft füchtig dem groben Skalpell. 


In demselben Sinne hatte der junge Goethe vor Zergliederung der 
Schönheiten eines Schmetterlings gewarnt, und dem Delinquenten, 
am Grau der einst so farbigen Flügel, vorgehalten: 


So geht es dir, Zergliederer deiner Freuden! 


In demselben Sinne hatte Goethe die Homerzergliederer getadelt: 


Homer wider Homer. 
Scharfsinnig habt ihr wie ihr seid, 
Von aller Verehrung uns befreit, 
Und wir bekannten überfrei, 
Dafs Ilias nur Flickwerk sei. 
Mög unser Abfall niemand kränken; 
Denn Jugend weils uns zu entzünden, 
Dals wir ihn lieber als Ganzes denken, 
Als Ganzes freudig ihn empfinden. 


Man sieht, es ist dieselbe jugendlich-künstlerische Einstellung wie 
um 1900: Es ist dieselbe Einstellung, welche Becker-Bedier die 
französische Volksepenanalyse bekämpfen liefsen, auch wo sie ernst- 
haft auf Reimuntersuchung und Sprachzergliederung beruhte. Denn 
es ging ihnen im Grunde nicht gegen „ernst“ oder „nicht ernst“, 
sondern gegen Zergliederung von Ganzheiten überhaupt. 
Im Namen jugendlicher Kunstbegeisterung mit dem Motto: So 
geht es dir, Zergliederer deiner Freuden! 
Ein Goethe allerdings reift; und wenn er die Farbzergliederung 
in seiner Jugend als genufsmindernd verpönte, so griff er, als der 
Erkenntnisdrang des Alternden vor den Farben nicht Halt machen 
wollte, doch zum Mikroskop und schrieb die Zarbenlehre als Zer- 
gliederer seiner Freuden. 

‚ Die meisten Menschen allerdings bleiben auf den analyse- 
feindlichen Forderungen ihres jungen Geblütes für ihr Leben stehen, 


222 LEO JORDAN, 


und so sehen wir heute eine Reihe von Publizisten unentwegt von 
den Irrtümern ihrer Jugend zehren: 


In dem Paris von Baudelaire, Mallarm& und Verlaine sich 
bildend ist Bergson wohl der erste gewesen, welcher die Wissen- 
schaft wie die Kunst hat orientieren wollen. Schon im Jahre 1888 
sprach er in dem Zssaz sur les Donndes immddiates (S. ı3) von der 
Sicherheit des senfiment estethique: 


n... la plupart des &motions sont grosses de mille sensations, 
sentiments ou id&es qui les penetrent: chacune d’elles est donc 
un Etat unique en son genre, ind&finissable (— „unzergliederbare, 
einmalige Ganzheit“) ... Pourtant l’artiste vise & nous intro- 
duire dans cette &motion si riche ... et & nous faire &prouver 
ce qu’il ne saurait nous faire comprendre ... Ainsi tombera 
la barritrte que le temps et l’espace interposaient entre sa 
conscience et la nötre.“ 


Also ganz im Sinne des Spätrokoko: Ne pas rester deux. 

Diesen Weisungen Bergson’s schlofs sich dann sehr eng Croce 
an; und wie jener die Naturwissenschaft wie Kunstgenufls zu 
orientieren suchte, so orientierte dieser die Sprachwissenschaft. 
Vossler führte, Croce folgend, diese Neuorientierung in Deutschland 
ein. Und so kam es auf unserem Gebiete zu einer seltsamen 
Blüte der Neuromantik. Diesmal kam sie aber nicht aus den 
Kleinstädten und Wäldern der Schweiz oder Deutschlands, sondern 
aus den Kaffeehäusern von Paris. 1 


Auch in Italien hat Croce Anhänger unter den Sprachforschern. 
Wie haben nun sie sich mit den Lautgewohnheiten abgefunden ? 

Bertoni sagt uns das, nachdem er die etwas verschwommene 
Ansicht der Neugrammatiker von der mystischen Wirkung von 
Lautgesetzen kritisiert hat, folgendermalsen: 


„I neolinguisti.... fanno delle ‚leggi‘ e delle ‚astrazioni‘ 
dei neogrammatici il conto che si deve fare d’ogni sussidio 
pratico. Le considerano, cioe, quali utilissimi schemi di classi- 
ficazione e non ne negano la grande commoditä, ma non 
riconoscono loro nessun carattere di veritä.“ 

(Breviario di Neolinguistica S. 8, 9.) 


Bertoni steht also auf dem Standpunkte Schuchardts: Zaufgesetze 
werden nicht unter Donner und Blilz verkünde. D.h. sie sind keine 
gottgewollten Regenten, welche die Schicksale der Sprache zügeln. 

Aber in folgendem geht er über die mir bekannten Schuchardt- 
schen Lehren hinaus, indem er nämlich schlielst: Sie sind keine 
Gesetze, also haben sie nicht den Charakter von Wahr- 


1 Diese Dinge sind ausführlicher dargestellt in Aunst des beprifflichen 
Denkens (München, Bruckmann 1926) und in Zes Jades, leurs Rapports et 
le Jugement de l’Homme (Genf, Olschki 1926). 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 223 


heiten, sind uns nur ein Klassifikationsschema. Dieser 
Schlufs ist nun vollkommen unbegründet und logisch unmöglich: 


Entweder: die Lautgewohnheiten sind keine Wahrheiten, dann 
dürfen wir sie auch nicht benutzen: Denn wir wollen doch zu 
anderen Wahrheiten, höheren Wahrheiten gelangen. Das können 
wir aber selbstverständlich nur, wenn wir unsere Grundlage auf 
Wahrheit aufbauen. 

Oder: die Lautgewohnheiten sind Wahrheiten, dann müssen 
wir sie benutzen, wenn wir weitere Wahrheiten aus ihnen erkennen 
wollen. 


Wie man sieht, liegt die Schwierigkeit der Lösung von Bertonis 
Paradox in dem undefinierten Worte veritd. 

Wollen wir also über das Paradox hinauskommen, so müssen 
wir uns darüber verständigen, was wir Wahrheit nennen. 

Nun pflege ich folgendermalsen zu unterscheiden: 


Wahrheit ist „eine Beziehung zwischen dem Subjekte und dem 
Objekte“, zwischen „dem Betrachter und dem Betrachteten“: 
Der Betrachter kann in seiner Aussage über das Betrachtete, in 
Erkennen und Berichten, „wahr“ sein — das Betrachtete als solches 
ist weder „wahr“ noch „unwahr“. 

In diesem Sinne können also die Lautgesetze an sich gar 
nicht „wahr“ oder „unwahr“ sein. 

Sind sie aber in Hinsicht auf einen Betrachter „unwahr“, 
dann mufs man alle Betrachter vor ihrer Verwendung dringendst 
warnen. 

Sind nun Lautungen und Lautveränderungen in dieser Hin- 
sicht „wahr“ oder „unwahr“ ? 

Das reduziert sich auf die letzte Frage: Sind sie, oder sind 
sie nicht? 

Anders gesagt: Was sind Lautungen und Lautveränderungen 
in Wirklichkeit? — Was aber ist Wirklichkeit? 

Das leider anonyme Individuum, welches dieses Wort der 
Wirklichkeit ablauschte, war ein trefllicher Denker: Das Wort ist 
Symbol und Definition: Wirklichkeil ist das, „was auf Betrachter 
(und sonst) Wirkungen ausübt“. 

Nun triumphieren Phänomenologen und Idealisten: „Also ist 
Wirklichkeit nichts“, rufen sie. Sie meinen: Da wir nur unser 
inneres Bild haben, ist alles Projizieren dieses Bildes nach aufsen 
ein unbeweisbarer Schluss. 

Mit dieser Meinung fallen nun allerdings „Wahrheit“ und 
„Wirklichkeit“ zusammen. Zugleich aber werden auch „Wahrheit“ 
und „Unwahrheit“ ununterscheidbar: Weil ja nun phänomenologisch 
unser inneres Bild die Dinge beherrscht, oder idealistisch „das 
Kausalitätsprinzip in der menschlichen Vernunft ist“ (Vossler), und 
nicht umgekehrt die Dinge unser inneres Bild beherrschen und 
unsere Vernunft auszieht, um der Dinge Ordnungen (Kausalität, Ab- 
stammung usw.) zu erkennen, 


224 LEO JORDAN, 


So aufgefalst ist Phäanomenologie, oder Jacalismus, oder Sol- 
ıpsismus, oder wie man dies naive Dogma nennen will, ein „philo- 
sophischer Karneval“, ein „umgekehrter Komment“, eine „Edgar 
Poesche Gleichsetzung von Dichtung und Wahrheit“, eine „roman- 
tische Konfusion von Traum und Leben“. 


Wir haben drei Koordinatensysteme, um Wirklich- 
keit aulserhalb von uns festzustellen: 


ı. Die Prüfung des gleichen Objekts durch verschiedene 
Sinne. 

2. Die Prüfung dieses Objekts zu verschiedenen Zeiten. 

3. Die Prüfung dieses Objekts durch verschiedene Be- 
obachter. 


Da jeweilig die Einheit nicht in uns ist, so muls sie 
aufserhalb von uns sein. Dies ist der unwiderlegliche Grund- 
satz einer jeden kritischen und forschenden Wissenschaft. In der 
Sprachwissenschaft wenden wir ihn folgendermalsen an: 


Wie erfassen die fremden Laute, Worte und Sätze mit dem Ohr, 


wenn wir ins Terrain gehn — wir korrigieren die hier möglichen 
Irrtümer durch historische Betrachtung, wobei wir mittelbare 
Wirklichkeit mit dem Auge aufnehmen — und wir korrigieren 


die Fehler dieser vierdimensionalen Methode durch Vergleichung 
der Resultate vieler Forscher an demselben Objekte (Kritik). 


Ein Muster gewissenhafter und sorgsamer Arbeit dieser Art 
wird, verehrter Jubilar, Ihre Provenzalische Lautlehre bleiben: Sie 
haben sie auf der genauen Kenntnis der neuen Mundarten, auf 
der genauen Kenntnis des älteren Zustandes dieser Mundarten, 
auf der genauen Kenntnis der verschiedenen Ansichten über die 
einzelnen Probleme aufgebaut. 

Ich entnehme dieser Lautlehre Ihre Aufstellung des Ergebnisses 
von lat. offenem a im Provenzalischen, um meine Ansichten an 
einem Beispiel zu erklären: 


8 27: a: mar, chanlar, grat; part, arbre. 


Man erkennt die Erhaltungskraft römischer Lautung in der Provence: 
Der Laut blieb über zwei Jahrhunderte in den Grenzen der Artiku- 
lation, welche wir als a vernehmen und als solches graphisch 
wiedergeben. 

Wenn wir aber nordfranzösisch artikulieren, so ist das Ergebnis 
ein anderes: 


mer, chanlter, gröt,; part, arbre. 


So etwa sprach man im ıı. Jahrhundert. Das heilst, das proven- 
zalisch noch einheitliche a hat sich zu einer gewissen Zeit der 
Sprachgeschichte des Nordfranzösischen gespalten: In gedeckter 
Silbe (far-iem, ar-bor) wurde es erhalten, in freier Silbe aber 
wandelte es sich zu e. Später haben Verstummen der End- 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 225 


konsonanten und Einsilbigkeit weitere Veränderungen .zur Folge 
gehabt. 
So also ein Tatbestand aus dem Gebiete der Lautentwicklung. 


Nun erheben sich diesem Tatbestand gegenüber zwei Fragen, 
wenn wir an unsere Einleitung denken: 

Die erste ist: Sind das Wirklichkeiten? Wir können sie 
nur mit ja beantworten. Es sind noch heute lautende Wirklich- 
keiten. Und durch die gleichmälsige Schreibung der älteren Zeit 
erschliefsen wir die gleichmälsige Wirklichkeit der älteren Zeit und 
stellen Etappen ihrer Prozesse fest. 

Die zweite Frage ist: Sind das mechanische Gesetze? 
Diese können wir mit einem vorsichtigen Nein beantworten. Denn 
Gesetze dulden keine Ausnahmen. Im Weltengeschehen ist der 
Gang der Planeten auf den Bruchteil von Sekunden bestimmbar, 
im Atom sind dieselben, errechenbaren Prozesse am Werk ; chemisches 
Geschehen verläuft ebenso; und auch beim Wetter oder der Mischung 
von Gasen ist es nur Plurikausalität, welche den Anschein erweckt, 
als ob hier etwas anderes Nichtgesetzmälsiges vorläge. Das Gesetz- 
mälsige liegt beim Plurikausalen in der jeweiligen Determination 
durch die materiell stärkste Kraft, ist also Mechanismus. 

Es ergibt sich demnach für die Lautentwicklung: Da Gesetz 
immer dasselbe Resultat zeitigt, ohne Ausnahme, — die Laut- 
entwicklung aber stets Ausnahmen zeigt, so ist ihr Charakter als 
Gesetz in Zweifel gesetz. Es kommt also nun als zweiten Schritt 
darauf an, sich über den Charakter jener Ausnahmen klar zu werden: 

Sie sind in dem uns überlieferten Woıtschatz des Altfranzö- 
sischen in der Minderzahl gegenüber den gleichmälsig entwickelten 
Fällen: Aufser den oben genannten mer, chanter, gr& wandelten 
noch lat. Ton-a zu £ im Zentralnordfranzösischen: 

Irds, sel, söve, feve, nef, pre nes, enfler, clair, alle, mortel, 
fövre, pere und zahllose Formen der Konjugation. 


Und dieser imponierenden Gleichmälsigkeit entziehen sich nur 
Worte wie: 
chandelabre, pape, diable, dat, table. 


Das sind also Worte von Geistlichen, Juristen, gehobenen Ständen, 
Lesern. Ihre Ungleichmäfsigkeit mit der nationalen Lautung (Aus- 
nahme) liegt also nicht an der besonderen lautlichen Verfassung 
der Worte, sondern an der begrifflichen, welche. diese 
Worte auf gehobene Stände beschränkt. 

D.h. das Ausnehmende ist nicht etwas Lautliches, sondern 
etwas Gesellschaftliches. Ein engerer Kreis innerhalb der 
gıofsen Sprachgemeinschaft, eine cäque, ein Älüngel, wie man am 
Rhein sagt, braucht diese Worte, bestimmt ihre Lautung. 

Innerhalb dieser Clique sind diese Ungleichmäfsigkeiten eine 
engere Gleichmälsigkeit: Reste einer älteren gröfseren, ja fast totalen 
Gleichmäfsigkeit: Des lat. Ton-a nämlich. 

Zeitschr. I. rom. Phil. XLVU. 15 


226 LEO JORDAN, 


Das zeigt nun den eigentlichen Charakter aller Gleichmäfsigkeit 
in Lautung und Lautveränderung: 

Die Gleichmäfsigkeit liegt nicht in den Lauten, denn der 
Laut ist ja kein Organismus. Er ist an sich „eine Zustands- 
veränderung der Luft“; in der Absicht eines Sprechenden 
die „Verdeutlichung irgendeines Gemeinten“. 

Sie liegt aber auch nicht im Einzelnen: Denn der Einzelne 
würde als solcher nur Einmaliges liefern; das ist aber das Gegenteil 
von Gleichmäfsigkeit. Sie liegt auch nicht in der Gesellschaft 
als solcher. Denn es ist nicht einzusehen warum die Gesellschaft 
als Individuum dazu käme zu verändern. 

Sie liegt also an der Wechselwirkung der Einzelnen 
auf die Gesellschaft und der Gesellschaft auf die Einzelnen. 

Prozesse, welche man nicht psychologisch oder soziologisch 
fassen kann, ohne zu Irrtümern zu gelangen, welche man also 
psychosoziologisch fassen mufs. Prozesse, welche aus unan- 
schaulichen Einflüssen in Individuen, deren mehr oder weniger 
bewulsten Verarbeitung und Ausflüssen aus diesen Individuen in 
andere bestehen. 

Prozesse, welche stets und immer hauptsächlich durch Worte, 
durch Sprache vermittelt werden, welche also vornehmlich der 
Sprachforscher wird fassen und für die Erkenntnis nutzbar machen 
können. 

Prozesse, bei denen der unbewulsteste Teil die Lautung ist: 
Denn um so geringer psychologisch das Bewulstsein, um so gröfser 
ist die soziologische Gleichmäfsigkeit. Und um so grölser der Grad 
des Bewulstseins ist, um so näher steht die Leistung dem Einmaligen. 

Prozesse, welche also nicht nur die Basis sprachwissenschaft- 
lichen Erkennens bilden müssen, sondern auch dem Psychosoziologen 
als Basis dienen sollten. 

Hierüber ist nun experimentell folgendes erkannt worden: Bei 
einzelnen meist der Jugend angehörigen Individuen und bei einzelnen 
Worten wird die Lautveränderung zuerst vernommen; dann folgen 
andere Individuen, und der lautlich zusammengehörige Wortschatz 
vervollständigt sich; oder aber die fortgeschrittene Gruppe findet 
keine Nachahmung und kehrt zur Hauptgruppe zurück. Das nennen 
wir Zinguistische Regression. 

Das sind also keine Gesetze wie sie Wetter oder Gas- 
mischung beherrschen: Denn es steht der Plurikausalität 
des Angebots durch revolutionäre Individuen die WAHL 
durch andere Individuen gegenüber. Die Entscheidung fällt 
nicht innerhalb der Verursacher, sondern innerhalb der Wirkungs- 
empfänger, ist also „nichtmechanisch*“, 

Es sind also Regeln, oder Gewohnheiten, welche sich Gruppen, 
vorbildlichen Individuen oder Ständen folgend, geben, von denen 
andere Individuen und andere Stände hinwiederum abweichen. 

Sie sind bestimmt durch Nachahmung nach der einen Seite, 
durch Nichtnachahmung nach der anderen Seite. 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 227 


Und sind hervorgerufen durch Sucht, Vergnügen oder Interesse 
Einzelner an der Veränderung, durch den Gegensatz zu der älteren 
Generation, durch individuellen Geschmack, wie jede Mode: 


Das ist der Laut, das ist die Welt, 
Dafs eins ums andere gefällt. 


Die Gröfse der Gruppe schliefslich hängt von Begrifflichkeit 
(allgemein übliches Wort oder nicht), von Vorbildlichkeit des In- 
dividuums oder Standes, oder der Provinz, vor allem aber allgemein 
gesprochen vom Verkehr ab. 

Verkehr nivelliert: Vor dreifsig Jahren sprach in den thüringischen 
Städten auch der Gebildete Dialekt; — heute sprechen schon die 
Dienstboten in den kleineren Städten mit reichsprachlicher Lautung, 
die der alte Tonfall noch leicht nüanciert. Und wie es mit der 
Lautung ist, so ist es mit der Kleidung, ja mit der Kost: Und 
der altväterliche Zwiebelkuchen, das einstige Feiertagsgericht der 
Herrschaften, dessen musterhaftes Herstellen einen Bäckermeister 
seinerzeit an den Hof brachte, wird heute von der Jugend niederer 
Stände schon perhorresziert. 

Es sind also nicht mehr jene Individuen vorbildlich, welche 
nur „anders sprechen“ wie die ältere Generation und sich auch 
sonst unter den Altersgenossen auszeichnen, sondern der Mafsstab 
ist: „So sprechen wie die Fremden“. Ich glaube in Venedig das 
Gleiche beobachtet zu haben. Es ist wohl das, was Rousselot zu 
seinem Schlagwort vom Bankrott der Lautgeschichte führte. In 
der Tat liegt gar kein Problem vor: Das heilst, ein Problem liegt 
nur vor, wenn man an dem Begriffe „Gesetz“ festhält. Versteht 
man aber die Lautentwicklung als modischen Wechsel von Gewohn- 
heiten, so fällt alles Problematische fott. Denn Ausnahme 
bestätigt Regel. Um so schärfer tritt unser Anfangsproblem vor: 


Können wir Sprachwissenschaft treiben, ohne uns 
von diesen Lautgewohnheiten aus zu orientieren? 


Für die Formenlehre ist dies kein Problem mehr: Da die 
Formentwicklung in ihrem charakteristischsten Teile ein Ausflicken 
der Schäden ist, welche durch die Lautentwicklung entstanden, so 
hiefse: Formen ohne Laute verstehen wollen dasselbe wie „eine 
Wirkung ohne ihre Ursache zu erkennen suchen“. 

Nun ist allerdings in der Formenlehre nur ein Teil, wenn 
auch eben ein grolser Teil, durch Lautentwicklungseinflüsse deter- 
miniert. Ein anderer Teil’ ist ohne äufsere Determination, ohne 
Not, ohne Zwang, der von aufsen kam, verändert worden. Teils 
durch Irrtum oder Analogie, wofür Sie in $$ 66 ff. Beispiele geben; 
teils durch gefühlsbestimmte oder begriffsbestimmte Erfindung: Inner- 
halb der Formenlehre ist das Kapitel Umschreibung das Bassin, 
in welchem wir die „Nova“ sammeln. Ich erinnere als Beispiele 
an das suggestive neufrz. je vais farlir, an das in der Franche- 
Comte übliche z/ veut falloir. In der Tat ist je vais parlir von 


15* 


228 LEO JORDAN, 


wunderbarer Deutlichkeit. Ich möchte es übersetzen: „Ich bin 
auf dem Sprunge fortzugehen“. Es ist ohne Zweifel bildhafter als 
je partırai aussilöt. Dals es sich wegen dieser Bildhaftigkeit durch- 
setzte, wird von niemandem bezweifelt werden. Dals es aber weiter 
nichts als ein frisch von der Leber weg erfundenes Bildhaftes ist, 
eine Schöpfung wie der modische Ausdruck lautet, das ist in 
diesem wie in jedem einzelnen Falle ein Problem. 

D. h. logisch ausgedrückt: Die Gründe der Ausbreitung 
einer solchen Umschreibung sind klar: Nicht sicher ist, ob sie ihre 
Entstehung vorwiegend einem individualpsychischen Grunde 
(Schöpfung), oder vorwiegend einer aulserindividuellen Ursache 
verdankt. 

In sehr vielen Fällen hat z. B. das Studium des Satzrythmus 
geradezu revolutionäre Entdeckungen gezeitigt; und Neubildungen 
in Formen, Änderungen der Wortstellung, die jeder, auch der 
Vorsichtigste, für freie individuelle Änderungen angesehen hätte, 
zeigten sich als deutliche und undiskutable Wirkungen von Rythmus- 
einflüssen. 

Hier sind nun zwei Wege verfehlt: ı. Zu meinen, dafs die 
Grammatik wieder nur zu Mechanischem führe. Denn wenn die 
syntaktische Änderung auch durch die Rhythmusänderung deter- 
miniert scheint, so ist die Rhythmusänderung! selbst stets 
eine Geschmacksänderung, bei der Determination von 
aulsen vor individueller Farbgebung zurücktritt. 

2. Ebenso verfehlt ist das andere Verallgemeinerungsurteil: 
Es sei nun alles durch Rhythmuszwang erklärt. Ja nicht einmal 
die sicheren Fälle von Veränderungen der Wortstellung z. B. sind 
allein durch Rhythmuszwang zu erklären. Sie sind nun durch 
den Rhythmus determiniert: Auch hier blieben dem individuellen 
Belieben zu Verändern noch Spielräume. 

Dies alles reduziert sich also auf die Frage: Können wir die 
Sprachbetrachtung von diesem Neuen, Schöpferischen 
aus orientieren, sie also wie wir oben lasen in der Tat 
als Freiheitsgeschichte auffassen? 

Oder können wir das nicht? 

Für die Formenlehre ist die Antwort gegeben: 


Wir können das nicht! Erst wenn die mannigfachen 
Zwänge, welche formale Deutlichkeit beherrschen als 
nichtbestehend erkannt wurden, kann man von einem 
nicht lautlich determininiertem Neuen oder einem 
lautlich undeterminierten Teile dieses Neuen sprechen: 


In je vars partir ist keine Ursache zu sehen, warum man 
je parlirai aussitöt hätte ersetzen „müssen“: Bleibt also nur ein 
„Kann“, ein Grund. — 


1 Ebenso zu beurteilen sind natürlich Tempoänderungen, Änderungen im 
Mienenspiel, in der Schallstärke, in der Artikulationsbasis, welche alle laut- 
verschiebend wirken können und meist zu wirken pflegen. 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS, 229 


Da ein prinzipieller Unterschied zwischen Formenlehre und 
Satzlehre nicht besteht, so dürfen wir a priori annehmen, dafs 
auch hier nur eine Orientierung vom „Mufs“ her als gewissenhaft 
angesehen werden kann: 

Diese Annahme wird durch die Erfahrung bestätigt: Ehe wir 
über die Zwänge, die der Rhythmus bewirken kann, unterrichtet 
waren, konnten wir jede syntaktische Neuerung für eine Folge 
persönlichen Geschmacks einen persönlichen Einfall, eine Schöpfung 
halten. Wie abhängig aber die kleinste Einzelheit von den Ände- 
rungen des Rhythmus ist, hat Rydberg in seinem monumentalen, 
für viele bequemen Leute allzu monumentalen Werke gezeigt. 

So ist auch hier der logisch einwandfreie Weg nicht der von 
vornherein ein „Kann“ axiomatisch zu postulieren und deduktiv 
aus dem Axiom zu entwickeln, wie das Liebhaber tun, sondern 
dies „Kann“ erst für einigermalsen sicher zu halten, wenn die 
Vorfrage „liegen keine Zwänge vor?“ durch Induktion mit nein 
beantwortet wurde. Vorausgesetzt, dafs man erkennen will, und 
nicht schwärmen, das heilst sich damit begnügen „die Freiheit, die 
Schöpferkraft Einzelner oder Aller anbetend zu bewundern“. 


Wie ist das nun aber mit der Stilistik? Ist nicht hier das 
Gebiet, auf dem man reine Wertung einer Ganzheit, mit dem 
eigenen verfeinerten „Geschmack“, mit äs/helischem Sinne, Ein fühlung, 
Intuition, oder wie man diesen „Geschmack“ sonst nennen will, 
vornehmen kann? Ohne Rücksicht auf Syntax, auf Form und 
Laut, auf Rhythmuszwänge? Ist nicht hier endlich jene Freiheits- 
geschichte gefunden, von denen unsere Romantiker schwärmen ? 

Das kommt nun darauf an, was man unter Si versteht: Wenn 
man induktiv vorgeht, so findet man das Folgende: 

ı. Man kann stilistisch für einen Begriff das nächstliegende 
Wort setzen — und man kann gradweise dafür ein fernerliegendes 
wählen. Ja man kann sogar für den Begriff einen verwandten 
(durch einen oder mehrere Merkmale assoziativ verbundenen) anderen 
Begriff nennen, Zwischen diesen beiden Extremen schwankt der 
Stil der Dichtung: 

Boileau schreibt trocken vor: 


J’appelle un chat un chat! 
Und Mallarm& lehrte umgekehrt: 


la puissance absolue d’une Metaphore ... la vivante all&gorie. 
(Divagations $. 3I, 32, um 1890) 


Ein Symbolist nennt also „Katze“: Zeisetreter, Mäusefänger, vier- 
beinigen Vogel usw. Man soll sich darüber klar sein, dafs Sym- 
bolismus vergnüglich und geistreich, ja witzig sein kann, dals ihm 
aber jeder Erkenntniswert fehlt, trotzdem unsere heutige 
Ästhetik ihn gern zum Erkennen miflsbraucht; wenn man weiterhin 
sich darüber klar ist, dafs nicht nur die klassische Wissenschaft, 


230 LEO JORDAN, 


sondern auch die klassische Kunst dem Symbolismus abhold ist, 
ja das Quidproquo zu vermeiden vorschreibt wie alles Unklare, so 
kann man nach Erledigung dieser Vorfragen alles Symbolische ohne 
Hemmung mit seinem Geschmacke werten. 

Hier im Begriffs- und Worisäl wäre nun in der Tat jene 
Freiheiheitsgeschichte erreicht, in welcher der Geist über den Geist 
hemmungslos urteilen, werten kann. Allein über dasSymbolische, 
Begriffs- oder Wortstilistische darf er unter keinen Um- 
ständen hinausgehen. 

2. Ganz anders wie in dem Kapitel Wort und Begriffsstil und 
vor allem viel weniger frei, sehen die Dinge dem induzierenden 
Forscher auf dem Gebiete „Syntax und Stil“ aus, sagen wir einmal 
beim Saizsiıl: 

Die Behauptung, dafs Sıtzs/il ein Teil der menschlichen Freiheits- 
lehre sei, konnte auch nur von Leuten erhoben werden, welche 
nur in dem Gebiete der indogermanischen Sprachen, womöglich 
auf einem noch sehr viel engeren Gebiete ihre Erfahrungen ge- 
sammelt hatten. 

Erst eine Extratour in eine Sprache, die (wie z.B. das Japanische) 
keine Komparation, keinen Bedingungssatz in der Form der Unsrigen, 
keinen eigentlichen, oder formalen Unterschied zwischen Verbum 
und Eigenschaftswort besitzt, so dals der verflossene Zustand durch 
das „Imperfekt“, der gegenwärtige und die dauernde Zigenschaft 
aber durch das „Präsens* ausgedrückt wird — erst eine solche 
Extratour zeigt dem Forscher, wie gebunden das sein kann, was 
wir Safsstil nennen. 

Und oft, wenn ich einen japanischen Satz sage oder schreibe, 
erwidert mir mein Mentor: „Ich kann Sie wohl verstehen, aber 
wir sagen nicht so!“ 

D. h. Satsstil ist nicht an sich frei. Sondern innerhalb der 
syntaktischen Gewohnheiten gibt es Spielräume, in denen sich das 
bewegt, was wir Salzsi/ nennen: Sei es, dafs es wie gewöhnlich 
innerhalb dieser Spielräume sich mit mehr oder weniger Kunst 
bewegt, sei es, dafs es die Spielräume eigenwillig, mit oder ohne 
Erfolg (Mallarme, Futurismus) erweitert. 

Nach dieser Induktion ist klar, dafs ı. Begriffs- oder Wortstil- 
kunde kein Grammaticum im eigentlichen Sinne des Wortes ist. 
Sie wird dem Sprachforscher vermutlich in erster Linie zugänglich 
sein. Aber Nichtsprachforscher haben doch auch schon sehr Gutes 
über Begriff, Begriffsverschiebung, Quidproquo geschrieben. Sie 
ist vor allem ein Psychologicum; speziell der Assoziationspsychologie 
zugehörend. — Dagegen ist 2. Satsstıl ein Grammaticum und 
nicht ohne Beantwortung der Vorfrage „Welches sind die Regeln ?“ 
zu beantworten. Erst wenn man die Spielräume kennt, kann man 
Kann und Kunst, Freiheit und Gebrauch, respektive Mifsbrauch 
(Mallarme) feststellen. Und erst wenn man Mufs (Regel) und Kann 
(Spielraum) schied und unterschied, erst dann kann man unparteilich 
werten. 


 — 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 231 


Wer diesen Weg nicht geht, kann bewundern, schwärmen, 
für seinen Dichter begeistern, seinem Geschmack Jünger werben, 
Parteiphrasen in die Welt setzen. Aber erkennen kann er nicht. 

Auch wird das Kantsche Wort, zu dem man aus Lessing sich 
Analoga holen möge, auf ihn zu beziehen sein: 


„Unter einem Prinzip des Geschmacks würde man einen Grund- 
satz verstehen, unter dessen Bedingung man den Begriff eines Gegen- 
standes subsumieren und alsdann durch einen Schlufs herausbringen 
könnte, dafs er schön sei. Das ist schlechterdings unmöglich. 

Denn ich mufs unmittelbar an der Vorstellung desselben die 
Lust empfinden, und sie kann mir durch keine Beweisgründe an- 
geschwatzt werden.“ (Kritik der Urteilskraft $ 34.) 


Um diese Distinktionen hat Vossler seine Schule mit folgendem 
Worte gesteuert: „Stil ist der individuelle Sprachgebrauch im Unter- 
schied vom Allgemeinen ... Der induktive Weg aber führt vom 
Individuellen zum Allgemeinen, vom Einzelfall zur Konvention. 
Nicht umgekehrt. Also erst Stilistik, dann Syntax.“ 

Ich habe diesen famosen Satz aus Positivismus und Idealismus 
($. 16) schon mehrfach herangezogen. Mit Recht, denn man wird 
immer mehr sehen, dals er die Keimzelle der vosslerschen Romantik, 
das Urparadox seiner Paradoxie ist. Der sprachwissenschaft- 
liche Irrtum, auf welchem sich der Satz aufbaut, ist: Der indivi- 
duelle Sprachgebrauch, welcher eine syntaktische Regel modifizierte, 
ist in 9999 auf 10000 Fällen ein metaphysischer, anonymer Vor- 
gang. Volsler meinte „individuelle Neuerung“ und sagte zndizi- 
dueller Sprachgebrauch. 

Der logische Irrtum besteht darin, dafs Induktion nicht der 
Weg vom Individuellen zum Allgemeinen ist, sondern der Weg 
vom bekannten und analysierbar vorliegenden Einzelnen zum un- 
bekannten Allgemeinen, 

Da nun die Grammatikregeln bekannt sind, — die Neuerung, 
welche zu ihnen jeweilig führte unbekannt, total unbekannt, — so 
geht Vossler in obigem Grundsatz seiner Methode vom Unbekannten 
aus, um das zu suchen, was bekannt ist. — Ist aber der Satz logisch 
unhaltbar und sprachwissenschaftlich laienhaft, so ist er doch wieder 
psychologisch sehr gut aus Zeit und Umständen zu verstehen: 
Vossler steht unter dem Banne symbolistischen Denkens: Er kon- 
fundiert infolgedessen Begriffs-- und Wortstilistik mit Satzstilistik 
und stellt diese Konfusion der Syntax gegenüber, mit der wohl 
der Satzstil etwas zu tun hat, aber nicht der Begriffs- und Wortstil. 

Aber er steht unter dem Banne der Symbolik auch insofern, 
als ihm jedes Problem zur Wertung wird. Das geht so weit, dafs 
ihm selbst die nüchterne Methode der Induktion, welche aus einer 
Reihe ähnlicher Fälle die gemeinsamen Merkmale heraushebt, die 
individuellen Merkmale abzieht, zu einem Mittel der Wertung wird: 
Er unterstreicht; „Erst Stilistik, dann Syntax“. 


232 LEO JORDAN, 


Induktion ist ihm gleichsam ein Mittel zu erkennen, ob Frau 
Syntaktika oder Frau Stilistika vorzuziehen sei. Und er gibt Frau 
Stilistika den Vortritt. 


Auf solch naiver Grundlage erhebt sich jene Lehre, welche 
die Sprachdurchdringung von Laut, Form und Satz her ablehnte, 
in Namen der Unzerlegbarbeit des Individuums. 

Zwar forderte sie mit uns Induktion. Aber sie war sich nicht 
im Klaren, was Induktion sei, zumal sie ihr ihre einzige Handhabe, 
die Analyse, versagte. Sie predigte Synthese. Und sah nicht, dafs 
Synthese ohne vorhergehende Analyse selbst in der Liebe mifslich 
sei. Dafs es ebensowenig eine Synthese, wie eine Wissenschaft vom 
unzergliederten Einmaligen geben könne. 

Im Gegensatz hierzu wissen wir, dafs wir nicht bei Ganzheiten 
stehen bleiben dürfen. Erst wenn wir analystisch in sie hinein- 
schauen, durch Induktion die Gleichmäfsigkeiten bestimmen, welche 
sie mit anderen Individuen zu Klassen und Ordnungen verbinden, 
können wir Synthese machen. Synthese nach der Seite der Ko- 
existenz hin, der Klasse, und nach der Seite der Folge hin, der 
Ordnung. Der Einwand, dals wir auf diese Weise Organismen 
zerstörten, statt ihren Geist zu erkennen, ist kindlich-dichterisch. 
Ein Kind zerlegt sein Spielzeug — und weint, weil es nicht mehr 
funktioniert. Ein Kind wischt einem Schmetterling die Flügel ab 
und weint, weil sie grau werden. Die rein gedankliche Operation 
„Analyse“ zerstört gar nichts. Sie geht ja am Individuum 
nur vor sich, um über Klasse und Herkunft Aufschlüsse 
zu erzielen. Für den gemordeten Schmetterling bleiben tausend 
andere. Und es ist nicht wie in der Liebe, wo nur das Individuum 
gilt. In der Forschung aber verhalten sich alle Objekte wie der 
Schmetterling: Sie sind nur Beispiele, Vertreter von Arten und 
Ordnungen. Und jedes Individuum steht nicht als Ganzes mit 
Vergangenheit und Zukunft in Verbindung, sondern nur mit Teilen. 
Darum ist in der Tat Analyse der einzige Weg, das „wirklich“ 
Individuelle im Individuum zu erkennen: Dies Individuelle verbleibt, 
wenn wir die Gleichmäfsigkeiten abzogen, als Gehalt oder als Geist. 
Und es ist nur ein grobes Skalpell, dem das Eigene, das Geistige 
in höherer Potenz auf diesem Wege entschlüpft. 

Gemeinschaftliches ist in unserem Fache am hervortretensten 
in der Lautentwicklung: Hätten wir verkehrslose Gesellschaftsgruppen, 
so könnten wir fast von Lautgesetzen sprechen. Der Lautung gegen- 
über würde das Bewulstsein des Einzelnen fast gleich Null sein. 
Der Gegensatz zur älteren Generation würde in bestimmten Bahnen 
weiterführen. Und nur eine gesellschaftliche Revolution könnte 
durch Umstellen der Stände Lautevolution zu Lautrevolution machen, 

In der Tat gibt es solche Geschlossenheit nicht. Immer stärker 
wird der Spielraum, den der Mensch als Einzelner wie als Gruppe 
der Lautung gegenüber durch den Verkehr erhält; immer häufiger 
werden Willkür, Bewulstseinsakte und Wahl der engen Gruppe 


STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN UND ERKENNTNIS. 233 


gegenüber — immer bestimmender freiwillige Beugung vor der 
grölseren Gruppe. 

Immerhin bleibt unter allen Moden wohl Lautung noch das- 
jenige Gebiet, das den geringsten Spielraum besitzt und das deswegen 
kein Soziologe unbeachtet lassen sollte. Seine Gleichmälsigkeiten 
sind der Art, dals sie nicht nur wissenschaftliche Sprachbetrachtung 
begründen, sondern auch einen festeren Boden für die soziologische 
Forschung ergeben könnten, als diese ihn bisher besitzt. 

Denn die Bewulstseinsakte der Lautung gegenüber sind jeden- 
falls geringer als diejenigen der Mode gegenüber in Tracht oder 
Meinung, in Manieren oder Lustbarkeit. 


Wie dem aber auch sei, wir Sprachforscher müssen von der 
Lautung ausgehen, wenn wir im Gebiete der Formentwicklung 
die Art der Determination erkennen wollen: Abhängigkeit dieser 
Entwicklung von der Lautung ist das Gewöhnlichere. Erst also, 
wenn wir den Grad der Abhängigkeit kennen, enthüllt sich der 
Grad der Freiheit; oder aber, wenn eine solche Abhängigkeit sich 
nicht bestätigte, sind wir im Rechte einen spontanen, willkürlichen 
Wandel für gegeben zu halten. 


Es ist in der Syntax nicht anders: Ein erheblicher Teil ihrer 
Neuerungen ist unter dem Einfluls von Rhytmusänderungen ge- 
schehen. Und stets wird auch hier die Vorfrage des vorsichtigen 
Forschers sein, ob nicht von dieser Seite her Determinationen 
kamen. Immerhin ist der Spielraum nun sehr viel gröfser geworden 
und die stärkere Determinante wird auf auf dem Gebiete des Be- 
grifflichen und des Gefühls der Redenden und Schreibenden ge- 
sucht werden müssen Diese Art der Betrachtung führt uns direkt 
in das Gebiet des Satzstils hinüber. Aber auch hier sind Gefühl 
und Begrifflichkeit nicht unabhängig von der Gewohnheit, von der 
Regel: Und zwischen den Regeln finden sich die Spielräume, in 
denen sich das bewegt, was wir ‚S// nennen. So muls auch hier 
die Kenntnis des Gewohnheitsmälsigen der Erforschung des Indivi- 
duellen vorausgehen, wenn wir nicht axiomatisch alles für individuell 
halten und uns damit die Erkenntnis des wirklich Individuellen 
verschlie[sen wollen. 


Unsere Methode schreitet also vom Gemeinschaft- 
lichen, das wir durch Analyse induktiv feststellen, zum 
Individuellen. 


Sie beginnt da, wo dies Gemeinschaftliche am 
stärksten hervortritt, bei den Lauten, um da zu enden, 
wo es am stärksten zurücktritt, in Satz und Stil. Es ist 
ein mühsames Verfahren. Und das ist unsere Schwäche. 


Aber es ist ein sichereres Verfahren, als ein Axiom an die 
Spitze zu stellen: Stilistik sei ein Teil der Freiheitsgeschichte. 
Denn dieses Axiom klingt zwar sehr begeisternd — es hat nur 
den Fehler nachweisbar falsch zu sein. Und schliefslich, wozu 
forschen, wenn das Resultat von vornherein feststeht? 


234 LEO JORDAN, STUDIUM DER LAUTGEWOHNHEITEN ETC. 


Ich weils, verehrter Jubilar, dafs uns ernsthafte Betrachtungs- 
weise unseres Faches und ernsthafte Begründung dieser Betrachtungs- 
weise einen. 

Der Studierende des Provenzalischen wird an Ihrer Lautlehre 
und Ihrer Chrestomathie, der Liebhaber der romanischen Sprachen 
und Literaturen an Ihren Texten Muster gewissenhäfter Methode 
und gründlicher Arbeit besitzen. Hier ist ein Ätema es aeı, welches 
nicht deduktiv auf den Sand leichtfertiger Axiome aufgebaut ist, 
sondern auf dem einzigen uns Menschen gegebenen zuverlässigen 
Wege: Der fleifsigen Induktion. 

Wenn die Jugend heute zu schöngeistig deduzierenden Fächern 
neigt, so wird sie, sobald sie bis zum Kater durchschwärmte, sobald 
der Erkenntnisdrang die Genufsfreude wieder übertrifft, sobald die 
triebhafte Kunstbegeisterung und die Liebhaberei nachlassen und 
wieder einiges Nachdenken gestatten, so wird diese Jugend an 
Ihren Büchern sichere Wegweiser zur Erkenntnis besitzen. 


Leo Jorpan. 


Ungarn und die provenzalische Dichtkunst, 


Ungarn hatte während des Mittelalters rege Beziehungen zu 
den Ländern am Mittelmeere. Die Könige aus dem Hause Arpad 
waren durch ihre Heirat mit fremden Dynastien in Verbindung 
getreten, ein reger Handel entstand mit ihren Ländern, besonders 
in der Zeit der Kreuzzüge. In den altfranzösischen Epen finden 
wir manche Belege dafür: Ungarn galt nicht nur als das fabelhafte 
Land der Heiden oder abenteuerlichster Prinzen, sondern als ein 
Ausfuhrgebiet für Gold, Pferde, Waffen in einer Zeit, wo der Handel 
damit gewissen Einschränkungen unterworfen war.! Welche Kenntnisse 
vom Königreiche des heiligen Stephan, welche Spuren der europäischen 
Beziehungen haben uns die südfranzösischen Troubadours bewahrt ? 

Die Minnesänger der Provence waren willkommene Gäste an 
den südeuropäischen Höfen und huldigten hervorragenden Frauen, 
lobten oder tadelten die Männer, je nach deren Freigebigkeit oder 
Geiztum. Die Familienverbindungen des ungarischen Königshauses 
mulsten ihnen bekannt sein und einige kamen sogar in Begleitung 
verheirateter Prinzessinnen in das Donauland. Die Kreuzzüge waren 
das Lebenselement der fahrenden Sänger, die Ritter und Könige 
dazu aneiferten, selbst daran oft teilnahmen. Wenn auch die 
Troubadourlyrik nicht mit den Kreuzzügen entstand, so verdankte 
sie ihren Aufschwung dieser geistigen und materiellen Bewegung, 
mit dem Kreuzzug gegen die Albigenser ging sie auch zugrunde, 
Bei der Orientfahrt zogen die Heere dem Donautal entlang oder 
berührten den Hafen Zara an der adriatischen Küste, die teilweise 
den ungarischen und kroatischen Königen unterworfen war. In 
beiden Fällen kamen die Teilnehmer mit Ungarn in Berührung, die 
auch zu Reibungen führte. Sonst war in Ungarn das Interesse am 
Kriege gegen den Orient sehr schwach. Andreas ll. ist der einzige 
ungarische König, der an einer Kreuzfahrt teilnahm und dabei sehr 
geringen Ruhm ermtete. Den Troubadours, die sich am französischen 
kaiserlichen Hofe in Konstantinopel, in den Burgen von Syrien und 
Palästina niederliefsen, konnte der Name und der Ruf Ungarns nicht 
entfallen. Die Quellen ihrer Kenntnisse sind schwer bestimmbar, 
denn sie schalteten frei mit Namen und Ereignissen. Doch ist es 
leicht erweisbar, dafs ihre Werke Anspielungen auf ungarische 
Herrscher, Prinzen und Prinzessinnen, auf ihre Beziehungen mit 
dem Ausland enthalten. 

Die auswärtigen Beziehungen Ungarns waren ein halbes Jahr- 
hundert hindurch, vom König Stephan U. (11ı6—3ı) bis zu 


ı L.Karl, Zz Hongrie et l:s Hongrois dans les Chansons de Geste. 
Revue des Lingues Rom, 51, 1907, 5—38. 


236 LUDWIG KARL, 


Stephan III. (1162— 73), durch den Kampf mit der Kommenos- 
Dynastie in Anspruch genommen und auf Konstantinopel gerichtet. 
Die französischen und italienischen Kreuzfahrer gründeten daselbst 
das lateinische Kaisertum (1204—61), wo noch manche Erinnerung 
an das Donauland erhalten blieb. Bela III. (1173—96) hatte doch 
in erster Ehe die Tochter Raimunds von Chätillon, Statthalters von 
Antiochien, geheiratet. Sie hiefs Agnes (ung. Onnus, prov. Anhes) und 
die Minnesänger huldigten wiederholt einer Dame dieses Namens. 
Welches Lied sich auf die zukünftige ungarische Königin bezieht, 
das ist noch unentschieden.1 

Das zweite Land ist Aragonien als Verbindungsglied zwischen 
dem ungarischen Herrscherhause und der provenzalischen Dichtung. 
Alfons Il. (1162—.906) regierte Aragonien und die Provence zu 
gleicher Zeit. Sein Hof war ein Sammelpunkt der Sänger, ein 
Lied von ihm ist auch erhalten.?2 Seine Freigebigkeit, seine Vor- 
liebe für die Kunst lockte manchen fahrenden Sänger in seine 
Schlösser. Sie wurden dort nicht durch Reichtum und Macht 
allein, sondern durch Hörigkeit der Minne gefesselt. Drei 
Töchter blühten am Hofe Aragoniens. Die älteste, Constanza, 
heiratete König Emerich (ung. Imre 1174 —1204) von Ungam 
und nach dessen Tod Friedrich von Sizilien (1204). Die zweite, 
Eleonore, wurde die Gemahlin Raimunds VIL, Grafen von Toulouse 
(1200), während die jüngste, Sancha, dessen Sohn Raimund VII, 
heimführte (1211). Alle drei konnten sich der Huldigungen 
provenzalischer Sänger rühmen, wovon in den Liedersammlungen 
schwache Spuren erhalten blieben oder festgesetzt werden konnten. 
Gaucelm Faidit (1190— 1240) aus Uzerche, der für Marie von 
Ventadorn schmachtete, erwähnt in einem Liede dumoizela Costanza, 
die aragonische Prinzessin (1194).3 Peire Vidal gehörte zu den 
Schützlingen ihres Vaters und blieb nach dessen Tod (1196) ohne 
Unterstützung. Er entschlofs sich an den Hof des ungarischen 
Königs zu ziehen, wo er Constanza als Königin und durch deren 
Vermittlung Anerkennung finden konnte (1198). Er wurde in seiner 
Hoffnung nicht getäuscht: in einem seiner Lieder rühmt er den 
König Emerich wegen seiner Freigebigkeit und sicherte dessen 
Ruhm vor der Nachwelt. 4 Sein Aufenthalt in dessen Lande liefs 
keine Spuren; weder die Chroniken noch die viel späteren Literatur- 
denkmäler verraten eine Kenntnis der provenzalischen Minnedichtung 
in Ungarn während des Mittelalters. 

Der einzige kreuzfahrende ungarische König, Andreas Il. (1175 
—1235), war dreimal verheiratet und seine drei Gattinnen liefsen 
in der Literatur mehr oder minder bedeutende Spuren. Die erste 


ı F. Bergert, Die von den Trobadors genannten und gefeierten Damen. 
Beitr. zur rom. Phil. 46, Halle a.S. 1913. 

32 Antos d’Arago: Per maintus quizas m’es datz (Bartsch, Grundrifs 23, 1). 

8 Bergert, Z.c. Bartsch, /. c. 167, 6, Str. 4. 

4 Peire Vidal, Podsies p. p. I. Anglade, I.es Class. fr. du moyen äge, 
Paris und I. Anglade, Zes Troubadours, Paris 1908. 


UNGARN UND DIE PROVENZALISLHE DICHTKUNST. 237 


war Gertrud von Meran, die der Verschwörung des Banus Bank! 
zum Opfer fiel und so die Heldin einer Novelle von Bandello und 
mehrerer Tragödien (die bekannteste von Grillparzer) wurde. Der 
König hatte durch seinen lange verzögerten Kreuzzug Beziehungen 
zum lateinischen Kaisertum im Orient und als Witwer heiratete er 
die Tochter des Kaisers Peter von Courtenay (gest. 1216). Die 
Tochter hiefs Yolanthe, ebenso wie die Mutter (gest. 1219) und der 
letzteren scheint Elias Cairel aus Sarlat, der Goldschmied und Minne- 
sänger war, gehuldigt zu haben.? Er zog aus seiner Heimat nach 
dem Orient und von dort nach Montferrat, an den Hof Wilhelm IV,, 
den er zur Eroberung Thessaloniens ermunterte. 

Zum dritten Male holte sich Andreas II. eine Gemahlin aus 
Italien, wo er am Rückwege von einer Romfahrt Beatritz d’Est 
(1215—11ı. Juli 1245), die Tochter des Markgrafen Aldobrandini L, 
kennen lernte. Erst nach langen Verhandlungen konnte er dieselbe 
heimführen und die Verzögerung mag dazu beigetragen haben, dafs 
im altfranzösischen Epos Azmers de Narbonne ein ungarischer König 
unter den abgefertigten Freiern der Prinzessin Hermengarde aus 
Pavia auftritt.? Einer Beatritz d’Est huldigten mehrere Minne- 
sänger und mit Diez wurde angenommen, dieselbe sei die ungarische 
Königin. Aimeric de Peguilhan (1180—ı1270) erwähnt Biatritz 
d’Est mit Guilhem de Malaspina (gest. 1220),* also in einer Zeit, 
wo dieselbe das fünfte Lebensjahr noch nicht erreichte. Rambertin 
Buvalelli (gest. 1221) widmet Lieder einer Beatritz,5 die er aber 
verfassen mulste, bevor die Prinzessin sechs Jahre alt war. Beide 
huldigten einer anderen Beatritz d’Est (11gı —ı226), der Tochter 
Azzos VI. (gest. 1212), die zugleich die Tante der ungarischen 
Königin war. Ihre Schönheit bezauberte auch die Sänger Peire 
Ramon de Tolosa (1170—ı1200) und Guilhem de la Tor.® Sie 
blieb unvermählt, nahm den Schleier (g. 1218—20) und starb im 
Kloster San Giambattista von Gemmola, wurde später selig ge- 
sprochen. Es ist nur ein schwacher Faden, der durch ihre Ver- 
mittlung Beatritz, die Gemahlin Andreas Il, mit der Troubadour- 
dichtung verbindet. 

Eine festere Grundlage für die Kenntnis ungarischer Geschichte 
in der Provence, besonders der Jugend des Königs Bela Ill. (1173 
—96), der Agnes von Chätillon zur Gemahlin hatte, finden wir in 
der Verslegende von Sanct Honorat (gest. am 'ı6. März 429). Der 


3 Banus Bank war mit einer Spanierin namens Tota verheiratet, die 
erst in der späteren Tradition den Namen Melinda führte. S. Poor in Szäzadok, 

3 Bergert, /.c. 44, Bartsch, 2. c. 133, I1. 

® L. Karl, Die Heirat des Königs Andreas II. von Ungarn in Zeitschr. 
für franz. Sprache und Lit. 

% Crescini, Manuaeletto provensale, Padova 1905 (46, V.61, V.57) 
Bartsch, 2. c. 10, 41, 12; 2,45. Bergert, 2. c. 8ı. 

5 Crescini, dc. 48, V.61. Bartsch, 2.c. 281, 1,4, 10 (Bertoni I, III, VI), 
an Mon Restuur 281, 1, 5, 10 (Bertoni II, IV, VI, VII). 

® Bergert, 2.c. 78. Bartsch, Z.c. 355, 18 und Treva von Guilhem de 
la Tor in Crescipi, Z,c. 134. 


238 LUDWIG KARL, 


Verfasser war Raimon Feraud (1245—1325), aus deı Umgebung 
von Nizza, Mönch im Kloster der Insel Lerins, das der Heilige 
gegründet hatte, nachdem er die Gegend von der Schlangenpest 
befreite. Er bearbeitete den Stoff auf den Rat seines Abtes Gaucelm 
de Meyrieres (1275—1309) und widmete sein Gedicht der Prinzessin 
Marie, Tochter Stephans V. von Ungarn (1239—72), und Elisabeth 
der Kumanin. Als Gattin Karls I. von Anjou, zu dessen Besitz 
die Provence gehörte, belehnte sie den Dichter-Mönch mit der 
Priorei von La Roque-Esteron. 

Die Quelle der provenzalischen Verslegende (1300) war die 
lateinische Vr/a, in der Urform durch den heiligen Hilarius verfalst. 
Dieselbe ist in zwei Versionen erhalten und wurde durch Nebenzüge 
bereichert. Sant Honorat entstammte einer Gallierfamilie aus der 
Umgebung von Toul und wurde durch den heiligen Caprasius 
bekehrt, in dessen Begleitung er eine Orientreise unternahm. Nach 
seiner Rückkehr zog er sich auf eine Anhöhe des Esterel zurück, 
später auf die Insel Lerins, wo er ein Kloster gründete (406—-4 10). 
Er wurde zum Bischof von Arles gewählt (426) und starb als 
Heiliger (429). 

Die lateinische Yr/a in der Dubliner Handschrift behauptet, 
Sant Honorat sei der Sohn eines Kumanenfürsten gewesen, der in 
Nikomedien regierte. Eine kürzere Fassung, die zweimal gedruckt 
wurde (Venedig 1501 und 1511), ersetzt den Kumanenfürsten durch 
den ungarischen König. Diese Änderung hatte Raimond F£raud 
beibehalten, dabei als Hauptstadt seines Königreiches Nikomedien 
erwähnt. Wir können mit Paul Meyer annehmen, dafs die lateinische 
Vita in beiden Fassungen älter ist als die provenzalische Verslegende, 
deren Verfasser sich auf eine aus Rom gebrachte Abschrift beruft. 
Dieselbe wurde aber wahrscheinlich im Kloster L&rins umgearbeitet, 
dafs an Stelle der Kumanen die Ungarn traten. Der Stamm der 
Kumanen liefs sich im Lande nieder und wurde nach zähem Wider- 
stand unter Ladislaus IV. oder dem Kumanen (1272—90) zum 
Christentum bekehrt. Eine gewisse Selbständigkeit in der Ver- 
waltung behielten sie Jahrhunderte hindurch. Die Mutter der 
Königin Marie, Elisabeth (1255—95), entstammte der Familie des 
Kumanenfürsten Köteny. Raimond Feraud, als er seinen gallischen 
Heiligen aus dem 5. Jahrhundert mit Ereignissen des ı2. und 
13. Jahrhunderts in Ungarn in Verbindung brachte, beging keine 
Geschichtsfälschung, sondern folgte der Tradition seines Klosters. 
Der Anachronismus ist bei ihm auch nicht auffallend, nachdem er 
schon aus Karl dem Grolsen einen Zeitgenossen des Heiligen 
gemacht hatte. 

Die Vida de Saint Honorat! enthält drei Teile. Der erste erzählt 
die Jugend und Bekehrung des Helden (Ch. I-XX), der zweite 


! A.-L. Sardou, Ze Vida de Sınt Honorat. Legende en vers provengaux 
par Raymond Ferand, Nice 1875. Dazu Fauriel in der Zst. litt. de la France 
XXII, 236. 


UNGARN UND DIE PROVENZALISCHE DICHTKUNST. 239 


läfst ihn an Karls des Grofsen Heerfahrten nach der Geste du Roi 
anteil nehmen (Ch. XXI—LXI), der dritte ist mit Wunder gepfropft 
(Ch. LXII—CXIX). Die abenteuerlichen Wanderjahre des Gründers 
von Lerins enthalten weitere Anspielungen auf die ungarische Ge- 
schichte, indem darin sich geschichtliche Vorgänge zur Zeit des Königs 
Bela Ill. (1173—906) spiegeln. Als Jüngling wurde er an den Hof 
des Kaisers von Konstantinopel Manuel geführt, dessen Tochter 
Marie er heiraten sollte. Er nahm den Namen Alexios an und 
wurde als Thronfolger erzogen. Als dem Kaiser ein Sohn geboren 
wurde, schickte er Bela nach Ungarn zurück, dessen Thron er 
besteigen konnte. Als ungarischer König unterstützte er des Kaisers 
Sohn Alexios in seinem Kriege gegen die Türken. Er war zweimal 
verheiratet und hatte dadurch Familienbeziehungen im Osten und 
Westen. Seine erste Frau war Agnes von Chätillon, Tochter des 
Statthalters von Antiochien, die zweite, Margarete (1158 —97), 
Schwester Philipp Augusts und Witwe Heinrichs des jungen Königs 
von England. Endlich war es Bela lIl., der den Zisterzienserorden 
nach Ungarn rief. Sein Ruf mufste weit bekannt sein und sein 
Mifserfolg am kaiserlichen Hofe konnte dem belesenen Mönche von 
Lerins nicht entgehen. Nachdem er dem Sant Honorat den Rang 
eines ungarischen Kronprinzen geben mulste, lag es an der Hand, 
die Lücken seiner Jugenderziehung mit Ereignissen aus dem Leben 
eines Prinzen aus dem Hause Arpads zu füllen. 

Die Jugendgeschichte des Heiligen beginnt mit der Heirat 
seines Vaters Andrioc, der als Heidenkönig von Ungarn in Niko- 
medien regierte. Er heiratet die schöne Helenborc, Schwester der 
Könige Marsile und Agolant aus Spanien, die im Nationalepos als 
Gegner des Christentums eine Rolle spielen. Der Ehe entstammen 
zwei Söhne, Andronic und Girmain genannt. Eines Tages geht 
Andronic mit grofsem Gefolge auf die Jagd, verirrt sich bei der 
Verfolgung eines Hirsches im Walde, gelangt an die Einsiedelei 
des heiligen Caprasi, der ihn zum Christentum bekehrt. Der Jüngling 
kehrt ins Elternhaus zurück und als der König erfährt, dals sein 
Sohn sich zu Christi Glauben bekennt, ist er darüber erzürnt und 
die Königin stirbt vor Kummer. Andrioc will seinen Sohn dem 
Christentum entfremden, doch ohne Erfolg. Er läfst die Einsiedler 
aus dem Walde vertreiben und gibt seinem zweiten Sohn den 
Auftrag, Andronic zum Heidentum zu bekehren. Dieser jedoch 
überredet Girmain, dafs sie sich durch den heiligen Caprasi taufen 
lassen. Der König entschliefst sich seine Söhne an den Hof des 
Kaisers zu schicken. Auf der Fahrt dahin begegnen die Knaben 
am Meeresufer dem heiligen Caprasi, sie verlassen insgeheim ihr 
Gefolge und schliefsen sich dem Heiligen an. Der Hofmeister Horion 
ist verzweifelt und bringt die Nachricht vom Verschwinden seiner 
Söhne dem König Andrioc, der darüber sehr betrübt ist. Der 
Heilige wandert mit den Jünglingen nach der Lombardei und gibt 
denselben die Taufe. Andronic erhält den Namen Honorat, Girmain 
wird Venantz genannt. Bei Vercell verlassen die Pilger die Lom- 


240 LUDWIG KARL, 


bardei und ein leuchtender Stern bezeichnet die Stelle, wo sie sich 
niederlassen sollen.! Es ist der Berg Argentiera, wo der heilige 
Macrobi eben sein Einsiedlerleben beendet, 

Honorat als Einsiedler findet Gelegenheit zur Unterstützung 
des kriegführenden Königs von Frankreich. Der Heidenführer 
Aygolant besiegt den Fürsten Pepin und nimmt seinen Sohn Karle 
gefangen nach Tholeta. Der heilige Jakob, der in Compostella 
verehrt wird, entsendet Honorat, um ihn zu befreien. Es gelingt 
dem Heiligen, die durch Dämone besessene Tochter Aygolants, 
Sebylia, zu heilen und der Heidenkönig schenkt auf seine Bitte 
Karle die Freiheit. Dieser zieht mit seinem Befreier nach Hause, 
Venantz erwartete seinen Bruder mit Sehnsucht und empfängt ihn 
mit grolsen Freuden. Damit sind die Jugendtaten des Heiligen 
abgeschlossen. 

An die ungarische Geschichte erinnern die teils friedlichen, 
teils gewalttätigen Kämpfe zwischen Heidentum und Christentum, 
die daselbst nach der Niederlassung der Kumanen im christlichen 
Königreiche stattfanden. Die verwandtschaftlichen Beziehungen des 
königlichen Hauses mit den neugetauften Fürsten müssen hervor- 
gehoben werden. Ein gemeinsames Motiv zwischen der Jugend 
Belas III. und dem heiligen Honorat wäre die Sendung an den 
kaiserlichen Hof im Orient, die aus verschiedenen Gründen ver- 
eitelt wird. Endlich gleicht noch die Unterstützung, die Bela dem 
Kaiser Alexios im Türkenkriege gewährte, der Befreiung Karles 
durch Honorat aus der Gefangenschaft der Heiden in Spanien. 
Die Geschichte bewahrt in der Heiligenlegende nur einen schwachen 
Schimmer, doch kann es kaum bestritten werden, dafs Raymond 
Feraud die Chronik des königlichen Hauses kannte, nachdem er 
doch seine Verslegende einer Prinzessin aus demselben widmete 
und einige Ereignisse als Motive in der Bearbeitung der Jugend 
seines Heiligen verwertete. 

Das Haus Anjou eroberte im 14. Jahrhundert den Thron Ungarns 
und dadurch kam das Land mit der Provence in rechtliche Beziehung 
nach dem Verfall der Troubadourdichtung. Johanna I. (1327—-82), 
die Enkelin Roberts von Anjou, erbte die Herrschaft über die 
Provence und das Königreich Neapel. Sie heiratete ihren Vetter 
Andreas, den Enkel Karl Martells und Bruder des ungarischen 
Königs, Ludwig des Grofsen. Die unglückliche Heirat endete mit 
der Erdrosselung des jungen Prinzgemahls im Schlosse zu Aversa 
auf Anstiften seiner Gemahlin. Ludwig wollte den grausamen 
Gattenmord rächen und zog mit einem Heere nach Neapel, von 
wo Johanna in die Provence enifioh. Nachdem die bewafinete 
Macht sie nicht erreichen konnte, lenkte der König den Streit auf 
gerichtlichen Weg. Er wollte der sündigen Pıinzessin den Besitz 


1 Der Weg folgt der Pilgerstrafse von Frankreich nach Italien. Der 
älteste Führer ist mit der Turpinischen Chronik verbunden. S. Bedier, Zögendes 
Epiques. Über einen gedruckten Wegweiser: L. Karl, Un itindraire de la 
France en Italie in der Revue des Largues Romanes LI, 1908, 548. 


UNGARN UND DIE PROVENZALISCHE DICHTKUNST. 241 


des Königreichs Neapel und der Grafschaft Provence vor Gericht 
streitig machen, erbat dazu das Gutachten eines Rechtsgelehrten, 
Ludwigs von Placenta, der den erbrechtlichen Anspruch des Königs 
auf die betreffenden Besitztümer feststellte (10. Aug. 1374). In 
dem Rechtsstreit wurde jedoch kein Urteil gefällt. Johanna von 
Neapel hatte das Glück noch drei Gatten an sich zu fesseln, der 
Prophezeiung eines gewissen Anselm entsprechend: Maritabitur ALIO, 
wobei das zweite Wort als Anagramm aus den Anfangsbuchstaben 
der Namen ihrer Gemahle besteht.2 Ihre Schönheit rühmten die 
Sänger, doch ist uns von ihr kein verlälsliches Bildnis bekannt. Ihre 
erste tragische Heirat gab den Stoff zu dramatischen Bearbeitungen 
in italienischer, spanischer, französischer und in Novellen in latei- 
nischer, französischer und ungarischer Sprache. Die folgenden 
abenteuerlichen Heiraten lielsen die Gattenmörderin im Zauberschein 
erglänzen.® Der Begründer der Felibre-Literatur und neuprovenza- 
lischer Dichter Frederi Mistral (1830—ı914) liefs ihre Gestalt in 
einem nach Avignon verlegten Drama vor unseren Augen neu er- 
scheinen. 4 

Die Bedingungen des höfischen, ritterlichen Lebens und damit 
des Herren- oder Frauendienstes, fehlten gänzlich in Ungarn während 
des Mittelalter. Vorübergehend, durch fremde Prinzessinnen und 
ihr Gefolge konnten höfische Sitten und Sinn für aristokratische 
Dichtung oder Musik an die Donauufer verpflanzt werden. Weder 
in provenzalischer, noch in fremder Sprache konnte dort die Dichtung 
Blüte tragen. Die nationalen Volkssänger bemächtigten sich sagen- 
hafter Stoffe, die ihrem Hörerkreise näher standen und auch nur 
bruchstückweise in Prosawerke verflochten erhalten sind. Wenn 
Ungarn in den Augen provenzalischer Minnesänger und Ependichter 
als die Heimat die Kunst und Sänger liebender Fürsten oder 
Prinzessinnen, frommer Heiliger und Bischöfe erscheint, so ist der 
Ruf dem königlichen Hause zu verdanken. Die Könige unterstützten 
und förderten die Verbindung ihres Landes mit den Kulturstätten 
im Westen und Osten, sie hatten Familienbeziehungen mit den 
kunstliebenden Herrscherhäusern. Endlich gab die Dynastie des 
Arpad der katholischen Kirche vier Heilige, deren Leben in 
Klöstern gelesen, öffentlich verherrlicht wurde, wovon sich zahl- 
reiche Reflexe in den französischen Epen und Abenteuerromanen 
erhalten haben. 


LunpwiG Kart. 


I Eine Abschrift des Urteils in den Arch. Nat. von Paris S. 458, no. 26, 

° Andreas von Ungam; Ludwig von Tarent (20. Aug. 1356), Jakob von 
Aragonien (25. Mai 1362), Otto von Brunswick. 

® Benedetto Croce, Zepgende napoletane. Serie prima. Napoli 1905. 

* F. Mistral, Za reino Yano. Paris 1890, 


Zeitschr. I, rom Phil, XLVII. 16 


Zwei provenzalische Streitgedichte (B. Gr. 461,16 u, 424, ]), 


In der Hs. M finden sich zwei Unica, beide joc partlıt, die 
insofern in Beziehung zueinander stehen, als hier und da ein 
Rodrigo vorkommt, das eine Mal als Schiedsrichter, das andere 
Mal als einer der Interlokutoren. Diese Dichtungen scheinen bisher 
noch nicht kritisch bearbeitet zu sein. Sie können jedoch nach 
Form und Inhalt ein gewisses Interesse beanspruchen, und so 
mögen sie, lesbar gemacht, hier ihre Stelle finden, als kleiner 
Beitrag zur Ehrung eines unserer hervorragendsten Textkritiker, 
der erfreulicherweise noch immer, im Gegensatz zu manchen anderen, 
zumal jüngeren Romanisten, diesen Zweig der philologischen Wissen- 
schaft unbeirrt hochhält und seiner Überzeugung von der grolsen 
Wichtigkeit der Textkritik durch Veranstaltung immer weiterer Aus- 
gaben provenzalischer Texte beredten Ausdruck verleiht. 


Nr. ı. Gr. 461,16, anonym. Hs. M 262 (MG. 318). 


Das Partimen besteht aus sechs siebenzeiligen coblas unisonans 
und zwei dreizeiligen Zornadas. Zum Schema ı10ab_ab_aab, 
siehe Maus, S. ı5 f. und S. 87, 10, sowie Appel, BVent., Einl. S. 108 
zu 2. In Bau und Reimendungen stimmt das Gedicht mit 
P. Cardenal 66 (MW. 2, ı82) überein, in den Reimen allein auch 
mit Montanhagol 6 (ed. Coulet, VI). Wiederkehrende Reimwörter 
sind far, v.6u.47 (Gel.), jujar, v. 8 u. 44, 46 (Gel.) und sia, v. 32 
u. 45 (Gel.). 


Text. 


I. Amix privatz, gran gerra vei mesclar 
A doas donnas, cui ieu am ses baucia, 
Contrals maritz e vueilh l’una pregar 
Qe'm don s’amor. Jujatz qals miels seria 
5 De las doas per plus tost congistar: 
L’un’a marit ge non li o pot far, 
L’autra l’a tal q’i muer de gelozia. 


II. Amics privatz, co m’es tost a jujar, 
Qar mout sai ben lo cors de drudaria; 
ı0o Mas fin'amor saupra mieilhs coonseilhar. 


ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 


II ı5 
20 

IV. 
25 

V. 
30 
35 

VI. 
40 

vi 
45 

VIII. 
Varianten. 


Pero d’aisso'us metrai en dreita via: 
Leis, q’a*l jelos, podez antz gazainhar; 
Qar ab gelos non pot donna durar, 

Qi sia pros, anz li falsa paria. 


Amics privatz, folli’aus festiar! 

Qar anc presest cella, don non poiria 
Aver null joi, gar trop la fai gardar 
Cell gq’es gelos? Et ab gran maistria 
L’autr’aug tot jorn drudaria parlar 

E vai geren gon la puesc’ atrobar; 
Qar lo maritz no l’en val nueg ni dia. 


Amics privatz, tut sabem ses duptar 
Qe:l fols crestatz ha pejor malautia 
Non hal gelos, don vol tot jorn estar 
Ab sa moilher; gar sap:tost la perdria 
E garda la ge non lan laiss’annar. 
L’autr’a’l jelos e fara s’en blasmar, 
Si tost no‘l vest capell de cogocia. 


Amics privatz, no'n sabes razonar 

Q’ar es vencutz e plus no m’atendria 

A vostres ditz; qar ieu non puesc trobar 
Qe lo gelos tan tost cogos en sia 

Con er l’autres; qe non li pot tardar, 
Qar sa moilhiers no pot plus esperar 

E laissa lo, car ren no li valria. 


Amics privatz, ges ill no°l pot laissar, 
S’ell atreissi laissar no la volia, 

E qi'l crestat cuida escogogar, 

Sos fols aturs sai ge torn’a follia; 
Oar il no'n sap qe s’es far ni desfar. 
L’autra poinha con s’i puesca venjar 
Del fol gelos, e’/ falsa-ill compainhia. 


Nostra tencos pot ben hueimais bastar, 
Amics privatz, e vueilh deia’l jujar 
Mos Malcoratz, ab ge amics m’en sia. 


E Rodrigos vueilh ge si’al jujar, 


Amics privatz, gar el sap dir e far 
Tot gant si tainh a fina cortesia., 


II. 14 Que Lex. rom. 3, 256b. 


III. ı9 j. de dr. 20 puesca trobar. 
IV. 23 fol. 


V. 32 le g. 


VI. 42 e fasa. 


a1 le m. 


16* 


243 


244 ADOLF KOLSEN, 


Anmerkungen. 


ı. Die beiden Interlokutoren reden sich gegenseitig stets mit 
amics privalz „vertrauter Freund“ an; vgl. dazu Stronski, Folquet 
de Marseille, Einl.S. 35 ff. Die von dem ersten der beiden Freunde 
gestellte dilemmatische Frage haben Selbach, S.75 und Maus, S. ı5 
nicht genau wiedergegeben (vgl. dazu v. 24/5). Sie lautet: Welche 
von zwei unzufriedenen Gattinnen ist leichter zu gewinnen, die 
Frau des crestaf oder diejenige des gelos? — mesclar guerra ‚sou- 
lever des querelles‘, B. d’Alamanon (ed. de Grave), S. 200. 

2. Ist doas hier zweisilbig wie in v. 5, so ist die Zäsur des 
Verses eine epische; eine Iyrische aber, wenn man doas als einsilbig 
ansieht. Vielleicht hiefs es indes ursprünglich Doas domnas, ohne 
die nicht durchaus notwendige Präposition a; vgl. v. ıg das über- 
flüssige de der Hs. vor drudaria. 

4—5. „welche eher am schnellsten zu gewinnen wäre“; con- 
gistar und v. 8 jujar sind Infinitive mit passiver Bedeutung; vgl. 
dazu Diez, Gramm. S. 936 u. 940 unter esse ad und pro. 

6. faire lo, o exprime l’acte de la copulation (Pet. Dict.). 

8. Zu der Schreibung jujar hier und v. 44 u. 46 s. Lex. rom. 
3, 608 unter 36 forjujar und jujador. 

9. cors „Lauf, Gang“. 

10. In fin’ amor ist das Adjektiv betont. — conselhar „helfen“, 
Appel, Chrest. St. ı, 312. 

ı1. Zero „dennoch“. 

14. Qi oder aber g’; oder ge „gesetzt, dafs — „falls“; 
Raynouard, Lex. rom. 3, 256b übersetzt „Car avec jaloux ne peut 
durer que Jdame soit honnäte, mais lui fausse compagnie*. — /alsa 
paria „bricht die Genossenschaft“; vgl. afrz. fausser „(sein Wort) 
brechen“, Foerster, S. 138. 

15. aus = aug „ich höre“; s. unter audir in Bartschs Chrest.®, 
S.471. — festiar „feiern“; im Pet. Dict. steht nur festfar und festejar. 

16. Oar anc? „warum denn nur?“ vgl. it. come mai „wieso 
denn nur?“ — fresesi = prezeis von resar „hochhalten“. 

18. ei „aber“. 

20. „sie fragt, wie ich sie treffen könne“, d.h. sie bittet mich 
um eine Zusammenkunft; hier besser afrobar, da frobar v. 31 im 
Reime begegnet. 

21. en bezieht sich auf das o des v. 6. 

22. ses duplar „ohne Zweifel, fürwahr“. 

23. Zu cresiat ‚impotent‘, s. Schultz-Gora, Prov. Studien, S.ı 100, 
zu v. 22. 

24—25. don „weshalb“. 

26. ge „derart, dafs“. 

27. „die andere hat den Eifersüchtigen (zum Manne); 
vgl. v. 12. 

28 übersetzt Raynouard, Lex. rom. 2, 432: Si bientöt ne lui 
rev&t chapeau de cocuage*. 


ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 245 


30. Qe „so dals“. — es = etz. 

33. „Denn für ihn (den anderen, den cresiaf) kann es nicht 
lange dauern“. 

34. Statt des handschriftlichen zo wäre besser no'n. 

39. sos bezieht sich auf gz,; zum Sinne vgl. v. 23—25. 

40. Denn sie weils sich darin nicht zu helfen. 

41. ponhar com Swb. 6, 451. 

42. el (=elh) falsarıll ( f. la) c. — Zu angelehntem :// — /a 
(weibl. Art.) s. Appel, Chrest., St. 50, 31 e’z// beleza. — Die Konjektur 
ergibt sich aus v. 14. 

44. deia nach voler ist ein Pleonasmus. 

45. Nach E. Levys Deutung von malorar, Swb. 5, 57 bedeutet 
der Name Malcoratz „der Aufgebrachte, Zornige*. 

46. Kodrigo dürfte mit dem an der hier folgenden Tenzone 
(Gr. 424, ı) beteiligten Trobador dieses Namens identisch sein; vgl. 
Maus, S. ı5. 


Nr. 2. Gr.424, 1, R..und Rodrigo. Hs. M 256 (MG. 322). 


Das Partimen hat dreimal zwei zehnzeilige Strophen (codlas 
doblas) und zwei dreizeilige Geleite. Das Schema 8a 8b 8a _ 8b 
4a” 4a_8b 4a” ga 8b liegt auch G. d’Espanha 7 zugrunde; 
vgl. Maus, Nr. 204. Im Reime werden, aber nicht von demselben 
Dichter, zweimal verwendet die Wörter muda, v. 28 u. 35, dits 57 
u. 63 (Gel.) und guida 48 u. 64 (Gel) — Was Rodrigos v. ı2, 32 
u. 52 mit R.. bezeichneten Partner betrifft, so fragt Maus, S. 72, 
ob er mit Rainaut de Tres Sauses identisch sei. Da er aber im 
Schlufsvers mit Zn Berengier angeredet wird, so kann nur ein 
R. Berengier in Frage kommen, Rostanh oder Raimon Berengier. 
Wahrscheinlich handelt es sich um den von Chabaneau, Biogr. S. 170 
genannten Raimon Berenguier V, comte de Provence, der auch 
sonst tenzoniert hat, als kom ab armas sınalz, wie er sich in dem 
wohl 1238 mit Bertran d’Alamanon verfafsten Gedichte Gr. 76, 17 
(de Grave, Bertran d’Alamanon, S. 114) nennt, sehr wohl, wie das 
hier der R.. tut, kriegerischen Heldentaten gegenüber friedlichen 
Werken den Vorzug geben konnte und der dann für seine Frage- 
stellung ein Schema desjenigen Dichters benutzt hätte, der seine 
Tochter Beatrix in seinen Liedern besang (vgl. Chabaneau, Biogr. 
S. 145 unter G. d’Espagne). Dafs als Interlokutor Rodrigos ein 
Raimon in Betracht komme, bemerkt übrigens auch Chabaneau, 
S.174b. Hinzu kommt nun noch, dafs hier im v.63 von Berengier 
ein Gigo zum Schiedsrichter vorgeschlagen wird. Ein Guigo 
(de Cabanas) hat aber ebenso wie Raimon Berenguier mit Bertran 
d’Alamanon Tenzonen gedichtet (nach de Grave, S. 71, um 1233; 
vgl. auch Schultz-Gora, Prov. Studien I, 94), so da/s anzunehmen 
ist, dafs beide Partner Bertrans auch miteinander bekannt waren. 


246 


III. 


IV. 


10 


15 


20 


25 


30 


35 


40 


ADOLF KOLSEN, 


Text. 


Ar chauzes de cavalaria, 
En Rodfrigos, lo laus e’] pres 
Et retenes per tota via 
Ses l’obra, o, si mais voles, 
L’obra, no’i sia 
Lo pres nul dia 
Nil laus? Mas pero tal prendes 
Qe vostr’amia 
Totz temps n’estia 
Vostra, si no er la perdes. 


Laus mensongiers es juglaria, 
R.., per que saber podes 
Qe no m’azaut de sa paria, 
E vueilh l’obra aver ades 
En ma bailhia; 
Oar a baucia 
Non es dretz midons gazainhes. 
Tan s’umelia 
En leis eoindia, 
Per q’ab frau non tainh q’ieu l’ames. 


En Rodrigos, saisons ajuda 

Az aver joi de leis q’amatz, 

Desg’us treus ha joia creguda; 

Mas s’ill es tals con vos la faz, 
Ja no'’ss er druda 
Ni car tenguda, 

Qar laus e pres per ren laissaz, 
Don ilh s’i muda, 
Qan venra’l bruda 

El laus dels cavaliers prezatz. 


Vostra racos mi par vencuda, 
R.., gar non ver razonatz 
Ab faz d’arnıas, don mantenguda 
Es valors e jois e solatz. 

E car no’s muda 

Per gen menuda 
Ma domna, cui sui obligatz ? 

Qar folla cuda 

Non es volguda 
Per leis; tan la sosten vertatz. 


Varianten: 


I. gesi 6 Le p. 


III. 23 Desaus t. 24 t.connozla 25 noser 


27 Qar. 


ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 247 


V. En Rodrigos, s’obra grazida 
Vos es, fins jois vos er faidiz 
E vostra donna’us er faidida, 
Pos no‘°n seres per nul grazitz, 
45 C’obra perida 
Es e s’oblida 
Ses laus e ses prez. Qui’lh es guitz? 
Laus e prez gida 
Fin joi a vida, 
50 Per q’es vencutz e relengitz! 


VI. De cell s’es vergoinha partida 
Qe vol esser car amentitz, 
R.., per q’ieu hai ses failhid& 
L’obra, on es totz bes noiritz, 
55 Per miells chaugida 
Q’ar ges aizida 
Non es, drez ge’m fos, per fals ditz 
Cil g’es complida, 
Sol fos ardida 
60 D’amar, de totz bos aibs complitz. 


vo Pos la partida 
Avem bastida, 
En Gigos juge vostres ditz. 


vo. Be’m plaz; gar gida 
65 Valor complida, 
En Berengier, m’es abellitz. 


Varianten: V. 41 sobre g. 42 ioi. 46 Eseis o. 49 Fins. 
VI. 52 e. qar ha mentiz, 60 coplitz. 
VII 63 Gigo. 
VIII. 66 B. ni mabellitz. 


Anmerkungen. 


Die Doppelfrage bezieht sich auf den Wert kriegerischer und 
friedlicher Betätigung: Wählt ihr jetzt den Ruhm der Tapferkeit 
ohne die friedliche Arbeit oder vielmehr (s7 ma:s voletz) die friedliche 
Arbeit ohne jeden Waffenrunhm? Dem preiz de cavalarıa ses l’obra 
hier ist v. 5fl. und v. 45fl. die odra ses Jaus e preiz entgegengesetzt. 

I. cavalarıa bedeutet hier wie S. 18 meiner „Trobadorgedichte“ 
(Halle 1925), Nr. ı8 (Gr. 238, 2), v.4 „Tapferkeit“. 

2. pres (= prets), voles (— voletz), sowie frendes ... im Reime 
mit ades (v. ı4) und der ı. Pers. Konj. Praet. gazainhes (v. 17); 
s. dazu Erdmannsdörffer, S. 124 b. 

5. obra ist friedliche, produktive Tätigkeit; vgl. besonders v. 54. 
Das Wort steht v. 41 und 45 gleichfalls ohne Artikel. 


248 ADOLF KOLSEN, ZWEI PROVENZALISCHE STREITGEDICHTE. 


7. mas und fero begegnen auch sonst vereint, so Appel, Chrest. 
7, 26; 69, 30; BVent, 23, 45 und Cadenet, S. 100 zu 6. 

13. ich erfreue mich nicht seiner (des falschen Ruhmes) 
Gesellschaft. 

16—17. Dem gasainhar a baucia entspricht v. 20 amar ab frau. 

24. faire „darstellen, schildern“; Swb. 3, 382, 10. 

28. : „für euch, euch gegenüber“. 

29—30. wenn die rühmliche Nachricht (Hendiadys) von den 
Helden eintrifft. 

36. für gemeines Volk, das nur von Waffentaten Lob erwartet. 

42. Jaidiz „entfernt, entzogen“ (?). 

47. Qui’lh es guiliz? Wer ist für sie Führer (des Wertes)? 

50. es relenguits „ihr seid matt gesetzt“. 

52. der dringender Zurechtweisung bedarf; car „instamment“, 
Pet. Dict.; amentir, im Provenzalischen nicht belegt, ist im Afrz. 
„dementir“. 

56—57. „so dals, insofern ich auf rechtem Wege bin (falls 
mir Recht würde), diejenige jetzt gewils nicht für falsche Reden 
empfänglich ist“. 

61—62. bastir un sirventes heilst es bei G. Faidit, Zeitschrift 
f. rom. Phil. 38, 306, ı. Fufsn., dastir l’estampida bei R. de Vaqueiras, 
Appel, Chrest., St. 52, 68/70. 

63. Zu Gigo s. die Einleitung. 

64. gar gida „da er vorangeht“. 

66. Zu Berengier s. die Einleitung. — m’es abellitz „er ist mir 
wohlgefälllg, gefällt mir, sagt mir zu“; vgl. Appel, Chrest., St. 53, 59. 


ADOLF KoLsen. 


Provenzalisch p/us negative Aussage steigernd, 


In seiner Ausgabe des Lebens der heiligen Fides von Agen 
widmet Hoepfiner! den Versen 40/41 


Non’s pars neguns dels granz peccaz, 
plus cel q’es folz getz mel[z] membraz 


einen längeren Exkurs. Er findet den zweiten dieser Verse dunkel 
und meint, des Dichters Idee sei folgende: je törichter die Leute 
sind, desto weniger enthalten sie sich der Todsünde?; der Text 
aber besage gerade das Gegenteil, und dieser seltsame Widerspruch 
sei nur so zu erklären, dafs der Dichter den v. 40 trotz seiner 
negativen Form in positivem Sinne aufgefalst habe, d.h. dafs er 
zwar gesagt habe: „Keiner enthält sich der Sünde“, dafs er aber 
konstruiere, als wenn es hiefse: „Sie verharren alle in der Sünde, 
die Toren noch mehr als die Vernünftigeren“. In dem Nachtrag, 
in dem er sich mit der kurz vor Vollendung seiner Arbeit erschienenen 
Ausgabe desselben Gedichts durch A. Thomas? auseinandersetzt, 
stellt Hoepfiner (S. 370), gewils mit Befriedigung, fest, dals Thomas 
seine frühere Deutung der Stelle? aufgegeben habe und unabhängig 
von ihm zu derselben Auffassung wie er gelangt sei. In der Tat 
sagt Thomas ganz ähnlich wie Hoepffner (S. 51): Za densee exprimee 
sous forme ntgative au v.40 («aucun ne s’absiint de») Equivaut d l’af- 
firmation que «tous s’abandonnerent d...»s5 c'est ce qui explique l’emploi 
de «plus» au v. 41, oR une synlaxe rigoureuse demanderail «moins». 

Beide Herausgeber legen also im Grunde dem Dichter einen 
recht groben Denkfehler zur Last, und auch Chaytor, der Hoepffners 
Ausgabe anzeigt,5 tut eigentlich nichts anderes, wenn er der Stelle 
dadurch beizukommen sucht, dals er von dem negativen Sinne des 


ı E. Hoepfiner et P. Alfaric, Za Chanson de Sainte- Foy, Paris 1926, 
tome Ier (Publications de la Facult& des Lettres de l’Universit@ de Strasbourg, 
fasc. 32), S. 260—1. 

2 Dafs dieser Gedanke zugrunde liegt, dürfte zweifellos richtig sein und 
wird durch die Ausführungen Alfarics über den Zusammenhang von Torheit 
und Sünde im 2. Bande der Ausgabe, S. 88 erhärtet. 

® La Chanson de Sainte Foi d’Agen (Classiques francais du moyen äge 
Nr. 45), Paris 192S. 

* Im Journal des Savants 1903, S. 341, wo Thomas durch Aufhellung 
des geiz (= ge + Artikel) überhaupt erst einen Sinn in den Vers gebracht 
hat, übersetzt er diesen, ohne ihn in den Zusammenhang zu stellen: Zus celui 
qui est fou que le plus raisonnable. 

5 Modern Language Review XXI (1926), S. 456—7. 


250 KURT LEWENT, 


plus (!) ausgeht und übersetzt: None of them avoid sin, no more the 
foolish than the sensible, i.e. all alike are equally lo blame. Zwar sieht 
Chaytor selbst, dafs es bei dieser Auffassung des Verses eigentlich 
umgekehrt lauten mülste: „der Kluge nicht mehr als der Tor*; 
er meint aber, so etwas finde sich in früheren Gedichten oft. 

Nun wird man dem Verfasser des Lebens der heiligen Fides 
gewils keine meisterliche Handhabung der Sprache nachsagen wollen !; 
aber von dem Vorwurf, dafs er „mehr“ gesetzt habe, wo er „weniger“ 
(Thomas— Hoepffner) oder „nicht mehr“ (Chaytor) meinte, glaube 
ich ihn doch reinwaschen zu dürfen. 

Chaytor verweist zum Verständnis dieser Stelle auf v. 224, wo 
ein gleichgeartetes Aus begegne. Es heilst da von Dacian: 


Colged s’en leit, non pog dormir, 
plus q’om qe sempre vol fugir. 


Merkwürdigerweise deutet auch Hoepffner hier Aus mit pas plus, 
dessen negativen Sinn er aus der Verneinung des Hauptsatzes 
bezieht, und verweist dabei auf den „ziemlich analogen“ Gebrauch 
des Plus in v. 41. Trotz Hoepffners gegenteiliger Meinung wird 
man das Komma hinter dormir streichen können, wie es auch 
Thomas tut. Dagegen bin ich mit des letzteren Übersetzung: mais 
ne pul pas plus dormir que celui qui veut fuir sur le champ? nicht 
ganz einverstanden, wenn ich auch zugeben muls, dafs die Stelle 
so gedeutet werden kann. Vielmehr bin ich mit Hoepffner und 
Chaytor der Meinung, dafs dem p/us in v. 224 dieselbe Funktion 
zukommt wie dem in v.4ı, und dafs diese von der sonst ge- 
läufigen etwas abweicht, hat wohl auch Hoepfiner gefühlt und. ihn 
bewogen, auf die Setzung des Kommas hinter dormir so grolsen 
Wert zu legen. 

Trifft die Annahme zu, dafs in v. 40/4ı non ... plus que... 
etwas anderes als „nicht mehr alg = ebensowenig wie“ bedeutet, 
so wird man, um diese Bedeutung zu erfassen, von dem Nicht- 
schlafenkönnen als einer im Bewulstsein des Dichters vorhandenen 
Vorstellung ausgehen und in dem Zus eine auf Dacian bezogene 
Steigerung dieser Vorstellung erblicken dürfen. Dacian legte sich 
ins Bett, konnte aber nicht schlafen, und zwar in höherem Grade 
noch als einer, der zur Flucht bereit ist. Das Aus steigert also 
nicht ein Wort des Satzes, sondern die gesamte verneinte Aussage, 
ist also als ein Satzadverb zu betrachten. 

Von dieser etwas durchsichtigeren Stelle aus fällt Licht auf 
das eingangs zitierte Verspaar. Diesem ist m. E. gar nicht anders 
beizukommen, da die Stellung der beiden Satzglieder ce g’es fols 
und mel[z] membraz die Deutung des non ... plus que als „nicht 
mehr als“ unmöglich macht. Auch hier ist wieder von der negativen 


i Hoepffners diesbezügliche Ausführungen in seiner Einleitung (S. 231—49) 
scheinen mir etwas überschwenglich. 

? Auch Gröber, Melanges Chabaneau S. 600, übersetzt: „er konnte nicht 
mehr schlafen als einer, der auf dem Sprunge ist zu fliehen.“ 


PROVENZALISCH PLUS NEGATIVE AUSSAGE STEIGERND. 251 


Vorstellung des Dichters, dem Nicht-sich-fernhalten von Sünden, 
auszugehen. Diese Vorstellung wird nun von den Toren in höherem 
Malse ausgesagt als von den Vernünftigeren. Niemand enthielt 
sich der Todsünden; der Tor übte die Nichtenthaltung in weit 
grölserem Umfang als der Vernünftige. Wenn man diesen Ge- 
danken anders wenden wollte, so könnte man freilich auch sagen: 
der Tor enthielt sich noch weniger der Todsünden als der Ver- 
nünftige, und hier wäre denn das „weniger“, das Hoepffner und 
Thomas so sehr vermissen. Der Dichter aber hat weder gegen 
die Logik noch gegen die Syntax verstofsen. Da er seiner Aus- 
sage negative Einkleidung gibt, konnte er ein „weniger“ gar nicht 
verwenden, sondern diese negativ geformte Aussage folgerichtig 
nur mit plus steigern. 

Dafs diese Ausdrucksweise übermäfsig klar ist, wird niemand 
behaupten wollen. Wenn aber die beiden hier vorgetragenen Fälle, 
wie ich annehme, wirklich völlig gleicher Natur sind, so liegt die 
Vermutung nahe, dals diese etwas eigenartige Verwendung von 
plus nicht auf einer stilistischen Entgleisung des Verfassers der 
„Fides“ beruht, sondern im Sprachgebrauch seiner Zeit begründet 
ist. In der Tat glaube ich diese Redeweise auch sonst im Proven- 
zalischen gefunden zu haben, an Stellen, die m. E. erst auf Grund 
der hier versuchten Deutung rechte Beleuchtung erfahren. 

Wenn Raimbaut d’Aurenca sein Lied Gr. 389, 10 (Kolsen, 
Dichtungen der Trobadors S. 226) mit der zweizeiligen Tornada: 

Plus que ia fenis Fenics 
non er q’ieu no'n si’amics 


schliefst, so will er m.E. nicht mit Kolsens Übersetzung sagen: 
„Ebensowenig, wie Phönix einmal endet, werde ich je aufhören, 
euer Freund zu sein“, sondern: In noch stärkerem Mafse besteht 
in Bezug auf mich die Unmöglichkeit, euch nicht zu lieben, als 
in Bezug auf den Phönix die, dafs er je enden wird; d.h. eher 
wird der Phönix enden, als dals ich euch nicht liebe. Während 
durch Kolsens Übersetzung der Vergleich der Ungleichheit, der 
doch nun einmal in plus que liegt, verloren geht und gewissermalsen 
zu einem Vergleich der Gleichheit nivelliert wird, bleibt die Natur 
des pius bei der hier vorgetragenen Deutung gewahrt, einer 
Deutung, die mir den pretiösen Liebesbetrachtungen der Trobadors 
im allgemeinen ! und dem Stil des oft nur gar zu gezierten Raimbaut 
im besonderen durchaus angepalst zu sein scheint. 

Ganz ähnlich dürfte der Fall in dem in ms. a’ überlieferten 
Gedicht des Cadenet Gr. 106, ı8a (Appels Ausgabe S. 32) liegen, 
dessen Anfangsverse lauten: 


Plus que la naus q’es en la mar prionda 
non ha poder de far son dreg viatge 
entro gel venz socor de fresc auratge 


i I Man liebt treuer als Tristan, leidet gröfsere Pein als Andrieu, ist be- 
glückter als Flore usw. 


252 KURT LEWENT, 


e la condui a port de salvamen 
non ai poder, tant no'm pes ni m’albir, 
ni null respeig vas cela cui dezir ... 


Appel übersetzt: „Nicht besser als das Schiff, das ..., hab ich, 
mag ich so sehr auch meinen Geist bemühen, Gewalt vor der, die 
ich ersehne ...“ und beseitigt damit m. E. die Kraft des Ausdrucks, 
dessen Wesen mir wieder in der Steigerung der negativen Aussage 
zu beruhen scheint. Einem „nicht besser als“, d.h. also einem 
„ebensowenig wie* würde ich auch hier die Wahrung der Steigerung 
vorziehen und übersetzen: „In noch höherem Malse als das Schiff 
auf hohem Meere keine Gewalt hat, habe ich vor derjenigen keine 
Gewalt, die ...“, d.h. ich bin noch machtloser ihr gegenüber als 
das Schiff auf hohem Meere. Gerade die Stellung an der Spitze 
des Satzes, wie sie dus hier und in dem vorhergehenden Beispiele 
hat, dürfte eine stilistische Stütze für diese Deutung des Wortes sein. 

Diese Stütze fehlt auch nicht ganz in dem folgenden Beispiel, 
das ich ebenfalls hierher stellen möchte. In der Buchausgabe seiner 
Poesies provengales inedites hirees des manuscrits d’Italie, Paris und 
Leipzig ı898, S. 69 veröffentlichte Appel das Gedicht Gr. 345, 2 
des Guillem Peire. Darin heifst es von dem oder von den schlechten 
Reichen: 

Agels plus ge deners fals 
non deu esser prez cabals.! 


Appel übersetzt: A ceux-c, qui sont plus faux qu'un (aux) denier, 
prix ne doit appartenir. Diese Deutung setzt aber ein doppeltes 
fals voraus. Ich möchte deshalb konstruieren: Plus ge deners fals 
agels non deu esser pres cabals und übersetzen: „In höherem Malse 
noch als falschen Hellern soll jenem (bzw. jenen) kein voller Wert 
zuteil werden“, d.h. er soll weniger gewertet werden als falsche 
Heller.? 

Endlich noch ein Beispiel aus der Epik. König Artus Hände 
haften fest an den Hörnern des Zauberrindes: 


Mas anc non pot las mans partir 
dels coras — tant non las a tiradas — 
plus que si (dies si) foson claveladas. 
Jaufre ed. Breuer v. 266—8. 


Die Unmöglichkeit, die Hände von den Hörnern zu lösen, war 
grölser, als wenn sie an diesen angenagelt gewesen wären. 

Wenn das Wesen der hier behandelten Redewendung wirklich, 
wie ich meine, darin besteht, dafs p/us ein negatives Satzganzes 


ı Statt Agels sollte man Agel erwarten, da in der ganzen Strophe nur 
von „dem“ Reichen die Rede ist, Ob dem cadals wirklich die Bedeutung 
„zugehörig“ beigelegt werden darf, mag dahingestellt bleiben; vielleicht gehört 
prez cabals, eine stereotype Redensart, auch hier zusammen. Für die hier 
behandelte Frage ist aber beides ohne Bedeutung. 

2 Der Dichter spielt hier offenbar mit dem doppelten Sinne des Wortes 
pretz, dem realen (Geldeswert) und dem ideellen (moralische Wertung). 


ua nn En 


PROVENZALISCH PLUS NEGATIVE AUSSAGE STEIGERND. 253 


steigert, so hat dies zur selbstverständlichen Voraussetzung, dass 
das Wort auch in positiven Sätzen in gleicher Verwendung vor- 
kommen mufs. Nun ist es eine bekannte Erscheinung, dals gerade 
Mengeadverbia wie mouf, fan, mais, melhs u.a.in der alten Sprache 
überaus häufig nicht vor dem Worte stehen, zu dem moderne, 
mehr logisch gestaltende Ausdrucksweise sie stellen würde, sondern 
fern von diesem Worte, besonders gerh am Anfang des Satzes. 
Die so gestellten Adverbien geben dann nicht den Grad des durch 
ein Einzelwort bezeichneten Begriffs, sondern die Intensität der 
durch den ganzen Satz zum Ausdruck gelangenden Gesamtvorstellung 
an.i Dies ist jedem Leser alter Texte geläufig, sei aber zum 
Überflufs hier noch mit ein paar Beispielen für us erhärtet: Que 
Plus etz blanca quevori Guilh. IX, Gr. 183, 6, v. ı3 (ed. Jeanroy, 
Ann. Midi XVU, 203, Nr. VIII); De lai don plus m’cs bon e bel Non 
vei mesager ni sagel ders., Gr. 183, ı, v.7 (a. a. O. S. 208, Nr. X); 
Plus sera dreicha que lıgna (Quand ieu serai sos privala Marcabru, 
Gr. 293, 18, v. 23 (ed. Dejeanne Nr. 18); Plus trac pena d’amor 
De Tristan l’amador Bern. Vent., G@r.70,44, v.45 (ed. Appel Nr. 44); 
Car eu sui seus plus qu'eu no dic ders., Gr. 70, 24, v. 36 (ed. Appel 
Nr. 24); Car meins n’a de iauzimens Qui plus vos ser lialmens El. Barj., 
Gr. 132,2 (ed. Stronski XIU), v. 23/24; Anz sofra bonamen, On 
blus er malmenalz Pons Capd., Gr. 375, ıı (ed. Napolski XXII), 
v. 20/21; Mas plus n’er avinen, Sim ten gai e jauzen, Com (lies 
C’om = C’on?) mais me fai languir, On plus l’am finamen ders., 


Gr. 375, 2ı (Napolski Nr. XVI), v. 15— 18. 


KURT LEWENT. 


ı Vgl. Schultz-Gora, Provensal. Elementarbuch*, 8 zı1. 


The Function of the Gong in the Source of ÜOhrestien 
de Troyer’ Ivain, ! 


We have sometimes wondered why there is as yet no study 
on the function of the gong in the source of Chrestien de Troyes’ 
Jvain. Scholars are all agreed that there was a gong in Chrestien’s 
source, but no one, as far as we know, has attempted to show 
either what the gong looked like or what its function was. Perhaps 
it is because critics have hitherto tacitly taken for granted that the 
gong was more or less similar to the gong in the castle of the 
Vavassor, and that its function was not only to announce the 
arrival of the challenger but also to give a formal challenge to the 
defender of the spring. That is so doubtless, but the gong’s most 
important and primary function was much more than that. The 
present study is an endeavour to explain what this function was. 

By a lucky chance we find a gong in other poems of the 
Middle Ages. Many years ago now Gaston Paris pointed out the 
general similarity that exists between the Lanzelet of Ulrich von 
Zatzikhoven and Chrestien’s Zvain.? The similarity has in recent 
years been worked out in greater detail by Wendelin Foerster, the 
regretted editor of Chrestien’s works,3 and by R. Zenker.* As in 
Jvain, so here also the scene is laid beside a spring in a forest — 
the beautiful forest of Behforet in the neighbourhood of Dodona. 
This spring bursts forth from the roots of a lime-tree, from the 
branches of which there hangs a bronze cymbal or gong with a 
hammer near by: 


3898 Diu linde ist grüene durch daz jär, 
ein @rin zimbel ist dar an 
gehenket, daz ein ieglich man 


ı For more information about the source of /vain and other questions 
raised by this study than can be given in the limited space at my di 
I refer the reader to the book which I have been writing on the subject for 
over four years now, and which should be ready for publication before very 
long. The title is: The storm-raising spring in the forest of Broceliande, 
a study of the sources of Chrestien de Troyes’ Ivan and the episode of La 
Foie de la Cort in Erec. 

2 Romania, Vol. X, p. 474, n. 4. 

® See introduction to his small Z/vain, 1912*, pp. XXX V fi., reprinted with 
additions and alterations in his Arıstian von Troyes Wörterbuch zu seinen 
sämtlichen Werken, Halle 1914, pp. ı10*fl. 

% Forschungen zur Artusepik 1. Jvainstudien, Halle 1921, pp. 84f. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 255 


mit eime hamer dran slät, 
der muot üf mine vrowen hät 
und der manheit wil bejagen. (Edit. Hahn.) 


When Lanzelet came to the spring he struck three blows on the 
gong with the hammer and a knight named Iweret galloped up 
to engage him in single combat. After a fierce struggle Lanzelet 
defeated Iweret, married the dead knight’s daughter, Iblis, and 
became lord of Dodona in his place. 

An episode which bears some resemblance to the version in 
Lanzelet occurs, as Foerster first pointed out,! in ZZuon de Bordeaux; 
it is generally known as the episode of Dunosire. There we hear 
how Huon comes to the castle of a giant named Orgueilleux. In 
front of the castle is a basin or cauldron of gold, in this case not 
hanging from a tree, but mounted on a pillar: 


Par devers destre Huelins regarda, 
-I- bacin d’or a °I- piler trouva; 
Cil que Y’i mist mout bien li ataka.? 


As there is no hammer in this version Huon strikes tlıree blows 
with bis sword on the cauldron and makes the castle reverberate 


to the echo: 
Il traist l’epee dont Seuvins l’adoba; 


Sour le bachin l’enfes III’ cos frapa 
Et li palais tenti et resonna.® 


The giant does not appear immediately for he is asleep, but later 
Huon fights with the giant and slays him. 

What is to be inferred from these two versions with regard 
to the source of Chrestien’s Zvain? What actually stood in Chrestien’s 
source here?* From the points of agreement between Lanze 
and the episode of Dunosire Foerster inferred that in Chrestien’s 
source there was a gong and that three blows were struck on it.5 
This gong was perhaps still in the source that Chrestien used for 
his poem, for he has described just such a gong in the castle of 
the Vavassor, and there the Vavassor himself strikes three blows 
on it with a hammer: 


aıı Anmi la cort au vavassor, ... 
Pandoit une table ... 
Sor cele table d’un martel, 
Qui panduz iert a un postel, 
Feri li vavassors trois cos. ® 


I See small /vain®, p. XLI. 

2 Edition of Guessard and Grandmaison, p. 141. 

® Ibid., p. 141. 

* For the relation of these three texts to each other I refer to my 
forthcoming book. 

5 Ursprünglich ist dagegen das Gong mit seinen drei Schlägen, dessen 
Rolle hier die Sturmquelle ist, small /vain*, p. XLIV, n. 2. 

° Cf. JZvaint, p. XXXVII and Wörterbuch, p. 112*, 


256 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


Up to this point the present writer is in complete agreement 
with Foerster, but Foerster went further and argued that since a 
gong stood in Chrestien’s source the storm-raising spring did not.! 
Foerster did not consider the storm-raising spring to be part of 
Chrestien’s source because he was convinced that Chrestien took 
it from Wace.? It is true he is not quite so categorical in his 
Worterbuch,3 but he never really changed his position.% In Foerster’s 
opinion, then, and this is the point to which we would call attention, 
Chrestien took the storın at the spring from Wace and put it in 
the place where the gong had originally stood in his source, and 
used it as a challenge to Ivain’s antagonist.5 Now, much as we 
admire Foerster's work, we cannot help thinking that Foerster made 
a serious error in coming to this conclusion. We refuse to believe 
that the storm at the spring did not belong to Chrestien’s source 
and consequentliy we are unwilling to believe that Chrestien took 
it from Wace; besides, Wace’s spring was only a rain-making spring. 
Chrestien certainly knew Wace’s description of the spring, but all 
he borrowed from Wace was on the one hand the idea of localizing 
his own storm-raising spring in the forest of Broceliande, and on 
the other the trait that he had been befooled in going there to 
see the wonders of the spring.® The present writer would rather 
believe that the storm which bursts the moment some water is 
poured on the emerald slab is as important and as original a 
feature as the gong; in other words that the gong and the slab 
were both influential in raising the thunderstorm. Chrestien perhaps 
did not understand the real significance of the gong or he would 
not have separated it from the thunderstorm, though it is possible 
of course, if unlikely, that the gong and the thunderstorm were 
already separated in the source which Chrestien used. However 
that may be, if we would explain the supernatural element in /va:n 
it is necessary to bring together once again just these two features— 
the gong and the thunderstorm, for in our opinion the three blows 
struck on the gong helped quite as much to raise the thunderstorm 
as the water poured on the emerald slab. It was precisely the 
act of making the gong resound on the one hand and of pouring 
water on the slab on the other, which caused the thunderstorm. 


t Schon der Umstand, dafs die Quelle neben dem Gong keinen Zweck 
hat, läfst sie als ganz nebensächlich und sekundär erscheinen, /did., p. XLIV, 
n. 2; cf. p. XXXV. 

2 Roman de Row 11, 6395—6420; cf. Wörterbuch, p. 101*. Was nun 
unsere Sturmquelle betrifft, so ist aus der wöıtlichen Entsprechung zwischen 
Wace und dem späteren /vain mit Sicherheit zu schliefsen, dafs Kristian sich 
dieselbe aus Wace geholt hat, /vain*, p. XXVIII; cf. Zdid., p. XIIf. 

s P. 106*; cf. Zenker, Z/vainstudien, p. 132. 

4 Cf. /vain, Textausgabe, Halle 1926 (= Iv.+2), pp. XIV and XIX). 

8 Während aber in L. (Lanzelet) das Gong und die mit dem daneben 
hängenden Hammer ausgeführten Schläge den Gegner rufen, tut es hier das 
durch das ausgegossene Wasser hervorgerufene Gewitter, small Zvasn*, p. XXXVII 
= Wörterbuch, p. 112*; cf. /bid., p. 119*. 

® See Zenker, Zvainstudien, p. 1331. 


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GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN.” 257 


These curious traits, we would maintain, are survivals of ritual 
acts which were actually performed in a primitive stage of society 
and their object was, by sympathetic magic, on the principle that 
like produces like, to evoke thunder and rain. 

The mental outlook of man in these primitive epochs has been 
admirably described by M. Salomon Reinach. Man believed that 
certain mysterious bonds linked him with the world of Nature, 
that -he could obtain from Nature all his wants by setting Nature 
the example, that is to say, by having recourse to one or other 
of the innumerable practices which constitute what is called sym- 
pathetic magic. Before he asked for rain by prayer, as is done at 
the present day, man believed he could obtain it by force, and 
make it inevitable by rites to which Nature would be bound to 
respond, as an echo responds to a cry.! An example of such 
sympathetic magic is contained in the legend of Salmoneus. In 
the sixth book of Vergil’s Aeneid,2 Salmoneus, a legendary king 
of Thessaly, is depicted as undergoing the most dreadful torments 
in Hades for having imitated the thunder and lightning of Jupiter. 
In his insensate pride he imagined that he was the equal of Zeus 
or even Zeus himself, for he imitated Zeus’s lightning flash by 
hurling flaming torches into the sky, and Zeus’s thunder-clap by 
fixing cauldrons of bronze to his chariot and driving it over sheets 
of bronze fastened to the ground. Zeus, angered by such rivalry, 
blasted him with his bolt.3 

This legend, says M. Reinach, is absurd and childish, but 
thanks to the science of comparative mythology it is possible to 
detect its origin and reduce it to its earliest form. There was at 
Crannon in Thessaly a sacred chariot of bronze. In times of 


I Cultes, Mythes et Religions, Vol. II, p. 164. Mr. Cook, Zeus, Vol.I, 
p. II expresses the same idea in much the same way: “Vegetable life, and 
therefore animal life, and therefore human life, plainly depends upon the 
weather, that is upon the condition of the Sky. Hence unsophisticated man 
seeks to control its sunshine, its winds, above all its fructifying showers by 
a sheer assertion of his own will-power expressed in the naive arts of magic.” 
2 The passage is as follows: — 


Vidi et crudeles dantem Salmonea poenas, 
Dum flammas Jovis et sonitus imitatur Olympi. 
Quattuor hic invectus equis et lampada quassans, 
Per Graium populos mediaeque per Elidis urbem 
Ibat ovans, Divümque sibi poscebat honorem: 
Demens qui nimbos et non imitabile falmen 
Aere et cornipedum pulsu simularat equorum. 
At Pater omnipotens densa inter nubila telum 
Contorsit (non ille faces, nec fumea taedis 
Lumina), praecipitemque immani turbine adegit. 
1. 585 ff. quoted by Reinach, doc. cit. p. 160. 
® For the legend of Salmoneus and representations of it in art, cf. 
Ä.B. Cook, Zeus, Jupiter and the Oak, in Classical Review, Vol. XVII, 
PP: 276f.; Idem, The European Sky-God in Folklore, Vol. XV, pp. 300, 
399f.; J. Harrison, Themis, p. 79 ff.; J. G. Frazer, The Golden Bough, 3rd edit., 
Vol. I, p. 310. 


Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVII. 17 


258 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


drought the people used to shake it violently by dragging it along, 
praying at the same time to the gods for rain. This chariot is 
figured on the obverse of certain coins belonging to Crannon. It 
is a very archaic-looking vehicle with solid wheels, and on it the 
coins show a huge amphora, which was probably filled to the brim 
with water, so that when the chariot was put in motion some of 
the water splashed over on to the ground. The water as it fell 
made a sound like rain and the rumbling of the chariot seemed 
like thunder. With the exception of the torch, we have here the 
same ritual acts as those performed by Salmoneus. The people 
of Crannon, like Salmoneus, were in the habit of producing rain 
by sympathetic magic. Thus the myth of Salmoneus, adds 
M. Reinach in conclusion, is nothing else than a ritual act mis- 
understood. Salmoneus used to raise thunderstorms by the noise 
of his rumbling chariot and the flash of his flying torches. In 
other words the legend of Salmoneus has preserved the memory 
of a Thessalian magician practising his beneficent art, eliciting 
lightning from the sky and bringing down the much-needed 
rainstorms on the parched and thirsting earth.? 

It is in the light of these practices of primitive rain-making 
magic that we wouid attempt to explain the supernatural element 
in Chrestien’s Zvaım. We shall endeavour to show that the thunder- 
storm in the forest of Broceliande is produced by the ordinary 
processes of sympathetic magic, namely by the imitation of natural 
phenomena, and more especially by the imitation of those phenomena 
that actually are the thunderstorm: lightning, thunder and rain. 
The rain was imitated by the act of pouring water on the emerald 
slab, thunder and lightning by the gong. Let us consider each 
in turn. 

When Calogrenant comes to the spring in the forest of Broce- 
liande he follows out the instructions given him by the Monster 
Herdsman, takes some water from the spring and pours it on to 
the emerald slab close by. Immediately a terrific thunderstorm 
bursts over the spot.$? Seven years later Ivain in his turn comes 
to the spring and also pours water on the emerald slab with the 
same result. The description which Chrestien gives of the emerald 
slab is curious and worth remarking: 


424 Li perrons iert d’une esmeraude, 
Perciez aussi come une boz, 


ı 5. Reinach, doc. cit., p. 165; cf. J. Harrison, Zoc. cit., p. 81f.; J. G. Frazer, 
loc. cit., p. 309. 

?2 S. Reinach, Zo. cıt., p. 169; cf. A.B. Cook, Zeus, Vol.I, p. 12f.: — 
“With the age-Iong growth of intelligence it gradually dawned upon men that 
the magician, when he caused a storm, did not actually make it himself by 
virtue of his own will-power, but rather imitated it by his torches, rattling 
chariot, etc., and so coaxed it into coming about.” 

s See Il. 410— 454. 

* See ll. 802—800. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 2 59 


S’i ot quatre rubiz desoz 
Plus flanboianz et plus vermauz, 
Que n’est au matin li solauz. 


Foerster in commenting on these lines expressed the view that the 
four rubies, on which the emerald slab rests, formed two little 
columns and suggested that the slab might have served as an altar. 
In support of this view he instanced the description of the spring 
given by Thomas de Cantimpre, who records that the slab rested 
on marble columns and resembled an altar: super qguem (fontem) 
lapis instar allarıs in columnis marmoreis locabatur.! In our opinion 
Foerster was perfectly right in saying that the slab was raised off 
the ground on columns, but wrong in considering it to have been 
an altar, and the hole through the slab to have been made to let 
the blood of the victim flow away.?2 In the light of the methods 
we have described above of making rain by sympathetic magic, 
the conclusion would seem to be forced upon us that we have here 
the description of what in classical times was called a /apes manalıs, 
or streaming stone, used in times of drought to produce rain. 
The best known Japis manalis in antiquity was perhaps the 
stone near the temple of Mars outside the Porta Capena at Rome, 
which in times of drought was carried in solemn procession into 
the city and immediately brought down rain.? Mr. Gilbert quotes 
a passage from Varro preserved by Nonius, which in his opinion 
shows that Varro looked upon the /apıs manalıs as a sort of pitcher— 
urceolus, or basin—aguaemanalıs.4 He therefore infers that the 
sacred stone called /apıs manalis was hollowed out in the form 
of a pitcher or ewer, and that water was poured out of it, in times 
of great drought, so as to imitate falling rain— in order, by imitating 
Nature, to call forth rain from Jupiter.®5° This rain-making ceremony 
was known as the Aguaelictum® and clearly must have belonged 
to the ritual of Jupiter—of Jupiter Elicius, the Latin counterpart 


ı Small Zvain®, pp. XXVIIIf. and XXIX; cf. Wörterbuch, p. 104*. 

2 Loc. cit., p. XXIX, n. I. 

s Cf. Cook, in Folklore, Vol. XVI, p. 269 and Class. Rev., Vol. XVIII, 
p: 365b.; Frazer, Tre Golden Bough, Vol.I, p. 310; O.Gilbert, Geschichte 
und Topographie der Stadt Rom im Altertum, Vol. II, p. 154, n. 1. 

* Urceolum aquae manalem vocamus, quod eo aqua in trulleum effundatur, 
unde manalis lapis appellatur in pontificalibus sacris qui tunc movetur quum 
pluviae exoptantur, Non., p. 637, quoted by Gilbert, oc. cıt., p. 154, mn. I. 
Cf. Frazer, loc. cit., Vol.I, p. 310, n. 3. 

$ Man darf also den manalıs laßis ... als einen in Form eines urceolus, 
eines Kruges, ausgehöhlten Stein ansehen, welcher bei Dürre in Prozession 
umhergeführt und aus welchem Wasser vergossen wurde, offenbar zu dem 
Zwecke, durch diese dramatische Wiedergabe des Regens diesen selbst zn nafura 
gleichsam aus dem Himmel, d. i. Jupiter, herauszulocken, O,. Gilbert, oc. cit., 
p. 514. 

° Aquaelicium dicitur, cum aqua pluvialis remediis quibusdam elicitur, 
w quondam, si creditur, manali laßide in urbem ducto, Paul. ex Fest. p. 2, 
Müll, cf. Cook in Folklore, Vol. XVI, p. 268. 


17° 


260 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


of the Pelasgian storm-god Zeus.1 Dr. Frazer,? also connects the 
Aquaelicium with “the ritual of Jupiter Elicius, the god who elicits 
from the clouds the flashing lightning and the dripping rain”. 

Similarly the emerald slab in Chrestien’s /varr is almost certainly 
connected with an ancient rain-making ceremony.3 In the first 
place the mere fact that the slab was an emerald is full of signi- 
ficance, for emeralds, as Mr. Cook has pointed out, were readily 
“associated with the solar gods because they shone with a peculiar 
radiance of their own”.4 Further the detail: Zercies aussi come une 
bog, (l.425)— with a hole through it like a goat-skin bottle, which 
the editor of the poem was of opinion tells us nothing,5 becomes 
from this point of view full of meaning. The present writer imagines 
that there was a large hollow scooped out on the top of the emerald 
slab and that this gradually tapered off as it penetrated deeper 
into the stone, so that only a small round hole of the size of the 
neck of a bottle came through to the other side. That is to say, 
the hollow in the stone resembled a goat-skin bottle with the neck 
downwards, and it was doubtless fashioned thus so that it would 
hold a good deal of water on the upper surface and only allow 
it to flow away slowly. The water in falling from the slab would 
make a sound very similar to rain, for the emerald slab, as we 
have seen, was raised on little columns a certain height from the 
ground. It seems impossible to doubt that Chrestien’s emerald 
slab was a Zapıs manalis and that Calogrenant and subsequently 
Ivain in pouring water on the slab were making rain by sympathetic 
magic. 

The function of the gong, we have suggested, was to imitate 
thunder and lightning. But how did it do that? How is one to 
picture the gong to oneself? There is a curious trait in Chrestien’s 
description of the spring, which in our opinion has not received 
all the attention it deserves: it is the iron basin or cauldron which 


ı Es ist klar, dafs diese Zeremonie ... allein für den Jupiter, als den 
höchsten Himmelsgott und Herrn über Regen und Wind, pafst, und ich stehe 
deshalb, wie bemerkt, nicht an, diesen Zafis manalıs resp. die Zeremonie des 
Aquilidum mit dem Kulte des Jupiter Elicius in Verbindung zu bringen 
(Gilbert, Z/Dbid.). 

2 Loc. cit., Vol. II, p. 183. 

s W.A.Nitze, Modern Philology, Vol. VII, p. 150f., has already pointed 
out in a general way the similarity that exists between Chrestien’s slab, which 
he considers a “rain-stone”, (/b:id., p. 149, n.4) and the Jafis manalis of the 
Porta Capena at Rome (cf. Zenker, doc. ci£., p. 106) though I had no knowledge 
of his study until after my own theory had been worked out. It is therefore 
interesting to record that Mr. Nitze and I have come to very much the same 
conclusion about this poipt though working on different lines and completely 
independently of each other. The two stones indeed show, as we shall see, 
an extraordinarily close resemblance, though Nitze and Zenker do not work 
out the resemblance in detail. 

% Class. Rev., Vol. XVH, p. 403. 

5 See note on line 425: “durchbohrt wie ein Schlauch” sagt uns gar 
nichts, da die Gestalt beider zu verschieden ist, though he adds — Durchbohrt 
ist die Steinplatte offenbar, damit das darauf gegossene Wasser abfliefsen kann. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 261 


Chrestien depicts hanging down from the pine-tree. The basin, 
it will be remembered, is attached to the pine-tree by a long chain 
which reaches right down to the spring: 


385 Et s’i pant uns bacins de fer 
A une si longue chaainne, 
Qui dure jusqu’an la fontainne, 


but there is nothing to tell us what it is for nor why it is sus- 
pended from the tree, and were it not for the other versions it 
would be completely inexplicable. Chrestien himself seems to know 
so little about it that he not only does not record any action 
connected with it but in a subsequent passage he even says the 
basin was of finest gold. M. Ferdinand Lot in an article on Ze 
chevalier au hon implies that the basin was there for drawing water 
from the spring and pouring it on to the emerald slab: “L’imprudent 
qui puise avec le bassin de l’eau dans la fontaine et la repand 
sur le perron d&chaine une temp£te &pouvantable dans la foret”,1 
and in this view he has been followed by Mr. W. A. Nitze,? while 
Mr. A.C.L.Brown, in order to point a parallel with the version in 
Gilla Decair, even considers the basin to have been used as a 
*drinking vessel”.3 Both these views, however, as we shall see, 
are most certainly wrong. 

Now this basin, as we have seen, figured also in Zanzelet and 
there too it hangs from the branches of a tree. In the episode 
of Dunostre on the other hand the cauldron is mounted on a pillar. 
The concordance of all tbree texts, therefore, seems to show that 
the basin or cauldron was originally off the ground, and the present 
writer is inclined to think that it was fixed on the top ofa pillar, 
as in the episode of Dunostre. There is another significant detail 
in this episode of Dunostre which the other two versions have not 
preserved and that is the two bronze men who defend the entrance 
to the castle. Each is armed with an iron flail with which they 
are always striking, so that even the swiftest lark could not fly 
into the palace without being hit: 


Et 3’a ‘II: hommes a l’entrer de l’ostel; 

Tout sont de keuvre et fait et compasse, 
Si tient cascuns I‘ flaiel acouple, 

Tout sont de fer, mout font a redouter. 

Tout ad&s batent et yver et este, 

Et si vous di, par fine verite 

Une aloete, qui bien togt set voler, 

Ne poroit mie ens el palais voler 

Que ne fust morte; ne poroit escaper.* 


! Romania, Vol. XXI, p. 67. 

? Modern Philology, Vol. VII, p. 150. 

® Iwain, a study in the Origins of Arthurian Romance, p. 115. 

* Edition Guessard et Grandmaison, p. 136, 11. 4561—4570. Cf. p. 141, 
where the same description is repeated. 


262 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


There is certainly a great deal in this passage which is the poets 
own invention, but the copper man with his flail which is always 
in motion is not. The author of Zuon de Bordeaux or his source 
has not hesitated to use his material for his own ends, to introduce 
a second copper man and to place them one on each side of the 
entrance to the giant’s castle, but we cannot help thinking that 
behind the embellishments and alterations of the author we have 
here an original trait—the bronze man with his flail. This bronze 
man, we are inclined to think, is here out of place, and should 
rather be mounted on a pillar near the cauldron. The curious 
thing is, in any case, that if the bronze man with his flail be 
mounted on a pillar and if this pillar be placed close enough to 
the pillar on which the cauldron stands to enable the bronze man 
to touch the cauldron with the end of his flail, we have an almost 
perfect fac-simile of the gong of Dodona. The similarity is so 
striking that it seems to us that we have in our three texts survivals 
(doubtless no longer understood, but all the same survivals) of the 
Dodonaean gong. Chrestien, Ulrich von Zatzikhoven and the author 
of Huon de Bordeaux have all preserved parts of it. Chrestien and 
Ulrich have the gong and the hammer.1 Chrestien has even pre- 
served the gong—-or rather a part of it—twice, for the iron basin 
or cauldron hanging down from the pine-tree ?2 must originally have 
formed part of ıhe gong. The author of Auon de Bordeaux has 
preserved the whole gong but in two parts—on the one hand the 
cauldron mounted on a pillar, on the other the bronze man with 
the flail,? but without the least understanding of the function of 
the mechanical contrivance he has described, and that is why the 
one half of the gong is separated from the other.4 

The classical texts relating to the gong of Dodona have been 
gathered together and discussed by Mr. A. B. Cook.5 From these 
it appears that in very early times the sanctuary of Zeus at Dodona 
was surrounded by a number of bronze cauldrons or tripods, which 
were arranged so close to each other that if one of them were 
struck all the others reverberated in turn. There seems no reason 


I Jvain, 1l. 211 —219; Lanzelet, 11. 3399— 3901. 

3 Jvain, 11. 386— 388. 

8 Huon de Bordeaux, p. 141 and p. 136. 

* Mr. Brugger writing on Zuon de Bordeaux and Fergus in the Modern 
Language Review, Vol. XX (1925), p. 163f. mentions the copper men of the 
Episode of Dunostre and the basin mounted on a pillar (zd:d.. p. 165) but 
completely misses the significance of these objects, for he writes: “Naturally 
Huon could not have a fight with the threshers. Another expedient was found. 
He sees ‘un bacin d’or’ hanging on a pillar. With his sword he strikes three 
blows on it, so that the palace resounds.” J. D. Bruce, Zuman Automata ın 
Tradition and Romance considered that the copper men in the episode of 
Dunostre were “suggested by those in the Dolerouse Garde episode of the 
prose Lancelot”, Afodern Philology, Vol.X (1913), p. 523. There is, however, 
no real resemblance between the two. 

5 The Gong at Dodona, in The Journalof Hellenic Studies, Vol. XXII 
(1902), p. 5 fl. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 263 


to doubt that this was the earliest sanctuary of Zeus, for as Mr. Cook 
says: “It is not at all improbable that in primitive times the oracle 
at Dodona had no walls, and that the numerous votive tripods 
belonging to Zeus were arranged as a fence round the sacred 
enclosure.”1 However, these statements were doubted and in ancient 
times too, for there exists a number of other descriptions of the 
shrine at Dodona which draw a different picture. In the time of 
Aristotle there was no longer a circle of tripods around the sanctuary, 
but in its place two pillars of equal height: on the top of the one 
was a boy holding a whip with thongs of bronze, and on the top 
of the other a bronze cauldron. The pillars were so placed that 
when the lashes of the whip were shaken by the wind they struck 
the cauldron and made it resound.?2 This was the famous gong 
of Dodona: rO Awdwvalov yaAxelov as it must have been towards 
the end of the fourth century B.C. 

The question that first suggests itself is: What was the purpose 
of the gong of Dodona? It must be confessed that we do not 
know. Mr. Cook suggested that the sound of bronze had a “pro- 
phylactic or apotropaeic virtue” and that the gong’s chief use was 
to “scare away evil influences”.3 That is doubtless correct, but it 
does not tell us very much, and we are inclined to think that the 
real function of the gong was something more than this. We are 
inclined to think that the chief function of the Dodona gong was 
to produce thunder and lightning by the processes of sympathelic 
magic, namely by imitating the phenomena of Nature which con- 
stitute the thunderstorm, that is to say especially thunder and 
lightning. The difficulty, however, is to realise how the gong 
could play a part in practices of sympathetic magic and be used 
to imitate thunder and lightning. This difficulty is increased by 
the fact that all our knowledge of the gong at Dodona relates to 
the gong in ordinary times and when not in use, while we have 
no description of the gong in action, that is to say of the part 
played by the gong during the magic ceremonies. That the gong 
served to imitate thunder it requires no great eflort of the 
imagination to understand. Each time the cauldron of bronze 
was struck a reverberating sound was made which was not unlike 
tbe rumbling of thunder.* It is less easy to understand how the 


ı Loc. cit., pP. 7. B 

2 Apıororking dt wc nAaoua dıel&yywv dVo Ynol oTVA0VG eivan, xul 
Ent usv Tod Eregov Atßrnra, Ent Yarevov dt nalda xparofvra uaouyea, Ns 
Tolg luavrag galxkovs Ovrag 0EIouEvorS un’ av&uov TO AEßnTı NE00XxPOLELV, 
10v de Tuntöusvov nyelv, Suid. 3. v. Awdwvaiov yalxsiov, quoted by 
A.B. Cook, doc. cit., p.8. Cf. ıhe picture of the gong restored given by 
Mr. Cook, loc. cit., p. 12. 

8 Loc. cit., pp. 16, 28, etc. 

* The same idea would seem to have occurred to Dr. Frazer, for he says 
in his Magic Art and the Evolution of Kings: “Perhaps the bronze gongs 
which kept up a humming in the wind round the sanctuary were meant to 
mimick tbe thunder”, Vol. II, p. 358. 


264 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


gong could be used to imitate lightning hut perhaps not quite 
impossible. 

We have seen above that the bronze boy at Dodona held in 
his hand a sort of whip or flail. The structure of this whip is 
worth remarking. It was composed of a bronze or copper staff 
to the end of which were attached three long thongs also of copper. 
According to one account even the thongs were jointed, being 
formed of strips of copper connected by leather couplings.? The 
significance of this strange instrument will become clear if one 
thinks of it in action. Imagine the glittering copper staff with its 
three glittering flexible thongs raised from the cauldron opposite 
and brandished in the air; the burnished copper of the flail against 
the sky would resemble very closely the colour of lightning to the 
throng of worshippers looking up at it from below, and with its 
jointed thongs hanging at various angles in the air the flail would 
give a crude imitation of the zigzag of forked lightning, while the 
triple thong itself would represent the lightning forking in three 
directions. With these things in one’s mind it is possible to picture 
the gong in action. When it was required to produce lightning 
and thunder by means of sympathetic magic the bronze man must 
have raised his flail from the cauldron opposite and flashed it 
through the air, bringing it down on the cauldron with all his 
might. The glittering copper flail zigzagged and flashed in the 
air like forked lightning and the cauldron each time resounded 
like thunder. This made a succession of flashes of forked lightning 
followed by peal after peal of thunder and doubtless after this 
imitation of the thunder and lightning the drenching rain-storm 
was not long delayed. On this showing, then, the famous gong 
of Dodona was a mechanical contrivance which could be set going 
or stopped at will and its function was not so much to ‘scare away 
evil influences’ as to raise thunderstorms by the primitive methods 
of sympathetic magic. 

Something of this kind, it seems, was the function of the 
Dodona gong, and Mr. Cook, we think, would agree with this 
explanation. Since we wrote these pages the second volume of 
Mr. Cook’s Zeus has appeared and it is interesting to note that 
in bis account of the whip of Zeus? Mr. Cook connects the whip 
with lightning and sees in the whip or flail of the Dodonaean 
gong “an appropriate emblem of the lightning”.$ Mr. Rendel Harris® 
has also shown that the Ancients considered the lightning as a whip. 

Now this explanation, which we have given of the function 
of the Dodona gong, would suit equally well the gong which must 
have existed in Chrestien’s source—indeed it seems almost an 


! See A.B. Cook, Zoc. cit., p. 12. 

3 See pp. 824—6. 

3 /bid., p. 8206. 

* Picus who was also Zeus, Cambridge 1916, pp. 57-60. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 265 


obvious explanation the moment one has formulated it.! It affords 
a completely satisfactory explanation of the thunderstorm in /vasn, 
which, be it noticed, is not sufficiently accounted for by the act 
of pouring water on the emerald slab. Strictly speaking this act, 
if we have in it a survival of ancient magic ritual, should only 
produce rain, since only tke patter of falling water is imitated. 
In order to raise a thunderstorm, however, by the processes of 
sympathetic magic, lightning and thunder had of necessity to be 
imitated also, and doubtless in Chrestien’s source there was not 
only an imitation of rain but also an imitation of thunder and 
lightning, the former being the function of the emerald slab and 
the latter the function of the gong. In the poem as it stands we 
have only one of these acts left, namely the imitation of rain, but 
it is clear from the remains of the gong still to be found in the 
poem, and from the resemblance which this gong when reconstructed 
bears to the gong at Dodona, that originally there was an imitation of 
thunder and lightning too. Similarly in Zanzelet and the episode 
of Dunostre, where we have only a reminiscence of the gong we 
may suppose that in the original source there existed also the 
imitation of rain by pouring water on a slab.2 Chrestien, with 
his readiness to split up his material and use it in different parts 
of his poem, took upon himself, we would suggest, to separate the 
gong from the emerald slab.? He attributed the thunderstorm to 
the single act of pouring water on to the slab and utilized the 
gong in another way, namely to announce the arrival of visitors 
at the castle of the Vavassor. In one way perhaps the change 
was not very great, for the gong must always have belonged to 
the Vavassor, since the spring is certainly in the grounds of the 
Vavassor. From another point of view, however, the change was 
considerable, for it completely obliterated the function of the gong.* 


ı I have only quite recently had knowledge of M. Andre Mary’s trans- 
lation of Zrec et Enide, Le Chevalier au lion, but I see M. Mary would also 
connect ihe gong in the courtyard of the castle of the Vavassor with Dodona: 
“ce gong n’est plus ici qu’un signal pour appeler les serviteurs, mais, A l’origine 
du conte, il &tait sans doute destine A imiter le bruit du tonnerre et A provoquer 
l’orage par sympathie, de m&@me que les chaudrons de la for&t de Dodone, 
qui fut certainement un centre de magie avant de devenir un sanctuaire 
prophetique”, p. 19. 

®? From this point of view it would be possible to defend J. D. Bruce’s 
remark in his Zvolution of Arthurian Romance, 1923, Vol.I, p. 212, that 
“Lancelot’s challenging of Iweret by striking on the brazen cymbal at the 
fountain may very well have been suggested boy the episode of Ivain and the 
fountain in Chrestien’s /vaın (ll. 800 fl.)” from the objections made to it by 
R.Zenker, Weiteres sur Mabinogionfrage in ZFSL, Vol. XLVIII (1926), p. 97 
on the ground that the parallel is not sufficiently close. 

® Man kann überhaupt öfter wahrnehmen, dafs Kristian gern dasselbe 
Motiv variiert oder spaltet und dann an verschiedenen Stellen verwendet. 
Vgl. noch oben Gong und Sturm, Foerster in small /vain*, p. XLII, n. ı; 
cf. Wörterbuch, p. 117*, n. I. 

* The liberties which Chrestien took with his material have not yet been 
so much as guessed at. I shall have occasion in the book I have announced 


266 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


If it is at all possible still to reconstruct what stood in the original 
poem here, it is necessary to replace the gong beside the spring, 
close to the emerald slab, and to look upon the thunderstorm as 
evoked as much by the action of striking the gong as by that of 
pouring water on to the emerald slab. In other words, the thunder- 
storm in /vain is in our opinion a reminiscence of ritual practices 
wbich were once actually performed in the age of primitive man. 
How a knowledge of the rain-making practices of Dodona could 
have reached Western Europe in the XI or XII centuries is a question 
we are unable to go into here. We propose to discuss it in the 
book we have announced. 

Closely bound up with the thunderstorm in Z/vam is the single 
combat beside the spring, for the act of raising the thunderstorm 
serves as a challenge to the defender of the spring. The task of 
defending the spring was called ‘keeping up the custom of defending 
the spring: 

1848 Por la costume maintenir 
De vostre fontainne deffandre 
Vos covandroit bien consoil prandre. 


“Maintenir la coutume” is the term frequently used, not only in 
Ivain but also in many other poems to denote the practice of 
defending a spring or some other spot against all comers. There 
is no need for us to prove that we really have in Ivan an example 
of this ‘custom’. That is already established, as M. Philipot has 
pointed out: “Il est aujourd’hui demontre de la faron la plus 
certaine que le sujet du Chevalier au lion nous presente ... une 
variante du th&me si fecond de la ‘coutume’.”1 

The ‘custom’ as it appears in Z/vain is this. The spring in 
the forest of Broceliande is in the keeping of a certain knight 
(Esclados le Roux) who has the task of defending it at certain 
recurring intervals against all comers. At the risk of losing his 
life in the adventure any other knight can dispute the title of 
the guardian of the spring and challenge him to single combat 
by taking some water from the spring, pouring it on to the emerald 
slab and thereby raising a thunderstorm. Should the defender of 
the spring prove victorious in the fight which ensues (as Esclados 
does in the fight with Calogrenant) he lives in peace for seven years 
(cf. 1.175, pres a de set anz) until he is challenged in the same 
way again. If, however, he is defeated and slain then his victorious 
foe (Ivain) becomes the guardian of the spring in his place under 
precisely the same conditions, marries the wife (Laudine) of the 
dead knight and succeeds to his castle and lands. 

The most remarkable feature of this ‘custom’ is the fact that 
the newcomer (Ivain) challenges his adversary (Esclados) to single 


above to call attention to a number of them, but this is the only one I can 
mention here. 
ı Romania, Vol. XXVI, p. 302. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 267 


combat by raising a thunderstorm. It would seem indeed that 
until the challenger had raised the thunderstorm he had no right 
to fight the champion of the spring, nor was the champion under 
any obligation to take up the challenge. As soon as the thunder- 
storm burst, however, the champion of the spring was bound to 
defend the spring against tlıe man who had raised the thunderstorm. 
This is certainly an unusual, not to say an extraordinary, way of 
challenging to a duel, but in the light of this study the significance 
of the act is manifest. /vam, by the acts he performs, plays the 
part, as we have shown, of a primitive rain-making magician. 
Esclados, the champion of the spring in the forest of Broceliande, 
would seem to be the official rain-maker. From the fact that Ivain 
calls Esclados out to battle by raising a thunderstorm we infer that 
Ivain intends to dispute the title of Esclados in the hope of defeating 
him and succeeding to his charge. 

If one compares the ‘custom’ in Zvain with the ‘custom’ in 
other poems of the Middle Ages one finds that the challenge is 
not always given by a thunderstorm, that is to say by pouring 
water on a slab, but in some poems by three blows on a gong,! 
in others again by three blasts on a horn.?2 The difference, however, 
is not so great as would appear at first sight, for since the function 
of the gong was to raise a thunderstorm, the challenge by gong 
must have been originally identical with the challenge by thunder- 
storm—was indeed, as we have shown, part of it. Further, there 
are reasons for believing that the horn in the course of time took 
the place of the gong and that the horn in some cases came to 
be used in place of the reverberations of the gong.? If we bear 
these things in mind it is clear that there is really no difference 
between these three different kinds of challenge—they are all sur- 
vivals of ritual acts the purpose of which was to produce a thunder- 
storm, and the röles of the men who performed these acts are 
reminiscences of the parts played originally by rain-making magicians 
in a primitive stage of society. The extraordinary thing is that 
the ‘custom’ of defending the spring in /vain and the ‘custom’ 
as it appears in other mediaeval poems is practically the same 
point for point as the custom regulating the succession to the 
priesthood of Zeus at Dodona. In order to make this clear let 
us return again to Dodona. 

In charge of the sanctuary of Zeus at Dodona was the priestly- 
king, who was at one and the same time high priest of Zeus and 


1 Lanselet and the episode of Dunostre in Huon de Bordeaux. 

® Li Chevaliers as deus espees, Fergus, Les Merveilles de Rigomer, 
Malory’s Morte d’Arthur, Book VII, and originally doubtless the episode of 
La oie de la Cort in Erec et Enide. The limited space at my disposal here 
does not permit me to give a comparative study of the various versions of 
the ‘custom’, so for that I am obliged to refer the reader to the book I have 
announced above, see p. I, n. 1. 

® These reasons will be developed in my forthcoming book. 


268 CHARLES BERTRAM LEWIS, 


king of the district. He was, it would seem, the representative 
of Zeus on earth and the living embodiment of the god.! Asa 
living Zeus, the priestly-king had the powers and attributes of Zeus 
himself and all the functions orginally performed by the god de- 
volved upon him. Since Zeus ruled the sky—indeed originally 
was the sky himself[—so too his divine representative was lord 
over the sky, especially the stormy sky. His task it was, therefore, 
to control the lightning, the thunder and the rain-storms, so that 
the earth might not he left without rain, but, duly watered, might 
bring forth her fruits in abundance and supply the needs of the 
people. As Zeus’s representative the priestly-king could himself 
raise a thunderstorm, just as Minos did by uttering a prayer to 
Zeus.2 “In early days”, as Mr. Cook rightly points out, “this would 
have been done, not by a prayer to Zeus but by mimetic means” 
and we have just shown what these ‘mimetic means’ were. The 
priestiy-king of Dodona raised a thunderstorm by setting the Dodona 
gong in action. 

It is evident that, in order to discharge the functions of Zeus 
like a Zeus, the human priest-king would have to be a man in the 
prime of life and physically perfect— dutum»? or 6AöxAnpost— 
stronger and more famous for physical prowess than any other 
man in his kingdom. Now primitive Pelasgian communities had 
a simple process of natural selection in order to secure the best 
man for the post of priestiy-king. Any one could be promoted 
to the exalted office who could slay the reigning king in single 
combat, and by so doing prove that he was the strongest man in 
the kingdom, but, if he failed, the penalty was death, and his head 
was nailed by the king to the palace wall. That this was the 
primitive custom was ably argued by Mr. A.B.Cook, who, on the 
strength of the myths of Phorbas, Dryas and Oenomäus, was “led 
to conjecture that the priest or priestly-king of Dodona at one 
time was accustomed to challenge all comers to a contest of strength 
and, if he worsted them, to slay them and hang their heads on 
his oak-tree.” 5 

In his study on 7Ae Zuropean Sky-god Mr. Cook pushed his 
conjecture further and concluded that if the stranger was successful 
in slaying the priestly-king, as Pelops was in the chariot-race with 
Oenomäus, he became king in his stead and married the wife or 
daughter of his dead antagonist. 6 

One result of this custom was that the king remained on the 
throne and defender of the sacred spring of Zeus only so long 


ı Cf. A.B. Cook in Classical Review, Vol. XVII, p. 185. 

2 A.B. Cook, Zeus, Vol. II, p. 8; cf. Class. Rev., Vol. XV, p. 409a 
and Folklore, Vol. XV, p. 311. 

3 Cf. Folklore, Vol. XV, p. 374, n. 28. 

* Ibid., p. 376. 

5 Class. Rev., Vol. XVII, p. 270b; cf. ıd:d., p. 278. 

® Cf. Folklore, Vol. XV, pp. 379 fl., 382, 397. 


GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN DE TROYES’ IVAIN. 269 


as he could defeat all comers. “Since old age is inevitable, it 
would appear,” says Mr. Cook, “that in remote times all priestly- 
kings or human Zeuses must have been doomed to die a violent 
death,”1 and though there is no actual proof to be brought forward, 
this undoubtedliy was the rule of the Dodonaean kingship too. 
In later days, however, the tenure of the kingdom was probably 
limited to a fixed number of years—a cycle of eight or nine years, 
at the end of which the priestly-king had to procure a fresh 
mandate, so to speak, from Zeus for a further continuance in office. 
This, as Mr. Cook aptly points out, was the case of Minos in Crete, 
who was himself the Minotaur. “Minos as priestly-king had a 
reign of limited duration: Evvewpog Baolleve (Od. XIX, 179) *he 
was king for a period of nine years’, and at the expiration of 
every such period he repaired to the Idaean cave for a personal 
interview with Zeus ... It was also at intervals of nine years that 
the Minotaur received his tale of human victims ... This probably 
implies that the divine powers of the sun-king needed renewal at 
the end of every annus magnus „.. The ninth year, then, was a 
critical time for the Cretan sun-king, whether we call him Minos 
or the Minotaur. At such a crisis it would be incumbent upon 
him to defend his title against all comers, and it was on the occasion 
of the third recurring period that Theseus slew the Minotaur (Plut. 
v. Thes. 15, 17).”2 Now since the cult of Zeus in Crete, as Mr. Cook 
has shown, “was essentially the same as the cult of the Pelasgian 
Zeus at Dodona”3 we may infer that there was also at Dodona 
a periodical contest at the end of every eight or nine years to 
decide who should be the priestly-king of the district. 

It is doubtless no mere coincidence that in these practices 
regulating the succession to the priesthood of Zeus at Dodona we 
have all the essential features of our ‘custom’ of defending the spring, 
as we find it in /vain and other poems of the Middle Ages. We have 
already shown that, like the priestly-kings of Dodona, the champion 
of the spring must originally have been a magician rain-maker, able 
to raise thunderstorms; that, like them too, he is challenged to a 
single combat by another rain-maker who wishes to succeed to 
his office, that these contests both at Dodona and in our Mediaeval 
poems only take place at certain recurring intervals— every nine 
years at Dodona and in Crete, every seven years in our poems— 
that the champion of the spring, like the kings of Dodona, retains 
his office only so long as he can defeat all comers at these periodic 
contests, and that, when at last the challenger proves victorious and 
slays the champion of the spring, or the priestly-king of Dodona, 
he marries the wife or daughter of his dead antagonist and defends 


ı Folklore, Vol. XV, p. 383; cf. J. G. Frazer, 7hre Golden Bough, 
Vol. II®, p. &ft. 

2 A.B. Cook in Class. Rev., Vol. XVII, p. 411a; cf. Folklore, Vol.XV, 
pP: 395f. and G. Glotz, Za civilisation &gdenne, p. 1721. 

8 Class. Rev., Vol. XV, pp. 403 ff. 


270 CH.B. LEWIS, GONG IN THE SOURCE OF CHRESTIEN ETC. 


in bis turn the spring or the sanctuary of Zeus. The parallel 
is so striking and complete that it is difficult not to believe that 
we have here in the cult of Zeus at Dodona the far-off origin of 
the mediaeval ‘custom’ of defending the spring, depicted in such 
vivid colours in Chrestien’s /vaımn. The custom of defending the 
spring in the forest of Broceliande against all comers is a reminiscence 
of the practice that obtained at Dodona in primitive times, when 
the high-priest of Zeus used to defend the sacred spring of Zeus 
‚against any one who challenged him. Indeed all the important 
cult objects of the ancient sanctuary in the oak-forest of Dodona 
appear again in J/vamm in the forest of Broceliande. Beside Zeus’s 
sacred spring there also stood a tree which, like the pine-tree in 
Ivain, never shed its leaves, and beside the tree the gong. The 
gong, beside the spring, existed also once in the source of our 
poem and its function, as we have shown, must have been identical 
with the function of the Dodona gong: it helped to raise a thunder- 
storm by imitating the processes of Nature. Thus Dodona with 
its cult of Zeus and strange magic practices affords a complete 
parallel to almost all the strange things in /vam. The only ex- 
ception is perhaps the fable of Zvain, which seems to have no 
parallel at Dodona, but this exception may be due to chance, for 
another famous cult of Zeus, the cult of Zeus in Crete, which was 
to all intents and purposes identical with the cult of Zeus at 
Dodona, provides a striking parallel also to that, namely the legend 
of Theseus and the Minotaur. Certainly the fable, as we have it 
in Ivam, has been tampered with and radically altered, but it is 
possible to bring home to Chrestien the changes he has made and 
reconstruct it to a great extent. When thus restored the fable of Zva:n 
provides a striking parallel to the legend of Theseus and the Minotaur. 
This raises the larger question of the whole source of Zvain, which we 
are unable to treat here. For proof of this conclusion, therefore, 
we would ask readers to be good enough to wait until the book 
we have announced is ready for publication. This much we can 
say already, however, that in the ligfit of these results it will be 
necessary to give up at last the far-fetched theories about the 
Celtic sources of Zvain.! There is nothing Celtic at all in Zvamn, 
as Foerster always said—.nothing but a few Celtic names perhaps 
and a tinge of Celtic colouring. The source of /vam is to be 
found in Classical Antiquity and in Classical Antiquity alone. 


CHARLES BERTRAM LEWwIS. 


1 See amongst many others A.C.L. Brown, /wain, a study in the origins 
of Arthurian Romance in Harvard Studies and Notes in Philology and 
Literature, Vol. VIII, 1903, Idem, Z%he AÄnight of the lion, in PMLA, Vol.XX 
(1905); R. Zenker, /vainstudien, 1921, Beihefte der Zeitschr. f. rom. Phil. 
no. 70, and a series of articles by the same scholar entitled: Weiteres zur 
Mabinogionfrage in ZFSL, Vol. XLI (1913), pp. 140fl., Vol. XLV (1917), 
pp: 47 fl., Vol. XLVIII (1926), pp. ı fl. and on the other side W. Foerster all 
through his works, and A. Hilka in small Zvain 4% (1926), p. XXXVIIR. 


Französisches zu E. E, Niebergalls „Datterich“, 


Seit der hundertsten Wiederkehr des Geburtstags Ernst Elias 
Niebergalls im Jahre ıg15 hat seine geniale Darmstädter Lokal- 
posse „Datterich“ von ı841 eine fröhliche Auferstehung gefeiert. 
„Denkt, unsern olte „Datterich“, der is — hoffähig worrn“, hiefs 
es nach der Aufführung im Hoftheater zu Darmstadt. Aber nicht 
nur die heimatliche Bühne eroberte sich jetzt der humorvolle 
Schwank, auch in Frankfurt, in Berlin, in Dresden fand er seitdem 
ein beifallsfreudiges Publikum, und in Hamburg versuchte sich 
Oıto Ernst (1920) sogar an einer niederdeutschen Bearbeitung. 
Immer wieder hatte Zuschauer oder auch Leser Gelegenheit, die 
souveräne Beherrschung der Darmstädter Redeweise, die behagliche, 
gemütvolle Schilderung der kleinbürgerlichen Gesellschaft aus der 
Biedermeierzeit, vor allem aber die überaus trefisichere Charakteristik 
des Titelhelden, des Datterich selbst, zu bewundern, der, wenngleich 
verbummelt und verlumpt, doch „im schäbigen Rock ein eleganter 
Geist“ ist und sich mit Witz und Grazie hoch über seine spielsigen 
Mitbürger zu erheben weils. ! 

Zu den köstlichsten und wirksamsten Szenen des Stücks gehören 
sicherlich die ersten sechs des dritten Bildes, die uns zusammen 
mit Datterichs Gläubigern in seine kahle Dachkammer führen und 
uns erleben lassen, wie er sich virtuos, mit einer keinen Augenblick 
verlegenen Pfiffigkeit und geistigen Gelenkigkeit, der Quälgeister 
entledigt und Herr der fatalen Situation bleibt. Zum besseren 
Verständnis der nachfolgenden Ausführungen setze ich die Szenen 
rasch hierher. 


Drittes Bild. 
Erste Szene. 


Morgens. Datterichs Dachstube. Die Gerätschaften 
bestehen in einem zerbrochenen Spiegel, ditto Tisch, einem 
Stuhl und Bett. Datterich sitzt in einem zerrissenen Schlaf- 
rock vor dem leeren Tische und gähnt. Es schlägt neun Uhr. 


Datterich: Jawohl, die Morgenstunde hat Gold im Munde, absonnerlich, 


wann mer se vaschläft. In der Klafs bin ich gelernt worn: aurora musis 
amica, des haafst uf Deitsch: Morjends schläft mer am beste. Ach, mei 


1 Über „Ernst Elias Niebergall. Sein Leben und seine Werke“ handelt 
zuletzt Karl Esselborn, Darmstadt 1922, Fünfte Jahresgabe der Gesellschaft 
Hessischer Bücherfreunde. Eine ausführliche Bibliographie ist beigegeben. 


272 ERHARD LOMMATZSCH, 


schenste Stunde wohn in der Klafs die, wo ich geschwenzt hob! Do kimmt 
mer awwer immer gäje nein Uhr die Sonn grood uf mei Bett un stehrt mich 
in meiner Nachtruh, un wann die’s net is, do sinn’s annern Leit. (Nochmals 
gähnend) Wie werd mer sich dann heit dorchschlage? (Es klopft an) Aha, die 
Morjendvisite gehn schon widder oh. Herein! 


Zweite Szene. 
Datterich. Schneider Steifschächter. 


Steifschächter: Scheene gute Morje. Ich mufs mich doch aach emol 
nooch Ihne ihrm Befinne erkundipe. 

Datterich (zuvorkommend): Setze Se sich, liewer Freind. (Für sich) 
Der Mann mufs heeflich drakdiert wern. (Laut) Mei Befinne? dafs Gott 
erbahrm! Schlecht, sag’ ich Ihne, sehr schlecht! Alleweil die Minut haw-ich 
e Abbedeekerrechnung bezahlt, finfunverzig Gulde siwwen-enzwanzig Kreizer, 
da schmelzt abm sei Bisje Baarschaft zusamme: des alsfort Doktern, des hot 
was uf sich. Sie sinn doch recht gesund? des Aussähe bringt’s mit sich. 
Was mache die Frau Gemahlin und die liewe Kinna? Alles noch wohl uf, 
hoffentlich. 

Steifschächter (seufzt): Gottlob, soweit is noch alles gesund; kost ahm 
viel Mieh, soviel Drawante die Meiler zu stoppe — ich wohlt defswäje — 

Datterich: Ach des mufs Ihne Spafs mache! E brav Frah, wohlgezogene 
Kinna, e gut Geschäft — 

Steifschächter: Ja, wann die Zeite net so schlecht wehrn. Des kost 
alleweil e Hitz, bis mer sei Geld eitreibt. 

Datterich: Ich glahb’s gern, ich wahfs ja, wie mir’sch mit meine Aus- 
stende geht. Hawwe-Se die gästrig Zeidung geläse? 

Steifschächter: Nah. Ich wollt Ihne nu bitte — 

Datterich: Ach, die hette-Se läse misse! Von dähre derkische Flott — 

Steifschächter: Ich kimmer mich wenig um des, was aufserhalb vorgeht. 
Sie erlauwe — die Östermels is vor der Dihr — 

Datterich: Ja, sie mufs bald ohfange. Un wos wannert widder e 
Menschespiel nach Amerika aus! 

Steifschächter: Ich hett aach Lust, awwer die viele Rickstände! bis 
mer die erbeischafft! Sie wern’s net ungihtig nemme — 

Datterich: Folge-Se meim Rat! Bleiwe-Se im Land: e Handwerk 
hot hier zu Land als noch sein goldene Boddem. 

Steifschächter: En scheene. Ich hob Ihne da die olt Rechnung. 

Datterich (nimmt sie): Scheen. Ich schick’s Ihne. 

Steifschächter: Kennt ich’s dann net glei mitnemme? Ich hob wos 
zu bezoble — 

Datterich: Ach, e Mann, wie Sie, werd doch net so ufgebrennt sei. 
Dafs ich aach vohrt do des Geld in die Abbedeek schicke muls. Bis Samstag 
morjend hawwe Se’s, 

Steifschächter: Ja, Sie hawwe mich awwer schun so oft vadreest. 

Datterich: Ich wer Ihne aach noch dreeste. Sie sinn e eisichtsvoller 
Mann, nor e Bisje Geduld. Uf dem Knie lefst sich so ebbes net abbreche, 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 273 


Bezable, wann mer Geld hat, des is kah Kunst: awwer bezahle, wann mer 
kahns hat, des is e Kunst, liewer Mann, un die muls ich erscht noch lerne. 
Steifschächter (steht seufzend auf): Also bis Samstag gewifs? 
Datterich: E Mann, e Wort. 
Steifschächter: No, do soog ich Adjeh. (Ab) 
Datterich; Adjeh, mei liewer Freind. 


Dritte Szene. 


Datterich (allein): Da lernt mer Menschekenntnis! Iwwrigens lafs ich 
heit noch den Rijel an der Dihr mache: for eich Quelgeister bin ich net 
dahahm. (Es klopft an) Numero zwei. (Nimmt eine Prise) Herein! 


Vierte Szene. 
Datterich. Ein Wirtsjunge. 


Wirtajunge: E Kumblement von meim Herr, un Sie sollte doch endlich 
emol Des bezohle, ehr sollt ich net fortgeh. 

Datterich: No, do setz dich. Die ahzigliche Reddensarte hett dei Herr 
sporn kenne; wieviel macht’s? 

Wirtsjunge: Acht Gulde und siwwe Batze. 

Datterich: Mehr net? (Greift in den Sack) Mit Koborjer Grosche werd 
dei Herr aach zufridde sei — 

Wirtejunge: Do sollt’ ich schee obkomme, wann ich-em die bringe 
deht; letzt hott er mich erscht driwwer geschendt, do hatt ich ahn ufgehenkt 
krickt. 

Datterich: Duht mer lahd. Do soog deim Herr, mei Kafs bestind in 
lauter degradierte Koborjer Stiefgrosche, un mei Verhältnisse dehte mer net 
erlauwe, dafs ich se unner ihrm Wert losschlage debt: mit neie Guldesticker 
kennt ich-em awwer vor der Hand net ufwarte. Dazumal, wie ich den Wei 
bei-em gedrunke hab, hawwe die Koborjer noch gegolte; da soll er also aach 
sein Wei um die Hälft erunner setze, sag-em, dann liefs ich mer aach die 
Grosche zu sechs Heller gefalle. Adjeh! 

Wirtsjunge; Der werd e schee Gesicht mache. 


Fünfte Szene. 


Datterich (allein): Wann kahns mehr an de Koborjer verlohrn hat als 
wie ich, do macht gewifs kahner Bankrott. Mir zu Gefälle hette alle Ferschte 
von Eiroba ihr Minz erunner setze derfe, dann ich hatt nix, ich hob nix un! 
wer nix hawwe. Geh emol her du ohrm Greschje! (Zieht einen Koburger 
aus der Tasche) Gell dei Herr Vadda will nix von der wisse, un die Zeit is 
der lang worn in dem Sack, wo de gar kah Kamerade hast? No, wort, 
Herzje, ich bring dich doch unner die Leit, du sollst e lustig Herrschaft krijje, 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIU. 18 


274 ERHARD LOMMATZSCH, 


ich geb dich de Musegande. (Er betrachtet den Groschen mit Rührung) 
Dreest dich mit mir! Bei uns Mensche geht’s grood so: wann mer unser 
Dienste gedah hawwe, un mer sinn iwwerflissig, do degradiert mer uns aach, 
un mer gelte aach net mehr for voll, aufser im Wertshaus, un selbst do helt's 
manchmol schwer, bis mer’s dazu bringt. (Nach einer Pause) Was for en 
Dreester werd mer dann der Himmel heit schicke? ... — Der Deiwel — do 
kimmt owwer ahner der Drepp eruf gedappt, den kenn ich an seim Gang — — 
des is wahls Gott der unbeefliche Bengler! Heiliger Bafanucius, steh mer bei! 
(Läuft umher) Der Kerl is im Stand un haagt mich in meim eigene Kwatier — 
so Schuster sinn des Deiwels — kah Rijel — nix do — Halt! — An eme 
Kranke werd er sich net vagreife! — 


(Er bindet sich schnell sein Schnupftucb um den Kopf und wirft sich 
aufs Bett. Es klopft mehrmals heftig an; er antwortet mit lautem Stöhnen.) 


Sechste Szene. 
Datterich mit gebrochenen Augen, auf dem Bette liegend; Bengler. 


Bengler: Lickt die Eil noch uf de faule Haut! Göästert widder voll 
gewäse, he? Des Geld versoffe, statt mich zu bezohle? 

Datterich (schlägt die Augen wieder auf): Ach, licb Grolsmudda — 
sinn-Se widder do aus der Derkei? 

Bengler: Wos, Kerl? Sinn-Se noch voll? Ich will Ihne begrofs- 
muddern! Mei Geld — odder — Sie wisse, wos ich Ihne gedärmt hob. 

Datterich (breitet die Arme aus): Komm’ an mei Herz, Hulda! Was 
willst du, schwatzbärtiger Krieger? Willst du mir vabicten, auf dem Deppich 
der Nadur zu wandeln ? 

Bengler: Er helt mich in seim Suff vor en Teroler, weil er von Debch 
schwätzt.e. Wort, Oos, ich will dich nichtern mache! (Er rüttelt ihn) Geld 
will ich, odder Ihr Buckel soll mer’sch bezohle! 

Datterich (mit einer durcb das Rütteln abgesetzten Stimme): Es lije 
jetz Bi-i-ihrn — genug — hunne — wos for e Bech — wann ahns kehmt — 
schiddel doch — des ohrm Be-em-che net-so! Schorsch — du iwwerdreibsts. 

Bengler (tritt verwundert zurück): Er mufs doch net voll sei. Entwedder 
is er meschukke, odder leit er im Fiewer. 

Datterich (scheint zu sich zu kommen): Dreier Freind Alonso, kannste- 
de mer zwa breilsische Dahbler lehne? (Schwach) Du willst mer die Auge 
zudricke? 

Bengler (wütend): Herr! — Nor net gestorwe, dann do kennt ich 
aach mit zor Leicht; erscht bezohle-Se mich, dann kenne-Se in Gottes Nohme 
mache, wos Se wolle. 

Datterich (vagiert wild mit den Armen): Verräder, willst du deinen 
Judassold? Nimm diesen Edelstein aus Persiens Krone! (Matt) Ha — ich 
sterbe! 

Bengler (in der Stube umherlaufend): Do leit des Laster jetz un is am 
Obflattern! Net genug, dafs er im Läwe die Leit um ihr Sach gebrocht hot: — 
er balwiert-se noch dorch sein Doht! — (Grimmig den Stock schwingend) 
Wos deht ich-en so gern haage, awwer er spihrt doch nix mehr, un es wehr 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“. 275 


aach net ganz menschefreindlich. (Stürzt ans Bett) Awwer wort, wer mer nor 
widder gesund, do will ich der’sch weise! (Er ballt die Faust und geht ab) 

Datterich (springt auf, schlägt einen Entrechat und dreht ihm eine 
Nase): Grob bifs-de, awwer doch noch net gescheit genug! Wie mich der 
Limmel hett schmeifse wolle, hett ich mich doht gestellt, wie e Kläwwer, do 
wehr-er gewils zurickgehuft ... 


Diese lustige Szenenfolge darf in besonderer Hinsicht die 
Aufmerksamkeit der Literaturhistoriker, zumal der romanistischen, 
beanspruchen. Zu jedem ihrer Hauptmomente lassen sich aus dem 
älteren französischen Schrifttum Parallelen beibringen, freilich weniger 
um etwa darzutun, dals der Schöpfer des „Datterich* sie gekannt 
und für sein Stück verwertet habe, als um wieder einmal zu zeigen, 
dafs gleiche oder ähnliche dem Leben mit Kunst nachgezeichnete 
Figuren und Situationen zu verschiedenen Zeiten und am ver- 
schiedenen Ort unabhängig voneinander gleiche oder ähnliche 
literarische Form annehınen können. Denn zugegeben — wir 
kommen auf diese Frage zurück —, dafs bei der Gestaltung des 
Zusammentreffens Datterichs mit dem Schneidermeister (Zweite Szene) 
eine Erinnerung an Molie&re lebendig war oder dafs die alte Farce 
vom Advokaten Pathelin in irgend einer Version dem hessischen 
Dichter zu Gesicht gekommen war und ihm die famose sechste 
Szene zwischen dem im scheinbaren Paroxysmus fiebernden Kranken 
. und dem Schuster, dem „unheeflichen Bengler“, eingab, unbekannt 
war ihm sicherlich jene anmutige kleine Dichtung Jehan Froissarts 
geblieben, in welcher der Poet, ähnlich wie Datterich in der fünften 
Szene, mit dem letzten, aufser Kurs gesetzten und darum im Säckel 
verbliebenen Geldstück stille Zwiesprache hält. Es ist Froissarts 
Dit dou Florin vom Jahre 1389. In einem Winkel seines Beutelchens 
entdeckt er den einsamen Gesellen: 


«Diex! doux valet>, 
Di je lors, «es tu ci quatis? 
«Par ma foi, tu es uns quetis, 
«Quant tous seuls tu es en prison 
«Demorts, et ti compägnon 
«S’en sont ales sans congie prendre. 
«Or ca, il t’en fault compte rendre.» 
(Froissart, Podsies, p.p. A.Scheler, Bruxelles 1871, II 223, 112 ff.) 


Trefflich lassen sich diese altfranzösischen Verse in der „Mundart 
der Darmstädter“ wiedergeben: „Geh emol her du ohrm Greschje!“, 
sagt Datterich und zieht einen Koburger aus der Tasche, „Gell 
dei Herr Vadda will nix von der wisse, un die Zeit is der lang 
worn in dem Sack, wo de gar kah Kamerade hast? No, wort, 
Herzje, ich bring dich doch unner die Leit...“ 

Die Entstehung des Di? dow Florin verdanken wir bekanntlich 
einem Mifsgeschick, welches dem Dichter gelegentlich eines Besuches 


18* 


276 ERHARD LOMMATZSCH, 


der päpstlichen Stadt Avignon widerfuhr. Sein denkwürdiger Aufent- 
halt im Lande Bearn war zu Ende gegangen, im Gefolge der Herzogin 
von Berry hatte er im Mai 1389 Schlols Orthez und seinen hohen 
Herrn, den Grafen Gaston Phebus von Foix, verlassen. In langen 
Winternächten hatte er ihm seinen abenteuerlichen Roman vom Ritter 
Meliador vorlesen müssen, nun war er zum Abschied mit klingendem 
Lohn freigebig bedacht worden, achtzig schwere aragonesische Gulden 
hatte ihm die Rechnungskaınmer des Grafen ausgezahlt. Für sechzig 
von ihnen hatte er vierzig gute Frankstücke einwechseln können, 
die er leichtsinnig einer kleinen, billig erstandenen Börse anvertraute; 
so nahte in Avignon das Verhängnis. Am Sonntag in der Frühe 
waren die Franken noch zur Stelle, nach dem Besuch der Messe 
waren sie verschwunden: verloren oder gestohlen. Wie nun den 
Verlust wettmachen? Der gangbarste Weg schien dem Dichter 
wohl derjenige zu sein, der zu den gespickten Geldbeuteln der 
vornehmen, ihm wohlgesinnten Herren führte, in deren Gesellschaft 
er gerade reiste, des Herrn von Riviere, des Grafen von Sancerre, 
des Vizegrafen von Acy. Auch der Dauphin der Auvergne würde 
es sich gewils nicht nehmen lassen, dem liebenswürdigen Froissart 
aus der Klemme zu helfen. So griff der Poet denn zur Feder 
und schrieb die hübschen Vers. seines Di/, welche den Gönnern 
gefallen, ihnen ein Lächeln abnötigen und sie veranlassen mochten 
die verlorenen vierzig Franken zusammenzuschielsen. 

Denn Froissarts Werkchen ist nicht, wie so viele andere Bei- 
spiele der Gattung, ein plumpes und abgeschmacktes poetisches 
Bittgesuch, in seiner ganz persönlich gehaltenen, launigen Art stellt 
es vielmehr etwas Originelles vor. Es war ein neuer und glücklicher 
Gedanke, die Forın eines Zwiegesprächs mit einem Gulden zu wählen, 
der, einmal beschnitten und untauglich geworden, als letzter von 
vielen im Beutel übrigblieb und seinen Herrn auf allen Wander- 
fahrten treulich begleitcte: 

«Je sgai francois, englois et thids, 
«Car partout m’aves vous porte.>! 
(a.a. ©. v. 154.) 


So ist der Gulden in der Lage, dem Dichter vorzurechnen, wo all 
die einstigen blanken Kameraden geblieben sind. Leicht zerrann 
allezeit das Geld in Froissarts sorgloser Hand. Seine Schriftstelierei, 
sein kostspieliges Reisen durch die französischen, englischen und 
italienischen Provinzen hat manches Pfund draufgehen lassen. Nicht 


i Also irrt H. Suchier, wenn er sagt: „Der Gulden, um den es sich 
handelt, ist der letzte von einer gröfseren Summe, die ihm Gaston Phöbus 
beim Abschied aushändigen lief,“ (Suchier-Birch-Hirschfeld, Gesch. d. frz. Lit, 
Leipzig 1913, I, 250). Froissart ba!te ihn schon nach Be&arn mitgebracht. — 
Zum Dit dou Florin vgl. noch die von einzelnen Ungenauigkeiten ebenfalls 
nicht freien Darstellungen Kervyn de Lettenhove’s, Ocuvres de Froissart, 
Chroniques 1, Introduction ı, Bruxelles 1870, S. 339 fl.; M. Darmesteter’s, 
Froissart, Paris 13894, S. ıııfl.; G. Gröber’s, Grundr. d. roman. Philologie, 
1I, ı, Straf»burg 1902, S. 1052. 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH*®. 277 


zu vergessen die fröhlichen Weinstuben von Lestines. Noch nicht 
kennt der Gulden den jüngst eingetretenen Verlust der vierzig 
Franken, und da ist es denn Sache des Dichters, die Erlebnisse 
der letzten Zeit, die der Gulden im Beutel verschlafen hat, ihm zu 
erzählen. Der Gulden weils nun raschen Trost und Rat: „Ver- 
schmerzt und vergelst, Herr, die ärgerliche Einbufse! Denkt an 
eure adeligen Freunde; sie werden sich vom Grafen Phebus nicht 
beschämen und euch nicht vergebens an ihrer Tür anklopfen lassen.“ 
Mit also geschickter Hand und heiterer Erfindungsgabe versteht 
Froissart das Peinliche des Bittgesuchs zu mildern, 

In den einleitenden Versen seines Gedichts verbreitet sich 
Froissart über Wesen und Macht des Geldes, das den Wechsel 
liebt, das unbeständig von Hand zu Hand durch die Lande rollt, 
das mit einer wahrhaft zauberhaften Kraft ausgestattet ist: 


Argens est de pluisours lignies; 

Car lors qu’il est issus de terre, 
Dire poet: «Je m’en vois conquerre 
«Päys, chasteaus, terre et offisces.» 
Argens fait avoir benefisces, 

Et fait des drois venir les tors, 

Et des tors les drois au retors. 

Il n’est chose qu’argens ne face, 

Et ne desface, et ne reface. 

Argens est un droit enchanteur, 
Un lierres et un bareteur; 

Tout met a point et tout toueille ... 


(a.a. 0. v. 52 ff.) 


Damit streift der Dichter ein Thema, das vor ihm im zwölften, 
dreizehnten und vierzehnten Jahrhundert, zumal seit der Zeit Philipps 
des Schönen, in .der realistisch-satirischen Dichtung Frankreichs, 
und nicht nur hier, oftmals angeschlagen wurde. An die lateinischen 
Sprüche De nummo, an die französischen Verse von dem „Herrn 
Heller“ (De dan Denier), an satirische Anspielungen in Dichtungen 
Rustebuefs, im Baudouin de Sebourg oder im Renart le Contrefait, 
an etliche Balladen des Eustache Deschamps (z.B. VII, 75, 
nr. 1422 mit dem Refrain: Zouf se fait par force d’argent) könnte 
leicht erinnert werden.1 Aber nähere Beziehungen zwischen diesen 


ı Vgl. zu den lateinischen Dichtungen A. Jubinal, Nouveau Recueil de 
Contes, Dits, Fabliaux, Paris 1842, II, 426f.; G. Gröber, Grundr. d. roman. 
Philologie, 1 ı, S.380; H.Süfsmilch, Die Zutein. Vagantenpoesie des 12. 
und 13. Jahrhunderts als Kulturerscheinung, Leipzig 1917, S. 56f., 64f.; 
P.Lehmann, Die Parodie im Mittelalter, München 1922, S. 72, 3ıff. (ein- 
schlägige Texte in seinen Beispielen zur lateinischen Parodie im Mittelalter, 
ebd. 1923). — Das Gedicht De dun Denier ist abgedruckt in A. Jubinal, 
Jongleurs et Trowveres, Paris 1835, S.94. Vgl. G.Gröber, a.a.O., IL ı, 
S.882; C, Lenient, Za Satireen France au moyenäge*, Paris 1893, S. ı81 ff.; 
A. Tobler, Vermischte Beiträge s. franz. Grammatik, I1?, Leipzig 1906, 
5.227 u. 251; hierzu ergänzend G. Belz, Die Münzbezeichnungen in der afra. 


278 ERHARD LOMMATZSCH, 


und ähnlichen Reimereien und dem Di dou Florin ergeben sich, 
etwa auch hinsichtlich des bildlichen Ausdrucks, nicht, und fern 
steht ihm auch das dem 13. Jahrhundert angehörige anonyme Streit- 
gespräch Du Denier et de la Brebis, das einzige mir neben dem 
Dit douw Florin bekannte altfranzösische Gedicht, in welchem ein 
Geldstück sprechend eingeführt wird. Heller und Schaf streiten 
hier, nicht eben fein, auch nicht sonderlich lustig, vielmehr ziemlich 
platt, über den Grad ihres Wertes für die Menschheit und über 
ihre Notwendigkeit in der Welt. Einzelne Verse, die das Schaf 
spricht: 

«Denier, enten, si te remembres 

«Que ne perdes un de tes membres! 

«Ta vertuz seroit refusee, 

«Ne vaudroies mie tostee 

«De pain d’orge ou de pain d’estoupes. 

«Tu n’as de goi couvrir tes coutes 

«Fors un poi de sac ou de cuir; 

«Iluec porroies tu porrir 

«S’on n’avoit a fere de toi,» 


könnten uns wohl an Froissarts ausgedienten, im engen Säckel 
eingesperrten Gulden zurückdenken lassen. Allein es liegen hier 
nur ferne und vage Anklänge vor, die nichts besagen und uns 
keineswegs die Frage erhellen, ob Froissart dieses Spielmannsgedicht 
überhaupt jemals kennen gelernt hat.! 


Literatur, Diss. Strafsburg 1914, S. 22. — Das Thema ist auch der spanischen, 
deutschen, englischen oder schottischen Vulgärpoesie des Mittelalters geläufig. 
Bekannt ist das Kapitel Znxienplo de la propiedat que’l dinero hd 
im Zzibro de Duen Amor des Arcipreste de Hita (Ed. Julio Cejador y 
Frauca, Madrid 1913 [Cldsicos Castellanos) I, S. ı82 ff. mit Anm.; teilweise 
abgedruckt auch in E. Werner, Dlütenlese der älteren spanischen Literatur, 
Leipzig 1926, S. 47f.), welches Quevedos «Poderoso Caballero Es Don 
Dinero „..» vorausnimmt. Schon Ferd. Wolf, Studien zur Geschichte der 
span. u. porlug. Nationalliteratur, Berlin 1859, S. 109, Anm. 3, zitiert aus 
Anlafs dieses Kapitels des Juan Ruiz ein deutsches Gedicht Dis ist von dem 
Pfenninge (Müller, Sammlung deutscher Gedichte aus dem XII.—XIV. 
Jahrh., Bd. I, am Ende) und einen englischen Song in Praise of Sir Penny 
(Ancient Songs and Ballads. From the Reign of K. Henry II. to the Re- 
volution. Coll. by J. Ritson, London 1829, I 134). 


ı Vgl. auch die Verse des Streitgedichts: «Mes se fa croiz est jus posee, 
L’en te feroit cuire et refondre. Denier, me cuides tu confondre?» mit Di 
dou Florin 140fl.: «... et si te Borterai Fondre en la maison d’un orfevre, 
Ou cuire ou fu d’un aultre fevre.» Auch dieser Anklang ist gewifs rein 
zufällig. — Das Streitgedicht Du Denier et de la Brebis ist veröffentlicht von 
A. Jubinal, Nouveau Recueil de Contes, Dits. Fabliaux, Paris 1842, II 264 fl. 
(die zitierten Verse stehen 5. 268/69); vel. G.Gröber, Grundr. d. roman. 
Philologie, 1lı, S.877; G. Paris, Za litt. frang. au m. &. 8 110. Innerhalb 
der ausgedehnten Literatur der mittelalterlichen Streitgedichte steht es wohl 
ziemlich vereinzelt da. Über den nach Flandern gehörenden lateinischen Con- 
flictus Ovis et Lin! aus dem ı1. Jahrhundert s. H. Walther, Das Streit- 
gedicht in der lateinischen Literatur des Mittelalters, München 1920, S. 55 fl. 
und G. Ehrismann, Gesch. d. disch. Literatur bis sum Ausgang des Mittel. 
alters, 11, 2, ı, München 1927, S. 152; einzelne Argumente, die später das Schaf 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®“. 279 


Kein beliebteres und banaleres Thema im übrigen als die 
Klagen der Dichter und Spielleute über den chronischen Mangel 
an Geld und die Hinfälligkeit ihrer Börse, die an Auszehrung leidet 
und nur von der Freigebigkeit der hohen Gönner Heilung erwarten 
darf. «S7 puis Prouver, et par bonnes raisons, Qu'il n’est si grant 
doleur ne tel tormen! Com le meschief que J’avoır pouw d’argent,» 
beschliefst etwa Guillaume de Machaut eine Ballade (Chichmaref 
DO, 646) und variiert damit im voraus den später von Pierre 
Gringore, Roger de Collerye oder Rabelais gern zitierten 
Spruch: Zaulte d’argent, ces! douleur non pareille. Nicht einmal, 
sondern zehnmal und mehr ergeht sich Eustache Deschamps 
in wehleidigen und trivialen Bettelversen. Froissarts gefälliges 
Talent übertrifft diese und andere Zeitgenossen. Erst Villons sich 
mit freierem Witz gebende Regueste a Monseigneur de Bourbon von 
1458 hält den Vergleich mit dem Dii dou Florin aus, vor allem 
aber die wegen ihrer heiter scherzenden Selbstironie, ihrer liebens- 
würdig spielenden und schmeichelnden Grazie oft gerühmte Zpis/re 
au Roy des Clement Marot vom ı. Januar 1532. Auch Marot 
batte, wie er erzählt, eine betrübliche Überraschung erlebt: Geld 
und Börse waren gestohlen. Den Di dou Florin hat er aber wohl 
nie gelesen; sein Vorbild ist nicht Froissart, sondern Villon.1 

Ob Chaucer Froissarts Werkchen gekannt hat, mag ebenfalls 
recht fraglich scheinen. Sein bekanntes letztes Gedicht 7’%e Compleynt 
of Chaucer to his Purse ist im Jahre 139% an den neuen Herrscher, 
Heinrich von Lancaster, gerichtet, steht also zeitlich dem Dii dou 
Florin sehr nahe. Der eindringliche Appell an die leichte und 
leere Börse, doch wieder schwer zu werden («Beth hevy ageyn, or 
elles mot I dye!»), die Folge der zärtlichen Anreden, mit welcher 
der Dichter seiner Bitte Nachdruck zu verleihen sucht: my Jady 
dere, my Iyf, myn hertes stere, quene of comfort and of good companye, 
my Iyves light and saveour, ist recht artig geraten. Neuere Kom- 
mentare weisen auf Dichtungen Guillaume de Machauts und 
Eustache Deschamps’ als mögliche französische Vorbilder hin. 
Aber mehr als eine rein oberflächliche Verwandtschaft hinsichtlich 


zu seinem Ruhme dem Heller gegenüber anführt, begegnen bereits hier. Dem 
Thema nach: Vorzug der Naturalien vor dem Gelde, kommt dem französischen 
Gedicht am nächsten das altspanische Streitgespräch Z/ Trigo y el dinero 
(A. Durän, ZRomancero general, Madrid 1880, II 400). Hier finden sich 
manche parallele Wendungen. Ganz verschiedenen Charakter zeigt die Cor- 
certatio Ferri et Auri in einer genuesischen Handschrift des 15. Jahrhunderts 
(s. Walther, a.a. O., S. 189 zu S. 58). 


i Wiederum aber ergibt sich aus der gleichen Situation ein zufälliges 
Zusammenklingen von Versen. Vgl. Dit dou Florin v. 407 (das Geld ist ver- 
schwunden): ... Fin de somme, Onques n’öl de tel fantomme Parler ..., 
mit Marot’s Zpistre v.23: ... Car oncques Puis n’en ay ouy Parler. — 
Zu Villon’s Ballade s. G. Paris, Frangois Villon, Paris 1901, S. ıı1f.; 
P. Champion, Zrangois Villon, sa vie et son temps, Paris 1913, Il ıoı fl. 
Zu Marot’s Epistel vgl. jetzt Ph. A. Becker, Clment Marot, sein Leben 
und seine Dichtung, München 1926, S. 68f., 269. 


280 ERHARD LOMMATZSCH, 


des Themas eines poetischen Bittgesuchs oder der Form der Ballade 
läfst sich nicht feststellen. I 

Endlich noch der Stofsseufzer eines deutschen Poeten ob der 
Flüchtigkeit des Geldes: 


„Meine güldenen Dukaten, 
Sagt, wo seid ihr hingeraten ? 


Seid ihr bei den güldnen Fischlein ...? 
Seid ihr bei den güldnen Blümlein ...? 
Seid ihr bei den güldnen Vöglein ...? 
Seid ihr bei den güldnen Sternlein ...? 


Ach! ihr güldenen Dukaten 
Schwimmt nicht in des Baches Well’, 
Funkelt nicht auf grüner Au, 
Schwebet nicht in Lüften blau, 
Lächelt nicht am Himmel hell — 
Meine Manichäer, traun! 

Halten euch in ihren Klaun.“ 


So der junge Heine im „Lied von den Dukaten“, das er wahr- 
scheinlich Anfang Februar 1821 verfalste, als er Göttingen verlassen 
und seine Schulden regeln mulste.2 Schon Gaston Paris hat dieses 
„Lied“ im Zusammenhang mit Froissarts Dis dou Florın flüchtig 
genannt.? Hinzugefügt aber sei, dafs Heine ein paar Jahre später 
bei Gelegenheit seiner Harzreise noch einmal Zwiesprache mit einem 
Geldstück gehalten hat. Dies war jedoch kein beschnittener und 
wertlos gewordener Gulden wie der Florin des Froissart, auch kein 
von den Darmstädtern scheel angesehenes „Koborjer Stiefgreschje*, 
vielmehr war es ein guter, blanker Taler, den der Dichter in der 
Klaustaler Münze in die Hand bekam: 


„Mit einem Gefühle, worin gar komisch Ehrfurcht und Rührung 
gemischt waren, betrachtete ich die neugeborenen, blanken Taler, nahm 
einen, der eben vom Prägstocke kam, in die Hand, und sprach zu ihm: 
„Junger Taler! welche Schicksale erwarten dich! wie viel Gutes und 
wie viel Böses wirst du stiften! wic wirst du das Laster beschützen 
und die Tugend flicken! wie wirst du geliebt und dann wieder ver- 
wünscht werden! wie wirst du schwelgen, kuppeln, lügen und morden 


15. The Complet Works of Geoffrey Chaucer, Oxford 1899, S. 562 Anm. 
Verwiesen wird auf Machauts Complaınte: «aSire, a vous fuis ceste clamour» 
(Chichmaref I 262) und besonders auf E. Deschamps’ Ballade 247 (II 8ı) mit 
dem Refrain: «Muis du paier n’y sgay vole ne lour.» 

2 5. P.Beyer, Der junge Heine. Eine Entwicklungsgeschichte seiner 
Denkweise und Dichtung, Berlin 1911 (= Donner Forschungen, hspg. von 
Berthold Litzmann 1), S. 150. Beyer, edd. S. 127, Anm. 2, vermutet für das 
Gedicht den Einflufs Uhlands. 

8 Esquisse historique d. 1. litt. frang. au m. ä., Paris 1907, $ ı71. Die 
Notice zu den Zxtruits de Froissart erinnert S. 177, Anm. 3 an Villons Ballade 
und Cl. Marots Epistel (Zxtruits des Chroniqueurs franyais: Villehardouin, 
Foinville, Froissart, Commines, p.p. G. Paris et A. Jeanroy, Paris? 1909). 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 281 


helfen! wie wirst du rastlos umherirren, durch reine und schmutzige 
Hände, jahrhundertelang, bis du endlich schuldbeladen und sündenmüd 
versammelt wirst zu den Deinigen im Schofse Abraham’s, der dich ein- 
schmelzt und läutert und umbildet zu einem neuen besseren Sein, viel- 
leicht gar zu einem unschuldigen Teelöffelchen, womit einst mein eigenes 
Ur-Urenkelchen sein liebes Breisüppchen zurechtmatscht*. — — 

(Die Harsreise).! 


Doch kehren wir jetzt zu Freund Datterich in seine beinahe 
vergessene Dachstube zurück. Der erste Gläubiger, der sich einstellt, 
ist der Schneider Steifschächter. Mit liebenswürdiger Höflichkeit 
wird ihn Datterich, der seine Leute geschickt zu nehmen weils, 
bald abgefertigt haben. Datterich (zuvorkommend): „Setze Se sich, 
liewer Freind. (Für sich): Der Mann mufs heeflich drakdiert wern. 
(Laut): ... Sie sinn doch recht gesund? des Aussähe bringt’s mit 
sich. Was mache die Frau Gemahlin und die liewe Kinna? Alles 
noch wohl uf, hoffentlich ... Ach, des mufs Ihne Spafs mache! 
E brav Frah, wohlgezogene Kinna, e gut Geschäft —...“ Natürlich 
fällt einem die meisterliche Gläubigerszene in Molietres Don Juan 
IV, 3 ein. Auch hier der bescheidene Schneidermeister, Monsieur 
Dimanche, der gar nicht recht zu Worte kommt und sich mit 
höflichen Redensarten vom geistig überlegenen Schuldner abspeisen 
läfs. Don Juan: «Allons vite, un sitge pour monsieur Dimanche ... 
Parbleu! monsieur Dimanche, vous vous portes bien? ... Vous avez 
un fonds de sante admirable, des levres fraiches, un teinl vermeil, et 
des yeux vifs.... Comment sc porte madame Dimanche, votre Epouse? ... 
C’est une brave femme ... Ef votre petite fille Claudine, comment se 
porte-I-elle? ... Zi le petit Colin, fail-il toujours bien du bruit avec 


I Charles de Costers Ulenspiegel erhält als Belohnung für seinen 
Antwerpener Fliegerstreich drei Gulden. „Was sind drei Gülden in der 
Tasche eines jungen Gesellen denn ein Schneeball vor dem Feuer, oder eine 
volle Flasche, die vor Euch steht, Ihr weischlündigen Trinker? Drei 
Gülden! Die Blätter fallen von den Bäumen und schlagen wieder aus, 
aber die Gülden wandern aus der Tasche und kehren nimmer zurück. Die 
Schmetterlinge fliegen mit dem Sommer fort, und die Gülden gleicherma/sen, 
ob sie pleich zwei Esterling und neun As wiegen“. Solches sagend betrachtete 
Ulenspiegel seine drei Gülden. „Welch stolzer Anblick“, sprach er für sıch. 
nAuf der Vorderseite Kaiser Karl gepanzert und behelmt, mit einem Schwert 
in der einen Hand und dem Reichsapfel, der diese arme Welt bedeutet, ın 
der andern! Welch stolze Miene hat er! ... Ach, wenn ich Kaiser Karl 
wäre, ich würde Gülden für jedermann prägen lassen, und wenn ein Jeglicher 
reich wäre, so würde keiner mehr arbeıten“. — Aber Ulenspiegel hatte das 
Nachsehen bei dem schönen Gelde; es war dahingegangen beim Klrren der 
Humpen und Flaschen“ (Charles de Coster, Zyll Dlenspiegel und 
Lamm Goedzak ..., deuisch von Fr. v. Oppeln-Bronikowski, Jena 1909, I, 40, 
S. 84). — Eine derb humoristische Dorfgeschichte „Das schlechte Fünffranken- 
stück“ erzählt in neuester Zeit der Flame Cyriel Buysse. S. Cyriel Buysse, 
Flämische Dorfgeschichten, übertr. von G. Gärtner, München 1916, S. 253 (auch 
in Flämisches Novellenbuch, gesammelt und übertragen von Fr. M. Huebner, 
Leipzig, Inselverlag, 1917, S. 113. Auch an Fritz Reuters „ihrlichen® 
dütschen Studenten und den falschen preufsschen Daler, der „sin hülprike 
Engel würd“, darf erinnert werden („Dörchläuchting“, cap. 7 am Ende). 


282 ERHARD LOMMATZSCH, 


son tambour? ... Ei votre petit chien Brusquet, gronde-t-il toujours 
aussi fort, et mord-ıl toujours bien aux jambes les gens gui von chez 
vous? ... Ne vous Elonnez pas si je m’informe des nouvelles de toute 
la famille; car j’y prends beaucoup d’inieröt ...» 

Der Gedanke, dafs Niebergall aus dem Spiel des Moliere 
Anregungen für die Gestaltung seiner Schneiderszene empfangen 
habe, liegt verführerisch nahe. Dafs der ehemalige Gielsener Student, 
der spätere Privatschullehrer den französischen Klassiker gelesen 
hat, scheint zum mindesten möglich. In seinen Stücken finden sich 
auch gelegentliche Zitate aus Schiller und Shakespeare. Und doch 
möchte ich Esselborn recht geben, der, a.a.O.S. ıı2, die Annahme 
einer Beeinflussung durch Moliere ablehnt. Niebergall kann die 
Szene ganz selbständig nach dem Leben geformt haben, wie einst 
Moliere die seine. Die Ähnlichkeit der darzustellenden Situation 
liefs beide Dichter auch ähnliche Gedanken und Worte finden, die, 
an den rechten Platz gestellt, zu beiden Malen von glücklichster 
Wirkung sind. Ja, wenn eine wörtliche Übereinstimmung sich auf 
charakteristische Einzelheiten erstreckte, wenn etwa auch bei Niebergall 
der Schuldner den Gläubiger nach dem Befinden der Frau, der 
Tochter und des Söhnchens in gleicher Folge fragen und weder 
die lärmende Trommel noch das kläffende und beifsende Hündchen 
fehlen würde! Nur in diesem Falle würde der Beweis gegeben 
sein, dafs der Dichter des „Datterich“ sich eine kleine literarische 
Anleihe bei Moliere gestattet habe. 

Die Gläubigerszene des Don Juan ist noch im 17. Jahrhundert 
von Regnard im Joueur (1696) III, 7 nachgebildet worden, freilich 
mit wenig Glück. Zu dem Schneidermeister Monsieur Galonier 
gesellt sich hier noch, ohne Not, ein zweiter Gläubiger in Gestalt 
der Sattlersfrau Madame Adam; die Rolle des Sganarelle hat Valeres 
Diener Hector übernommen. Allein die Szene hat alle Feinheit 
und alle Anmut des Moliereschen Dialogs eingebüfst und der Witz 
ist, soweit überhaupt vorhanden, roh und frostig geraten.! — 

Endlich Datterich und der gewalttätige Schuster. Mit ihm läfst 
sich nicht gut Kirschen essen, und so bleibt Datterich nichts weiter 
übrig als den in schweren Fieberphantasien darniederliegenden 
Kranken zu spielen, eine Rolle, die er mit gleicher Virtuosität 
durchführt wie einst der pfifige Advokat Maistre Pierre Pathelin, 
als sich der Tuchverkäufer bei ihm eingefunden. In seiner erwähnten 
Schrift (S. 110) erinnert Esselborn an den Darmstädter Komiker 
Wilhelm Hanstein (1784—ı826), „der es fertig gebracht hat, 
sich tot zu stellen, um das Geld aus der Sterbekasse in seine leere 
Kasse überzuleiten, ähnlich wie Datterich sich tot stellt, um sich 
den Gewalttätigkeiten seines, hartnäckigsten Gläubigers, Bengler, zu 


1 Eine zweite treffliche Szene zwischen Schuldner und Gläubiger hat 
Moliere bekanntlich dem Dourgeois Gentilhomme (IlI, 4) eingefügt. Hinsichtlich 
ihres Ausgangs (der Schuldner borgt zur oberen Abrundung der Summe von 
neuem) läfst sich mit ihr eine Szenenfolge in Dancourts „Zes Bourgeoises d 
la mode“ (1692) vergleichen (I sc. 7, 8, 9, 12). 


— nn — Pr 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“. 283 


entziehen“. Esselborn führt des weiteren aus, dafs für die Entstehung 
dieser Hansteinanekdote Karl Maria von Webers Singspiel Adu 
Hassan mit dem Textbuch F.K. Hiemers, nach einem Märchen 
aus Tausendundeiner Nacht, in Betracht zu ziehen sei. Auch hier 
wissen sich der Liebling des Kalifen Abu Hassan und seine Gattin 
Fatime dadurch Geld zu verschaffen, dafs sie die Scheintoten spielen. 
Weber komponierte das Singspiel während seines Aufenthaltes in 
Darmstadt; im Jahre 1815 gelangte es hier auf der Hofbühne zur 
ersten Aufführung und Hanstein spielte den Oberkämmmerling 
Mesrur. Die Hansteinanekdote mochte Niebergall infolge der engen 
Beziehungen seines Vaters und seines Oheims zum Hoftheater, dessen 
Orchester beide angehörten, wohlbekannt sein. 

Eng miteinander verschlungen sind off die Fäden mündlicher 
und literarischer Tradition und der nachspürenden Hand gelingt 
es nicht, das Knäuel zu entwirren. Dafs irgendwelche Erinnerung 
an einmal Gehörtes oder Gelesenes die Feder des Dichters führen 
half, glaube ich für die Benglerszene annehmen zu sollen. Und 
am ehesten wird man wohl an Maistre Pathelin, in irgendeiner 
Bearbeitung oder Übersetzung, denken dürfen, denn in keiner 
anderen der zahlreichen Versionen des volkstümlichen Motivs vom 
Gläubiger, der sich durch vorgebliche Krankheit oder Tod des 
listigen Schuldners prellen läfst, wird gerade das scheinbare Delirium 
mit soviel Witz und lustiger Erfindung dargestellt! So wird in 
diesem Fall Rich. M. Meyer („Die deutsche Literatur des Neunzehnten 
Jahrhunderts“, Berlin 1900, S. 93) recht haben, wenn er vom 
„Datterich* sagt: „Die Handlung borgt, wie in all diesen Stücken, 
sorglos Motive aus der ältesten Tradition bis zu dem mittelalterlichen 
Schwank vom ‚Advokaten Pathelin‘ herab“. Bewundernswert aber 
bleibt die Sicherheit und die Selbständigkeit der burlesken Kunst, 
mit der es Niebergall verstanden hat, die Krankheitsszene dem Stil 
und dem Rahmen seines Lokalstücks anzupassen. 

Pathelin redivivus! In unseren Tagen ist der verschmitzte 
Patron in verjüngtem Gewande über die Bretter einer Stadt „zwischen 
Maas und Rhein“ gezogen und hat als „Advokat Mullerich“ 
neue Triumphe gefeiert. Was mir sein Schöpfer, der Aachener 


1 Über das Fortleben der französischen Farce s. K. Schaumburg, Die 
Farce Patelin und ihre Nachahmungen in Ztschr. f. neufranz. Sprache u. 
Litteratur 1X (1887), ı fl.; A. Banzer, ed. X (1888), 93 fl. — Über die ver- 
schiedenen Versionen des Schwankmotivs s. J. Bolte, Veterator (Maiktre 
Patelin) und Advocatus, zwei Pariser Studentenkomödien aus den Jahren 
1512 und 1532, Berlin 1901 (Zatein. Lit.-Denkm. hsg. von M. Herrmann, 15), 
S. VII, Anm. 1. Aus dem 15, Jahrhundert stellt sich dazu noch die 42. Novelle 
der „Porrettane“ des Giov. Sabadino degli Arienti (Ed. Gambarin, Bari 
1914 [Scrittori d’ Italia], S. 251, vgl. S.v. Am, Roman. Forschungen XXNVI 
[1909], S. 751), sowie eine Facetie des Piovano Arlotto, s. Die Schwänke 
und Schnurren des Pfarrers Arlotto, gesammelt und hsg. von A. Wesselski, 
Berlin 1910, Nr. 143, II, S. 136 mit Anm. S. 245 f. Hier schützt der Schuldner 
als Krankheit die Pest vor und die Furcht vor Ansteckung vertreibt den 
Gläubiger. 


284 ERHARD LOMMATZSCH, 


Germanist Fritz Brüggemann, über die Entstehung des heiteren 
Spiels in liebenswürdiger Weise schreibt und was ich hier mitteilen 
darf, ist lehrreich und geeignet, den Literatur- und Motivhistoriker 
abermals zur Vorsicht bei der Beurteilung literarischer Zusammen- 
hänge zu ermahnen. Der Name „Mullerich* erinnerte mich an den 
Namen des „Datterich“ und ich fragte beim Autor an, ob hier eine 
engere Beziehung vorläge.1 Brüggemann antwortete: „... Lange 
suchte ich nach einem mir geeignet erscheinenden Namen für den 
Advokaten. Schliefslich kam ich auf „Mullejan“, das ist ein hier 
in meiner Vaterstadt Aachen sehr beliebter Schimpfname und ist 
soviel wie „Mauljohann“, das heifst also ‚Maulheld, Grofstuer, 
Renommist, Schwätzer. „Mullen“* ist Schwätzen in diesem Sinne. 
Aber bei der verbreiteten Anwendung dieses komischen Schimpf- 
namens hätte man das Stück überhaupt unter diesem Namen nicht 
mehr ernst genommen, sondern es als einen Ulk im Sinne des 
‚rheinischen Volkstheaters (des sogenannten Kölner Hänneschens) 
angesehen. Ich hielt also nur an dem „Mullen“ fest, machte aber 
aus dem „Mullejan* einen „Mullerich*. Dieser Name kommt 
übrigens schon in Gutzkows „Äiltern vom Geiste“ vor. An Niebergalls 
„Dallterich“ habe ich nicht gedacht“ (Brief vom 7. Mai 1922). 

Die Uraufführung des „Advokaten Mullerich“ fand am 20. April 
1922 im Stadttheater zu Aachen statt. Wie er aber überhaupt dazu 
gekommen sei, das burleske Spiel zu schreiben und selbständig, 
übrigens in sehr glücklicher Weise, zu formen, erzählt Brüggemann 
folgendermalsen: „... Den Original-, Pathelin‘ habe ich nie gelesen. 
Ich weils von ihm nicht mehr, als ich über ihn in Creizenachs 
„Geschichle des Dramas“, Bd.1 (zweite Aufl. ıgı1), S. 446 gelesen 
habe. Ich machte mir anfangs nur ein Vergnügen daraus, das 
lustige Stückchen meinen Kindern auf dem Kasperletheater vor- 
zuspielen. Das geschah etwa zehnmal bei verschiedenen Gelegen- 
heiten. Dabei ergab die praktische Erfahrung, was besonders 
wirkungsvoll sei. So bildete sich das Spiel ganz aus sich technisch 
heraus. In den Ferien setzte ich mich einmal hin, das Erprobte 
niederzuschreiben, nun aber kam es zu psychologischen Vertiefungen 
und Feinheiten, die von der Puppe nicht mehr wiedergegeben 
werden konnten, das ganze Spiel wurde auf die Gebärde gestellt. 
Trotzdem habe ich das Stück immer mehr gehört als gesehen. 
Von Anbeginn war ich bemüht, die Motive, die im Zathelin lose 
nebeneinanderliegen, innerlich zu verknüpfen, also die Geschichte 
von dem gestohlenen Hammel einmal und die andere Geschichte 
von dem unbezahlten Tuch zum anderen. Bei Pathelin wird der 
Tuchhändler zum Gänsebraten eingeladen, ich machte aus dem 
Gänsebraten einen Hammelbraten, d.h. ich identifizierte ihn mit 
dem gestohlenen Haminel und machte die Frau Pathelins zur An- 
stifterin des Hammeldiebstahls. Aus dieser Verknüpfung ergaben 


ı Wie Niebergall zu dem auffallenden Namen seines Titelhelden kam, 
führt Esselborn a. a. O. S. 106 aus. 


FRANZÖSISCHES ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH®. 285 


sich auch die burlesken Formen für die Krankheitsszene, indem 
Pathelin bei mir in seinem Paroxysmus in dem Tuchhändler selbst 
einen Hammel sieht und diesen dadurch gänzlich aus der Fassung 
bringt. Ob es Ähnliches im Original gibt, ist mir ganz unbekannt. 
Ich habe mich für das Original nie interessiert, sondern nur für 
die Motive, aus denen ich ein ganz neues und eigenes Stück 
schrieb ...“ (in dem gleichen Briefe). 

Diese jüngste literarische Form der berühmten Gläubiger- und 
Krankheitsszene sei zum Schluls nach dem mir freundlich zur Ver- 
fügung gestellten Manuskript des noch ungedruckten „Advokaten 
Mullerich“ hier wiedergegeben. 


Zweite Szenenfolge. 
Elfter Auftritt. 


Meister Nikolaus [Seidenschwanz, Tuchmacher und Tuchhändler], 
Mullerich, und Katharina [Mullerichs Frau). 


Mullerich (kommt von hinten, ganz verändert, ein gebrechlicher alter 
Mann, um den Kopf ein dickes weilses Tuch; hüstelnd): Öhö, öhö, öhö, ich 
bin en armen, alten, kranken Mann. Öhö, öhö, öhö, 

Nikolaus (starrt ihn wie versteinert an). 

Katharina (ist hinter Mullerich eingetreten, immer Hände ringend im 
Hintergrund). 

Mullerich: Ich bin en armen, alten, kranken Mann. Öhö, öhö, öhö. 

Nikolaus (ganz klein und bescheiden): Herr Mullerich, wart ihr nicht 
heute Morgen bei mir? 

Mullerich: Öhö, öhö, öhö, was sagt ihr da? Ich kann euch nicht 
recht verstehn, 

Nikolaus (etwas lauter, aber noch immer sehr besch:iden): Ich meine, 
ob ihr nicht heute Morgen bei mir wart, Herr Mullerich? Bei mir im Laden 
und habt grünes Tuch gekauft? 

Mullerich (schüttelt verneinend den Kopf): Nein. Ich bin en armen, 
alten, kranken Mann. Ich bin seit vier Wochen nicht mehr aus dem Bett 
gekommen. Öhö, öhö, öhö. 

Katharina: Seht ihr, hab’ ich es euch nicht gesagt! 

Nikolaus (eindringlich): Herr Mullerich, ihr wart doch heute Morgen 
bei mir! Ihr habt mich doch zum Mittagessen eingeladen! 

Mullerich (fängt an zu zittern): Ich bin en armen, alten, kranken Mann. 
Warum läfst man mich nicht in meinem warmen Bett, in dem ich all die 
Wochen so gut gelegen habe? Öhö, öhö, öhö (fängt noch stärker an zu zittern). 

Katharina (eilt ihm zu Hülfe): Ach, du lieber Gott! jetzt bekommt er 
wieder seinen Paroxysmus! Hätt’ ich ihn doch in seinem Bett gelassen! 

Mullerich (fängt an zu fiebern);: Ich sehe allerhand Gestalten! (auf 
Nikolaus zugehend) Diesen da, den sah ich früher schon. Ist das nicht der 
alte Küster, den wir schon vor zehn Jahren auf dem Kirchhofe begraben 
haben ? 

Nikolaus (zieht sich ängstlich zurück). 


286 E.LOMMATZSCH, FRANZ. ZU E. E. NIEBERGALLS „DATTERICH“. 


Mullerich: Pfui, der stinkt nach Grabesluft! Öhö, öhö, öhö. Nein, 
das ist der alte Küster nicht. Wie verändert sich der Mann vor meinen Augen! 
Öhö, öhö, öhö. EI, das ist ja gar kein rechter Mann! Sieh, der hat gar 
keine Menschenfüfse, 

Nikolaus (zieht verlegen immer abwechselnd den einen und den andern 
Fufs nach hinten unter seinen Mantel). 

Mullerich: Hammelbeine sind das ja! 

Nikolaus (bekreuzigt sich). 

Mullerich: Katharina, was hat der für ein Angesicht! 

Katharina (schaut Nikolaus mit der ernstesten Miene sehr interessiert 
an und bestätigt Mullerichs Worte immer durch ein versicherndes Kopfnicken). 

Mullerich: Öhö, öhö, öhö. Ist das nicht ein Hammelkopf? 

Nikolaus (wirft entsetzt den Mantel über seinen Kopf und stürzt links 
zur Türe hinaus). 


So bewährt der alte Maistre Pierre Pathelin noch im 20. Jahr- 
hundert die urwüchsige Kraft seines komischen Witzes.. Auch an 
dem lebenswahren, bald behaglichen, bald pfifigen Humor des 
„göttlichen“ Daiferich werden sich die spätesten Enkel und Urenkel 
der Darmstädter noch erfreuen. 


: ERHARD LOMMATZSCH. 


Zur galloromanischen Spraochgeschichte. 


a) Frz. font, wallon. /eent. 


Besteht kein Zweifel darüber, dafs schon frühzeitig im Gallo- 
romanischen die Endung der 3. Plur. Präs. -un?/ durch -unf ersetzt 
worden ist, also auch jacıun! einem *facunt Platz gemacht hat, so 
ist doch das Verhältnis von diesem */acun? zu frz. font, wallon. feent . 
schon im Jonas, somit recht früh, noch nicht aufgeklärt. Die ver- 
schiedenen älteren Auffassungen dieser Formen stellt Rydberg, le 
developpement de /acere dans les langues romanes S.g8 ff. zusammen, 
lehnt */acunt ab und konstruiert ein vulglat. */aur/ ohne sich genauer 
über die Entstehung dieser Form zu äufsern. G. Paris hält mit 
Recht an */acunt fest „qui peut dans une prononciation rapide 
s’abreger en *faunt ... *faunl! pronoce en deux syllabes a fort 
bien pu donner le fameux /een? du Jonas, faunf prononce en 
diphtongue a donne& prov. faun, frg. font“ (R. 22,571), vgl. dazu 
n/eent me parait toujours venir de fa-unt, forme maintenue spora- 
diquement (en regard de Jaunt > font) par le desir de conserver 
syllabiquement distincte la terminaison de la 3. personne plur.“ 
(R. 24, 307). Dabei bleibt aber die scharfe geographische Um- 
grenzung von cent nicht erklärt und auch die Annahme einer 
Kurzform ist nicht unbedingt überzeugend, wogegen grundsätzlich 
gegen die Erklärung von /eent nichts einzuwenden ist. Ich habe 
Rom. Gramm. I, 8439, U, $ 268 in /eent eine lautliche Entwicklung 
gesehen, in /onf eine Anbildung an vons, ont. Fırz. Gramm.! $ 318 
habe ich /onf als durch *ront (trahunt) bedingt aufgefalst, da ja 
fraire und /aire von Haus aus weite Strecken zusammengehen. 
Daran macht mich nicht irre, dafs Stimming sagt, für /rahere sei 
vulglat. /ragere anzusetzen (Zs. 39, 124). Denn abgesehen davon, 
dafs nach dem Einf. $ 101 Ausgeführten mir die Berechtigung 
eines solchen Ansatzes zweifelhaft scheint,1 wäre auch */ragunt zu 


1 [ch benutze die Gelegenheit um zu sagen, warum mich Juds Einwände 
ASNSpL. 124, 398 nicht überzeugt haben. Richtig ist, dafs man von aer 
nicht ohne weiteres auf /Zrahere schliefsen kann, aber dafs aus Z/rahere etwas 
anderes als Zrazire geworden wäre, ist nach der ganzen Entwicklungsart des 
Französischen schwer anzunehmen. Dagegen halte ich den Einwand nicht für 
berechtigt, dafs der Hinweis auf die Entwicklung von Zegere nicht angehe, 
Natürlich ist prov. Zegir Buchwort, aber span. leer, portg. ler zeigen nun einmal 
die normale Entwicklung. Das mag begrifflich auffällig sein, aber wir müssen 
uns mit der Tatsache abfinden, wie ja auch frz. Zire durchaus erbwörtlich ent- 


288 WILHELM MEYEK-LÜBKE, 


*/ron! geworden, vgl. fou aus fagu. Entscheidend ist der andere 
Einwand, dafs das Häufigkeitsverhältnis der beiden Verba eine solche 
Einwirkung als sehr unwahrscheinlich erscheinen lälst. Ich habe sie 
daher aufgegeben. Schwan-Behrens $ 348c nimmt wie in zadunt 
frühen Schwund des intervokalischen Verschlulslautes an, Jordan, 
Afız. Elementarbuch 233 sagt kurz „sorf ist vermutlich das Vorbild 
von font (Jonas hat normales feent)*. 

Da Zacul zu Jar, -acu zu -ai wird, so mülste man scheinbar 
*faient aus *facunf erwarten und dieses */aient hätte sich so schön 
zu fais, fait, faimes, faites gefügt, dafs sein Verschwinden ganz 
unverständlich wäre, auch mit der Tatsache, dafs */ronf nach */raimes, 
fraıles zu fraient umgestaltet wurde, im Widerspruch steht. Es mulfs 
also die lautliche Übereinstimmung zwischen /acu und *facunf nicht 
eine vollständige sein und zwar mufs die Verschiedenheit in einer 
Richtung liegen, die die Labialisierung des a zulälst. Wenn meine 
Auffassung richtig ist, dafs die Verschiedenheit zwischen /o# aus 
fagu und la: aus Jacu darauf beruht, dafs, als in letzterem Worte 
zur Zeit, da g aus c vokalisiert wurde, der Auslaut nicht mehr 
labial war, das g sich also dem palatalen a anglich und zum 
palatalen Spiranten wurde (ZRPh. 39, 405), so mulS bei */acunf 
irgendwie doch die labia!e Wirkung stärker gewesen sein, sei es 
nun, dafs der anlautende Labial in einer Art Fernassimilation den 
labialen Spiranten ausgelöst hätte, worauf dieses aue wie das ältere 


wickelt ist. Es kommt ja auch gar nicht darauf an, wie grols heute die Zahl 
der Analphabeten in Spanien ist. Wissen wir denn, ob vor dem Arabereinfall 
das Verhältnis nicht ganz anders war? Wenn wir obne theoretische Erwägungen 
einfach das Tatsächliche hinnehmen, so kommt man zu der umgekehrten Auf- 
fassung, dafs nur in dem hochkultivierten, um nicht zu sagen gelehrten Süd- 
frankreich im frühen Mittelalter der Einflufs der Bücherkreise so grofs war, 
dals er den Ersatz der erbwörtlichen Form durch eine latinisierende ermöglichte, 
in Nordfrankreich und auf der Iberischen Halbinsel dag:gen nicht. Schwer- 
wiegender ist dıe andere Bemerkung, dafs trainer, straccare u.a. ein *fraginare, 
#*fyagicare voraussetzen, Grundlagen, die ich auch im REW. angesetzt habe. 
Ich möchte aber heute ital. s/raccare ausschalten. Die Zweifel, die Schuchardt 
von allem Anfang an gegen die weitgehenden -icare- Konstruktionen geäufsert 
hat (Zs. 23, 331), haben sich auch mir nıehr und mehr aufgedrängt, wenn ich 
auch gerade für sfraccare nichts zu bieten vermag. Aber span. fragar kann, 
bei der Beliebtheit der -gur-Bildungen auf der Iberischen Halbinsel, Neubildung 
von fraer aus sein. Auch rum. fräräna schaltet aus, da es nicht inare als 
Suffix enthält, so dafs a's einzige Stütze, da doch frz. frafner ebensogut *fra- 
hinare wie *raginare sein kann, prov. Zraginar bleibt. Nun bedeutet Zrapına 
„espece de grand filet de p&che“ und das führt auf lat. /ragum „Schleppnetz“, 
so dafs also von da aus */raginare in der Fischersprache an Stelle von #ra- 
hinare getreten sein kann. 

ı Das ist die einzige afrz. Form, Zac belegt Littr& erst aus Marco Polo, 
den man auch nicht als Autorität für französische Volkssprache anführen kann, 
dann aus Bercheure. Es ist danach nicht wahrscheinlich, dafs Zac auf einem 
vulglat. Zaccus beruhe, wie Rohlfs Litbl. 1925, 301 sagt. Er bringt das Wort 
als einen Beleg für die Regel, dafs langer Vokal + Kons. durch kurzen Vokal 
+- langen Kons. ersetzt werden könne, ohne die Bedingungen dafür zu geben. 
Ich habe von jeher gegen diese Regel gekämpft und jetzt einen mächtigen 
Bundesgenossen in Juret gefunden, s. Manuel de phonetique latine 152, 
Übrigens heifst es lat. Zäcus, nicht, wie Rohlfs ansetzt, Zäcus. 


ZUR GALLOROMANISCHEN SPRACHGESCHICHTE. 289 


au zu 0 geworden wäre, oder dals #» vor rn seine Klangfarbe 
länger beibehalten habe. Beides ist möglich, beides lälst sich nicht 
streng beweisen, aber vielleicht läfst sich für das eine noch etwas 
anführen. 

Das Wallonische zeigt die Labialisierung des a in geringerem 
Umfange als das Zentralfranzösische, die Endung des Imperf. lautet 
-eve, nicht -oue, es zeigt aber assimilatorische Kraft eines anlautenden 
Labials auf eine velare Spirans auch in Zagay aus Bagacum und 
fref aus fraga (Fız. Gramm. $ 160). Danach kann man auch hier 
*favent aus *facunt erwarten, also im Grunde dieselbe Anfangs- 
entwicklung wie auf dem übrigen Gebiete, dann aber nun eben 
nicht o# aus av, sondern Bewahrung des v und wahrscheinlich dann 
Wandel von d zu e. Ein /armes, faites, *fevent fiel aber nun voll- 
ends aus der Rolle, da es einen labialen Stammauslaut zeigte, der 
sonst nirgends erschien. So trat /eenf ein, vielleicht auch mit herbei- 
geführt durch jene Dissimilation, der lat. failla, frz. viaz und die 
anderen oft angeführten Wörter ihre auffällige Form verdanken. 

Auf dem Zacw-lau-Gebiete (ZRPh. 39, 403) mülste man nun 
erst recht font erwarten, statt dessen begegnet von Anfang an /ant, 
vgl. Devaux, Dauph. 269, Philipon, R. 30, 251. Da diesem anf 
auch an/, vanf zur Seite stehen, wird man nicht umhin können, 
darin eine ähnliche Entwicklung von au vor n zu a zu sehen, wie 
sie in prov. anla aus haunla, espantar gegenüber frz. dpouventer 
vorliegt. 

Da */acunt einsilbiges font ergibt, sollte man aus dicunf ebenfalls 
eine einsilbige Form erwarten und zwar, wenn das # noch seine 
alte Klangfarbe hatte, *diun/, woraus *dieunf und weiter *dien/ wie 
mien aus mieon. Aber eine solche Form ist nicht überliefert, viel- 
mehr ist dien! von Anfang an das einzige. Wenn nun /aimes, failes, 
/ont geblieben, dimes, dites *dient durch dient ersetzt worden ist, so 
kann der Grund darin liegen, dafs /ont in den anderen -onf eine 
Stütze hatte, auf der anderen Seite rien? zu rire, ocient zu ocire ein 
in das Schema gut passendes dient leicht hervorrufen konnten. 
Nimmt man aber an, das # vor nf sei auch schon zu e geworden, 
so könnte man nach dem Muster von am: einfaches *dın! erwarten, 
das aber wiederum denselben Einflüssen wie *dientf erlag. Wo 
aber amiu zu amıu wird, erscheint auch genau entsprechendes 
diont, vgl. Devaux 279, Philipon, R. 30, 250. 


b) Gaskognisch num: aus lat. nomen. 


Die Frage, wie sich gask. num: zu lat. nomen verhalte, ist immer 
noch nicht befriedigend gelöst. Die Übereinstimmung mit span. 
nombre ist so auffällig, dafs man einen Zusammenhang anzunehmen 
um so eher geneigt sein kann, als es ja auch sonst nicht an 
Zusammenhängen zwischen den Idiomen hüben und drüben der 
Pyrenäen fehlt. Allerdings gerade auf dem Gebiete der Formen- 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII, 19 


290 WILHELM MEVER-LÜBEKE, 


lehre stellt sich das Gaskognische zum übrigen Südfranzösischen, 
es kennt /us, Jor, letzteres auch als Possessivum bei einer Mehrheit 
der Besitzer, vgl. Beispiele aus alter Zeit bei Luchaire, Recueil de 
textes de l’ancien dialecte gascon, Gloss. und bei Millardet, Recueil 
de textes des anciens dialectes landais, S. XIX und XXII; es ver- 
wendet #-Perfekta und „-Partizipien in weitem Umfange wie die 
Galloromanischen Mundarten, nicht im beschränkten der Ibero- 
romanischen usw. Man kann daher trotz materieller Gleichheit 
gaskogn. zum: unbedenklich von span. nomdre trennen. Dann bleiben 
drei Möglichkeiten: die alte Ascolische von einem Ablativ; die von 
mir in Schicksale des lat. Neutrums S.77 und 175 und neuerdings 
von E. Seifert, Zs. 42, 287 ff, ohne zu wissen, dals sie darin einen 
Vorgänger hat, vertretene eines Akkusativs *nominem, und eine 
spätere (Gröbers Grundr. I!, 370, Katal. 58), wonach lautliche Ent- 
wicklung von -er zu -ne vorliegt. 

Die Ascolische Theorie von dem urromanischen Dreikasus- 
system, Nominativ, Akkusativ und Ablativ wird heute niemand mehr 
vertreten,? sie ist zu sehr konstruiert, steht mit der formalen und 
syntaktischen Entwicklung des Lateinischen im Widerspruch und 
stützt sich allzu sehr auf Wörter, deren spätere Aufnahme aus der 
Schriftsprache allgemein anerkannt ist. Es bleibt also nur die 
Wahl zwischen den beiden anderen. 

Was ich gegen die erste zu sagen habe, habe ich oft genug 
ausgesprochen. Wenn man nicht konstruiert, sondern sich an die 
Überlieferung hält, so sieht man, dafs das Lateinische von Anfang 
an Neutra auf -er, -erıs, akk. -er und Maskulina oder Feminina 
auf -er, -eris, akk. -erem nebeneinander hatte, und damit war das 
Übergleiten von einer Klasse in die andere ermöglicht und es ist 
das auch geschehen. Aber den Neutren auf -us, -oris stehen keine 
Mask. auf -ws, -oris oder -eris zur Seite mit Ausnahme des einzigen 
adjektivischen zefus, das z. T. von den Substantiven angezogen 
wurde, daher afrz. obl. vez, somit konnten diese nicht in die ge- 
schlechtliche Flexion hinübergeführt werden. Die einzige Ausnahme, 
das südostfrz. Sifre < peclore ist eben eine Ausnahme, die einmal 
irgendwie, auch nach ihrer örtlichen Beschränkung, aufgeklärt werden 
mufs, die aber nicht ein durch alle anderen Fälle und durch eczus 
selbst auf dem ganzen übrigen Gebiete von Rumänien bis Portugal 
bestätigtes Prinzip als unrichtig erweisen kann. Nicht anders steht 
es mit den Neutren auf -men. Zlamen ist natürlich Maskulinum, 
aber in der christlichen Zeit mulste es untergehen und auch vor- 
her kann es wohl nicht so stark gewesen sein, dafs es die namentlich 
auch durch die Abstrakta auf -men so grolse Klasse der Neutra 
hätte mit sich reilsen können. Endlich fec/ten, das aber schon 
formell den Bildungen auf -men ferner steht. Es bleibt also dabei, 


I Das gibt auch E. Seifert zu. Wenn sie aber a.a. O, S. 287, 5 sagt, 
ich nehme Ascolis Darlegung an, so ist das ein Irrtum. Nur die lat. Flexion 
vermis verminis übernehme ich, die Ablativtbeorie zu bekämpfen war der 
eigentliche Grundgedanke meiner Dissertation. 


ZUR GALLOROMANISCHEN SPRACHGESCHICHTE. 291 


konstruiert man nicht, sondern betrachtet man das vorhandene 
Material auf seine Eigenart und überblickt man die sämtlichen 
Typen, so sind nur diejenigen, die männliche, im Nominativ oder 
im Akkusativ übereinstimmende neben sich hatten, von der neutralen 
zur geschlechtlichen Flexion übergegangen. Speziell der Schlufs 
von -er, -eris auf -en, -inis ist unstatthaft. Das Schlagwort „jedes 
Wort hat seine Geschichte“ wird ja, wie alle solche Schlagwörter, oft 
mifsbraucht, aber es gilt gerade, wo es sich um grolse Typen handelt. 

Insoweit stimme ich aber E. Seifert sofort zu, dafs die Ver- 
schiedenheit zwischen gaskogn. nom: und südfrz. nom mit der Ver- 
schiedenheit der Synkope des Nachtonvokals zusammenhängt, sehe 
darin eine glückliche Lösung einer zweifellos bestehenden Schwierig- 
keit. Zunächst aber noch etwas anderes. Die Verf. sucht von 
dem richtigen Grundsatze ausgehend, dafs man wohl nicht für sonst 
so eng zusammenhängende Sprachgebiete verschiedene flexivische 
Grundformen annehmen dürfe, zu zeigen, dafs auch prov. nom auf 
nomine(m) beruhe, mufs dann aber, um die Verschiedenheit von 
aze aus asınu zu erklären, zu einer frühen Synkope ihre Zuflucht 
nehmen. Ist das nicht unnötig kompliziert und wird damit nicht 
wieder der Weg zur Erklärung der Verschiedenheit zwischen rom 
und z0mi versperrt? Eine morphologisch nicht unbedenkliche Form 
wird konstruiert, dann, da die aus ihr entstandene mit der all- 
gemeinen lautlichen Entwicklung nicht Schritt hält, mufs wieder 
eine besondere angesetzt werden. 

Ich gehe von folgenden Erwägungen aus. Aus filice entsteht 
prov. feltze, gaskogn. fellz, was ich daraus erkläre, dals im Westen 
die Synkope älter ist als im Zentrum und älter als der Schwund 
der auslautendenden Vokale. Es standen nebeneinander gaskogn. 
dolize, feltze und prov. doltze, feletze (s. Diphth. im Prov. S. 365, 
Anm. ı). E.Seifert hat sich dieser Ansicht angeschlossen Zs. Bei- 
heft 74,24. Ebenso ist gaskogn. juvene vor dem Schwund des -r- 
zu yuıne,! asınu zu asıu, fraxinu zu fraisnu geworden. 

Nun trat der Schwund der auslautenden Vokale ein: dultg, 
felts, und selbstverständlich yun. Das » nach Konsonanten aber 
mulste entweder völlig schwinden oder aber, und das ist ja das 
Üblichere auch anderswo, zu vokalischem z werden, das dann seine 
Nasalität verlierend zum oralen mehr oder weniger reduzierten 
Vokale wurde. Daher zeigt dieser Vokal die Färbung des lateinischen, 
vgl. einerseits agu, reySu (fraxınu), karpu (carpınu), andererseits om: 
(homine), lendi (lendine) usw., was für die Geschichte der Auslaut- 
vokale nicht gleichgültig ist. Übertragen wir nun diese Feststellungen 
auf die Formel -men. Einem /elize, doltze, juine stand entweder 
noch »omen oder vielleicht schon *nomne zur Seite, das dann etwa 
mit *emperadre, sempre usw. auf eine Stufe zu stellen wäre. Als 
nun asıu zu azu, lendne zu lendi wurde, da trat naturgemäls nomi 
an Stelle von *nomne. 


I Wegen ui aus pv s. Zs. 39, 83. 
19* 


292 W. MEYER-LÜBKE, ZUR GALLOROMAN. SPRACHGESCHICHTE. 


Auf dem übrigen Gebiet, das somnu zu som wandelte, mulste 
dagegen nomne ebenso naturgemäls zu z0m werden. 

Schlielslich sei noch die Form Aame erwähnt, die der ALF 
auf Punkt 790 Ariege anmerkt und der kamen aus Accous (Basses- 
Pyr.) bei Luchaire, Etudes sur les idiomes pyren&ens de la region 
frangaise S. 285 und 286 entspricht. Das scheint ein /amime in 
reinster Form wiederzugeben, würde aber auch dann nichts für 
die Entwicklung von nom besagen, da /ames und seine Nebenform 
*famen ja nicht Neutra sind. Aber da andere Wörter wie Aeres: 
(fraxinu), aze (asınu) keine solche £ zeigen, wird man besser die 
Nasalierung als sekundär durch das vorhergehende m veranlafst 
betrachten. 

So scheint mir für den Westen lautliche und flexivische Ent- 
wicklung in Einklang gebracht zu sein, ohne dals man auf der einen 
oder der anderen Seite zur Annahme von Ausnahmeentwicklungen 
greift, und auch die Verschiedenheit zwischen Westen und Zentrum 
ihre Erklärung in der Gesamtentwicklung zu finden. 


WILHELM MEYER-LÜBKE. 


Doppelte Vornamen. 


Wie die Namenstudien überhaupt fürs Romanische noch in 
ihren Anfängen stehen, so sind auch die Beobachtungen über das 
Aufkommen des Gebrauches zweier Vornamen bisher noch nicht 
auf umfassende Erhebungen begründet worden, soweit ich wenigstens 
wüfste. In seiner dankenswerten und nützlichen Übersicht „Les 
noms de personnes“, Paris 1925 gibt A. Dauzat S. 70 auch ein 
paar Worte über die Pluralit dw prenom, Er sagt dort folgendes: 

„La pluralite du prenom remonte & la fin du moyen-äge. 
Prenom romain, nom individuel gaulois et germanique, nom de 
bapt&me pendant de longs siecles &tait unique. Les premiers noms 
de bapt@me multiples apparaissent dans les familles nobles vers le 
XIV*® siecle (d’abord dans le Sud-Ouest), usage, qui ne prend de 
Pextension qu’aux alentours de la Renaissance, et surtout & partir 
du XVlII° siöcle, epoque oü il gagne la bourgeoisie, plus tard les 
campagnes. 

On a discute& sur la cause du phenom£ne: pluralit@ de parrains, 
souci des familles traditionalistes de perpetuer certains pr&noms, 
desir d’assurer plusieurs patrons celestes & l’enfant — autant de 
facteurs qui sont, plus ou moins, entres en jeu. L’Eglise a accepte 
la pluralitt de noms de bapt&me, la loi celle des prenoms. 

En cas de prenom multiple, il n’y en a qu’un seul, en gen£ral, — 
le plus souvent le premier — qui est employ& pour designer la 
personne: c’est le prenom usuel; les autres, pour &tre legaux, sont 
purement honoraires et peuvent servir seulement & preciser l’identi- 
fication de l’individu (par exemple en cas d’identite du nom de 
famille et du pr&nom usuel). 

Cependant certains pr&enoms doubles sont, et ont &tE sourtout 
jadis, en usage. Cette coutume, comme en temoignent les noms 
de famille de la region, fut autrefois tres en honneur dans I’Est, 
ou elle a presque completement disparu. Jean-Jacques n’est plus 
en faveur ä Geneve comme il l’etait encore & l’epoque de Rousseau. 
Dans les Vosges rurales, en ıgoı, M. Haillant ne retrouvait plus 
que Jean-Evre et Jean-Nicolas, et encore en declin. A l’heure 
actuelle, en France, l’usage du prenom double ne persiste guere 
qu’en Bretagne (Jean-Marie, Jean-Francois, Anne-Marie), en dehors 
des prenoms feminins Marie-Louise, Marie-Ther&se, que des sou- 
veraines mirent jadis & la mode et qui eux-m&mes perdent peu d 


peu leur vogue.“ 


294 WERNER MULERTT, 


Diese Skizze über den Verlauf der Doppelnamen-Modebewegung 
in Frankreich ist in den grofsen Zügen wohl zutreffend. Meine 
Absicht ist es nicht, das Problem im ganzen nachzuprüfen. Aber 
ich will an einigen Punkten einsetzen, für die das Material, über 
welches ich verfüge, ausreicht, um Dauzat in gewisser Weise zu 
ergänzen, gelegentlich zu berichtigen und um die französische Sitte 
der Verwendung einer Pluralild des frönoms in den allgemeineren 
Zusammenhang mit den entsprechenden sonstigen europäischen Ver- 
hältnissen zu stellen. 

Was die Beurteilung der Doppelvornamen in der ältesten Zeit 
ihres Vorkommens sehr erschwert, ist stets die Frage: ist der zweite 
Vorname nicht als Patronymicum aufzufassen, also als etwas, das 
ungefähr unseren jetzigen Familiennamen zu vergleichen wäre? 
Das Provenzalische und Französische machen es in dieser Hinsicht 
nicht so leicht wie gewisse Fälle im Kastilischen, wo wir z. B. in 
der Abfolge der drei bekannten, vielgefeierten Grafen von Kastilien: 


Fernän Gonzälez 970 
Garci Fernändez 970—995 
Sancho Garcla 995—1022 


deutlich sehen könnnen, wie immer der Sohn des Vaters Namen, 
meist versehen mit der Patronymikal-Endung -ez, mitschleppt. Wo 
derartige besondere Endungen fehlen und auch andere Anzeichen 
versagen, können wir beim Auftreten doppelter Namen immerhin 
sehr oft eine ähnliche Veranlassung für einen alten Doppelnamen 
vermuten: Jaufre Rudel wohl «- Rutelli. 

Dauzat hat (s. 0.) die Beweggründe rekapituliert, die zum Geben 
eines Doppelvornamens führen können. Eine sehr alte Schicht der 
Bewegung ist in der folgenden Weise zu charakterisieren. Man 
gab einer Person noch einen zweiten Namen, um sie näher Zu be- 
zeichnen. Diese allgemeine Tendenz zu Zunamen oder Spitznamen 
(surnoms, sobriqueis) seit dem g. Jahrhundert ist bekannt.1 Es 
handelt sich dabei gewiss nur in Ausnahmefällen um Zweitnamen, 
die schon in der Jugend, geschweige denn gleich bei der Taufe 
beigelegt worden sind. Ich rechne hierher aus einer etwas jüngeren 
und für uns wichtigeren Zeit Namen wie A/fonso el Casto, Foulque 
Nerra, Rıchard Löwenherz, Johann ohne Land, dann aber, um unserem 
speziellen Problem näher zu kommen, auch einen Namen wie Giraud 
Hector, wo der Zusatz ein Name ist. Ebenso muls Philippe- Auguste, 
der Name des französischen Monarchen, der 1165—1223 regierte, 
hierher gestellt werden.? 

Handelt es sich doch in diesem anscheinend aulserordentlich 
frühen Falle eines nordfranzösischen Doppelnamens, hıstorisch be- 
trachtet, um eine nähere Charakterisierung, die davon herzuleiten 


1 Erst aus dieser Zeit: Äarl Martel, Pipfin der Kurse; doch vgl. 
Dauzat $. 35 Anm. 

? Für die französischen Könige ist der Doppelname eine Ausnahme, die 
erst mit dem letzten Träger der Krone im 19. Jahrh., mit Zouis- Philippe, eine 
Durchbrechung erfahren hat. 


DOPPELTE VORNAMEN. 295 


ist, dafs Philipp I. vom Verfasser der Gesta Philippi Augusti, d.h. 
von dem Zeitgenossen Rigord, schmeichelhaft unter die Caesares 
Augusti eingereiht, bzw. nach dem Monat August genauer bezeichnet 
werden sollte, in dem er geboren war.! 

Doppelvornamen oder scheinbare Doppelvornamen, die auf 
die eben genannte Art zustande kommen, sind indessen m. E. 
Ausnahmen, eine Minderheit jedenfalls gegenüber anderen Gruppen, 
die sich finden. Sehr häufig werden — so wird man sagen dürfen — 
sonstige zweifache Vornamen im Spätmittelalter gleichfalls nur 
scheinbar sein. Man kann unter ihnen, glaube ich, unschwer 
zwei Untergruppen feststellen, die im allgemeinen, wo wir sie in 
Urkunden oder sonst finden, das Feld beherrschen. Entweder 
pflegt es sich dabei um einmalige Patronymica oder um traditionell 
gewordene Patronymica, d.h. streng genommen um Familiennamen 
in unserem heutigen Sinne des Wortes zu handeln. 

Für die erste der genannten Gruppen: Patronymicum in 
einmaliger Anwendung auf ein Individuum (bzw. eine Schar von 
Geschwistern) zeugt aus Kastilien die oben genannte Namenreihe 
der Grafen von Kastilien.? Dafs sie auch im Südfranzösischen 
vertreten ist, darüber kann kein Zweifel bestehen. Zeriran Folcon, 
Peire Milon,? Bernard Aton, Pierre Aton,* Arnaud Odon5 sind höchst- 
wahrscheinlich noch als echte Verbindungen eines Rektus-Namens 
und eines Obliquus-Namens aufzufassen, wobei der Obliquus den 
Vater bezeichnete. Mindestens aber lebt in dieser Art von Ver- 
bindungen auch in einer Zeit des Kasusverfalls noch die Erinnerung 
an derartige alte Verbindungen fort, was ohne weiteres zu den 
Feststellungen des abbe Duffaut und Dauzats, s. a.a. O., S. 36 
(vgl. Johannes Petri filius oder, besonders im Süden, Johannes Petri) 
stimmt. Allerdings ist der Vorbehalt zu machen, dafs uns, um 
einen Namen sicher an dicser Stelle einreihen zu können, der 
Stammbaum der Familie, dem er angehört, mindestens eine Abfolge 
von einigen Generationen, bekannt sein mufs. Sonst können wir 
nie wissen, ob ein Doppelvorname nicht einer im allgemeinen wohl 
jüngeren Schicht angehört, einer Schicht, deren Betrachtung wir 
uns jetzt zuwenden. ® 

Vom Jahre 1035 ab finden wir bekanntlich für mehr als 
100 Jahre bei den Grafen von Barcelona die Namen ABaimon- 
Berenguer. Hier liegt ein Doppelvorname vor. Aber ob er 


I Beide Begründungen stehen bei Rigord; siehe Alexander Cartellieri, 
Philipp II. August, König von Frankreich, Bd. ı (1165— 1189), Leipzig und 
Paris 1899—1900, S. 9 ff. 

32 S. auch Dauzat, a. a. O.. S. 43. — Später (vgl. heutige span. Familien- 
namen) sind derartige Namen erblich geworden. 

3 Aus Chabaneaus Liste in den „Biographies des Troubadours“, 

% G. Lacoste, Histoire generale de la province de Quercy, t. II, Cahors 
1883, S. 29 u. S. 685. 

5 Ebenda S. 401. 

% Siehe auch die Bemerkungen Dauzats a. a. O. S. 1323 über heutige 
Familiennamen in Obliquusform. 


296 WERNER MULERTT, 


wirklich als echt anzusehen ist? Bei den regierenden Mitgliedern 
der Familie ist in diesem Falle nicht nur der Zweitname hereditär 
geworden wie in anderen Familien (wie wir gleich sehen werden), 
sondern anscheinend auch der erste Name. Das ist die Besonder- 
heit dieser Barceloneser Grafennamen. Viel klarer liegen die Ver- 
hältnisse in den folgenden Beispielen. Man nehme die Familie 
De Grateloup! (burgundischer Abstammung und über Guienne und 
Gascogne in die Touraine gelangt). Es finden sich in ihr die 
Namen: Guillaume Arnaud de Grateloup (1265—1348), sein Sohn 
Jacques Arnaud de Gr., dessen Sohn Pierre Arnaud de Gr. (f 1425). 
In der Folgezeit, so mufs man wohl sagen, hat sich allein der 
Besitzungsname De Grateloup durchgesetzt, das früher daneben 
stehende Arnaud ist verloren gegangen. Dauzats Bemerkung,? aus 
der man schliefsen könnte, dafs so der Verlauf in jedem Falle 
gewesen wäre, geht zu weit, wie man daraus entnehmen kann, dals 
es durchaus eine Reihe adliger Familien gibt, bei denen diese 
Zweitnamen sich neben den Herkunfts- bzw. Besitzungsnamen 
erhalten haben, und zwar bis in die Gegenwart. Zu verfolgen ist 
es sehr deutlich etwa bei der Familie Zes Frangois des Courlis.3 
Das älteste bekannte Mitglied der Familie lebte ı272 in Neapel 
und hiefls: Ciiment Frangois, dessen Abkomme war (1420—.8o) 
Antoine Frangois, ein Sohn von diesem wiederum, Carles alias 
Charles Frangois, heiratet 1487 usw. In dieser Familie ist rangois 
+ des Courtis zu einem Ganzen zusammengewachsen und so erhalten 
geblieben. — Ähnlich liegt es bei der Familie der Gilles chevaliers, 
seigneurs de la Grue usw. aus Anjou und Touraine. So führt von 
einem Kichard Gilles (f 1377) die Abfolge über Pierre Gilles, 
Mathurin Gilles, Nwolas Gilks zu Gilles Gilles (f etwa 1540).1 
Der zweite Band der Archives des familles nobles de la Touraine, 
de l’Anjou, du Maine et du Poitou ist besonders reich an solchen 
aus Personennamen (Zweitnamen) entstandenen Adelsnamen, so: 
Benoist, Berlirand, Daniel, Denis, Ernault, Garnier, Gilles, Gülle, 
Hemery, Herbert, Hue, Huguet (de Scmonville), Ogier, Richard, 
Robineau, Roger (de Chalabre), Simon. 

Wenn ich mein Material überblicke, ist ein ursprünglicher Träger 
des Zweitnamens (bei den de Grateloups: Arnaud, bei den de Couttis: 
Frangois) in den Genealogien nie zu finden. Wir kommen hier an- 
scheinend fast stets in eine Zeit hinein, die vor dem Einsetzen reich- 
lichen Urkundenmaterials liegt. Das hohe Alter solcher traditioneller 
Zweitnamen zeigt sich besonders dann, wenn die Namen solche sind, 
die der kirchliche Kalender nicht besitzt, wie Arnaud oder Jordan. 


1 Archives des familles nobles de la Touraine, de l’Anjou, du Maine et 
du Poitou, p. J. X. Carr& de Busserolle, Tours 1881, I, S. 46f. 

3 2.2.0. S. 37. 

® Archives des familles nobles etc. I, S. 257 ff. 

* Ebenda II, S. 38. 

5 Erst das Tridentiner Konzil (1563) hat die Heiligennamen für die 
Namengebung obligatorisch gemacht. Aber schon im 13. Jahrh. hat das 
Languedoc 92 Heiligennamen unter 100 Namen (s. Dauzat S. 54f., 57). 


DOPPELTE VORNAMEN. 207 


Man kann aber überhaupt nicht sicher sagen, dafs diese Zweit- 
namen immer als Erbschaft vom Namen eines bedeutenden oder 
irgendwie einflufsreichen Stammvaters — oder auch nur als dunkle 
Erinnerung an einen solchen — zu betrachten sind. Ich reproduziere 
den Stammbaum, der sich bei Hilding Kjellman, Le troubadour 
Raimon-Jordan, Vicomte de Saint-Antonin, Uppsala-Paris 1922, 
S. 14 findet. 


Izarn I 


Izarn II «— en vie en 1083 — Frotard 


PP rn a nn 
Izarn III Sicard Guillaume-Jordan Pierre 
+ vers I140 en vie en 1157 
De rn nn nn nn nn 
Izarn IV Frotard Sicard Forton 


+ vers 1198 + vers 1212 + avant 1197 Raimon- Jordan 
Izarn V Pons Bernard-Hugues 
en vie 1247 en vie 1250 


Es zeigt sich, wenn man sich auf die in diesem Stammbaum 
gemachten Angaben verlälst, dals der Zweitname Jordan erst bei 
dem dritten Sohne Izarns II. auftaucht und dann auf den Sohn 
Raimon- Jordan, den bekannten Trobador, vererbt wird. Es zwingt 
uns nichts anzunehmen, obgleich es möglich ist, dafs andere Mit- 
glieder der Familie, besonders Väter und Grolsväter den Namen 
Jordan bereits geführt haben und dafs nur die Urkunden darüber 
stumm sind. So machen schon diese beiden Doppelvornamen einen 
Eindruck von Echtheit, noch mehr ist das aber der Fall bei dem 
Namen Bernard- Hugues. Gänzlich isoliert erscheint er, ganz frei 
und ohne Traditionszwang scheint er als Doppelname gegeben zu 
sein: so wie das in neuerer Zeit berechtigt ist und vorkommt. 

Mit diesem Bernard-Augues werden wir ins Quercy geführt, 
aus dem auch einzelne früher genannte Doppelnamen noch un- 
sicherer Deutung stammen. Gehen wir in die Gascogne, so finden 
wir in der gräflichen Familie von Armagnac, ebenfalls ohne festen 
Traditionszwang, einen Arnaud Bernard im ı1. Jh., einen anderen 
im 13. Jh., sowie einen Pierre Gerard, des zweiten Arnaud Bernard 
Bruder und Nachfolger.! 

Dauzat hat (s. oben) von adeligen Familien des Südwestens 
gesprochen, wo Doppelnamen zuerst vorkommen sollen. Wir könnten 
die Namen aus der Familie der Vizgrafen von Saint-Antonin und 
der Grafen von Armagnac hierher rechnen, auch die der Grateloups, 
deren historischer Weg sie durch den Südwesten geführt hat (s. o.). 
Aber Dauzats Lokalisierung und Datierung bedarf doch einer 
Änderung. Normannische oder sonstige nördliche Fürsten- und 
Adelsnamen sind freilich anscheinend arm an Doppelnamigkeit, 


ı Nach den Angaben der Grande Encyclopedie III, S. 984. — Vgl. auch 
den Stammbaum der Grafen von Foix usw. 


298 WERNER MULERTT, 


vielleicht ganz frei davon (wenigstens im ausgehenden Mittelalter). 
Aber im Süden Frankreichs ist das Vorkommen von Doppelvornamen 
durchaus nicht auf ein Teilgebiet, eben den SW beschränkt. Kein 
stolzeres Herrengeschlecht im Südosten als die Grafen von Toulouse. 
Wir haben da, vom Vater zu Sohn die Abfolge: Graf Zudes — 
Raimond II— Raimond 1I1 Pons — Guillaume III Taillefer — Pons — 
Guillaume IV, dieser Guillaume IV. vermacht die Grafschaft dem 
Grafen von Saint-Gilles, Raimond, seinem Bruder (R. IV.). Im 
Comte de Tripoli, das er erobert hat, folgt ihm sein Neffe, ein 
Guillaume - Jourdain. Daheim ist sein Vertreter und später sein 
Nachfolger sein Sohn Bertrand (} ı 112), der seinerseits dann seinem 
Bruder Alphonse- Jourdain das Grafentum überläfst. Wir haben in 
dieser Fürstenfamilie also abgesehen von Guillaume Taillefer sowie 
von den späteren Guillaume- Jourdain und Alphonse- Jourdain schon 
in der ersten Hälfte des ı0. Jahrh. einen Aaimond Z2II Pons 
(der seinem Vater 924 folgt und 950 stirbt). Da der erste der 
Vornamen in einer Tradition steht (Raimond IIL!), ist die Freiheit 
des Doppelnamens noch nicht so entwickelt, wie in dem viel späteren 
Falle des Vizgrafen von St.-Antonin, aber das Vorkommen von 
Doppelvornamen wird dadurch doch zeitlich sehr weit zurück- 
geschoben. Hier ist auch Kataloniens, der Grafen von Barcelona 
noch einmal zu gedenken, wo schon vor der Reihe der Raimon- 
Berenguer ein Raimon-Bornell III. steht. Er gehört sogar schon 
ins ı1. Jahrhundert — wie Guwi-Geoffroy, der sich als Herzog von 
Aquitanien Wilhelm VIIL nannte und uns wieder aus dem Südosten 
wegführt. 

Wir können demnach Dauzats Angaben modifizieren. 

ı. Die Anfänge des Gebrauches von Doppelnamen liegen 

im Süden, sowohl im Südosten wie im Südwesten. Es muls 

noch festgestellt werden, ob der SW, was nicht unmöglich 

ist, nachdem die Sitte aufgekommen war, besonders reichlichen 

Gebrauch von ihr gemacht hat. ! 

2. Die ersten Anfänge von Doppelnamen führen sicher 
bereits in die erste Hälfte des ı0. Jahrhunderts. 


So bekommen wir also statt der einen ungenauen Bestimmung 
Dauzats: „fin du moyen äge“ ein genaueres Datum, bezüglich der 
anderen: „vers le XIV* siecle“ ist es mir nicht einmal möglich zu 
sagen, ob sie Geltung hat, auch wenn man sie nur auf die 
Mode-Hochflut von Doppelnamen im Spätmittelalter beziehen will 
Chabaneaus Liste der Trobadors in den „Biographien der Trou- 
badours“ könnte zu einer solchen Annahme fast berechtigen; leider 
ist das Material sehr bunt und kritisch nur schwer zu verwerten. Sehr 
charakteristisch ist, um Süden und Norden in ihrer Verschiedenheit 
zu erkennen, ein Vergleich der südlichen Doppelvornamen (echter 


1 Dafür wie tür alle anderen weiteren Studien werden die 19 Bände des 
Dictionnaire de la Noblesse p. p. De la Chesnaye-Desbois et Badier, Paris 
1863—1876 gute Dienste leisten. 


DOPPELTE VORNAMEN. 299 


und unechter) bei den Trobadors mit den stets einfachen Vornamen, 
die sich bei den Minnesängern des französischen Nordens finden. — 
Normannische, pikardische, überhaupt nordfranzösische Familien 
stehen, wie gesagt, ganz abseits von der Bewegung, und es ist 
schon bei einem Grafen von Blois, Chartres und Meaux eine Aus- 
nahme, wenn er Ztienne- Henri (} 1102) zum Namen hat. 

Das Umsichgreifen des Phänomens auch in den Kreisen des 
Bürgertums, das anscheinend im Süden schon recht frühe beginnt, 
lasse ich hier auf sich beruhen. 

Die weitere Ausdehnung der Doppelvornamen, die Dauzat für 
die Zeit der Renaissance behauptet, ist, wenn man die geo- 
graphische Verbreitung erwägt und den Blick auf Gesamt- 
frankreich gerichtet hält, wohl nicht zu leugnen. Im ganzen aber 
sind Doppelnamen im ı5. Jahrh. anscheinend seltener als sie im 
12.— 14. Jahrh. waren, d.h. seltener als zu einer Zeit, da sie sich auf 
südfrz. Familien beschränkten. Die Vorfahren der bourbonischen 
Königsfamilie haben in ihren Reihen während des 13. Jahrh. nur 
ganz vereinzelt einen zwiefachen Vornamen.? Im 15. Jahrhundert 
habe ich schlechterdings keinen gefunden, während die südfranzö- 
sische Familie der Albret die spätmittelalterliche Sitte auch in jener 
Zeit fortgesetzt hat. Unter den Kindern Charles’ II., sire d’Albret 
(t 1471) findet sich ein Arnaud- Amanjeu d’Albret; und Jean, sire 
d’Albret usw., roi de Navarre (} 1516) hat sogar schon seinem 
Ältesten einen dreifachen Namen gegeben (eine sonst erst 100 Jahre 
später sich verbreitende weitere Vermehrung): Jean- Andr£- Phebus ; 
sein zweiter Sohn hiels Martin- Phebus.? In der Kathedrale von 
Tours befindet sich das Grab eines französischen Königssohnes 
Charles- Roland, der 1495 gestorben ist.*® 

Im ganzen ist das ı5. wie das nachfolgende ı6. Jahrhundert 
noch sparsam im Gebrauche der Doppelnamen. Unter Heinrichs IV. 
ehelichen Kindern (also im 16. Jahrhundert) finde ich Gaston- Jean- 
Baßtiste und Henrielte- Marie, unter den natürlichen Cafherine- Henrietle 
und Gaödrielle-Angeligue. Oder ich nenne als weiteres Beispiel, aus 


i Vgl. z.B. Jeanroys Liste der trouvetres in der Bibliographie sommaire 
des chansonnierg francais du moyen Age, Paris 1918, S.4S ff. — Aber auch 
eine Durchsicht der Bände von De la Chesnaye-Desbois et Bladier (s. 0.) oder 
des Nobiliaire universel de France lehrt das rasch. 

® König Ludwig VIII. (+ 1226) siebentes Kind Prilißpe-Dapobert; König 
Ludwig IX. (+ 1270) viertes Kind Yean-Tristan. — Viel reichlicher finden sich 
Doppelnamen bei den Albrets, was bei ihrer geographischen Zugehörigkeit zum 
Süden verständlich ist. Amanjeu’s VI. (+ nach 1281) Söhne Bernard Esy, 
Arnaud Amanjeu, Amanjeu’s VII. (lebt noch 1324) Sohn Bernard Esy, von 
dem wieder ein Arnaud- Amanjeu VIII. (+ 1401) abstammt. 

8 Zum Vorhergehenden vgl. die Histoire genealogique et chronologique 
de la Maison royale de Bourbon ... par N.L. Achaintre t. I (1823), S. 24f., 
t. II (1825), S. 23—33, S. 43, 48, 68. 

* Vgl. als weitere Beispiele Marie- Marguerite aus der Familie Preuilly 
(Carr& de Busserolle, Armorial ... S. 794 f.), Tochter des Barons Gilles de Pr., 
der 1412 starb oder frederic-Paul Auberi, „anglais de nation“, der 1499 (oder 
schon 1439) nach Frankreich gekommen sein soll (das. unter Aubery). 


300 WERNER MULERTT, 


dem Adel, Charles-Claude de Bauffremont, dessen Tochter Marie- 
Catherine am 25. April 1597 den Baron Jean (V.) de Vieuxport 
heiratete. 1 

Im ı7. Jahrhundert entsteht in ganz Frankreich ein Übermals 
an zweifachen und mehrfachen Vornamen, wovon man sich leicht 
aus jedem Stammbaum, aus jeder Namensammlung überhaupt, die 
sich auf jene Zeit bezieht, überzeugen kann. 

Wir müssen in dem gewaltigen Neuanschwellen der Bewegung 
eine Renaissanceerscheinung sehen, die ihre volle Auswirkung freilich 
erst in den folgenden Jahrhunderten — sie hat sogar bis ins 19. 
und 20. Jahrh. angedauert — erfahren hat. Es steht dahin, ob Italien 
an der Entstehung der Mode, die sich wie ein Plural majestatis 
treftlich in den Dienst des Persönlichkeitskultes und des rhetorischen 
Prunkens stellte, entscheidend beteiligt ist. Mindestens seit dem 
Ausgange des 14. Jahrhunderts findet sich die Doppelungssucht in 
grolsen italienischen Familien, zumal des Nordens, z.B. bei den 
Visconti,?2 den Sforza,®? den Gonzaga.* Auch gelegentlich bei den 
Medicis5 und den römischen Colonna.® Nach den statistischen 
Feststellungen, die Heinrichs? gemacht hat, ist es sicher, dafs in 
Deutschland die Doppelnamen-Mode (Johann Friedrich, Johann 
Georg, Otto Heinrich, Max Emanuel, Johann Gebhard, Hans Gerhard, 
Johann Kasimir usw.) mit 1500 bei den ernestinischen Wettinern, 
den pfälzischen Wittelsbachern, den albertinischen Wettinern usw. 
einsetzt. Fürsten und Hochadel marschieren an der Spitze. Es 
gibt einige frühere Vorläufer bereits 1445 in Heidelberger Uni- 
versitätsmatrikeln. 

Das uns beschäftigende Problem als ein gemein -europäisches 
zu betrachten hat Heinrichs in seiner wertvollen Studie zu tun 
gänzlich versäumt; auch Dauzat ist der Tatsache nicht nachgegangen. 
Dabei liegen die Zusammenhänge zu den beiden Zeitpunkten, in 
denen die Doppelnamensitte einen Aufschwung genommen hat, klar 
auf der Hand. Socin® hatte Einzelfälle auf deutschem Sprachgebiet 
schon für die Mitte des 13. Jahrhunderts belegt. Neben O/fo Berthold 
Truchsess von Waldburg (1239—60) steht eine Anzahl anderer Doppel- 


ı XXVe volume du Nobiliaire universel de France p. p. Jules Martiaon, 
Paris 1907, unter De Morant S. 5f. 

2 Giangaleazzo + 1403, Giammaria + 1413, Zitippo-Maria + 1447, Maria 
Bianca, Filippo-Marias einzige Tochter. 

3 Giovanni- Galeaszo- Marıa + 1476, danach Giovannı Galeasso und 
Francesco Maria (1492—1535). 

4 Gian Francesco (erste Hälfte des 15. Jahrh.), Gian Francesco, geb. 1445. 

5 Pier Francesco + 1497. 

86 Marco Antonio + 1521, Marco Antonio der Jüngere + 1584. — Ich 
verlasse mich hier und sonst für Italien auf die Angaben der Grande Ency- 
clopedie und des Nuovissimo Melzi, Dizionario completo (Milano Vallardi). 

? Studien über die Namengebung in Deutschland seit dem Anfang des 
16. Jahrh. (Quellen und Forschungen zur Sprach- und Kulturgeschichte der 
germanischen Völker 102), Strafsburg 1908, S. 20. 

8 Mittelhochdeutsches Namenbuch nach oberrheinischen Quellen des 12. 
und 13. Jahrhunderts, Basel 1903, S. 108. 


DOPPELTE VORNAMEN. 301 


namen wie Deretholdus Heimo, Brüno Wernher, Cünradus Bertholdus 
usw.1 Die Belege sind oberrheinisch. Die geographischen und 
zeitlichen Umstände legen den Gedanken nahe, dals es sich um 
ein Ausstrahlen der im 10. Jahrhundert beginnenden katalanischen 
und südfranzösischen Mode handelt. 

Den Ausgangspunkt der zweiten Doppelnamen-Welle zu be- 
stimmen, ist wegen der auf dem Gebiet der Namenkunde fehlenden 
Vorarbeiten noch nicht an der Zeit. Von den Bewegmotiven für 
das Verleihen mehrerer Namen, die angegeben worden sind (s. o. 
Dauzat), gelten vielleicht das eine oder andere, vielleicht alle, für 
beide Perioden der Auralitd du pr&nom. In der Zeit des Humanismus 
und der Renaissance mögen übrigens altrömische Namen, zumal 
die von Kaisern, zu der Beliebtheit neuen Anstols gegeben haben 
(Julius Caesar, Marcus Antonius, Marcus Aurelius).” Das schliefst 
ein Wiederaufleben der mittelalterlichen Mode, von der Reste noch 
fortbestanden, nicht aus. 

Deutschland ist bei dieser Renaissance-Mode offenbar nicht 
im Schlepptau der französischen Nachbarn. Höchstens könnte Köln, 
wo (nach Heinrichs) erst in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts 
im Bürgerstand sich einige Beispiele zeigen (in der dortigen Uni- 
versitätsmatrikel sogar erst 1604— 1605), die Verhältnisse der be- 
nachbarten romanischen Gebiete widerspiegeln, wohin die Doppel- 
namen-Epidemie inzwischen vorgedrungen war. 

Ob die oben erwähnten Namen der Heidelberger Universitäts- 
matrikeln von 1445 schon ganz der neuen Renaissance-Strömung 
zugehören? oder ob sie als Ausläufer der mittelalterlich-südfranzö- 
sischen Bewegung zü gelten haben, vermag ich nicht zu sagen. 


WERNER MULERTT. 


I Bei Socin (a. a. O.) auch Hinweis auf die Heldensage, auf Hugdietrich 
und Wolfdietrich, sowie auf die Erklärung, die das Gedicht von Wolfdietrich 
(13. Jh.) für den Namen Wolfdietrich gibt. Daselbst auch, was die Quedlin- 
burger Annalen (ı1. Jahrh.) über Yugotheodoricus sagen. 

2 Wie diese Namen selbst bei genauer, wissenschaftlicher Betrachtung 
aufzufassen sind, tut hierbei nichts zur Sache. 

s Vgl. für die zeitliche Möglichkeit die Namen in der Familie der Visconti, 
oben S. 300, 


Franziskanische Mystik des 16. Jahrhunderts in Spanien. 


Seit den Tagen des Poverello von Asisi, seit Jacopone, Ramön 
Lull und Bonaventura hätten die Franziskaner, so meinte Men&ndez 
y Pelayo, die Philosophie der Liebe in Erbpacht gehabt. In der 
Tat scheint Sanct Franciscus das menschliche Urbild allumfassender 
Liebe zu sein, er, der die Menschen und Tiere Brüder nannte, er, 
der Christum nicht nur in der Seele, sondern in sichtbaren Merk- 
malen am Körper mit sich trug, er, dessen Wahlspruch „Deus 
meus et omnia“ mit bündiger Kürze kundgibt, dafs seine Liebe 
nicht nur Gott gehört, sondern allem, was da auf Erden geschaffen 
ist. Warum aber der seraphische Liebesbaum gerade im Spanien 
des 16. Jahrhunderts die schönsten Blüten treiben sollte — son 
frailes menores espaoles los que escrıben los hbros mäs cläsıcos y 
bellos acerca del amor de Dios\ — das wird wohl seinen Grund 
darin haben, dals zum Impuls der Ordensgrundsätze auch noch die 
Triebkraft der nationalen und Zeitstimmung sich hinzugesellte. Unter 
Zeitstimmung verstehe ich dabei den Auftrieb der Gegenreformation, 
unter nationaler Stimmung hingegen die jene’ Jahrhundertmitte in 
Spanien charakterisierende „Angst um die Seele“, die aus den 
apokalyptischen Schrecken der europäischen Religionsgreuel ent- 
stand und in den ignatianischen Zxercitia spiritualia in bewunderns- 
werter Sublimierung Weckruf und Heilmittel, Erregung und Palliativ 
in einem fand. Fassen wir das Gemeinfranziskanische und aus ihm 
traditionell Überkommene in dieser spanischen Bewegung im Voraus 
kurz zusamammen, so läfst sich etwa sagen: aus der Schule des 
Bonaventura stammt der dreifache Grundzug spanisch-franziska- 
nischer Mystik, der darin zum Ausdruck kommt, dafs die voll- 
kommene Vereinigung mit Gott nicht eine Sache des Glaubens 
oder Erkennens, sondern der Liebe ist, dafs die Entzündung der 
mystischen Liebe einer Berührung des Seelenzentrums (des mittel- 
alterlichen Seelenfünkleins, dessen, was Teresa de Jesus den Kern 
der Seele, e/ espiritu nennt) durch die Flammenzunge der Trinitäts- 
taube gleichkommt, und dals endlich aus dieser Berührung die 
wahre ciencia de amor, das Wissen von der Göttlichen Liebe her- 
vorgeht. Was sich hinzufügt, ist zeitgenössisch -spanische, teils 
platonisch gefärbte, teils ganz individuell- persönliche Auffassung 
und Stimmung. 


3 Men£ndez y Pelayo, /deas estdiicas, Bd. 3, cap. 3. 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 303 


L 


Vorbote und Herold der franziskanischen Mystik im Spanien des 
16. Jahrhunderts ist Francisco de Osuna.! Selber zwar der letzten 
Vollendung nicht teilhaftig geworden und eigentlich nur ein mystisch 
orientierter Asketiker geblieben, hat er gleichwohl als erster in seinem 
Land den Versuch gemacht, die Vorbedingungen zu mystischer 
Sammlung planmäfsig darzustellen und dürfte mit wenigen Aus- 
nahmen allen Späteren als Führer auf den Pfaden kontemplativer 
Verinnerlichung gedient haben. Bei den Karmeliterinnen des 
Klosters San Jose in Avila ist noch heute das von Teresa de Jesüs 
benützte Exemplar von Osunas Hauptwerk zu sehen, in dem die 
mystische Nonne einzelne Stellen unterstrichen oder mit ihren 
gewohnten Merkzeichen (Fingerzeig, Herz, Kreuz) als beachtenswert 
hervorgehoben hat. Man ist inzwischen dem geistigen Verhältnis, 
in dem sie zu Osuna stand, genauer nachgegangen, und schon 
die Tatsache allein, dafs sie in seinen Schriften viel Belehrung und 
Zweifellösung gefunden hat, mufs ihn besonderer Beachtung wert 
erscheinen lassen. 

Er stammte aus Osuna, wo seine Eltern dem Dienstpersonal 
des Don Juan Tellez Girön, Grafen von Urefia, angehörten und 
wo er um 1497 zur Welt kam. Als Knabe durfte er den Vater 
nach Afrika begleiten und Zeuge der Einnahme von Tripolis durch 
die Spanier sein (Juli 1510). In den Franziskanerorden eingetreten 
und des regulären theologischen Studienganges teilhaftig geworden, 
erregte er alsbald die Aufmerksamkeit seiner Oberen durch seine 
besondere Begabung: für asketisches Schrifttum, und es wurden 
ihm hinfort alle Hindernisse in dieser Beziehung grolszügig aus 
dem Wege geräumt. Etwa 30jährig hatte er bereits den ersten 
Band seines weitschichtig angelegten Hauptwerks (Primer Abecedario 
espiritual, 1525) erscheinen lassen. Als Vertreter seiner Ordens- 
provinz auf verschiedenen Generalkapiteln kam er nach Toulouse 
und Paris, durchreiste im Anschluis daran die Niederlande, besuchte 
Köln und Aachen, wobei Land und Leute dieser bewegten Zeiten 
manch tiefe Eindrucksspur in seinen Anschauungen und Schriften 
hinterliefsen. Wann er starb, ist nicht sicher bekannt; nur so viel 
steht fest, dafs er 1542 schon nicht mehr unter den Lebenden 
weilte. 

In der Reihe seiner teils lateinisch, teils spanisch geschriebenen 
Werke nimmt der sechsteilige Abecedario espiritual ohne Zweifel die 
erste Stelle ein. Es ist ein Monumentalwerk spanisch - asketischen 


1 Die wissenschaftliche Literatur über ihn ist (wie bei allen spanischen 
Asketikern und Mystikern, Teresa de Jesüs und Juan de la Cruz ausgenommen) 
von aufserordentlicher Spärlichkeit. Alles mufs da auf Grund eigener Forschung 
und fast nur an der Iland der Quellentexte erarbeitet werden. Man vergleiche 
über ihn etwa Ed. Böhmer, Zrancısca Herndndes und Frai Francisco Ortis, 
Leipzig 1865, pag. 249. Texte stehen in Auswahl in Nueva Biblioteca de Autores 
espafloles Bd. 16 und bei E. A. Peers, Sdanısk Mysticism, a preliminary Survey, 
London 1924, pag. 59 und 179. 


304 LUDWIG PFANDL, 


Schrifttums, nicht nur was den Umfang und den Gedankenreichtum 
betrifft, sondern auch im Hinblick auf seine Verbreitung, die allein 
schon aus der grolsen Zahl der Nachdrucke in den verschiedensten 
Städten der Halbinsel ersichtlich wird.1 Sechsteilig, so liest man 
gelegentlich, sei er allerdings nur in der ihm von den Verlegern 
willkürlich gegebenen Form, denn Osuna habe ursprünglich und 
eigentlich nur drei Teile geplant, und alles übrige sei eine durch 
den buchhändlerischen Erfolg veranlafste Zusammenfassung hetero- 
gener Schriften durch geschäftstüchtige Drucker. Allerdings ist 
schon die Quarta Parte nicht mehr nach dem Alphabet voran- 
gestellter Sprüche geordnet, aber andrerseits hat die Quinta Parte 
in ihrer ersten Hälfte (nicht so freilich in der zweiten) wiederum 
die alte alphabetische Disponierung, ein Beweis einerseits dafür, 
dafs der Verfasser die ursprünglich dreiteilige Reihe in der be- 
gonnenen Form fortzusetzen willens war, andrerseits dafür, dals er 
nicht beabsichtigte, das Abc-Prinzip in allen einzelnen Teilen 
streng durchzuführen. Die vorbedachte Geschlossenheit des Planes 
ist freilich bei den ersten drei Adcedarios am vollendetsten. Der 
erste, que /rala de las circumstancias de la sagrada pasıdn del hijo de 
Dios, lehrt die Meditation; der zweite, donde se Iralan Jiversos exer- 
cicios, behandelt die asketische Selbstzucht; der dritte endlich 
meistert das innerliche Gebet und damit die höchste, der Askese 
Osunas erreichbare Stufe der Vereinigung mit Gott, oder wie er 
es ausdrückt, Ja via unitiva de carıdad vigilante con Dios. Diese 
drei Gedankenkreise, so will er es verstanden wissen, umschlössen 
die gesamte überhaupt mögliche Der/ecciön del hombre und, um die 
Steigerung in der Erhabenheit des Zieles und in der Verfeinerung 
der zu erreichenden Vollkommenheit anzudeuten, hat er sie echt 
volkstümlich mit einem Roggenbrot, einem Gerstenbrot und einem 
Weizenbrot verglichen. Adecedario I und U sind naturgemäls rein 
asketisch und können uns hier nicht weiter beschäftigen. Nur 
einiges sei angemerkt. Das erstere muls in seiner gründlichen 
Ausführlichkeit, warmherzigen Gefühlsvertiefung und packenden 
Darstellungsrealistik eine aufserordentlich erfolgreiche und volks- 
tümliche Meditationsschule geboten haben. Kapitel 3 des 5. Trak- 
tates erzählt mit erschütternder Anschaulichkeit, wie der Herr Jesus 
ans Kreuz geschlagen wurde. In Kapitel 8 des 2ı. Traktates ist 
der Schmerz ‚der Gottesmutter unter dem Kreuz in dermafsen 
realistischer Menschlichkeit dargestellt, dafs einer der Inquisitions- 


ı Die Bibliographie des Abecedario liegt leider sehr im Argen. Nach 
meiner Zusammenstellung erschienen im Laute des 16. Jahrhunderts mindestens 
insgesamt 22 verschiedene Ausgaben. Für die Popularisierung einzelner Teile 
in Deutschland trug namentlich der unermüdliche Aegidius Albertinus Sorge. 
Eine gesonderte Untersuchung verdient dessen Zlegellum diaboli oder des 
Teufels Gai/sl, darin gar lustig und artlich gehandelt wird von der Macht 
und Gewalt des bösen Feindes, von den Effekten und Wirkungen der Zauberer, 
Unholden und Hexenmaister, München 1602, das nach einem (heute gänzlich 
verschwundenen) spanischen Original des Francisco de Osuna übersetzt sein soll, 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 305 


Indices des 17. Jahrhunderts die Streichung dieser Stelle anordnete. 
Beachtenswert ist ferner, dals dieser erste Teil, im ganzen auf den 
Evangelienberichten aufgebaut und im einzelnen von wörtlich über- 
setzten Zitaten wimmelnd, ein echtes und rechtes Bibelvulgarisations- 
buch bildet. Die Selbstzuchtlehre des 2. Abcedario gipfelt in der 
Kunst, den eigenen Körper mit seinen irdischen Bindungen und 
Schwächen in scharfer Disziplin zu halten. Ein grandioses Höllen- 
gemälde, äufserlich und innerlich Zentrum und Höhepunkt bildend 
(Traktat ıı, Kap. 1—ı0), dient dabei als heilsamer Spiegel schlimmer 
Zukunft und fürchterlicher Ewigkeit. Da erfährt der leichtfertige 
Weltmensch mit Schaudern, wie das Sterben in der Hölle ein Dauer- 
zustand ist, wie hundert Todesarten zu einer einzigen werden und 
eine zu hunderten, wie unermessliche Traurigkeit herrscht, wie das 
infernalische Feuer brennt, wie es den Körper versehrt und doch 
nie und nimmer verzehrt, ja wie sogar die Seelen in der sengenden 
Marter dieses Glutenpfuhls sich winden. Ein Vergleich liegt nahe. 
Theresia von Avila hat wenige Jahrzehnte später ihren eigenen 
Platz in der Hölle in Form einer Vision gesehen. Aber nichts als 
unsägliche Einsamkeit, Enge, Dunkelheit und Trauer sind die Be- 
standteile und Merkmale ihres Infierno. Die realistisch-dynamische 
Phantasie des Asketikermönchs ist in die intuitive Verinnerlichung 
der Mystikernonne abgeklungen. 

Der 3. Abecedario, der einzige von allen sechsen, der nach 
mystischen Zielen Ausschau hält, gibt praktische Anleitung zum 
innerlichen Gebet, zur oracıön de recogimiento. Der Sammlung des 
geistigen Menschen geht seine sorgfältige Surgdtio voran. Die Ein- 
bildungskraft des Menschen mufs aller irdischen Dinge ledig werden 
und überdies zur Fähigkeit gelangen, sich gegen äufsere Einflüsse 
freiwillig abzuschliefsen. Die Begierde muls von allem Körperlichen 
ab und dem rein Geistigen zugewendet werden. Das Gedächtnis 
hat sich zur reinen Erinnerung an Gott und seine Wohltaten zu 
veredeln und kann so zur Quelle beständiger Gottsehnsucht und 
Hingabefreudigkeit werden; es mufs die Seele jener besonderen 
Eigenschaft der geistlichen Empfindsamkeit fähig machen, die sie 
gleichsam die göttlichen Dinge schmecken lehrt, und die dann den 
Willen auf eine Weise zu lenken imstande ist, dals er nur mehr 
durch die Liebe und für die Liebe zu handeln fähig wird. Der 
Verstand bedarf einer besonders scharfen Zucht; er muls in seinen 
praktischen und spekulativen Äufserungen zu schweigsamer Ruhe 
gebracht werden, damit er die Vorbedingung der eigentlichen 
Sammlung, das fensar nada erreiche. Dafs Plan und Aufbau der 
Abecedarios durchaus nicht so mechanisch und äufserlich sind, wie 
man es zuweilen verächtlich gerügt findet, und wie man aus der 
mehrmaligen Verwendung des Alphabets zum Zweck stofflicher 
Gruppierung schliefsen könnte, das sei an eben diesem wichtigsten 
Tercer Abecedario kurz dargelegt. Es zerfällt in einen Prölogo und 
23 Tratados, deren jeder durch einen Wahlspruch eingeleitet wird, 
der mit dem entsprechenden Buchstaben des Alphabets beginnt; 

Zeitschr. I. rom. Phil. XLVII, 20 


306 LUDWIG PFANDL, 


z.B. Anden siempre juntamente la persona y el espirilu, oder Benai- 
ciones muy fervienles frecuenla en lodas tus obras, oder Zela y guarda 
is persona y mezclards en todo a Dios. Nun aber ist die Ideen- 
gruppe des einzelnen tratado nicht etwa vom Sinn und Wortlaut 
dieses Spruches abhängig, sondern der Spruch wird mehr oder 
minder zwangsweise so gewählt, dafs er sich mit seinem Anfangs- 
wort in ein laufendes Abc einfügt, zugleich aber den Inhalt des 
ihm folgenden tratado annähernd deckt. Sowie man die alpha- 
betische Zwangsreihe der Sprüche ignoriert, hebt sich bei einiger 
Überlegung und der nötigen Vertrautheit mit dem Gegenstand der 
eigentliche Plan klar und deutlich ab. Der Prölogo nebst tratado 
ı und 2 bilden die allgemeine Einleitung und handeln in kurzem 
Überblick von Vorbedingung, Natur und Wirkung des recogi- 
miento. Tratado 3 mit 23 geben sodann die ausführliche und im 
einzelnen vertiefte Darstellung des solchermafsen kurz voraus- 
charakterisierten Gegenstandes. Und zwar entwickeln 3 mit 9 die 
Vorbedingung als Loslösung des Menschen von allen welt- 
lichen Dingen, ıo mit ı6 die Einstellung auf das Göttliche, ı7 
mit 23 die kontemplative Besitzergreifung von Gott durch 
die Seele. Gehen wir noch genauer auf die verschidenen Gruppen 
ein, so zeigt sich, dafs bei 3 mit 9 die Loslösung sich progressiv 
zu erstrecken hat auf Sinneseindrücke und Gefühle, auf Erfahrung 
und Gewohnheit, und dafs sie am besten effektiv wird in tätiger 
Selbstkontrolle, in Hingabe an einen geistlichen Berater, in geistiger 
und körperlicher Zurückgezogenheit. Es zeigt sich sodann, dafs 
bei ıo mit ı6 die Hinlenkung auf das Göttliche stattfindet mittels 
der asketischen oder kontemplativen Tränengabe, mittels der trai- 
nierten Gedächtniskraft, mittels des (unübersetzbaren) gus/o espiritual, 
der beim echt kontemplativen Geist die rein verstandesmälsige 
Betätigung zu verdrängen und so das fensar nada zu einem tat- 
sächlichen Zustand zu gestalten hat; dafs ferner das Gebet der 
Seele als Weg, die Liebe aber als treibende Kraft zu dienen hat. 
Es zeigt sich schliefslich, dafs bei ı7 mit 23 als Wirkung zu Tage 
tritt: Gott im Körper, oder Nachfolge Christi in der Abtötung; 
Gott in der Seele oder Verinnerlichung, Demut, Triumph über die 
Versuchungen, Gewissensruhe und schlielslich unerschütterlicbe 
Beständigkeit in der erreichten Vollendung. 

Ähnlich sind, wie gesagt, alle übrigen Abecedarios aufgebaut, 
soweit ihnen die (nur scheinbar mechanisierend wirkenden) Spruch- 
alphabete zugrunde liegen. Das vierte, er que se fralan los mislerios 
y preguntas y exercicios del amor, gehört stofflich der Moraltheologie 
an, während es technisch nach homiletischen Zielen strebt; mit 
anderen Worten: es erörtert in ausführlicher Gruppierung den 
Begriff und Gehalt der christlichen Liebe (in der Theologie be- 
kanntlich charılas, von Osuna aber noch kurzweg amor genannt), 
geht aber zugleich bei jedem einzelnen Kapitel davon aus, für 
welchen Tag oder Anlafls des Kirchenjahrs der jeweilige Ideen- 
komplex zu Predigten geeignet ist. Beachtenswert erscheint mir, 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 307 


dafs sich unter den zitierten Quellen (Bibel und Kirchenväter vor 
allem) keine einzige platonische, also weder der Grieche selbst, 
noch auch Plotin, Castiglione oder Leon Hebreo, befindet; sie alle 
bildeten für Francisco de Osuna eine heidnische und darum fremde 
Welt. Das fünfte Abcedario, wiederum reichlich Bibelstoff enthaltend 
und ausschliefslich der Standes- und Sittenlehre gewidmet, ist im 
ersten Teil ein Trostbüchlein für die Armut, im zweiten ein Warnungs- 
büchlein für den Reichtum. Inhaltlich nahe verwandt damit erweist 
sich eine wenig bekannte andere Schrift des Verfassers, der Norte 
de los estados, der den drei Ständen (esfados) der Ledigen, Verehe- 
lichten und Verwitweten ein Leitstern (rzorie) sein will, in Dialog- 
form gehalten ist und, nebenbei bemerkt, mit Unrecht gänzlicher 
Vergessenheit anheimgefallen zu sein scheint. Über das sechste 
und letzte Abcedario endlich, das nach den Bibliographien den 
Nebentitel führt: que trata de las llagas de Jesucristo para exercicio 
de lodas las fersonas devotas, vermag ich keinerlei Urteil abzugeben, 
da ich es nicht zu Gesicht bekommen habe. 

Was allen Schriften Osunas gemeinsam ist und wodurch ins- 
besondere sein Riesenwerk der Abecedarios auch literarisch wertvoll 
und für seine frühe Zeit merkwürdig bleibt, scheint mir dieses: 
der Reichtum seiner Gedanken vor allem, und dann die über- 
quellende Beredsamkeit, mit der dieser ungezügelte Feuerkopf die 
Fülle der auf ihn einstürmenden Ideen unruhig umkreist und durch- 
leuchtet, die Art, wie er sie dreht und wendet und mit immer 
neuem Ansprung an ihre wortreiche Deutung geht. Osuna war 
Andalusier und trug die Kutte des populärsten, am engsten mit 
der Mittel- und Unterschicht verbundenen Ordens, des franzis- 
kanischen. Das erklärt vielleicht am besten den volkstümlich- 
familiären, zuweilen in Trivialität entartenden Ton seiner Schriften, 
von dem als Probe und Beispiel der Vergleich gelten mag, dafs 
die Seele im wachsenden Zustand der Sammlung anschwelle wie 
ein Handschuh, den man aufbläst (como guante cuando soplan dentro). 
Franziskanisch ist auch die Grundidee seines Hauptwerks, des 
Tercer Abecedario: alles durch Liebe und um der Liebe willen. 
Aus ihr erflielst gleichzeitig der an sich strengen Lehre eine 
wesentliche Milderung. Nicht durch Zwang und Furcht soll die 
Seele geleitet werden, sondern durch die Freude (siempre estar 
803050 y alkgre); auch ein Seufzer zur rechten Zeit ist ein gut 
menschlich Ding, denn der beste Bogen bricht, wenn er nicht zu- 
weilen entspannt wird. Miguel Mir, der den Tercer Abecedario 
in einem modernen Neudruck zugänglich gemacht hat, hält den 
Francisco de Osuna für einen escrilor mistico, no leörico sino Praäclico 
0 praciiiante de lo que escribid6, mit anderen Worten, für einen nicht 
nur spekulativen, sondern auch empirischen Mystiker. Das bedarf 
natürlich insofern der Einschränkung, als ja Osuna in seiner Lehre 
über einen bestimmten mystischen Vorbereitungszustand, den des 
recogimiento oder der Kontemplation nicht hinausgelangt ist. Ihn 
als Mystiker zu bezeichnen, heifst darum von vornherein dem Wort 


20* 


308 LUDWIG PFANDL, 


eine vage, seltsam überdehnte Bedeutung beilegen. Dafs er hin- 
gegen das, was er lehrte, nicht aus Büchern, sondern aus eigener 
seelischer und religiöser Erfahrung kannte, das wird man im Hin- 
blick auf den Ton warmherziger Überzeugtheit, in dem er es vor- 
trägt, und im Hinblick auf mancherlei eingestreute persönliche 
Geständnisse nicht bezweifeln dürfen. 

Der 22jährigen Theresia von Avila hatte ihr Onkel Pedro ein 
Exemplar des Tercer Abecedario zum Geschenk gemacht. No sabia, 
so berichtet sie später, cdmo proceder en oracıdn ni c6mo recogerme, 
y asi holgudme mucho con El y determineme a seguir aquel camıno con 
fodas mis fuerzas (Vida, cap. 4), Die junge Nonne wurde also 
durch das Buch des Franziskaners so recht erst in die asketische 
Gebetspraxis eingeführt. Mit Recht wird man annehmen dürfen, 
dafs dabei insbesondere auch die Anregung zu Freude und Froh- 
sinn bei aller Askese der von schweren Skrupeln gequälten Anfängerin 
viel tröstliche Förderung gebracht habe. Sie hat den ihr lieb- 
gewordenen stummen und doch so beredten Ratgeber zeitlebens 
nicht mehr von sich gelassen, und der dicke Quartband mit den 
gotischen Lettern behielt seinen dauernden Platz in ihrer Zelle. Er 
war ja seiner ganzen Einteilung nach zu beschaulicher Gelegenheits- 
lektüre besonders geeignet, denn die einzelnen Tratados bildeten 
fast lauter in sich geschlossene Abhandlungen, von denen jede 
auch für sich allein studiert werden konnte. So hat es wohl auch 
Theresia gehalten und, selbst als sie über Osunas Gebetslehre 
hinausgewachsen war, sich immer wieder Rat und Anregung im 
Abecedario geholt. Aus ihm stammt beispielsweise ihre gesamte 
Tränenlehre, oder etwa das bedeutsame Kapitel 22 der Vida, und 
zahllos sind die weniger wichtigen Gesichtspunkte und Ideen, die 
sich in beiden Autoren als streng identisch und gemeinsam erwiesen 
haben. Freilich darf man sie als Gesamtpersönlichkeiten nicht mit- 
einander vergleichen wollen, denn an dem gemessen was Theresia 
erreichte, ist Streben und Lehre des Fray Francisco nichts als ein 
mühseliges Ringen mit der zähen Materie des Willens. 


DI. 


Nicht so sehr durch Art und Umfang seiner Schriften, als 
durch Predigt, Tat und Beispiel religiöser Zucht und Verinnerlichung 
wirkt der Älteste der eigentlichen Franziskanermystiker, Pedro 
de Alcantara! (1499— 1562). Aus altem Adelsgeschlecht geboren 
und an der Universität Salamanca vorgebildet, kennt er von Jugend 
auf keinen anderen Lebenszweck als in strengster Entsagung und 
Frömmigkeit dem Herrn zu dienen, tritt sobald es die Jahre erlauben 
in den Orden der Minoriten ein und gewinnt durch die fammende 


i Über ihn vergleiche man etwa O. Zöckler in Zeitschrift für die gesamte 
Jutherische Theologie, Bd. 25 (1864), pag. 37, und E. A. Peers in Bulletin 
of Spanish Studies, Bd. 3 (1926), pag. 60. 


li. m m m 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 309 


Glut seines Gebetslebens, durch die unerhörte Kasteiung seines 
Leibes, durch die eindringliche Macht seiner Predigten einen ge- 
waltigen Einflufs nicht nur auf seine Ordensbräder, sondern auch 
an den verschiedenen Stätten seines Wirkens auf das religiöse 
Leben von Volk, Adel und Hofgesellschaft; das letztere beispie]s- 
weise zu Lissabon in der Umgebung des Königs Johann Il. Er 
ist das lebende Beispiel jener asketischen Mönchsgestalten, wie sie 
die spanischen Maler und Bildhauer so unnachahmlich sprechend 
in ihren Kunstwerken verewigt haben. 40 Jahre lang, so erzählt 
uns Theresia (Vida, cap. 27 und 30) schlief er nur anderthalb 
Stunden des Nachts, immer im Sitzen, und afs gewöhnlich nur 
jeden dritten Tag, mit der Begründung gue muy posible era a quien 
se acostumbraba a elle. Nie trug er Kopfbedeckung noch Schuhe 
oder Sandalen, dafür aber ein blechernes Bulshemd auf der blo[sen 
Haut. Als ihn Theresia kennen lernte, war er so hager und aus- 
gemergelt, dafs es ihr schien (man beachte die bildmälsige Kraft 
des Vergleiches!) als ob er aus lauter Baumwurzeln bestünde. 
Karg an Worten, war er gleichwohl muy afable y muy sabroso, porque 
tenia muy lindo entendimiento. Als sein letztes Stündlein nahte, re- 
zitierte er frohlockend den Psalm Zaefatus sum und kniend gab er 
seinen Geist auf. Der von ihm verfalste Zraliado de Ja oracıdn y 
medilacıön ist ein meisterhaftes Lehr- und Handbüchlein betrachtender 
Gebetsübung. Als Grundlage dient ihm zweiffellos der Adecedario 
espiritual des Francisco de Osuna. Aus ihm entwickelt Pedro seine 
mystische Art und Auffassung des Herzensgebets, einer Kombination 
der verstandesmäfsig reflektierenden und gefühlsmäfsig empfindenden 
Andacht, die in dieser Vereinigung die Seele zu innigster Gemein- 
schaft mit Gott emporheben soll. Für ihn führt der Weg von 
der Verstandesbetrachtung (medilacidn) zur Herzensbetrachtung (cor- 
templaciön). Jene denkt, überlegt, erwägt mit den Verstandeskräften, 
diese fühlt, strebt und erhebt sich mit Wille und Affekt. Die eine 
sucht, die andere findet, die eine ist Mittel, die andere Erfüllung 
und Vollendung. In der contemplaciön fällt der zündende Funke 
der Gottesliebe in die Seele, und nun schlielst sich der mystische 
Beter gleichsam in sich selber ein, deniro de si mismo en el centro 
de su dnima, donde esid la imagen de Dios, y alli esid atenlo a El como 
que en todo lo criado no hubiese otra cosa sino sola ella y solo dl. Liebe 
aber ist Summe und Inbegriff aller mystischen Gottvereinigung. 
Ekstasen und ihre Begleiterscheinungen sind nur verschiedene 
Intensitätsgrade der vollzogenen Liebesentflammung. In dem 
Schriftchen ZPeticidn especial de amor de Dios hat dann dieses Streben 
nach mystischer Gottesliebe und das Wissen um sie noch eine 
besonders vertiefte und sorgfältige Ausdeutung erfahren. 

Wenn auch aulserhalb Spaniens in ähnlicher Form bereits bei 
den mittelalterlich-franziskanischen Mystikern durchdacht und erlebt, 
stellen diese Gedankenreihen, Ratschläge und Anregungen gleich- 
wohl für spanische Verhältnisse etwas der Allgemeinheit in dieser 
präzisen Fassung Neues dar, und die beredte Schlichtheit, mit der 


310 LUDWIG PFANDL, 


Pedro de Alcäntara, von innerer Wärme und Überzeugungstreue 
glühend, seine Sache vertritt, haben im Verein mit dem Rufe seines 
heiligmälsigen Lebens und dem Erfolg seiner Predigertätigkeit nicht 
wenig zur Popularisierung des Tra/ado de la oracıdn beigetragen. 
Um 1540 verfalst, erlebt das Schriftchen ein Jahrhundert lang fast 
jedes Dezennium eine Neuauflage und ist bereits 1583 in italienischer, 
ı605 in deutscher, 1607 in lateinischer, 1622 in französischer Über- 
setzung verbreitet. Die Form des kombiniert reflektierenden und 
empfindenden Gebets bildet späterhin, als Pedro das Ideal seines 
klösterlichen Asketenlebens in der mit päpstlicher Gutheilsung 
erfolgten Neugründung eines Ordenszweiges strengster Observanz 
(der Rekollekten oder Alkantariner) verwirklicht sieht, einen wesent- 
lichen Bestandteil der von ihm entworfenen neuen Ordensregel. 
Luis de Granada benützt das Büchlein für seinen Libro de la 
oracıdn y meditacidn (manche wollen ihn sogar umgekehrt als den 
eigentlichen Verfasser, den Pedro de Alcäntara aber als den Nach- 
ahmer gelten lassen), und Theresia von Jesus hat reiche Förderung 
für ihr Gebetsleben aus ihm gezogen. Ihr ist aufserdem Fray Pedro 
nicht nur ein tatkräftiger Helfer bei ihren Klostergründungen, sondern 
auch ein liebevoller Seelenführer und Berater gewesen. Von ihr 
allein wissen wir, dafs er auch ein reicher Erfahrungsmystiker war 
und gewaltiger Verzückungen teilhaftig wurde, deren einer Theresia 
selbst als Augenzeuge beiwohnte. Er darf uns ferner als anschau- 
liches Beispiel dafür gelten, wie die mystische Lehre nicht nur 
durch das Schrifttum, sondern auch von der Kanzel aus den Weg 
zum Herzen des Volkes finden konnte. 


ul. 


Nach franziskanischer Auffassung erwächst die wahre ciencia 
de amor, das Wissen um jene Tugend, vermöge deren wir Gott nicht 
nur über alles um seiner selbst willen lieben, sondern eine förm- 
liche seelische Liebesvereinigung mit ihm eingehen, aus einer Liebes- 
entflammung jenes geheimnisvollen Seelenzentrums, in dem Gott 
uns innewohnt. Nun gibt uns ein anderer dieser spanischen Fran- 
ziskanermystiker eine ausführliche Erläuterung dieser cıencia de amor; 
sagt uns, mit anderen Worten ausgedrückt, wie dieses Wissen um 
die Liebe sich einem darstellt, in dessen Innerstes dieser zündende 
Funke eingeschlagen hat. 

Diego de Estella (1524—78), ursprünglich Ballesteros y Cruzas 
geheifsen, stammte aus dem Städtchen Estella im alten Königreich 
Navarra. In Toulouse und Salamanca vorgebildet, beendete er 
seine Studien in der letzteren Uhniversitätsstadt, nachdem er eben- 
dort das franziskanische Ordenskleid der Minoriten älterer Observanz 
angetan hatte. Sein Ruf als Kanzelredner und seine asketische 
Frömmigkeit erwarben ihm das Vertrauen hoher Persönlichkeiten. 
Er wurde Hofprediger des Königs, Beichtvater des Kardinals Granvela, 
Freund und Berater des mächtigen Ruy Gömez de Silva, an dessen 
Seite er geraume Zeit in Lissabon tätig war. Nach dem Tode 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 311 


dieses seines Gönners zog er sich in die Stille seines heimatlichen 
Klosters zurück, nicht ohne mancherlei Bedrängnissen und Quälereien 
von Seiten milsgünstiger Ordensmitbrüder ausgesetzt zu sein, eine 
notwendige Begleiterscheinung der damaligen Ordensreform und 
der mit ihr verbundenen Spaltung in Anhänger der strengen und. 
der milden Observanz. Die Frucht dieser nicht ganz friedvollen 
Mufse waren neben verschiedenen lateinischen Traktaten seine 
zwei spanischen Hauptwerke, die Vanidad del mundo (1574) und 
die Czen meditaciones del amor de Dios (1576). Wir dürfen hier von 
einer Betrachtung der ersteren dieser beiden Schriften Abstand 
nehmen, weil sie rein asketisch ist und nur die Abkehr vom Irdischen, 
die Sündhaftigkeit alles Weltlichen und die Vergänglichkeit alles 
Menschlichen predigt. Höchst bedeutsam ist hingegen für uns die 
zweite, weil sie eine aus franziskanischer Mystik erwachsene Liebes- 
lehre bildet. Räumliche Beschränkung zwingt uns freilich, gleichsam 
nur die Quintessenz daraus zu extrahieren und mancherlei Wichtiges 
ungesagt zu lassen. 

Die natürliche Erkenntnis der Notwendigkeit menschlicher Liebe 
zu Gott bedarf keiner besonderen Erleuchtungsgnade. Alle Geschöpfe 
rufen uns zu, wir sollen Gott lieben, und an jedem einzelnen von 
ihnen nehmen wir eine Zunge wahr, die seine Güte und Gröfse 
verkündet. Die Schönheit des Himmels, der Glanz der Sonne, das 
Strahlen der Sterne, die strömenden Wasser, das Grün der Auen, 
die Buntheit der Blumen, alles was seine göttlichen Hände schufen, 
fordert uns auf, ihn zu lieben. Wir können unsere Augen nicht 
öffnen, ohne Beweise seiner höchsten Weisheit zu erblicken, wir 
können unsere Ohren nicht auftun, ohne Herolde seiner Güte zu 
vernehmen. Das ist eine Weisheit, die allen erreichbar ist, soweit 
sie guten Willens sind, ein Wissen, das sich für alle schickt, sofern 
sie nicht mit Absicht ihr Herz verhärten. Wer hingegen den 
zündenden Funken der göttlichen Liebe gespürt hat, bei dem wird 
sich das tiefere Wissen um die besagte Notwendigkeit etwa folgender- 
malsen gestalten: 

a) Gründe. Gott muls vor allem ob seiner Güte geliebt 
werden. Denn er lälst die Sonne aufgehen über Gute und Schlechte, 
läfst regnen über Gerechte und Ungerechte. Er hat die Sünderin 
nicht verachtet, die ihn im Haus des Pharisäers aufsuchte, er hat 
sich vor der Ehebrecherin nicht verborgen, die man ihm im Tempel 
zuführte, er hat den Schächer nicht verstolsen, der ihn am Kreuze 
anrief. So du diese Güte erkannt und recht verstanden hast, wirst 
du nicht aufhören, in brennenden Seufzern deine Seele zu ihm 
emporzusenden, damit sie sich im Feuer der unendlichen Liebe 
zu ihm verzehre.. Gott mufs aber auch wegen seiner Schönheit 
geliebt werden. Denn die Schönheit der Geschöpfe vergeht und 
endet in ihrer besten Zeit, aber die Schönheit des Schöpfers währet 
immerdar und besteht mit ihm selber. Die Dinge, die der Mensch 
schätzt und begehrt, haben im Vergleich mit dem Adel seiner 
Seele ihren Wert nur dadurch, dafs sie begehrt werden, während 


312 LUDWIG PFANDL, 


Gott allein die ursächliche Schönheit ist, aus der alle anderen 
Schönheiten ihre Reize herleiten. Verstand und Wille aber reifsen 
den Menschen ob solcher Erkenntnis mit eiligem Ungestüm zur 
Liebe derartiger Vollkommenheit und Schönheit empor. 

b) Intensität. Wie Gott geliebt werden muls, das zeigt er 
uns selbst. Denn, obschon er alles nach Zahl, Mafs und Gewicht 
geordnet hat, so hat er sich gerade in seiner Liebe zu uns kein 
Mafs und Ziel gesetzt. Hier allein ist er über alle Berechnung 
und alle Begriffe hinausgeschritten, denn er hat aus Liebe den 
Gerechten für den Sünder hingeopfert, den Schöpfer sterben lassen, 
damit das Geschöpf lebe. Wo ein Tropfen des Erlöserblutes genügt 
hätte, da hat er Ströme vergossen, wo ein Funke hingereicht hätte, 
da hat er ein Flammenmeer der Liebe entzündet. Darum kann 
die Gegenliebe des Menschen nicht anders als ihn sich selber ent- 
fremden, ihn aus seiner Hülle ziehen und aulser sich bringen, ihn 
entrücken und im Feuer der Entrückung verzehren. 

c) Stufenfolge. Dreiteilig ist die Liebesleiter, auf der der 
schwache Mensch zu seinem Gott emporklimmt. Zu unterst liebst 
du nur dich selbst und aufser dir Geschaffenes nach Wahl und 
Neigung ; denn immer steht in allem Irdischen die Unvollkommenheit 
am Anfang und die Vollkommenheit erst am Ziele. Dann erkennst 
du Gottes Güte, Weisheit und Allmacht gegen dich und gegen 
die Geschöpfe, und du liebst ihn um deinetwillen, weil du seiner 
bedarfst und das was du liebst nicht ohne ihn besitzen könntest. 
Zuletzt schwingst du dich, ein Wissender, dazu auf, ihn allein um 
seinetwillen zu lieben. Nun erst hat die Seele erstiegen was sie 
zu ersteigen hat, und ist wo und wie sie zu sein hat. Das ist 
das Ziel, an dem der Mensch gänzlich sich selbst und alle Dinge 
vergilst, hingerissen und in seinen Gott verwandelt wird. 
Denn darin offenbart sich die grofse Würde des Menschen vor 
allen anderen Geschöpfen, dafs er sich durch die Liebe in jeden 
noch so höheren oder niedrigeren Gegenstand, als er selber ist, 
umgestalten und verwandeln kann. 

Das ist das Wissen um die Liebe, wie es dem seraphischen 
Geiste des Fray Diego sich darstellt, zweiffellos sublimer Gedanken, 
feuriger Inspiration, edler Überzeugtheit voll. Und doch gesteht 
er, dafs er das Letzte nicht zu sagen vermag. Die Zunge redet, 
denn auf andere Weise geschieht dem Verlangen kein Genüge. 
Aber es demütigt sich der Verstand, schlägt die Augen nieder und 
bekennt, dafs er soviel Helle nicht ertragen kann; dafs, wenn er an 
Gott denkt und von ihm spricht, es nicht geschieht um zu begreifen, 
sondern um den Willen noch mehr zu der Flamme zu entzünden, 
deren Wärme jetzt empfunden wird, deren Helle aber erst in jenem 
Reiche sichtbar wird, welches das himmlische Jerusalem heifst. 


IV. 


In Leben und Charakter unterscheidet sich wesentlich von 
Pedro de Alcantara und Diego de Estella, denen er an erhabener 


(ui HE Sr mo mer un rn - -_ 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 313 


Reinheit seiner Grundsätze gewils nicht nachsteht, der dritte dieser 
franziskanischen Mystiker, Juan de los Angeles (1536—1609). In 
ihm ist nichts von der fast fanatischen Askese, die den einen 
zum wahren Heros des Leidens und Kasteiens macht, auch nichts 
von der verzehrenden Glut der Andacht und Jenseitssehnsucht, 
die an dem anderen wie ein unstillbares Fieber nagt. Er stammte 
(mit seinem weltlichen Namen Martinez geheifsen) aus dem Nest 
La Corchuela bei Oropesa, trat, nachdem er den regulären Studien- 
gang durchlaufen hatte, in den von Pedro de Alcäntara reformierten 
Minoritenorden ein, wurde innerhalb desselben wiederholt zu hohen 
Ehrenstellen berufen und überdies zum Hofprediger der Kaiserin- 
Witwe Maria, der Schwester Philipps U, ernannt. Milde sonnige 
Ruhe liegt über seinem Leben und seinen Werken ausgebreitet. 
Das Ringen mit der Einbildungskraft, um das Empfundene der 
Fassungsgabe des Laien verständlich in Bildern zu symbolisieren, 
und das Ringen mit der Sprache, um das in Bilder umgedachte 
anziehend und fafslich auszudrücken, das in Schmerzen Gebären 
der grofsen Mystiker ist bei ihm ein friedlich-frohes Spiel. Innige 
Zartheit der Gefühle, die oft an die Weichheit der Teresa de Jesus 
erinnert, einfältig blühende Phantasie, die sich beschaulich an 
stimmungsvollen Vergleichen freut, ! zierlicher Wohlklang der Sprache, 
die wie ein süfses Narkotikum wirkt, und bei allem ein gänzliches 
sich nach Innen wenden, eine freudig-warme mystische Andacht 
geben den Schriften dieses freundlich-milden Seelenführers etwas 
ungemein Sympathisches, jene schwer in Worte falsbare Anziehungs- 
kraft, die Menendez y Pelayo ganz unübertrefflich mit dem Sätzchen 
ausgedrückt hat: no es posible leerle sin amarle. Es ist auch gar 
nichts Heroisches an ihm, obgleich Eroberungen, Königreiche, Heere, 
Waffen, Krieg, Kampf und Triumph zu seinen beliebtesten Ver- 
gleichsbildern gehören, obgleich seine Phraseologie mit Wörtern 
der Konquistadorensprache auf das Reichlichste durchsetzt ist, 
obgleich endlich schon die Titel seiner Werke wie kriegerische 
Fanfaren klingen. Es war das mehr ein Bestreben, dem Geist 
seines heroischen Zeitalters gerecht zu werden, ein Versuch, mit 
altvertrauten Bildern neue Begriffe zu umschreiben. Wie hätte auch 
Fray Juan ein waffenklirrender Eroberer sein können, er dessen 
einziges Ziel und Streben die echt franziskanische Liebe war. 
Unter den spanischen Mystikern ist er zweifellos einer der 
eifrigsten Seelentheoretiker, freilich auch unter den besten der am 
wenigsten eigenartige, da er sich gar zu eng teils an Platons Liebes- 
theorie, teils an Bonaventura, Tauler und Ruysbroeck (den er 
Rusbrochio nennt) und ihre Psychologie anschlielst. Das bevorzugte 
Gebiet seiner Vollkommenheitslehre ist das Innenleben, dessen Sitz 
und Mittelpunkt er in der Seele, dem Reich Gottes (e/ alma o reyno 


ı Die Wanderung der Jungfrau Maria, die gesegneten Leibes zu ihrer 
Base Elisabeth geht, vergleicht er mit der ersten Fronleichnamsprozession, bei 
der sich Bäume nnd Sträucher am Wege ehrfürchtig neigten und an der un- 
sichtbar der ganze himmlische Hofstaat teilgenommen habe. 


314 LUDWIG PFANDL, 


de Dios) sieht. Nicht das /orcer la cabeza, componer las manos, modestar 
y bajar los ojos, encoger los hombros, hablar por compäs y en tono devolo, 
medır los pasos, nicht das confesar y comulgar a menudo por el pundonor 
ist Weg und Ziel des Gnadenlebens, sondern das andar dentro de 
si mismo, das componer el hombre interior. Worbedingung dazu ist, 
dafs der Mensch sich über das Wesen der Seele im klaren sei, 
darüber vor allem, dafs sie nichts anderes ist als jenes innerste 
Winkelchen oder Gipfelchen (bald Aondon, bald dfice) des Bewulst- 
seins, das in Ruhe und Todesschweigen befangen, von der Aulsen- 
welt gänzlich abgeschlossen, nur das Bild Gottes enthält, oder 
einfacher ausgedrückt, jener Komplex unseres Bewulstseins, der das 
Wissen von Gott und den Glauben an ihn umschliefst. Das Mittel 
der Seelenverlebendigung, das heilst des verständnisvollen Ein- 
dringens in jenen Aonddn, ist einzig die Liebe Nun liebt aber 
der Mensch auf dreifache Art, mit den Sinnen (Akomdre animal), 
mit der Vernunft, das ist mit der Fähigkeit, gut und böse, wahr 
und falsch zu unterscheiden (Aomdre racional) und endlich mit den 
seelischen Kräften des hierin gottähnlichen Wesens, der Intelligenz 
im eigentlichen und höchsten Sinne (Aombdre divinizado). Also legt 
sich Juan de los Angeles die platonische Liebestheorie zurecht 
und sucht mit ihrer Hilfe das christliche Gebot zu erklären: du 
sollst deinen Gott lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deinem 
ganzen Gemüte und mit allen deinen Kräften. Nicht etwa nur 
die letzte und vollkommenste der drei Arten zu lieben, genügt 
für den Menschen, um in den vollsten Besitz des Seelenkämmerleins 
zu gelangen, nein, es müssen sich vielmehr alle drei Arten der 
Liebe vereint auf das göttliche Wesen konzentrieren, die erste von 
der Welt sich abkehrend und die Sünde meidend, die zweite den 
Glauben festigend und das Vertrauen stärkend, die dritte alle 
geistigen Fähigkeiten und edien Affekte nach Innen sammelnd 
(hier offenkundiger Einfluls der drei mystischen Stufen purgatio, 
illuminatio, unio), um die süfse und reine Liebe zu erzeugen, die 
jene Vereinigung mit Gott in der Seele, die conguista del reyno de 
Dios en el alma vollzieht. Diese unio mystica hat zwei Formen: 
die Umwandlung der Scele, und die Verzückung. Die erste geht 
vor sich mittels einer Entflammung des innersten Seelenzentrums 
durch die Glut der göttlichen Liebe; sie bleibt, wenn einmal 
erreicht, ein dauernder Zustand, während die zweite ein einmaliger 
‘und wiederholbarer ekstatischer Akt ist, dem sich akzidentelle 
Phänomene verschiedener Art beigesellen können. Die feinfühlige 
Zergliederung des mystischen Innenlebens in den verschiedenen 
Stadien seiner Entwicklung — Mittelpunkt ist immer die liebende 
Seele — bildet auch den Gegenstand der grölseren Werke des 
Juan de los Angeles, zunächst der Zriunfos del amor de Dios (1590), 
die später in der Zucha espirilual y amorosa entre Dios y el alma 
(1600) eine verbesserte Umarbeitung fanden, und dann der Dialogos 
de la conquista del espirilual y secreto reino de Dios (1595), denen 
(1608) noch ein zweiter Teil, der Manual de vida perfecla folgte. 


FRANZISKANISCHE MYSTIK DES 16. JAHRH. IN SPANIEN. 315 


In ihnen allen stellt der Autor ohne Umschweife hohe Anforderungen 
an seine Leser, indem er ihnen beispielsweise in der Vorrede zur 
Lucha espiritual erklärt: no es de todos esta doctrina, sino de aquellos 
que ya pasaron por los exercicios de la via furgativa e ıluminalıva. 

Juan de los Angeles ist vor allem Moralist und Psychologe; 
insbesondere überrascht er durch die Wahrheit und Tiefe seiner 
Affekt-Analysen. Er geht im übrigen, wenn auch durch mancherlei 
christliche Autoren wie Bonaventura oder Ruysbroeck und Tauler 
stark beeinflufst, getreulich in den Bahnen Platons. Die Grund- 
gedanken des Griechen, dafs die Wissenschaft von der Liebe die 
gesamte Sitten- und Seelenlehre umfasse, und des weiteren, dafs 
die Hauptwirkung der Liebe darin bestehe, dafs sie den Liebenden 
in den Gegenstand seiner Liebe förmlich verwandelt, hat er sich 
ganz und gar zu eigen gemacht. Seine Mystik ist im übrigen mehr 
spekulativ als empirisch. Das Selbsterlebnis liegt ihm nicht so sebr 
im Blut wie seinen grolsen Zeitgenossen Pedro de Alcäntara, Teresa 
de Jesüs und Juan de la Cruz. Er diskutiert (im Schlufskapitel 
der Zucha espiritual) mit beredter Gelehrsamkeit über Visionen und 
Ekstasen, aber es schlägt nirgends das Feuer eigener schmerzlich- 
sülser Erfahrung durch. Er ist viel ausgeglichener, viel konzentrischer 
als jene anderen. Bei ihm, dem Meister der Kontemplation, geht 
alles ohne Kampf und Leiden ab. Er gewinnt darum auch nicht 
den gewaltigen, durch die Macht des Wortes und der Tat ge- 
förderten Einflufs auf die Zeitgenossen, und die Nachwelt hat ihn 
(wie sein Ordensmitbruder und jüngster Herausgeber, der Pater 
Jaime Sala mit Recht beklagt) fast völlig vergessen. 1 


Über augustinische und franziskanische Wege zur Höhe des 
Karmel, auf dieser Bahn ersteigt die spanische Mystik des ı6. Jahr- 
hunderts ihren, zuletzt in geheimnisvollen Nebelschleiern ver- 
schwimmenden Gipfel. Anders gewendet: während die augusti- 
nische Mystik ihr Ziel zu Gott über die Betrachtung seiner Doppel- 
gestalt als des Allmächtigen und Allbarmherzigen sucht, während 
sich die franziskanische durch die Liebe allein emporschwingt, 
erwächst hingegen die theresianische Mystik aus dem Apostolat 
gegenreformatorischen Mitgefühls, um sich schliefslich in Juan de 
la Cruz zur reinen, einfachen Willensmystik zu sublimieren. Aus 
diesem Entwicklungsgang einen kurzen Ausschnitt genauer zu um- 
grenzen und ihn dem gefeierten Altmeister der romanischen Philo- 
logie, dessen warmherziges Interesse nicht zuletzt auch deren 
spanischem Zweige gehört hat, als freundliche Gabe zu seinem 
Ehrentage darzubringen, das sollte der alleinige und bescheidene 
Zweck des vorliedenden Aufsatzes sein. 


LupwıG PFANDL. 


1 Mag sein und zu hoffen wäre es, dafs ihm die jüngst erschienene aus- 
gezeichnete Biographie von A.Torrö (ray Juan de los Angeles, Madrid 1924, 
a Bände) neue Freunde zu den wenigen alten dazugewinnt. 


Grundlagen, Aufgaben und Leistungen 
der Troubadours-Forschung. 


Je mehr die romanische Philologie sich ausdehnt und vertieft, 
desto häufiger macht sich das Bedürfnis geltend, von dem Stande 
der Arbeit auf einem einzelnen Gebiet den übrigen Fachgenossen 
Rechenschaft abzulegen, die angewandten Methoden zu vergleichen, 
gesicherte Ergebnisse vorzuführen und von neuen Plänen zu reden. 
Gerade die Troubadours-Forschung kann sich dieser Pflicht nicht 
entziehen. Ihr dient in Deutschland eine eifrige, aber verhältnis- 
mälsig kleine Gemeinde: eindringende Beschäftigung mit dem 
Provenzalischen, von dem einst Raynouard und Diez ausgingen, 
gilt nicht mehr wie früher als nodzle officium des Romanisten. Andere 
Disziplinen wie das Studium der modernen Dialekte, gewisse Zweige 
der altfranzösischen Literatur, die Geschichte der neueren und die 
Entwicklung der neuesten französischen Literatur, die Entdeckung 
des Spanischen und der spanischen Literatur nehmen heute die 
Aufmerksamkeit stärker in Anspruch und scheinen für die Zukunft 
weitertragende Ergebnisse zu versprechen, ganz abgesehen von den 
grundsätzlichen Erörterungen, die der ermüdende und verbitternde 
Streit zwischen Positivismus und Idealismus in Sprach- und Literatur- 
wissenschaft hervorruft. Der Provenzalist versteht nicht die grolse 
Kunst aller wahrhaft Modernen, die Kunst, die geistige „Situation“ 
zu erfassen und sich behende auf sie einzustellen. Erst recht ist 
die Troubadours-Forschung für den Schulunterricht nicht fruchtbar 
zu machen; der indirekte Nutzen, den die methodische Schulung 
in Kritik und Interpretation auf diesem schwierigsten Gebiete dem 
künftigen Lehrer zu bringen vermöchte, wird übersehen oder gering- 
geschätzt. Auf Neuphilologentagen wird sie nicht zur Einkehr genötigt, 
nur auf Philologentagen gönnt man ihr den gebührenden Platz. 

Solche etwas trüben Gedanken und andere über die Zukunft 
der romanischen Philologie in Deutschland gilt es zu verscheuchen, 
wenn ein Meister dieser Studien seinen siebzigsten Geburtstag feiert, 
der sie von seiner schon reifen Berliner Dissertation „Das Leben und 
die Lieder des Trobadors Peire Rogier“ (1882) bis zu dem tief- 
schürfenden Aufsatz „Zu Marcabru“ (in dieser Zeitschr. XLIII, 403 ff.) 
ständig gefördert hat, auch in Zeiten, wo ihn wichtige Arbeiten 
auf anderen Feldern vorwiegend beschäftigten; der sie durch die 
Provenzalische Chrestomathie (5. Aufl., Leipzig 1920) bei allen Lernenden 
und durch die vorbildliche Ausgabe des Bernart von Ventadorn 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 317 


(Halle 1915) bei allen Forschenden zu Ansehen und Ehren gebracht 
hat: Carl Appel bildet mit dem zu früh verstorbenen Emil Levy, 
dessen Provenzalisches Supplement- Wörterbuch er pietätvoll und ver- 
hältnismälsig rasch beendete, und mit O. Schultz-Gora zusammen ein 
glänzendes Dreigestirn deutscher Provenzalisten von erstem Range, 
das durch den unvergelslichen grolsen Lehrer Adolf Tobler in einer 
Art apostolischer Sukzession mit Friedrich Diez verbunden ist. Seiner 
Leistungen und Anregungen muls auf Schritt und Tritt gedenken, 
wer über Grundlagen, Aufgaben und Leistungen der Troubadours- 
Forschung handeln will. Er kann das eine wie das andere auch 
als sein dankbarer Schüler ohne Fanfarenstöfse und Weihrauchwolken 
zu dem festlichen Tage. Eine ruhige, redliche und kritische Dar- 
stellung der Arbeit mehrerer Generationen zeigt unaufdringlich, aber 
unabweisbar, was auch Appels Leben, wissenschaftliche Tätigkeit 
und Lehrtätigkeit erfüllt und geadelt hat: das unzerstörbare Ethos 
hingebender und selbstloser philologischer Forschung. 


I. 


Im Jahre 1872 ist Karl Bartschs Grundri/s zur Geschichte der 
provensalischen Literatur erschienen. Als wertvollster Abschnitt des 
Werks, als grundlegende Vorarbeit für alle Ausgaben und Ab- 
handlungen wurde damals die Liste der Troubadours und ihrer 
Lieder anerkannt, die den darstellenden Teil ergänzte. ! Inzwischen 
sind Jahrzehnte tüchtigen Schaffens verflossen, und durch die er- 
freulichen Fortschritte wie durch die unerfreuliche Zersplitterung 
unserer Wissenschaft ist eine Bearbeitung notwendig geworden, die 
unter meinen Händen mit dem Wachsen des Materials und bei den 
gesteigerten Anforderungen an die Kritik ein neues Buch werden 
mulste, keine blofse Liste mehr, sondern eine Bibliographie der 
Troubadours.* Ich habe die bewährte Anordnung von Bartsch 


ı Es zeigt sich immer wieder, dafs sie nach Malsgabe der Kenntnisse 
der Zeit sehr zuverlässig ist. Es ist recht selten, dafs eine Notiz so ergänzungs- 
und verbesserungsbedürftig ist wie die über 242, 81 (bei mir 330, 19a); vel. 
Pillet, Zis. Blatt 1907, 23 Anm. und Kolsen, Samtl. Lieder des Trob. Giraut 
de Bornelh 1, S. VI und Zs. XXXVII, 578. 

3 Man gestatte mir diese Form beizubehalten. Die meisten Provenzalisten 
ziehen 7rodador vor. Ich sehe nicht ein, was damit gewonnen ist, Das Wort 
troubadour ist durch Jehan de Nostredame und seine Vies (1575) in die franzö- 
sische Schriftsprache eingeführt worden, und zwar in der Form, die es in seiner 
neuprovenzalischen Mundart hatte. Ins Deutsche ist es aus dem Französischen 
gekommen, nicht aus dem Altprovenzalischen, das man nicht kannte. Seitdem 
hat es in beiden Sprachen eine ziemlich ruhmreiche Geschichte gehabt. Wenn 
in deren Verlauf sich allerhand unechte Vorstellungen und Aflektionswerte an- 
gesetzt haben, so ist das für den Literarhistoriker mehr interessant als störend; 
für die Popularität des Stoffes sind sie förderlich gewesen. Diez hat das einzige 
Buch unseres Spezialfaches, das man zur Literatur rechnen darf, „Zeden und 
Werke der Troubadours“ genannt; auch das ist nicht gleichgültig. Bisher ist 
es den Provenzalisten nicht gelungen, der Gemeinsprache den Troubadour zu 
rauben und den Trobador aufzudrängen, und es wird ihnen nicht gelingen, 
weil das Schlagwort fehlt, unter dem solche kleinen Revolutionen zu machen 


318 ALFRED PILLET, 


beibehalten; viele Nummern sind natürlich hinzugefügt oder anders 
gestellt.1 Ich gebe für jeden Dichter die ganze Literatur, soweit 
sie noch irgendwelchen wissenschaftlichen Wert hat, nicht nur zu 
den Tatsachen seiner Biographie, auch zu seiner literarischen Stellung, 
und bei jedem seiner Gedichte den Anfangsvers mit den wichtigeren 
Varianten, die Handschriften mit den Blattzahlen und Hinweisen 
auf ihre diplomatischen Abdrucke, die eventuellen Differenzen in 
der Attribution, die Gattung, der es angehört, die halbwegs zurecht- 
gemachten Drucke wie die kritischen Ausgaben, die grölseren 
Beiträge zu Textkritik, Erklärung oder Datierung. Diese Biblio- 
graphie wird auch dem Aulsenstehenden, dem von anderen Gebieten 
Herankommenden zeigen, dafs das Feld vielfach durchgepflügt ist, 
doch lange nicht in seinem ganzen Umfang, doch nicht gleichmäfsig 
tief, dafs diese Disziplin Leistungen aufzuweisen hat, die nicht ver- 
gessen werden sollen, und stetig vorwärtsstrebt. Bis zum Abschlufs 
meines umfassenden und mühevollen Werkes wird die Arbliographie 
sommaire des chansonniers provengaux (manuscriüs et editions) von 
A. Jeanroy (in Zes Classiques frangais du moyen öge, 1916) weiter 
wertvolle Dienste leisten. Die grolse Bibliographie der alt- und 
besonders auch der neuprovenzalischen Literatur und Sprache sowie 
der Lokalgeschichte und Archäologie Südfrankreichs, die Daniel 
C. Haskell unter dem Titel Provengal Literature & Language, in- 
cluding the local history of southern France. A list of references in 
the New York Public Library (New York 1925) auf Grund der 
wunderbaren Bücherschätze dieser Bibliothek herausgebracht hat, 
verfolgt wesentlich andere Ziele. — 

Die Grundlage der Forschung bilden die grofsen Liederhand- 
schriften. 

In Italien sind die ältesten uns erhaltenen Sammelhandschriften 
(bis auf eine) entstanden, als provenzalische Dichtung dort noch 


sind. Und warum soll man künstlich einen Gegensatz zwischen der Sprache 
der Provenzalisten und der Sprache der übrigen Romanisten und sonst aller 
Gebildeten schaffen ? 


ı Es mag eine technische Frage scheinen, ob ich bei Bartschs fast allgemein 
augenommenem System bleiben oder das Muster von Raynaud nachahmen sollte, 
der in seiner Bibliographie des chansonniers frangais des XIIIe et XIVe siecles 
(2 vol., 1884) bei der Einteilung der altfranzösischen Lieder auf die Verfasser 
gar keine Rücksicht nahm und die sämtlichen Lieder nach dem Reimwort des 
Anfangsverses ordnete und durchnumerierte. Aber was 1884 tür die altfranzö- 
sische Lyrik mit ihren vielen Anonyma praktisch sein mochte, liefs sich später 
auf die provenzalische, die umfangreicher und besser durchgearbeitet und schon 
einmal eingeteilt war, nicht mehr anwenden. Nur bei Bartschs Anordnung 
sind bei jedem Dichter vida, Lieder und eventuell Werke nichtlyrischen Charakters 
im Zusamirenhang zu übersehen, wobei freilich auch Lieder von zweifelhafter 
Echtheit gekennzeichnet, unechte ausgeschieden und anderswo untergebracht 
und Lieder mit doppelter oder vielfacher Attribution unter dem wahrschein- 
lichen Verfasser eingereiht werden müssen. So auch sind kritische Ausgaben 
von einem Dichter, Abhandlungen über ihn an die Spitze seines Abschnitts 
zu stellen und die Bibliographie der einzelnen Lieder zu entlasten. Das Auf- 
suchen der anonymen und der falsch attribuierten Stücke wird eine nach Reimen 
geordnete Zusammenstellung der Anfangsverse erleichtern. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 319 


lebhaft bewundert und gepflegt wurde.1 Der erste Teil (D und D:) 
von D, der mächtigen Hs. der B. Estense in Modena, wird gewöhnlich 
von 1254 datiert; die Bedenken, die Bertoni (Trov. d’Italia S. 1809) 
dagegen geäulsert hat, sind übertrieben. Dem Ende des ı3. und 
dem Anfang des 14. Jahrhunderts weist man jetzt eine stattliche 
Reihe von Hss. italienischer Herkunft zu. Im 14. Jahrhundert ist 
diese eifrige Sammler- und Abschreiber-Tätigkeit fortgesetzt worden, 
im 15. Jahrhundert ist sie ganz erlahmt (Hs. c). Aus Südfrankreich 
selbst ist keine wirklich alte Troubadours-Hs. erhalten, was nicht 
wundernehmen kann, da auch die erzählende, die dramatische und 
selbst die didaktische Dichtung der Provenzalen bei der Spärlichkeit 
der Hss. ein Trümmerhaufen ist. Dafs aber Sammlungen hier zuerst 
und schon sehr früh unternommen worden sind, ist ohne weiteres 
vorauszusetzen; haben doch in den altfranzösischen chansonniers 
(X,W u.a.), von denen X, der von Saint-Germain-des-Pres, bis 
zur Mitte des ı3. Jahrhunderts zurückreicht, auch provenzalische 
Lieder Aufnahme gefunden, in ganzen Bündeln und meist mit 
Noten. Die grolse Sammlung, die Bernart Amoros aus Saint-Flour 
(Cantal) im Ausgang des 13. Jahrhunderts anlegte, ist wenigstens 
in einer schlechten Abschrift des ı6. (Hss. a und al, s. unten) 
ziemlich vollständig auf uns gekommen. Die Grundsätze, die der 
gelehrte Kleriker in seiner Vorrede? entwickelt, sind nicht ganz die 
unsrigen, aber für die Zeit die Weisheit selbst. Wie schade, dals 
seine Warnung vor nutzlosen Emendationen nicht gehört worden 
ist! Sie hätte auch den 'wackeren Männern nicht geschadet, denen 
wir die umfangreichen und höchst wichtigen Hss. Rund C verdanken: 
diese sind in Südfrankreich — C genauer in Südwestfrankreich — 
im 14. Jahrhundert entstanden und zeigen z. T. nach der Auswahl 
der Dichtungen und der Orthographie einen regionalen Charakter. 
Noch ausgesprochener ist dieser bei dem cAhansonnier Giraud (f), 
der die letzten Troubadours der Provence, d.h. der eigentlichen 
Provence im geographischen Sinne enthält. Der Bedeutung der Höfe 
der iberischen Halbinsel als Reiseziel und Obdach für wandernde 
und flüchtige Troubadours und dem regen Anteil der Katalanen 
an der Dichtung selbst und an ihrer Theorie entspricht nicht ganz 
die Zahl der in Spanien gefundenen oder dorther stammenden Hss. 
Dahin gehört die vor dem 30. Mai 1268 niedergeschriebene Hs. V 
der Marcus-Bibliothek und die Hs. Sg von Saragossa, jetzt in 
Barcelona, während die katalanischen Liederhss. Vega-Aguilö für 
die Troubadours nicht viel bringen. 


I Ich verweise auf Abschnitt I der Birbliograßhie sommaire von Jeanroy 
(dazu Bertoni, Archivum romanıcum 11, 396 fl.) und auf das ausgezeichnete 
Kapitel IV bei Bertoni, / Zrovatori d’ Italia, Modena 1915. Datierung und 
Lokalisierung sind bei einzelnen Hss. unsicher. Die sprachlichen Eigentünlich- 
keiten von Hss. sind öfters untersucht worden, so z.B. die der Hs.T von 
Appel, Prov. Inedita, S. VIff. und Bertoni, l.c. p. 195. 

® Diplomatischer Abdruck von a durch E. Stengel, Rev. des langues rom. 
XLI, 350: maint luec son qu’eu non ai ben aut l’entendimen, per g’ieu no‘ 
ai ren volgut mudar, per paor g’ieu non Peiures l’obra; que trucp volgra 
esser prims e sutils hom gi 0 Pogues lol entendre. 


320 ALFRED PILLET, 


Das ernsthafte Studium, das Dante! und Petrarca der pro- 
venzalischen Lyrik gewidmet und durch ihre Nachahmungen bekundet 
hatten, die aufrichtige und fast übertriebene Verehrung, mit der 
die beiden Grofsen von ihren Vorgängern an oft kommentierten 
Stellen? redeten, ward in der Renaissance der philologischen 
Forschung Italiens ein Vorbild und ein Anstols. Jetzt, wo die 
Geschichte der Hss. zum Gegenstand fruchtbarer und reizvoller 
Untersuchungen gemacht worden ist, die besonders durch die 
wichtige Arbeit von A. Thomas über Francesco da Barberino (1883) 
und durch Pierre de Nolhac und sein schönes Buch Za Bibliotheque 
de Fulvio Orsini (1887) mächtig angeregt wurden und mit dem 
gründlichen Werk von Santorre Debenedetti über G4 Studi provenzali 
in Italia nel cinquecento (Torino ıgıı) eine Art vorläufigen Abschluls 
gefunden haben, lälst sich recht übersehen, wie viel wir der er- 
haltenden Tätigkeit dieser Humanisten der Appenninenhalbinsel 
verdanken, die aufser lateinischen und griechischen Hss. nebenher 
provenzalische und andere romanische gekauft oder geliehen haben, 
sie mit dilettantischem Eifer und schwachem Verständnis studierten, 
Abschriften nehmen liefsen und neue Sammlungen anlegten, von 
denen einige auf uns gekommen sind. Ist auch nicht erwiesen, 
dafs Petrarca in die Hs. K Notizen gemacht habe,3 so sind die 
Kollationen des Kardinals Pietro Bembo in K und auch in D* 
unzweifelhaft echt. Und so hat der Provenzalist, der sich über die 
alten Folianten beugt, meist das Bewulstsein, dafs eine lange Reihe 
von Männern sie geschätzt und durchblättert haben, denen einseitiges 
Spezialistentum noch fern lag. Keinem von diesen Gelehrten des 
16. Jahrhunderts und der nächsten beiden fühlt er sich wohl so 
nahe wie Giovanni Maria Barbieri (1519—74), dem Bibliothekar 
von Modena: dessen unvollendet nachgelassenes Werk Dell’ origine 
della poesia rimala übermittelt uns zahlreiche und ganz wertvolle, 
wenn auch in ihrer praktischen Bedeutung überschätzte Angaben 
aus den ihm zur Verfügung stehenden Hss. mit einer Gründlichkeit 
und Liebe, die ihn simpaticissimo mwachen.d° Und das zur selben 


ı H. J. Chaytor hat seine Sammlung 7%he Troubadours of Dante, Oxford 
1902 vollständig darauf angelegt, eine Auswahl aus den Werken der von 
Dante zitierten Troubadours zu geben. Der Gedanke war mehr sinnig als 
praktisch und die Ausführung leider mangelhaft; vgl. meine Besprechung im 
Lit. Blatt 1904, 25 fl. 

2 Ich brauche hier kaum darauf hinzuweisen, dafs Appel, der früh von 
den Troubadours zu Petrarca geführt wurde, in seiner grofsen kritischen Aus- 
gabe der Trionfi, die auch methodisch so wichtig geworden ist (Die Triumphe 
Francesco Petrarcas, Halle 1901), die berühmte und keineswegs leicht zu 
erklärende Stelle des Zriumphus Cußidinis III, 38 ff. über die Troubadours 
zu kommentieren hatte. 

s P. de Nolhac, F. Orsini S. 314 und De Lollis, Rom. XVIII, 465Sfl. 

* Abgedruckt bei Debenedetti, 1. c., p. 273 fl. 

5 Meine Meinung von der Bedeutung von x wird wohl, nachdem so 
viele Jahre seit Mussafias Aufsatz (in den Sitzungs-Berichten der K. Akad. d. 
Wiss., philos.-hist,. KXl., Bd. 76, Wien 1874, S. 201 ff.) verflossen sind, nicht 
ketzerisch erscheinen. Ein ansprechendes Gesamtbild gibt Bertoni, G. M. Barbıeri 
e gli studi romanzı nel sec. XVI. Modena 1905. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 321 


Zeit, wo in der Provence Jehan de Nostredame seine berüchtigten 
Vies des plus celöbres et anciens podtes provengaux (1575) verbrach.! 

Die grofse Mehrzahl der Hss. ist lange bekannt. Seit dem 
Erscheinen von Bartschs Grundri/s sind noch einige hinzugekommen. 
Stengel hat in der Biblioteca Nazionale zu Florenz eine italienische 
Sammelhs. (13./14. Jh.) mit provenzalischen Liedern und Coblas (]) 
nachgewiesen.2 Auf die Hs. Sg (14. Jh.) machte Mila y Fontanals 3 
aufmerksam, sie wurde aber von dem Besitzer Professor Don Pablo 
Gil y Gil in Saragossa und seinen Erben ängstlich gehütet, so dafs 
selten einmal ein Glücklicher, wie Kolsen für seine Arbeiten über 
Giraut de Borneil, Texte oder Varianten daraus erlangen konnte 
und lange selbst der Inhalt nur mangelhaft bekannt war (wenigstens 
bis Pages, Ann. du Midi 1, 5ı4fl.). Im Jahre ıyıo ist sie der 
Biblioteca de Catalunya im Institut d’estudis catalans zu Barcelona 
geschenkt worden # und wird seitdem besonders von den rührigen 
katalanischen Fachgenossen benutzt. Von N?, der sogen. jüngeren 
Cheltenhamer Liederhs., gab Constans 1881 eine Beschreibung und 
Inhaltsangabe. 5 Sie ist die einzige im ı6. Jahrhundert (und natürlich 
in Italien) nach mehreren Quellen angelegte Hs., die, namentlich 
durch ihre Biographien und Razos, wirklichen Wert hat.® Sie ist 
übrigens die einzige Troubadours-Hs. in Deutschland, auf der 
Preufsischen Staatsbibliothek in Berlin, die sie 1889 aus dem Nachlafs 
des Sir Thomas Phillipps erwarb. Das grölste Aufsehen erregte 
1899 ein glücklicher Fund in Modena. Von der uns leider ver- 
lorenen Sammlung des Bernart Amoros hat 1589 Jacques Teissier 
aus Tarascon eine nicht ganz vollständige und schlechte Abschrift 
genommen, die der Auftraggeber Piero di Simon del Nero noch 
teilweise kollationierte, und von dieser Abschrift waren die zwei 
ersten Hefte und ein Gesamtregister in der Hs. a der Riccardiana 
in Florenz wohlerhalten, über den Verbleib des Restes aber war 
nichts ermittelt, als Bertoni in der Kollektion Campori der Estense 
die noch fehlenden drei Hefte auffand und die Zusammengehörigkeit 
zeigte.’ Eine Fülle der wertvollsten Inedita waren mit einem 
Schlage gewonnen und wurden in der Folge glänzend ausgebeutet. 
Sogar das Verzeichnis der von Jacques Teissier nicht abgeschriebenen 
Stücke ist nachträglich gefunden worden. 8 

Gröfsere und kleinere Fragmente, ein paar Blätter, ein Blatt 
sind wiederholt und auch im Privatbesitz aufgestöbert worden und 


1 Nouv. dd. preparde par C. Chabaneau et publide par %. Anglade, 1913. 

? Rivista di flolol. rom. 1, a5 fl. (1872). 

3 Rev. des langues rom. X, 225 fl. (1876). 

% J. Mass6 Torrents, Ann. du Midi XXVI, 459. 

5 Rev. des langues rom. XIX, 261 fl. und XX, 105 fl. 

® Vollständiger Abdruck durch mich im Arch. CI, 365 ff. und CII, 179 ff. 
mit einer Einleitung besonders über die Quellen CI, ııı fl. 

T Giorn. stor. della lett. ıtal. XXXIV, ıı8 fl. 

® Abgedruckt bei Bertoni, Z/ Canzoniere provenz. di Bernart Amoros 
(sezione riccardiana), S. 14 fl. 


Zeitschr. 1. rom. Phil. XLVII. = 


322 ALFRED PILLET, 


haben Hunger nach dem Ganzen geweckt, von dem sie stammten. ! 
Das Fragment von Bergamo (wo) ist darum besonders merkwürdig, 
weil die Pergamenths. das einzige Beispiel eines Palimpsests ist: 
der provenzalische Teil (13./14. Jahrhundert) ist schon im 14. Jahr- 
hundert überschrieben und arg entstellt worden.?2 Ein neckischer 
Zufall hat es gefügt, dals von einer und derselben verlorenen Hs. 
des ı13./14. Jahrhunderts Blatt VI in der Bibliotheque Nationale 
(eingeklebt in M) und Blatt VI in der B. Classense in Ravenna 
sich zusammenfanden.3? Fast noch interessanter als diese Ver- 
sprengten sind die Eintragungen einzelner Lieder in Hss. ganz 
fremden Inhalts, weil sie uns einen Einblick in die wirkliche Ver- 
breitung dieser Erzeugnisse gewähren. Der Planch des Gaucelm 
Faidit auf seinen Gönner Richard Löwenherz ist gewils mit der 
Melodie in einer Hs. der Zstoire de la guerre sainie des Ambroise 
am Platze,* aber das Wunschlied Pistoletas Ar agues eu mil marcs 
de fin argen® hätte sich nicht auf das Vorsatzblatt einer Hs. des 
Roman de la Rose,® die Alba des Giraut de Borneil auf das Deck- 
blatt einer Münchener Hs. medizinischen Inhalts? verirrt, beide 
übrigens auch an andere Orte, wenn beide nicht allbeliebt gewesen 
wären. Geistliche Hymnen, Marienlieder sind weit gedrungen. Ein 
Bufslied des Folquet de Romans (156, 10) hat der wackere Bürger 
tienne Benoit von Limoges noch 1426, fürchterlich verballhornt, 
an den Anfang seines Livre de raison gesetzt. Dafs Coblas, die 
man doch auch gesammelt hat, sich gern einzeln oder in kleinen 
Gruppen herumtreiben, braucht kaum gesagt zu werden.® Mitleidig 
lesen wir in einem Protokoll der Inquisition von Toulouse, wie sich 
ein Bürger 1274 verantwortet, der Öffentlich das Sirventes des 
Guillem Figueira gegen Rom angestimmt hatte: die erste Strophe 
dieser cantılena eines guıidam ioculator, qui vocabatur Figuera wird 
sogar von ihm aus dem Gedächtnis zitiert. 10 — 
Auch die indirekte Überlieferung ist ziemlich reichlich. Um 
1200 hat Jehan Renart, oder wer sonst der Verfasser des Romans 


1 Nach verlorenen Hss. ist viel geforscht worden, namentlich von Chabaneau, 
Wie leicht man sich aber Illusionen hinsichtlich solcher versiepten Quellen 
bingeben kann, zeigt lehrreich V. De Bartholomaeis, Di un presunto canzoniere 
provenzale di Roberto d’Angiö, Estratto dalla serie I, t.IV, 1909/10, delle 
Memorie della R. Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna, classe di 
scienze morali, ses. storico-flologica, 

% De Lollis, Studi medievali I, S61 fl. (1904/05). 

85 Renier, Giorn. stor. della lett. ital. XX\VI, 286; danach öfters behandelt. 

4 A. Keller, Romvart S. 4ıı fl. und 425. 

5 Niestroy, Der Trob. Pistoleta S. SYfl. nach P. Meyer, Rom. XIX, 43 ff. 

6 Mussafıa, Fahrb. VIII, 216. 

? Wilh. Meyer, Sitzungsber. der philos.-philol. und hist. Klasse der k.b. 
Akad.d. Wiss. zu München 1885, S. 113 ff. 

8 Louis Guibert, Ze Livre de raison d’Etienne Benoist 1426, Limoges 
1882, S, 35, vgl. P. Meyer, Rom. XII, 124. 

® Z.B. zwei Coblas in einer Nürnberger Hs. der Institutiones etc., ge- 
druckt von H. Suchier, Zs. XV, sıırfl. 

10 Gius. Boffto, Giorn. stor. della lett. ital. XXIX, 204 fl. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 323 


Guillaume de Dole sein mag, eine Fülle von altfranzösischen Liedern 
und Refrains in seine liebliche Erzählung eingestreut und auch drei 
provenzalische Kanzonen ohne Namensnennung aufgenommen als 
son poilevin, changon auvrignace, nämlich eine von Jaufre Rudel, eine 
angeblich von Daude de Pradas herrührende,! die sonst nur in 
einer provenzalischen und einer altfranzösischen Hs. steht, also in 
Südfrankreich kaum gefallen hat, und das Lied von der Lerche 
des Bernart de Ventadorn. Und Gerbert de Montreuil hat im Roman 
de la Violette diese glückliche Neuerung nachgeahmt. 

Richtige Zitate aus Troubadours hat Raimon Vidal, ein Pro- 
venzalisch schreibender Katalane, massenhaft? in seiner Erzählung 
vom Minnegericht und nicht so zahlreich in seinem Lehrgedicht vom 
Verfall der Poesie und von den Anforderungen des Spielmanns- 
standes angebracht, nicht von künstlerischem Instinkt geleitet wie 
jene beiden Franzosen, sondern zur Bekräftigung und zum Schmuck 
seiner langen Reden. Die Hauptladung (277 Strophen) aber führt 
der Abschnitt ‘/e Zerilhos Tractat d’amor de donas’ in dem Dreviarı 
d’amor des Matfre Ermengau aus Beziers (begonnen 1288). Dieser 
ist nicht nur der bedeutende Theoretiker der Liebe, er ist auch 
damals der gröfste gelehrte Kenner der provenzalischen Lyrik. Und 
er hat nach meiner Überzeugung durchaus überlegt und zuverlässig 
gearbeitet. Wo er den Namen eines Dichters nicht weils, ist es 
auch heute trotz angestrengter Bemühung fast niemals möglich, den 
Schleier der Anonymität zu lüften und weiterzukommen als Matfre 
Ermengau. Schon aufserhalb der guten Tradition steht ein Toskaner, 
Francesco da Barberino (1264— 1348): er hat in dem unendlich 
langen lateinischen Kommentar seiner Documenti d’Amore zehn Stellen 
aus provenzalischen Gedichten im Original angeführt und hier wie 
in dem ZReggimento e costumi di donna andere Aussprüche und Er- 
zählungen von Troubadours mit unverkennbarem Geschick für 
Anekdote und Novelle berichtet (meist aus nichtlyrischen Werken). 

Dafs Grammatiken und Poetiken aus den Troubadours Beispiele 
des guten und mindestens ebenso gern auch solche des schlechten 
und verdammenswerten Sprach- und Reimgebrauchs ziehen, nimmt 
nicht wunder. In den ARazos de frobar bringt sie Raimon Vidal als 
Belege für die Regeln oder besser Postulate seiner grammatischen 
Abhandlung. Darin folgte ihm in den ARegls, einer Grammatik 
der Troubadourssprache in katalanischem Dialekt (zwischen 1286 
und 1291), sein Landsmann Jaufre de Foixä, der wie er auch als 
Dichter an den Fragen interessiert war (wenn er nämlich mit dem 
Monge de Foissan identisch ist,” der übrigens selbst die Stophen- 
schlüsse einer Kanzone (304, ı) aus den Anfangszeilen von sieben 


1 124,5. G. Paris in der Einleitung zur Ausgabe von Servois S. CXIX 
bezweifelt die Echtheit und denkt an Richart de Berbezill als Verfasser. 

% 39 Zitate, dazu drei innerhalb einer interpolierten Stelle in r (Study 
di flol, rom. V, 57 ft.). 

s A. Thomas, Rom. X, 322 und J. Mass6ö Torrents, Ann. du Midi 
XAXV/XXXVI, 313 ff. 


21* 


324 ALFRED PILLET, 


bekannten Gedichten bildet. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts! 
schrieb der gute Terramagnino aus Pisa seine Docirina de cort (oder 
d’acort), er brachte nur die Regeln des Raimon Vidal in provenzalische 
Verse, suchte aber lauter eigene Beispiele (33) aus Troubadours 
zusammen, ein Verfahren, das für jene Zeit und auch für spätere 
immer noch von Anstandsgefühl zeugt. In diesen Zusammenhang 
einer Schule gehört Dante nicht, aber er ist hier zu nennen, weil 
er in De vulgarı eloguenlia öfter Gedichte wichtigerer Troubadours 
anführt und sorgsame und scharfsinnige Bemerkungen literarischen, 
stilistischen und besonders metrischen Charakters anknüpft. Dagegen 
enttäuschen die Zeys d’amors, das Gesetzbuch der Sobregaya com- 
panhia in Toulouse (1356 beendet); Guilhem Molinier hat nur wenige 
Zitate aus Liedern von Troubadours, er macht sich seine eigenen 
albernen Beispiele und Merkverschen, ein Beweis, wie weit er innerlich 
schon von dem Alten entfernt ist.? 

Im ganzen ist die Bedeutung dieser Zitate für die Textkritik 
gering, schon weil sie zu rücksichtslos dem Kontext angepafst sind; 
aber mit den paar als Anthologien angelegten Hss. oder Teilen 
von Hss. vereint, können sie uns einigermafsen helfen die Frage 
zu lösen, was eigentlich die Provenzalen und die kunstverständigen 
Ausländer an den Dichtungen bewundert und geliebt haben. 


Il. 


Nur mühsam dringt man von den Werken zu den Verfassern 
vor. Die Überschriften der Hss. sind unsere wichtigste Quelle für 
die Zuteilung der Lieder, aber keine ganz zuverlässige. Schon die 
Namen machen oft Schwierigkeiten. Chabaneau hat als Anhang zu 
den Diographies des Troubadours (1885) eine Liste der Troubadours 
und der übrigen Autoren 3 mit ungefährer Bestimmung von Zeit und 
Herkunft gegeben und vieles, sehr vieles bei Bartsch gebessert, aber 
selbst diesem ausgezeichneten Kenner, den seine warme Heimatliebe 
anspornte und sein historisches Wissen unterstützte,4 ist lange nicht 
alles gelungen. Schon ob man Girapt de Borneil oder Guiraut de 
Bornelh schreiben solle, ist eine bange Frage, die A. Thomas dahin 
beantwortet hat, dafs der Dichter Giraut geheilsen habe (Kom. 
XXXV, ıo6fl.). Appel hat viel Mühe gehabt, zu entscheiden, ob 
Uc Brunec oder Uc Brunenc die wahrscheinliche Namensform ist 


ı Bertoni, Zrov, d’ Italia, S. 120 ff. 

® J. Anglade, Histoire sommaire de la Litterature meridionale au moyen 
äre, 1921, S. 238fl. handelt ausführlich über die ganzen Gramatiken und 
Poetiken. Die oben stehenden Angaben über die Zitate beruhen auf meinen 
Auszügen und Zählungen. 

8 Histoire generale de Languedoc ... par dom Cl. Devic et dom ]J. Vaissete, 
t. X, Toulouse 1885, S. 324 ff. 

4 Appel hat seiner aufrichtigen Verehrung für ihn in den Mölanges Cha- 
baneau (Erlangen 1907) durch einen Aufsatz „Zur Metrik der Sancta Fides“ 
(S. 197 ff.) Ausdruck gegeben, der ein wichtiges und schwieriges Problem der 
Technik der Laisse in der aprov. und afız. Epik anschneidet, 


GRUNDI., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 325 


(s. unten). Bartsch nennt einen Autor der letzten Zeit Grainier, 
und Paul Meyer belehrte ihn, dafs in der einzigen Hs. G. (d.h. 
Guillem) Raynier stünde.1 Die Abkürzungen für Guillem (G.) und 
Guiraut (Gr.) sind manchmal verwechselt worden. Ein Dichter von 
Coblas heifst bei Bartsch Guiraut del Olivier, d’Arle und so auch 
bei anderen; Chabaneau, Appel und sein letzter Herausgeber 
Schultz-Gora? nennen ihn mit Recht Guillem. Den Troubadour 
Albert de Sestaro oder Albertet (Grdr. 16) würde ich auf Grund des 
Zeugnisses der meisten Hss. unbedingt Albertet nennen, höchstens 
mit dem Zusatz de Sestaro wie M und al (Arch. CXLV, ı23). Der 
Name Daspol ist sonst anscheinend nicht bekannt; A. Tobler, Göfting. 
gel. Anz. 1872, 1, 285 schlug vor da (Herr) S[:mon] Pol zu lesen; 
P. Meyer will ihn durchaus mit Guillem d’Autpol identifizieren. 3 
Die Hs. Cämpori (a!) hat ein Sirventes von en Genim durre de 
Valentines: ist das Durre oder d’Urre? Mit Hilfe des Dickonnaire 
topographique du departement de la Dröme* ist leicht festzustellen, dafs 
Urre die alte Form des jetzigen Namens Eurre eines Ortes im 
Valentinois ist. In dem messier Albric, mit dem Uc de Saint Circ 
in Oberitalien Coblas wechselte, hat Gröbers5 Scharfblick eine 
historische Persönlichkeit erkannt: Alberico da Romano, Bruder des 
bekannteren Ezzelino, als Dilettant und als Besitzer des ‘“diber 
Albericı', der Quelle von D, an der Dichtung interessiert.6 Unter 
den /robatritz figurierte früher na Bieiris de Roman, leider mit einem 
Lied an eine Frau na Maria, so dafs Chabaneau treuherzig schrieb: 
Une chanson adressce d une aulre dame, quelle parait avoir aimde d’amour 
(S. 341). Da löste Schultz-Gora das Rätsel: Nabieiris ist n’Abieiris 
— n’Alberis, also wieder Alberico da Romano (Z/s. XV, 234). 
Mancher Name ist glatt zu streichen. Ein Gebet (175, ı) hat 
in C die Überschrift Geneys, lo joglars a cuy lo voulz de Lucas 
donet lo sotlar. Eine späte Episode? des Prologs der altfranzösischen 
Venjance Nostre Seigneur berichtet uns schon, dafs ein französischer 
Spielmann 8 Genois oder Jenois vor dem berühmten zo//o santo im 
Dom von Lucca spielte, und dafs ihm der aus Holz geschnitzte 
und kostbar gekleidete Gekreuzigte zum Lohn einen seiner Schuhe 
hinwarf, den der Bischof mit schwerem Gelde auslöste. Es ist 
nach der Lage der Dinge ziemlich ausgeschlossen, dafs etwa ein 
realer Geneis oder Genois, der das Urbild des legendären Genesius 
gewesen wäre und spätestens um die Mitte des ı2. Jahrhunderts 


1 Rom. I, 387. So auch Anglade, Ze froub. Guiraut Riquier, S. 100. 
Das Partimen mit Guiraut Riquier ist herausgegeben von Chabaneau, Kev. 
des langues rom. XXXII, 116. 

2 Provens. Studien I, Strafsburg 1919, S. 24 ff. 

5 Rom. XXIV, 128 und Zst. dit. XXXII, 59. 

% Dict, topogr. du dep. de la Dröre ... par J. Brun-Durand, 1891, 
S. 135. Der Ort liegt im canton de Crest-Nord. 

5 Rom. Studien 11, 495. 

6 Bertoni, Zrov. d’ Italia, 5. 66 fl. 

? Hegb. von W. Foerster, Melanges Chabaneau, S. 32 fl. 

8 uns genlis menestres \. 410, li jougleres 435 etc. 


326 ALFRED PILLET, 


gelebt haben mülste, unser Gedicht verfalst hätte; denn nach seiner 
Form gehört es erst ins ı3. Jahrhundert. So wird wohl der in 
einer anderen Hs. genannte Arnaut Catalan der Autor sein, aber 
wie merkwürdig ist dann die Mentalität des Schreibers von C, 
der das Gebet jenem Legendenhelden beilegt! 

Leider sind die Erfindungen dieses und anderer Schreiber 
sonst weniger geeignet, uns durch ihre Poesie mit ihrer Unwahr- 
scheinlichkeit auszusöhnen. Wir haben mit den falschen und den 
zweifelhaften Attributionen unsere liebe Not. Im grolsen und ganzen 
möchte ich annehmen, dafs die Spielleute, die zuerst ein Lied von 
dem Verfasser selbst übernahmen und verbreiteten, es auch hoch- 
hielten, zumal wenn es der Hörerschaft gefiel. Sie werden es in 
ihre Liederbücher, soweit sie solche hatten, mit dem richtigen 
Namen eingetragen haben. Vor ungewollter Verwechslung waren 
sie durch ihre Erinnerungen geschützt, und als Vortragende konnten 
sie es nach Stimmungsgehalt, Stil, Metrum, Melodie von den Liedern 
anderer Dichter-Komponisten durch Übung und Instinkt unter- 
scheiden. Die Verderbnis hat wohl erst später angefangen, als 
man immer grölser werdende Sammlungen anlegte, bei denen die 
persönliche Erinnerung zurücktrat und die Tradition verblafste. 
Ein äufserer Umstand spielte hier eine unheilvolle Rolle. Man 
trug gewöhnlich vor jedem einzelnen Gedicht den Namen des 
Verfassers mit besonderer (roter) Tinte ein, auch wenn ein Haufen 
Gedichte zusammenstanden, und malte wohl zu dem ersten Gedicht 
der Reihe eine schöne Miniatur. Gelegentlich verschob man aber 
diese Eintragung auf später, hatte dann die Vorlage nicht mehr 
zur Hand und ergänzte nach dem Gedächtnis oder nach Gutdünken 
oder auch nach anderen Quellen. So ist es sehr häufig, dafs das 
erste Lied einer Gruppe zur vorangehenden gezogen wird, also zu 
den Liedern eines anderen Troubadours, oder dafs das letzte 
schon die folgende Gruppe eröffnet. In solchen Fällen entschliefst 
sich der Kritiker, der durch andere Zeugnisse aufmerksam geworden 
ist, leichten Herzens, weil er eben den Anlafs der Verderbnis sieht. 

Aber auch mit mehr oder minder bewufsten Änderungen 
hat man wohl in beiden Stadien zu rechnen. Namentlich die 
kleinen Dichter haben schwer gelitten. Man kannte sie nicht, 
man begehrte sie nicht. Es ist durchaus denkbar, dafs Spielleute 
die ihnen geläufigen Stücke eines geringgeschätzten oder wenig 
bekannten Troubadours unter einem grofsen Namen eingeführt 
haben. Es ist ebenso denkbar, dals sie gerade solche Stücke, bei 
denen ja das Plagiat nicht so leicht zu entdecken war, dilettierenden 
Gönnern oder guten Freunden unterschoben. Auch zum Ruhme 
einer Hs. trugen die foefae minores nicht bei, wenigstens nicht ehe 
ein gelehrter Sammelfleifs und die Pflege regionaler und lokaler 
Interessen beim Sammeln einsetzten. Was hinderte dann, ihre 
Sächelchen irgendwo anzuhängen oder einzuschieben und am besten 
bei einer langen und ansehnlichen Gruppe? Auch in der Literatur 
gilt das harte Wort (Matth. 13, 12): „Wer da hat, dem wird ge- 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 327 


geben, dafs er die Fülle habe; wer aber nicht hat, von dem wird 
auch genommen, das er hat.“ Ein Beispiel dafür wäre beinahe 
Bernart de Pradas geworden. Unter seinem Namen vereinigt Bartsch, 
Grär. 65, ı—3 drei Kanzonen, die nicht ohne Eigenart sind. Alle 
drei werden im Register von C als ihm gehörig aufgeführt und 
ebenso die erste im Drewari V. 28611, die dritte von Barbieri 
zitiert, aber die eigentliche Hs. C schreibt die drei dem bekannten 
Daude de Pradas zu und die Hs. E die erste und zweite Bermart 
de Ventadorn (die dritte fehlt in E). Der Nachruhm des armen 
Bernart de Pradas hing also an einem Haar, seine Existenz selbst 
erscheint Chabaneau, S. 338 problematisch. Immerhin führen die 
verschiedenen Attributionen von C und E auf Bernart de Pradas 
zurück, und nachdem Appel, Bern. de Vent. S. 304 sich dahin aus- 
gesprochen hat, dafs 65, ı nach seiner Sprache nicht von Bernart 
de Ventadorn sein kann, sind die Chancen für Bernart de Pradas 
sehr gestiegen. Überhaupt werden wir uns gern zum Retter der 
obskuren Dichter aufwerfen, wenn die Sachlage es erlaubt, doch 
erlaubt sie es nicht bei allen. Ich habe nachgewiesen,! dafs von 
den zwei Gedichten, die in al unter Bertran de Pessars stehen, 
das eine dem Grafen Wilhelm IX. von Poitiers gehört, das andere 
Marcabru: wo bleibt nun der unbekannte? Bertran de Pessars ? 
Zum Glück fehlt es wahrlich nicht an Kriterien, die uns von 
dem Zeugnis der Überschriften in den Handschriften unabhängig 
machen. Die älteren Troubadours haben gern in der Tornada, 
auch schon im Gedicht selbst, ihren Namen genannt, und von 
einer gewissen Zeit ab ist diese treffliche Sitte wieder aufgekommen, 
und die letzten Troubadours haben sich schon ganz philologisch 
betrachtet und ihre Werke datiert. Ein hübsches Minnelied (190, ı) 3 
geht in beiden Hss. (Ce) unter der stolzen Flagge des Jaufre Rudel, 
aber der Verf. nennt sich selbst V. 60 en Grimoartz, und ein 
Grimoartz Gausmars (oder Gaumars) wird in Peire d’Alvergne’s 
Satire auf die zeitgenössischen Dichter verhöhnt.* Umgekehrt kann 
auch die Anrede mit dem Namen einen Dichter ausschliefsen. 


1 Beiträge zur Kritik der ältesten Troubadours, Sonderabdruck aus dem 
89. Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft für vaterl. Cultur, Breslau ıg11, 
S.afl. Dort habe ich auch schon solche Erwägungen über die Behandlung 
der kleinen Dichter angestellt. 

% J. de Nostredame ist er allerdings nicht unbekannt, S. 127. 

3 Krit. bgb. von Stimmming, Der Troub. Jaufre Rudel, S. 57. 

% Bekanntlich versuchte Zenker, Die Arov. Tensone, S. 34 fl. nachzuweisen, 
dafs Grimoartz Gausmars (oder Gaumars) mit Guillem Ademar identisch sei, 
fand auch Zustimmung bei O. Schultz[-Gora], Zis. XII, 540 und Jeauroy, Ann. 
du Midi 11. 295, wurde aber in eine Polemik mit Appel verwickelt (A. 
Lit. Blatt 1889, 109 — Z. Zts. XIII, 294 — A. Zts. XIV, ı60 — Z. Zts. 
XVI, 444) und bielt in den „Liedern Peires v. Auvergne", S. ı96ff. seinen 
Standpunkt aufrecht. Ich stehe in dieser Frage zu Appel. Vgl]. auch Carstens, 
Die Tenzonen aus dem Kreise der Trobadors Gui, Eble, Elias und Peire d’Üisel, 
Königsberger Diss. 1914, S.27ff. — Über Guillem Ademar hat mein Schüler 
R.M. Wetzel in Königsberg 1917 promoviert; es ist sehr schade, dafs seine 
gut fundierte Ausgabe nicht gedruckt werden konnte. 


328 ALFRED PILLET, 


Bei einem schwierigen Liede! gehen die Hss. und ihre Register 
auseinander, die einen zeugen für Alegret, die anderen für Marcabru, 
eine für Raimbaut d’Aurenga. Die Tornada Alegretz folls, en qual 
guiza Cujas far d’avol valen Ni de gonella camiza? scheint mindestens 
zu beweisen, dals das Gedicht nicht von Alegret ist, und der 
Gedankengehalt und das Temperament, dafs es von Marcabru ist. 
Ich will aber 'nicht verschweigen, dals ich früher geglaubt habe, 
Alegret rede sich selbst an, rüge seine in ihrer Ironie unverständ- 
lichen Worte und nehme sie zurück. 

Eine grolse Gruppe bilden die Tenzonen (gewöhnlich Partimens), 
die Coblaswechsel, die Gedichte an oder gegen andere Dichter 
und die Antworten. Hier reden sich die Interlokutoren an, oft 
freilich nur mit Vornamen (wie wir heute sagen würden), oft nur 
mit Verstecknamen, wohl beide gar mit demselben; hier wird eine 
Ansicht in kräftiger Tonart, mit persönlichen Erfahrungen begründet, 
oder es werden dem Gegner bestimmte Vorhaltungen gemacht, 
Invektiven ins Gesicht geschleudert: so mag die Kritik die fehlenden 
oder nachlässigen oder nur aus dem Text geschöpften Überschriften 
der Handschriften ergänzen und berichtigen. An der Tenzone 
Amics Bernartz de Ventadorn, die für die Theorie der Liebe so 
wichtig ist, nimmt ein Peire teil, den man allgemein für Peire 
d’Alvergne hält: die besten Hss. haben es fertig gebracht, ihn in 
der Überschrift Peirol, im Texte Peire zu nennen. Wer aber der 
Peire ist, der mit Albertet tenzoniert (16, 15), und der Peire, der 
mit Peironet Coblas wechselt,?2 weils ich nicht. Den Peire, der 
sich in der Tenzone Zr agquel so quem plaı nı que m’agensa3 mit 
einem (welchem?) Guillem streitet, kennt wenigstens Paul Meyer. 
Er sucht ihn mit dem Verfasser des Marienliedes 344, ı, Peire 
Guillem, der dann aus chronologischen Rücksichten nicht Peire 
Guillem de Luzerna sein könnte, zu identifizieren. Dem steht 
nicht nur entgegen, dals sich für die Autorschaft des Peire Guillem 
de Luzerna bei 344, ı gute Gründe beibringen lassen, sondern 
auch dals 344, ı schon in D? aufgenommen und also mindestens 
dreifsig Jahre älter ist als die Tenzone (gegen 12805). Ähnlich 
geht es mit den grolsen Sammelnummern bei Bartsch, unter denen 
hauptsächlich Tenzonen stehen, Bernart, Guillem u.a. Ein (natürlich 
fingiertes) Gespräch in kurzen Wechselreden zwischen dem Dichter, 
der amicx und margues angeredet wird, und einer Dame (dona) wird 
gewöhnlich dem Albert marques de Malaspina zugesprochen, dem 
alten italienischen Raufbold (bei Bartsch steht es durch ein Versehen 
unter Albert de Sestaro ı6, 10). Es ist aber nach der ganzen 
Anlage jünger und gehört, wie ich vermute, einem Manne namens 
Marques (wohl Märques), Marques de Canillac, der mit Guiraut 


ı Ed. Dejeanne, Podsies completes du troub. Marcabru, S. 42 ft. 

® Krit. heb. von Milä y Fontanals, Rev. des langues rom. XIII, 65. 
3 Krit. hgb. von P. Meyer, Dern. Troub., S. SI. 

% Hıist. lit. de la France XXXII, 64 wie bereits Zom. XXVI, 155. 

5 Zur Situation s. Ch. de Tourtoulon, Rev. des langues rom. IV, 397. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 3209 


Riquier und dessen Bekanntenkreise tenzonierte.1 Bei den Spott- 
liedern zwischen Garin d’Apchier und Torcafol sind die Attributionen 
schon in den Hss. verwirrt, da sich die beiden Feinde gewöhnlich 
mit demselben Namen Comunal anreden. Nur auf Grund der An- 
gaben der Texte hat Appel scharfsinnig die Verfasser bestimmt.? 
Danach hat Stronski seine Untersuchungen über Garin d’Apchier 
mit urkundlichen Nachweisen veröffentlicht, merkwürdigerweise ohne 
von Appels Zuteilungen Notiz zu nehmen, und manche Anspielungen 
erklärt.d Bei den Tenzonen, welche der sympathische Kanonikus 
Gri d’Uisel und sein verbummelter Bruder Eble, der dritte Bruder 
Peire und ihr gesetzter Vetter Elias d’Uisel ausfechten, sind die 
einzelnen Rollen gut zu unterscheiden. Trotzdem ist nicht alles 
klar gewesen: so steht Zn Gui, digalz al vostre grat bei Bartsch 
unter Eble statt unter Elias. Carstens hat in seiner vortrefflichen 
Ausgabe4 die einschlägigen Fragen gründlich erörtert. Dafs mit 
Eble d’Uisel auch Eble de Saignas (nicht Signa!) identisch sein 
soll, ist eine geistvolle Hypothese von Zenker (Die prov. Tenzone 
S. 38 fl). Er hat sie gegen den Widerspruch von O. Schultz-Gora 
und Appel® mit Geschick verteidigt, sie hat viel für sich, begegnet 
aber manchen Bedenken, und so braucht man Eble de Saignas 
nicht zu streichen. Solche gewaltsamen Identifikationen genau be- 
zeichneter Troubadours flölsen mir stets ein gewisses Milstrauen ein. 

Die Fürsten sind in den Hss. meist nicht mit Namen und 
nie mit der Zahl bezeichnet, nur mit dem Titel, z.B. do coms 
de Peiteus. Gui de Cavaillo fragt (192, 5) den Grafen von Toulouse, 
ob er seine Länder lieber vom Papst zurückbekommen oder aus 
eigener Kraft zurückerobern wolle: da kann der unglückliche 
Raimon VL ebensogut gemeint sein wie der tapfere Raimon VII; 
denn zu beiden hat Gui de Cavaillo Beziehungen gehabt. Ob der 
Graf von Rodez, unter dem Grdr. 185, 1ı—3 stehen, Enric I. oder 
Ugo IV. gewesen ist, darüber sind die Ansichten auseinander- 
gegangen; es ist wahrscheinlich Enric 1.6 Ein anderer Graf von 
Rodez, Enricll. ist Interlokutor in einer ganzen Reihe von Tenzonen, 
nicht nur 140, ı u. 2, sondern auch 226, 1; 226,5; 248,74 und viel- 
leicht in 201, 2 (Selbach, S/reitgedicht S. 105), wo der Gegner Guillem 
de Mur sein mülste; aufserdem ist er als Schiedsrichter beteiligt 
an 226, 8 und erteilt Guiraut Riquier ein Zeugnis (/es/imon!) am 
Schlufs von dessen Kommentar zu 243, 2.! Den Grafen von Bretagne 


1 Diese meine alte Meinung babe ich im Archiv CXXXVIII, 272 aus- 
führlich begründet. Ich freue mich, dals Bertoni, Z Zrovatori d’ Italia S. 50 
wenigstens die Autorschaft des Malaspina bezweifelt und die Tenzone nur im 
Anhang S. 469 abdruckt. 

2 Rev. des langues rom. XXXIV, 12 fl. 

s Ann. du Midi XIX, safl. 

% Die Tenzonen aus dem Kreise der Trobadors Gui, Eble, Elias und 
Peire d’Uisel, Königsberger Diss. 1914. 

5 Lit. Blatt 1889, 109, Zts. XIV, 168 und Rev. des langues rom. 
XXXIII, 408. Zu den Einzelheiten s. Carstens, 1. c., p. 27 fl. 

© Poesies de Uc de Saint-Circ, p.p. Jeanroy et Salverda de Grave, S. 162. 

T Choix V, 216, M. W. IV, 232. 


330 ALFRED PILLET, 


hat man wohl zu Recht mit dem als französischer Dichter bekannten 
Pierre HU. Mauclerc identifiziert,i! wie Coine mit Conon de Bethune,? 
Chardo mit Chardon de Croisilless oder de Reims.” In diesem 
Zusammenhange mag auch auf ein Problem hingewiesen werden, 
das zunächst gelöst scheint: die erste und glänzendste /robairitz, 
die Gräfin von Die ist wahrscheinlich Beatrix, Tochter des Dauphin 
Guigues VI. von Viennois, Gattin Wilhelms II. von Poitiers, Grafen 
von Valentinois. Ob sie dieselbe ist, von der Francesco da Barberino 
allerhand verdächtige Anekdoten und Aussprüche auskramt, ist ganz 
unsicher und auch unwesentlich. 


Die relative Einheit der provenzalischen Schriftsprache bringt 
es mit sich, dafs sprachliche Kriterien gewöhnlich versagen. Die 
örtlichen und zeitlichen Unterschiede in der Sprache zweier Trou- 
badours sind verhältnismälsig geringfügig, die Eigentümlichkeiten 
des einzelnen lassen sich nicht ohne Subitilität feststellen, und zur 
Einreihung eines kurzen Liedes reicht unter solchen Umständen 
das Material seiner Reime im allgemeinen nicht aus. Wenn Zenker 
wesentlich aus sprachlichen Gründen eine geistliche Alba und ein 
längeres Gebet in Achtsilbnerreimpaaren dem Folquet de Marseilla 
nehmen und dem Folquet (oder Falquet) de Romans zurückgeben 
konnte, so war das ein ziemlich seltenes Glück und auch kein un- 
getrübtes. Unabhängig von solchen philologischen Bedürfnissen ist 
der Eigenwert sprachlicher Untersuchungen an dem Gesamtwerk 
eines Dichters. Eine so umfangreiche und so minuziöse, wie sie 
Appel an Bernart de Ventadorn angestellt hat, bedeutet eine wesent- 
liche Vertiefung unserer Kenntnis der Schriftsprache und ihrer 
dialektischen und individuellen Besonderheiten. Und bei Peire 
Milon, mit dem er zuerst sich eingehend beschäftigte,® haben wir 
es gar mit einem Dichter zu tun, dessen Sprache ganz aus dem 
üblichen Rahmen herausfällt, offenbar lokal bedingt ist, also einem 
sehr dankbaren Objekt. Leider sind alle solchen Studien dadurch 
erschwert, dafs unsere Grammatiken des Altprovenzalischen die 


ı H. Suchier, Denkmäler prov. Literatur und Sprache I, 556 u.a. Die 
Dissertation meines Schülers Dr. Karl Wick über ihn ist leider nicht gedruckt 
worden. 

2 De Bartholomaeis, Rom. XXXIV, 44ff., s. auch Schultz-Gora, Zes. 
XLI, 703 ff. 

3 H. Suchier, Zis. XXXI, 129 fl. und besonders S. 138; dagegen ohne 
rechten Grund De Bartholomaeis, Stud) romanzi IV, 264, A.2. 

* Jules Chevalier, Bulletin de la SocidtE departementale d’archeologie et 
de statistique de la Dröme, t. 27, Valence 1893, p. 183 ft. 

5 Zts. XXI, 335 ff. Für die Alba hat Zenker, soweit ich sehe, allgemeine 
Zustimmung gefunden; hier war der Boden übrigens schon durch P. Meyer 
und durch Appel, Lit. Dlatt 1896, Sp. 166 vorbereitet. Gegen die Zuweisung 
des Gebets an Folquet de Romans, mit der sich P. Meyer, Rom. XXVI, 585 
und Anglade, Rev. des lanzues rom. XLII, 485 einverstanden erklärten, hat 
Stronski, Ze troub. Folquet de Mars., S. 137* ff. Bedenken geäufsert. 

© Im Anhang zu seiner kritischen Ausgabe ZAev. des langues vom. 
XXXIX, 185 ff.; vgl. jetzt Bertoni, Zrov. d’ Italiu S. 177 fl. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 331 


Dialekte wenig berücksichtigen, weniger als beim Stande der 
Forschung schon lange möglich wäre. 

Auch mit der Heranziehung der Metrik ist es eine heikle Sache. 
Nach der Theorie soll jede Kanzone ihr eigenes metrisches Schema 
haben wie ihre Melodie, das Sirventes kann Schema und Melodie 
von einer Kanzone entleihen. Der Dichter darf sich so wenig wie 
andere wiederholen. Allerdings genügt schon eine geringe Änderung 
am Schema eines Gedichts, um es wieder zu verwenden. In der 
Praxis hielt man sich nicht so streng an die Vorschrift, doch strebte 
man unaufhörlich nach Wiederbelebung und Neuschöpfung, auch 
wo man in demselben Rahmen blieb. Danach ist ohne weiteres 
klar, wie unsicher unsere Mittel sind, wenn wir eine Attribution 
mit metrischen Gründen stützen. Nur mit grolser Zurückhaltung 
können wir sagen, ein Dichter habe die und die Zusammenstellung 
der Verse, die und die Art der Reimfolge besonders geliebt, er 
habe sich in bezug auf das Durchreimen der Strophen so und so 
verhalten, das fragliche Gedicht zeige diese Prinzipien, also sei es 
wohl von ihm. Und noch schwerer ist es, aus metrischen Gründen 
abzulehnen. Das Argument, der Dichter habe doch sonst nicht 
eine solche Technik, also sei das Gedicht nicht von ihm, würde 
sofort der Frage begegnen: Wie können wir das bei dem geringen 
Material wissen? Warum sollte er sich nicht einmal etwas ganz 
anderes ausgedacht haben? Sind nicht die metrischen Schemata 
einzelner Troubadours völlig disparat? Es wird mir nicht verdacht 
werden, dals ich über die Verwendung solcher Argumente skeptischer 
denke als einige hochgeschätzte Fachgenossen. Ich kann es nicht 
billigen, dafs Stengel eine Reihe gutbezeugter Lieder des Elias 
de Barjols einfach heraustun wollte, weil sie seiner Vorstellung von 
den metrischen Gewohnheiten dieses Troubadours nicht entsprachen.? 
Das geht zu weit. Ich leugne dabei nicht, dafs Gründe der Metrik 
im Verein mit anderen ihr Gewicht haben, auch für die Attributionen, 
dafs man die Entwicklung eines Dichters auch in der Entwicklung 
seiner Metrik verfolgen kann, und dals die Entlehnung eines be- 
kannten Schemas unter Umständen für die Chronologie wichtig 
ist.3 Und natürlich hat das Studium des Strophenbaus genau so 
seinen selbständigen Wert und seinen eigentümlichen Reiz wie das des 
Sprachgebrauchs. Das Interesse an ihm ist so grols, weil er gerade 
bei den Provenzalen am originellsten und kunstvollsten entwickelt 
ist, den anderen Romanen zum Vorbild und zur Versuchung. Dieses 


1 Eine Wendung zum Besseren in dieser Hinsicht bezeichnet die Gram- 
maire de l’ancien provengal ou ancienne langue d’oc von J. Anglade (1921). 

% In seiner Besprechung der Ausgabe von Stronski, Zts. f. frz. Sprache 
und Lit. 31, II, ı9 ff. 

® Eın unentbehrliches Hilfsmittel zur Identifizierung der Schemata ist 
trotz unleugbarer Fehler und Mängel immer noch der Anbang bei Maus, 
Peire Cardenals Strophenbau ın seinem Verhältnis su dem anderer Trobadors, 
Ausg. und Abh. V, Marburg 1884. Der jugendliche Apppel hat seinerzeit 
auf Grund eigener Sammlungen ziemlich scharf über das Buch geurteilt 
(Zit. Blatt 1885, 22). 


332 ALFRED PILLET, 


Studium wird um so sicherer und fruchtbarer, je mehr es sich mit 
dem Studium der Musik verbindet.! Auf diesem Gebiet hat das 
bahnbrechende Werk von ]J.-B. Beck, „Die Melodien der Trou- 
badours“ (Stralsburg 1908) das grölste Aufsehen erregt. Mit einem 
Male waren diese alten Melodien wieder verständlich und lebendig, 
frisch und lieblich. Es schien, als ob man die einzelnen Troubadours 
nur noch von dem doppelten Gesichtspunkt der literarischen und 
der musikalischen Leistung betrachten dürfte — soweit eben das 
Material es erlaubt, denn nur von einem Zehntel der Lieder sind 
Noten erhalten. Aber die übertriebenen Hoffnungen haben sich 
nicht erfüllt. Es ist bei der Arbeitsteilung zwischen Provenzalisten 
und Musikhistorikern geblieben: die Anforderungen an die Vor- 
bildung sind auf beiden Seiten zu grols. Unter den Provenzalisten 
haben wohl Restori? und Appel3 am frühesten — schon vor Beck — 
und am intensivsten sich mit den Melodien beschäftigt, und das 
ist namentlich Peirol durch Restori, aber auch Uc Brunec und 
Bernart de Ventadorn zugute gekommen. 

So werden wir wirksame Hilfe bei Attributionsdifferenzen eher 
von den sachlichen Angaben und dem allgemeinen Stimmungsgehalt 
des Liedes erhalten. Der Name oder der Versteckname der an- 
gebeteten Dame oder des umschmeichelten Gönners ist oft ent- 
scheidend; nur haben auch verschiedene Dichter dieselbe Frau 
gefeiert, wie auch derselbe Dichter verschiedenen Frauen nacheinander 
und gar nebeneinander gehuldigt hat. Das Verhalten zu der Dame, 
ob demütig flehend, resigniert wartend, ob heifs begehrend, hell 
jubelnd, ob schwermütig verzagend, enttäuscht verzichtend, ist in 
der Kanzone durch Temperament und Erlebnisse bedingt. Das 
Eintreten im entschlossenen Sirventes für einen beliebten Fürsten, 
wohlmeinendes Warnen und Beraten eines jungen, unsicheren, irre- 
geleiteten, das leidenschaftliche und meist so plumpe Schmähen 
des Gegners, die Stellung zu den grolsen politischen und sozialen 
Fragen der Zeit und zu den kleinen Ereignissen des Tages, die 
Neigung zu kleinlichem Mäkeln oder zu frischer Parteinahme, zu 
optimistischer oder zu pessimistischer Weltbetrachtung sind gleich- 
falls charakteristisch. Leider ist unser Material bei so vielen an- 
ziehenden oder merkwürdigen Persönlichkeiten ganz unzureichend; 
leider ist auch die Entwicklung ihres Seelenlebens mehr zu ahnen 
als zu erweisen. Wie schwierig es doch im einzelnen Falle ist, 
aus dem Gehalt des Liedes auf einen bestimmten Verfasser zu 


I Gennrich, Musikwissenschaft und romanische Philologie, Halle 1918. 

®? Restori, Rivista musicale italiana 11, ı fl, und III, 231 ff., 407ff. Der 
Abschnitt über Peirol ist auch literarisch wichtig, nicht nur eine monografia 
musicale. 

8 In seiner Abhandlung über Uc Brunec (s. unten). 

* Bergerts Buch „Die von den Trobadors genannten oder gefeierten 
Damen“ (Beiheft XLVI zu dieser Zts., Halle 1913) hat sich als verläfslich nnd 
unentbehrlich erwiesen. Aus Chabaneaus Nachlafs hat Anglade herausgegeben: 
Onomastique des troubadours, liste des noms propres ... publide d’aprös les 
Dapiers de Camille Chabaneau par 7. Anglade, Montpellier 1916. 


GRUNDL,, AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 333 


schliefsen und einen anderen auszuschlie[sen, zumal wenn für den 
einen und den anderen manches sonst noch spricht, das haben 
die endlosen Erörterungen über Dem platz lo gais temps de pascor 
gezeigt, in denen Appel, Arch. CXLVII, 220 für Bertran de Born 
Partei genommen hat (also gegen Guillem de Saint Gregori, zu 
dessen Anwalt Lewent, Arch. CXXX, 325 fl. sich gemacht hatte). 
Wir haben bisher von Namen und Persönlichkeit der Dichter 
gehandelt und von Attributionen und Attributionsdifferenzen und 
haben dabei Hilfsmittel und Methoden charakterisiert, die ebenso- 
gut auch für andere Zwecke dienstbar zu machen sind. Die 
Schwierigkeiten, die sich bei der Attribution so mancher Gedichte 
einstellen, mehren sich, sobald es gilt, Gedichte chronologisch zu 
ordnen, auf bestimmte Menschen und Ereignisse zu beziehen und 
so ein Lebensbild von dem Dichter zu gewinnen. Eine Hilfe sind 
uns dabei die alten vsdas (Biographien) und razos (Mitteilungen 
über die Veranlassung der Lieder). Eine wirkliche Hilfe oder eine 
trügerische? Diez stand ihnen noch vertrauensvoll gegenüber, aber 
nicht kritiklos. Später entdeckte man zahlreiche Irrtümer, Flüchtig- 
keiten, Unwahrscheinlichkeiten in den historischen Partien der 
Biographien, die sich nachprüfen liefsen. Weiterhin merkte man, 
wie oft die Razos ohne eigene Kenntnis der Sachlage nur den 
Inhalt des Gedichts umschreiben, einzelne Stellen gröblich mils- 
verstehen. Besonders bei Bertran de Born trat das hervor, Stimmings 
grofse Ausgabe (Halle 1879) beleuchtete scharf die Unzuverlässig- 
keit der „Scholien“. In Chabaneaus prächtiger Publikation der 
Biographies des Troubadours (1885) steht altes und junges Gut neben- 
einander: die eigentlichen, kurzen, schlichten Lebensbeschreibungen, 
wie sie die älteren Hss. IK, AB, das Original von aa! fast nur 
kennen, und die novellistisch aufgeputzten Razos der späteren 
Hss. ER, besonders P, auch H und N?, und dieser Aufputz der 
Razos schadet der Würdigung der Biographien. Dafs die Biographie 
des Guillem de Cabestaing das schon früher auftretende literarische 
Motiv des hergmaere enthält, war leicht zu sehen.! Den sagenhaften 
Zug aus der des Jaufre Rudel schälte Gaston Paris 1893 heraus?; 
er zerstörte völlig die Sage von der Liebe des Dichters zur Gräfin 
von Tripolis, aber er erklärte auch ihre Entstehung. Seine geniale 


1 E. Beschnidt, Die Biographie des Trobadors Guillem de Capestaing 
und ihr historischer Wert. Marburger Diss. 1879; s. auch Zanders, S. ı13 fl. 
und Längfors, Ann. du Midi XXVI, ı99 ff. und Zes Chansons de Guilhem de 
Cabestanh, 1924, S.XV fl. ’ 

® Jaufr€ Rudel in Revue historique LIII, 225 ff., wieder abgedruckt in 
Melanges de Litterature frangaise du moven äge, 1912, S.498ff. Die ıeiche 
Literatur über den Gegenstand, der duch E. Rostands Drama Zr Princesse 
lointaine modern wurde, hier aufzuzählen, würde mich zu weit führen. Unter 
den älteren Schriften ist ein Aufsatz von Ernest Sabatier, Jaufre Rudel, Mem. 
de l’Academie de Nimes, 7° serie, t. 4, annee 1881, S. ı1gff. zu Unrecht ver- 
nachläfsigt worden. Dafs Appel, Wiederum zu Jaufre Rudel, Arch. CVII, 338 ff. 
die geistreiche Hypothese aufgestellt bat, des Dichters Liebe gelte der heiligen 
Jungfrau, brauche ich nicht zu erwähnen. 


334 ALFRED PILLET, 


Kritik und seine strenge Methode machten den zu erwartenden 
Eindruck und lockten zur Nacheiferung an. Schultz-Goras inhalts- 
reiche Rezension im Arch. XCII, zı8fl. zog sogleich eine Reihe 
anderer Vidas und Razos von geringer Glaubwürdigkeit heran. Die 
Einzeluntersuchungen folgten sich und mit ihnen die Anklagen und 
Verurteilungen. Die öffentliche Meinung war sehr ungünstig, aber 
nicht ganz einheitlich. Zingarellis Standpunkt werden wir weiter 
unten kennen lernen. De Lollis pflichtete ihm bei, verbreitete sich 
über die winzige Vida und andere Nachrichten von Wilhelm IX, 
was er ‘Su e giü per le biografie provenzali’ nannte, und sprach am 
Schluls das gıolse Wort gelassen aus (Medlanges Chabaneau, S. 393): 
A chi rifa la storıa della fo:sıa provnzale non fus non rincrescere che 
dalle biografie dei pochi ci sia da spremere poco o nulla. ]J. Zanders 
schrieb ein anregendes Buch, dessen Titel schon ein Programm ist: 
Die altprowenzalische Prosanwelle. Eine hierarhistorische Kritik der 
Trobador-Biographien (Halle 1913). Anders, ruhig und klar äufserte 
sich Stronski in der Vorrede zu seinem Zolguet de Marseille, S.IX: 
Pour ls donndes gnerales sur la vie des troubadours (origine, nom, 
/amille, conaition, lieu de sejour, carııdre, mortl) les biographies ont des 
informalions succincles mais serieuses, qwelles ont recueillies sur les lieux 
ou les troubaduurs avatenl scjournd et qui peuvenl älre errondes, mais 
qui ne sont pas simplement inventees ... Mais pour la carrıödre pochgue 
et surlouf (dest le poınt capılal) pour hnsloire amourceuse des troubadours 
et pour leurs prötendues avenlures amoureuses, les ancıens biographes ne 
savenl absolument rien el se contenten! de broder des recits naifs don! 
le point de depart se trouve dans les allusions des chansons ...1 Jeanroy, 
Archivum romanicum 1, 239 ff. stimmte bei aller grundsätzlichen Skepsis 
doch dieser Unterscheidung zu. 

Wenden wir uns nun zu der Darstellung in Zingarellis gelehrtem 
und feinsinnigem, aber mehr destruktivem als aufbauendem Aufsatz 
über Bernart de Ventadorn.?2 Wir haben von diesem zwei oder drei 
Lebensbeschreibungen: eine verhältnismälsig kurze und schlichte in 
sechs Hss., eine rhetorische und mit Zitaten prunkende in der 
Berliner Hs. N2, dazu eine erst an die älteren Hss. sich anschliefsende 
und dann fabulierende in Sg.? Ich habe seinerzeit (Arch. CI, 130) 
als selbstverständlich vorgetragen, dals N? oder vielmehr seine Quelle 
eine Erweiterung (z. T. auch Verkürzung) und Ausschmückung des 
Berichts der anderen Hss. gibt. Zingarelli sagt umgekehrt, N? habe 
uns einen sehr alten Bericht erhalten, der erst von den anderen 
Hss. gekürzt sei. Das ist nun jedem Unbefangenen höchst unwahr- 
scheinlich. Aber den letzten Grund der Annahme wird man gleich 
sehen. N? beruft sich auf die spöttischen Worte in Peire d’Alvergne’s 
Satire auf die zeitgenössischen Troubadours: 


1 Strohskis Buch Za@ lögende amoureuse de Bertran de Born (1914) ist 
gewissermalsen die wohlgelungene Probe auf das Exempel. et 

2 Riverche sulla vita e le rime di Bernart de Ventadorn, Studi medievali 
I, 309 ff. 

s Ed, Appel, Bern. v. Vent., S. XIfl. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 335 


en son faire ac bon sirven 
ge portav! ades arc d’alborn; 
e sa mair’ escaudava‘'l forn, 
el paire dusia l’essermen. 


Ich sehe das als einfaches Zitat an, das die Richtigkeit der Tradition 
bestätigen soll. Zingarelli sagt, hier hätten wir die Quelle des 
Biographen; was er wisse, das wisse er von Peire d’Alvergne. Wie 
kam nun Peire d’Alvergne zu seiner Behauptung? Hatte sie eine 
Grundlage in der Wirklichkeit? Ganz unmöglich. Es war ein 
literarischer Scherz. Bernart spricht von seinem Dienen (sertir), 
also nennt Peire seinen Vater einen Dienstmann (sirven); er spricht 
immer von dem Feuer seines Herzens, also lälst Peire seine Mutter 
Feuer anmachen. 

Man sieht, wie ein bedeutender Gelehrter eine Idee zu Tode 
hetzt und vor lauter Kritik schliefslich kritiklos wird. Haben wir 
wirklich Grund, auf eine solche Übertreibung der Methode stolz zu 
sein? Man hat vergessen, dafs die Biographien in den Anfängen 
der Forschung die Wegweiser gewesen sind. Es ist nicht aus- 
zudenken, wo wir heute ohne sie stehen würden.1 Man streicht gern 
an, was sie falsch gemacht haben, und übersieht, was sich bestätigt 
hat oder glaubhaft erscheint. Vor allem verkennt man die Bedeutung 
der Überlieferung, die in ihnen steckt, nicht nur in den sachlichen 
Angaben, so entstellt sie manchmal sein mögen, sondern auch in 
den kritischen Urteilen über die Dichter und in den leider zu 
seltenen Mitteilungen über ihre Zugehörigkeit zu einer Schule. Eine 
Vorstellung von dem Verlauf der literarischen Entwicklung geben 
sie nicht — eben darum, es ist bitter zu sagen, haben wir auch 
keine rechte. Sie geben immerhin ein anschauliches und farbiges, 
wenn auch nicht realistisches Bild von der Welt, in der die 
Troubadours lebten. Uc de Saint Circ und die anderen Biographen 
lasen die alten Dichter in einer Sprache, die noch die ihrige war, 
oder soweit sie Ausländer waren, eine verwandte und ihnen völlig 
geläufige, sie lasen sie mit dem Herzen und den Sinnen, sie ver- 
standen die gesellschaftlichen Verhältnisse noch, sie lebten in den 
Gedankengängen, den Empfindungen und dem Formgefühl, sie 
wünschten durch Nachahmung der Vorgänger würdig zu werden. 
Wir hätten auch heute, manche Veranlassung, von ihnen zu lernen 
und nicht nur sie zu kritisieren. 

Nur eine Stimme herrscht über die Dienste, welche die Ge- 
schichte leistet. Troubadours, die man nur aus den Handschriften 
kannte, sind jetzt aus Urkunden nachzuweisen. Das Leben einzelner 
Persönlichkeiten, die im Lichte der Öffentlichkeit standen, läfst sich 


1 G. Paris, Melanges, S. 508 drückt dieses Verhältnis richtig aus: Dies 
a td troß indulgent, sans doute parce qu’inconsciemment il hesitait d couper 
la dranche sur laquelle il dtait assıs: si on rejette en effet les biographies, 
on se lrouve pour beaucoup de troubadours en presence d’un verituble neant 
au point de vue historique. 


336 ALFRED PILLET, 


durch Jahre verfolgen. Schultz-Gora hat sich durch solche Studien 
bleibende Verdienste um die italienischen Troubadours und um 
einige südfranzösische erworben.1 Ähnliches gilt von Stronski. Sonst 
zeigen sich die einheimischen Gelehrten naturgemäls im Vorteil, 
weil es zumeist klafteıtief in die Lokalgeschichte hinuntergeht, für die 
sie die besseren Hilfsmittel und wohl auch die sachkundigeren Rat- 
geber haben. Die selva oscura der Urkunden und Chroniken, deren 
Aussagen doch richtig verstanden und nachgeprüft werden müssen, 
hat für den darin ungeschulten Philologen allerdings auch ihre 
Gefahren. Als das Ideal erscheint mir, dafs Philologe und Historiker 
zusammen arbeiten, wie das R. Sternfeld und Schultz-Gora für ein 
vielbehandeltes Sirventes von Calega Panzä getan haben.? Oft 
genügt schon eine allgemeine Kenntnis der grolsen politischen 
Ereignisse. Manches Sirventes, manches Kreuzlied, mancher Planch 
ist so höchst befriedigend datiert, nach seinen Anspielungen und 
seiner Tendenz erklärt worden. Mitunter haben sich auch kon- 
kurrierende Auffassungen behauptet, selbst für Lieder, in denen 
mehrere Angaben über Zeitgenossen und Vorgänge zusammentrafen. 
Als Stronski das Todesjahr des Blacatz auf 1237 bestimmte,? wurden 
alle Erörterungen überflüssig, die über das Datum des seltsamen 
Klageliedes von Sordel angestellt worden sind — und dabei ist in 
diesem Klagelied von dem römischen Kaiser, von den Königen von 
Frankreich, England, Kastilien, Aragonien, Navarra, dem Grafen 
von Toulouse und dem von der Provence die Rede. Schultz-Gora 
hat in seinen meisterlichen Prozenzalischen Studien ein schwieriges 
und schlecht überliefertes Sirventes des Amoros dau Luc scharfsinnig 
und gelehrt erklärt und ist mit seinen Deutungen der vielen geo- 
graphischen Namen bis an die Grenze des Möglichen gegangen; 
aber Jeanroy,5 der die Zeit, um die es sich hier handelt, besonders 
gut kennt, hat eine andere Datierung (1230) vorgeschlagen und 
noch manches gebessert. Die Briefe und einige Gedichte des 
Raimbaut de Vaqueiras 8 haben viel Kopfzerbrechen gemacht, das 
Gezänk Sordels und seines Kreises hat neuen Streit erregt.? 


1 Die Lebensverhältnisse der italienischen Trobadors, Zts. VII, 177. 
Zu den Lebensverhältnissen einiger Trobadors, Zts. IX, 116 ff. 

2 Ein Sirventes von 1268 gegen die Kirche und Karl von Anjou, Mit- 
tellungen des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, Bd. XAIV, 
Innsbruck 1903, S.616 ff. Das Sirventes steht bei Bertoni, Zrov. d’ /talia, S. 441 fl. 

3 Rev. des langues rom, L, 23ff., s. auch Ann. du Midi XXIV, 569. 

4 Provenz. Studien 11, Berlin und Leipzig 1921, S. 1ııgfl. 

5 Melanges d’'histoire du moyen äge offerts d M. Ferdinand Lot par ses 
amis et ses &löves, Paris 1925, S. 275 fl.; vgl. auch schon Rom. XLT, ıı1 fl. 

© Die Briefe des Trob. Rambaut de Vaqueiras an Bonifaz I, Markgrafen 
von Monferrat, hgb. von O. Schultz[-Gora], Halle 1893. Daran schlielst sich 
eine ganze Literatur. 

? Bertoni-Jeanroy, Un duel poetique au XIIIe siecle, Ann. du Midi 
XXVIII, 269 ff. polemisieren gegen Schultz-Goras Anordnung der Gedichtpaare 
im Liederstreit zwischen Sordel und Peire Bremon Ricas Novas (Arch, 
XCIU, 123 ff.); dazu Schultz-Gora, Arch. CXLVII, 80 fl. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 337 


I. 


Die vergangenen Jahrzehnte haben eine grofse Arbeit darauf 
verwandt, diese Quellen zu erschliefsen und auszubeuten. Von 
allen Handschriften sind Beschreibungen und Inhaltsverzeichnisse 
angefertigt. Rohe (sogen. diplomatische) Abdrucke liegen von vielen 
vor. Die Hss. der italienischen Bibliotheken sind alle abgedruckt 
bis auf D und D?! und ein paar unbedeutende. Einige dieser 
Hss. sind von Bertoni? mit minuziöser Genauigkeit reproduziert und 
in ausgezeichneten Einleitungen untersucht worden, so dals fast 
zuviel des Guten für sie geschehen ist. Leider ist für die Hss. der 
Pariser Nationalbibliothek zu wenig geschehen: man ist auf Ab- 
schriften oder auf die beliebten Photographien angewiesen, soweit 
nicht Abdrucke einzelner Stücke bei Mahn, Gedichte der Troubadours 
einen etwas dürftigen Ersatz bieten. 

Nachdem schon von Raynouard und von Rochegude die zurecht- 
gestutzten Texte des Ohosx des poesies originales des troubadours und 
des Lexique roman, bzw. des Parnasse occilanıen vorlagen; nachdem 
der unermüdliche Mahn von Hunderten und Hunderten von Liedern 
den rohen Text der Hess. (s. o.) gedruckt hatte; nachdem viele 
Stücke aus italienischen Hss. durch Grüzmacher (im Arch. Bd. XXXIU 
—XXXVI]) publiziert worden waren; nachdem eine eigentlich 
kritische Arbeit mit einzelnen Ausgaben und mit Bartschs Chresto- 
mathie eingesetzt hatte, wurden die Inedita allmählich seltener. 
P. Meyer beutete f aus für die Derniers Troubadors de la Provence 
(1871), wie später H. Suchier N für den Iyrischen Teil der Denz- 
mäler provenzalischer Literatur und Sprache (I, Halle 1883). Chabaneau 
räumte ziemlich gründlich auf mit den Zoesies inedites des trou- 
badours du Perigord (1885)? und den Varia provincialia (1889).* 
Die zahlreichen noch verbliebenen Inedita aus den Pariser Hss. 
und aus italienischen Bibliotheken 8 sammelte Appel systematisch und 
gab sie in trefflicher kritischer Bearbeitung heraus. Eine Nachlese 


I Bekanntlich ist De abgedruckt durch Teulie et Rossi, Ann. du Midi 
XIII, 60 ff., ı99 fl., 371 ff. und XIV, 197 fl., S23 ff. d verdient keinen Abdruck 
(H. Suchier, Zts. IV, 72 ff.). 

2 0): Jl canzoniere provenzale della Ricardiana n° 2909, Dresden 1905 
(Ges. f. rom. Lit., Bd. 8); vgl. meine Besprechung Zi. Blatt 1907, aıfl. — 
al: /l canz. Brov. di Bernart Amoros (complemento Cämpori), in Collectanea 
Friburgensia, 1911. — Kollation von a: Zlcanz. prov. di Bern. Am. (sezione 
riccardiana), ib. 1911. — G: Zlcanz. prov. della Bıbl. Ambrosiana, R. 71. Suß. 
Dresden 1912 (Ges. f. rom. Lit., Bd. 28). — Von der Genauigkeit des Abdrucks 
von G konnte ich mich durch Photographien überzeugen, die Bertoni mir gütigst 
zur Verfügung stellte. 

® Aus KRev. des langues rom. XX, 53fl., XXI, ı57fl., XXV, 209ff., 
XXVII, 157 fl. 

% Aus Rev. des langues rom. XXXII, 93ff., ı09ff., ı7ıfl., Ssofl., 
XXXIII, 106 fl. 

6 Provensalische Inedita aus Pariser Hss. herausgegeben. Leipzig 1890. 

© Poesies provengales inedites tirdes des manuscrits d’ Italie, Paris-Leipzig 
1898 (aus Rev. des langues rom. XXXIII, 404 fl., XXXIV,S f., XXXIX, 177 fl., 
XL, 405 ff. und 425). 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 22 


338 ALFRED PILLET, 


von Jeanroy in Pariser Hss. war danach nur kärglich.T Es war 
nicht mehr als ein glücklicher Zufall, dafs ich in C eine Kanzone 
von Guillem Magret nachweisen konnte, die eine Anspielung auf 
die hübsche Sage von Golfier de las Tors und dem dankbaren 
Löwen enthält.2 Auch die später entdeckten Hss. wurden entweder 
gleich ganz abgedruckt, oder es wurde wenigstens der neue Stoff 
so bald und so gründlich wie möglich ausgebeutet. Inedita gibt 
es wohl so gut wie gar nicht mehr. In irgendeiner Form kann 
man jedes Lied lesen, von dem man überhaupt weils — voraus- 
gesetzt, dafs man auch mit rohen Abdrucken etwas anzufangen 
versteht. 

Die kritischen Ausgaben sind ständig vervollkommnet worden. 
Das zeigen deutlich die Chrestomathien, die ja die meistgelesenen 
Texte bieten. Bartschs Chrestomathie provengale (Elberfeld 1868) war 
nach seinem Provenzalischen Lesebuch (1855) und seinen Denkmälern 
der provenzalischen Literatur (1856) eine Tat. Sie hat Generationen 
ins Provenzalische eingeführt. Leider ist sie durch die unzureichende 
und unselbständige Neubearbeitung von Koschwitz (6° &d. Marburg 
1904) nicht auf die Höhe gekommen. Paul Meyers Recueil d’anciens 
lextes bas-latins, provengaux el frangais (1874) brachte verhältnismälsig 
wenig Iyrische Texte. Im Ausland wenig verbreitet, ursprünglich 
nur für eine Uhniversitätsvorlesung bestimmt und darum nicht mit 
dem strengsten Mafsstab zu messen sind die Zesti antıchı provenzali 
raccolli ... a cura di E. Monaci, Roma 1889. Crescinis Manualello pro- 
venzale (Verona-Padova 1892) ist ein vortreffliches Hilfsbuch, nicht 
zum wenigsten durch die ausführliche und gelehrte grammatische 
Einleitung. In seiner 3. Auflage ist es zu einem wirklichen Afanuale 
per U avviamento aglı studi provenzali (Milano 1926) geworden. Appels 
Provenzalische Chrestomalhie (Leipzig 1895, jetzt 5. Aufl. 1920) bringt 
geschickt ausgewählte und sorgsam, scharfsinnig und überzeugend 
hergestellte Texte, die in ihrer Art unübertroffen sind. Das Glossar 
erfreute und verwöhnte die Fachgenossen durch seine Vollständigkeit 
und die Feinheit der Bedeutungserklärung. Der wohlgeordnete 
Abrifs der Formenlehre in der Einleitung, der so oft zu Rate ge- 
zogen worden ist, wurde ergänzt durch eine systematische und 
historische, nach Auffassung und Anlage originelle und anregende 
Provenzalische Laullehre (1918). Schultz-Goras Altprovensalisches 
Elementarbuch (Heidelberg 1906, 4. Aufl. 1924) ist vor allem eine 
knappe, aber inhaltreiche und wohlgelungene Einführung in die 
provenzalische Grammatik, auch in die Wortbildungslehre und Syntax, 
bringt aber auch für jede Gattung charakteristische Texte. Lommatzsch 


3 Podsies provengales inddites D’apres les manuscrüs de Paris, Ann. 
du Midi XVII, 457 fl. 

2 Ein ungedrucktes Gedicht des Troubadours Guillem Magret und die 
Sage von Golfier de las Tors. Festschrift sur Jahrhundertfeier der Königl. 
Universität zu Breslau. Mitteilgn. d. Schlesischen Gesellschaft f. Volkskunde, 
Bd. XIII—XIV, Breslau ıgıı, S.640fl. — Das Gedicht ist nach mir heraus- 
gegeben durch Naudieth, Der Zrob. Guillem Magret, Beiheft 52 zu dieser Zts., 
Ss. ı18fl. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 339 


hat mit seinem Provenzalischen Liederbuch (Berlin 1917) andere Ziele 
verfolgt: er gibt einem grölseren Leserkreise auf wissenschaftlicher 
Grundlage, aber mit der Absicht, auch Freude zu bereiten, geeignete 
Texte im Original mit Hilfen, gute Nachdichtungen und alte Sing- 
weisen in moderner Transkription. 

Die wirklich kritischen Ausgaben einzelner Troubadours be- 
gannen mit „Peire Vidals Lieder hgb. von K. Bartsch“ (Berlin 
1857).! Nur wenige sind Schund; fast immer kann man Arbeit 
und Nachdenken anerkennen. Ihr Wert ist so verschieden wie 
ihre Anlage. Einen Überblick über sie zu geben ist schwer, doch 
sollen einige gemeinsamen und charakteristischen Züge und einige 
Besonderheiten im folgenden herausgehoben werden. ? 

Es ist bemerkenswert, dals die kleineren Troubadours im ganzen 
besser weggekommen sind als die grofsen. Schon aus einem äufser- 
lichen Grunde: die Beschaffung des Materials ist nicht mit so vielen 
Schwierigkeiten, Umständen und Kosten verknüpft, weil die Zahl 
der Gedichte geringer ist und auch meist die Zahl der Hss., in 
denen sie überliefert sind. Manche sind ein passendes Objekt für 
Anfänger, aber nur für begabte und geschulte: für andere sind 
noch die leichten zu schwer. Manche, deren Hinterlassenschaft 
begrenzt, aber interessant und selbst amüsant ist, eignen sich für 
solche Gelehrte, die ein kleineres Gebiet gründlich und liebevoll 
durchforschen wollen, irgendwelche Spezialinteressen haben oder 
eine neue Technik versuchen. Wie E. Levy mit Guillem Figueira, 
dem bald Paulet de Marseilla und Bertolome Zorzi folgten,? hat 
Appel mit Peire Rogier begonnen (s. oben). Der Stoff war dankbar, 
aber schon die Einleitung hatte allgemeine Bedeutung und zeigte 
eine ausgedehnte Kenntnis namentlich der Metrik. Den Troubador 
Uc Brunec, wie er ihn nannte, behandelte er in den „Adhandlungen 
Herrn Prof. Dr. Adolf Tobler .... dargebrachi* (Halle 1895, S. 45 fl.). 
Für den „Trobador Cadenet“4 konnte er wegen der geistigen 
Absperrung Deutschlands, die er schwer empfand und lebhaft be- 
klagte, eine Anzahl Hss. nicht benutzen. Aus dieser Not und der 
Not der Inflationszeit machte er eine Tugend, indem er ein ver- 
kürztes Verfahren für derartige Ausgaben anwandte. Die so her- 
gestellten Lieder mit ihren Übersetzungen fügte er kunstvoll in 
seine zusammenfassende Darstellung ein. Andere Forscher haben 
kleinere Troubadours zum Anlafs oder zum Vorwand genommen, 
um ihre Sammlungen und Beobachtungen auszuschütten. Stronskis 
Kommentar zu Elias de Barjols5 strotzt geradezu von syntaktischen, 


1 Es sei aber der verdienstlichen Ausgabe des Guiraut Riquier durch 
Pfaff (Mahn, Werke, Bd. IV, 1853) wenigstens gedacht. 

® Eine gute Liste der wichtigsten Ausgaben gibt Schultz-Gora in der 
4. Auflage des Zlementarbuches S. 6fl. 

3 Guilhem Figueira, ein prov. Troubadour. Berliner Diss. 1880. — 
Rev. des langues rom. XXI, 261 fl. — Der Troub. Bertolome Zorzi. Halle 1883. 

* Halle 1920, s. meine Besprechung in dieser Zis. XLIII, 254 ff. 

5 [Ie troubadour Elias de Barjols. Toulouse 1906 (Bibliothegue meri- 
dionale X). S. meine Besprechung im Zif. Blatt 1907, 409 fl. 


22* 


340 ALFRED PILLET, 


lexikographischen und metrischen Exkursen. Dichter von lokaler 
Bedeutung haben ihre Herausgeber zu eingehender Beschäftigung 
mit der Provinz- und ÖOrtsgeschichte genötigt. An der Ausgabe 
des Bertran d’Alamano von Salverda de Grave! ist das Beste der 
Kommentar, in dem das aufgeregte Treiben der Provence zur Zeit 
der Eroberung durch Karl von Anjou sich spiegelt. 

Von den grolsen Troubadours hat Bertran de Born früh (1879) 
einen ausgezeichneten Herausgeber gefunden. Stimming hat in der 
grolsen Ausgabe ? und weiterhin sich nicht nur um den schwierigen 
Text und die philologische Erklärung der Gedichte, sondern auch 
um ihre Chronologie und ihre historische Erklärung hingebend 
bemüht und hat eine musterhafte kleine Ausgabe? den Lernenden 
zum Studium des populärsten der Troubadours in die Hand ge- 
drückt, nachdem inzwischen A. Thomas im Anschlufs an ihn eine 
eigene Bertran- Ausgabe herausgebracht hatte. Die Freude am 
Schwierigen und Nerkwürdigen hat Canello zu Arnaut Daniel! 
gelockt, Zenker zu Peire d’Alvergne,5 Dejeanne zu Marcabru.® 
Voll belohnt wurde ihr Scharfsinn und ihre Arbeit nicht, konnte 
es auch kaum werden (manche Gedichte von Marcabru spotten 
eben jeder Erklärung), ihre Leistung ist dennoch aufserordentlich 
verdienstlich. Kolsen hat „Sämtliche Lieder des Trobadors Giraut 
de Bornelhk“ (1. Bd., Halle ıgı0) in Text und Übersetzung vor- 
gelegt, Kommentar und Glossar sich vorbehalten. Auch der 
„Meister der Troubadours“ gibt ziemlich harte und nicht immer 
wohlschmeckende Nüsse zu knacken. Stronski erfüllte mit seiner 
Ausgabe des Folquet de Marseilla? die Erwartungen, die man 
nach seinen früheren Leistungen hegen durfte. Appels 2ernart 
von Ventadorn® bezeichnete Vossler® als „das Bedeutendste, was 
textkritische Arbeit während der Kriegsjahre hervorgebracht hat“, 
und gewils mit vollem Recht. Ist doch nicht nur der Text mit 
gewohnter Meisterschaft ediert, übersetzt und kommentiert; auch 
die ganzen sprachlichen und metrischen Eigentümlichkeiten sind 
sorglichst und auf breitester Grundlage erörtert, eine zeitliche 
Gruppierung der Gedichte ist, soweit das möglich war, an der 


ı Le troub. Bertran d’Alamanon. Toulouse 1902 (Bibl. merid. VII). 

3 Bertran de Born, sein Leben und seine Werke. Halle 1879. 

8 Bertran von Born, hgb. von A. Stimming. 2. Aufl. Halle 1913 
(Romanische Bibliothek NIII). — Poesies complötes de Bertran de Born, 
p. p. Antoine Thomas. Toulouse 1888. (Biöl. merid. I.) 

* Ia vita e le opere del trovatore Arnaldo Daniello. Halle 1883. Auf 
dieser Grundlage hat R. Lavaud, Ann. du Midi XXI, ı7 fi., 162 ff., 300. 
446fl. und XXIII, 5 fl. eine verbesserte Ausgabe aufgebaut. 

5 Die Lieder Peires von Auvergne. Erlangen 1900. (Rom. Forschungen 
XII, 653 ff.) 

6 Poesies completes du troubadour Marcabru. Toulouse 1909. (Bibl. 
merid. X11.) 

T Le troubadour Folquet de Marseille. Cracovie 1910. 

® Bernart von Ventadorn. Seine Lieder mit Einleitung und Glossar hgb. 
von Carl Appel. Halle 1915. 

® Französische Philologie, Gotha 1919, S. 19. 


GRUNDL,., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH, 341 


Hand namentlich der Verstecknamen, durchgeführt, Bernarts liebens- 
würdige Persönlichkeit ist mit Wärme und tiefem Verständnis 
geschildert und in den Zusammenhang der Entwicklung gestellt. 
Damit nicht genug: er forscht ständig weiter über seinen Bernart 
(Bernart de Ventadorn, Can la frej’aura venta, Zts. XLV, 608 ff.) und 
hat kürzlich eine Auswahl für Übungszwecke veröffentlicht.1 Sie ist 
willkommen, wie es nach der grofsen die kleine Ausgabe der Zrionf 
war, die in einem italienischen Gewande erschien. ? 

Ein Korpus der Troubadours haben wir nicht und werden wir 
so bald nicht bekommen. Immerhin haben wir seit langem Samm- 
lungen, die diesen Mangel teilweise ausgleichen. So hat Mila y 
Fontanals in sein darstellendes Werk De los Trovadores en Espaila 
eine Fülle von Gedichten mit Übersetzungen eingestreut, fast nur 
bekannte Texte. G. Azais, Zes Troubadours de B£ziers (2° Ed. Beziers 
1869); P. Meyer, Zes derniers Troubadours de la Provence (1871); Duc 
de la Salle de Rochemaure, Zes Troubadours canlaliens (2 vol., Aurillac 
1910) mit Nachträgen von R. Lavaud; Jeanroy, Jongleurs et Trou- 
badours gascons des XII“ et XIIl* siecles (1923 in den Olassiques frang. 
du m. &.) — alle diese Publikationen hahen die Dichter bestimmter 
Gegenden im Auge, sind übrigens von ungleichem Wert und Um- 
fang.? Bertonis grolses Werk 7 Trovatori d’Italia (Modena 1915) 
falst leider nicht alle Texte der italienischen Troubadours zusammen, 
gibt aber ein glänzendes Gesamtbild. Ihm gingen / Trovatorı 
minori di Genova (Dresden 1903, Ges. f. rom. Lit, Bd. 3) voran. 
Andererseits haben wir auch Publikationen nach Gattungen (s. unten), 
wozu noch Witthoefts Sirventes joglaresc* gehört, und eine sehr 
reizvolle: Die provenzalischen Dichterinnen. Biographien und Texte 
von Oskar Schultz[-Gora], Leipzig 1888. Ein eigenartiges Verfahren 
übt Kolsen: seit Jahren gibt er zwanglos, wenn auch nicht zu- 
sammenhanglos Texte kritisch heraus, die teils noch nicht kritisch 
behandelt waren, teils zu Berichtigungen und Ergänzungen heraus- 
fordern, in Zeitschriftenaufsätzen, in den Dichtungen der Trobadors 
(Heft ı—3, Halle 1916— 19), in dem kleinen Bande 7rodadorgedichte 
(Halle 1925), der in die Sammlung romanischer Übungstexte auf- 
genommen ist. 

Nicht unerwähnt soll bleiben, dals wir von einzelnen Troubadours 
nun schon mehrere Ausgaben besitzen, eine an sich erfreuliche, aber 
auch nicht unbedenkliche Erscheinung. Wenn z.B. Anglade — 
nach Bartsch — Les poesies de Peire Vidal (1913, 2° &d. 1923 in den 
Classiques frang. du m. d.), A. Längfors — nach Hüffer — Zes chansons 


ı Bernart von Ventadorn. Ausgewählte Lieder, hgb. von Carl Appel. 
Halle 1926. (Sammlung romanischer Übungstexte, VII. Band.) 

° / Trionfi di Francesco Petrarca, Testo critico per cura di Carl Appel. 
Halle 1902. 

3 Henry Vaschalde, Zistoire des Troubadours dw Vivarais, du Gevaudan 
et dw Dauphind, 1889 wage ich kaum zu nennen. 

4 „Sirventes joglaresc“. Ein Blick auf das altfranzösische Spielmanns- 
leben. Ausg. u. Abh. LXXXVIII, Marburg 1891. 


342 ALFRED PILLET, 


de Guilhem de Cabestanh (ib. 1924, schon vorher Ann. du Midi XXV], 5fl., 
ı89 ff., 349 fl.) selbständig herausgeben, so wird kein verständiger 
Mensch etwas dagegen einzuwenden haben, dafs eine veraltete 
Ausgabe und eine nie gut gewesene ersetzt sind. Ob aber Zes 
poesies des quatre Troubadours d’Ussel, p. p. Jean Audiau (1922) nach 
Carstens schon einem tiefgefühlten wissenschaftlichen Bedürfnis ent- 
sprach, mögen andere entscheiden. 

Diese ganze kritische und sammelnde Tätigkeit wäre undenkbar 
ohne die Begleitung der Rezensionen. Die hervorragendsten Forscher: 
Bartsch und A. Tobler, Levy, Appel und Schultz-Gora, Zenker, 
P. Meyer und Chabaneau, Jeanroy, Crescini, De Lollis, Bertoni und 
manche andere haben eine Unsumme von Fleils und Nachdenken 
in diese Arbeit gesteckt. Von einzelnen Kritikern, nicht zum 
wenigsten von Appel selbst kann wirklich gesagt werden, was der 
kleine Bestiarius von dem Vogel Glasauge sagt: Zuelh de veire ... 
a la us solil vista que res que sia, que be veiria tras .I. parct.\1 Nicht 
selten sind die Konjekturen der Rezensenten denen der Heraus- 
geber an Zahl und Scharfsinn weit überlegen, freilich auch erst 
durch deren ebnende Vorarbeit ermöglicht. Die Ehrlichkeit und 
das Streben nach -Gerechtigkeit in allen diesen Rezensionen ist 
offenbar. Mitunter ist aber eine Schärfe in der Beurteilung der 
Einzelheiten, die nicht blofs auf den Dilettantismus abschreckend 
gewirkt, sondern auch manchen guten Willen gelähmt hat. Es ist 
schlie[slich kein Wunder, dals die Provenzalistik, namentlich in 
Deutschland, in grofse Gefahr geriet, eine esoterische Wissenschaft 
zu werden. Gegenwärtig wird, so scheint mir wenigstens, wieder 
nachsichtiger geurteilt. In der Tat sind die Anforderungen an 
Überblick und Kombinationsgabe des Herausgebers derart gestiegen, 
dafs nur der Geübteste und Begabteste ihnen genügen kann. Und 
dabei bieten die Texte der Troubadours schon an sich Schwierig- 
keiten genug, mehr als die poetischen Texte einer anderen alten 
romanischen Sprache. 

Man sehe sich die Überlieferung an. Ein Germanist und ein 
Altphilologe, beide Männer von Ruf, mit denen ich eine Reihe 
bekannter, in vielen Hss. überlieferter und glänzend edierter Gedichte 
las, fanden diese an sich schon schwer zu verstehen und zu erklären. 
Als wir dann aber auf den Variantenapparat eingingen, konnten 
sie einfach nicht fassen, dafs es eine solche verwirrende Fülle von 
Varianten gäbe, so starke Abweichungen bis in die kleinsten Einzel- 
heiten, solche Unterschiede in der Schreibung, wobei doch ein 
befriedigender kritischer Text zustande gekommen war. Eine 
Orientierung in dieser Wirrnis sollen die Stammbäume ermöglichen, 
aber welches Vertrauen kann man zu ihnen haben? Gröbers 
grolse Untersuchung „Die Ziedersammlungen der Troubadours“,? ein 


1 Appel, Chrest.® S. 202. Dazu vgl. den Aufsatz Zuelh de veire von 
Appel, in Bausteine zur roman. Philologie, Festgabe für A. Mussafa, Halle 
1905, S. 154 fl. 

2 Rom. Studien I1 (1877), 337 ff. 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH,. 343 


Monument geistiger Energie, ist für alle weiteren Untersuchungen 
über Anlage, Quellen und Kritik der Hss. grundlegend und vor- 
bildlich geworden, und die Ergebnisse sind von den Herausgebern 
einzelner Hss., soweit sie sich die Mühe der Nachprüfung oder der 
Einordnung gaben, im ganzen bestätigt worden. Danach sollte 
man glauben, dafs wir den Stammbaum hätten. Weit gefehlt: 
viele Herausgeber machen sich ihre eigenen Stammbäume und gar 
einen für jedes einzelne Gedicht, besonders solche, die auch Wert 
auf Vollständigkeit des Apparats und Rechtfertigung der Lesarten 
legen. Andere freilich stehen diesen Konstruktionen skeptisch 
gegenüber. Sie verlassen sich auf ihre praktische Erfahrung vom 
gewöhnlichen Wert der Hss. und auf ihren sicheren Blick für 
das Wahrscheinliche. 

Anatole France1 erzählt von seinem geliebten Professor Bergeret: 
N m£prisait la gloire lilteraire, sachant que celle de Virgile reposait 
en Europe sur deux coniresens, un non-sens et un cog-d-l’äne. Der 
Ruhm der Troubadours ist lange nicht so verbreitet wie der Ruhm 
Vergils und ist doch viel sicherer begründet: auf einer Legion von 
contresens, non-sens, cog-d-l’öne. Man kann mit einiger Übertreibung 
sagen, dals viele Gedichte Marcabrus kaum aus etwas anderem 
bestehen. Wie weit sind wir trotz aller kritischen Bemühungen 
Dejeannes und seiner Rezensenten? davon entfernt, ein kultur- 
historisch so wichtiges und poetisch so entzückendes Stück zu 
verstehen wie das Starenlied! Ältere Gelehrte haben sich nicht 
einmal die ungewöhnliche Situation klar gemacht: die Geliebte, 
zu der Marcabru den gelehrigen Vogel als Liebesboten entsendet, 
ist eine Kurtisane.3 Aber nun die Einzelheiten der Botschaft und 
der Erwiderung! Ich greife eine verhältnismäfsig leichte Stelle 
heraus (XXVI, Strophe II). 


Sobr'una branca florida 
Lo francx ausels brai e crida, 
Tant ha sa votz esclarzida, 
15 OQOuw’ela n’a auzit l’entensa. 
L’us declui, 
Lai s’esdui 
Truesca lui. 
19 « Auzels sui,» 
Ditzs: — «Per cui 
Fas tal brui 
22 Ho cal[s] amor[s) tensa?» (Hs. tensas) 


V. ı9 ist kaum im rechten Zusammenhang, und die Konjektur zu 
V, 22 ist unglücklich. Ich lese: 


1 D’Orme du Mail, S. 238. 
2 Pillet, Beiträge zur Kritik der ältesten Troubadours,S. ı1 fl. — Bertoni, 
Studi medievali III, 638 fl. — Lewent, Zts. XXXVII, 313 ff. und 427ff. 

® Ich glaube zuerst das ausgesprochen und auch den Vergleich mit der 
Richeut gezogen zu haben, 1. c. p. 15. 


344 ALFRED PILLET, 


n„Auzels, fui!“ 

Ditz. „Per cui 

Fas tal drui, 
Ho cal amortensa P“ 


„Vogel, flieh!“ sagt sie. „Für wen machst du solchen Lärm, wo 
Dämpfung not tut?“ Und so harren wer weils wie viele Stellen 
einer befriedigenden Deutung. Ich will sie nicht aufzählen, um mir 
nicht denselben Vorwurf zuzuziehen wie der Starr. Nur darauf 
möchte ich ganz kurz hinweisen, dals sich bei Marcabru zwei 
interessante Anspielungen auf die chansons de geste finden, die 
man noch nicht gesehen hat. XIX, 20 ist unter Jos bals Gaifter 
wahrscheinlich zu verstehen /os daus (besser dbaues) Gaifer — afrz. 
les bous Gaifier.! Die Stelle XXI, 31 Pieger es que gualiana (so inC, 
galiana E) Amors bezieht sich vielleicht auf die zauberkundige 
Galienne, die wir aus dem Maine? kennen. Und noch einen Namen 
möchte ich herstellen in XLI, 20: Zas daratairitz baratan, Frienz 
del barat corbaran, Que fan Pretz e Joven delir, Baraton ab los 
baratiers ... corbaran kann nach dem Zusammenhang keine Verbal- 
form sein. Ich lese dara/ Corbaran und denke an jenen Corbaran, 
den Emir von Mossul Kerbogha, der im ersten Kreuzzug bei der 
Belagerung von Antiochia eine so grolse Rolle gespielt hat, dals 
er in der Erinnerung blieb.? Wenn gerade sein Name gewählt 
wurde zur Kennzeichnung dieser Art von daraf, des Ehebruchs, 
so geschah das nur, weil in Corbaran ein Anklang an corbar im 
obszönen Sinne war. f 

Unter solchen Umständen bedarf es wirklich der Übersetzungen, 
die immer häufiger werden, und nicht nur der poetischen, in denen 
Vossler der Meister seit Diez und Paul Heyse ist, sondern vor 
allem der schlichten und wortgetreuen und doch nicht geschmack- 
losen, wie sie Appel z. B. zu Bernart de Ventadorn gegeben hat. 
Manche Übersetzungen redlicher Philologen haben allerdings Jeanroy 
dazu gebracht, dals er, ein altes Wort geistreich erneuernd, den 
Stolsseufzer ausgestolsen hat: ce sys/öme finira par nous faire regreller 
les «belles infidles» de jadıs (Rev. critique 1914, 1, 426). — 

Doch nun zu den zusammenfassenden Darstellungen. Diez 
entwarf in „Zeben und Werke der Troubadours“ (1829, 2. Aufl. 
v. Bartsch, Leipzig 1882) wunderbar treue und anschauliche Bilder 
von den wichtigeren Persönlichkeiten. Spätere Zeiten haben diesem 
Werk nichts Ähnliches entgegenzustellen. Fauriels Zistoire de la 
poesie provengale (3 Bde. 1846) söhnt sonst durch geistvolle Be- 


i Über diese s. G. Paris, Melanges de litt. frang. du moyen äge, 5. 205 
und Be£dier, Zegendes &piques III, 175. 

2 Reis Corbarans de Persa heilst er in der Chanson d’Antioche bei Appel, 
Chrest. 6, 3. Zu den Namensformen s. Rajna, Rom. XLIX, 66fl. — Rajnıs 
Meinung, dals die in der Fides V. 491 erwähnten Corbarin ihren Namen von 
Corbaran haben und damit eine viel spätere Datierung der Fides gegeben sei 
als die übliche, baben Hoepfiner und Alfaric, Za Chanson de sainte Foy, 
1926, I, 199, II, 20 mit Recht bestritten, 


GRUNDL., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 345 


trachtung mit ihren sachlichen Mängeln aus, aber die Kapitel über 
die Troubadours sind flach. Restori schrieb ein gediegenes, nur 
zu kleines Hilfsbuch (Zefferatura provenzale, Milano 1891). Stimming 
gab in Gröbers Grundri/s 2 U, ı3 fl. (1893) eine feinsinnige, stim- 
mungsvolle Gesamtdarstellung von den Verhältnissen, den Dichtarten 
und der Gedankenwelt der Troubadours, ohne auf die einzelnen 
Persönlichkeiten einzugehen. Der Abschnitt in der Geschichte der 
französischen Literatur von H. Suchier (und Birch-Hirschfeld) — 
2. Aufl., Leipzig und Wien ı913, 1, 58f. — ist die Gelehrsamkeit 
und Umsicht selbst, aber nach Lage der Sache nur ein Exkurs in 
der altfranzösischen Literaturgeschichte. Ein populäres Werk hat 
Anglade unter dem Titel Zes Troubadours ı908 aus Vorlesungen 
veröffentlicht und dann in seine treffliche ZZstoire sommaire de la 
LittErature meridionale au moyen äge (1921) eingearbeitet. Ich glaube 
auch diesem geschätzten Gelehrten kein Unrecht zu tun, wenn ich 
sage, dals eine eigentliche Geschichte der provenzalischen Literatur, 
zum mindesten der Lyrik noch nicht geschrieben ist.! Sie würde, 
wenn sie die politische und soziale Dichtung nicht hinter der 
Minnedichtung zurücksetzt, das Bild eines bewegten, bunten, leiden- 
schaftlichen Lebens sein. 

An Vorarbeiten dazu fehlt es keineswegs. Man hat vor längerer 
Zeit begonnen die Stellung der Troubadours zu weltbewegenden 
Problemen und zu einschneidenden Ereignissen zu schildern, zu 
den Kreuzzügen, zu den deutschen Kaisern, zu verschiedenen Phasen 
der Unterwerfung von Südfrankreich. Zum Teil sind leider diese 
Abhandlungen ziemlich versteckt. Appel hat über „Deutsche 
Geschichte in der provenzalischen Dichtung“ in einer Rektoratsrede 
gehandelt, die auch in den Buchhandel gekommen ist.?2 Schultz-Gora 
gab als Anhang zu „Zn Sirventes von Guilhem Figueira gegen 
Friedrich IL“ (Halle ıgo2) ein „Verzeichnis der provenzalischen 
Gedichte, in denen der Hohenstaufe Friedrich II. genannt wird“; 
diese Liste ist ergänzt worden, s. Schultz-Gora, Arch. CXXXIV, 196.3 
Örtliche Gruppen wurden wiederholt ins Auge gefafst, für Frank- 
reich wie für Italien; für dieses haben wir jetzt zum Glück das 
zusammenfassende Werk von Bertoni (s. o.). Milä y Fontanals schrieb 
schon 1861 sein gediegenes, klares, nüchternes und doch feines 
Buch De los Trovadores en Espanla.% Einzelne Troubadours sind 
samt ihrer Umwelt in stattlichen Bänden behandelt. Andraud wollte 
mit Za vie et l’zuvre du troubadour Raimon de Miraval (1902) 
weniger eine Öfude litleraire geben als eine dfude de meurs über die 


ı Was ich über das Werkchen von H. J. Chaytor, 7Ae Troubadours, 
Cambridge 1912 denke, babe ich in der Historischen Zeitschrift CX, 438 gesagt. 

®2 Erst Sonderabdruck aus Nr. 733 u. 736 der Schlesischen Zeitung, Breslau 
1907, dann bei Niemeyer. 

8 Vgl.auch F. Wittenberg, Die Hohenstaufen im Munde der Troubadours. 
Diss. Münster 1908 (mit Textbeigaben), 

*% Neudruck als t. II, Barcelona 1889, der Obras completas del doctor 
D. Manuel Mild y Fontanals. S. jetzt Jeanroy, Zes Troubadours en Espagne, 
Ann. du Midi XXVII|XXVILL, 142 fl. 


346 ALFRED PILLET, 


Gesellschaft des Südens vor Ausbruch des Albigenserkrieges. An- 
glades wichtiges, nur etwas breites Buch Ze /roubadour Guiraut 
Riquier (1905) enthält eine Fülle von Nachrichten über die Poeten 
der Dekadenz. 

Einen anderen Ersatz bieten die Monographien über einzelne 
Gattungen. Eine Gattung, die mit den gesellschaftlichen Verhält- 
nissen aufs engste verknüpft ist, die Tenzone ist früh zum Gegen- 
stand konkurrierender Abhandlungen gemacht worden.1 Appels 
Studie „Vom Descort“ (Zts. XI, 2ı2 ff.) greift über die provenzalische 
Literatur hinaus. Klagelied, geistliches Kunstlied, Kreuzlied sind 
von Schülern Toblers, von Springer,?2 Lowinsky,® Lewent + trefflich 
behandelt worden, im Sinne entwicklungsgeschichtlicher Betrachtung 
und mit Abdruck charakteristischer Texte. 

Die Feinheit der Methode und die Kühnheit des Geistes, mit 
der Jeanroy in Les Origines de la poösie Iyrıque en France au moyen 
dge (1889, 3° ed. 1925) den Ursprung der provenzalischen und 
der altfranzösischen Lyrik betrachtete, wird auch bei dem Be- 
wunderung erwecken, der inzwischen zu der Meinung gekommen 
ist, dals Jeanroy wie sein Lehrer G. Paris die volkstüämlichen Grund- 
lagen der Troubadoursdichtung erheblich überschätzt. Von einem 
ganz anderen Standpunkt hat Wechssler 5 den Minnesang als grofses 
Kulturproblem erfalst, auf seine Voraussetzungen in den sozialen 
Verhältnissen und rechtlichen Anschauungen der Zeit und in der 
früher stets unterschätzten gelehrten Bildung der Troubadours hin- 
gewiesen und die engen Beziehungen zur Mystik, aber auch den 
„Widerstreit zwischen Frauenminne und Gottesminne“ dargelegt. 
Der Mifserfolg von G.Schlägers® geistvollem Versuch, das Tagelied 
aus der dem Ovid zugeschriebenen Epistel Leanders an Hero 
abzuleiten hat W. Schrötter nicht abgeschreckt: in einem anregenden 
und verdienstlichen Buch „Ovid und die Troubadours“ (Halle 1908) 
hat er zu zeigen gesucht, wie unendlich viel sie von dieser höchsten 
Autorität in Liebesfragen gelernt hätten. Er persönlich hat leider 
die Abhängigkeiten stark übertrieben. Immerhin ist man jetzt mehr 
als früher geneigt nach lateinischen Quellen zu forschen, und nicht 
blofe bei Ovid: Faral, Rom. XLIX, 244ff. bringt die Pastourelle 
mit der Bukolik Vergils in einen Zusammenhang, dessen Möglich- 
keit ich seinerzeit erörtert, aber verneint habe.? Die Theorie vom 


1 Knobloch, Die Streitgedichte im Provenzalischen und Altfranzösischen. 
Breslauer Diss. 1886. — Selvach, Dus Streitgedicht in der altprov. Lyrik. 
Ausg. u. Abh. LVII. Marburg 1886. — Zenker, Die provenz. Tensone. Leipzig 
1888. — Jeanroy, Za Tenson provengale, Ann. du Midi II, 281 fl., 441 fl. 

3 Das altprov. Klagelied. Berlin 1895. (Berliner Beir. 5. german. u. 
rom. Philol. VII.) 

35 Zum geistlichen Kunstliede in der altprov. Literatur, Zis. f. fra 
Sprache u. Lit. 20 1, ı63 fl. 

* Das altprov. Kreuslied, Rom. Forschungen XXI, 321 ff. 

5 Das Kulturproblem des Minnesangs, Bd.I, Halle 1909. 

© Studien über das Tagelied, Jena 1895. 

7 Studien zur Pastourelle in Beiträge zur rom. u. engl. Philol. dem 
X, deutschen Neuphilologentage überreicht, Breslau 1902, S. 88 fl. 


GRUNDL,., AUFG. U. LEISTUNGEN DER TROUBADOURS-FORSCH. 347 


arabischen Ursprung und Vorbild des Minnesangs, die an sich 
bekanntlich alt ist, haben Burdach 1 und Singer ? in gelehrten Ab- 
handlungen mit mehr Phantasie und Geist als Kritik vorgetragen. 
Sie haben grolses Aufsehen erregt, Anhänger gewonnen, Gegner 
beunruhigt. Neuerdings glaubt Hennig Brinkmann, in der lateinischen 
Lyrik des Mittelalters das Vorbild der provenzalischen gefunden 
zu haben.3 

Alle diese Ursprungsfragen hängen mit einer anderen Frage 
zusammen, die noch ihrer Lösung harıt, der Frage nach der 
Entstehung der provenzalischen Schriftsprache. Was Morf hier- 
über vorgetragen hat,* ist geistvoll wie immer, aber mehr ver- 
wirrend als belehrend. Gewils hat er völlig recht mit seiner 
nüchternen Erklärung der berühmten Stelle der Razos de frobar, so 
recht, dafs er beinahe eine offene Tür einrennt, aber die Bedeutung 
dieser Erklärung hat er überschätzt. Es bleibt doch dabei, dafs 
Raimon Vidal dem Limousinischen einen Vorrang vor den anderen 
Dialekten einräumt, wenn er auch nicht gesagt hat, es sei das 
Provenzalische. Morfs eigene Theorie, dafs die alte Gallia Narbonensis 
die Basis der Schriftsprache sei, ist unbegründet geblieben. Die 
sprachlichen Kriterien weisen vorwiegend auf den Westen, und die 
Geschichte der Literatur läfst den Primat des Limousinischen auch 
gerechtfertigt erscheinen. So wird wohl Chabaneaus Urteil schwer 
umzustolsen sein. 

Die Frage des Ursprungs der provenzalischen Lyrik interessiert 
zu viele Gelehrten der Nachbarfächer, besonders Germanisten, 
Orientalisten und Altphilologen, als dafs sie nicht dauernd im Flufs 
bleiben sollte. Mit ihr ist auch die Aufmerksamkeit auf das älteste 
Stadium dieser Lyrik gerichtet. Und hier haben sich Vossler und 
Appel getroffen. Vosslers Arbeiten über Wilhelm IX., Marcabru, 
Bernart de Ventadorn, zwischen denen noch die über Peire Cardinal 
erschien,5 haben eine Stellung für sich. Ich bin nicht mit allen 
seinen Urteilen einverstanden. Seine Auffassung des Grafen von 
Poitiers halte ich nicht für glücklich: ich glaube, dafs er der Genialität 
des Dichters und auch des Menschen nicht gerecht wird, gebe 


1 Über den Ursprung des mittelalterlichen Minnesangs, Liebesromans 
und Frauendienstes, Sitzungsber. der Preuss. Akad. d. Wissensch. 1918, XLV, 
XLVII. 

8 Arabische und europäische Poesie im Mittelalter, Abhandlungen der- 
selben Akademie, Jahrg. 1918, philos.-hist. Klasse, Nr. 13. 

8 Geschichte der lateinischen Liebesdichtung im Mittelalter. Halle 1925. 
Entstehungsgeschichte des Minnesangs. Halle 1926. (Deutsche Vierteljahrs- 
schrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, Buchreiche, 8. Band.) 

* Vom Ursprung der provenzalischen Schriftsprache, Sitsungsber. d. 
Preuss. Akad. d. Wissensch. XL\V (Berlin 1912), 1014 fl. 

5 Die Kunst des ältesten Trobadors, in Miscellanea di studi in onore 
di Attilio Hortis, Trieste 1910, S. 41gfl. — Der Trobador Marcabru und die 
Anfänge des gekünstelten Stiles, Sitzungsber. der Kgl. Bayerischen Akad. d. 
Wissensch., philos.-Philolog. u. hist. Klasse, Jahrg. 1913, 11. Abh. — Peire 
Cardinal, ein Satiriker aus dem Zeitalter der Albigenserkriege, Jahrg. 1916, 
6. Abb. — Der Minnesang des Bernhard von Ventadorn. Jahrg. 1918, 2. Abh. 


348 A. PILLET, GRUNDL., AUFG. U. LEIST. D. TROUBADOURS.-FORSCH. 


aber zu, dafs es schwer ist, auf Grund der wenigen Gedichte und 
der zweifelhaften historischen Notizen zu einem überzeugenden 
Urteil zu kommen, und dafs selbst wenn die Überlieferung besser 
wäre, wir immer noch vor einem Rätsel stehen würden. Das Wesen 
der anderen hat er mit genialer Intuition erfalst und sie mit sicherem 
Griffe in ihre geistige Umwelt gestellt. Hier ist wirklich eine 
vertiefte Betrachtung, die not tat und wirken wird. Aber auch 
Appel hat in der Vorrede zu Bernart von Ventadorn und in seinem 
Aufsatz zu Marcabru (s.o.) das Äufserste getan, um die Persönlich- 
keit der Dichter, die Voraussetzungen der Kunst, die Entstehung 
der Stilformen, die Theorie der Liebe zu verstehen. Vosslers Bilder 
sind, wenn der naheliegende Vergleich gestattet ist, expressionistisch, 
indem sie einen bestimmten, von ihm für wesentlich gehaltenen 
und auch wirklich vorherrschenden Zug betonen, und so ist das 
Bild Marcabrus noch herber geworden, als es an sich nötig war. 
Appels Bilder sind impressionistisch, Zug um Zug, Strich für Strich 
sind liebevoll gesetzt, das Ganze wirkt vielleicht nicht so einheitlich, 
aber die Chancen der Porträtähnlichkeit sind wesentlich gröfser. 

Lange Zeit war die Kleinarbeit, den früheren Bedürfnissen 
der Forschung entsprechend und in gewissem Sinne auch dem 
zentrifugalen Charakter des Stoffes sich anpassend, die Signatur 
der provenzalischen Philologie. Wenn sie mitunter einen kleinlichen, 
spitzfindigen und polemisierenden Zug trug, so sind immer Aus- 
dauer, Treue und Uneigennützigkeit ihre Rechtfertigung und ihr 
Ruhm gewesen. Allmählich wagt man sich häufiger an grofse Aus- 
gaben, wichtige Biographien und zusammenfassende Darstellungen, 
die sich an weitere Kreise der Romanisten wenden. 

Die Troubadours verdienen gekannt zu werden. Begeistern 
können sie selten; interessieren können sie vielseitiger und tiefer, 
als vorsichtige Gelehrtenart zugeben will. Es ist eine ungeheuer- 
liche Übertreibung, dafs bei ihnen alle Poesie unter Formenkult 
nnd Konventionalismus der Auffassung erstickt sei; ganz abgesehen 
davon, dafs sie sich wenigstens die Mühe gegeben haben, ihre 
Konventionen und Formen selbst zu erfinden. In Wirklichkeit 
bricht die Persönlichkeit überall durch. Und bei manchem spüren 
wir dann, dafs er mehr war als sein Werk, von dem ersten, geist- 
reichsten und charmantesten, dem Grafen von Poitiers bis zu dem 
wackeren und vergeblich dem Verfall steuernden Guiraut Riquier, 
von den kleinen, tapferen und unglücklichen Verteidigern der 
heimatlichen Scholle und Sitte gegen die Übermacht des Nordens 
bis zu den Männern, deren Schatten ein gewaltiger Wille wenigstens 
für die Phantasie eines anderen Volkes in Hölle, Fegefeuer und 
Paradies gebannt hat. 

Doch warum das dem verehrten Gelehrten sagen, dessen beste 
Lebensarbeit doch den Troubadours gegolten hat? 


ALFRED PILLET. 


Impressionismus, Expressionismus und Grammatik. 


I. Impressionismus. II. Expressionismus. III. Impressionismus und 
Expressionismus. 


I. 


1. Die Anregung zu dieser Studie verdanke ich dem Schriftchen 
Charles Ballys, /mpressionnisme et Grammaire.! Es unterscheidet zwei 
einander entgegengesetzte psychologische Bestrebungen bei der 
Erfassung der Erscheinungen und ihrer sprachlichen Wiedergabe: 
ı. Die äufsere (innere) Erscheinung wird in ihrem ersten Eindruck 
erfalst, als einfache Tatsache; ihre Voraussetzungen oder ihre Folgen 
werden nicht erforscht oder, wo sie sehr nahe liegen, geradezu ver- 
nachlässigt = Mode d’aperception phenomeniste ou impressionniste. 
2. Die Erscheinung wird im Zusammenhang ihrer Ursache und ihrer 
Wirkung erfafst, also als Wirkendes oder als Bewirktes. Das etwa 
fehlende Glied in dieser Verkettung setzt der Geist aus eigenem 
hinzu. Er erfalst also das Erscheinende als Objekt einer Tätigkeit 
auch dann, wenn der Täter nicht unmittelbar erfalsbar ist, oder 
als Täter auch dann, wenn das Objekt seiner Tätigkeit nicht un- 
mittelbar sichtbar wird —= mode d’aperceplion causale ou Iransitive. 
Bally unterstreicht, dafs er bei „impressionistisch“ an keinerlei 
Kunstausdruck denkt, das Wort vielmehr rein etymologisch braucht. 
Hier trennen sich unsere Ziele. Es erscheint mir nicht nur un- 
möglich, den künstlerischen Impressionismus von der grammatischen 
Untersuchung abzuscheiden, sondern sogar besonders reizvoll, zu 
zeigen, wie engstverbunden die Begriffe sind, bei deren Verbindung 
mit „und“ noch heutzutage mancher Aufsenstehende auf einen 
Druckfehler schlielsen wird. Wir vom Bau wissen aber längst, 
dafs wir zwischen künstlerischem Stil und Gemeinsprache keine 
Grenze ziehen können, da die Sprachschöpfung in letzter Linie 
Einzelschöpfung ist, so gut wie das künstlerische Eigenerlebnis und 
also wesensgleich mit ihm. Wo aber sollen wir den Schnitt führen 
zwischen absonderlichster Einzelsprache und allgemeiner Sprach- 
gepflogenheit ? 

Jeder künstlerische Stilausdruck wirkt sich aus einer bestimmten 
seelischen Einstellung aus. Diese Einstellung kommt aber nicht 
nur für „Stil“ als Gesamtausdruck einer künstlerischen Tätigkeit 


1 Societ anonyme des Editions Sonor 1920. 


350 ELISE RICHTER, 


in Betracht, sondern für jede Auswirkung der Seelentätigkeit über- 
haupt. Es ist also zu untersuchen, wie beschaffen die Einstellung für 
einen Sprechakt sein mufs, der mit dem künstlerischen Schöpfungsakt 
als wesensgleich anzuerkennen ist. 

Um zu beleuchten, wie die künstlerische Seelentätigkeit sich 
in der „Grammatik“ auswirkt, ist es notwendig, nicht nur vom 
Impressionismus, sondern auch vom Expressionismus und 
vom Naturalismus zu sprechen. 

2. Naturalismus ist diemöglichst genaue Abschilderung 
der Aufsenwelt. Der Naturalist schildert die Sterbeszene mit medi- 
zinischen Einzelheiten, die Grubeneinfahrt oder Überseeverhältnisse 
mit grölster, womöglich an Ort und Stelle gesammelter Sachkenntnis. 
Genauigkeit ist Trumpf. Der Naturalist verrät nichts von seiner 
Teilnahme an dem, was er schildert; nur aus der Auswahl seines 
Stoffes läfst sich auf seine persönliche Geschmacksrichtung schliefsen. 
Handelt es sich um geschichtliche Vorgänge, so zieht er Schrift- 
stücke und alle erreichbaren Zeitbelege nach Möglichkeit heran. 
Sein höchstes Streben ist Wahrheit. Der Naturalismus als solcher 
ist vollkommen objektiv. Er zeichnet, nach Mafsgabe menschlichen 
Könnens, die Dinge an sich. Der Wissenschaftler ist Naturalist. 

Rein sprachlicher Naturalismus ist die Klangnachahmung: 
kuckuck usw. Der akustische Eindruck, den wir empfangen, dient 
auch in der Mitteilung zum Hervorrufen der zugehörigen Vor- 
stellung. Der Sprecher schaltet nur die Gehörsempfindung in 
Sprachbewegung um. 

3. Impressionismus (Eindruckskunst!) ist die Wiedergabe 
des Eindrucks von den Dingen; es ist nicht die Frage, wie sie 
objektiv beschaffen sind, sondern wie sie jeweilig dem beobach- 
tenden Auge erscheinen. Der Eindruckskünstler fragt nicht 
nach Herkunft und Voraussetzung für das, was er sieht, er verknüpft 
es nicht mit Ursache und Wirkung. Der Eindrucksmaler setzt, dem 
Eindruck entsprechend, einen blauen Farbfleck auf sein Bild, un- 
bekümmert, ob das ein Stück Himmel ist, oder ein Kopftuch oder 
der Reflex auf dem Rücken eines braunen Pferdes. Er schaltet 
die logischen Korrekturen aus, die der Durchschnittsmensch an- 
zubringen gewohnt ist. Unsere Erfahrung sagt uns nämlich, dafs 
ein Pferd nicht blau ist, wenn es im Stall oder bei mälsigem Licht 
im Hof steht. Und so erkennen wir gewissermafsen das Blau auf 
dem Pferderücken nicht an; wir geben nicht zu, dafs das Pferd je 
nach dem Standort und der Tageszeit verschiedene Farbe zeigt, 
wir sind bestrebt — und dazu erzogen — aus der Verschiedenheit 
der Eindrücke eines und desselben Dings gewissermafsen eine 
Durchschnittserscheinung herzustellen, die von keinem der Augen- 
blickseindrücke allzuweit absteht, und nach der wir diese letzteren 
„richtig“ stellen, wobei sich nun allerdings kaum in einem einzigen 


! Ich entnehme diese gute Verdeutschung Sr Walzels Aufsatz „Von er- 
lebter Rede“, Zeitschr. f. Bücherfreunde, 1924, S. 25. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 351 


Augenblick der wiedergegebene Eindruck mit dem wirklichen Augen- 
blickseindruck vollkommen deckt. Das krasseste Beispiel solcher 
Richtigstellung zugunsten des Beschauers bietet der altägyptische 
Künstler, der Profilbilder mit zwei Augen malt (vorausgesetzt, dafs 
nicht sakrale Gründe mitwirkten). Der Maler sieht zwar nur das 
eine Auge, vermutet aber, der Beschauer werde auf einen einäugigen 
Menschen schliefsen und setzt daher das zweite Auge auch noch 
hin. Bei einem solchen Vorgehen muls aber gar nicht Rücksicht 
auf den Beschauer vorliegen. Moderne Kinder zeichnen Profilbilder 
mit zwei Augen, „weil er doch zwei hat“. 

Der Eindruckskünstler stellt nichts richtig; er gibt den Eindruck 
eines einzigen bestimmten Augenblicks wieder, diesen aber rück- 
haltslos und daher mit voller Ehrlichkeit, — mit gröfserer als der 
Richtigstellende. Er ist realistischer als dieser; aber die volle Wahr- 
haftigkeit seiner Darstellung gilt nur für seinen eigenen Standpunkt 
in einem gegebenen Augenblick. Die Beziehung zwischen dem 
Werk und dem Schöpfer darf nie aufser acht gelassen werden. 
Wer sich nicht ganz mit dem Schöpfer verselbigen kann, versteht 
sein Werk nicht. 

Eindrucksmäfsig ist die perspektivische Erfassung der Dinge. 
Sie ändert sich von Standpunkt zu Standpunkt; aber so viele Augen 
von demselben Standpunkt aus beobachten, sie sehen die gleichen 
Überschneidungen. 

4. Dasselbe gilt vom Eindrucksdichter. Er spricht von seinem 
augenblicklichen persönlichen Eindruck. Z.B. Rainer Maria Rilke 
von der Anfahrt an das Schlofs (Neue Gedichte 11, 97): 


War in des Wagens Wendung dieser Schwung? 

War er im Blick, mit dem man die barocken 
Engelsfiguren — — 

Annahm und hielt und wieder liels, bevor 

der Schlofspark schliefsend um die Fahrt sich drängte, 
an die er streifte, die er überhängte 

und plötzlich freigab: denn da war das Tor, 

das nun, als hätte es sie angerufen, 

die lange Front zu einer Schwenkung zwang, 

nach der sie stand. 


Wenn Rilke sagt, dafs der Park sich um die Fahrt drängt, und 
sie einschliefst, dafs die Front läuft und vor dem Tor halt macht, 
so sagt er nichts, was wir nicht alle in Wahrheit auch sehen, wenn 
wir, still im Wagen sitzend, heranfahren. Aber gewohnheitsmäfsig 
nehmen wir die logische Korrektur vor: Park und Front stehen 
still; die Heranfahrenden gelangen nach mancherlei Verschiebungen 
zum Anblick der einzelnen Teile. 

Rilkes Eigenart beruht zum grofsen Teil auf dieser Umkehrung 
der Darstellung, und eine grolse Gruppe von Dichtern aller Länder 
steht zu ihm. Goethe’s „Waldung, sie schwankt heran“, von dem 
im Himmel befindlichen aus gesehen, ist ihr Vorläufer. 


352 ELISE RICHTER, 


Die moderne Eindruckskunst scheut sich nicht, die Dinge so 
darzustellen, dafs der schulmäfsig geübte Beschauer zunächst den 
Eindruck hat, es stünde alles auf dem Kopf, z.B. Ernst Stadler 
(Aufbruch 1914) die umiaumelten Fanfaren. Die Fanfaren sind der 
Haupt- und Dauereindruck. Sie sind gewissermalsen das Stehende 
im Getümmel, das sie veranlassen. Sehr kühn; aber doch nicht 
unverständlich, wenn man dem Umstand Rechnung trägt, dafs die 
Fanfarenbläser an einem Punkt stehen, Gehörs- und Gesichts- 
eindruck also der des einheitlich Ruhenden, der Gesichtseindruck 
der taumelnden Kämpfer aber lebhaft bewegt und wechselnd ist. 
Die Bezeichnung des Gehörseindrucks als etwas „Stehenden“ 
erschiene sehr kühn, aber Alltagswendungen wie stehende Redensarten 
oder ständiger Lärm beweisen, dafs sie vor Zeiten gemacht wurde. 
Dann setzt aber „umiaumelf“ auch nur den Alltagsgebrauch fort: 
die umringte Schönheit, das #mjubelte Bild, das umtanzte goldene 
Kalb. Vgl. unten $ 5. 

Die Eigentümlichkeit des Eindrucksstils besteht darin, den sinn- 
lichen Eindruck losgelöst von seiner Ursache in den Mittelpunkt 
zu stellen, so dafs als Hauptvorstellung erscheint, was sonst Teil- 
und Nebenvorstellung war. Mallarme, Poösies, 118 Ce me va hormis 
!’y taire Que je sente du foyer Un pantalon militaire A ma jambe 
rougeoyer. Es geht mir über [die Möglichkeit] darüber zu schweigen, 
dafs ich an meinem Bein eine Militärhose im Kaminfeuer rot leuchten 
sehen soll. Man beachte die frz. Wortstellung: da/s vom Kamın 
her eine Militärhose an meinem Bein rot leuchtet. Das Rotschimmern 
der Hose ist Hauptvorstellung. Verhaeren, Zes Zeures claires (74) 
schildert den kommenden Morgen. Des vols dmeraudes sous les arbres 
eirculent. Smaragdene Flüge bewegen sich. Was fliegt? Vermutlich 
gar nichts: Durch das anbrechende Licht kann der Eindruck ent- 
stehen, dafs unter den Bäumen smaragdne Flecken aufflimmern. 
Die Ursache der Erscheinung ist vollkommen ausgeschaltet, weg- 
geschoben; die Aufmerksamkeit soll nicht darauf haften bleiben, 
was den Eindruck verursacht; das Smaragdenflimmern an sich, die 
bewegten Flecken, sind Gegenstand der Mitteilung. ! 

5. Wir sagen alle Tage die kühnsten Dinge, die uns ganz 
unsagbar und unwagbar vorkämen, wären sie heute neu. Z.B. die 
Sonnenstrahlen /anzen. Nur wenn allzu realistische Einzelzüge dazu 
kommen, erscheint es gewagt, z.B. Rene Schickele, Pfingsten (1914) 
Die Fische schaukeln den Himmel auf ihren Flossen, Sonne tanzt auf 
dem Rücken der Hunde. 

Wir sagen alltäglich: Die Zeit rennt (verrinnt ist eine Anschauung 
der Sanduhr), im Zauf der Zeit. Nur weil kräftig anschaulich ge- 
macht, erscheint kühn: Rene Schickele, Zeibwache 85 Die 10 Jahre, 
die Jockend vor Dır liefen, bis sie Dir auf einmal in Deinen Rücken 
riefen. Ohne allen dichterischen Ehrgeiz sagen wir auf der Fahrt: 


1 In meiner Studie über das neueste Französisch ANSZ 135, S. 364 hatte 
ich es anders erklärt. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK, 353 


Die Telegraphenstangen fliegen vorüber. Der Weg läuft (führt, 
geht) nach X. Die Felder bleiben zurück. Die Berge schliefsen 
sich. Jetzt kommt der Wald. Das Tal senkt sich. Sven Hedin 
(Bagdad—Ninive— Babylon 38) /a wechselnden Szenerien kommt 
mir die Landschaft entgegen, während ich selbst in tiefster Ruhe 
das köstliche Schauspiel genielse. Die wissenschaftliche Darstellung 
spricht vom „vereinzelten Auftreten“ einer Pflanze. 

Der Baum wirft Schatten. Um uns der impressionistischen 
Kraft solcher Wendungen bewulst zu werden, müssen wir sie in 
andere Form kleiden. Der Baum schleudert Schatten hin. Wer wagt 
es? Und doch war der erste, der sagte er wirft Schalten, nicht 
weniger kühn und originell. Die Bäume s/recken die Äste aus, bilden 
ein Dach. Die Ware geht (geht ab) oder sie ıst ein Ladenhüler, die 
Papiere s/eigen, das Kapital /räg/ etwas, wirft etwas ab usw. 

6. Wir sind unversehens in das Gebiet des Animismus ge- 
kommen: Ich höre heulen. Der Wolf Aeult, aber auch der Wind. 
Die Tür „raungt“, der Deckel zwsl/ nicht schliefsen. Die Milch Zäuft 
zusammen (= gerinnt, triest. va insieme), der Strick rei/st, das Fenster 
spring! auf usw. Aus diesem tief eingewurzelten eindrucksmäfsigen 
Sprechbedürfnis heraus ist es anzunehmen, dafs auch in Zukunft — 
aller gelehrten Erkenntnis und allem seit dem sechsten Lebensjahr 
festsitzenden Schulwissen zum trotz — in unserem Sprachgebrauch 
die Sonne auf- und untergehen wird, so gut wir von der MondscAeibe 
reden. 

Die Tür öffnet sich, und alles Ähnliche in allen Sprachen. 
(Dabei sind doppelte Bedeutungen auseinander zu halten: /a porte 
s’ouvre: ı. geht „von selbst“ auf; 2. lälst sich öffnen (= wird ge- 
öffnet — ist Öffenbar), z. B. leicht oder nach rechts) Ich habe 
nur den Eindruck, dafs die Tür, die eben geschlossen war, jetzt 
offen steht. Wer ist der Urheber? Das wird nicht untersucht, 
es scheint, dals die Tür es ohne äufsere Veranlassung, also aus 
innerem Antrieb getan hat. Künstlerisch verwenden wir diese 
Ausdrucksform zur Erhöhung der Spannung. Man vergleiche: 
Karl öffnete die Tür und trat ein mit: Die Tür öffnete sich und Karl 
rat ein. Im Alltag ist die Belebung des Gegenständlichen so ge- 
wöhnlich (vgl. dagegen $ ı7), dafs der Unterschied zwischen un- 
beseeltem und beseeltem Geschehen — zwischen Geschehen und 
Handlung — sprachlich vollständig verwischt ist. Das Rad Jäuft; 
das Haus szeht, das Messer schneidel. Hierzu alle Bezeichnungen 
für Werkzeug wie für den Ausüber der Handlung, Bohrer, Gasmesser, 
Schraubenzicher usw. Wienerisch heist eine bestimmte Schrauben- 
zange ein Zranzos, frz. hollandaise = Holländerin = Schöpfmaschine, 
frz. fricoteuse die Strickmaschine wie die Strickerin usw. 

Passives und aklıves Tun werden sprachlich vermischt, weil sie 
die gleichen Eindrücke hervorrufen. Die Kugel ro0/l/, ob sie durch 
meine Hand ins Rollen kommt oder durch irgendeine Erschütterung, 
oder infolge der unebenen Unterlage, so dafs kein „Urheber“ (nur 
eine Ursache) festzustellen ist, gerade so wie das Wasser im Bach 

Zeitschr, £, rom, Phil. XLVII. 23 


354 ELISE RICHTER, 


rinnt ohne menschliches Dazutun, oder die Welle sich bäumt. 
Von rechtswegen sollten wir scheiden: Der S/rom flie/st und der 
Wein fliefst aus dem Fa/s in die Flasche und nun gar das Papier 
fliefst (= die Tinte flielst auf dem Papier), denn hier ist ja das 
Thema ganz fälschlicherweise als Subjekt des Fliefsens angesetzt. 
Alle drei Ausdrucksweisen sind impressionistisch. 

Eine mittlere Stufe zwischen Animismus und Personifikation 
(vgl. 816) ist die Loslösung des Zustandes, der im Vorder- 
grund des Eindruckes steht, zu einem selbständigen Dasein: 
Steph. Zweig, Verwirrung der Gefühle 233 Der Luftzug liels die 
Flamme [der Kerze] blau emporspringen, und hinter ihm taumelte, 
riesenhaft losgerissen von seinem slarren Dastehen der zuckende 
Schatten wie ein Trunkenbold quer über die Wand. 

7. Etwas anders geartet als die Tür öffnet sich ist der passive 
Ausdruck für die Mitteillung eines Vorgauges, bei dem not- 
gedrungen der Urheber genau so in der Gesamtvorstellung 
enthalten sein mufs wie das Bewirkte. Der Hund wird gequält. 
Ich kann den Eindruck dieses Vorganges nicht haben, ohne die 
Teilvorstellung des Täters. Hier kommt es nun darauf an, welcher 
Teil der Gesamtvorstellung im Vordergrund steht: das Leiden des 
Tieres oder die Rohheit des Täters (Karl quält den Hund). 

Und wieder anders ist der sogenannte reflexive Ausdruck, der 
ein Werden, ein langsames Verändern mitteilt. Z/se fait vieux. 
Er macht sich (wird nach und nach besser). Die Menge walzt sich 
heran. Entstanden aus der Vorstellung eines subjektiven (in sich ge- 
schlossenen, auf sich selbst gerichteten) Tuns, ist er jetzt idiomatisch 
für den Eindruck des langsamen Vorganges, oder des Zustandes: 
Der Himmel wölbt sich, ich unterhalte mich, ich fühle mich wohl, er 
fühlt sich (= ist selbstbewulst.. Im Romanischen ist die formale 
Erklärung möglich, dafs der „reflexive“ Ausdruck durch Umschreibung 
des Mediums und Deponens gewonnen und dann sehr erweitert 
wurde. 

8. Eindrucksmäfsig richtig (logisch falsch) ist die jetzt in allen 
Sprachen beliebte Verschiebung „ich ärgere mich über die angedrannte 
Milch“, „der abgenommene Hut liels die Glatze sehen“, „die wrg- 
genommene Wand gab einen geräumigen Tanzsaal* u.ä. Das Be- 
wirkende wird nicht als Handlung (die Milch ist angebrannt, der 
Hut wurde abgenommen, man nahm die Wand weg) ausgedrückt, 
sondern als Eigenschaft vom Subjekt des Teilsatzes, der die Voraus- 
setzung für die Aussage des Hauptsatzes angibt. Eindrucksmälsig 
richtig: die Gesamtvorstellung „angebrannte Milch“ ist Gegenstand 
des Argers; der abgenommene Hut ist ein Eindruck; die Glatze ein 
zweiter. Ich habe den zweiten Eindruck als Folgeerscheinung des 
ersten. Die weggenommene Wand == die Wand ist weg!, die 
Handlung des Wegnehmens ist als vollendet hingestellt, ihr Ziel 
durch den Eindruck festgehalten, 

9. Die Verschiebung von genitivischer Bestimmung 
zu adjektivischer: mafrıbus famılıas et ingenuis sub hostilem höidınem 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 355 


subjechis statt hostium im Auct. ad Heren. IV, 8 (vgl. Marouzeau, 
Le Latin 240), wozu auch ceuium pecus.! 

Die Verwendung des Adjektivs in adverbialer Funktion, 
z.B. /a fenötre est grande ouverte; es ist der Eindruck des Grofsen 
(Weiten) in Verbindung mit dem „offenes Fenster“. 

Die Verwendung der örtlichen Präposition an Stelle 
der Kasussuffixe, und die Verwendung Aabeo, facio, sum, venio, 
lnco usw. an Stelle der Zeitsuffiixe, mit einem Worte die ganze 
periphrastische Ausdrucksweise, die die Entwicklung der 
Romanismen im Lateinischen kennzeichnet, ist ein Bestreben nach 
Versinnlichung, ist stärkere Herausarbeitung des Eindrucks. Im 
neuesten Französisch wird das Beiwort durch de + Substantiv er- 
setzt, um den Eindruck stärker zu unterstreichen: /a:lle de sveltesse, 
un jardın de beautE — un beau jardın.? 

Über diese und andere Verschiebungen des Ausdrucks vgl. u.a. 
meine Studie über das neueste Französisch. Hier sei noch auf die 
Verwendung des subjektiven Tätigkeitswortes für den 
Ausdruck der Eigenschaft, oder des Zustandes hingewiesen. 
Der See glänzt. Der Berg erhebt sich in die Wolken. Mich zärstet. 
Rosa rubet ist eindrucksvoller als sudra est.3 Der Zimmel blaut, der 
Morgen graut. Die sprachliche Auswahl ist willkürlich, da kein 
der Morgen (oder der Himmel) rötet vorhanden; der grauende 
Morgen ist alltäglich, der d/auende Himmel nicht. Ginzkey, Zerribile 
(Neue Freie Presse 1923, 6.Mai) ... darüber schaffefe die Dämmerung. 

Ist eine Tätigkeit in dem Gesamteindruck eines Menschen 
die Hauptvorstellung, so wird ebenfalls das subjektive Tätig- 
keitswort verwendet, um gewissermalsen sein Wesen durch einen 
Dauerzustand zu kennzeichnen: er frinkt, spielt, schreibt. 

Kleine Zahlen sind übersichtlicher als grolse; es gehört also 
zur impressionistischen Ausdrucksweise, wenn 4 > 20 lieber gesagt 
wird als 80. Die Multiplikation der kleinen Zahl ist anschaulichert 
und der so gebildete Zahlenausdruck ist ein Rest aus irgendeiner 
uralten Zählweise. 

10. Der Vergleich eines Eindrucks mit einem anderen 
Eindruck ist impressionistisch, sei es, dafs die beiden verglichenen 
Gegenstände nebeneinander gestellt werden, sei es, dafs die Nennung 
des einen und die Form der Vergleichung übersprungen wird. Die 
Wellen sind wie stampfende weilse Rofsbeine, die Schaumkämme 
sind die weilsen Rofsmähnen. Der Schnee der Wangen. Die grüne 
Jugend. Roter Hafs. Ein Beispiel für impressionistische Schilderei 
mit seltsamer Häufung von Vergleichen und neuartigen Ausdrücken 
ist Leon Bloy, Femme Pauvre 6 Une gouaillerie morose et superbe 
Söalait sur ce mascaron de gemonies, crispant la levre infericure sous 


ı Vgl. dazu Marouzeau S. 206. 
? Bally a.a. O, 17. 
® Ebd. S.9. 


* Vgl. Leo Spitzer, Urtümliches über die romanischen Zahlwörter, 
ZRPh. 45. 


23* 


356 ELISE RICHTER, 


les crenaux empoisonnes d’une abominable gueule, abaissant les deux 
commissures jusquau plus profond des ornidres argileuses ow cretacdes 
don! la litharge et la rogomme avaient ravıne la face (Ein düsterer, 
hochmütiger Hohn lagerte auf dem Galgengesicht; er kräuselte 
die Unterlippe unter den angefressenen Zähnen eines scheulslichen 
Maules, und zog die beiden Mundwinkel bis in die tiefste Tiefe 
der tonigen oder kreidigen Furchen, mit denen Bleiglätte [der 
Mann baut Wagen] und Fusel sein Gesicht verwüstet hatten). 

Es ist nur eine Frage des allgemeinen Beifalls, ob seltsame 
Vergleiche in die Alltagssprache übergehen. Er speit Feuer (vor 
Zorn), die Züge speien Tausende von Ausflüglern aus ist geläufig. An 
gewisse Jules Romains’sche Vergleiche dürfte man sich kaum ge- 
wöhnen, z.B. Les maisons faisaient ... des hommes ... comme une 
chevre fait ses crottes usw.! 

ı1. Die impressionistische Sprechweise ist die dem Menschen 
ureigentümliche. Die ersten sprachlichen Äufserungen waren jedes- 
falls Reflexe von inneren oder äulseren Reizen, konnten gar nichts 
anderes sein, als elementare Wiedergabe eines Eindrucks. Die 
Kindersprache ist impressionistisch und tut unbewulst, was der im- 
pressionistische Künstler bewulst ausführt: er wählt aus dem Gesamt- 
eindruck dessen, was sein Gesichtsfeld trifft, das Wichtigste von 
Form und Farbe, verstärkt dieses und opfert den Rest.? Das Kind 
erfafst einen Teil einer Gesamtvorstellung, bezeichnet diesen; die 
ganze übrige Gesamtvorstellung bleibt unausgedrückt, unzerlegt. 

In der Sprache der Erwachsenen wird die Gesamtvorstellung 
nicht zerlegt im unpersönlichen Ausdruck: „Zs raucht“. Ich 
habe den Eindruck des Rauchens, gleichgültig zu sagen, ob es der 
Ofen oder der Herd ist. Logische Darstellung würde Ursache und 
Wirkung (Subjekt und Prädikat) angeben, impressionistisch genügt 
die Angabe des Zustandes. Zs wird getanzt. Wer das Tanzen 
ausführt, ist weggelassen, wie der Maler Einzelheiten der Landschaft 
„weglälst“, die den Haupteindruck stören. „Zeichnen ist fortlassen* 
sagt Liebermann.3 Zu künstlerischer Wirkung werden unpersönliche 
Ausdrücke verwendet, wo persönliche, weil bestimmter, von wesentlich 
geringerer Wirkung wären. Man beachte die Steigerung ins Un- 
heimliche von Zr klopfl über man klopft zu es klopft. Wo gespenstische 
Wirkung beabsichtigt ist, häufen sich die unpersönlichen Ausdrücke: 
Ahnfrau I Darum winmert es so klaglıch in den halbverfallenen Gängen, 
darum pocht’s in dunkler Nacht. 11 Laut wird’s ın dem öden Zimmer, 
Rauchend wogt es um mich her, — hör’ es weinen, hör’ es klagen, 
und zulelzt in meiner Nahe wimmert es ein dreifach Wehe usw. Ganz 


ı Vgl. Heifls, Vom Naturalismus zum Expressionismus, N. SP. XXIX, 107 
und L. Spitzer, Der Unanimismus Jules Romains im Spiegel seiner Sprache, 
Arch. rom. VIII, söft. 

? Mauclair in Encycl. Brittannica, Bd. 14, „/mpressionism“ S. 345. I/mpr. 
is the art that surveys Ihe field and determines which of the shapes and 
tones are of chief importance to the interested eye, enforces these and sacrı!- 
fices the rest. 

8 Rainer Maria Rilke, Worpswede, S. 124. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 357 


selbstverständlich sagen wir es geht um. In Schillers „Taucher“ 
beruht der ganze Eindruck des Geheimnisvollen auf der durch- 
gehenden Anwendung der unpersönlichen Ausdrucksweise: Str. VI 
Und es wallet und siedet und brauset und zischl. VII Grundls, als 
ging’s in den Höllenraum. 1X Und stille wird’s über dem Wasser- 
schlund, In der Tiefe nur brauset es hohl... — Und hohler und 
hohler hört man's heulen, — Und es harrt noch mit bangem, mit 
schrecklichem Weilen. X1 Und heller und heller — Hört man’s näher 
und ımmer näher brausen. XII Und es wallet usw. — Und mit ... 
Getose Entstürst es brüllend dem finsteren Schofse. XI Da hebt sich’s 
schwanenweifs — Und es rudert mit Kraft (Hier von besonderer 
Wirkung der Übergang zum persönlichen Ausdruck: Und er ist’s) 
XIV Zs behielt ihn nicht. XVI Da unten aber ısts fürchterlich. 
XVO Zs ri/s mich hinunter — wie einen Kreisel trieb mich’s um. 
XIX ... Unter mir lag’s noch bergetief — Und ob's hier dem Ohre 
gleich ewig schlief, Das Auge sah, wies von Drachen sich regte. 
XXI Da Arochs heran. XXVI Da ergreaift’s ihm die Sece ... es 
blitzt aus den Augen ihm kühn ... Da treöt’s ihn... XVII Da 
bückt sich's hinunter. 

Übergang von eindrucksmälsiger zu logisch-naturalistischer 
Darstellung ist: es scheint die Sonne,i es glanzt der Sec, d.h. nach 
der eindrucksmälsigen Mitteilung folgt die logische Ergänzung. 

Da die Setzung der unausgewickelten Gesamtvorstellung ein- 
drucksgemäls ist oder wirkt (vgl. unten) so gehört hierher die Vor- 
ausnahme mit ga und die Wiederaufnahme mit ga oder mit dem 
Pronomen. Les officiers, dest des ingenus.? Celle femme, on aurait dit 
qwelle &tait le dEchainement de lachivilE musculaire.® (Ca me gene, votre 
parapluie. Plaut. (bei Marouzeau 210) aurum, ıd fortuna invenilur. 

Die Handlung wird als unzerlegte Gesamtvorstellung im 
Infinitiv gegeben; der Infinitiv als Objekt ist eindrucksmälsig, 
z. B. Horaz Sat. I, 9 misere cupis abire, Terenz Andr. III, 2 reddere 
hoc non perdere me misit (— ul reddas). 

Der sogenannte Notiz- oder Tagebuchstil gibt eine ganz 
unausgewickelte Gesamtvorstellung wieder. Verlaine, Poömes Saturnins, 
Effet de Nuit: La nuit. La pluie. Un ciel blafard que dechiquette 
De flöches et de tours 4 jour La silhouelle D’une ville gothique Eteinte 


1 Es scheint die Sonne könnte man für grundverschieden halten von es 
scheint zu regnen, wo es scheint die persönliche Meinung ausdrückt, die Ein- 
stellung des Sprechenden zum Inhalt seiner Mitteilung: in diesem Fall wäre 
es inhaltsleer und könnte auch fortbleiben: mir scheint, es regnet. Aber in 
Wahrheit ist das es nur fortgelassen, weil es eben im zweiten Satzglied steht. 
Es regnet = Regen ist, Regen scheint (mir) zu sein. Ich habe den Eindruck 
von etwas, das dem Regen durchaus ähnlich ist, das wie Regen aussieht; 
= es (wirkliches Thema) erweckt den Schein des Regens. Vgl. er scheint zu 
betrügen. Der Unterschied beschränkt sich also auf die verschiedene Bedeutung 
von scheinen. 

8 Bei Lösch, Der impressionistische Stil der Goncourt, 5. 71. Vgl. auch 
L. Spitzer, Das synthetische und das symbolische Neutralpronomen im Franzö- 
sischen und Bally, a.a. O. 

® Bei Lösch S. 72. 


358 ELISE RICHTER, 


au loinlain gris. La plaine. Un gıibet plein de pendus raboueris usw. 
Er ist ein oft besprochenes Hauptstilmittel des Impressionismus. 
Dazu zu stellen ist der anakolute Ausdruck. 

12. Erscheint als Hauptvorstellung eines Eindrucks die 
Eigenschaft, so verschiebt der Eindruckskünstler die logische An- 
ordnung, die Eigenschaft wird als das eigentliche Ding, ihre 
Erscheinungsbedingung als Beiwort gegeben. Ze rouge de son 
chapeau. Die Bläue des Himmels. Kaiser Rudolfs halige Macht. 
Dieser letztere Typus ist tief in die Alltagssprache gedrungen in 
der Form der höflichen Ansprache. Form. Augiens.? 369. 19 
Avesira benevolentia nobis destinatus, Form. Morbac. passim sanclilas 
vesira, Ina beatitudo, tua bonitas, Form. Senonens. 201. 30 almıtas 
vesira, 202. 8 dıilecta carılas vestra, Form. Aug. 367.8 vestra saga- 
citas, 374 inmensa palernitas vestra, Flavin. 487.18 fraternilas 
vestra, ebd. 488 ecscelentiae vestrae, Form. Bitur. 173. 8 salus abundet 
altıtudinem culmenis vestri, ebd.fl. misericordia, nobilitas, 
gralia, indusiria, fortitudo, magnificentia vel sanchtas vestra, 
precamus pielatem vestram, vestrae regalis clementiae carlam, 
ad salutem vestrae culmenis, Marini N. 83 /Jaudabilitatem vestram. 
Als Gegenstück Form. Bignon. 236. 37 nostra stultitia, Form. Bitur. 174 
parvitas, pravilas. Noch jetzt: meine Wenigkeit, Euer Gnade; 
Seine Eminenz (— Sein Hervorragendes) ist (sind) ausgefahren usw. 
In diesen so alltäglichen Wendungen ist das eine Mal die Macht, 
das andre Mal die Erhabenheit, oder die Gnade usw. im Blickpunkt 
des Bewulstseins, die Bezeichnung wird daher gewonnen. Gar 
nichts anderes tut Rilke, wenn er im „Requiem“ sagt: So wenig der 
Feldherr eine Nike festhalten kann am Vorderbug des Schiffes, wenn 
das geheime Leichisein ihrer Gottheit sie plötzlich weghebt in den 
hellen Meerwind, 

P. Adam, Za Force: Enfin, pensa la coldre du jeune homme. 
So verschieden scheinbar pensa la colere du jeune homme von sagte 
Seine Gnaden, beide kommen aus derselben Wurzel. Der franz. 
Typus Ja sveltesse des tailles, la blancheur des colonnes (statt colonnes 
blanches) ist schon im Abnehmen, dagegen kommt faille de svellesse 
auf (vgl. 10). Der Zsel von einem Bedienten. Der Haupteindruck 
„Esel“ überragt alles Übrige, das in Abhängigkeit gesetzt wird. 
Dieser Typus erscheint aufs höchste gesteigert bei Leon Bloy: 
Ernest Daudet, digne fils de son Alphonse de pere. Die ganze 
Verachtung, die Bloy in den Namen Alphonse Daudet legt, konnte 
nicht nachdrücklicher herauskommen, als durch diese Heraushebung. 

Hierher gehört natürlich auch die Ausdrucksform Assassin 
que Iu es. Geld wenn ıch haäll. 

Die Bezeichnung einer Person nach der hervorragendsten 
Eigenschaft: (der) Ärauskopf, (der) Xote, Naso, nach Stellung und 
Beschäftigung Aüster, Müller usw., span. Orofendola < aurium 


I Bally, a.a. O. S.ı7 macht aufmerksam, dafs sich solche Wendungen 
schon bei Euripides finden, Aaxides neniwv statt „zerrissene Gewänder“. 
2 Mon. Germ. Hıst. Leszum N. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 359 


pendulus (nach Rich. Riegler1 „goldenes Pendel“, vielleicht als 
schwebendes Gold geradezu den vodls dmeraudts gleichzustellen, 
prov. coupoven — Schneidewind (Turmfalke) Riegler, Bibl. dell’Arch. 
Rom., Vol. 3, S.105. Die Bedeutungsentwicklung „pars pro 
toto“ z.B. Fähnlen usw.; die Bedeutungsverschiebung von 
Konkreten zu anderen Konkreten, z.B. Zisenbahn = Schienen- 
weg > „Wagenzug“; dieser springt mehr in die Augen, seitdem 
die Tatsache der Schienenwege eingebürgert ist. 

Als besonderes Kennzeichen der modernen Eindruckskunst gilt 
die Vermischung von Reizen aus verschiedenen Zentren. 
Da ist die „audition color&e“ sowohl bei musikalischen Tönen (A dur 
= rosa, Dmoll = blau usw.) als bei Vokalen, vgl. das Gedicht 
Voyelles von Rimbaud? A nor, E blanc, ] rouge, U vert, O bleu usw. 
Bekanntlich ist die Verbindung von Farbe und Vokal bei ver- 
schiedenen Versuchspersonen durchaus verschieden.? Die Vermutung 
liegt nahe, dafs es sich dabei um Assoziationen handelt, die auf 
erste Eindrücke des Kindes- oder Säuglingsalters zurückgehen und 
sich festsetzen. 

Verwickelter sind die Kreuzungen bei modernen Dichtern. 
D’Annunzio, Notturno* [der Laubfrosch klettert mit Hilfe eines 
Haferhalmes auf eine Maispflanze] e /a raganella beveva con quel filo 
d’avena tulto il verde della Versilhia e lo rendeva in canto al mio 
sopore. (Das Fröschlein trinkt alles Grün, gibt es wieder im Ge- 
sang für meine Schlaftrunkeit.) 0 negli occhi quel suono d’argento 
assordito, cuwi Iremava la levitä del capelvenere. (Ich habe den ge- 
dämpften Silberklang im Auge, den die Leichtigkeit des Frauen- 
haares zitternd von sich gab.) Vgl. oben, (Subst. statt Adj.): Der 
Silberklang des erzitternden Frauenhaars.. Das Frauenhaar ist so 
leicht, dafs es nur den allergedämpftesten Ton von sich gibt, wenn 
es erzittert. Ich sehe den Klang, den seine Leichtigkeit zitternd 
hervorbringt. Rene Schickele (Zeidwache 1914) Pfingsten: Gehör und 
Gesicht kennen keine Grenze, wir sprechen mit Mensch und Tier. Was 
unser Blick trifft, antwortet „Wir“. E. Ludwig, Remdrandts Schicksal 80: 
Ein tiefes Braun, wie von Cellotönen, hat sich aus dem Gold der 
glänzenden Zeit gerettet und spielt mit rötlichen und mil olivgrünen 
Halbtlönen eine nie gehörte Kammermusik. \gl. Farbensymphonie. 

Diese Vermischung von Reizen im Bewulstseinsfeld ist aber 
nicht neu. In Zn/. Viv. 6285 heilst es Jant ert bele ... Que dou 
veoir estoit grant melodie (Tobler, V. 2. V, 408). Gar nicht zu 
reden von dove ıl sol tace und seinen Nachfahren, z. B. Rilke (Sonette 
an Orpheus II, 5) das polyphone Licht der lauten Himmel. Neu ist 
allenfalls das Hineinbringen des Tastgefühls: Ernst Stadler (Auf- 


1 Archiv. Rom. VI, S. 168. 

2 Oeuvres, Paris 1924, S. 93, dazu Une saison en enfer, S. 285. 

8 Ich sehe a = mattrot, g = weifslichgelb, # = hellgrün, p = orangegelb, 
4 — schwarzbraun, g = orangerot, & dunkelgrün usw., die Schliefslaute als 
dunkle Linien im Wortspektrum. 

* Nach Mario Praz, Cultura 19223. 


360 ELISE RICHTER, 


bruch 65) Alle Trottoirs sind eng mit bunten Blusen und Madchen- 
gelächter vollgepackt, Rilke, „Kleinseite*1 ... hohe Türme voll 
Gebimmel, Ginzkey, „Stephansturm“.?2 Sein Fufs erstarrt im Markt- 
gebraus von Krämerlichtgeschrei umloht, Stephan Zweig, Verwirrung 
der Gefühle 208 Das Zimmer schien plötzlich überfüllt von Dämmerung 
und Schweigen. Schweizerisch redensartlich: Der sitzt mir die Stube 
voll (— ist lästig lang da). \Wie sagen wir im Alltag, seit undenk- 
lichen Zeiten und in allen Sprachen? Ein Aeller, scharfer, spilzer 
Ton, eine weiche, grelle, schreiende, satle Farbe. Wilder Schmerz, 
glänzende Rede. Siechende, spilze Reden, sü/se Töne; das Gespräch 
fortführen, dufliıger Farbenlon, Farbenharmonie, die Tat stınkt zum 
Himmel, köimmelschreiendes Unrecht; Ein Bild wachrufen, das schmeckt 
nach Verrat. [Cela] sent ... Patheisme (Littr), täter du degöut 
et du chagrin (Sevigne, ebd... Graue Stunden, rosige Laune, 
ein Gerücht hören und verbreiten. Ihre Schönheit macht viel Lärm. 
Blinder Lärm. Hohle Redensart. Dünne Stimme, rührend 
Stimme. Lat. odor acufus, vox odscura, dulce visu, dulce auditu 
nomen usw. 


DI. 


14. Expressionismus (Ausdruckskunst) ist die Wiedergabe 
von Vorstellungen oder von Empfindungen, die die äufseren 
(bzw. inneren) Eindrücke in uns erregen; die objektive Beschaffen- 
heit der (Vorstellungs)gegenstände, die diese Eindrücke wachrufen, 
kommt gar nicht in Betracht. Die Ausdruckskunst beschäftigt sich 
nicht damit, was objektiv vorhanden und wie das objektive Vor- 
handensein überhaupt einwandfrei festzustellen ist. Sie gibt das 
subjektive Denken und Fühlen über die Dinge, die im 
spekulativen Ich vorhandene Idee von den Dingen. Der Aus 
druckskünstler sagt nicht, was vorgeht oder was er sieht, sondem 
was ihn beim Anblick eines Vorganges oder Dinges bewegt, sein 
persönliches Empfinden und sein Urteil (unter Umständen 
sein Vorurteil) über die Dinge. Er sieht von jeder Naturwahrheit 
von vornherein ab; er zieht die Aufsenwelt nicht als solche in den 
Kreis seiner Schilderung; er berichtet seinen Seelenzustand bei 
der oder jener Gelegenheit, das, wozu die äulseren Erlebnisse ihn 
angeregt haben, oder, um den modernen Ausdruck zu brauchen, 
wie er „darauf reagiert“. Die Ausdruckskunst umfalst jede Art, 
Innerliches und Nichtsinnliches zu äufsern. Nach Rilke ist das 
Wesen des Künstlers: sich sagen, das Tiefeigene, das Ungemein- 
same.® Das ist aber auch das Wesen des spekulativen Geistes. 
Der Philosoph sagt „sich“, sein persönliches Denken über die 
Dinge, wie der Künstler sein persönliches Empfinden sagt.* Das 


! Stephan Hock, Zyrik aus Deutschösterreich 1919, r4l. 

®2 Ebd. 137. 

8 Worpswede: Einer sein, als Künstler, heifst: sich sagen können, 55 ff. 
besonders 58. i 

% Der heifse Drang, Persönliches zum Ausdruck zu bringen, ergreift heute 
auch oft den Wissenschaftler und man hört das Schlagwort, die Wissenschatt, 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 36 I 


innere Erlebnis ist nur subjektiv vorhanden und es wird sich nie 
ganz feststellen lassen, ob überhaupt zwei Menschen sich vollkommen 
deckende innere Erlebnisse haben können. Von vornherein war 
das innere Erlebnis nicht mitteilbar, das mulste, im Laufe zahlloser 
Geschlechter, erst erlernt werden. Es ist einer der feinsten seelischen 
Vorgänge; denn es gibt ja keinen Ausdruck, der an sich dem 
Vorstellungsgegenstand des inneren Erlebnisses vollkommen ent- 
spräche, es wäre denn, dals der Einzelne ihn eben dafür frei erfände. 
Wie soll aber der Hörer sicher sein, was er darunter zu verstehen 
hat? Das Verständnis ist schwer oder geradezu unmöglich, wenn 
nicht irgendeine sinnliche Brücke geschlagen wird (Erklärung durch 
Vergleich). In der ungeheuren Mehrzahl der Fälle wird das Nicht- 
sinnliche von vornherein durch Vergleich mit dem Sinnlichen mit- 
geteilt. Der Hörer soll aus diesem auf den inneren Vorgang 
schliefsen. Der Ausdruck war ursprünglich kräftig bildhaft. Ein 
nach innen Schauender zog z.B, um die schwere Arbeit seiner 
Gedanken zu schildern (= mitzuteilen), den äufseren Eindruck des 
Wiegens, Er-wägens (= die Last heben) heran. Jede Vergleichung 
eines Nichtsinnlichen mit einem Sinnlichen ist durchaus subjektiv 
und expressionistisch. Der Sprecher wirft seine Vorstellung nach 
aufsen, wie es Rilke in dem Gedicht „Das Einhorn“ ausspricht 
(Neue Gedichte I, 39): Seine Blicke, die kein Ding begrenzte, warfen 
sich Bilder in den Raum. (Es hat nicht äufsere Eindrücke, die 
durch das Auge ins Bewulstsein dringen, sondern umgekehrt: was 
es „sieht“, sind Bilder, die aus dem Inneren in den Raum geworfen 
sind, wie aus einer Laterne). Das innerlich rein subjektiv Erschaute 
wird durch Versinnlichung objektiviert und damit anderen zugänglich. 
Wenn also Goethe die zwei Seelen in seiner Brust vergegenständlicht 
als Faust und Mephisto, als Tasso und Antonio, so verfährt er 
expressionistisch. Schiller wirft das Phantasiebild des Bösen in 
die Aufsenwelt in der Gestalt des Franz Moor usw. Die expressio- 
nistische Tätigkeit kann somit als die Vergegenständlichung des 
innerlich Erschauten angesehen werden. Sie kann die mannigfachsten 
Formen haben: 

15. Die Vergleichung innerer Zustände mit Natur- 
vorgängen. Mallarme& 30 Des crepuscules blancs tiedissent sous mon 
erdne. Matte Frühlingsstimmung. Im Altfranzösischen war /umer 
„rauchen, dampfen“ ganz gewöhnlich für „zornig sein“,1 vgl. übrigens 
auch: er dampft vor Zorn, Ich habe „wie edel im Gehirn“. Zeim 
im Gehirn. 7’as du noir (ich bin traurig). 


das Universitätskolleg, soll „Erlebtes“ geben. „Erleben“ heifst etwas mit eigenen 
Gefühlswerten durchsetzen, es in sein Gefühlsleben aufnehmen. Gewils soll 
der Wissenschaftler mit vollster Anteilnahme an seiner Arbeit sein — ohne 
die sie nie gelingen könnte — gewils soll er über nichts berichten oder urteilen 
(z. B. eine Dichtung! oder ein Buch!), was er nicht aus eigener Anschauung 
kennt, aber es liegt jetzt die Gefahr nahe, dafs subjektives Empfinden an die 
Stelle der objektiven Beobachtung trete, die eben das Wesen der Wissen- 
schaft ausmacht. 
ı Vgl. E. Richter, Zabak trinken, ZVglSprf. LV, S. 147. 


362 ELISE RICHTER, 


Die Verlegung der eigenen Stimmung in Auflsenwelt- 
dinge, die unter ganz anderen Daseinsbestimmungen bestehen 
oder überhaupt unbelebt sind. Da ist vor allem das Erfüllen 
der Natur mit Stimmungsgehalt: der muntere Bach, die 
lachende Sonne, der drohende Fels. Von Verlaine sagt Heifs,! 
die Landschaft ist das Gefäls für seine Stimmung. Leon Bloy 
spricht vom schlafenden Ozean, Jules Laforgue? Za mer au 
solennel bassın, Rimbaud Za vitre qui rit la-bas, Andre Fontainas 
(Allee de Glaieuls) des jones sanglolants.? 

Statt zu sagen, was tatsächlich in uns vorgeht, verlegen wir 
den Vorgang nach aulsen: Da erwartet mich ein schöner 
Ärger. Steph. Zweig, Verwirrung der Gefühle 223 Das Zimmer, wie 
immer vollkommen abgedunkelt, erwartete uns mit vertrauter Däm- 
merung. Aber nicht nur Stimmungen, sondern auch Bedeutungen 
werden expressionistisch in die Landschaft gelegt. Wir deuten 
Felsen zu Burgtrümmern um und dichten zu den Trümmern die 
einstigen Bewohner u.ä. 

Die Vergöttlichung der Natur. Sie ist der erste Schnitt 
auf einem langen Wege geistiger Entwicklung. Wir verlegen unsere 
Empfindung des Göttlichen (in irgend einer Form), unser Bedürfnis 
nach dem Göttlichen nach aulsen. Das Weitere ist dann die 
sinnliche Gestaltung des Gottesgedankens bis zu voller Vermensch- 
lichung; die sinnliche Ausdrucksform für irgendein Nichtsinnliches, 
z. B. die Verkörperung des griechischen Schönheitsideales im Bilde 
der Helena oder Rembrandts Darstelluug des Erdgeistes unter der 
Form eines magischen Zeichens, 

16. Die Personifikation ist nicht zu verwechseln mit dem 
Animismus. Die Beseelung entwickelt sich auf Grund von Ein- 
drücken (vgl. $ 6), die Verkörperung ist freischaltende Phantasie- oder 
Denktätigkeit. Rosny Aine, Marthe Baraquin, 233 Z’4E trama ses 
robes somptueuses dans le crepuscule, Melot du Dy, Le Sot 1’y laisse! 
Pourquoi me suis-je levE Si malin, perdu de röver Le dolent destin 
relöve Son visage mal lave. Der Dichter stellt, recht gut zeichnend, 
sein wehvolles Geschick mit schmutzigem Gesicht dar, wie Rosny 
die geschilderte Empfindung des schwülen Sommerabends durch 
frainer ses robes sompiueuses. Oder Giraudoux, Suzanne 21 La plane 
June ... se donnait le secret d’une lune masqguee. Francis de Miomandre, 
Ecrit sur de l’eau (1908), 54 une de ces phrases tremblantes di 
reconnaissance et qui ont la main sur le coeur. Diese „halbe“ 
Personfikation ist, literaturgeschichtlich und volkskundlich, seltener 
und später als die ganze Personifikation, die fast immer und überall 
zu belegen ist, vor allem für dichterische Zwecke, z. B. Barbusse 
„Apolhlose* (Pleureuses), eine Verherrlichung der hohen hingebungs- 


ı N. Spr. XXIX, 101. 

®? Camille Mauclair, Jules Zaforgue XI. 

8 The Times Literary Supplement 1921 8. D:z. 
* L’Expansion Belege, Brüssel 1921. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 363 


vollen Arbeit in einem nicht zu überbietenden Stimmungsgemälde 
der Dämmerung. 


I Mes yeux lasses du jour qui ment,! La joue un peu creuse sourit 
O ma sainte, seule en novemdre, D’un sourire de sacrifice ... 
Vous cherchent adorablement 


Dans la priere de la chambre, 6 Votre cou noyd, frele A voir, 


Vous soutient de douce Epouvante, 
2 Je m’arr&te au seuil sans cowleur Perdue en musique du soir, 
Le grand deluge vous abtme, Infinie, & peine vivante ... 
Et dans quelque coin de douleur, 


Vous &coutez, travail sublime. 7 Je vois votre coeur rayonnant 


Dans la candeur cr&pusculaire. 


3 Grise dans le soir en suspens Je vois, docile, maintenant, 
Comme heureuse de jours sans Que votrebonte& vouse&claire... 
nombre, 


8 A force de tranquillite, 


Votre front s’incline et s’&tend, : 
Vous brillez comme aupr&s d’un 


Dans un cantique de penombre. 


| cierge, 
4 Peu d peu mes regards du jour Dans le soir de realıitd 
S’habituent A votretendresse... Oü vous &tes un peu la Vierge. 


Je comprends l’indistinct amour, 


Et le mystöre de caresse 9 La nuit tombe avec ses rayons 


Et sanctifie en Zaix immense 
5 Sur latempe un doigt s’attendrit, La gloire dont nous d£faillons, 
Comme un saint et souffrant office; A genoux, au coeur du silence.? 


Die Allegorie: Alles äufserlich Erschaute ist nur ein Gleichnis. 
Der Beschauer setzt das nichtsinnliche Wesen dem äulserlich Er- 
scheinenden gleich, sieht in diesem nur das Bild jenes, legt ihm 
einen Sinn unter, der objektiv ganz fern liegt (un’allegoria 2 nascosta 
in ogni figura del mondo, d’Annunzio, Contemplazione della morte XI). 

Die Metapher, z. B. Mallarme in dem schönen Gedicht 
Le Guignon ı2: Die groflsen Unglücklichen ... voyageaient sans 
pain, sans bdlons et sans urnes, Mordant au citron a’or de lideal 
amer. Doppelte Verschränkung. Die goldene Frucht des Ideals, 
das Ideal bitter wie die Zitrone. Leon Bloy, Zemme Pauvre gı Il 
ne lui restait plus gwWun inlolerable degoüt pour le mistrable amant 
dont ... U’dtonnante lächelE Vavait saturde de tous les crapauds du 
möpris et de l’aversion. 

Der hyperbolische Ausdruck: eine See von Plagen, furchtbar 
gern usw. 

Das Symbolisieren. Die Scheidewand zwischen Geistigem 
und Irdischem fallt. Einerseits ist alles vergeistigt, andrerseits kann 
der Mensch sich auch an jede Stelle und in jedes Gebilde ver- 
setzen. MM® de Noailles (Paroles dans da nuit, in La Plöiade, 1921). 


1 Die Schilderung der Dämmerung in ihren zahlreichen Schattierungen 
ist von mir kursiv, die Personifikation gesperrt gedruckt. 

2 Auf den Knien, am stillen Busen der hohen Arbeit, wird uns statt 
des Ruhmes, den wir entbehren müssen, unendlicher Friede. 


364 ELISE RICHTER, 


Je suis le haut cypres, debout sur la pelouse, Dont la branche remue 
au pas du rossignol, Mais qui reste immobile et qui benit le sol. 
Ebenso symbolisch bei Rilke, Sonette an Orpheus I], ı2 [Ohne 
unseren wahren Platz zu kennen (im Weltganzen), handeln wir aus 
wirklichem Bezug (= Beziehung)], Die Antennen fühlen die Antennen, 
und die leere Ferne trug. 

Das Typisieren. Der im Leben nie erschaute „Typus“ an 
sich, das ist die platonische Idee der Sache, kann nie eindrucks- 
mäftig dargestellt werden. Die Aufsenwelt liefert die Einzelstücke, 
die Gedankenarbeit die Allgemeinvorstellung. Mit welchem Mittel 
immer diese allgemeine Vorstellung ausgedrückt wird, der Ausdruck 
ist expressionistisch. Die mittelalterlichen Realisten, die Platonisten, 
die der Idee ein objektives Dasein zusprechen, sind Expressionisten. 
Die romantischen Philosophen, die die Aufsenwelt nur als das 
Nicht-Ich erkennen, d.h. das Ganze nur an dem einzigen Malsstab 
des Eindrucks auf das Ich messen, sind Impressionisten. In die 
Einzelerscheinung den „Typus“ hineinlegen, der unserer Denkarbeit 
entspringt, ist expressionistisch. Eine allgemein geübte Art des 
Typisierens begegnet uns in der Bildnismalerei, wenn ein dicker 
behaglicher Herr „der Kommerzienrat“ wird. Anders verhält es 
sich z. B. bei Egon Schiele, der in das Bildnis Züge hineinlegt und 
einen Typus schafft, dem der Gemalte innerlich gar nicht entspricht, 
z. B. ein magerer Herr, Kanzleibeamter, wird zum Verbrechertypus 
herausgearbeitet. Er hatte so auf den Maler „gewirkt“. Im 
Gegensatz zu Ibsens Maler Rudorf (Wenn wir Toten erwachen), 
dem alle Arten von Tierzügen aus den Gesichtern entgegenstarren 
und der, indem er Fratzen in die Bildnisse hineinzeichnet, nur malt, 
was er sieht (eindrucksmälsig). 

17. Von der ausdrucksmäfsigen Naturbelebung ist es nur ein 
Schritt zur modernen Gegenstandslyrik. Sie füllt eine der 
bedeutungsvollsten Seiten der modernen Dichtung. D’Annunzio, 
Notturno (a. a. O. 122): Ze rondinı rissano e stridono con furores 
vedo in un angolo due inafflatoi capovolli: e non so perchd, mi dann 
ıl senso del silenzio, fanno una pausa negli stridii laceranti. Die um- 
gestürzten (also „ruhenden“) Giefskannen vermitteln ihm den Ein- 
druck der Stille; in dem durchdringenden Schreien der Vögel stellen 
sie eine Pause dar. Rilke, Neue Gedichte II, (113) Der Ball: Du 
Runder, ... Du zurschen Fall und Flug noch Unentschlossener, der, 
wenn er steigt, als hälte er ıhn mil hinaufgehoben, den Wurf entführt 
und freilä/st, und sich neigt und einhalt und den Spielenden von oben 
auf einmal eine neue Stelle zeigt, sie ordnend wie zu einer Tansfıgur, 
und dann, erwartet und erwünscht von allen, rasch, einfach, kunstios, 
ganz Natur, dem Becher hoher Hände zuzufallen. 


M. Fontainas, Cantique des Colonnes (La Pleiade) 


Si froides et dordes De nos lits de cristal 
Nous fümes de nos lits Nous fümes dveillees, 
Par le ciseau tirdes Des ongles de metal 


Pour devenir des Iys! Nous ont appareillees. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 36 5 


Pour affronter la lune, Pieusement pareilles, 

La Zune et le soleil, Le nez sous le bandeau, 
On nous polit chacune Et nos riches oreilles 
Comme ongle de l’orteil. Sourdes au blanc furdeau. 
Servantes sans genous, Un temple sur les yeux, 
Sourires sans figures, Noirs pour Üdternite, 

La belle devant nous Nous allons sans les dieux 
Se sent les jambes pures.! _ A la divinite. 


Man kann sich nicht nachdrücklicher in die Säule versetzen; das 
Lächeln ohne Gesicht, die für alle Ewigkeit schwarzen, d.h. nicht 
vorhandenen Augen besagen, dafs es sich nicht um Karyatiden 
handelt. Die Säulen, die leuchtenden, deren Politur Sonne und 
Mond beschämt, die den Tempel tragenden, lilienweilsen, in fromm 
hingebender Arbeit gleichgemachten, sie, die Gegenstände, daher 
ohne Götter, gelangen zur Göttlichkeit kraft ihrer Schönheit und 
Eignung für den Tempel. Die Besingung der Lokomotive und 
das Sich in die Eisenbahn Versetzen des Iyrischen Dichters geht 
nicht erst auf Verhaeren zurück? sondern ist schon viel älter. Die 
Dichter des jungen Deutschland haben sich bereits dieses Stoffes 
bemächtigt. Karl Beck: Rasend rauschen rings die Räder, Rollend 
grollend, stürmisch sausend, Tief im innersien Geäder kämpft der 
Zeitgeist freiheitsbrausend. Dann Gerhard Hauptmann, „Im Nacht- 
zug“ und Fontane, „Die Brücke am Tay“. Gerrit Engelke (} 1918 
vor Cambray), „Lokomotive“ schildert das zwanzigmeterlange Tier, 
das des Winks harrt, um aufzuspringen.? Unvergelslich bleibt die 
Beseelung der Lokomotive in Zolas „Bete Humaine“. 

Der Dichter fühlt sich in den Gegenstand ein, lockt gewisser- 
malsen aus dem Gegenstand Vorstellungs- und Gefühlsverbindungen, 
die ganz und gar nicht in ihm liegen. Der Gegenstand wird be- 
handelt, als ob er selbständig lebte und zwar gerade in der 
Gefühls- und Gedankenrichtung des Dichters lebte. Das „als ob“ 
ist ausdrucksmälsig, während das „wie wenn“ eindrucksmälsig ist. 
Etwas macht den Eindruck „wie wenn es ... wäre“. Alles was 
sich auf den Schein bezieht, ist eindrucksmälsig, alles Spekulative, 
Intuitive* ist ausdrucksmälsig. Man kann kurz sagen: Der Fx- 
pressionist folgt der Eingebung, der Impressionist dem Eindruck. 
Sobald der Schein willkürlich erweckt wird, laufen Expressionismus 
und Impressionismus zusammen. Vgl. $ 20. 

Häufig legt der Dichter nicht nur realen Dingen seine An- 
schauungsweise unter, sondern auch geschichtlichen objektiv 
vorhandenen Persönlichkeiten. Geschichtliche oder sagenhafte 


I Ich gestehe, dafs mir diese zwei Zeilen nicht klar geworden sind, 

3 L’En-Avant, Les Forces tumultueuses, 154. 

3 Dr. Franz Pfeffer, Die Iyrische Lokomotive, Neues Wiener Tugblatt 
1927, 12. Febr. 

* Friedrich Schürr, Sprachwissenschaft und Zeitgeist, 1922, S. 19 ff. setzt 
Expressionismus = Intuition. 


366 ELISE RICHTER, 


Stoffe behandelt er nicht wie der Naturalist nach Mafsgabe der 
überlieferten Wirklichkeit, sondern er schafft sie willkürlich um; 
Schiller stellt eine Jungfrau von Orleans hin, wie sie seinem 
dichterischen Bedürfnis genügt. Hoffmannsthal, der Moderne, 
legt in die „Elektra“ einen Konflikt, von dem die alte Überlieferung 
nichts weils usw. Der Erzähler benützt eine beliebige Gestalt als 
Gefäfs für seine eigenen Anschauungen und Empfindungen; die 
geschichtlichen Umrifslinien bieten ihm nur Gelegenheit zu ganz 
persönlichen Auslassungen. Das gehört in das Gebiet des Ex- 
pressionismus. 

ı8. Nach dem Gesagten ist es klar, welch aufserordentlichen 
Anteil der Expressionismus im Sprachleben hat. Da ist vor allem 
der urtümliche Sprachakt als Ganzes, wenn man von den Schall- 
nachahmungen und den Reflexlauten (Interjektionen) absieht. Der 
Sprachakt an sich ist nicht zu verwechseln mit der impressionistischen 
Sprechweise, die sich eines vorhandenen Ausdrucksmittels bedient. 
Die Fähigkeit, ein inneres Erlebnis auf einen Sprachakt zu beziehen 
und auf diese Weise nach aulsen zu bringen, muls als zum Gebiet 
des Expressionismus gehörig anerkannt werden. In letzter Linie 
ist jedes Mittel der Mitteilung expressionistisch, das die Stellung- 
nahme des Ichs zu irgend einem Vorgang oder Zustand ausdrückt. 

Die wichtigsten hier aufzuzählenden Kapitel der Grammatik 
herausgreifend, sind expressionisch: 

Die Entsinnlichung des Atisdrucks und die daraus sich 
ergebenden Möglichkeiten reuer Verwendung: Umwälzung m 
Beleuchtungswesen, diese Vorstellung /rift auf „.., ist ein- 
gebürgert, Bewegung machen (ursprünglich = wirken —=kneten!) usw. 

Jede Neubildung zur Schilderung eines Gemütszustandes, 
z. B. s’illimiter sich ins Grenzenlose verlieren, die engen Natur- 
schranken durchbrechen.! 

Die Bedeutungsübertragung vom Konkreten auf das 
Abstrakte: Schule, Ces grands efforts de Vesprit ou Ü’öme touche 
quelguefois (Littre, toucher). begreifen. Sehr lehrreich ist, wenn 
so ein entsinnlichtes Wort wieder einmal rein sinnlich genommen 
und uns der Vorgang in greifbare Nähe gebracht wird: Rilke, 
Requiem ı0, Ich begreife. Ganz wie ein Blinder rings an Ding 
begreift, Fühl ich dein Los und wei/s ihm keinen Namen. Vom 
Konkreten auf das in ihm enthaltene Kollektive: das Haus tagt; 
vom Urheber auf das Bewirkte: die dlinde Scheibe (die am 
Sehen verhindert), vom Beginn der Handlung auf das Ziel: 
trouzer. Bedeutungsveränderung durch Gemöütsanteil (Ver- 
schlechterung, Verbesserung u. ä.). Die Entwicklung verschiedener 
Suffixe wie -one und -ın0 casone, casıno u. a, Euphemismus jeder 
Art. Zu dem sogenannten „affektischen* Bedeutungswandel gehört 
u. a. auch die Bedeutungsentwicklung der Präpositionen aus der 
konkreten zur übertragenen Bedeutung, z. B. über = ursprünglich 


ı Heifs, X. Spr. XXX, 5. 123. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 367 


„rein örtlich schwebend“, affektisch „schützend“1 auch „drohend*, 
„unheilbringend* usw. 

20. Der Ausdruck der Stellungnahme des Sprechers zum 
Inhalt seiner Mitteilung; sei es Wunsch, Ungewilsheit, Zweifel usw., 
also alle Formen des „irrealen“ Satzes: On dirait; guil mourül; 
si je savais; Musset, Lorenzaccio 10 mais que je meure, [je ne 
mourrai pas silencieux], wenn ich schon sterben soll; 7 sarebbe 
smarrito am Ende hatte er sich verirrt; non lo avrebbe detlto er wird 
es nicht gesagt haben, (denkt sich X). Diderot, Zntretien d’un 
Philosophe: On croit, et tous les jours on se conduit comme sı l’on ne 
croyait as. Nach Ordinalzahlen und nach dem Superlativ? 
(le premier que je connaisse) drückt der Konjunktiv die persönliche 
Einreihung aus, ist also expressionistisch. 

Das Futurum als Form der Voraussetzung: Horaz, Sai. 1,9 
noris nos — bu ne seras Pas sans me connailre (Marouzeau, Ze Latin 263). 

Das franz. Futurum als erzählende Form: Renan, Vıe de 
Jes. Chap. XXIV Zelas/ ıl faudra plus de dix-huil cents ans pour que 
le sang qu'il va verser porte ses fruils. En son nom, durant des sitcles, 
on ınfligera des tortures usw. Der Erzähler versetzt sich in die 
Vergangenheit, auf den Standpunkt der damaligen Zeitgenossen und 
erblickt von da aus das ihm als geschehen Bekannte in der Zukunft. 

Selbstverständlich ist aber die Form der Gewifsheit auch 
expressionistisch. Die Urteilsfällung ist eine subjektive Meinungs- 
äulserung, daher ist jedes Urteil expressionistisch, auch wenn es 
in der Form der objektiven Behauptung auftritt. Diese Form 
bedeutet ja nichts anderes, als dafs der Sprecher seine Meinungs- 
äulserung für objektiv gültig hält. Ob dieses Fürgültighalten an 
sich gerechtfertigt ist oder nicht, kommt dabei nicht än Betracht. 
Der „Aussage“satz, der „Behauptungs“-satz drückt die Einstellung 
des Sprechers zu seiner Mitteilung nicht weniger deutlich aus, als 
der Bedingungssatz, der Fragesatz usw. 

Ironie wie jede andere Einstellung des Sprechers zum Inhalt 
seiner Rede wird formal oder musikalisch (durch den Tonfall) ex- 
pressionistisch ausgedrückt. 

Der Dativ der näheren Beteiligung (er ist mir krank 
geworden). 

Der Plural als Ausdruck der Autorität, oder der Bescheidenheit, 
oder der gemütlichen Zusammenordnung 3 (Nehmen wir die Medizin). 


nl. 
20. Impressionismus und Expressionismus als künst- 
lerische Stilform gehen vielfach ineinander über — ganz abgesehen 


von dem oft schwankenden Bedeutungsinhalt beider Ausdrücke. 


1 Hans Sperber, Zur Bedeutungsentwicklung der Präposition Über. 

3 Leo Spitzer, Urtümliches bei romanischen Zuhlwörtern, ZRPh. 45, 5.9. 

8 Vgl. Havers’ fesselnden Aufsatz „Zur Bedeutung des Plurals“ in Fest- 
schrift für Paul Kretschmer. 


3068 ELISE RICHTER, 


Die äufsersten Grenzpunkte können festgestellt werden, die inneren 
Grenzen sind flielsend, weil das Kunstwerk, häufiger als man an- 
nimmt, beide Stilformen aufweist. Der Maler z. B. hat die Idee 
eines Farbenschmelzes, den er durch einen nackten Körper inmitten 
bekleideter, um einen Tisch sitzender Gestalten zum Ausdruck bringt 
(Ausdrüäckskunst bei Manet). Diese Farbenidee stellt er aber technisch 
eindrucksmälsig dar, so dafs beide Stilrichtungen auf demselben 
Bilde vereinigt sind. Beethoven nimmt die Landschaft zum Thema 
seiner VI. Symphonie. Die fröhliche Stimmung beim Anblick der 
Landschaft — also seine Empfindung — drückt er in musikalischer 
Form —expressionistisch — aus (I. Satz). Aber im II. und III. Satz 
gibt er die Eindrücke wieder, die er empfängt, das Murmeln 
des Bachs, das Schwirren der Mücken, die huschenden Sonnenlichter 
auf den Wellen (dazu die Tierstimmen mit naturalistischer Treue), 
die Schwüle und das Gewitter — alles das impressionistisch. 
Wenn dagegen Richard Straufs in seiner Alpensymphonie echte 
Kuhglocken, Alpenhörner und Donnermaschine verwendet, so ver- 
fährt er mit einem Realismus, der den künstlerischen Rahmen 
sprengt, wie die Einfügung wirklicher Edelsteine in die byzantinischen 
Heiligenbilder. 

Rimbaud, Zes dauvres d l’iglise 56: Naturalistische Schilderung 
des Eindrucks, wie sie auf den Eichenbänken sitzen, ihre stinkige 
Ausatmung die Kirche füllt, usw. Dann /es Sauvres ... tendent leurs 
oremus risibles el lötus expressionistisch. Ihm, dem Beobachter, 
kommen ihre Gebete lächerlich und eigensinnig vor, — weil sie 
ihnen nichts nützen; den Betern sind sie ernst, und sie wirken 
nicht an sich lächerlich, sondern der Dichter legt die Vorstellung 
des Lächerlichen hinein. In einem andern Gedicht vergleicht 
Rimbaud! die Schemel im Gastzimmer mit seltsamen Kröten (ein- 
drucksmälsig); den Vergleich überspringend setzt er sofort mit dem 
Verglichenen ein, leiht ihm geheimnisvolles, gespenstisches Dasein 
(ausdrucksmäfsig) in durchaus subjektiver Phantasiearbeit. Der Baum- 
strunk macht den Eindruck eines Gnoms (Impression.); unsere 
Phantasie verleiht ihm Leben, spinnt die Geschichte des Gnoms aus 
(Expression... Mallarme, Ze sonzeur 37, vergleicht die Glocke mit 
dem Ideal (expression.) j’ar beau firer le cable d sonner V’ldtal ... 
Diese Ähnlichkeit zu sehen, ist eine rein persönliche Einstellung. 
Aber die Ausführung, wie der Glöckner die Glocke zieht, ist 
impressionistisch: Ze sonneur ... chevauchant! trisiement en geignant 
du lalın Sur la fierre qui tend la corde seculaire, usw. Es ergibt 
sich, dals eine Etikettierung der Kunstwerke, eine saubere Einteilung 
in Fächer nur theoretisch möglich ist, nicht praktisch. 

21. Die Zusammenrückung zweier Vorstellungen wie Vafer und 
Haus in das genetivische Verhältnis ist eindrucksmäfsig, wo es sich 
offenkundig um Besitz- oder Teilverhältnis handelt: Vaterhaus, 
Druderkufs, Tischfufs, Brautschau, dagegen ausdrucksmäfsig, wo & 


15.39, 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 369 


sich um ein Zweck- oder Zielverhältnis handelt, das nicht durch 
einen Eindruck, sondern durch Überlegung ins Bewulstsein kommt. 
Tischtuch (für), Leichenhalle (für), musikliebend (— Akk.), gotlergeben 
(—= Dat... Man könnte sagen: z/e und /s sind impressionistisch, 
ego ist expressionistisch. 

Das Herausstofsen der ungegliederten Gesamtvorstellung 
in einem Wortstamm ist impressionistische Ausdrucksweise, das 
Verwenden der zu Flexionssilben erstarrten Stämme expressio- 
nistische. Der Imperativ der 2. Person, soweit er reiner Stamm, ist 
impressionistisch, der Konjunktiv ursprünglich expressionistisch. 

22. Die von mir versuchte Aufteilung aller Wortstellungs- 
vorgänge in „persönliche — „sachliche“ oder „nichtrücksicht- 
nehmende* — „rücksichtnehmende“ deckt sich keineswegs mit der 
Einteilung Impressionismus— Expressionismus. Man könnte zwar an- 
nehmen, dafs die Anordnung der Wörter je nach dem Haupteindruck 
„eindrucksmässig“ verfährt; aber dann muls man den Begriff der 
Hauptvorstellung ganz ausdrücklich auf das innere Erlebnis beziehen. 
Schade! (ausdrucksmälsig) Zeuer! (eindrucksmälsig) sind beides un- 
zerlcgte Gesamtvorstellungen. Andrerseits kann eine eindrucks- 
mäfsige Darstellung in sachlicher Wortstellung gegeben werden: 
Verlaine (Jadis et Naguere), L’Angelus du Matin 88 La plaine brille 
au loın et fume. Un oblique rayon venu Du soleil surgissant, allume 
Le fleuve comme un sabre nu. Die Voranstellung des subjektiv 
Wichtigsten ist eindrucksmäfsig: Francis de Miomandre, Zerit sur 
de l’eau, 27 Pour un rien, je ne renirais pas, Es hing nur an 
einem Haar, so wäre ich gar nicht mehr heim gekommen! Rol. 1031 
Luisent cl helme.! Doch ist zwischen diesen beiden Beispielen ein 
malsgebender Unterschied. Im letzteren handelt es sich um einen 
starken äufseren Eindruck, im ersteren um die Einstellung des 
Sprechers zum Inhalt der Rede, folglich ist im ersteren Beispiel 
„expressionistisch*“ und „impressionistisch* zusammengefallen, 
während das zweite rein impressionistisch ist. 

Von besonderer Wichtigkeit ist der Umstand, dafs sich doch 
so häufig der Sprecher in die Seele des Hörers versetzt und 
in der Absicht, einen ganz bestimmten Eindruck bei ihm zu erzielen, 
die Form der Mitteilung in diesem Sinne berechnet. Wir 
müssen also unterscheiden: ı. Den ersten Eindruck des Sprechers 
(das Urbild), 2. seine Wiedergabe (Abbild), die im Hörer 
3. das Abbild dieses Abbildes hervorruft (das Nachbild). Gelingt 
die Hervorrufung des Nachbildes nicht, so weils der Hörer eben 
gar nicht, wie das Abbild bzw. das Urbild beschaffen war. Der 
Sprecher — sowohl der einfache Durchnitt wie der Künstler — 
berechnet die Wirkung des Abbildes, damit das Nachbild seiner 
Absicht entsprechend erstehe. Er führt es für verschiedene Hörer 
verschieden aus. Wenn wir unseren Stoff im Universitätskolleg 


ı Vgl. Richter, Zur Klärung der Wortstellungefragen, ZRPh. XLII, 
S.714ff, Lerch, Zyden der Wortstellung, Idealistische Neuphtlologie 5.105. 
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 24 


370 ELISE RICHTER, 


anders gestalten als im volkstümlichen Kurs, so tun wir nichts 
anderes, als dals wir berechnen, wie wir das gewünschte Nachbild 
zustande bringen. Nicht anders verfährt der Photograph bei der 
Einstellung der Linse mit Rücksicht auf die Entfernung und Aus- 
dehnung des Gegenstandes einerseits, die Grölfse und Schärfe des 
gewünschten Bildes andrerseits. 

Soll also im Hörer das Nachbild eines impressionistischen Aus- 
drucks erstehen, so wird der Sprecher — ganz abgesehen von 
seiner augenblicklichen Einstellung zu dem Inhalt seiner Rede — 
ein impressionistisches Abbild schaffen, also auch dann, wenn 
er selbst im Augenblick der Erzählung gar nicht impressionistisch 
erlebt, z. B. bei der Erzählung eines längst verflossenen oder er- 
fundenen Vorkommnisses, Diese gefühlerregende Rede ist 
sekundär impressionistisch und mus von der primär im- 
pressionistischen, gefühlerregten Rede ganz gesondert 
werden. 

“Wenn der Sprecher bei der Ausführung dann realistisch 
verfährt, so ist das nur eine Stilfrage.e Denn Realismus ist eine 
Art der Darstellung, kein Grundsatz der Auffassung. Der Impressionist 
kann realistisch schildern oder seinen Eindruck nur flüchtig an- 
deuten, ebenso der Expressionist seine Empfindung oder Vorstellung. 
Dante übermittelt uns seine Vorstellungen des nie geschauten Jenseits 
expressionistisch mit dem Realismus des Alltäglichen, aufs schärfste 
Beobachteten. 

Die niedrigste Ausdrucksform ist die vollkommen direkte 
Rede: je lui dis: viens donc, il me ripond: je ne peux pas. Je lui 
dis ... usw. Die Einführung der indirekten Redeform setzt 
die Fähigkeit des Sprechers voraus, nicht impressionistisch im Sinne 
des gegenwärtigen Eindrucks zu berichten, sondern den Vorgang 
von seinem eignen gegenwärtigen Standpunkt aus gewissermalsen 
perspektivisch zu gestalten (Verwendung des Konjunktivs und aller 
anderen Arten der indirekten Rede). Ein künstlerisch berechneter 
Impressionismus ist u.a. die Verwendung der vergangenen Zeit- 
form zur Berichterstattung über Dinge, die der Zeit nicht unter- 
liegen, z. B. Die Strafse def dem Flufs entlang und führte zu 
einem See, um den die Berge sich im Halökrers erhoben. Die Stralse 
läuft noch, die Berge erheben sich noch. Aber der Erzähler drückt 
durch das Imperfekt den Eindruck aus, den der Wanderer 
hatte, als er damals die Strafse ging. Er ging und Aatte den 
Eindruck des entlang fliefsenden Gewässers; er kam zu einem 
See und erlebte den Anblick der im Halbkreise sich erhebenden 
Berge. 

Desgleichen ist es ein aus künstlerischer Erwägung oder 
auch nur aus gesprächsmälsiger Lebhaftigkeit entspringender 
Impressionismus, die Erzählung eines — notwendigerweise — 
vergangenen Geschehens in die Gegenwart zu versetzen (er- 
zählendes Präsens) und so dem Hörer den Eindruck des Mit- 
erlebens zu geben. 


IMPRESSIONISMUS, EXPRESSIONISMUS UND GRAMMATIK. 371 


Hierher gehört auch die Wiedergabe der Rede im siyle indirect 
Jibrei (— Walzels „erlebte Rede“). Der Erzähler tritt hinter der 
Person, die er redend oder denkend einführt, ganz zurück, und 
lälst sie also gewissermalsen selbst wirken, z. B. /e demandais, oü 
l avant et. 11 n’dtait pas sorti (Antwort des Gefragten. Wo 
es sich um das Denken anderer Personen handelt, tritt natürlich 
die oben besprochene Vermischung beider Ausdrucksweisen ein. 

Auf dem engen Raum, der mir zur Verfügung stand,? den 
Meister verchrungsvoll zu begrüfsen, konnte ich eine vollständige 
Lösung meiner Aufgabe gar nicht ins Auge fassen. Weder in 
Bezug auf die Untersuchung aller sprachlichen Vorgänge, noch in 
Bezug auf die aus allen Sprechweisen heranzuziehenden Beispiele. 
Der Gedanke, dafs alles sich mit Impressionismus und Expressionismus 
erklären lasse, ist von vornhcrein abzuweisen, da zahlreiche Er- 
scheinungen des Sprachlebens auf ganz anderen Ebenen liegen. 
Es sollte nur auf einem neuen Wege gezeigt werden, wie ununter- 
brochen die Linien vom „verstiegenen“ Ausdruck des originellsten 
Kopfes zum „ledernsten“ Grammatikabschnitt laufen. Das grellste 
Neue wird abgebraucht, das alltäglichste Älteste war einmal mafslos 
gewagt. Grammatik ist das jeweilig Feststehende einer Sprechweise, 
Stil das Fliefsende. Die in der Grammatik gebuchten Formen sind 
das, was jedermann jederzeit zur Verfügung steht; sie gibt den 
objektiven Sprachgebrauch. Stil ist der subjektive Sprachgebrauch ; 
zunächst Privateigentum, geht er ganz oder in einzelnen Formen 
in den allgemeinen öffentlichen Besitz über, das ist Grammatik. 
Daher müssen wir, um über Expressionismus oder Impressionismus 
einer Ausdrucksform zu urteilen, vielfach auf die Zeit zurückgehen, 
in der sie Neuschöpfung war. Der Stil fliefst aus dem grammatischen 
Becken und mündet wieder hinein. Die kühnste Wendung von 
heut kann morgen oder übermorgen Grammatik sein. 


ELisE RICHTER. 


ı Vielerlei Belege bringt das aus ganz anderen Gesichtspunkten gearbeitete 
Buch von Dr. Margarete Lips, Ze style indirect libre, Bibl. scientifique, 1926, 
Paris. 

® Und bei dem — fast allgemeines Geschick der Festschrittbeiträge! — 
zu nahe gesteckten Zeitpunkt der Fertigstellung. 


24* 


Zur Syntax des Reflexivpronomens. 
Jarre taıre — faıre se laıre. 


Aliud est latine, aliud grammatice loqui. 
Quintilian, Instit. orat. I 6, 27. 


Der offensichtliche Ausfall der reflexiven Fürwörter mo’ (me), 
nos, vos, so vor dem Infinitiv in Fügungen wie Je me garni de [moi] 
defandre,; Or nos doinst dieus sı [nos] demeners; Qui vous enseigne 
a [vous] couvrirs Et se einent de [soi] mal retraire u. dgl. würde 
nach Tobler, Verm. Beitr. V,26fl. als eine Erscheinung dxö xoıvot 
zu deuten sein, indem das pronominale Objekt des regierenden 
Satzes zugleich die Funktion eines zu dem Infinitiv gehörigen 
Objektes zu versehen bestimmt wäre, so dafs mithin trotz der 
Wortstellung nicht zu entscheiden wäre, welches von den beiden 
erforderiichen Objekten unterdrückt worden sei. Man sieht sofort, 
dafs die Annahme solcher doppelten Funktion nur dann zulässig 
wäre, wenn es sich ausnahmslos um die Pronomina der ı. und 
2. Person (me, fe, nous, vous) oder um das refl. Fürwort se handelte, 
und mit vollem Recht hat daher schon Georg Cohn, Zs. f. re. Spr. 
u. Lit. XLIll3i4, z24ff. in unanfechtbaren, auch in ihrem weiteren 
Verlaufe feinsinnigen Darlegungen eingewendet, dafs da, wo die 
beiderseitigen Objekte in ihrer äufseren Struktur nicht überein- 
stimmen würden, also in der 3. Person (/e, Ja, les, lor gegen son, se), 
oder wenn ein Substantiv in Frage kommt, mit zwingender Not- 
wendigkeit sich der Schlufs ergebe, dafs das ausgesprochene Fürwort 
lediglich das zu dem Verbum finitum gehörige Objekt darstelle und 
somit der Infinitiv seines bei logischer Analyse zu erwartenden 
Objektes entkleidet erscheine. Angesichts dieses Sachverhaltes fällt 
natürlich die Annahme eines «ro xoıwod in der üblichen Ver- 
wendung dieses Terminus in sich zusammen, doch lälst sich denken, 
dafs von dem wie auch immer gestalteten Objekt des übergeordneten 
Satzes sich eine psychische Bewegung loslöst, die in der Richtung 
des reflexiven Fürwortes verläuft, dergestalt, dafs das die ideelle 
Gemeinsamkeit der Person erfassende, nur partielle «nö xowot 
des beiderseitigen pronominalen Gedankengehaltes, nicht aber 
das der äufseren Form, sich in dem Ausbleiben des zu dem 
Infinitiv gehörigen reflexiven Objektes offenbart. Dieser psycho- 
motorische Akt wird um so hemmungsloser vonstatten gehen, als in 
der ihrem ideellen Umfang nach doch von vornherein abgeschlossenen 


ZUR SYNTAX DES KELATIVPRONOMENS. 373 


Gesamtvorstellung ein Hinweis auf ein irgendwie anders geartetes 
Objekt nicht enthalten ist, und wenn sich diese Evolution auch 
nicht zu akustisch wahrnehmbarem Niederschlag verdichtet, wird 
sie doch nicht verfehlen, in der Psyche des Hörers von gleicher 
Geistesverfassung funktionell den erwarteten sinngemäfsen Widerhall 
zu wecken, gerade wie wenn ihm durch materielles Eintreten des 
reflexiven Fürwortes das Verständnis des Ganzen handgreiflich vor 
die äufseren Sinne gerückt worden wäre. Aus dieser psychischen 
Disposition altfranzösischen Sprachtums heraus erwuchsen dann die 
Gebilde, von denen die genannten Abhandlungen Toblers und 
Georg Cohns Kunde geben und auch im folgenden einige eben- 
bürtige Proben zu finden sein werden. 

Zu dem von Georg Cohn, a.a.0. 25f. gesammelten Fällen 
von latentem Vorhandensein eines reflexiven Objektes vor dem 
Infinitiv, ohne dafs letzteres aus dem Objekt oder auch dem Sub- 
jekt des übergeordneten Satzes oder überhaupt aus dessen materiellem 
Bestand erschlossen werden kann (N’est pas ga venuz por esbatre, 
Ch. Charr. 3446; Quels mestiers est de entremetre de tel ovre, L. Rois 
215), geselle ich den Typus ZZ sofri a desfendre, Jehan de Nevelon, 
Veng. Alix. (ed. Schultz-Gora, 1902) 1806,1 der sich zunächst in 
seiner äufseren Struktur mit den schon bekannten Gebilden im 
wesentlichen als gleichartig erweist und ihnen auch analog als ein 
Hinausgreifen über ursprünglich gezogene Schranken gedeutet werden 
kann, bei näherem Zusehen aber durch eine leise psychische Nüance 
von ihnen geschieden erscheint insofern, als neben schlichtem sofrir 
in dem Sinne von „sich enthalten, sich gedulden u. .%,2 in der 
alten Sprache, vielleicht sogar häufiger, refl. so sofrir gebräuchlich 
ist. So begegnen nebeneinander Fügungen wie Zx alendres mout 
li grevoit, Ne vost plus sofrir ne alandre, Erec 1918; N’ont courage 
de plus sousfrir (warten), Amad. Yd. 899, 659, 1515; Olivier, sueffre 
tant que j’aie a loi parle, Fierabras 1361 (die provenz. Fassung s. u.); 
und andererseits refl. 5 4 dist tan! quil se sueffre de la bataille, 
Cont. Charrete II, cxııı; Sire, dıst Sanses, un Pelil vos sofrez, Bat. 
d’Alesch. 2623; Mes se vos pleisoit del couchier Me sofferroie — je 
molt bien, Charr. 952; Prudence sa femme le prist a admonester quil 
se souffrist, Men. Paris I, 187; Zour chou vous loe que vous souffres 
de cest affaire, Merlin I, 176, ed. G. Paris und Jacob Ulrich, wo 
das Glossar so souffrir irrtümlich durch Arendre son parli' übersetzt; 
S7 loeroie endroit moi que on se souffrist de ci d tant que la venue 
dou flun fust passee, Men. Reims 91, 174; Soufrez vous un petit, 
Mir. N.D. XXVII, 1572; Or te sueffre, ebd. XII, 1561; suefre 
toy, ebd. XIV, 235, 82, und noch im 16. Jahrh. Towtesuoyes elles se 
souffriret ung peu: alledans doubleusement lopinion du bergier, Jean 
le Maire, Ill. Gaule liv. I, ch. 33; provenz. Oliviers, ar ti suefre tro 
ay’am tu parlat, Fierabras 1546; sufretz vos fro dema, ebd. 1982; 


1 a desfendre beim „sich Verteidigen“ war er nicht gehörig bei der Sache. 
® Vgl. die reich gegliederte Bedzutungsentwicklung bei Godefroy. 


374 ALFKED RISOP, 


Johannes der Täufer sträubt sich anfangs Christus zu taufen; aber 
dieser sagt: Sofre or ..., worauf es heilst Dons se soffrit sainz 
Johans et si obeit, als Übersetzung des lat. Textes Acguievit Johannes 
ei obedivit, in der Pariser Handschrift der Predigten des h. Bernhard 
(ed. Förster) 95, 3 und Migne, Patrol. S. 146, 6.1 Angesichts dieser 
zwiefachen Behandlung von soufrir scheint mir die Vermutung 
erlaubt zu sein, dafs der Schöpfer der oben aus der Vengeance 
Alixandre angezogenen Wendung ihr die nun einmal überlieferte 
Gestalt z/ soffri a desfendre gegeben habe, weil in seinem Bewufst- 
sein das ihm nicht minder geläufige z/ se soufri lebendig wurde 
und so infolge einer Kreuzung beider Möglichkeiten des Ausdrucks 
ein Gebilde zustande kam, innerhalb dessen die Unterdrückung 
des refl. Objektes vor dem Infinitiv als Folge desselben psychischen 
Prozesses erscheint, dessen Wirken ich eingangs bei der Erklärung 
der von Tobler und Georg Cohn betrachteten Erscheinungen an- 
nehmen zu dürfen glaubte. Da, wo der sprachlichen Versinnlichung 
einer Idee mehr als eine einzige Form des Ausdruckes zu Gebote 
steht, findet ja auch sonst im weiteren Verlaufe der Rede ein bei 
logischer Analyse nicht gerechtfertigtes Überspringen eines späteren 
Gliedes in die nur bei einem früheren zu billigende Eigenart statt. 
So wird wohl die Wiederaufnahme der Konjunktionen gwand und 
comme im koordinierten Satze durch einfaches gue, das in ihnen 
doch keineswegs enthalten ist, durch Angleichung an die einwand- 
freien gleichbedeutenden Formeln Zors (que... + que ...), uis 
que... + que...) zustande gekommen sein, und wenn man Schich- 
tungen findet wie Carlo veniva sopra noi e de’ nostri Paesi, Viaggio 
di Carlo Magno I, 23 oder sSenzsa bestie menute Che foro recepule 
Et de aimi e de castrali Che no foru nominalı, in der altabruzzischen 
Katharinenlegende, ed. Mussafia, Sitzungsb. d. Wiener Akad. 1885, 
CX, 100, so ist der auffällige Ersatz von sopra und senza durch de‘, 
de nur durch die Annahme zu rechtfertigen, dafs die auch sonst 
geläufige, hier zunächst latent bleibende Verknüpfung von sopra 
und senza mit ds im weiteren Verlaufe der Rede in das Bewulstsein 
des Dichters trat und nun analog der Formel guand .... + gue 
einfaches ds an die Stelle von sopra di und senza di treten konnte. 
Bei Homer heilst es einmal ö (der Löwe) Bovol werdoyerau 7 


1 Die hier erörterte Bedeutung von soz souffrir ist in manchen Wendungen 
auch dem unten näher zu betrachtenden, mit ihm zuweilen koordinierten sos 
faire eigen: Ne te weille mie souffrir et taire de mi aidieir et conforteir, 
en nul temps ne te taire mie de mi secourre et aidieir, Lothr. Ps. no. 29; 
von gleicher Art sind Fälle wie Zi de bien dire m’ai teu R.S. Benolt 816 
(wegen ai s, u. 5.000 Anm.): Z/ ne se pot taire qu’il ne dist, Chev. pap. 12,23; 
Ze me vueil cy du tout taire De toy louer, I. de Meung, Test. 1609; Mais 
d’en plus Barler je m’en tais, Phil. de Vigneulles, Gedenkbuch 247, noch 
neufranzösisch Zw sa’s que les kourigans se taisent de rire quand ıils sentent 
venir un chrötien, Richepin, La plu 24; ebenso synonymes Du Pluerer et 
du plaindre ne se fist mie muz, \Veng. Alix. 1260. Der Sinn „sich enthalten*® 
klingt auch wieder in Z/ a la force de s’en taire (sich des Redens enthalten), 
Canıvcet, La ferme des Gohel 143, 158. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPKUNUMENS. 375 


0ieocıv 78 uer’ dyoorspag EAapovs, Odyss. VI, 132, wo das 
erste nach uer&pyouat regelrecht im Dativ stehende Glied mit der 
Präposition werd im zweiten Gliede vergeselischaftet erscheint, eine 
in den Tiefen seelischen Geschehens sich schürzende, in ihrer 
konkreten sprachlichen Einkleidung aber nur den Sinnen zugäng- 
liche Paarung inhaltlich verwandter, doch formal verschiedener 
Vorstellungen, die manchem Grammatiker, der in seinem Bedacht 
auf Ordnung und woblgefällige Glätte und Rundung der Rede ein 
irgendwie vor werd unterzubringendes Balve (etwa nach Odyss. 
V, 193) nicht missen zu können glaubt, anstöfsig und vielleicht sogar 
der Emendation bedürftig vorkommen mag. Aber den Terminus 
Ellipse, von dem in den landläufigen Lehrbüchern alter und neuer 
Sprachen bei der Erörterung so gearteter Materien so ausgiebig 
gefabelt wird, gibt es im Betriebe der Sprachwissenschaft nicht, und 
niemand kann den Strom im Becher fassen. ! 

Die Frage, ob schon innerhalb des Bereiches der engeren 
altfranzösischen Zeit ein Fortschreiten von diesem urwüchsigen 
Gebaren zu dem abweichenden Verfahren späterer Sprachperioden 
sich werde nachweisen lassen, ist bei dem verhältnismälsig nicht 
gerade häufigen Auftreten entsprechender Spezimina, besonders 
wenn man, wie ich es hier beabsichtige, sich im wesentlichen auf 
die Betrachtung der Gruppe /aire + refl. Infinitiv beschränkt, nicht 
leicht zu beantworten. Jedenfalls werden die alten Sprachgewohn- 
heiten — etwa seit dem 15. Jahrhundert, wie mir scheint — von 
einer freilich noch heute nicht abgeschlossenen, auf die Versinn- 
lichung des reflexiven Elementes gerichteten Entwicklung in ihrem 
ruhigen Walten gestört. Für das Aufkommen des Neuen werden 
teils innere, im Wesen sprachlichen Lebens begründete Antriebe, 
teils von aufsen her in die Natur der Dinge eingreifende Nöti- 
gungen die Verantwortung zu tragen haben. In seiner verdienst- 
lichen, in gewissen Einzelheiten allerdings abzulehnenden Eiude 
syntaxique sur le verbe faire en frang. moa., Melanges Wahlund 95— 107 
hat der schwedische Romanist A. Johansson,?2 wenn ich ihn recht 
verstehe, die Umwälzung auf analogische Einflüsse zurückzuführen 
versucht, und damit hat er, soweit es sich um organische Entwicklung 


i Schon der alte Hallenser Prof. A. F. Pott hat diese Eigenart mensch- 
lichen Sprachtums erkannt und gegen anders gerichtete Auffassungen polemisiert, 
wenn er auch ein leises Bedauern über das „hundertfache“ Vorkommen von 
„Verschweigung“ in der Sprache nicht ganz unterdrücken kann; s. sein schönes 
Werk: Wilhelm von Humboldt und die Sprachwissenschaft, Berlin, S. Calvary 
u. Co., 1876, I CCCXXX. (Von der Teilnahıne Potts für die romanistischen 
Studien und seinen die Materie angehenden Schriften sowie seiner Würdigung 
des hohen Wertes der neulateinischen Idiome für die allgemeine Sprach- 
wissenschaft habe ich gehandelt in meiner Schrift Die romanische Philologie 
an der Berliner Universität 1810—1910, S. A. S. 16, 20, 51); (s. Vollmöllers 
Rom. Jahresbericht Bd. X). Zur Sache vgl. H. Steinthals scharf zugespitzte 
Polemik gegen Aug. Schleicher, Zs. f. Völkerpsych. III, 497—506. 

32 Die von demselben Verfasser herrührende Pıogrammschrift Verbet faire 
med följande infinitif. En studie i modern fransk syntax, Norrköping 1895, 
36 5. hat mir nicht vorgelegen. 


376 ALFRED KISOP, 


im Sinne der Linguistik handelt, wenigstens der Idee nach einen 
gangbaren Weg eingeschlagen, wenn ich mich seiner Auffassung, 
die man bei ihm nachlesen mag, auch nicht anschliefsen kann. 
Wenn sich neben den schlichten, in ihrer knappen Geschlossen- 
heit so kraftvoll anmutenden Urtypen die durch die mit analytischer 
Breite vernehmbar werdende Einführung des refl. Elementes vor 
dem Infinitiv auch die Sinne befriedigenden Neugestaltungen des 
Gedankenverlaufes hervordrängen, so sehe ich deren psychische 
Wurzel zunächst in dem den ältesten Zeiten noch nicht auf- 
gegangenen, hinfort aber nach und nach erwachenden Bewulstsein 
für die Tatsache, dafs in den zahlreichen Formen des Verbum 
finitum das reflexive Verhältnis stets durch das entsprechende 
Reflexivpronomen seinen materiellen Ausdruck findet, so dafs ı se 
difend, vous vous defendez für das Verhalten des Infinitivs ausschlag- 
gebend werden konnte. Man denke dabei an die Übertragung 
der Lautverhältnisse gewisser Verbalsiämme auf solche zu dem- 
selben System gehörige Formen, die von Anfang an unter dem 
Gebot anders gearteter Lautgesetze stehen, z/ ame, amons aimons, 
ıl vient, vendrai, viendrai und überaus zahlreiche wesensgleiche 
morphologische Entwicklungen, von denen oft genug sonst gehandelt 
worden ist. Was insonderheit unseren Fall angeht, so treten im 
Laufe der Zeit innerhalb ursprünglich hinsichtlich der Wortfolge 
anders geschichteter Sprachgewohnheiten Verschiebungen ein, deren 
wahrnehmbarcs Ergebnis dem Aufkommen des refl. Fürwortes vor 
dem Infinitiv nach jaire usw. förderlich gewesen sein kann. Ich 
rede hier von den so geläufigen Verbindungen der NModusverba 
pouvoir, vouloir, devoir, savoır, oser, cuider, daigner, commencer mit 
einem reflexiven Infinitiv, vor dem also das zu ihm gehörige 
pronominale Objekt nicht entbehrt werden konnte, da ein zweites 
Objekt überhaupt nicht vorhanden war. Dabei ist nun aber zu 
beachten, dals, wie bekannt, in solchen Fällen ein so geartetes 
Objekt in der alten Sprache wohl regelmäfsig seine Stellung nicht, 
wie die logische Analyse verlangt, vor dem Infinitiv, sondern viel- 
mehr vor dem regierenden Zeitwort einnahm, so dals man also zu 
deın in der alten Sprache allein heimischen Typus jo (ne) te pus 
veoir gelangte. Im Gegensatz zu Forschern wie Tobler, Verm. Beitr. 
Il, 37, V, 27, Friedwagner, Veng. Rag., Anm. zu v. 24, 88 u. a., die 
die mir in ihren Beweggründen nicht verständliche Ansicht vertreten, 
dafs das Modusverbum das zu ihm keineswegs gehörige Pıro- 
nominalobjekt „an sich ziehe“, scheint mir der psychische Vorgang 
darin zu bestehen, dafs die Sprache hier dem Vorbilde der ein- 
fachen Zeiten des Verbums finitum folgt, in denen das pronominale 
Objekt oder die Negation sich immer unmittelbar an das Subjekt, 
gleichgültig, ob dasselbe ausgesetzt ist oder nicht, anschlielst, so 
dals die Anordnung je fc vos, je ne te vois as als eine ohne 
Rücksicht auf logische Bedenken zustande gekommene Folge ge- 
wohnheitsmäfsiger Satzmelodie angesehen werden muls. Bei solcher 
Auffassung des Sachverhaltes erscheint die oft so weite, durch das 


ZUR SYNTAX DES KELATIVPRONOMENS, 377 


Eindrängen anderer Teile der Rede veranlafste Entfernung des 
pronominalen Objektes von seinem Infinitiv nicht mehr auffällig; 
vgl. ef ne se saveroit plus en qui fir, Chron. Math. d’Escouchy 
ll, 324; Quant je m’ay en telx ennemis ose embatre, Mir. N.D. 34, 1604 
und einige ältere Fälle bei Friedwagner, Veng. Rag. zu v. 2488 
und bei Meyer-Lübke III, 8 738. Nicht anders dürfte es sich 
verhalten mit dem Ausweichen des logisch unanfechtbaren Typus 
Lances baısies se sont entrecontre, HBord. 8058; Par tel air se sont 
entrehurte, ebd. 8062 in die Wortfolge Zes ditz deux royaumes s’en- 
Iresont depuis lousjours guerroies, R. Blondel 395, oder Zar amour 
aymer s’entreseullent, Quand puis espouser s’entreveullent (16. Jahrh.), 
Montaiglon, Recueil d’anc. po@s. II, 165 und aus derselben Zeit 
JIs s'entrestoyent veuz, Bon. Desperiers, Nouv. Recr. I, 87. Mit der 
Loslösung des Präfixes re- von seinem Stammworte in Fällen wie 
in Athis se rest alez couchier, Athis 30, 1247; Lempereris s’en rest 
enlree en ses chambres, Marque 32, die ich den wenigen von mir 
im Archiv f. n. Sfr. 105, 316 mitgeteilten zugeselle, wird es wohl 
eine ähnliche Bewandtnis haben. Die Wiederholung von en/re vor 
dem Partizipium in Zaidement a cel aulre assaut S’entrefont mult 
enirempirid, Meraugis 192 (bei Ebeling, Auberee 116) oder die von 
re in Fortune a sa roe tornee Et Rome r’est resvigoree, Brut 3966 
mutet an, als sei den Dichtern die sachgemälse Stellung des enire 
und des re nachträglich flüchtig zu Bewufstsein gekommen. Und 
so wird denn auch die Ausgestaltung des afız. Typus es/ vantes 1 
mit refl. Sinn zu z/ s’esf vants von den nicht periphrastischen Formen 


von sol vanter, also ıl se vanle etc. seinen Ausgang genommen 
haben. 1 


ı S. Tobler, Vrai aniel 32, 166 und Verm. Beitr. V, 302; je me suis 
esloignies als Vorbild für je me suis densez s. Verm. Beitr. II, 59; zu 503 Denser, 
eb. 11,67. Die Verbindung der refl. Zeitwörter mit avoir hat Tobler, Vrai 
aniel 32, 166 für das Altfranzösische mit zahlreichen Beispielen belegt und 
dazu weitere Literatur verzeichnet. Aus dem 15. Jahrhundert füge ich hinzu 
Sondit filz se avoit esloigne (a. 1456), Math. d’Esconchy Chron. II, 334: Zt 
Ja depuis sept ans en ga, s’a traveili6 de prandre l’isle et citE de Roddes 
(a. 1452), Jean Germain, Revue de l’Orient latin II, 336° Besonders stark 
scheint der Nordosten an der Erscheinung beteiligt zu sein; zum Wallonischen 
s. Doutrepont, Theorie 27; Zeligson, aus der Wallonie, Progr. Metz 1893, 10; 
zum Vulgärparisischen s. Siede, Syntaktische Eigentümlichkeiten 47; aus dem 
Lothringischen: Z2 s’avozt ensevelit dedens lui mismes, Serm. S. Bern. T 124,88; 
Wai a mi ke ieu mai coisiet (quia tacuı), Ezechiel 70; Je m’ai plus travilliet 
de tos ceos, eb. 77; (Tl) s’avort demostrez, Jean Aubrion 49 und oft; zlz s’avoient 
obliges, Chron. lorr. 49; Car s’ıl fuist jour, les plussours se heusse en aucunes 
manier (so) reconfortes, Voy. d’Anglure, Ms. M. S.79, Anm. 5; neuwallonisch 
Le vaich s’avin dislouöte (delie), Revue litt. frang. et prov. 2, 218(?). Ferner 
gaskognisch Quant se las a lauados (die Hunde) bei Blade, Poe&s. pop. de la 
Gascogne 184; vgl. Lanusse, De l’influence du dialecte gascon sur la langue 
fire. de la fin du XVes: & la seconde moiti€ du YVII, Paris 1893, 429. 
Den von mir aus der neufranzösischen Volkssprache im Archiv. f. n. Spr. 
XCIT, 465, CV, 317 beigebrachten Beispielen reihe ich bier an: Ze m’ai defid 
(vulgärparisisch), Montepin, Secret du Titan I, 51; Yorld Pourquoi je m’ai mis 
en gröve, Arist. Bruant, Dans la rue 187, 205; neuburgundisch Zesu s’arivö 
Panveüllai, H. B(erthaut) Contes etc., Dijon 1885, 99. 


378 ALFRED RISOP, 


Von einer lokalen Verschiebung des pronominalen Infinitiv- 
objektes etwa in Ge Z’aım bien a veoir, Marque gı, oder in Zik 
ne s’en savoil coment vengier, ebd. 136, kann also abgesehen davor, 
dafs vor dem Infinitiv die betonte Form /uz, sos stehen würde, nicht 
wohl die Rede sein, man hat es hier vielmehr mit einer durch 
keinerlei sekundäre Doktrinen eingeengten, echt volkstümlichen 
Sprachbetätigung zu tun, deren Walten durch die Jahrhunderte 
hindurch bis in die neueste Zeit selbst in höherer Rede fühlbar 
bleibt, denn auch der Gebildete ist nicht in jedem Augenblick 
soweit seiner Herr, dafs er die im Wesen seiner heimatlichen 
Sprache begründeten Besonderheiten vergessen könnte, 1 und dafs 
selbst der bedächtige Pedant, ohne es gewahr zu werden, leicht 
in die von inm bekämpften Mängel verfälit, erlebt man häufig 
genug.? So findet man in jüngerer Zeit selbst bei hochangesehenen 
Autoren Zeugnisse wie Z/ ne se peut rösoudre, Chäteaubriand, Les 
martyrs liv. VOII, 277 u.ö.; Zilles s’allaient perdre d droste et d gauchz, 
Scheffer, Misere royale 12; Je ne le fuis pas faire, Maupassant, Bel 
ami 234, 367; La pauvre fille se voulait briser la Iöte, A. Houssaye, 
Pecheresse 142. Einmal auf diesen Weg gestellt, gelangt die Sprache 
da, wo es sich um den Infinitiv reflexiver Zeitwörter oder mit essere 
zu konstruierender Intransitiva? handelt, bei der Gestaltung der 
periphrastischen Formen der Modusverba zu Konsequenzen, vor 
denen sich der Analytiker bekreuzigen muls, die aber packende 


ı,.. le plus fort grammairien peut oublier les rögles en composant un 
livre, comme sur le champ de bataille au milieu du feu, pris par les accıdents 
d’un site, le plus grand general oublie une rögle absolue de l’art militaıre 
sagt Balzac, Une fille d’Eve 40; und „jedermann hat das göttliche Recht so 
zu reden, wie sein ganzes Volk redet* (Ausspruch Adolf Toblers). 

® Von alltäglichen Erfahrungen abgesehen, denke ich an Laurentius Valla, 
der seinen eigenen Forderungen an die Güte des Stiles keineswegs selbst ge- 
nügte, s. Voigt, Wiederbelebung d. class. Alt. II, 421, und bis zu welchem 
Grade Raimon Vidal gegen die in seiner Poetik gegebenen Regeln in seinen 
Dichtungen verstiefs, schildert unser unvergelslicher Heinrich Mort in seiner 
ihm eigenen urwüchsigen Art; s. Sitzungsber. der Berliner Academie 1913, 
ı1. Anm. Der Verfasser von Allerhand Sprachdummbheiten, der S. 211 gegen 
die „reitende Artilleriekaserne“ u. del. wettert, leistet sich selber, ohne 
sich des Widerspruches mit seinem Anathema bewulfst zu werden, die Un- 
geheuerlichkeit „eine Liste der nächsten Sonntagsprediger* S.53 Anm. 
und die heute täglich zu beobachtende Tatsache, dafs die Gegner von Fremd- 
wörtern sich des Gebrauches derselben keineswegs enthalten, hat schon vor 
mehr als hundert Jahren einem W.S. zeichnenden Autor in Ludens Nemesis 
12, 445 Gelegenheit zu einer Bemerkung gegeben. Ein Knabe, der sich wegen 
einer Versäumnis mit den Worten Dame, m’sieur, J’al mend boire notre chevan 
entschuldigt, erhält von dem maftre d’dcole, der freilich später @ cause de son 
inconduite et de ses idees sur l'instruction Publique entlassen wurde, die Ant- 
wort On dit cheval, animau!, Balzarc, Paysans Sı. 

8 Bei diesen letzteren sieht Tobler, Verm. Beitr. II, 37 den Grund für 
das Eintreten von essere an Stelle von Aabere vor dem modalen Hilfszeitwort 
in der zwischen diesem und dem Infinitiv als dem Träger des Begriffes ob- 
waltenden engen, für das Bewufstsein des Volkes nicht mehr zu trennenden 
Verbindung (s. Beispiele unten), In Berlin hört man die ähnliche Redensart 
„Da is er jemacht det er wechkam“, wo die Dominante „fliehen, 
auskratzen“ für die Konstruktion entscheidend geworden ist. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 379 


Zeugnisse für die Tatsache darstellen, dafs die Sprachentwicklung, 
um mit Wilhelm von Humboldt zu. reden, „wie Natur wirkt“. Der 
Kontakt mit dem refl. Objekt des Infinitivs hat nämlich zur Folge, 
dafs die konstruktiven Merkmale der periphrastischen reflexiven 
Formenbildung eben an den modalen Hilfsverben sichtbar werden, 
so dafs also die Wendung elle a volu sol esloignier zu elle s’est volue 
esloignier verschoben erscheint. Freilich hat sich die Sprache nicht 
immer in dem hier zunächst natürlich erscheinenden Gebrauch von 
avoir stören lassen; vgl. Ox Zrunamons s’ol fait apareillier, Enf. Og. 
3747; Quant je m’ay en telz ennemis os embalre, Mir. N. D. 34, 1604, 
und nun wieder vornehmlich im Osten Zes cılaims ne se avoıent 
vollu melire en guerre, Phil. de Vigneulles 40; ZZ s’avoit voullu prenre 
a une jement, ders., Gedenkbuch 28; Zeguel se avoit voulus (so) deffendre 
Pierre Aubrion 462; Une jeune fille sage Qui s’a voulu engager Pour 
servir, Ner&e Qu&pat, Chants pop. messins (1877) ı7, also gerade 
wie die eigentlichen reflexiven Zeitwörter, besonders im Nordosten, 
oft genug mit avoir verbunden werden (s. o. S. 377 Anm,). Von 
dem Typus elle s’est volue esloignier hier ausführlich zu reden, liegt 
kein Anlafs vor, nachdem ich mich im Archiv f. n. Spr. 95, 316f. und 
109, 197 eingehend mit der Sache befafst habe. Meine ebenda zu 
findende Andeutung, dafs die Erscheinung auch der jüngsten Zeit 
noch nicht abhanden gekommen ist, z.B. De guelque fagon que 
je m’y sois fu prendre, Rousseau, Conf. part. II, liv. IX (Oeuv. ed. 
Musset-Pathay XV, 227, XVII, 314); Ss Ze comte de Vandenesse s’dait 
pu voir, d trois ans de distance, beau-frere ..., Balzac, Une fille 
d’Eve S. 3 (wo sonst das pronominale Objekt an seiner heute als 
korrekt geltenden Stelle untergebracht wird: z/ aurazt fu se fraßper, 60; 
Florine put se deshabiller, 105 usw.), wird für unser Jahrhundert 
bekräftigt durch Que/ historien se peut ou s’es! jamais pu vanler d’avoır 
dissipe definitivement toules ces erreurs? bei dem Kunsthistoriker 
Georges Lafenestre (de l’Acad. franc.), Revue des deux mondes 
1905, 91. Insonderheit gedenke ich noch der von solcher Be- 
handlung betroffenen Impersonalien Z/ m’en est pu souvenir, Chron. 
scand. (Soc. hist. France) I, ı (15. Jahrh.) und ZZ m’est pu advenir 
d’avoir dit mensonge, Agr. d’Aubigne, Mem. (ed. Lalanne) 421. Die 
angebliche Heranziehung des pronominalen Infinitivobjektes an die 
Modalverben ist übrigens gemeinromanisch, 3. Meyer-Lübke II, $ 738. 
An einer genügenden Zahl von Beispielen für die hier zuletzt er- 
örterte Erscheinung scheint es zu fehlen; einige italienische aus 
Boccaccio, den Cento novelle antiche und provenzalische aus 
Raynouards Choix und dem Lex. rom. stehen bei Diez Ill, 288 
Anm. Andere wären S’era incomincialo a innamorare, Pecorone I], 18; 
GC siamo voluli venire, ebd. 1,125; Zgli si dira che ı0 non sia potula 
stare sensa (sc. marıto), San Bernardino da Siena, Novellette etc. 10; 
Tu non vi se’ poluto stare un ,ora, Libro di nov. ant. (Scelta Nr. 93) 
46; man beachte auch den Fall /’ alfro Savio !’ arebbe volula guar- 
dare, Sette Savj. (ed. Teza) 28; Ferch? ella & tanto bella quanto la 
nalura l’ avesse potuta fare, Pecorone (Scelta Nr.89) 62; Za prima 


380 ALFHED RISUP, 


grazia che lu m’aı adomandata, io nolla f’ de voluta negare, Legg. di 
Vergogna ı7. Solchen Bräuchen ist das Neuitalienische treu ge- 
blieben; vgl. Ma quell’ uomo non se l’era poluto levare mai del cuor:, 
Verga, Vagabondaggio 253; S7 4 avesse Dotuli annienlare, Cioni, 
Capolavoro 381; und passivisch mit Unterdrückung von che—era vgl. 
e li, subitamente in una nolizia non polula negare a chi [ aveva domandata, 
la sua dolce speranza gli era uccısa nel cuore, Barrili, La Sirena 155. 

Bei der genugsam bekannten Geistesverfassung der Instanzen, 
die berufen waren oder sich gedrängt fülllten, den blühenden Natur- 
garten altüberlieferten französischen Sprachtums durch Drahtkulturen 
eigenen Fabrikates zu veredeln, konnte es nicht fehlen, dafs auch 
die soeben erörterte scheinbare Verschiebung des pronominalen 
Infinitivobjektes nebst ihren Folgen unter die kritische Sonde ge- 
nommen wurde. Wenn der Abbe d’Olivet (1682—1763), der be- 
rühmte Verfasser der Zistorre de P’Acadimie frge. (bis 1700), noch 
den Mut hat, beide Arten von Wortstellung zuzulassen, so glaub: 
Feraud, der Schöpfer eines Dictonnaire crilique de la langue [rec 
Marseille 1787 dıe Anschauung des alten Fransois de Lamothe- 
Levayer (1588—ı672), dals das Pronomen sachgemälser vor dem 
Infinitiv zu stehen komme, unter Beschwörung eines seltsamen, 
sonst nicht bekannten Sprachgenius mit der kategorischen Anweisung 
stützen zu müssen: efechivement, cela es! plus analogue au genie de la 
langue, qui est de rapprocher, aulant quelle peut, les mots qui ont relatıon 
enlre eux. Die Freiheit, die Girault-Duvivier (1765— 1832), dessen 
Grammaire des Grammaires, 19° edition, Paris 1867 ich obige Notizen 
entnehme, 8. t.], S. 318, 335 f., 384, solchen Einschärfungen gegen- 
über unter Berufung auf den persönlichen Geschmack und unter 
Betonung des von den grolsen Klassikern in der Tat geübten un- 
gebundenen Verfahrens sich und seinen Zeitgenossen zu wahren 
beflissen ist, beweist im Verein mit den aus jüngster Zeit von mir 
beigebrachten Tatsachen nur, dals sogenannte Logik und sprach- 
liches Leben höchstens in dem Bewulstsein der „scerußolini“ oder 
„Professor! Falarachi“, wie Edmondo de Amicis in seinem herrlichen 
Buche Z’idioma gentile 213 die Pedanten nennt, ein ungetrenntes 
Dasein führen, während die lebendige Sprache unbekümmert ihre 
eigenen Wege geht. — Ma ella s’E beata e cio non ode, Dantesche 
Worte, die Altmeister Tobler, Verm. Beitr. 12, 204 einst heranzog, 
um die naive Ursprünglichkeit seines geliebten Altfranzösisch zu 
kennzeichnen. Nun hat freilich Emile Deschanel seinem Buche 
Les deformalions de la langue frge., Paris, Calman Levy 1897 den 
Satz Sainte-Beuve’s On aime en France la casuistique du langagt 
(Nouv. Lundis) als Motto vorangesteilt, und damit zugleich die 
geistige Richtung gekennzeichnet, in der sich seine Leistung bewegt 
und die ganz und gar dem eng verwandt ist, was wir an den in 
gewissen Kreisen zu autoritativer Geltung emporgewachsenren „Aller- 
hand Sprachdummheiten* „gebührend“ einschätzen gelernt haben. 

Ich möchte freilich bezweifeln, ob es gelingen wird, den Gegen- 
stimmen, wie sie in Frankreich laut geworden sind, innerhalb der 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 381 


deutschen Sprachgrenzen ähnliches an die Seite stellen zu können.! 
Nicht nur, dafs der Abbe Rousselot gerade wie Gaston Paris bei 
der Handhabung der Rechtschreibung individuelle Freiheit wünscht, 2 
5. Revue d. datois II, 240, sondern ein Autor von der Höhe eines 
Anatole France läflst sich folgendermalsen vernehmen: Ceux-/d 
Jurent des cuistres qui pr£tendirent donner des rögles pour dcrire, comme 
sl y avast d’autres rögles pour cela que l’usage, le goüt el les passions, 
nos vertus el nos vices, towles nos faiblesses, toutes nos forces. — Je 
liens pour un malheur public quil y ait des grammaires frangaises. 
Apprendre dans un livre aux £cohers leur langue nalale est quelque 
chose de monstrueux, quand on y pense, &ludier comme une langue morte 
la langue vivante: quel contre-sens! Notre langue, cCesl notre mere et 
notre nourrice, ıl faut boire d m&me. Les grammaıres sont des biberons. 
Et Virgile a dit que les enfants nourris au biberon ne sont dignes ni 
de la table des dieux ni du lit des d£esses, A. Fr., Pierre Nozieres 146. 
Der gleiche Begehr nach persönlicher Freiheit klingt wieder in 
einer scharfen Polemik Ernest Renans gegen das Lateinschreiben: 
On nous oblige ainsi d döfagonner entidrement nolre pensee pour la meltre 
dans un moule qui n'est pas le sıen. Supposent-ils que toutes les ıidees 
peuvent passer dans loules les langues? Sans doute en un sens. Mais 
elles n’y passent qu'en ddpouillant leur couleur propre, kur vultum pro- 
prium. Oh! quel creve-ceur de travanller ainsi d desoriginaliser sa 
pensee! Ah! diables de grammairiens, comme je rage contre eux, s. Nouv. 
cahiers de Jeunesse, Revue bleue 5 janvier 1907, 5° serie t. VII, ı, 
und derselbe Renan sagt: Za Phrase regulidre est-elle la vraıe forme 
regulidre de la pensee, ou nm’est-elle pas un moule gönant qui lu est 
impose, el ne serail-ıl pas plus commode d’aller lege solutus, pourvu 
quon se fit entendre? Adieu alors la lilteralure, dans le sens restreinl. 
Il n’y aurait plus que des penseurs, des savants et des poßles. Ce serait 
id la litt£ralure, ebd. S. 65, Äufserungen, die mich lebhaft an den 
oft kundgegebenen Widerwillen alter Kirchenschriftsteller gegen die 
Regulae (ferulae) Donati erinnern; s. z. B. Schuchardt, Vocal. d. 
Vulgärlateins I, 58ffl. und vieles andere, was ich bald in anderem 
Zusammenhange zu behandeln hoffe. 

Nun ist bekannt, dafs die Anordnung 2 fourra s’dloigner dank 
gelehrter Bemühungen wenigstens offiziell den Sieg davongetragen 
hat und damit, wie ich oben schon angedeutet habe, ein neuer 
Anhalt für die Einführung des refl. Fürwortes in den alten Typus 
sl le fil relourner gegeben war, so dals sich neues z/ Je fif se relourner 
ergab, doch so, dafs die Sprache sich die Freiheit nicht nehmen 
liefs, sich der beiden Typen nebeneinander zu bedienen. Ein 
nicht allzu leicht zu vermehrendes Verzeichnis, das sich im wesent- 
lichen auf die Formel /arre + refl. Inf. beschränken soll, wird das 
schwankende Verhalten der späteren Sprachperioden bis in die jüngste 


1 Doch denke ich an die Geringschätzung alles nur Technischen in der 
Dichtkunst bei Goethe-Eckermann ed. Ruest S. 353. 

%2 Falsche Orthographie erscheint der Schauspielerin La Faustin „Z2lus 
naturel“, E. de Goncourt, La Faustin 237. 


382 ALFRED RISOP, 


Zeit hinein beleuchten: Mais Guenelun faı acorder al rei, Roland 3895 
(neben a Charlemagne se vuldrat acorder, ebd. 2621; Jel ferai enwers 
zos acorder, Par. Duch. 1591; Pensant que si la faour et la force ne 
l’avoyt peu faire rendre, la doukur le feroit, Heptam. LU; Z Le uel 
a propos ıcı vous a fait rendre, Moliere, Amphitryon III, 4; ı ls faisoit 
esjouyr, Vie S. Franc. 39 (15. Jahrh.), Amphitryon Ill, 4; Ceste responce 
me fil retirer, Caq. Acc. 216 (a. 1622); Les maurais Iraitemenis ... 
pour jamaıs de la cour me feraient retirer, Moliere, Les Facheux II, 2; 
Faites relirer tout le monde, Restf de la Bretonne, Contemp. UJ, 121; 
DO, 222; Un sergent de ville arrıva et fit relirer les curieux, H. Malot, 
Bonne affaire 153; Un rıgoureux coup de cravache le fl se dresser, 
G. Sand, C£s. Dietrich 316; neben Vous me faites dresser les cheveux 
sur la töte, Sardou, Nos bons villageois 34; Z/ la fit se coucher, 
G. d’Hailly, Le prix d’un sourire 65 neben Claire le fl coucher, 
A. Daudet, Fromont 318; Nous essayons ... de les faire s’asseor, 
Loti, Mon frere Yves 264 neben altfranz. // me fist asseoir, Joinvil.e 
8634; Zl la fil asseoir, Leroux-Cesbron, L’Etrangere 110; In en- 
gagement tacıle qui aurait pu faire se cabrer mes inslincis, G. de Peyre- 
brune, Sertimentale 138 neben Vous le ferez cabrer ohne Angabe 
der Quelle bei Mätzner, Gram. 195; Auns les fist trestos cois Ienır, 
Julian 4010 (auch bei Georg Cohn a.a. OÖ.) neben neufranz. Je 
Z’aı fait se tenir Iranguille, Zola, VEriteE 29 und dazu auch Zi 
ordonne& expressemant au maisire desdils beings Prendre soigneuse garde... 
les (die Besucher) faisant contenir en modeslie et silence, Montaigne, 
Jounal de voyage 71; Z/ estoit delibir& de s’en aller d Romme faıre 
couronner empereur, Chron. Jean d’Auton IV, 333 (15. Jahrh.); neben 
Charles daulphin alla... en la cite de Rzims el la se fat couronner, 
J. du Clercq, Mem. I, ı (s. God. IX, 225b, 15. Jahrh.); Noblesse de 
courage, haultains propos ... te font le caur envoler une fois envers 
le ciel, J. de Wavrin ll, 235 (15. Jahrh.); Ze vent avast fait envoler 
les cendres, Zola, Le docteur Pascal 235 neben Jaisser s’envoler, 
Toudouze, Miroir tragique 82; Bien risolu d le faire s’expliquer, 
A. Daudet, Jack II, 183 neben On voulait de faire expliquer, 
G. Sand, Maitres sonneurs 98, 267; Je la laisse expliquer sour tout 
ce qui me louche, Racine, Britannicus Ill, 81; Zes eforts meme ... 
le faisaient se sowvenir, Th. Gautier, Fortunio 239; J’avazrs honte de 
la faire se souvenir de ma honte, Rev. bleue 1905, 693; Cest bien 
le hasard gui vous a fait vous souvenir, Toudouze, Miroir tragique 156 
neben C’es/ !’en faire souvenir, Rousseau (ed. Musset-Pathay) III, 431; 
Mademoiselle de Caverne fit souvenir Destin que ..., Scarron, Rom. 
com.I, ch. XIII; J’as craint de la faire souvenir de ma prisence, G.Sand, 
Comt. de Rudolstadt 1, 103; Cec me fait souvenir, Gyp, Femmes du 
Colonel 101; neben neufranz. faire dvanouır auch I/s craignaient 
quun mouvement trop brusque fil S’evanouir le parfum d’amour, Nonce 
Casanova, Messaline 216; Armand redoutait de faire Slvanouir k 


ı Vgl. Zle aimait l’entendre expliquer sur les chemins, Lemaitre, Mı 
soeur Zubette 20. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 383 


charme, Champsaur, Faute des roses 247; Cela le fi jelter dans le 
guays, Agr. d’Aubigne, Mem. ı8 (16. Jahrh.) neben Z/ en sort une 
odeur penelrante qui la fait violemment rejeter en arritre, Samanos, 
Vie qui brüle 200; Zui que l’ecau fait sauver, courut au benitier, 
Rostand, Cyrano I, 7; Ton mouvement assez brusque fill sauver un 
homme, A.Pothey, La feve de S.Ignace 14 neben Zaissons les autres 
se sauver, Balzac, Une tenebreuse affaire 95; elle laisse sauver les 
malfaiteurs, Ohnet, Dame en gris 257; Le temps qui le fait estendre 
(den Baum), Rem. Amor. 29; Ze medecin la fit dtendre sur le canape, 
Maupassant, Mont Oriol 12 neben Je % fais s’allonger, Zola, Fecon- 
dite 12.1 

Dazu noch eins. Bei Johansson und anderen Grammatikern 
begegnet man der schwach begründeten Lehre, dafs beireziprokem 
Sinne des refl. Fürwortes die Unterdrückung desselben nach faktitivem 
faire nicht erlaubt sei. Darauf ist zu erwidern, dafs auch in solchen 
Zusammenhängen kein Anlals vorliegt, der der Auslassung des 
pronominalen Elementes hinderlich wäre. Denn die wechselseitige 
zwischen zwei oder mehr Seienden fühlbar werdende Beziehung liegt 
oft schon in der Struktur und der Bedeutung der in Frage kommenden 
Zeitwörter beschlossen oder ist aus dem Ganzen mühelos zu erschliefsen,2 
und überdies ist nicht abzusehen, aus welcherlei Gründen die Sprache, 
die doch neben refl. zds s’dorgnent ein il les fait eloigner unbedenklich 
duldet, bei reziproker Tätigkeit das analoge Nebeneinander zs se 
battent und ces circonstances les firent battre meiden sollte. Dabei 
soll zugestanden werden, dafs, ob nun auf linguistisch einwandfreiem 
Wege oder infolge einer irgendwie von aulsen kommenden lehr- 
haften Einwirkung,. die heutige Sprache gelegentlich das reziproke 
Fürwort vor dem Infinitiv eingeführt hat, also gerade so verfahren 
ist, wie es beim einfachen Reflexivum geschehen ist. Dafs übrigens 
auch unter den im Eingange von Tobler und Georg Cohn formu- 
lierten Bedingungen der reziproke Wert des Reflexivpronomens den 
Ausfall desselben vor dem Infinitiv nicht abzuwenden vermag, zeigt 
die Fügung A /ant desrengent si s’esmurent Por (soi) encontrer sans plus 
atendre, Veng. Rag. 5738. Hier einige Zeugnisse: (Ze) hasard qui 
avoıt fait renconirer ensemble deux personnes, Furetiere, Rom. bourg. 160; 
Le hasard nous a fail rencontrer, Heudebert, M"® Hugolin 23; A 
Paris, ou le hasard nous fit rencontrer, Sardou, Rabagas I, 10 und 


I Mancherlei auch bei Ebeling, Vollm. Jahresb. V I, 190. 

2 Es braucht kaum gesagt zu werden, dafs in dem Gefüge Z/s s’attabldrent 
avec un ravissement naif qui les faisait se sourire sans cesse, Col. Yver, 
Princesses de science 93 das eventuell durch Z’un d Z’autre zu erweiternde 
reziproke se nicht unterdrückt werden kann, weil in der Struktur von sourire 
die Reziprocität noch nicht vorgedeutet ist. Man sicht auch, dafs der Satz 
Ci rimase appena il tempo di sorriderci a vicenda, Salv. Farina, Mio figlio 396 
keineswegs des innerhalb solcher Gedankengänge dem Italienischen freilich sehr 
geläufigen a vicenda bedarf, um sofort sinngemäfs verstanden zu werden, 
gerade wie in Deux hommes ... S’entre-donnaient de temps en temps des coups 
de Poing, Scarron, Rom. com., chap. VI mit einfachem se sehr wohl aus- 
zukommen war. 


384 ALFRED RISOP, 


daneben Une force inconnue faisait se rencontrer leurs yeux, Maupassant, 
Une vie 43; C’est une rencontre fortuite ou l’on fait se rencontrer 
une jeune fille et un homme d marier, Samanos, La vie qui brüle 93; 
Quand le hasard les faisait se renconirer, Maurois, Bernard Quesnay 202. 
Ferner Une grande secousse qui fit entrechoquer les pols sur les polidres, 
Verly, Hist. du pays flamand 24 neben Des frissons ... faisaient 
s'entrechoguer mes dents, Maupassant, Des vers 6. Sonst noch: Je 
ne les fais point entrebatre, Chr. de Pizan, Long Estude 2906; ZEnsuite 
nous ferons battre un lion et un tigre, Th. Gautier, Fortunio 237; 
Vous voulez donc absolument les faire baltre, Bourget, Cosmopolis 263.1 
Fälle von Einführung des reziproken Fürwortes wären: Za haine 
de M"* Vacreuse fut alors aussi violenle que celles qui faisaient s’as- 
sassiner les familkes aux siecles passes, Rosny, Les corneilles 33; 
L’costume d’vrait les faire s'ressembler, Gyp, Petit Bob 173; Une 
periode de calme ... qui fait se separer les groupes, Rosny, Charpente 69; 
La confiance heroique qui les avoit fail se confesser l’un par l’aulre, 
Rev. contemp. 25 aoüt 1885, 530.2 

Wenn nebeneinander begegnen Fälle wie Un druit leger fil s 
relourner Herbeline, Rosny, Crime du docteur 187 und Une beaufe 
qui faısait relourner les femmes sur son passage, Ohnet, Roi de Paris 33, 
ohne dafs durch die verschiedene Behandlung des Infinitivs eine 
Abweichung in der Bedeutung der beiden Gefüge begründet würde, 
so könnte sich leicht die Annahme ergeben, dafs auch die beiden 
hier in Betracht gezogenen Gruppen /aire faire und faire se laire 
dem Sinne nach ein und dasselbe besagen. In der Tat können 
ja weder re/ourner noch heutiges faire als Intransitiva in den Formen 
des Verbum finitum das refl. Fürwort entbehren, doch bleibt zu 
beachten, dafs in der alten Sprache, gerade wie dem lateinischen 
und italienischen /acere, dem einfachen Zaire der Sinn von heutigem 
se laire anhaftet,3 so dafs nicht zu entscheiden ist, ob modernes 


! Daneben der Pleonasmus ZZs devoient se battre ensemble et deux d 
deux, Les quatre fiıls d’Aymon, Liege 1787, 373. 

® Von den mannigfachen Wegen, die die Sprache behufs Verdeutlichung 
des reziproken Verhältnisses einzuschlagen beliebt, und zwar in besonders 
reicher Entwicklung da, wo das Verbum finitum in Betracht kommt, wird noch 
einmal ausführlicher gehandelt werden müssen; für jetzt begnüge ich mich 
mit einem Hinweis auf Meyer-Lübke, Rom. Gr. II, 630; III, 406; Keuntje, 
Der syntaktische Gebrauch des Verbums bei Amyot, Leipzig 1894, ı1 und 
vornehmlich Ebeling, Auberee 116 ff.; s. femer Thurneysen, Zur Bezeichnung 
der Reziprokität im gallischen Latein, Arch. f. lat. Lexicogr. VII, 523—7. 

® Einige Beispicle sind vielleicht nicht ganz überflüssig: Zassıds, Ast il, 
ma dame, plus n’en parles, Aiol 156; TZars, fole, Elie 95; taises, Cygne 260; 
Je te commande que tu taises, Vie S. Francois 124 (15. Jahrh.); /ayras-tu?, 
Anc. Th. II, 19; De cela vous avez beau laıre, eb. 111, 355 (16. Jahrh.); Oxe 
que li autre facent, de parler ou de taire, Ge dirai mon plaisir, Jub. Myst. 
ined. II, 478 (15. Jahrh.) und so noch heute in einem wallonischen Volksliede 
Ta'ses, taisez, mo frere, E. Rolland, Rec. de chans. pop, Paris 1887, 34. Vor 
dem substantivierten Infinitiv wird man das refl. Fürwort nicht vermissen: Afoult 
vaut miex boins taisırs que folement parler, Fierabras 2121 und mit Wahrung 
der Symmetrie: /e ne scay se mieulx en loist le taire que le dire, Jeh. de Wavrin, 
Chron. 11, 227. An die Stelle des refl. Fürwortes setzt di Pariser Volks- 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 385 


Jaire laire die schon dem Alttranzösischen geläufige Formel faire 
faire fortsetzt oder nach Malsgabe des allgemein geltenden Gesetzes 
das refl. Fürwort eingebüfst habe. Überdies werden gewisse über- 
lieferte sprachliche Tatsachen erweisen, dafs eine syntaktische Gleich- 
stellung des an faire gebundenen /a:re mit dem Wesen von relourner ? 
nicht in Frage kommen kann, da faire se laire eine mit faire faire 
‚in der Wortwahl zwar verwandte Fügung darstellt, in der Art ihrer 
Verwendung aber da, wo sie sich zeigt, nur als eine aus bestimmten 
Zusammenhängen zu erklärende begriffliche Variante eines und 
desselben Wortes verstanden werden kann. Nun lehrt der genannte 
schwedische Romanist, dafs ein zweiter nicht unmittelbar an /aire 
geketteter refl. Infinitiv des reflexiven Fürwortes nicht entraten 
könne; er beruft sich für diese vermeintliche Tatsache anf das 
Gefüge Toute aufre le fait sourire et se moquer (La Bruyere). Dazu 
ist zu bemerken, dals die ältere Zeit an der auch an solcher Stelle 
eintretenden Unterdrückung des refl. Fürwortes keinen Anstols ge- 
nommen zu haben scheint; man vergleiche etwa: Ze /rös grand 
desir el vouloır que j’ay d m’en delivrer m’a fail par deux foıs venir 
et allongıer (s’Eloigner) de mon pays, Monstrelet (1390—1453) bei 
Godefroy I, 234 b (s. dazu Je vous laisse a regret Eloigner de ma vue, 
Racine, Brit. V, 1); Solel d’amours quil a fait reluire et espandre 
sur moy, Prosacliges 291, 8 (neben s’espandent, ebd. 297, 23), (also 
wie unauffälliges Z/ ge li donai du havel Si durement que le cervel 
li fis espandre par la voie, Mont. Fabl. I, 217); Zesquels Andre et 


sprache das Organ, an dem das Sprechen wahrnehmbar wird: 7a:s ton bec 
(halt die Schnauze), Mont&pin, Dame de pique I,147; 7ais la ta chiffe (Lumpen, 
Zunge), A. Mirabaud, ZAdät. de la rue 18. Weiter wäre zu beachten Mais 
le duc tout coy taisant, ne futl mie bien content d’euls, Jeh. de Wavrin, Chron. 
1I, 352; zu altfız. Zaisi, cos taisı s. Tobler, Verm. Beitr. I®, 159. Dals faire 
in dem Siane „verschweigen“ schon der alten Zeit geläufig war, zeigt Dame, 
que dire? que taisir P, Cliges 4308; Or ai Dieu renoid, ne puet estre teu, 
Rutebeuf II, 95; vielleicht auch Nous amons mies faire que affermer folement 
aucunes choses frivoles, Leg. Gir. Rouss. Romania VII, 193, und sogar mit 
refl. Fürwort Z£ ne se Deurent taire que ..., Hist. Gaston de Foix I, 63 
(15. Jahrh.). 


ı Vgl. Zscoute moi, fai ta gent tere, Meraugis 1283; Atant le faisoit on 
taire, Chron. de Reims, ed. Louis Paris, Paris 1837 (= M£nestrel de Reims) 173; 
Li amirals les fait taisır, Flor. Blanch. (ed. du ME£ril) 2433; ... chascuns en 
Ast grant joie. Il les fist taire, Joinville 8 477. 

8 Anders zu beurteilen ist der Fall, wenn schon der erste Infinitiv das 
refl. Fürwort bei sich hat, das dann «n0 x01ıv08 auch Objekt zu dem zweiten 
ist, also Car elle n’avoit pas mestier de soy farder et aflaictier, R. Rose 
(ed. 1735), 1020; Un garson „.. vint aussi se presanter et meltre d cöld de 
cete fame (a. 1580), Montaigne, Journ. de voy. 112 und schon ein Jahrhundert 
früher Za Plus large place et la plus aisde pour soy rallier et retraire Jean 
du Bueil (+ 1480), bei Godefroy VII, ı34b, ein Verfahren, das auch für das aus 
einem Personalpronomen bestehende Objekt Geltung hat: Za fagon de les 
orner et embellir, Montaigne, Essais, liv. I, ch. 5ı und, wie Darmesteter und 
Hatzfeld, Le XVlIe s. en France I, 264 betont, auch beim Verbum finitum 
se range, modere et fortife, Montaigne liv. II, ch. ı anzutreffen ist; vgl. auch 
Diez III, 418 und die die Allgemeingültigkeit solches Brauches einschränkende 
Bemerkung Ebelings, Auberee 115, 430. 


Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII, 25 


386 ALFRED RISOP, 


ceulx de sa compaignie, nosire dıt cousin le conte d’Armaignac receul 
et fist recevoir et relraire en ses places et forteresses (a. 1445), Chron. 
M. d’Escouchy III, 127; Z me laisse baigner et pourmener (a. 1622), 
Caq. Acc. 63 trotz des kontroversen Verhaltens von (se) promener ; 1 
aber Bedenken tragen mufs man, Fälle hier anreihen zu wollen wie 
Quil ne voz face ardoır ou graillier Ou pendre as forches ou en eve 
norer, Jourd. Blaiv. 3794; denn im Altfranz. wird zecare im Sinne. 
von neufranz. se noyer, wie aus Godefroy V, 5ı4b; X, 197a hervor- 
geht, transitiv, intransitiv und reflexiv gebraucht; noch am Ende 
des 15. Jahrh. finde ich nebeneinander afınguils ne noyassent, Jean 
de Paris (ed. Montaiglon) 62; 22 s’y noya plusieurs Anglois, ebd. 52; 
beaucoup des Anglois se noydrent, 53; Dieu garda ... ses gens d’estre 
noyez, 53; en grant peril de noyer, Vie S. Frang. (ed. Galitzin, Paris, 
1865) 169; fous ceulx de la nef cuydoient perir el noyer; ebd. 170; 
dafs übrigens nach envoyer, laisser und gewils auch nach /azre refl. 
se noyer im Neufranz. sein refl. Fürwort einbülst, zeigt J’as enzoyf 
noyer l’aulre, Revue hebdom. ıı mars 1893, 259; Zas de läches, 
vous l’avez laisse noyer, Montegut, Fraude 190.2 

Die Zahl der Fundstätten ist zu gering, um ein sicheres Urteil 
zu gestatten; doch scheint mir als habe die Sprache, aus ihr selbst 
oder von anderer Seite her stammenden Antrieben gehorchend, 
sich auch hier zur Einführung des refl. Fürwortes entschlossen. Bei 
Lücking! $ 378, Anm. 3 liest man übrigens die in der dritten Auf- 
lage $ 2ıg nicht mehr zu findende Anweisung, dals man zu sagen 
habe Ze 707 Auguste les envoya hiverner et se recruler en Saxe, die 
sich vielleicht durch die Betrachtung rechtfertigen lälst, dafs da, 
wo durch den sonstigen Bau des Satzes der innige Zusammenhang 


1 Dazu hier einige Bemerkungen. Dafs an envoyer, laisser, aller, oser, 
voir, aßercevolr, wie Plattner, Erg. II,2, 173 ausführt, aber auch nach venir, 
mener, emmener schlichtes Zromener (ohne se) sich anschliefst, ist bekannt, 
so dals wenige Belege genügen: Zu envoies dromener le Code, Edm. de Gon- 
court, Renee Mauperin 36; Drulette s’en alla promener, G. Sand, Malıres 
Sonneurs 248 (schon Heptameron 412); venir Promener und aller fr. scheint 
Vaugelas I, 76 zu billigen, während Th. Corneille und die Akademie nicht 
einverstanden sind; Zile m’emmena promener, A. France, Pierre Nozieres 37, 
aber e la menais tous les jours se promener, Revue contemp. III, 19; 7e 
lairray mon meurtrier se Promener, Montaigne, Essais I XXIII (so etwa 
wegen der Trennung wie auch ın Nous irons sur l’eau nous y Promener, 
Hemon, Maria Chapdelaine 130 neben m’en allant Promener, eb. 130?), vgl. 
sehr seltenes (1!) /e maine asseoir (15. Jahrh.), Jean de Paris 100. Das einfache 
promener findet sich übrigens aktivisch gebraucht: Un temps comme ıl faut 
pour promener les jolies filles, Canivet, La ferme des Gohel 36 und so schon 
im 14. Jahrhundert Our moines et promoines Joseph comme une berbis, Lothr. 
Ps. 83,79. An die Stelle von se Dromener tritt heutzutage bisweilen intransitives 
promener, also ohne refl. Fürwort: F’ai assez promend (Lannes) bei Plattner, 
Erg. I1, 2, 173; Ze dense qu’il promene dans le parc, Audr& Gide, Isabelle 138, 
also wie ital. Zromeneremo insieme, Alberto Nota, Comm. scelte, Parigi 
1829, 390. 

% Das Italienische kennt Gefüge wie Zascia divertire i raggaszzi, Deledda, 
Elia Portolu 53; Madalena mia cosa faP Si diverte? Si lasciamola divertire, 
eb. 162, also wie Z/s s’en allerent esbatre, Chron, I. Wavrin (15. Jahrh.) II, 238. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 387 


von /aire etc. + refl. Infinitiv mehr oder weniger fühlbar gelöst 
war, für die Sprache keine rechte Nötigung mehr bestehen mochte, 
dem von übergeordnetem /aire ausgehenden Machtgebot zu ge- 
horchen. Als Fälle solches mangelnden Einflusses des faktitiven 
Zeitwortes könnten angesehen werden Fügungen wie Zous leurs (so) 
divrent souvent ententes, Qui leur font les oeuvres laisser Ei eulx 
flechir et abaisser usw. R. Rose ed. Amsterdam 1735, 18713; Celui-ld, 
rien quen parlant, aurait pu faire lever et sS’agenouiller des religieux 
dans une chapello, M. Talmeyr, Rev. hebdom. 36, 631; Cette sensalion 
mysi£riuse ... nous fil Iressaillir el nous retourner d’une secousse, 
Maupassant, Colporteur 119; Une apparılıon subite la fit Iressaillir 
ei se dresser d’un Elan, Montegut, Dans la paix 78; Une äpre odeur 
de sueur, qui faisait fremir et se cabrer les chevaux, Merejkowski, 
Mort des dieux 449, denn die hier reflexiven Infinitive treten sonst, 
unmittelbar an /aire angeschlossen, ohne refl. se auf; vgl. auch 
Rousseau, ed. Musset-Pathay III, 448. 

Wie dem nun auch sei, Johansson hätte sich unter allen Um- 
ständen auf die Anführung des aus La Bruyere entnommenen Satz- 
gefüges beschränken und Bedenken tragen sollen, sich daneben auf 
eine Stelle aus Guy de Maupassant zu berufen, die ganz gewils 
nicht in diesen Zusammenhang gehört, vielmehr einer durchaus ab- 
weichenden Deutung zu unterziehen ist. Die Stelle lautet bei 
Johansson: Zis des font parler ou se taire; ich vermute, dafs diese 
Worte die etwas zu knappe Wiedergabe eines Passus sind, den ich 
mir aus Maupassant, Notre Coeur 7 notiert habe; es heilst daselbst 
Les appartements sympalhiques ou anlipathiques ... Eveillent ou engour- 
dissent le coeur, dchauffent ow glacent l’esprit, font parler ou se taire. 
Keinesfalls ist hier das refl. Fürwort nur deshalb dem Infinitiv /arre 
zugesellt worden, weil zwischen ihn und dem ihn beherrschenden 
font sich parler eingedrängt hat, vielmehr hätte Maupassant auch 
dann, wenn etwa der Infinitif Jarler überhaupt nicht vorhanden 
oder erst an zweiter Stelle genannt worden wäre, das refl. Fürwort 
vor Zaire sicherlich nicht unterdrückt, also geschrieben: zis font se 
laire ou parler. Wir befinden uns hier angesichts einer syntaktischen 
Bewegung, die, wie schon angedeutet, den Grammatikern bisher 
entgangen zu sein scheint, und deren für das rechte Verständnis 
dessen, was der Autor sagen will, äufserst bedeutsames Eintreten 
in seinem eigentlichen Wesen auch von Johansson nicht erfalst 
worden ist. Denn Maupassant will mit den angeführten Worten 
nicht sagen, dafs die von ihm gemeinten Umstände derartig wirksam 
seien, dals sie einen oder mehrere Redende zum Schweigen bringen, 
wie es in Quelques accords de Massival ks (d.i. die redenden Zu- 
hörer) firent taire, Notre Coeur 146 der Fall ist; faire se taire besagt 
hier vielmehr, dafs der Mensch unter dem tiefen Eindruck des 
Geschauten entweder zum Reden oder aber zur Beobachtung von viel- 
leicht beredtem Schweigen bewogen wird. Der Fälle, in denen so der 
Typus faire se faire durch seine Bedeutung von /aire faire geschieden 
ist, begegnen innerhalb des Zeitraums ihres Auftretens, d.h. etwa 


25%# 


388 ALFRED RISOP, 


der letzten 150 Jahre,! ziemlich selten, doch wird die nun folgende 
kleine Sammlung genügen, um darzutun, dafs die einzelnen Belege 
nur in dem von mir angedeuteten Sinne begriffen werden können. 

Der Dichter hat die Nachtigall erdrosselt, so dafs sie nun ewig 
beim Schweigen bleiben muls: Ausque j’ai fait se tatre ton chant, 
je le donne mon art d grouper en d’incomparables rhythmes les sons 
du verbe sacr£, Catulle Mendes, Messe rose 264, d.h. die Nachtigall 
ist nicht in einem einzelnen Falle zum Verstummen gebracht worden, 
sondern, für immer ihrer Stimme beraubt, mu[s sie nun ewig beim 
Schweigen bleiben. „Zierte“, „dignile*, Oh les mots qui n’ont pas 
aime: Ils font se laire, ıls ne peuvent plus, Jeanne Schultz, Ce qu’elles 
peuvent ı89, diese Worte können nichts anderes bewirken, als dals 
wir Schweigen beobachten müssen. Ces innocents (nämlich zwei- 
jährige Zöglinge), que sont l’instabihitE et le brust perpöluels, on les 
fait s'immobiliser et se taire pendant des quarts d’heure, Leon Frapie, 
La maternelle 40, wo schon die Hinzufügung der Zeitdauer über 
die Bedeutung von se faire (sich ruhig verhalten) keinen Zweifel 
läfst. Z’ärange d’ölre habilles comme tout le monde, l’innaccoulum! 
de se trouver toutes ensemble dehors ... les faisaient se laire, sc serrer 
Zune contre Üaulre, Catulle Mendes, Maison de la Vieille 495, wo 
wieder der Eindruck, den äufsere Umstände auf die Betreffenden 
ausüben, ihr dauerndes Schweigen veranlalst, während mit /asre faire, 
wie immer, gesagt worden wäre, dals sie vom Reden zum Schweigen 
übergegangen wären. Z/ oubliant la gloriole bourgeoise, qui d’habilude 
la faisaıt se laire ou m£me mentir, elle exposa leur gene, l’affreuse 
plaie d’argent, Zola, Paris 175, d.h. gewöhnlich redete sie von ihrer 
Armut nicht. 

Man sieht, dafs an den beigebrachten Stellen das refl. Fürwort 
se sich immer dann zwischen faire und /aire einstellt, wenn nicht 
betont werden soll, dafs jemand in einem einzelnen gerade gegebenen 
Falle in seiner Rede unterbrochen und veranlalst wird, zum Schweigen 
überzugehen, sondern vielmehr dann, wenn als Folge eines auf die 
seelische Verfassung des Objektes wirkenden fremden Eingreifens 
und unter dem Druck neugeschaffener Stimmungen sich ein mehr 
oder weniger dauerhafter Gemütszustand ergibt (durativer Wert), 
der sich nicht anders als dadurch nach aufsen hin kundgeben kann, 
als dafs die Träger solcher Zustände keine klingenden Worte für 
ihre Empfindungen finden, während durch /aire laire nur die 
sinnlich wahrnehmbare Bewegung vom Lauten zum Stillen angedeutet 
wird (motorischer Wert). 

Da nun, wie leicht ersichtlich ist, das Auftauchen von aıre 
se laire nur innerhalb eines beschränkten Kreises von Autoren und 
kaum über eine uns noch ziemlich nahe untere Zeitgrenze hinab- 
reichen dürfte, so darf man mit gutem Fug fragen, ob denn nicht 


1 Vgl. Tous les rois de la terre, ligues ensemble, n’ont pas le powvorr 
de forcer un homme honnöte d trahir sa conscience, d la faire parler ou se 
faire d leur gr, Les quatre fils d’Aymon, Liege 1787, 234. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 389 


heute und in der Vergangenheit der Typus faire faire, also ohne 
Eintreten des refl. Fürwortes, auch in solchen doch gewils nicht 
fehlenden Zusammenhängen verwendet werden kann, in denen wir 
soeben /asre se laire angetroffen haben. Diese Frage zu verneinen, 
liegt nach Lage der Dinge kein Anlafs vor, und die folgende Reihe 
von Literaturstellen älterer und neuer Zeit wird die Möglichkeit 
dieser Annahme hinterdrein vollauf bekräftigen. Ein Liebhaber 
beschliefst, der Geliebten seine Gefühle vorläufig noch zu verbergen: 
da paour quil avoit de perdre son amıtie, si elle entendoit tela propos, 
le feit taire et se amuser ailleurs, Marg. d’Angouläme, Heptameron 
ed. P.L. Jacob 212 (16. Jh). Der 1552 geborene Agrippa d’Aubigne 
will den wider ihn erhobenen Anklagen gegenüber nicht länger 
schweigen: Certes je n’ar pas deliber& de les faire taıre (die Tatsachen 
sollen nicht länger stumm bleiben), M&moires (ed. Lalanne) 398. 
Malherbe läfst einen unglücklich Liebenden sagen: Certes, o& !’on 
peut m’Coouter J’ai des respects qui me font laire; Mais en un reduit 
soltaire Quels regreis ne fais-je &clater (aus dem Gedächtnis zitiert). 
Behufs Übernahme einer diskreten Beschäftigung wird ein junger 
Mann gesucht, von dem vor allem Verschwiegenheit erwartet wird; 
auf Intelligenz und weltmännisches Wesen komme es weniger an: 
Sottise el peur conliendront ce pilaud, Au pis aller Üargent le fera taire 
(d.h. wenn er Miene macht zu plaudern), Lafontaine, Contes ed. 
Paris 1864, UI, 255; Zes dieux qui m’inspiroient et que j’ai mal suivis, 
Mont fait taire trois fois par de secrets avis, Racine, Mithr. IV, 2; und 
so noch in unserer Zeit: Zn ces professions le danger mortel des exercices 
fait taire les jalousies ordinaires du monde des autres Iheätres, Edm. 
de Goncourt, Freres Zemganno 198; Zn mere prevoyante, avisee, 
sachani au besoin faire laire ses ölans de sensiblerie, Gustave Toudouze, 
Miroir tragique 71: Faire taire Madame Monpalou? Avez-vous barre 
sur elle?> La peur seule la ferait laire als Antwort auf die Worte 
eines anderen: Je ne /ui demanderai quune chose: se laire (reinen 
Mund halten), Jean Lorrain, Mad. Monpalou 152; Z/ soußgonne Tullia; 
celle-ci Pa pressenti et pour le faire taıre d jamais, elle a et lu avouer 
son crime au confessional, Brada, Amantes 258; sicherlich gehört 
auch hierher: Z’engourdissement de la mer jfaisait de nouveau laire 
fout le monde, Maupassant, Une vie 48 und nicht minder sicher: 
J'avais des remords d’avoir fait taire en sa prösence la haine que 
javais pour el, Eugene le Roy, Jacquou le Croquant 394. Bei 
einigen der angezogenen Belegstellen liegt die Sache so, dafs zwar 
ein innerer Trieb zum Reden wirksam ist, also eine gewisse 
Gedankenbildung im Bewulstsein bereits stattfindet, die, so kräftig 
sie nach akustisch wahrnehmbarem Ausdruck verlangt und oft auch 
in dem äufseren Gebahren des Subjektes sichtbar werden mag, doch 
infolge des Vorhandenseins mächtiger Einwirkungen unterdrückt 
wird. Mit besonders plastischer Deutlichkeit tritt diese Abart in 
der Verwendung des Typus /asre faire zutage in neufranzösischen 
Fällen, in denen durch vorausgeschicktes voulor auf den Verlauf 
des Geschehens vorbereitet wird: Gontrans Bosons ... se rail vers 


390 | ALFRED RISOP, 


le Roi tout belement, aussi comme sıl vousist dire aucunc chose Priueement. 
Li Rois qui vers luy le vil venir, luy commanda que ıl se leust, Grans 
Chron. 1,255; Quand elle voulait parler, Tellmarch la faisait taire, 
V. Hugo, Quatre-vingt-treize 254; Z/ voulast questionner, sinformer, 
anzieux de ce qwil devait craindre, de ce qudle pouvait connaltre. 
Elle le fit taire, Ohnet, Roi de Paris 403; Zierre voulut poser cerlames 
questions, pwis un senliment singulier, un malaise de discrdhion et de 
peur le fit se taire, Zola, Paris 23 (wo die Einmischung von se nach 
dem schon oben Gesagten durchaus nicht auffallen kann); von 
älteren Fällen dieser letzteren Spezies von Verwendung der Formel 
faire laire fällt mir bei: Marsillere lui voulut aider; mais le maistre 
le fit taire, M&m. d’Agrippa d’Aubigne 238 (16./17. Jahrh.). 

Dem Altfranzösischen scheint die soeben begründete Variation 
der Bedeutung der Gruppe /aire faire noch nicht geläufig gewesen 
zu sein; die wenigen Fälle, die mir in alter Zeit vorgekommen 
sind, zeigen sämtlich den neufranzösischem Jaire laire für ge- 
wöhnlich anhaftenden Sinn: einen Redenden zum Schweigen ver- 
anlassen: Zscoufe moi, fai ta gent laire, Meraugis 1283; Atant le 
faisoit on laire, Chron. de Rains (ed. Louis Paris, Paris 1837 — Reecits 
d’un Menestrel de Rheims ed. Natalis de Wailly); Zz peuples en 
/urent si lid que chaseuns en fist grant joie. Il les fist taire, Joinville 
8 477; Li amiralz les fait taısir, Fl. Blanch. (du M£ril) 2433 und 
aus dem 15. Jahrh. Pour faire taire les gens qui parloient Irop hault, 
Jean Aubrion 419 (a. 1499). Auch hier gelingt es übrigens nicht, 
festzustelien, ob in der Einheit /azre /aire schlichtes /aire oder um 
sein reflexives Fürwort verkürztes so faire enthalten ist, da die 
Formen des Verbum finitum der alten Sprache von beiden Typen 
geläufig sind (s. oben S. 384, Anm. 3). 

Im Gegensatz zum Altfranzösischen reicht die entsprechende 
italienische Fügung in der Bedeutung „stumm bleiben“ in die 
Frühzeit zurück. Gelegentlich der Begegnung mit dem Dichter Statius 
hat Virgil dem durch die Worte des Römers tiefbewegten Dante ein 
laci (sage nichts, bändige deine offenkundige Neigung zum Reden),! 
während Dante andererseits zum Reden aufgefordert wird. Dieses 
Dilemma wird von diesem mit den Worten gekennzeichnet: Or son 
io d’una parte e d’altra preso: Luna mi fa tacer, laltra scongtiura 
Ch’i’ dica, Purgatorio 21, 115. 

Um nun auch bei der Erörterung dieser Materie nicht hinter 
den heifsen Bemühungen und dem Idealismus des edlen Florentiner 
giovane Rinieri zurückzustehen, von dem Boccaccio im Decamerone 
giorn. VIII nov. VII zu berichten weils, dafs er lange in Paris studiert 
hätte non Der vender poi la sua scienza a minulo, come molti fanno,? 
ma per sapere la ragion delle cose, e la cagion d’esse, schien es mir 


I Den gleichen Sinn wird man wohl dem von Virgil dem Plutos zu- 
gerufenen facı zuerkennen müssen, Inferno 7, 8 (s. dazu meine Ausführungen 
Arch. f. n. Spr. 144, 75—76). 

ı Also wie das y&Evog uasnuatonwiıx0Yy bei Plato, Soph. 224 e. 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS, 391 


geboten, die in Sachen des Typus /aire se faire sorgsam eingeheimsten 
positiven Tatsachen auf ihr eigentliches Wesen hin zu prüfen und 
zu versuchen, den Weg zurückzufinden, auf dem die Sprache zu 
dieser eigenartigen Neuerung gelangt sein könnte, oder gar die 
psychische Wurzel aufzudecken — falls eine solche vorhanden ist —, 
aus der sie hervorgewachsen sein mag. | 

Es ist zunächst nicht recht verständlich, wie sich die Vertreter 
der Gruppe /aire se taire dazu herbeilassen konnten, mit dieser 
bislang unerhörten Abspaltung von althergebrachtem /uire faire den 
angedeuteten Sinn zu verbinden, denn cs mufste ihnen doch aus 
der sonstigen Übung ihres heimischen Idioms geläufig sein, dafs se 
faire, also mit dem refl. Fürwort, aufserhalb seiner Verknüpfung mit 
faire, insonderheit als Verbum finitum, in den beiden festgestellten 
Bedeutungen dem jeweiligen Zusammenhange entsprechend auftreten 
kann, nämlich a) da, wo ein schon bestehendes Schweigen 
auch nach einer möglichen, aber erfolglos bleibenden Störung des- 
selben auch weiterhin beobachtet wird: Zile (Rome) se tail du 
moins, miles son silence, Racine, Brit. II, 8; Wilodarski fronga les 
sourcils, mais se tut (entschlols sich zum Schweigen), Rev. bleue 
1905, 630; Gülette voulaıt röpondre, mais elle se tut, Leon de Tinseau, 
Maitre Gratien 258; Le pere qui a parl& devant des inconnus ne peut 
plus se laire avec moi, )J. de Glouvet, Le pere 149; Maitre Gohel 
nignore rien de tout cela, mais ıl a la force de seen laire, Canivet, 
Ferme des Gohel 143; J’ai raison, de me taire ei je me laırai, 
Lermina, Hist. incroyables 122; /Z fallait se taire jusqu’d ce quıl 
se füt Eloigne, E. Daudet, L’expiatrice 184; und aus älterer Zeit 
Pluseurs ne le dirent point qui bien le savoient, mais pour leur honnceur 
ılz s’en turent, C Nouv. Nouv. nov. XLVI, und zu demselben beredten 
Schweigen entschlielst sich Nediu: (z) se feust et pensa comment 
il le pourroit guerredonner (heimzahlen) a son maistre, Disc. clerc. 
1, 129; @ner taire sei est moul granl sens De si que de parler seit 
iens, ebd. II, 28.1 Tritt an die Stelle des Praeteritums das Im- 
perfektum, so ist von einem Entschluls zum Schweigen weniger 
nachdrücklich die Rede: in Ze marin se laisail, non guWil fül em- 
barrasse de röpondre, mais ..., Leon de Tinseau, Maitre Gratien 13; 
Pierre trls &mu ... se taisait prds delui, Zola, Paris 448 (safs schweigend 
neben ihm); Z/ comme il se taısait et ne faisait Pas un mouvement, elle 
l’appela d’une voix suppliante, Anatole France, L’ile des pingouins ı 12, 
wo das dauernd Zuständliche in dem Gebahren der beiden Männer 
die Wahl des Tempus bestimmt hat. — Wäre die Verwendung 
von se Zaire, also mit dem refl. Fürwort, auf den sich in der Gesamt- 
heit der beigebrachten Belege kundgebenden Ideenbereich beschränkt, 
so bedürfte der Typus /aire se faire keiner besonderen Erklärung. 
Nun können aber die Formen des zu /aire faire gehörigen Verbum 
finitum einschliefslich des ohne /aire auftretenden Infinitivs in dem 
hier allein in Frage kommenden Neufranzösischen ebensowenig 
wie die zu /aire se faire gehörigen des refl. Fürwortes entraten; 
es hat also ausnahmslos zu heilsen: 


392 ALFRED RISOP, 


b) Joakanann linvectiva pour sa royautd ... Antipas le langa 
dans la fosse en lul commandant de se taire, Flaubert, Trois contes 
(Paris, Nelson) 239; Rien ne peut decider Antonina (die um Hilfe 
ruft) @ se Zaire, Leroux-Cesbron, L’etrangdre 319; altfranz. Quant 
li sages eut ce dit, ıl se teut, Disc. cler. ], ı 59, wo, wie so oft im 
Neufranz. nur gesagt werden soll, dafs eine Bewegung vom 
Reden zum Schweigen stattgefunden habe. 

Aus der Übereinstimmung der beiden Typen in der syntaktischen 
Behandlung ihres Verbum finitum ergibt sich als zwingende Kon- 
sequenz die theoretische Möglichkeit, dafs auch /aire Zaire (zum 
Schweigen bringen) bei Festhaltung derselben Bedeutung ein */aire 
se faire entwickeln konnte, so dals der Idee „veranlassen, dals ein 
Subjekt beim Schweigen verharre“ die Befugnis abgesprochen werden 
müfste, für sich allein die Erlaubnis in Anspruch zu nehmen, sich, 
wie es ja hie und da wirklich geschehen ist, in die neugeschaffene 
Hülle /aire se faire zu kleiden. Nun ist oben gezeigt worden, dafs 
auch /aire /aire in älterer und neuer Zeit neben seiner motorischen 
Verwendnng auch in der neuerdings von /aire se laire übernommenen 
durativen Bedeutung akustischer Ruhelage auftritt, und es liefse 
sich denken, dafs die angeführten Autoren neben begrifflich so 
geartetem /aire faire ein neues faire se faire desselben geistigen 
Inhaltes aufkommen liefsen mit der Rechtfertigung, dals mit solchem 
traditionslosen Vorgehen nichts Seltsameres geschaffen wurde, als 
was schon bei anderen an /aire gebundenen refl. Zeitwörtern zur 
landläufigen Tatsache geworden war; die oben S. 387 ver- 
merkten Belege von /aire se faire und gleichbedeutendem Jaire 
faire würden sich also zueinander verhalten wie die parallelen 
Fügungen De quelle oreille es-Iu sourd? ... dif-elle au moulard, 
en le secouant pour le faire se lever, A. Daudet, Jack II, 345 neben 
Le jeune homme ... la fit lever et Ü’emmena avec lu, M. Jogand, 
L’enfant de la folle 3; :ı/ Ja hit se coucher, G. d’Hailly, Le prix d’un 
sourire 65 neben Claire ... ke fit coucher, A. Daudet, Fromont 318; 
Nous essayons ... de les faire sasseoir, Loti, Mon frere Yves 264 
neben z/ me fist asseoir, Joinville 8 634; ı la fit asseoir, Leroux- 
Cesbron, L’Etrangere 110; Un engagement tacile ... qui aurait pu 
faire se cabrer mes instincts, G. de Peyrebrune, Sentimentale 138 
neben Vous le ferez cabrer bei Mätzner, Gram. 195 (ohne Angabe 
der Quelle). 

Wenn, was sich freilich nicht beweisen läfst, die Erinnerung 
an dieses wechselnde Nebeneinander der beiden Ausdrucksformen 
wirklich bei der Neuschöpfung von faire se laire malsgebend 
gewesen wäre, so darf doch nicht unbeachtet bleiben, dafs die von 
den genannten Autoren gewils nicht vorgenommene logische Analyse 
zu der Einsicht hätte führen müssen, dafs der mit solcher Mafs- 
regel beabsichtigte Zweck nicht voll und ganz erreicht werden 
kann, da doch auch j/aire faire mit der Bedeutung „einen 
Redenden zum Schweigen veranlassen* nach den oben erörterten 
Analogien sehr wohl neues faire se taıre ebenfalls mit motorischem 


ZUR SYNTAX DES RELATIVPRONOMENS. 393 


Sinne neben sich hätte zulassen können. Bei solchem Mangel an 
Bewulstsein für die Doppelnatur des wirklich vorhandenen Typus 
faire se taire würde dieser in die Kategorie echter, organisch 
gewachsener linguistischer Evolutionen, die ohne Bedacht auf 
logische oder ästhetische Bedenken ihres Weges gehen, einzureihen 
sein. Wie dem auch sei, ich kann mich des Gefühles nicht er- 
wehren, als hätte ein dynamisch nicht sicher zu bemessendes, in 
jenen Autoren selbst lebendig gewordenes oder vielleicht von Lehr- 
meinungen Anderer her herangewehtes doktrinäres Wollen bei der 
Gestaltung der Neuerung mitgewirkt, um so zu dem von altersher 
nun einmal mit der Bedeutung „einen Redenden zum Schweigen 
veranlassen“ fest in der Sprache der Gesamtheit des Volkes ver- 
ankerten Typus /aire faire ein möglichst sinnfälliges Zwittergebilde 
(faire se taire) ins Leben zu rufen, das dem Verlangen nach voller 
Klarheit und Sauberkeit der Gedankenformung entsprechen sollte, 
Der Umstand, dafs den Gläubigen dabei die Brüchigkeit der erstrebten 
Eindeutigkeit des Ausdrucks nicht zum Bewulstsein gekommen ist, 
sichert ihnen vor dem Forum einer schärfer hinsehenden linguistischen 
Kritik eine mildere Beurteilung. Auf dem Boden der schlecht und 
recht veranlagten Psyche des gemeinen Mannes wird derartig Neues 
kaum aufzukeimen vermögen, und wenn ich dennoch sogar in dem 
auf Jersey erklingenden neunormannischen Dialekt finde / ma #8 
impossible d’powve l’faire se taire bei A. Mourant, Rimes et Poe&sies 
jersiaires, Jersey 1865, ı3, sc darf man nicht vergessen, dafs die 
hier gesammelten Gedichte verschiedener Autoren in jedem Fall 
aus gebildeter Feder geflossen sind. 


ALFRED Riısoe. 


Baskisohe Beliktwörter im Pyrenäengebiet. 


Die Frage, wie weit baskische Wörter sich auf den Gebieten 
erhalten haben, die heute von romanischen Sprachen beherrscht 
sind, ist von prinzipieller Wichtigkeit für die endgültige Erschliefsung 
der ehemalig baskischen Sprachdomäne. Entsprechend der Zähig- 
keit, mit der die iberischen Stämme des westlichen Pyrenäengebietes 
sich gegen die römische Infiltration gewehrt haben, ist der Rück- 
zug des Baskischen stets ein schrittweiser gewesen. In einem aus- 
blickreichen Aufsatz hat erst kürzlich Men&ndez Pidal den Nachweis 
geführt, dafs im Altertum die römische Kolonisation im Pyrenäen- 
Vorland westwärts nicht über Osca hinausgegriffen hat.1 Während 
das Ebrotal mit seinen grofsen Durchgangsstralsen verhältnismälsig 
rasch Roms Sprache übernommen hat, blieb im ganzen Alto-Aragon 
von der Noguera Pallaresa bis zum Rio Aragon zunächst die bas- 
kische Sprache erhalten. Erst viele Jahrhunderte später hat der 
kulturelle, insbesondere geistliche Einflufs, der von Huesca und 
Zaragoza ausströmte, das Gebiet baskischer Sprache bis etwa auf 
die heutigen Grenzen (Valle del Roncal) zurückgedämmt. Erhalten 
blieb der ursprünglich baskische Charakter dieses Landstriches nur 
in der Toponomastik, die auch von der romanisierten Generation 
nicht angetastet wurde. Daher die vielen Ortsnamen auf -wes 
(< bask. -02) wie die Zusammensetzungen mit d&rrri ‘neu’ und 
gorri ‘rot’, die der ganzen Landschaft noch heute ein völlig un- 
romanisches Gepräge geben. Ähnliches läfst sich für das Gebiet 
nördlich der Pyrenäen feststellen. Auch dort reichen die Ortsnamen 
baskischer Bildung und Zusammensetzung weit über das heutige 
Gebiet baskischer Zunge hinaus.?2 In einer grofszügig angelegten, 
im einzelnen aber nicht immer kritischen Untersuchung hat H. Urtel? 
an der Hand des vom französischen Sprachatlas gebotenen Materials 
und auf Grund der heutigen Ortsnamen die ursprünglichen Grenzen 
des lberertums zu erschliefsen versucht und dabei noch starke 
iberische Trümmer im Cantal und in der Dordogne nachgewiesen. 
Leider arbeitet dieser Versuch mit lautlichen Anklängen, die 


1 Vgl. Revista de Filo]. espafola V (1918), 227—255 und jetzt auch 
Origenes del espafol, Madrid 1926, 485 ff. 

% Vgl. Rohlfs, Baskische Kultur im Spiegel des lateinischen Lebnwortes 
(Festschrift für Voretzsch) p. 64f. 

® Zum Iberischen in Südfrankreich, Sitzungsberichte der Preuss. Akad. d. 
Wissenschaften 37 (1917), 530 ff. 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 395 


sich bei näherer Prüfung als trügerisch erweisen, und so ist es 
H. Schuchhardt und J. Jud nicht schwer gefallen, an der Urtelschen 
Liste von Vergleichsfällen nicht unwesentliche Abstriche vor- 
zunehmen.1 Anderes aber bleibt. Auffällig ist dabei die weite 
Verbreitung, die sich für einige dieser iberischen Relikte ergibt 
wie der Stamm esguer ‘links’ (Lot, Cantal), garrık ‘Eiche’ (Tarn, 
Aude, Aveyron, Lot), ander ‘roter Mohn’ (Lot) etc. 

Da eine endgültige Stellungnahme zu der wichtigen Frage im 
Augenblick noch verfrüht ist, soll hier zunächst weiteres Konkordanz- 
material zusammengestellt werden.?2 Landschaftlich berücksichtigt 
werden hier in erster Linie Bearn und Nordaragön, d.h. die beiden 
Gebiete, aus denen das Baskische am spätetesten zurückgewichen 
ist. Was den Verkehrswert dieser baskischen Reliktwörter betrifft, 
so mufls man unterscheiden zwischen solchen, die nur lokale Be- 
deutung haben und auf isolierte Orte beschränkt sind, und anderen, 
die zu festen Bestandteilen der Regionalsprache geworden sind. 
Lehrreich in dieser Hinsicht ist das Verhalten der Orte an der 
Sprachgrenze, die erst unlängst der Romanisierung anheim gefallen 
sind. Hier bleiben, wie z.B. in Arette (bei Aramits)3 bei der 
Abkehr vom Baskischen vereinzelte baskische Ausdrücke im Gebrauch, 
bis in einer späteren Generation auch diese durch stärkere An- 
gleichung an die Regionalsprache aufgegeben werden. Wirkliche 
Aussicht auf längere Lebensdauer haben nur die Ausdrücke, die 
schon bei der Übernahme der kulturkräftigeren Sprache, also in 
der Periode der Doppelsprachigkeit ihren Platz behaupten und die 
Aufnahme des Fremdwortes verhindern. Je weiter der Umkreis 
ist, auf dem ein solches Reliktwort in Geltung bleibt, um so grölser 
sind die Aussichten für seine endgültige Erhaltung.* 


ı. Bearn. (Aramits, Agnos, Osse, Lescun) agpr ‘Herbst’, 
(Gavarnie, Arrens, Bar&ge) abfr ‘Herbst’, nordostarag. (Bielsa, Plan, 
Gistain, S. Juan, Benasque) agwerro ‘Herbst’. Zugrunde liegt, wie 
schon Saroihandy erkannt hat (R. B. VII, 417), bask. agor ‘trocken’, 
‘dürr’, (bizk., guip.) agor ‘September’, agorril ‘August’. Vgl. auch 
Schuchhardt, ZRPh. 30, 212. 


2. Bearn. (Campan) amiür, (Lannemezan) amürru ‘etourdi’, 
‘distrait’, (Aramits) amürru ‘nigaud’, *simple’, (Agnos, Osse, Lescun, 


i H.Schuchardt, Literaturblatt f. germ. u. rom. Phil. 39 (1918), 40; J. Jud, 
Arch. Roman. II, 237 ff. 

9 Bemerkenswert ist, dafs selbst da, wo heute das Material romanisch 
ist, oft noch der baskische Gedanke durchschimmert. So wird in bearnesischen 
Mundarten genau wie im Baskischen die Quelle als ‘Auge’ aufgefalst: Arrens 
(Hautes-Pyr&n&es) wey de la hun (‘ojo de la fuente’), bask. urdeghi (‘ojo de 
Y’agua’) ‘Quelle. In Arrens wird der Begriff ‘gousse d’ail’ wiedergegeben 
mit Zfrna, was genau bask. zisterra (eigentlich ‘cuisse’) entspricht. 

® Vgl. hier z.B. dni-huro ‘lA-haut’ aus bask. kan ‘dort’ und gora ‘hoch’. 

* Die im folgenden ohne Quellenangabe mitgeteilten Formen stammen 
aus eigenen Aufnahmen im Gelände (Frübjahr 1926 u. 1927). 


396 GERHARD ROBLES, 


Gedre, Gavarnie) amürro ‘(Schaf) mit Drehkrankheit’. Urtel (a. a. 0. 
532) bespricht das am Atlaspunkt 692 (Bass. Pyr.) bezeugte bear. 
ke suy amurro ‘j'ai !’onglee’ und verbindet es richtig mit bask. amdrru, 
amürru ‘Wut’, ronk. amurri ‘“Drehkrankheit”. Mit verändertem 
Tonvokal begegnet das Wort in Ari&ge (Foix) Aamprri [< kap 
amgrri\, (Sorgeat) kammfrrye und in Nordostaragonien: (Bielsa, 
Berbegal, Plan, Benasque) amfrra, (Graus) mfrra ‘(Schaf) mit Dreh- 
krankheit’, 


3. Nordwestarag. (Ans6) anddrra ‘Käseüberbleibsel im Milch- 
kessel’, identisch mit bask, ondärra (— mit Artikel) ‘r&sidu’, ‘dernier’, 
‘fond’ (Azkue II, ıı 1). 


4. Limous. artigo, artijo ‘terre defrichee’, *“jardin’, arzigolo 
‘petite novale’ (Mistral I, 146), neuprov. arlıgau, arlic, querc. artıgal 
‘vallee’, ‘plaine entre deux cours d’eau’ (Mistral I, 146), bearn. 
(Lescun) artiko ‘urbar gemachtes Stück Land in schwieriger Berg- 
lage’, arag. (Ansö, Plan, Graus etc.) ar/iga, (Bielsa) artika ‘Stück 
Land, das zum erstenmal gepflügt worden ist’, (Benasque) ar/iga 
‘Stück Feld in den Bergen’, span. arfıga ‘gerodetes Feld’, artigar 
‘quemar la maleza de un terreno’. Schuchardt hat (ZRPh. 23, 187) 
den Versuch gemacht, diese Sippe mit dem sonst auf galloromanischem 
Gebiet weitverbreiteten *exsartare (>> franz. essarier) ‘roden’ zu 
verknüpfen, indem er eine Basis *exsarticare erschliefst, aus der 
sowohl artica ‘gerodetes Land’ als auch span. arfo “Dornstrauch’ 
rückgebildet worden wären. So sehr diese Erklärung begrifflich 
überzeugt, so ist sie doch von anderen Gesichtspunkten aus kaum 
annehmbar. Mit Recht bezeichnet daher auch Meyer-Lübke (REW. 
no. 3066) die Schuchhardtsche Deutung als ‘wenig wahrscheinlich’. 
In der Tat würde man, falls *exsarticare wirklich die in Frage 
kommende Grundlage bildet, erwarten dürfen, dafs das Verbum 
im Provenzalischen noch irgendwo als *esartigar, im Spanischen 
als *enjartigar fortlebt. Das ist weder hier noch dort der Fall! 
Dafs aber auf beiden Gebieten das ursprüngliche Verbum unter- 
gegangen und nur die Rückbildung fortleben soll, will nicht eben 
überzeugen, wie es auch höchst unwahrscheinlich ist, dafs von der 
gleichen (in der Luft schwebenden) Grundlage eine zwiefache 
Rückbildung (I. arlıga, 2. arto) eingetreten sein soll. 

Nach dem Verbreitungsgebiet zu urteilen, möchte man auf 
ein Wort gallischer oder iberischer Herkunft schliefsen und zwar 
dürfte, da das Wort anscheinend weder in Nordfrankreich noch 
im Rhönegebiet Spuren hinterlassen hat, das Iberische wohl den 
Vorzug verdienen.?2 Dagegen scheint eine Feststellung Schuchhardts 
zu sprechen, der ZRPh. 23, 187 sagt: „Zunächst ist zu bemerken, 


" Nachträglich finde ich in Arrens (Htes.Pyr.) esartigd ‘cultiver un 
terrain’. 

8 Iberischen Ursprung des Wortes vermutete bereits Bourciez, Bulletin 
hispanique III, 326, 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 397 


dafs das Wort weder in dieser noch in einer ähnlichen Gestalt als 
baskisches belegt ist.“ Nun bietet aber Azkue (I, 8ı) für Nieder- 
navarra artcaga ‘defrichement’, ‘defoncement de terres’, dessen 
Suflix (-aga) wenigstens echt baskisch ist.! Mag es sich im übrigen 
hier auch um ein Lehnwort aus dem romanischen Nachbargebiet 
handeln, das baskischen Sprachverhältnissen angepalst worden ist, 
so zeigt das Baskische doch eine Reihe anderer Ausdrücke, deren 
einheimischer Charakter kaum anzuzweifeln ist. Einmal ist hier zu 
nennen lab, arfeaga ‘bois de chä@nes verts’ (Lhande 63), arthegi 
‘montagne boisee qui peut &tre mise en exploitation’? (Azkue I, 82), 
arteko ‘petit ch@ne’ (ib.), soul. artegi ‘taillis’ (Lhande 63), anderer- 
seits arleka ‘fente £troite’, ‘fissure’ (Navarra, Soule), ‘espace entre 
deux choses en general’ (Hochnavarra), Azkue I, 82. Ersteres 
gehört zu bask. (Hochnavarra, Bizcaya, Guipuzcoa) arte, arta ‘Stein- 
eiche’, letzteres zu bask. (Niedernavarra, Soule) arie ‘Spalte’. Geht 
man von ersterem aus, so würde ariıca ursprünglich bedeutet haben 
„Land, das mit Steineichengebüsch bewachsen ist“, im anderen 
Falle „Land zwischen zwei Felswänden, Wasserläufen etc.“. Denkt 
man an die von Mistral gegebene Definition (‘plaine entre deux 
cours d’eau’), so möchte man sich vielleicht für das letztere ent- 
scheiden. Nun haben wir andererseits span. ar/o, das Tolhausen 
mit ‘Wolfsdorn’ übersetzt, das mir aber in Aragonien als Name 
des Schwarzdorns angegeben wurde, Letzteres wird man kaum 
ernstlich von bask. arte, arla ‘Steineiche’ (‘encina’) trennen wollen.? 
Die Schwierigkeiten der Bedeutungsdifferenzen fallen nicht allzu 
schwer ins Gewicht, da beide Bedeutungen sehr wohl von einer 
älteren Generalbezeichnung (‘niedriger, wilder, dorniger Busch’) 
ausgestrahlt sein können,* andererseits aber auch später der Name 
einer niedrigen, buschigen Eichenart sich auf gewisse Dornsträucher 
übertragen haben kann.5 Hat man sich nun für dieses oder jenes 
zu entscheiden, oder sollten in dem romanischen Wort die Be- 
deutung beider iberischer Stämme zusammengeflossen sein ? 


1 Das baskische Suffix -aga dient zur Bezeichnung einer Örtlichkeit: 
harriaga 'endroit pierreux’, elisaga “emplacement de l’Eglise’, alzaga ‘lieu 
plant€ d’aunes’, sarafsaga 'lieu abondant en saules’. 

2 Baskisch -eg7 ist Ortssuifix, vgl. ofaegi ‘pente couverte de gentts’, 
arregi ‘pente rocailleuse”. 

8 Vgl. auch Meyer-Lübke, REW, Nr. 690. 

4 In der Tat finden wir in grofser Verbreitung in Südfrankreich und auf 
der iberischen Halbinsel eine kleine, sebr niedrige, buschig auftretende Eichenart 
(im allgemeinen nur etwa S0— 80 cm hoch) mit immergrünen stachligen Blättern 
und stachlichem Eichelteller (Quercus coccifera, franz. chöne kermds, untere 
Rhöne agarüs und avaus, Clermont-d’HE£rault abd/se, Narbonne garuyo oder 
garilo, Ariege awsino, portg. carrasqueiro etc.), deren Eichel an Mehlgehalt 
und Nährwert die Früchte aller anderen Eichensorten übertreflen soll. Diese 
Zwergeiche gehört zu dem charakteristischsten Bestand der öden Berghalden 
und wuchert mit ungeheurer Leichtigkeit; von ihrer Ausrottung hängt in erster 
Linie die Urbarmachung eines Terrains ab. 

5 Dafs die beiden Begriffe auch sonst durcheinandergehen, sieht man aus 
span. chaparro ‘Steineiche’ und chaparral ‘Dormmgebüsch’. 


398 GERHARD ROBHLES, 


5. Ariege (Foix, Vicdessos, Siguer) diskor ‘Lunge der Tiere’; 
bearn. biscle ‘cöte d’un toit en biais’ (Lespy), bearn. (Bar&ge) dis- 
kerro ‘poutre qui soutient le faite’; Ariege (Seix) de biskor, bearn. 
(Aramits, Agnos) de Diskfr ‘de travers’, ‘von einer Ecke quer zur 
andern’. Wohl zu bask. dzskar ‘Rücken’, ‘Gipfel’, ‘Dachfirst’, dzzkör 


’ 


 «hardi’, ‘agile’, ‘degourdi’, ‘vigoureux’. 


6. Span. cachorro “junger Hund, Fuchs etc’, arag. (Ansö, 
Hecho) Zadurro ‘junger Hund’. Schuchhardt (R.B. 1914, Separat- 
abzug p. ıı) sieht in dem Wort lat. catulus > *cattulus, das im 
Spanischen nach Meyer-Lübke (REW. 1771) als cacho ‘junger Hund’ 
erscheint und mit dem iberischen Suffiix -orro erweitert worden 
wäre. Nun gibt es aber im Spanischen ein cacho ‘junger Hund’ 
in Wirklichkeit gar nicht,1 sondern nach Tolhausen nur cacho 
‘Scherbe’, ‘Brocken’. ‘Schnitte’, dessen Zugehörigkeit zu cachar 
‘zerbrechen’ (< *quassiculare)? aufser Frage steht. Ausgangs- 
punkt ist vielmehr bask. /akur [mit Artikel /#akurra] ‘Hund’ 
(Azkue II, 307), $akur ‘kleiner Hund’ (ib. U, 242), kakur ‘grolser 
Hund’ (ib. I, 462), aus dem das spanische Wort durch Konsonanten- 
umstellung hervorgegangen ist.3 


7. Arag. (Anso, Bielsa) chdndra ‘faule Person’; chandro ‘flojo’, 
‘ desaseado’, ‘ocioso’, ‘vago’, chandra ‘ramera’ (Borao). Das Wort 
ist wohl zusammenzustellen mit bask. (bisc.) gangwl, gangur, andur 
‘nichtswürdig’, “erbärmlich’, andura ‘mou’, ‘sans energie’ (Lhande 43). 
Auch span. gandul ‘vagabundo’ gehört hierher, vgl. Schuchhardt, 
Beih. VO zur ZRPh. 17. 


8. Span. cerdo ‘Schwein’, das sich schwerlich trennen läfst von 
bask. (nav., guip., lab., soul.) cherri, (hochnav., guip., lab.) zerri 
‘Schwein’ (Azkue). Über das Verhältnis von span. -rd- zu bask. -rr- 
vgl. no. 15. Sainean (Les sources indig&nes de l’etymologie frangaise 
II, 73) glaubt, dafs cerdo, cerda ‘Schwein’ aus cerda ‘Schweinsborste’ 
entstanden ist. Das ist wirklich nicht sehr wahrscheinlich. 


9. Arag. (Anso) dinigrros, (Benasque) dindirgns, (Bielsa) dipns, 
(Berbegal) dicones, span. chicharrones, alav. chinchurcas, bearn. (Aramits, 
Lescun) Sinsüs, (Gavarnie) $isıs, im Lokalfranzösisch von Bayonne 
chichons ‘Speckgrieben’ (‘graisserons’), Dazu stimmt lautlich und 
begrifflich bask. /ingor (bizk.), Sinkor (ronc.), /Sintfär (bizk.), /Sın- 
Sorta (ib.), $S$kor (soul.), fingor (basnav.) ‘graisseron’ (Azkue s. v.)®, 


1 Schon Garcia de Diego (Rev.fil.esp. VI, 122) bezeichnet dieSchuchardtsche 
Erklärung als ‘etimologla incierta’. 

2 Vgl. masculus > macho,. 

8 Bask. fsakur ‘Hund’ wird auch von Schuchardt (R.B. 7. 310) als ein- 
heimisch betrachtet. 

* Vgl. auch hochnav. (Burguete) dindigor, guip. (Villabona) dancıgor, 
niedernav. (Itxassou) gancigor ‘ graisseron’. 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 399 


Zint3or (guip.) “cascote de piedra’, ‘moellon’ (Azkue II, 324). Wie 
weit das baskische Wort, das altbodenständig zu sein scheint, 1 
innerhalb des romanischen Territoriums fortlebt, ist schwer zu sagen, 
da bei der Bildung der Bezeichnung für den hier in Frage 
kommenden Begriff in hohem Mafse schallnachahmende Momente 
mitgespielt haben dürften (das pruzelnde Geräusch der ausbratenden 
Grieben), die wohl auch für die Entstehung von ital. ezeciola, siccioli 
‘Grieben’ verantwortlich zu machen sind. 


ı0. Bearn. (Campan, Aramits, Agnos, Gavarnie, Lescun) gahüs 
‘hibou’, (Tarn) kaus ‘hibou’ (Atl. ling. K. 694). Der zweite Teil 
des Wortes ist wohl identisch mit bask. (soul.) häöntz, lab., niedernav. 
hunts ‘hibou’ (Azkue Q, 363); im ersten Teil steckt bask. gau ‘Nacht’. 
Die Zusammensetzung findet sich auch auf baskischem Gebiet: bizk. 
gauonts ‘hibou’, gabonts ‘chat huant’ (Azkue Il, 312 und 335), gagon/z 
‘Ohreule’ (R.B. 3. 161). 


ıı. Bearn. (Aramits, Agnos) gaddrro ‘Stechginster’, gask. ga- 
varro, gabarro, ‘“ajonc’, ‘*gen&t Epineux’, gavarrd ‘lieu plein d’ajoncs’, 
Var gavdrri ‘variete d’olivier’ (Mistral II, 41), Landes gawarre, 
gabarre, garawige “ajonc Epineux’ (Millardet, Petit Atlas 133), altprov. 
gavarrier ‘Strauch’ (Levy IV, 90), santand. garava, garavıla, garavılo 
‘“hiniesta, argoma y retama indistintamente’ (Garcia-Lomas 20 und 
181), Ariege (Vicdessos, Auzat, Siguer) garrdbu f. ‘Hagebutte’, 
garraby& ‘Heckenrose’; Val d’Aran gardabe, Ariege (Seix, Sentein) 
garrab£ro ‘Heckenrose’; arag. (Graus) garrabira ‘Heckenıose’, west- 
gask., roussill., langued. garabe, garabye ‘Eglantier’ (Atl. ling.), (Graus, 
Benasque) garrabgn “Hagebutte’?2), bearn. (St. Lary) gauwardo ‘Hage- 
butte’, (Arrens) gabardero ‘wilde Rose’, (G&dre, Gavarnie) galabardo 
‘Hagebutte’, (Lescun) amagdrdo ‘Hagebutte’, arag. (Ans6) magarda 
‘Hagebutte’, arag. (Ansö) magardera ‘Heckenrose’”. Während Ochs 
(Die Bezeichnungen der wilden Rose im Galloromanischen, S. 17) 
die südfranzösischen Namen der Heckenrose auf carabus ‘Krabbe’ 
(> ‘Haken’) zurückführt, haben hinsichtlich gadarro ‘Ginster’ sowohl 
Bertoni (Arch. Rom. ll, 129) wie Luchaire (Les origines linguistiques 
de l’Aquitaine, p. 51) auf iberischen Ursprung geschlossen. Letzterer 
denkt an bask. zopar ‘Strauch’, das in sapar zu verbessern ist, vgl. 
niedernav. sapar ‘Gebüsch’, lab., niedernav. saphar ‘Hecke’ (Azkue). 
Sehr viel näher kommt den romanischen Formen niedernav. gapar 
(mit Artikel: gafarra) ‘ronce’, ‘plante rampante’ (Azkue II, 326), 
soul. khapar ‘ronce’, broussailles’ (Geze 294), in Tardets kaparra 
(mit Artikel) ‘ronce’. Die vielen lautlichen Variationen auf roma- 
nischem Gebiet sind wohl begründet in alten mundartlichen Diver- 


1 Bask. fsıinkor ‘graisseron’ gehört wohl zu bask. Zsinkha ‘Funke’, vgl. 
Gavel in R.B. 12. 413. 

2 Vgl. auch arag. (Bielsa) karrgn ‘Hagebutte’, (Bielsa, Plan) karronfra 
‘Heckenrose’. | 


400 GERHARD ROHLFS, 


genzen des Iberischen, die sich teilweise noch heute auf baskischem 
Boden nachweisen lassen, vgl. 


ronc. magarda ‘ronce’ (Azkue | bearn. amagdrdo, arag. magarda 
D, 3) ‘Hagebutte’. 


nav. Japharra ‘ronce’ (Fabre, | b£arn. galabardo ‘Hagebutte’.! 
Dict. frang.-b. 317. 


Grundbedeutung des iberischen Wortes dürfte ‘stachliger Strauch’ 
gewesen sein, was die dreifache Bedeutungsfiliation (1. Brombeer- 
strauch, 2. stachliger Ginster, 3. Heckenrose) zur Genüge erklärt. ? 


ı2. Bearn. (Lescun) gere# ‘Felsen’, Arrens garren ‘rocher ab- 
rupte’, garrinfro ‘chaine de rochers’, wohl identisch mit bask. 
gherinda ‘Felsen’ (Fabre 317), gerenda ‘Felsen’ (Azkue I, 340). 
Vgl. auch bearn. garrot, garroc (Meillon, Essai d’un glossaire des 
noms topographiques les plus usit&s dans la vall&e de Cauterets, 64), 
Bareges karrot ‘steiler Felsen’, die wohl Einflufs von quadrum 
und rocca zeigen. 


ı3. Bearn. (Bazet, Campan, Lannemezan etc.) härrı ‘Kröte’ 
wird von Schuchardt (ZRPh. XI, 496) mit bask. Aarrı ‘Stein’ zu- 
sammengebracht, ohne dafs eine nähere Erklärung für den auffälligen 
Bedeutungswechsel gegeben wird. Man könnte zunächst annehmen, 
dals eine still dasitzende, flach niedergekauerte Kröte den Vergleich 
mit einem flachen Stein hätte hervorrufen können. Ich mufs aber 
gestehen, dafs eine solche Erklärung aus der Formenähnlichkeit 
mich nicht recht befriedigt. Eher möchte man annehmen, dafs 
mythologische Vorstellungen hier bei der Namengebung mitgespielt 
haben. 

Ein weitverbreiteter Aberglauben schreibt nämlich dem Kröten- 
stein, der angeblich im Kopf der Kröte gefunden wird, besondere 
Heilkräfte zu. Grimm schreibt darüber: „Krötenstein, ein kost- 
barer Stein, der angeblich im Kopfe der Kröte oder auf ihr wuchs. 
Noch im jetzigen Aberglauben: im Kopfe der grofsen Kröte liegt 
der Krötenstein (ein kleines rundes Knöchelchen), den man aber 
nur erhält, wenn man die Kröte in einem Ameisenhaufen zerfressen 
läfst. Streicht man eine Wunde damit, so heilt sie sofort, und 
kommt Gift in seine Nähe, so schwitzt er“ (Wörterbuch V. 2423). 
Albertus Magnus identiflziert den Krötenstein mit dem Borax, Jer 
in der mittelalterlichen Alchemie eine grofse Rolle spielte: „borax 
lapis est, qui ita dicitur a bufone, quod in capite ipsum portat“ 


1 Der Wechsel von -rr- und -rd- kehrt wieder in dem Ortsnamen 
Gabarret (Landes) und dem Namen der entsprechenden Landschaft le Gabardan; 
vgl. auch Digorre und de Bigordan. 

? Über das Verhältnis der einzelnen baskischen Formen zueinander vgl. 
Gavel, R.B. 12.395. — Aus bask. sapharra erschliefst Gavel (ib. 159) eine 
ältere baskische Form *ssaparra, die wohl die Grundlage zu span. chaparro 
‘Steineiche’ abgegeben hat. 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 401 


(Grimm, a.a. O.).. Auch A. de Gubernatis (Tiere der indogerma- 
nischen Mythologie, Leipzig 1874, p. 634) handelt ausführlich über 
den Krötenstein: „Dieselbe alexipharmische Kraft wurde auch dem 
sogenannten Krötenstein beigelegt, welcher der Sage nach seine 
Farbe veränderte, wenn sein Träger vergiftet war. Man glaubte, 
dafs der Krötenstein aus dem Krötenkopf genommen werde, doch 
die Wissenschaft hat nachgewiesen, dafs das von den Quacksalbern 
als Bufonita (Krötenstein) verkaufte Amulett aus dem Zahn eines 
fossilen Fisches gemacht ist. Man glaubt ferner, dafs der Frosch 
gleich der Schlange im Frühling einen kostbaren Stein ausspeit, 
welcher der Schlangen- oder der Froschstein heifst. Nach einer 
Mitteilung des Grafen Geza Kuun werden in dem Testament eines 
Bürgers von Kaisa drei goldene Ringe erwähnt, deren einer einen 
‚Froschstein‘ enthält“. Bei den Wenden vertreibt man ein Gewächs 
dadurch, dafs man einen Krötenstein darauf drückt (Hovorka und 
Kronfeld, Vergleichende Volksmedizin, 1908, I, 264). Krötensteine, 
die das Gift anziehen und dabei schwitzen, kennt auch die Tiroler 
Volksüberlieferung (ib. 263). In Schwaben vertreibt man die Mutter- 
milch durch das Tragen eines Krottensteins auf dem blofsen 
Rücken (Fischer, Schwäb. Wörterbuch IV. 787). Im Elsafs wird der 
Krottenstein als Schmuck und Zaubermittel gebraucht (Schmidt, 
Historisches Wörterbuch der elsässischen Mundarten 208). In 
Frankreich trägt man den Krötenstein (crapaudine) als Amulett in 
Ringen etc., vgl. Littre und Godefroy s. v. crapaudıne. 


14. Arag. :bön Bezeichnung der nordaragonischen Gebirgsseen 
(Larousse), be&arn. » (im Talgebiet des Gave de Pau), Cauterets oz, 
eoü ‘ac’, ‘Etang’ (Meillon, a.a.O. 58), Luchon doum id. (Meillon 58), 
Arrens üus ‘Gebirgssee’; Zac d’O6 bei Luchon. Das Wort ist im 
Aussterben begriffen und ist schon heute nur noch wenigen alten 
Personen bekannt. Der hier zugrunde liegende Stamm kehrt wieder 
in bask. zdas ‘riviere’ (Azkue I, 390). 


15. Bearn. (Campan) :24r, (St. Lary) zdart,1 (Aramits, Agnos, 
Lescun) särri, Ariege :2drt, altprov. uzar, usarn (Levy), arag. (Ansö 
Hecho) sdrryo, (Bielsa, Plan) di$ardo, (Graus) z$dr$o, (Benasque) 
iSdrso, (Espufia) $isdrdo, katal. isart, isarda, sicart [Vogel] ‘Gemse”. 
Schon Meyer-Lübke vermutet (REW 4548) als Grundlage für prov. 
uzar, gask. ızart, katal. zsarf ein iberisches Wort, glaubt aber, von 
den genannten Reflexen bearn. sarri, span. sarrio aus lautlichen 
Gründen trennen zu müssen. Dagegen ist zu bemerken, dafs 
gerade bei Wörtern iberischer Herkunft auch sonst ein Schwanken 


2 Auch ‘partie d’une prairie qu’on ne peut pas arroser’. Ähnliche 
Animalisierung zeigen neuprov. Zrueio und mauro (beide 'Sau’) "espace de 
terre omis par la charrue d’un laboureur maladroit’, neuprov. vaco (*Kuh’) 
‘morceau de bl& que les moissoneurs laissent debout par megard’, vgl. Rohlfs, 
Arch. f. d. Stud. d. neueren Sprachen 146. 128. 


Zeitschr. £, rom, Phil. XLVII, 26 


402 GERHARD ROHLFS, 


zwischen -rr- und -rd- zu beobachten ist,1 vgl. span. zzguierdo und 
bask. ez£erra, span. barro ‘Lehm’ und arag. dbardo, span. cerdo 
‘Schwein’ und bask. cherri, arag. mardano ‘Widder’ und bask. barro, 
span. barra ‚Stange’ und portg. barda ‘Zaun’; vgl. jetzt auch Meyer- 
Lübke, Das Katalanische, p. 66. Die heutigen baskischen Idiome 
bieten kein Wort, mit denen man die romanischen Vertreter direkt 
zusammenbringen kann. Und doch kann das Wort, da essich um ein 
ausgesprochenes Pyrenäentier handelt, nur iberischer Herkunft sein. 


16. Bearn. lakärre f. “pierre plate’, ‘croupe de rochers nus’, 
lakarrd “etendue de rochers’ (Meillon, a. a.O. 74), Valle d’Ossau 
lacdrre ‘croupe de roches denudees’ (Lespy s. v.) ist identisch mit 
bask. (bisk.,, basnav., guip.) kgarra ‘gravier’, ‘caillou’, “pierraille’ 
(Azkue I, 536) und Jakarra ‘gravier’, “asperite du terrain’ (ib. 519). 
Vgl. auch den Ortsnamen Zacarre auf baskischem Gebiet bei St. Jean- 
Pied-de-Port. 


ı7. Bearn. (Lescun) Zürt f. ‘Lawine’, arag. (Ansö, Hecho etc.) 
lürte m. ‘Lawine’ und 'Erdsturz. Der Ausdruck ist, wie schon 
Garcia de Diego (Contribuciön al dicc. hisp. etim., p. 68) gesehen hat, 
identisch mit bask. /urfa ‘&boulement de terres’, “avalanche de neige’, 
Jurte ‘&boulement de terres’, (Azkue). Letzteres gehört zu /ur “Erde”, 
vgl. auch /urrutu ‘entrainer les terres’.?2 Ferner sind hier zu nennen 
span. alud ‘Schneelawine’ und be£arn. (Vallee d’Ossau) aglout id. 
(Mistral ], 48), die wohl mit dem bei Azkue (I, 560) belegten bask. 
/uta ‘eEboulement de terres’ in nächster Verwandtschaft stehen. In 
dem Gebiet östllich des Gave d’Oloron herrscht eine weitere Spiel- 
form (Gavarnie, Gedre, Campan) i/ f., (St. Lary) Zits ‘Lawine’, Jik f. 
‘passage trace par une avalanche’ (Mistral II, 224), die auch in den 
anstofsenden Tälern Nordostaragoniens wiederkehrt: (Bielsa Plan) 
Jit f., (Benasque) #farrada ‘Lawine’. In Arrens (H!“-Pyr.) bedeutet 
Jitards ‘lieu oü passe une avalanche’; in der gleichen Gegend ist 
Litor Name einer Lokalität, wo alljährlich starke Lawinen nieder- 
gehen. Ausgangspunkt der letzten Formen ist wohl bask. /Jusa bzw. 
*/ute [in der Soule /üfa gesprochen], das von der romanischen 
Bevölkerung zunächst als /“ö# übernommen wurde und schlielslich 
mit Entrundung des Tonvokals zu 4/ geworden wäre. Doch ist 
immerhin zu bedenken, dafs auch das Baskische bereits #- Formen 
‚kennt: Jia ‘eboulement de terres et de pierres dans la montagne’ 
(Azkue) und vielleicht auch 4% (ronc.) ‘sitio profundo’ ib. I, 549).? 


1 Das gleiche gilt für das Verhältnis von -Z- zu -Zd-, vgl. Schuchardt, 
ZRPh. 11. 497. 

2 Meillon (o.c. 59 u. 77) verzeichnet für Lawine noch folgende bearne- 
sische Ausdrücke: lür, eslur und eslurres. Aus Pontacq kenne ich noch 
bearn. eslürrd ‘herabgleiten’ (Steine, Erde von einem Abhang). 

8 Auf den gleichen bask. Stamm geht wohl auch gask. Jüdo ‘kleine Höhle’ 
zurück, das ich aus der oberen Vall&e d’Aure (St. Lary) notiert habe, und das 
auch in der Bedeutung gut zu bask. Zu£Ao 'profundo’, "hondo’ (Azkue I, 560) 
stimmt. — Wie verhält sich dazu aber bearn. (Arrens) klüta 'trou’, 'cavite', 
(Bartges) kalüro ‘grotte’? 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 403 


18. Bearn. (Aramits, Agnos, Osse, Gavarnie etc.) mano ‘weib- 
liches Tier, das nicht zur Produktion fähig ist’, neuprov. mano, 
rouerg. mono ‘vieille brebis’, ‘femme ou femelle sterile’, (in der 
Vallee d’Ossau) ‘brebis qui n’a pas encore port&’, (Rouergue) ‘vieille 
vache qu’on engraisse pour la bouchure’ (Mistral II, 270). Das Wort 
gehört, wie schon Meyer-Lübke (REW 5309) vermutet hat, zu bask. 
mando ‘unfruchtbar’, ‘Maultier’ (Azkue), mana (bizc.) ‘unfruchtbar’ 
(ib. II, 12), mandar ‘Maultier’, soul. (Tardets) mandia, mafua ‚ohne 
Hörner’. Die Herleitung von gask. mano ‘unfruchtbar’ aus bask. 
mando ‘*Maultier” wird bestätigt durch Ariege (Sentein) vako mülo 
‘sterile Kuh’ und perig. (Les Eyzies) zweto mülo ‘steriles Schaf’, die 
genau bask. behi mandua (‘vache mule’) ‘vache sterile” entsprechen. 
Das baskische Wort ist wohl identisch mit (navarr., labourd., 
soul.) mando ‘hart’ (Azkue II, ı3) und darf daher Anspruch auf 
Autochthonität machen. Span. macho “Maulcsel’ (< masculus) 
könnte Lehnübersetzung aus dem Iberischen sein,! vgl. span. machorra, 
bask. mal/sorra “unfruchtbare Frau’, “unfruchtbares Tier’. Auf bask. 
mando ‘unfruchtbar’, ‘Maulesel’ weist auch neuprov. mandorro ‘femme 
facile & tromper’, “imbecile’, ‘sotte’ (Mistral II, 263), b&arn. (Arrens) 
mandürra ‘femme de mauvaise vie’ und bearn. (Campan, St. Lary, 
Lannemezan) mandörro ‘Kartoffel’. Die Bedeutungsentwicklung geht 
über die Stufen “unfruchtbar‘ > ‘unbrauchbar’ > ‘dumm’ > ‘runde, 
plumpe Masse’.? — Über span. modorro ‘schlaftrunken’, ‘blödsinnig’, 
‘mit Drehkrankheit behaftet’ (Tolhausen), bask. modorro “animal sans 
cornes’, ‘stupide’, “balourd’ (Azkue) vgl. Schuchardt, Rev. basque 
1914 (Separatdruck, p.7) und H. Urtel, a. a. O. 532. 


19. Bearn. feiarre f. ‘colline’, ‘montee tres raide’ (Meillon, 
"a.a.0. 86), pelarre ‘tertre pierreux’, felarrok ‘tertre pierreux’ (Lespy 
s. v.) gehören zu bask. (nav., ronk., lab., soul.) fafar ‘cöte scabreuge’ 
(Azkue II, 159), (basnav.) fe/ar ‘cöte tres rapide’ (ib. 165). 


20. Arag. (Bielsa, Ansd) segddo, (Benasque) saga?, katal. sagall 
(Vogel), bearn. (Lescun) 3g4% ‘Ziege von ein bis zwei Jahren’, vgl. 
auch santand. sagallıno ‘cuerda vegetal’, ‘especie de velorto’ (Garcia- 
Lomas 313).? Die romanischen Vertreter sind nicht zu trennen 
von bask. segaifa (niedernav., ronc.) ‘chevre d’un an’, soul. segerda 
‘chevre ag&e d’un an’ (Azkue), das wohl ursprünglich eine ‘schmächtige 
und magere Ziege’ bedeutete, vgl. bask. sekail, segail, seail, ‘svelte’, 
sakaildu, sehaildu “decharner’, ‘maigrir’, “exterminer’ (Azkue, s. v.). 


1 Meyer-Lübke (REW. 5742) und Menendez Pidal (Manual de Gramätica 
hist. esp. $ 4,6) sehen in span. msacho eine Entlehnung aus dem Portugiesischen 
(*mulacho > *muacho). Aber wo sind diese Zwischenformen belegt? 

2 (Tehört hierher auch altprov. mandra, Ari&ge mandro ‘weiblicher Fuchs’; 
bearn. (Arrens) mdndra ‘femme de mauvaise vie’, katal. mandra ‘faul’? 

8 Zur Bedeutungsentwicklung vgl. lat. capreolus ‘Weinranke’ und 
sard. fiva ‘ Weinranke’, das mit span. ckıda "junge Ziege’ verwandt ist, vgl. 
J. Jud, Rom. 43. 452, span. chibata 'Schäferstab’, portg. chibata ‘Gerte’, zu 
pan. chibata ' weibl. Zicklein’. 


26* 


404 GERHARD ROHLES, 


2ı. Landes sigorre ‘racine’, ‘jonc’ (Luchaire, Les Origines 
linguistiques de l’Aquitaine, Pau 1877, p.52) zu bask. zigor ‘ganle’, 
‘perche’, ‘houssine’ (Azkue Il, 439). 


22. Arag. (Ansö, Bielsa, Berbegal) sirrio “Schafmist’, span. 
sirria und sirle ‘Schaf- und Ziegenmist’.! Das Baskische bietet 
(ronc.) sirria ‘crotte de brebis, de chevre’ (Azkue II, 451), zwri 
‘crotte des betes & laine’ (ib. 449), bisk. #irri ‘crotte de brebis’ 
(ib. 327), bisk., guip. #Sirra, /sirri ‘Wasserstrahl’. Letzteres erinnert 
an span. chorro ‘Wasserstrahl’, arag. dfrro, (Benasque) dürro id, 
bearn. (Aramits) Sörro ‘Wasserstrahl’, (Lescun) $irro ‘(der Brunnen) 
läuft’, das sich ebenfalls im Baskischen wiederfindet. $urra ‘jet de 
la lessive’ (Azkue II, 256), $urrupa ‘petite gorgee’ (ib. 256), /furru- 
/Surru ‘onomat. de l’action de boire’ (ib. 339), #urrut ‘gorgee’ (ib.). 
Ob dieser Stamm im Baskischen oder im Romanischen alteingesessen 
ist, läfst sich schwer sagen, da es sich im Grunde um ein ‘halbes 
Naturwort’ handelt, bei dem die Richtung der Ausbreitung schwer 
zu bestimmen ist. ? 


23. Bearn. (St. Lary, Agnos) $skle ‘Widder ohne Hoden’ (St.L.), 
‘Eber, der fehlerhaft verschnitten ist und im Aufwuchs zurückbleibt' 
(A.), (Aramits) $’s2/u “Widder ohne Hoden’, (Lescun) $isklu ‘Widder 
mit Hoden innerhalb des Leibes’, (Gavarnie) $Sisklu ‘schlecht ver- 
schnittener Hammel’, (G&dre) $s4/z “Widder mit einer Hode’, (Morlaas) 
$iskla4 ‘Schwein mit einer Hode’, Ariege (Sorgeat, Sentein) szs2e ‘mit 
einer Hode’; arag. (Ansö) Ying/on “Widder mit Hoden innerhalb des 
Leibes’, (Graus) H:skdön, (Bielsa) $sk/ön, (Benasque) sisktpn ‘Widder mit 
Hoden innerhalb des Leibes’. Grundbedeutung des Wortes scheint 
‘fehlerhaft’, ‘unbrauchbar’ zu sein, Bedeutungen, die in verschiedenen 
formellen Spielarten wiederkehren auf baskischem Gebiet: /sistor 
(bizc., guip.) ‘hombre incapaz para la generaciön’, ‘toro o carnero 
que tiene los testiculos ocultos en el vientre’ (Azkue II, 329), sıstor 
(bizc.) ‘hombre inhäbil para la generaciön (ib. 222), $iX%lo (soul.) 
‘homme, le plus souvent enfant, dont les testicules sont remontes 
dans l’aine’ (ib. 252), Sing/i (guip.) ‘&ph&mere, de peu de consistance’ 
(ib. 250), zingle (guip.) ‘simple’, “peu solide’, ‘de poca consistencia’ 
(ib. 444), sengle (bizc.), ‘fragile’, ‘chose de peu de consistance’ 
(ib. 218), senge (bizc.) ‘sterile’ (ib. 218). 


24. Unter den Eidechsennamen des Pyrenäengebietes finden 
sich eine gröfsere Reihe von Formen, die sich völlig von dem Be- 
stande der umliegenden Landschaften abheben. Schon Schuchardt 
hat wiederholt auf die starken Übereinstimmungen einiger dieser 
Formen mit baskischen Namen der Eidechse hingewiesen. Bei den 


ı Vgl. anch santand. cirmia ‘halbflüssiger Schafkot’ (Garcia-Lomas 113) 
und sirlön ‘Schafweideplatz’ (ib. 320). 
2 Schuchardt, Literaturblatt f. germ. u. rom, Phil. 13, 428. 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 


405 


aulserordentlich starken lautlichen Umformungen, denen der Name 
eines so volkstümlichen und die Volksphantasie so anregenden 
Tieres immer wieder unterworfen ist, dürfte es ein unmögliches 
Unterfangen sein, wenn man hier von Fall zu Fall genau die 
historischen Zusammenhänge aufdecken wollte. Es kann sich daher 
bier nur darum handeln, Ähnliches zu Ähnlichem zu stellen und 
so gewisse Beziehungen zu erschlielsen. 


a) bearn. (Aramits, Agnos etc.) 
$iSänglo ‘ Mauereidechse’. 


b) bearn. (Atl. ling. 766, Punkt 
686) sangrab, (St. Lary) sor- 
nöto, (Campan) serndto, Hautes- 
Pyrenees, Haute-Garonne, 
Tarn-et-Garonne, Lot-et-Ga- 
ronne, Gers (nach Atl. ling. 
K. 766) sarndto, serndto ‘ge- 
wöhnliche Eidechse”. 


c) bearn. (Gavarnie, Gedre) san- 
falero ‘gewöhnliche Mauer- 
eidechse’. 


d) bearn. (Lescun) 
‘Mauereidechse’. 


segundino 


e) arag. (Berbegal) dangarddna, 
(Ans6) sarganddna, (Hecho) 
sargantana, (Boltafia) sangar- 
dädna, (Zaragoza) sagardana, 
katal. sargantdna; Roussillon 
singlantäana; arag. (Bielsa) 
Yingalanitra, (Benasque) Yın- 
gartdta; bearn. (Atl. ling. 766) 
singrauleio ‘Eidechse’. 


soul. (Tardets) Süskandea, nieder- 
navarr. küskandel ‘Mauereidechse’, 
vgl. Schuchardt, Beih. 6 zur ZRPh. 
p. 16. Die Übereinstimmung 
leuchtet noch mehr ein, wenn 


‘man bedenkt, dafs im Baskischen 


-nd- und -ng- häufig wechseln, 
und dafs das romanische Aramits 
und das baskische Tardets nur 
etwa ı0 Kilometer auseinander- 
liegen. 


hochnav. surangida ‘lezard des 
murailles’ (Azkue II, 237). 


Am besten passen würde ein 
baskisches *sangandera, das zu- 
sammengezogen sein könnte aus 
lab,, ronk. sugekandera ' Eidechse’ 
(Azkue U, 234). 


Vgl. bask. (bizk.) sugandela ‘Ei- 
dechse’ (ib. 233). 


Der nächste baskische Verwandte 
ist labourd. Sorgandıla ‘Eidechse’, 
in dem sich, wie wohl Schuchardt 
richtig vermutet, sugandela (< su- 
gekandela) ‘Eidechse’ mit sorgin 
‘Hexe’ verschmolzen hat; vgl. 
Schuchardt, Literaturblatt für 
germ. u. rom. Philologie 39, 43; 
ib. 5, 283; Beiheft VI zur Zeitschr. 
f. rom. Phil. p. ı6 und H. Utrtel, 
Sitzungsberichte d. Preuss. Akad. 
d. Wissensch. 37. 542. 


406 GERHARD ROHLEFS, 


f) Alava sanguandılla, sıgulinda | hochnav. sangongidu ‘Eidechse’ 
‘Eidechse’; Landes (Atl. ling. | (Azkue), bizk. solaguinda “Ei- 
766) singatine, Lot-et-Garonne | dechse’. 

(ib.) Sankalıne, Landes sangal£te, 
singalete, sangarlete (Millardet, 
Petit Atlas 255) “lezard gros’. 


25. Bearn. (Bazet, Lescun, Osse) Zarpk, (Aramits) /arrpk, 
(Campan) Zurg&, (Lannemezan, Gavarnie, St. Lary) /urrgk “Erd- 
scholle’, arag. (Bielsa, Graus) #drrgko, (Benasque) /orrfk, (Plan und 
in der Ribera) /orrw.ko "Erdscholle’ [vgl. auch portg. /orr4o ‘Erd- 
scholle’, span. /errdn ‘Erdklols’, astur. /orrdn ‘Erdklumpen’, neuprov. 
türro “Erdscholle’, bearn. fürro ‘Hauklotz’]. Das zu beiden Seiten 
des Pyrenäenkammes überall festgewurzelte Wort ist identisch mit 
bask. (Soule, Niedernavarra) /arroka ‘motte’ (Azkue II, 269). Aber 
ist diese nur bei den französischen Basken belegte Form echt 
baskisch ? 


26. Bearn. (Agnos, Lescun, Campan, Lannemezan, Aramits) 
ldsko “Erdscholle mit Gras’, “ausgehobenes Rasenstück’, arag. (Anso, 
Bielsa) /asca ‘Scholle mit Gras’, b&earn. (Gedre, Gavarnie) /asko 
‘Schafmist’, (Bar&ges) /4s2a ‘couche Epaisse de fumier de brebis dans 
Petable. Das Wort kehrt wieder im Baskischen: soul. (Tardets) 
loska ‘Erdscholle’, das Azkue in dieser Bedeutung nicht verzeichnet, 
wohl aber ein /oska ‘kaolin’, ‘argile blanche qui entre dans la 
fabrication de la porcelaine’, /osko ‘büchette’, “bout de bois’ (II, 285). 
Das Wort findet sich in der Bedeutung ‘Erdscholle’ sonst weder 
in Spanien noch auf der Iberischen Halbinsel, ist also beschränkt 
auf das basko-romanische Grenzgebiet. Das würde an und für 
sich iberischen Ursprung wahrscheinlich machen können. Zu be 
denken gibt aber, dafs bearn. (z. B. in G£dre) /askd “feststampfen’ 
bedeutet, und dafs anderswo im Be&arnesischen /asca/ in der Be- 
deutung ‘gazon’ (Felix Mascaraux, Capbat nouste, Pau 1924, p. 153) 
belegt ist. Das erweist doch wohl eher Zusammenhang mit der 
in Südfrankreich und im Ilberoromanischen verbreiteten Sippe /ask- 
‘schlagen’, ‘klopfen’,! die Jud (Rom. 49, 41ı) mit einem aus galat. 
taoxog erschlossenen gall. Zascos ‘Riegel’, ‘Keil’ verknüpfen möchte. 


27. Bearn. (Lescun, Aramits) /ujo ‘sehr stachlige Ginsterart', 
(Aramits, Agnos) /ujd ‘Ort, der mit stachligen Ginsterbüschen be- 
wachsen ist’, (Campan) #ujago ‘“Ginster’, Narbonne /ü2ddo “ajonc 
epineux’, bearn. (Gez) /ugajo, (Pontacg) fügdjo, Ariege (St. Girons, 
Seix) /uZdko ‘Stachelginster’; b&arn. /owsjo, (Quercy) #ouicho ‘ajonc 


ı Span., portg. fascar ‘den Hanf mit dem Schlagholz klopfen’, galic. tasca, 
span. Zasco ‘harte Stengelteile, die sich beim Hanfschlagen ablösen’, pTOV. 
tascoun “coin qui fixe le soc de la charruc’, fascou/ä "fixer avec un coin’, 
katal. fascö ‘Keil’, fasc "Stück. 


BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 407 


nain’, bord. dujago “ajonc’ (Mistral II, 1003), Landes dije, luye 
‘bruyere’ (Millardet, Petit Atlas 162), span. 20j0 “blattloser Ginster’, 
sanabr. /dyo ‘Ginster’ (Krüger, Gegenstandskultur Sanabrias, S.67), 
POrtg. /0/0 ‘Stechginster’, Der Stamm dieses Wortes gilt allgemein als 
iberisch, vgl. Bourciez, Bull. hispan. III (1901), 327 und Bertoni, 
Arch. Rom. I, 129; doch ist es bisher nicht gelungen, im Baskischen 
selbst eine entsprechende Unterlage zu finden. Bourciez setzt ein 
iber. *oyu, *roja an, das aber vom Baskischen aus gesehen in der 
Luft schwebt, Der Name bezeichnet im allgemeinen nicht den 


uns vorkommenden Stechginster (G. 8ermanica), der nur spärlich 
mit Stacheln besetzt ist, sondern eine ganz besonders dornige Art 
(Ulex Gallii), deren Hauptverbreitung die westlichen Pyrenäen sind. 
Diese Ginsterart heifst jm Baskischen (hochnav,, guip.) ofe, (nieder- 
nav., soul., lab.) o/%e (Azkue II, 143). Gibt es einen Weg, das 
baskische Wort mit dem romanischen 40 zu verbinden? Etwa 
über eine metathesierte Form */oe [mit Artikel: *1oea]? Ich gestehe, 
dafs mich selbst eine solche Verknüpfung nicht sehr überzeugt. 
Etwas sicherer wird der Boden, wenn wir von einem baskischen 
olhe-aga ‘mit Ginsterbüschen bewachsener Ort’ ausgehen, das zwar 


28. Span. samarra ‘Schafpelz’, gamarro ‘Pelz von Lämmer- 
fellen’, chamarra ‘grober Wollkittel’, arag. (Ansc) Jamärra, (Benasque) 


Diez (Etym. Wörterb., 4. Aufl., 499) führt nach Larramendis Vor- 
schlag das Wort zurück auf baskisch eckamarra ‘Zeichen des Hauses’ 
[ecke ‘Haus’ + marra ‘Zeichen’], eine Erklärung, die schon aus 
begrifflichen Gründen niemand ernst nehmen wird. Wohl aber 
ist das Wort baskischen Ursprungs. Zugrunde liegt nämlich (navarr.) 
zamar ‘toison’, ‘“laine des betes & laine’, “toute la laine tondue’, 
das auch schon auf baskischem Sprachgebiet das abgezogene, als 
Kleidungsstück benutzte Fel] bezeichnet: (bizk., ronk.) zamar ‘tablier 
de forgeron’, (nav., ronk., soul.) zamar ‘peau ou Pelisse que les 
pätres portent en guise d’imperm&able Pour se preserver de Ja 
Pluie’ (Azkue II, 407), (lab.) /famar ‘blouse’, (niedernav., ronk.) 
/Samarra ‘tablier des faucheurs’, (bizk., guip.) ‘veste des hommes’ 
(ib. II, 309), $amar “blouse’ (ib. II, 242). Mögen vielleicht die 
zuletzt genannten mit z- und $- anlautenden Formen selbst wieder 
auf Rückentlehnung aus dem Spanischen beruhen, so dürfte zZamar 
schon wegen seiner starken Bedeutungsfiliation (‘bonnet dont on 
coiffe la poupee de lin’, ‘“nub&cule de oil’, ‘pluie fine’, ‘criniere’, 
‘fronteau que Pon met sur le front des boeufs’ etc.) doch echt 
baskisch sein. Azkue selbst scheint das Wort wenigstens in der 
Bedeutung ‘Schafpelz’, ‘Jacke’ nicht für einheimisch zu halten und 


408 G. ROHLFS, BASKISCHE RELIKTWÖRTER IM PYRENÄENGEBIET. 


denkt an Abstammung aus dem Arabischen. Nun gibt es allerdings 
ein arab. famra ‘vestimentum’; aber dieses Wort ist, wie schon 
Dozy (p.785) hervorhebt, wahrscheinlich selbst erst aus span. zamarra 
entlehnt. 


29. Arag. (Bielsa, Berbegal etc.) H4fe, (Ans6) Hofön, anderswo 
azolle (Garcia de Diego, a. a. O., S.163) ‘Schweinestall’. Das ara- 
gonesische Wort wird von Garcia de Diego (a. a. O. und Rer. fil. 
esp. 7,113) mit bask./$o/a ‘Schweinestall’ auf lat. suile zurückgeführt. 
Eine solche Verknüpfung ist lautlich ganz unmöglich und wird 
auch durch den Umstand widerlegt, dafs lat. sus oder Ableitungen 
davon auf der Iberischen Halbinsel keine sichere Spur hinterlassen 
haben.! Der Stamm dürfte vielmehr echt baskisch sein: 40/a (ronc.) 
‘Schweinestall’ (Azkue II, 333), «$ola, ei$ola ‘loge & porcs’ (Fabre, 
Dict. frangais-basque 200), 30/0 ‘fossette’, ‘creux’, $o/a “demeure', 
*habitation’ (Azkue II, 253), e/So/a (lab.) “cabane de berger’ (Lhande 66), 
ISolo ‘fossette, petit trou rond que les enfants font dans la terre 
pour s’amuser’, /$ulo 'trou’, “petite fossette’ (Azkue). 


30. Be£arn. arralh, arralh& ‘rochers qui se detachent des mon- 
tagnes et s’ecroulent sur leurs flancs’, “traine& d’eboulis’ (Meillon 39), 
in Arrens arralhe ‘roc’, ‘“quartier de roche’, arralhou ‘petite pierre 
ronde’, arralh& ‘banc de roches’ (nach freundlicher Mitteilung von 
Herrn Camelat), arralhere ‘&boulis’ (P. Badiolle, Bataleres II, p. 221) 
sind nicht zu trennen von bask, arra:l ‘Eclat de bois long et gros’ 
(Azkue I, 71), arral/ ‘morceau de bois refendu pour le feu’ (Gize 265), 
die zu bask. arrailiu ‘spalten’ gehören. 


GERHARD ROHLFS. 


1 Da die auf den Eichenwäldern der Pyrenäen beruhende Schweinezucht 
zu allen Zeiten bei den Iberern in grofser Blüte stand (vgl. Strabo, Martial, 
Varro), ist schon aus sachlichen Gründen die Aufnahme lateinischer Lehnwörter 
in dieser Sphäre wenig wahrscheinlich, 


Londoner Französisch im XIII. und XIV. Jahrhundert. 


Das Französische kann im 13. Jahrhhundert in London nicht 
als eine fremde Sprache angesehen werden. Es war den Bürgern 
ebenso geläufig als das damalige Englisch und wahrscheinlich viel 
verständlicher als das Angelsächsische, das im Laufe zweier Jahr- 
hunderte fast zu einer toten Sprache geworden war. Diese Er- 
scheinung erklärt sich daraus, dafs nach der Eroberung es sich 
die normannischen Könige angelegen sein liefsen, die Beziehungen 
zu Kaufleuten vom Kontinent, die schon zu Zeiten Ethelreds U. 1 
bestanden hatten, zu pflegen, und sie richteten auch ihr Augen- 
merk darauf, ihnen Privilegien zu erteilen, da die häufig leeren 
königlichen Kassen aus den hohen Abgaben, die für Stapelrecht, 
Gildenhäuser oder gar das Ansiedlungsrecht zu leisten waren, grofse 
Vorteile zogen. Die meisten Kaufleute kamen aus der Normandie, 
Picardie und dem ganzen Westen von Frankreich, wenn auch 
schon früh die deutsche Hansa eine bevorzugte Stellung einnahm. 
Der günstigen Lage wegen war London der Ort, den die Kauf- 
leute hauptsächlich aufsuchten und wo sich besonders im ıı. und 
Anfang des ı2. Jahrhunderts, als die Ansiedlungsmöglichkeiten noch 
nicht erschwert waren, viele niederliefsen. Durch die Ansiedlung 
der des Englischen unkundigen Kaufleute und durch den regen 
Verkehr mit solchen, die sich nur zeitweilig im Lande aufhielten, 
wurde für die Bürger Londons die Nützlichkeit, ja Notwendigkeit 
der Kenntnis des Französischen ganz anders fühlbar als für die 
Landleute und die Bewohner kleiner Orte. 

Aufserdem hatte von Beginn der Normannenherrschaft an 
London, das gleichsam zwischen den königlichen Residenzen Tower 
und Westminster Hall eingeschlossen war, enge Beziehungen zum 
französisch sprechenden Hofe, und die Stadtsprache muste sich 
der Hofsprache anpassen. Der Bürger des ı2. und 13. Jahr- 
hunderts verkehrte mit dem Hofe und den fremden Kaufleuten 
in französischer oder besser gesagt anglonormannischer Sprache, 
mit den Landbewohnern, die in grolser Zahl zur Stadt strömten, 
um die Erzeugnisse der Bauernhöfe abzusetzen, und mit den 
Fischern, die ihren Fang zu Markte brachten, in englischer. Im 


3 Liber Custumarum, Munimenta Gildhalle Londoniensis, Rer. Brit. 
Script. 12, II, Introduction XXXV. 


410 MARGARETE RÖSLFR, 


mündlichen Verkehr herrschte also sicher vom Ende des tı. Jahr- 
hunderts an Doppelsprachigkeit. 

Man kann nicht sagen, dafs Wilhelm I. und seine unmittel- 
baren Nachfolger bewulst das Französische förderten oder gar die 
Bürger zwangen, es zu gebrauchen. Wenn er und sein Hof sich 
auch nicht bemühten, das Angelsächsische zu erlernen, so liels er 
es doch als Schriftsprache gelten. In der Zeit vor Wilhelm war 
im Gegensatz zu Frankreich in England die Landessprache Schrift- 
sprache gewesen. Man gebrauchte sie nicht nur in der Dichtung, 
sondern auch für Gesetze, Verordnungen, Homilien und zahlreiche 
historische Schriften. Lateinische Werke waren vielfach ins Angel- 
sächsische übertragen worden. Wilhelm versuchte, sich dieser 
Gepflogenheit anzupassen. Er erliefs an die Bürger von London 
eine Verordnung, die in angelsächsischer Sprache abgefalst ist. 
Das Original ist noch in der Londoner Guildhall zu sehen.1 Da 
es die Freiheiten der Stadt verbrieft, kam seine Erhaltung den 
Bürgern besonders wichtig vor. Doch gar bald ging die Kenntnis 
des Angelsächsischen in London so vollständig verloren, und die 
Schriftzeichen wurden so unbekannt, dafs es nötig schien, in das 
eine Gildenbuch, Liber Custumarum, 1314 nicht blos eine Ab- 
schrift des Dokuments aufzunehmen, die mit lateinischen Buchstaben, 
mit Hinzufügung von p, ö und P(w) angefertigt ist, sondern auch 
eine Übertragung in das Englische des beginnenden 14. Jahr- 
hunderts und eine lateinische Übersetzung beizufügen mit der 
Bemerkung?: Zoc est transcriptum Chart@ Regis Willelmi, Con- 
quastoris, facta civibus Londoniarum,y qu@, ad modum suprascriplum 
in veler! Iingua Saxonica, i. Anglıca, mirabiliter quanltum ad modernam 
scripluram, gu& tallter nunc scribitur. 

An andern angelsächsischen Eintragungen findet sich in den 
Gildenbüchern sehr wenig. Aufser Personen-, Orts- und Strafsen- 
namen sind es hauptsächlich Rechtsausdrücke, die meist mit latei- 
nischer, im Liber Memorandorum, wahrscheinlich zur Zeit 
Eduards II., mit französischer Übersetzung versehen wurden. Ge- 
schrieben sind die Worte mit den damals für die lateinische und 
französische Sprache üblichen Zeichen. 

Die Gesetze aus der Zeit vor der Normannenherschaft, von 
Ine, Alfred, Aethelstan, Knut, Edward wurden ebenso wie zwei 
angelsächsisch abgefafste Gesetze Wilhelms I. nur in lateinischer 
Übertragung den Gildenbüchern einverleibt.3 Die von späteren 
Normannenkönigen stammenden Schriftstücke, die die Stadtbücher 
verzeichnen, waren von vornherein lateinisch geschrieben. Ein- 
tragungen in der englischen Sprache der damaligen Zeit finden 
sich überhaupt nicht. 4 Wir können also sagen, um das Jahr 1300 


1 Abgedruckt L[iber] C[ustumarum] II, 504. 

2 1.C. I, 246, 247. 

s1.C. II, sosfl. 

4 Das Londoner Englisch des XIT. und XIII. Jrhs. kann fast nur aus 
Eigennamen erschlossen werden, vgl. Reaney, Engl. Studien 59, 321 ff. und 61,1. 


LONDONER FRANZÖSISCH IM XII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 411 


war nicht nur die Kenntnis des Angelsächsischen, sondern auch 
die Anteilnahme an der Sprache der Vorfahren in London voll- 
kommen erloschen. 

Einem aufblühenden Handelszentrum, das sich von praktischen 
Gesichtspunkten leiten lassen mufste, kann daraus kaum ein Vor- 
wurf gemacht werden, wenn wir sehen, dafs auch in den Klöstern, 
in denen das Angelsächsische zu Beginn der Normannenzeit eine 
Zufluchtstätte gefunden hatte, nach und nach die Kenntnis dieser 
Sprache verloren ging. In Canterbury versah man einen Text der 
Annalen (Sachsenchronik) im Anfang des ı2. Jahrhunderts mit 
lateinischer Übersetzung, ! in den andern Klöstern verwilderte die 
Flexion und Orthographie der Texte. Nur bruckstückweise wird 
die Chronik bis 1154 fortgeführt. Andere historische Werke, die 
auf der Sachsenchronik zum Teil fufsen, werden vollkommen 
lateinisch abgefafst. 

Wie kam es aber, dafs die Gildenbücher nicht von Anfang 
an anglonormannisch abgefalst wurden, wenn diese Sprache allen 
Bürgern geläufig war, während wohl nur die Gebildeteren Latein 
verstanden ? Jedenfalls wohl, weil in Frankreich das Französische 
auch noch nicht für Urkunden verwendet wurde, weil es noch 
keine französische Prosasprache gab. Vielleicht wäre es überhaupt 
zu keiner anglonormannischen Geschäftssprache gekommen und 
das Englische hätte sich früher durchgesetzt, wenn nicht unter 
Heinrich OD. von Anjou eine neue Hochflut des Französischen ein- 
gesetzt hätte. Seine glänzende Hofhaltung zieht die besten Dichter 
der Zeit an: Wace, Chrestien, Marie de France; kein Wunder, 
wenn nicht nur der Adel, sondern auch die Londoner Bürger, die 
sich jenem fast gleich dünkten und gern darones nennen |lielsen, 
ihren Stolz darein setzten, französisch nicht nur zu sprechen, sondern 
auch zu lesen und zu schreiben. 

Die königlichen Verordnungen der ersten Anjous sind noch 
lateinisch. Aber aus der Regierungszeit Richards I. (1189 — 1199) 
oder Johanns (1199— 1216) besitzen wir den ersten jener Verträge, 
die die Stadt London mit ausländischen Kaufleuten französisch 
abfalste. Es ist derjenige, der mit den Lothringern abgeschlossen 
wurde und der Bestimmungen über den Verkauf der Waren, Stapel- 
und Aufenthaltsrecht enthält.2 Es folgen Verträge mit andern 
Untertanen des deutschen Kaisers, 3 eine Zusatzbestimmung zu dem 
lateinischen Vertrag mit den Kölnern®* über die Abgaben vom 
Gildenhaus, Abmachungen mit den Dänen, Norwegern5 und eine 
Konvention vom Jahre ı237 mit den Kaufleuten von Amyas 
(Amiens), Corbie und Nesles. ® 


i Plummer, Two Saxon Chronicles Parallel, Introduction XXXVI, XLII. 

32 Liber Custumarum 6, I. 

8 Ib. 63. 

4 Liber Albus 229. — Die Kölner Kaufleute besalsen die Gildhall in 
London seit 1194, vgl. Liber Custumarum XLI. 

5 L.C. 63, 64. 

° Ib. 63fl. 


412 MARGARETE RÖSLER, 


Die Verwendung des Französischen im Vertrag mit französischen 
Städten ist ohne weiteres verständlich. Bei den Abmachungen mit 
den Deutschen und Nordländern könnte es auffallen. Diese Ver- 
träge wurden aber in zwei Exemplaren ausgefertigt, was uns z.B. 
für einen Vertrag mit der deutschen Hansa bezeugt ist. Hier sind 
beide Verträge gleichlautend lateinisch abgefafst, der eine ist im 
Londoner Zider Albus,! der andere in Lübeck aufbewahrt.? Es ist 
anzunehmen, dafs das Duplikat zu den französischen Abmachungen 
mit Kaufleuten aus andern Ländern entweder lateinisch oder in 
der Landessprache des andern Kontrahenten abgefalst war. 

Gleichfalls aus der Regierungszeit Heinrichs III. (1216 — 1272) 
haben wir eine Reihe von Bestimmungen über die Zölle, die bei 
der Ein- und Ausfuhr aus dem Londoner Hafen entrichtet werden 
mulsten.® Die Bürger hatten auf Befehl des Königs die Zoll- 
vorschriften selbst beim königlichen Steueramt (Zscheker) ein- 
gereicht. | 

Die ersten königlichen Erlässe in französischer Sprache, die 
von den Gildenbüchern verzeichnet werden, stammen aus dem 
Anfang der Regierungszeit Eduards I. (1274—ı307). Es sind 
ausführliche Bestimmungen über den Verkauf auf den Märkten und 
am Ufer der Themse, über Brotbacken, Brauen und die Ausübung 
verschiedener anderer Gewerbe, über die Ansiedlung von Fremden 
und über Mafs und Gewicht. Aus dem Jahre 1298 stammen 
Briefe des Königs mit der Bitte an die Bürger, seinem Sohn die 
Südküste verteidigen zu helfen und erfahrene Leute aus der City 
zur Errichtung einer neuen Stadt zu schicken. Merkwürdigerweise 
sind nur zwei der königlichen Schreiben französisch abgefafst, die 
übrigen und die Antwort der Bürger lateinisch. Auch unter den 
Marktvorschreibungen und Innungsberichten etc. ist hin und wieder 
ein Schriftstück lateinisch, sowohl in der Zeit Eduards L als in der 
Eduards I. und II. 

Eine eigenartige Doppelsprachigkeit findet sich in dem Pro- 
cessus factus ad Coronalionem Domini Regis Anghe Ricardı Secundi 
(1377). Der Akt ist lateinisch, die Bittschriften verschiedener 
Adeligen an Johann von Lancaster, Seneschall von England, ein 
Ehrenamt bei der Krönung ausüben zu dürfen, französisch. Die 
Bescheide auf die Bittschriften sind Latein. Welch regen Anteil 
die Bürgerschaft an dem Vorgang nahm, sehen wir daraus, dals 
das umfangreiche Schriftstück in das Zider Custumarum aufgenommen 
wurde.* Der ganze bunte Inhalt der Gildenbücher soll nicht in 


1 1,485. 

2 Ed. Lappenberg, Geschichte der Hansa, App. 14. 

8 Liber Albus I, 229 ff. Ici sount notes custumes ge soleient estre prys@% 
des choses venauntz en Londres ou hors alantz a vendre;; sicome par les citeyns 
al maundement de nostre Seignur le Roy presente fuist as Barouns del Escheker, 
taunt come la citee fuist es les mayns le Roy apres la perturbaunce du realme 
ge fuist en le temps Sir Symonde de Mountforde, Counte de Leycestre. 

4 11, 456—482. 


LONDONER FRANZÖSISCH IM XIII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 413 


allen Einzelheiten aufgezählt werden. Auf den Festbericht des 
Pu habe ich seinerzeit hingewiesen.! Die anglonormannischen 
Eintragungen in die Gildenbücher beginnen, wie schon gesagt, 
mit dem Ende des ı2. Jahrhunderts, die meisten stammen aus 
der Zeit von Eduard I. bis Eduard II. (1327— 1377), die letzte 
aus dem Anfange der Regierung Heinrichs VI. (1422— 1461). 

Die Sprache ist nicht gleichmälsig. Im allgemeinen sind die 
Eintragungen im Zider Cusiumarum, das mit dem Jahre 1324 ab- 
schliefst, korrekter, weil die Übertragung der Verordnungen in 
dieses Gildenbuch ungefähr gleichzeitig mit der Zeit ihrer Ab- 
fassung erfolgte. Das Zsder Albus dagegen ist eine Mitte des 15. 
Jahrhunderts von einer gröfseren Anzahl Schreiber besorgte Abschrift 
von Material, das sich in den Stadtarchiven befand, in das nur 
einige Blätter aus dem Anfange des 14. Jahrhunderts eingeheftet 
wurden. Da jedoch gerade im Zider Albus wichtige anglonorman- 
nische Texte enthalten sind, so wollte ich es in den folgenden 
grammatischen Erörterungen nicht beiseite schieben, habe aber 
Eintragungen, die sich auf das ı5. Jahrhundert beziehen, nicht 
berücksichtigt. 

Die lautlichen Erscheinungen sind zum Teil dieselben wie in 
andern anglonormannischen Texten; doch finden sich auch Be- 
sonderheiten, die vielleicht nicht nur auf Rechnung der verschiedenen 
Schreiber zu setzen sind. 


Vokalismus. 


Freies a + oraler Kons. gelegentlich ze: mier < marem; 
pier < patrem; 
nief < navem. 

Palat. + a > manchmal «: 22 I sanen 

e: chen 
at nas. ay: layn 
y: Iyn | < lana 
ey: leyne 
ei: meinoverer 
a +- palat. nas. ei: sent 
ey: ceyns | <. sanctu(s) 
au: saunles 
ei crente 
a+?! a: mas 
ae: maes | < magis, 


arreym < aramen 


Jorfature 


ı ZrPh. XLI, ııt. 


414 


a nas. + kons. aun, aum: 


eaun: 
a-+ + kons. 


au: 


at: 


e: 


a 
a-+ 4 gelegentlich oz, oy: 


a vortonig, gelegentlich z: 


e, i in offener Stellung er (ey): 


al: 


MARGARETE RÖSLER, 


maunche, faisaunt, chaumbre 

sufficeaunt, coniresteaunt, estcaunt 
malefeisour 
matfaisour 
maiffaisour 
meffaisour 


< malefactorem 


. mavays 


oyl < allium 
chivalere 
fein, feyn < fenum, le < legem 


e: poer 
a: poar | — afrz. poeir 
ai: poair 
e+!? al: counsail <. consilium 
eu.g in gedeckter Stellung se: Welle chierg < clenicus, 
fier < ferrum 
ieu: hieule < tegula 
2: Ile, Hille | 


g in off. Stellung manchmal :: 


: teuler — lieulier 
ou: 


gouter — jeler 
malire < materia, ins, fimes < fumus 


e + pal./ zeau: pieaux <. pelles 
ge + Nasal ea: feames — femmes 
ge + Nasal + 7 ie: lienge < linea 
Vortoniges £ a: sarganl 
; e: sergeaunl 
; manchmal u: busselle —= bichel (mesure de graın) 
ot: argoıle j 
i: argıl SBle 
p>oe oe: boef oef 
ie: bief Rn, nief < novem 
er Her N cor 
ou: courl 
o+: eo: neol > noctem 
o+ Mi oyl: moyler (aber auch moiller) < *mol- 
liare 
e+tu u: du < locus 
eu: covrefeu | zu focus 
ew: coverfew kew doch 
1ew: kiew 
In ged. Stellung manchmal 00: coo/ < collum 
Vortonig ew: fewaille, afrz. fouaille 
o: forure 
u: furure 
0,4 + oral. Konsonant ou: duchter 
o: bocher 
eou: heoure < hora 


08: 


coevVerer — couvrir 


LONDONER FRANZÖSISCH IM XIII. UND XIV. JAHRHUNDERT. 415 


o+7i 1: connisire, connissance 
0, 4y-+n + kons. ou: sounl, carboun 
un: lung 


ie: lienge + < longum 
au: launge 


oy: loyens < longe 


u ow: bouche PER 
u: busche, buche en 
ew: rew | _ ze 
uw: ruw 
ul: plus < plus, Aus < usus 
ur: oy: Froyk \ fructus 
uy: fruyl 
u: futif = alız. fuitif „Nüchtig“ 
Hiatusvokal + u u: juner — jeuner. 


Weniger ist in bezug auf den Konsonantismus zu bemerken. 
Es finden sich vereinzelte pikardische Formen: aca/z (= achatz), 
carkere (= chargier), kark u.charge „Gewicht von 1500— 2100 Pfd.“, 
karreü.carre „2100 Pfd.*, canel (= canal). 
Verwendung andrer Konsonanten als im Franzischen: 
e statt g: arcl (= argil), daneben aber argıl 
& mn ce: enforger (= enforcer) 


Rn €: carkere und Akark 

d „n #: audre (= aulre), vereinzelt 

d „ ss: vadlelz 

Ih „m 2: dessoulhe, foithe, autrefoilhe neben foiz 

Ih „ns: sulhmis . „Southevicouniz „Unterscheriff* 
. 0 == sousmis, i , 

Zn ss! suzmis suzgis < subjectus. 


Einfügungen von Buchstaben (falsche Etymologien): amcisner 
(amener), anoesance (anoisance), asmercier, ascun (aucun), eslechoun 
(election), jefuene (neben jeofne), haboundance. 

Die Nominal-Flexion ist ein so völliges Rätsel für die 
Schreiber, dafs sie die Regeln fortwährend verletzen und man auf 
jeder Seite Beispiele für deren Nichtbeachtung finden kann. Etwas 
besser steht es mit der Konjugation. Doch zeigt sich eine Vor- 
liebe für die Infinitive der ersten Klasse und die Partizipien auf £. 

Solche Infinitive, beziehungsweise Partizipien sind: abszeigner 
(a[b]stenir), affaines (zu attaindre), amentiver (amentevoir), remever 
(removoir), rescever (daneben receivre, resceivere, rescevire und recei- 
voir), sceiver (savoir), seises (zu seisir), surver (daneben surveer und 
sourver), surseer, vaueez (zu valoir),. Dagegen findet sich ournir 
(statt tourner). 

Bemerkenswerte andere Verbalflexionen sind praes. ind.: jeo 
devienke, jeo hienke,i appiergent (aber appiert),; praes. konj.: demurge 


ı L.C.I,2ı5. Modus faciendi homagium —: Ieo devienke vostre homme ... 
e fei vous porterai del fraunke tenement que jeo tienke de vous en Engleterre. — 
Möglicherweise sind diese Indikativ-Formen durch konjunktivische beeinflufst. 


416 MARGARETE RÖSLER, 


(demeure), devye (doive), doyne (donne). Latinisierende Formen: 
sciel (sait), scierent. 

Die Ordinalia bilden Analogieformen zu disme: sisme, selisme, 
ulisme und oyfisme, noevisme und neofisme, disoilisme, dagegen unzime, 
douzime, vyntyme. Für 8 kommt einmal eop/, für 80 ulave < octave vor. 

An Neubildungen ist der Wortschatz ziemlich reich. 


I. Mit Vorsilben. 


ı. Ohne Bedeutungswandel: accomaunder, acguire (cuire), 
desgluez, enraser. 

2. Mit Bedeutungswandel: adrokour „Detailverkäufer“ (bro- 
cour „Weinhändler *). 

3. Mit Vertauschung der Vorsilbe: emprentiz (apprentiz). 


U. Mit Ableitungssilben. 


adıesement „Eindringen“ (zu adeser), agardable „zuzusprechen* 
(zu agarder), amenuser „vermindern“ (zu amenuise), 
amounlance (statt amontant), dblachet „weilse Decke“ (zu 
blanche), dozef „Stier“, droilurilment „rechtmälsig*. 


III. Verwendung eines Wortes in eingeschränkter oder ge- 
änderter Bedeutung. 


appellour „falscher Ankläger* (afrz. „Ankläger“), bladier, bia- 
dour „Kornhändler* (afrz. „Aufseher über die Kom- 
felder“), bordelere „Eigentümer eines Bordells“ (afrz. 
bordeler v. „B. besuchen“), Aosfe! „Webstuhl“, menuet 
„feiner Stoff* (afrz. „klein“), Zedoudrous „Reisender, der 
nur kurzen Aufenthalt nimmt“ (afrz. pied poudreux 
„reisender Händler“), ws/slemens „Webstuhl“ (afrz. „Werk- 
zeuge*, usteille jedoch auch in der Bedeutung „Web- 
stuhl“). 


IV. Nomina agentis. 


ı. Aus französischem Sprachstamm gebildet: amurer (frz. 
armurier), avoufour (avoutrier, avoutre), drouderer (bro- 
deur), duriller „Wollstoffweber“ (afrz. buril „Wollstoff*), 
cheviseur „(unredlicher) Verkäufer“ (zu chevir), codeier 
„Flickschuster* (zu cobler, coupler „aneinanderfügen‘), 
lardiner „Vorsteher derSpeisekammer“, mesneng „Gefolgs- 
mann“ (mesnier), oeverauntz, oeverour „Arbeiter“. 

2. Aus germanischem und romanischem Stamm gebildet: 
bowier „Bogenmacher“ (engl. bow + frz. Endung), forcer- 
maker „luchmacher“ (im ersten Bestandteil vielleicht 
force — vgl. cofire-fort —, der zweite engl. maker), 
malemaker „Koffermacher“ (frz. malle + engl. maker). 


V. Latinismen oder Rücklatinisierungen. 


caas < casus, cribrer < cribrare, comfrarie zu frater, loguendes 
zu loquenda, manamis < magnanimus, massuelle zu mas- 
suellus „Keule“, dople < populus,. 


LONDONER FRANZÖSISCH IM XIM. UND XIV. JAHRHUNDERT. 417 


Die einzelnen Eintragungen in den Gildenbüchern sind meist 
unübersichtlich geordnet und es folgen mauchmal wenig zueinander 
passende Dinge aufeinander. Bei der eigentümlichen Schreibung 
kann dies zu sonderbaren Mifsverständnissen führen. Um nur eines 
anzuführen: Unter der Überschrift De Custumis Victualium werden 
die Abgaben auf in die Stadt eingeführte Waren abgestuft je nach 
dem Tore, bei dem sie hereingebracht wurden, aufgezählt. Da 
heifst es nuni: Za charecte ge meisne pessoun ou poletrie en West- 
chepe paiera II deniers. La characte lowys (— lou&e) ge vient en la 
citee ove layns, ou quirs, ou aultre merchaundise, paiera II deniers. Ei 
si elle entree par Holbourne, ou Flete ou par Allgate, dorra II deniers 
obole. De chescune vidue mort en Loundres enterre III deniers 
obole. De chescune charecte ge meisne escorce, obole elc. Der Heraus- 
geber entsetzt sich über die Taxe auf tote Witwen und will in 
tote Juden (Zudeu) ändern. Nun wird dadurch die Stelle aber 
nicht verbessert. Eine Änderung liegt auf der Hand, es ist enfree 
und nicht enserre zu lesen. Und zidue ist vielleicht ein Schreib- 
fehler für owe „Schaf“; jedenfalls ist ein Tier gemeint, das geschlachtet 
eingeführt wird. 

Es gibt noch einige sonderbare Stellen in den Gildenbüchern 
und viel sprachlich Interessantes, das in dieser kurzen Skizze nur 
gestreift werden konnte. Auch die lateinischen Texte dürften dem- 
jenigen, der in sie eindringen will, noch manches bieten, das der 
Herausgeber, H. Th. Riley, der Rechtsgelehrter und nicht Philologe 
war und dem seinerzeit die modernen Lexika nicht zur Verfügung 
standen, 2 nicht herausholen konnte. 


i Liber Albus 233. 
%2 Druck von 1859 und 1860. 


MARGARETE RÖSLER. 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 27 


Über die arabischen Lehnwörter im Altprovenzalischen. 


Carl Appel zählt in seinem Verzeichnis arabischer Wörter im 
Provenzalischen (Prov. Zautlehre, ı5) ca. 65 Lehnwörter auf. Diese 
Zahl läfst sich leicht bei genauer Betrachtung des Materials ver- 
doppeln. Über die Wege, auf denen diese Wörter nach der Pro- 
vence gekommen sind, bemerkt Appel, dafs sie „fast ausnahmslos 
durch Spanien nach Südfrankreich gelangt sind“. Auch diese Fest- 
stellung trifft nicht zu, weil Spanien in Wirklichkeit nur einen ver- 
schwindend kleinen Teil von ihnen vermittelt hat. Eine etwas aus- 
führlichere Behandlung des Stoffes ist, nachdem Singer und Burdach 
den alten Satz von der Abhängigkeit der aprov. Lyrik von der 
arabischen Literatur aufgenommen haben, auch für die Beurteilung 
der Ursprungsfragen der Trobadorlyrik von Interesse. Betrachten 
wir doch die arabischen Elemente in der provenzalischen Sprache, 
dessen eingedenk, dafs mit literarischen Einflüssen immer auch 
sprachliche Entlehnungen Hand in Hand gehen. Es ist doch 
schwer sich vorzustellen, dafs eine Literatur, die in Nachahmung 
einer anderen, fremdländischen entstanden ist, gar keine Begriffe 
und Kunstausdrücke, die für diese bezeichnend sind, übernommen 
haben sollte. Vielleicht finden sich nun in der altprovenzalischen 
Dichtersprache irgendwelche literarische termini arabischen Ursprungs, 
Hinweise auf irgendeine arabische Dichtung oder irgendeinen Ver- 
treter der arabischen Literatur, irgendein konkreter Hinweis auf 
arabische Quellen? Ohne Kenntnis der Quellen ist eine Nach- 
ahmung unmöglich, aber diese Kenntnis muls doch irgendwie be- 
merkbar werden, muls sich durch Wiederholung irgendeines Wortes, 
eines besonderen Kunstausdruckes, eines Namens oder einer Über- 
schnift verraten. Ich gebe hier ein Verzeichnis der bei Raynouard 
und Levy angeführten arabischen und ins Provenzalische über- 
gegangenen Wörter. Es ist sehr lehrreich, denn die Sprache ist 
etwas sehr Empfindliches, und tiefer gehende Kultureinflüsse lassen 
sie niemals unberührt. 


Alambic — Retorte < arab. al-amdig ein in der arabischen 
Chemie gebrauchter Apparat (E. Wiedemann, Deiräge zur Gesch. 
der Wiss. in den Sifl2.-Ber. der Phys.-med. Socielät zu Erlangen, Bd.43, 
S. 77). Alembicum id est vas distillatorium (Renzi, Col. Salern. 
III, 273). Distillatio quaedam per elevationem ut illa quae sit per 
alembicum (Alb. Magnus, Alchimia 8 35). Distillabis per alembicum 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 410 


(Berthelot, Za chimie au moyen-äge, 1893, p. ıı1). Cf. Amari, 
Sitoria dei Musulmani ll, 887 (Prov., 15. Jh.). 

Alaquana — orcanette < ar. al-hinna (Romania 32, S. 298; 
Thomas, Nouveaux essais, 1904, S. ı52f.). Nach Edrisi wird es in 
Sizilien angebaut (Amari, a.a. O. Ill, 78ı). Friedrich D. schreibt 
1239 vor, den Juden Land in Sizilien anzuweisen: et debent in 
eis seminare alchanam et indicum et alia diversa semina que cres- 
cunt in Garbo nec sunt in partibus Sicilie adhuc visa crescere. 
In den Assises de Jerusalem (R. %. oc. 1, 175) encanne. Col. Salern. 
II, 402, IV, 25f. empfiehlt alcanna zu kosmetischen Zwecken. Eine 
Beschreibung des Baumes a)-Qinna siehe bei Wiedemann, a. a. O. 
Bd. 48, 2ı. Alcanna est herba in transmarinis partibus (Beauvais, 
Spel.nat. IX, 31). Le hinna, vulgairement henne est un arbrisseau 
originaire de l’Inde et de l’Arabie, tres re&pandu sur la cöte sep- 
tentrionale d’Afrique ainsi que dans tout l’Orient. Die Blätter werden 
getrocknet, zerrieben, in Wasser aufgelöst und zum Färben benutzt. 
Die arabischen Frauen färben damit ihre Nägel an Händen und 
Füfsen, auch die Haare und die Finger der Kinder. Der Saft 
wurde auch zu medizinischen Zwecken gebraucht (Aboulfeda, D«- 
scription des pays du Maghreb, 1839, Anm. v. Solivet, S.1ı69). Aufser 
den Nägeln und den Haaren färbte man mit „Hinna“ sogar die 
Augenlieder (Makkari, 7%e mohamea. dinast. I, 543, trad. Gayangos; 
cf. P. della Valle, Viaggi 1843, I, 593, 646: una sorte di droghe 
per tinger le mani). 

Albaran — quittance < ar. dard’a. Im Syrisch-arabischen 
bezeichnet es ein Privileg, einen Pafs, ein Diplom (Zncyclop. des 
Islam I], 1913). La quittance constattant que les droits de douane 
avaient &te acquittes par un marchand est souvent designee dans 
les traites sous le nom d’albara. Muni de cette piece le marchand 
pouvait transporter en franchise les marchandises sur lesquelles il 
avait acquitte les droits dans toutes les autres villes du royaume 
(Mas-Latrie, Traites de paix et de commerce, 1866, S. 201, 207). 
In den Dokumenten finden wir: albara, arbara. 

Alcafit — titre de magistrature maure < ar. hkafıf. Era titulo 
que se daba a los sabios que conservaban en su memoria muchas 
historias tradicionales, alcafit = doctrinero (Conde, Dominacion de 
los arabes, 1, 286; II s. VI). (Prov., Philomena.) 

Alcali — soude alcali < ar. al-gali. Alkal — id est alumen 
vitreoli (in einem alchemischen Werke bei Berthelot, a.a. O. 217). 
Chali — id est cinis clavellatus sive biscoctus (Col. Salern. III, 284). 
Vgl. noch Amari, S/oria UI, 887; Alb. Magnus, Lid. de alchimia 
88 ız und 20 u.a. (Prov., Albucassis.) 

Alcavot, arcabot — libertin, debauche < ar. al-gauvach (Rom. 
34, 197; Eguilaz 126). (Prov., 14. Jh.) 

Alcoton — cotte de maille; coton — Baumwolle < ar. al-goton. 
Baumwolle wuchs in Spanien, Süditalien und Griechenland, aber 
die beste kam aus dem Orient, und sie bildete im Mittelalter einen 
wichtigen Handelsartikel (Heyd, Zısi du commerce de lwvant 1], 


27% 


420 DIMITRI SCHELUDKO, 


S. 6ııfl). Im Westen hiefs sie bis zum Anfange des 13. Jahr- 
hunderts allgemein „bombacium“, und erst seitdem verbreitet sich 
der neue Name „cottonum“. IL de. Vitry, Zıst. hieros.: sunt ibi 
praeterea arbusta quaedam, ex quibus colligunt bombacem, quem 
francigenae cotonem seu cotun appelant. Nach Edrisi wurde Baum- 
wolle in Sizilien selbst gewonnen (Amari, a.a. O. III, 784). Bei- 
spiele für den Gebrauch des Wortes „coton“ siehe bei Gay, Gloss. 
archeol. 453. Die Einfuhr von Baumwolle aus Syrien nach Italien 
fand schon in der ersten Hälfte des ı2. Jahrhunderts statt (Schaube, 
Handels- Geschichte, S. 181; über kauguelon siehe Viollet le Duc, 
Dichonnaire du mobilier VI, ı3ıfl., Michel, Recherches U, 38 ff., Fontes 
rerum ausiriaearum XIU, 295. In der Mitte des 13. Jahrhunderts 
war die Bezeichnung „coton“ schon so gebräuchlich geworden, 
dafs sogar Weiterbildungen entstanden, z. B. dras cotonez (Fagniez, 
Documents 1, 151). (Prov., ı2./13. Jh.) 

Alferan — Schlachtrols < ar. al-faras. Die Franzosen hatten 
in Palästina einen starken Bedarf an Pferden und zogen sie aus 
allen benachbarten Ländern, sogar aus Persien und Kurdistan 
(E. Rey, Zes colonies fraugaises de Syrie 1883, S. 34; Prütz, Äultur- 
gesch. der Kreuzzüge, S.322, 355), mhd. Varis (S.-Marthe, Zur Wafen- 
kunde, 1907, S. 204). Übrigens wurden Pierde auch aus Europa 
in den Orient eingeführt, auch zum Verkauf an die Araber (Schaube, 
a.2.0., S.ı85), aber die arabischen Pferde wurden von den Kreuz- 
fahrern besonders hoch geschätzt (Dresbach, Der Orient ın der afrs. 
Kreuzzugs-Literatur, 1901, S. 53). Weiteres siehe in meinem Auf- 
satz „Über das Wilhelmslied“, Zs. f. frz. Spr. 1927. (Prov., ı2. Jh.) 

Alcuba — Zelt < ar. al-gobbah, mhd. Zkub, Eykub, Ecobe 
(S.-Marthe, a.a.0., S. 303; A. Schulz, Das höfische Leben, 1889, 
II, 253). Das Wort begegnet uns schon im 9. Jahrhundert in einer 
Beschreibung der Kirche des Heiligen Grabes (Tobler, Descriptiones 
terrae sanclae S. 83: illa ecclesia de sepulchri Domini in gyro 
dexteros CVIIJ, illa alcuba LII ...). In Sizilien gab es einen von 
Wilhelm II. gebauten Palast, der seit dem 13. Jahrhundert „La cuba“ 
hiefs (Rivista Sicula IV, S. ı69f.). Das Wort ist in Europa dreimal 
entlehnt worden und kommt daher in drei verschiedenen Fassungen 
vor: I. aprov. alcuba — Zelt, 2. it. cudba — Kuppel und 3. frz. alcöve, 
sp. alcoba, port. alcova — kleiner Nebenraum (Prov., 12./13. Jh.). 

Alfi — Läufer im Schachspiel < ar. a/-il— Elefant (12. Jh.). 

Algarada — Wurfmaschine < ar.arrädah, ra'ädah — € nome 
di machina di guerra, diversa senza dubbio dal mangano e forse 
piü piccola ma usata allo stesso effetto di scagliare sassi o materie 
incendiarie (Amari, Biblioteca arabo-sicula U, 83; Eguilaz S. 176). 
(Prov., 13. Jh.) 

Algaravio — arabisch < al-arabia — arabisch (Gayangos, Te 
Chronicle of James I, S. 704; Eguilaz 176) (prov., Guilhem de la Bara). 

Algorisme — Art du calcul < ar, Alchwarızmi. Nachdem im 
ı2. Jahrhundert das Rechenbuch von Alchwarizmi übersetzt worden 
war, entstand die neue Schule der Algorithmiker, die im Uhter- 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 421 


schiede von der alten Schule der Abacisten nach dem vor kurzem 
bekannt gewordenen arabischen Systeme rechnete, wobei der Wert 
der Ziffern durch ihre Stellung angegeben und zuerst der Begriff 
der Null eingeführt war (Cantor, Vorlesungen über die Geschichte der 
Mathematik 13, 5. 902f.). Alchwarizmis Schrifien wurden in der Mitte 
des ı2. Jahrhunderts aus dem Arabischen von Adelhart von Bath 
übersetzt (A/goritmi de numero indorum). Johannes v. Sevilla schreibt 
danach eine Nachahmung: Liber algorismi de practica arismetrice (sic) 
(vgl. Martin, Zes Signes numeraux ei D’arıthmölique chez les peuples de 
l’antiquitd et du moyen-äge ı864, S. 90). (Prov. P. de Corbiac.) 

Aliscara — Strafe, Pein < ar. aluxor — decima, sp. alesor, 
alexor. In spanisch-lateinischen Texten der ersten Hälfte des ı 2. Jahr- 
hunderts: alesor. Es war eine Steuer, die von den Arabern in Spanien 
eingeführt und nach der Eroberung Toledos von der spanischen Gesetz- 
gebung beibehalten worden war. (Prov., B. de Vent.). (Eguilaz 87; 
Diet. hisp.-americ. I, gıı. Übrigens ist die oben angeführte Form 
aluxor, die ich bei Equilaz fand, keine echt arabische. Diese letztere 
ist vielleicht as‘ar, plur. von sr — Preistaxe). 

Alkimia — alchimie, chimie < ar. al-kimiya. Bei den Arabern 
verstand man darunter eine Substanz, durch welche die Metall- 
verwandlung bewirkt werden sollte. So ist es mit e-ixır gleich- 
bedeutend. Später nannte man so die Wissenschaft selbst. Das 
Wort kommt vom griechischen yrueia (Wiedemann, a.a.O. Bd. 36, 
S. 351). Die älteste Übersetzung arabischer alchimistischer Schriften 
gehört ins Ende des 12. Jahrhunderts. Dann wächst die Zahl der 
Übersetzungen (Berthelot, a.a.O. S. 22gff.). Alchimia est ars ab Al- 
chimo inventa et dicitur ab archymo graece quod est massa latine 
(Alb. Magnus, Zibellus de Alchimia $ 2). Vgl. E. v. Lippmann, Znt- 
stehung und Ausbreilung der Alchemie 1919, S. 482ffl. (Prov., 14. Jh.) 

Almassor — almansor, chef des sarrasins < ar. al-mansur — 
der Sieger, ein Titel, der wiederholt siegreichen Feldherren ver- 
liehen und schliefslich auch als Eigenname gebraucht wurde (Wart- 
burg, Ziym. Wb. 75, daselbst weitere Literatur). (Prov., ı2. Jh.) 

Alquitran — goudron > ar. al-calran, pez sacada del pino 
quemando su madera resinosa (Eguilaz 251). Das Wort wird in 
de simplicibus medicaminibus, zugeschrieben Gariopontus erwähnt: 
chitran lacticinium est quam plurimarum arborum (Meyer, Gesch. 
der Botanik UI, 493). Alkitran = bitume in einem alchemistischen 
Werke bei Berthelot, a.a.O. S.94. Im Mittelalter ist es ein Handels- 
artikel im Verkehr mit dem Osten (Fagniez, Documents 1, 331 fl.; 
vgl. noch Wiedemann, a.a.O. Bd.48, S. 23). (Prov., 12./13. Jh.) 

Alsagaia, arsagaia — Wurfspeer der Mauren < ar. Zagäya — 
c’est un mot berbere adopt& par les arabes qui s’en servent encore 
dans le sens de baionette (Devic 227; Lammens 268; Prov., G. de 
la Bara). 

Alvistra — Geschenk für eine gute Nachricht < ar. albixara — 
buena nueva, regalo que recibe el portador de una buena nueva 
(Eguilaz 254). (Prov., 13. Jh.) 


422 DIMITKI SCHELUDKO, 


Ambra, lambre < ar. audar — ambre gris. Quam sit eroticus, 
carabe, succinum seu ambra noscit amicus (aus der Literatur der 
Salernit.-Schule, cf. Daremberg, a.a.O., S. 142). Erwärmt verbreitet 
der Stoff einen Wohlgeruch. Am häufigsten wurde er am Utfer des 
Meeres gefunden. Im Orient machte man aus ihm Halsketten, 
sogar verschiedene Figuren, im Westen Kreuze, Knöpfe, Rosen- 
kränze usw. (Heyd, Zist. du com. II, 371). Die beste Ambra kam 
aus dem südöstlichen Arabien, die geringwertigste aus Nordafrika 
und Spanien. Die arabische zeichnete sich aus durch leichtes 
Gewicht, weilse Farbe und Öligkeit; Wiedemann, a. a.O. Bd. 4;, 
S. 39; eine Beschreibung der Zubereitung der Ambra ib. Bd. 42, 
S. 315, eine Aufzählung ihrer verschiedenen Arten ib. Bd. 48, S. 3of.). 
J. de Vitry, Zist. hieros.: ambra vero non pertinet ad arbores sed 
est sperma ceti et est aromaticum valde et confirmativum. Col. 
Salern. OD, 499: septem cara quae sunt bona vel rara: balsamum, 
ambra, thirus, caro, lignum, camphora, muscus; ib. 3, 275: ambra- 
sperma ceti idem secundum quosdam, sed procul dubio gummi 
arboris est in mari vel sub mari crescentis. Die Ambra mit ihrem 
erotische Lustgefühle erzeugenden Geruche spielt bis zum heutigen 
Tage im Parfümeriegewerbe eine wichtige Rolle (Prov., 13. u. 
14. Jh. 

en amirar — Emir < ar. amir. Über die Endung -a], 
die sich in den meisten Sprachen, die das Wort übernommen haben, 
festgesetzt hat, gibt es viele Vermutungen. (Eine Zusammenstellung 
bei Gabriele Maria da Aleppo e G.M. Calvaruso, Ze fonti arabiche 
nell dialetto sicihano 1910, S. 25.) Die älteste Erwähnung des Wortes 
in Westeuropa findet sich bei Einhard, 7. G. I, 190: amiratus. Im 
Anfange des ıı. Jahrhunderts: admıratus bei A. de Chabannes (ed. 
Chavanon 1897, S. 69). In den Annales Barenses (M. G. L 57, 
11. Jahrhundert) lautet das Wort: admira (eine Variante: ammıra, 
amira). In Sizilien wurde das Wort von den Normannen gleich 
nach der Eroberung der Insel übernommen (Amari, S/oria LI, 139 ff.) 
und bezeichnete seit der zweiten Hälfte des ı2. Jahrhunderts unter 
anderem den Leiter des Seewesens. Etwa seit derselben Zeit hiels so 
auch der Schiffskapitän (siehe Amirarius bei Yal, Gloss. nautigue 117 fl. 
Admirator galearum bei Lamii, Dediciae erud., 1739, 200 in einem 
Dokument aus dem ı2. Jahrhundert). Amari (Storia UI, 351f.) 
vermutet Einflufs der casus obliqui des griechischen aurjpas-ados. 
Da aber die ersten Erwähnungen des Wortes in frühe Zeit fallen, 
halte ich diese Vermutung für wenig wahrscheinlich. Die Endung 
des Wortes ist einfach der arabische Artikel a/-, den die des 
Arabischen unkundigen Europäer von dem folgenden Eigennamen 
abtrennten und zu „amir“ zogen. Je nach dem Anlaute des folgenden 
Wortes lautete dieses a/- im Arabischen a/- an-, ar-, al- usw. 
erklären sich die romanischen Formen amirafus, amirarius, amıralius 
amiran usw. In Handelsverträgen des ı2. und 13. Jahrhunderts 
haben wir das Wort oft auch in der Form amira, elmira (Mas-Latrie, 
Trailes de paix, documents, 5. 22, 43 u.a.). (Prov., ı2. Jh.) 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖKTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 423 


Angelot — Stoff, der zur Herstellung von Schminke diente 
< ar. anzarot (Mönch v. Montaudon). In den Assises de Jerusalem 
(R. h. oc. 11, 175) anserout — espece de gomme. Seit dem 17. Jahr- 
hundert bedeutet angelof im Franz. eine Art Käse (Gay, Glossaire 
archeologique, 1887, S. 32). Anzarot es una goma de un arbol que 
crece en persia (Eguilaz 268). Vgl. auch Thomas, Nouv. essais 
S. 159f. 

Asasi, ausesi — assassin < ar. hasıfıin — Mitglied der Sekte 
der Haschischtrinker. Im ı2. Jahrhundert kennt man noch das Wort 
in seiner ursprünglichen Bedeutung. Im Zlnerarium regis Ricardı 
(Stubbs 338 fl.) heilsen Aaussis? — Diener des muhamedanischen 
Herrscherss Mussa, die Christen mordeten. Bibliographie über 
Assassins: Prutz, Äulturgeschichte der Kreuszüge, ı883, S. 563; 
Hammer-Purgstall, Gemäldesaal der Lebensbeschreibungen, VI, 238; 
Cordier, Odoric de Pordenone, ı891, S. 478f.;, Dresbach, Orient in 
der altfranzösischen Kreuzzugsliteratur, 1901, S. 13; uatremere, 
M£moires sur U’ Egypte Il, 502; J. de Mandeville ed. Warton S. 216; 
The Book of ser Marco Polo, ed. H. Yule, 1903, Anm. (Prov., 12. Jh.) 

Auranja — orange < ar. närang. ). de Vitry, Zist. hieros. — 
poma citrina quae poma orenges ab indigenis nuncupantur. Albertus 
Magnus, De vegelabilibus VI, 63: arangus pomum habet breve et 
rotundum ... Amari, S/oria III, 445 weist darauf hin, dafs in 
einer Urkunde vom Jahre 1094 die Bezeichnung „via de arengeriis“ 
vorkommt, und will daraus schliefsen, dafs in Sizilien schon damals 
Apfelsinen gezogen wurden. Vgl. auch Hehn, Aulturpflanzen, 1911, 
S. 453. 

Avenuz — Ebenholz < ar. abenus. Ebenus est arbor ut dicitur 
incremabilis (Col. Salern. II, 288). Mit Ebenholz hat vorwiegend 
Arabien gehandelt (Heyd I, 379). (Prov., 13. Jh.) 

Azar — hasard < ar. az-zahr — d& & jouer (Devic). Ursprünglich 
bedeutete das Wort auch im Abendlande Würfelspiel, vgl. /udus azardı 
bei Du Cange in einem Dokument aus dem 13. Jahrhundert. (Prov., 
ı2./13. Jh.) 

Azaurs — tartane < ar. ax-zaurag — eine Art Schiff. Gayangos. 
(Chronicle of James 1, 709 erklärt das spanische zabra aus dem 
ar. sabra. S. 377 führt er noch die Form agzaures an, die er mit 
dem arabischen az-zabra identifiziert. Vgl. noch Eguilaz 315; 
Rom. XLI, 5ı. (Prov., Vie de S. Honorat.) 

Azur — azur < ar. Jazward — lazurähnlich.. Das Wort be- 
kommt im Abendlande ziemlich frühe Verbreitung. Cf. Zhnerar. 
yeg. Ricardi, ed. Stubbs S. CLIV: nubes magna omnem aeris im- 
puritatem secum trahens, ut ad modum azoli purissimi citra hanc 
videretur.... Col. Salern. II, 402 lapis lazuli; Amari, a.a.O. S. 887; 
Alb. Magnus, Alchimia 8 3: videmus enim ex argento generari azurum, 
quod dicitur transmarinum. Ib. $ 26 Albertus behandelt die Frage 
quomodo et unde fit auzurium (sic). Lapis lazuli wurde in der 
Provinz Balakschan gewonnen (Heyd II, 654). Marco Polo (ed. 
B. Boni O, 72f.) berichtet, dafs in der Provinz Balaxiam si trovano 


424 DIMITRI SCHELUDKO, 


monti nelle quali vi € la vena delle pietre delle quali si fa l’azzurro. 
(Prov., Gir. de Ross.) 

Balach, balais — Rubin > ar. dbalaksch — Rubin. Das Wort 
stammt vom Namen der Provinz Balakschan, die durch ihre Rubin- 
funde berühmt war. Dieser Stein wurde Gegenstand des Handeis 
zwischen dem Orient und dem Abendlande (Heyd II, 653 fl.). Be- 
schreibungen des Steines siehe Wiedemann a.a.0O., XLIV, 2ı6f. 
Albertus Magnus (Mineral. 1. II, cap. U): balagius est gemma coloris 
rubei. Marco Polo (Boni II, 136): in questa provincia (Balaxiam) 
si trovano queste pietre preziose che chiamano Balassi molto belle 
e di gran valore. (Prov., 13. Jh.) 

Barbacana — creneau, embrasure, derived from bab (a gatte) 
and al-khana — a seconde, outermost and lower wall in a fortress 
(Gayangos, A Chronicle of James 1, 704). Mhd. barbigan (S.-Marthe, 
Zur Waffenkunde, S. 264). Murum exteriorum, qui a surianis bar- 
bacana dicitur R. A. oc. IV, 97, vor dem Jahre 1137). Devic erklärt 
das Wort aus dem arab. darlakkh — tuyau d’aqueduc. Derselben 
Meinung ist auch Lammens (Mots fr. derives de !’arabe). Meyer-Lübke 
will es aus dem arab. dälakhanah — oberes Zimmer erklären, was 
am wenigsten wahrscheinlich ist. (Prov., Raimb. de Vaqu.) 

Bardel — barde, bät; alabart — Reitkissen < al-bardaa — 
bät rembourre pour un äne ou une mule (Devic), auch Sattel- 
unterlage. Du Cange zitiert charta Ildefonsi comitis Tolosae ann. 1144, 
wo das Wort darda erwähnt wird. (Prov., 13. Jh.) 

Barracan — camelot < ar. darakan — Stoff aus Kamelhaar. 
In abendländischen Dokumenten seit dem 12. Jahrhundert: bdougran, 
bouracan, barracan, Gay, Glos. archlol., S. 122, 187, 192; Fagniez, 
Dokuments 1,332; Michel, Recherches sur le commerce des dloffes 11, 34 
macht darauf aufmerksam, dals dbarragan unter den Stoffen erwähnt 
wird, die in Spanien schon im 9. Jahrhundert gebraucht wurden. 
In Italien im 13. Jahrhundert darracame (Fontes rer. austres XIV, 409). 
(Prov., Cartulaire de Montpellier.) 

Besana — Schaffell < ar. di/hana, qui signifie proprement 
„doublure“, la basane etant employ&e & doubler l’interieur des 
chaussures (Devic). Das Wort ist seit Beginn des 13. Jahrhunderts 
bezeugt (Du Cange I, 591, 612). (Prov., Cart. de Montp.) 

Bocaran — sorte d’etoffe < Eigenname Bokhara. Der Stoff 
wurde gerne zu Kleidern genommen und aus Syrien und Konstanti- 
nopel nach Westeuropa ausgeführt (Heyd U, 703). Des bouquerans 
et de tele dou couton (Assises de Jerusalem, R. A. oc. I, 173). Vgl. 
Nichel, Recherches I, 29f.; M. Polo, ed. B. Boni U, 482 u.a. In 
provenzalischen Texten findet sich das Wort schon im ı2. Jahr- 
hundert. Sonst ist es für diese Zeit nur wenig bezeugt. 

Bogia — bougie < afrikanische Stadt Zrdjäya. Im Mittelalter 
trieben die Provenzalen, Katalonier und Venezianer mit dieser Stadt 
einen sehr lebhaften Handel. Ausgeführt wurden Wolle, Öl, Felle 
und besonders Wachs (Zncycl. des Islam. 1, 798, Devic 71). (Prov., 


15. Jh.) 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTEK IM ALTPROVENZALISCHEN. 425 


Bus — kleines Fahrzeug, Boot, span. dıya (Zurita, Anales I, 49). 
Quatremere (Hisi. des Sult. maml. I, 2, S. 272 erklärt das Wort aus 
dem arab. dbafasa und verweist auf duza bei Alb. d’Aix, Zist. hierosol. 
S. 330. (Prov., ı2. Jh.) 

Caf — ungerade, it. cafo, vielleicht aus dem ar. gafa — Rück- 
seite (Meyer-Lübke 6896). 

Cafera — Kampfer < ar. käfür. Camphora per nares castrat 
odore mares (Col. Salern. V, 25). Der Kampfer wurde im Orient 
gewonnen (Heyd II, 5gofl.) In den Assises de Jerusalem (a. a. O. 
DO, 175) cafor, cafur. Weitere Bibliographie in der Zneycl. des Islam 
II, 667. (Prov., ı2. Jh.) 

Camelin, camelot — Wollstoff < ar. khäml, khamlah — Stoff 

aus langhaariger Kamel- oder Ziegenwolle. Cf. Gay, Gloss. archeol. 
S. 261. Im ı2. Jahrhundert wurde dieser Stoff bereits in Frankreich 
(in Chalons) produziert (Fagniez, Documents I, ı51f.). Amari Ill, 892; 
Camelotto non da camello ma da khamlah, che significa propria- 
mente veloso. Der Stoff wurde aus dem Orient nach dem Abend- 
lande ausgeführt (Michel, Aecherches D, aıf.). Im ı3. Jahrhundert 
handeln de iamelotis die Genueser in Alexandrien (Notices et extrails 
X, 36). (Prov., ı3. Jh.) 
Calamalec — Der arabische Gruls < ar. saläm’aleik salut sur tot. 
Übrigens kann das Wort auch aus dem Hebräischen stammen. 
Erwähnt wird es schon bei Aynard v. St.-Evre im ı0. Jahrhundert 
(salamalec est ave — Manitius, Gesch. d. lat. Lit. U, 662). (Prov., 
Giraut de Luc.) 

Califa — Kalif < ar. Xhalifa. Das Wort verbreitete sich seit 
dem ersten Kreuzzuge über ganz Westeuropa, aber bekannt war 
es schon früher. Vgl. califus, M. G. ll, 208, Dokument aus dem 
10. Jahrhundert (Prov., 13. Jh.). 

Caneja — Die Bedeutung ist bei Levy nicht angegeben. Wenn 
es ein Stoff ist, so geht das Wort wohl auf arab. kandjı zurück. 
Kandji ist ein Stofl, der von Armen zur Kleidung gebraucht wurde 
(Quatremere, Zst. des sullans mamlouks II, 73). 

Caramida — boussole < ar. garamit (G. Jacob, Östliche Kulltur- 
elemente, 1902, S.13). Über die Herkunft des Kompasses von den 
Arabern s. E. Gerland, Verhandl. der Deutsch. Physik. Ges. X, 377 
und XI, 262. Zum ersten Male wird der Kompafs in Europa am 
Ende des ı2. Jahrhunderts erwähnt (Hugues de Berry und Alexander 
Neckam). Die Literatur über die Frage siehe Steinschneider, 
Hebräische Übersetzungen, S. 964; E. Wiedemann, Gesch. des Kompasses 
in den Berichten der deulsch. Physik. Ges. V,764ff.; Gerland, ib. V1, 377; 
Mitteilungen zur Gesch. der Medizin V11, gfl.; Yal, Gloss. nautique, 
S. 388f. Im Italienischen calamıta bei P. delle Vigne (d’Ancona 
e Comparetti, Antiche rime volg. 1, 108). (Prov., Vie de S. Honorat.) 

Carcais — carquois < ar.farkaschh Le mot tarkasch est le 
terme persan tarkesch qui designe un carquois ... Ce terme a 
passe dans, les langues de l’Europe oü il a forme le mot rapxacıov 
ou rapxacıov des Ecrivains de la Byzantine, le mot latin turcesia, 


426 DIMITRI SCHELUDKO, 


Vitalien turcasso (Quatremere in Makrizi, Hs. des sult. maml. ], ı3. 
Im Provenzalischen haben wir carcass bei R. de Vaquieras, im 
Frz. tarchais bei Wace, Rom. de Rou. Meyer-Lübke, Du Cange VII, z2ıı 
folgend, vermutet griechische Vermittlung. Doch sehe ich dazu 
keinen Grund. Das griechische rapxd@oıov ist eine parallele Ent- 
lehnung aus dem Arabischen. 

Carobla — fruit de caroubier < ar. kharüba. Die Frucht war 
schon den Alten bekannt, aber ihr Anbau wurde von den Arabern 
in Sizilien und Süditalien erneuert. Vgl. Hehn, Kulturpflanzen, ıg11, 
S. 458. Vanundandum exponebatur genus fructus nascens in ar- 
boribus, grana scilicet in folliculis ut legumen inclusa, volgo vocatum 
caruble, gustu dulce et esu satis delectabile (ZAner. reg. Ric., Stubbs, 
S. 173). In den Assises de Jerusalem: carouble, carrouble (Prov, 
Tenzone Porciers und Folquets). 

Carrat, cayrat — sorte de poid pour loor et l’argent < ar. 
al-giral — ist das Gewicht von vier Gerstenkörnern 0,1647 gr. 
gleich (Wiedemann, a.a.O., Bd. 42, S. 305). Kerat, kemith, id 
est pondus quatuor granorum ordei (Col. Salern. Il, 296). Vgl. 
noch Amari III, 891. (Prov., 14./15. Jh.) 

Cordoan, cortves — Cordouan, Cordouanier — Kordouan- 
händler, von dem Namen der Stadt Kordova. Cordouan est la 
peau de chevre ou de bouc tann& (Gay, (Gloss. archeol. S. 427). 
Vgl. Du Cange U, 562 f., Fagniez, Documents I, 331. Cordoan sowie 
Maroquinleder wurde im Mittelalter besonders aus den nordafrika- 
nischen Städten ausgeführt (Mas Latrie, Traites de paix, S. 216). 
Im Ruodlieb (Grimm und Schmeller, Zragm. X1II, v. 96) corduanelli, 
was die Herausgeber als calceoli ex pelle de Corduba erklären. 
Übrigens ist Korduanleder im Abendlande seit dem 9. Jahrhundert 
bekannt (siehe La Curne, Dict. unter dem Wort cordoan). (Prov., 
13. Jh.) 

Cubeba — cubebe < ar. kedadba. Cubebe plus quinque nun- 
quam sumantur in usu (Col. Salern. V, 27). Cubebe wird bereits 
bei Constantinus Africanus erwähnt (Meyer, a.a.O. OL, 485). Es 
ist ein wertvoller Artikel, der aus Indien über Bagdad bezogen 
wurde (Sanuto, Secrela fid. lib. I, p. I, c.I). Ihn erwähnt auch 
S. Hildegarius (Migne, Pair. lat., S. 197, col. 1142). (Prov., 14. Jh.) 

Doana — douane < ar. divan. Das Wort kommt immer wieder 
in Handelsurkunden des ı2. und 13. Jahrhunderts vor, sobald vom 
Handel mit dem Orient die Rede ist (Amari, Z diplomi arabı, S. 243, 
258, 293, 304 usw. — duana, Johana, dovana; Lamii, Deliciae erudıt., 
S. ıg6ff.; Notices et extraits de la bibl. du roi XI, 30ff. usw.). Über 
die für die Duana im 12.—ı3. Jahrhundert beobachteyen Regeln 
handelt ausführlich Mas-Latrie, Trazies de paix et de commerce, S. 106. 
186 ff. Sehr oft finden wir das Wort in der Gesetzgebung der 
Könige von Sizilien (Huillard-Br£holles, Zst. dipl. Fred. IZ, NW, ı, 
S. 199; Amari, Sforia 11, 322, III, 887). In Bezug auf den Handel 
bedeutete duana bei den Arabern casa donde se llevaba la cuenta 
y razon de las rentas publicas y donde se depositaban (Conde, 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 427 


Dominacion I, 57). Von den verschiedenen sonstigen Bedeutungen 
des Wortes diwan ist die Rede in den Annales de la Socidte d’archeo- 
logie de Bruxelles, t. VIII, S. 452. (Prov., 13. Jh.) 

Dorgoman, drogoman — Dolmetsch < ar. /argaman. Das 
Wort war den Franken in Palästina und Syrien im ı2. Jahrhundert 
sehr gut bekannt (Prutz, Äulturgeschichte der Kreuzzüge, S. 402). 
Turcimani, lorsimani, tursumanı fanden sich bei jeder duana (Mas- 
Latrie, a.a. O., S. 189). Auch im Abendlande war das Wort seit 
dem ersten Kreuzzuge gebräuchlich. Für die Formen drogoman, 
dor goman ist dabei griechische Vermittlung anzunehmen (vgl. Du Cange 
DI, 192, griech. do@ayotuavos). Die Formen wie /orzimanı, turcimanı 
sind demgegenüber von den Arabern auf dem direkten Wege ent- 
lehnt worden (Prov., 12./13. Jh.). 

Eisac, eiseo — gleichmäfsige Verteilung des Viehes; zssec-butin, 
im Neuprov. bei Mistral eissac — partage de bätes & laine entre 
le propietaire d’une metairie et le fermier. Indem ich von der 
Bedeutung des Wortes im Neuprovenzalischen ausgehe, vermute 
ich, dafs damit im Altprovenzalischen eine gewisse Menge Vieh 
bezeichnet wurde, die zur Steuerabgabe ausgeschieden war. Diese 
Bedeutung ist uns auch im spanischen „asequi* bezeugt — derecho 
che se pagaba en Murcia de todo ganado menor en llegando 
a cuarenta Cabezas, port. zaca, Sp. zague — eine Art Steuer. Aus 
der Bedeutung „Abgabe“ — zum Besten der mohamedanischen 
Gebieter — entwickelt sich, wie ich glaube, die Bedeutung „Raub“, 
prov. eisec, it. sacco. Ich führe daher das provenzalische und italie- 
nische Wort auf das arabische ga4@ zurück = aumöne, impöt 
(Lammens 255). Zeca — primicia vectigal (Eguilaz 293). Zaque, 
azaque es lo que se da por ley ä& dios o al rey. EI es diezmo 
de todos los frutos, de siembra, plantio y cria de ganados, de 
productos de comercio y de industria (Conde, Dominacıon 1, 270. 
In Italien, wo das Wort während der arabischen Herrschaft über 
Apulien und Kalabrien übernommen werden konnte, wurde es mit 
sacco—Sack zusammengeworfen. So entstand durch falsche Ety- 
mologisierung sacco— Raub. — Zakät bedeutete im Arabischen 
ursprünglich eine milde Gabe, darauf eine Abgabe (Th. W. Juynboll, 
Handbuch des Islamischen Gesetzes, 1910, S. 94f.). Der „zakät“ wurde 
vom Vieh — Kamelen, Hornvieh und Schafen — erhoben, ebenso 
vom Barvermögen, von Körner- und Baumfrüchten, Weizen, Gerste, 
Datteln und Rosinen (A. Querry, Recuerl des lois concernant les musulmans 
schyites, 1871, 5.133; Mednikov, Palästina, Anhang ll, S. 67). 

Eissarop, issarop, issirop, sirop — remede < ar. scharab — 
Trunk. Das Wort ist in der Medizin bekannt, seitdem man an- 
gefangen hatte, arabische medizinische Schriften zu übersetzen. 
Potio syrupus ut dicit arabs, syrupus violarum, syrupus rosarum 
(Col. Salern. U, 471, 480) syrupus id est bibitio (ib. III, 314). Im 
Codex Calixtinus (Migne 163, 1397) siropus —= Arznei. Vincentius 
Bellov. spec. nat. X, 135, 161: syrupus roseus, syrupus violaceus. 
Der aus dem Safte der Rosen hergestellte „Syrupus“ galt immer 


428 DIMITKI SCHELUDKO, 


als Heilmittel (Aegidii Carboliensis de virtutibus et laudibus com- 
positorum medicaminum bei Leyser, Zis/. foet. S. 600). Am Hofe 
FriedrichsIL in Sizilien lebte Thodorus Philosophus, dessen Obliegen- 
heit es war, einen Trank zu bereiten, aus sciropis et zuccaro violaceo 
tam ad opus nostrum quam ad opus camere nostre (Huillard, a.a. 0. 
V, 2, 751). Die Zubereitung des Sirops war übrigens nicht ganz 
einfach, sondern dazu gab es vereidigte Spezialisten, die in der 
Herstellung von „electuaria et syrupi* erfahren waren (ib. IV, ı, 15). 
(Prov., P. d’Alvergne.) 

Eisalot, isalot — sirokko < ar. Scharg — Orient (Devic 208 f.); 
xarqui viento del Oriente (Eguilaz 428); schoruk — Südostwind (Meyer- 
Lübke, W5.). Über diese verschiedenen Etymologien siehe G.M. da 
Aleppo e G.M. Calvaruso, Ze fonti arabiche, S.334 fl.; Yal, Gloss. naut, 
1355. Devers midi en a il un autre (vent) qui engendre nues et 
a non Ero, mais li marinier l’apelent Siloc, si ne soi je raison por 
quoi il l’apelent ainsi (Br. Latini, Tresor, ed. Chabaille 1863, S. ı2ı). 
Ad meridiem versum Syrocum, per Syrocum navigando (Saruto, secrela 
fd. U, p. IV, cap. XXV). Cittä & lontana ... da quaranta miglia 
verso Scirocco {M. Polo, ed. B. Boni 11,468, 471; auch I, 145 — 
verso issirocco, per isciroc). Alle Schiffe, die Barcelona aufsuchten, 
fanden sich unter dem Schutz Barchinonensis principis a capite de 
Crucibus usque ad portum Salochi (Giraud, Zssass sur U’hist. du 
droit fr. 11,475, ca. a. 1068). Ventus ad Siroccum, a Sirocco bei 
Du Cange VIU, 496. Alle diese Beispiele zeigen, dafs unser Wort 
ursprünglich und auch noch später — im 13. und 14. Jahrhundert — 
eine Himmelsrichtung und nicht einen Wind bedeutete. Man muls 
es also vom arab. scharg —= Osten ableiten. (Prov,, 13./14. Jh.) 

Escac — Schachspiel < ar. Schah — König, Gay, Gloss. arch.ol., 
S.595ff. Die Heimat des Schachspieles ist Indien. Von dort kam 
es zu den Arabern und wurde von diesen im 9. Jahrhundert nach 
Spanien gebracht. Die erste Erwähnung findet sich im Roudlieb 
(Grimm-Schmeller, Zragm. Il, v. ı87), danach bei Petrus Damiani 
im Jahre 1061 und bei Petrus Alfonsi, Discipl. ler. am Anfang des 
12. Jahrhunderts (Linde, Quellen zur Gesch. des Schachspiels, 1881, 
S.57 fl.; Wiedemann, a.a.O., Bd. 14,S.43; Weinhold, Die Deutsch. 
Frauen 1, 106f.; Linde, Gesch. des Schachspiels, S. 134 ff.). Bei den 
Arabern hiefsen die Figuren in der zweiten Hälfte des g. Jahr- 
hunderts „kalb*. Dies war die allgemeine Bezeichnung; der König 
hiefs Schach, die Königin — Firz oder Firzän, der Elefant — Fil, 
der Turm — Rokh, der Springer — Faras, der Bauer — Baidaq 
(Wiedemann, a.a.O. XL, 43). Im ı2. und ı3. Jahrhundert war 
das Spiel im genzen Abendlande sehr verbreitet. Wir haben sogar 
ein besonderes Gedicht „De ludo scachorum“ (Pascal, Poesie lat. med., 
S. 137 f.; Strohmeyer im Toblerband S. 381 fl.). 

Espinarc — Spinat < ar. isfanäkh. In einer Urkunde vom 
Ende des ıı. oder vom Anfang des ı2. Jahrhunderts heifst es: „de 
cholera laeso spinachia convenit ori (Co. Salern. U, 458). Der arabische 
Ursprung des Wortes ist festgestellt von Devic ııo. (Prov., 15. Jh.) 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 429 


Farda — Kleidungsstücke, fardal— fardeau < ar. farda — 
ballot, sac, charge de chameau; /ard — Tuch, Kleider. Yal, Glos. 
naut., S. 683f.: fard — charge d’un navire. In einem Handels- 
abkommen aus dem 13. Jahrhundert ist de pardo de robe die Rede 
(Notices et extraits t. XI, S. 30. S. de Sacy erläutert in der Anmerkung: 
pardum — une balle, une charge). Bei Du Cange I, 414 fardellus — 
onus, sarcina — Beispiele seit dem 13. Jahrhundert. Im Proven- 
zalischen haben wir eigentlich zwei verschiedene Entlehnungen: 
Zu prov. farda — Kleidungsstücke vgl. port. /arda — vestido de 
uniforme, zum prov. fardal vgl. sp., port., it. /ardo — paquete de 
mercancias (Eguilaz 396). (Prov., ı2. Jh.) 

Feda — Strafe, Bulse < ar. idjah — Lösegeld. Notices et 
exlraits Xl, 39: feda — Rachät, rangon, mit dem Verweis, dals das 
Wort arabischen Ursprungs ist. Du Cange II, 426 /eda — emenda, 
mulcta in den Dokumenten aus dem Beginn des 12. Jahrhunderts. 
Im Spanischen alfada — rescate (Eguilaz 153). Über jidjah siehe 
J. Guidi, 27 Muhtasar o sommario del diritto Malechita, 1919, Bd.], 
S. 283 ff. 

Forssa — Dame im Schachspiel < ar. ferza — regina, sp. al- 
Ferza (Eguilaz 166). 

Festuc — Pistazie < ar. fostak, pers. fistah. V. de Beauvais, 
Spec. nat. XIV, cap. 75 ist de fistico die Rede, mit dem Verweis 
auf Avicena. Vgl. noch Eguilaz 169; M. da Aleppo e Calvaruso 175. 

Folca, falop — eine Art Schiff < ar. folk — Schiff. Yal, G’os. 
naut., 5.687. Falop geht vielleicht auf das arabische /alüka zurück. 
Vgl. Devic 117, Lammens ı17, Eguilaz 394. 

Fundeguier — Magazinaufseher, ein abgeleitetes Wort, das 
auf ar. fonduk zurückgeht = £tablissement commercial exclusif et 
permanent. Les foundouks &taient des etablissements destines & 
’habitation des nations chretiennes, A la garde et & la vente de 
leurs marchandises. In Handelsurkunden kehren Jonticus, fundigus, 
Jondtgus, fonticum, alfundega, fondech, alfondech, fondigues, fondegues 
sehr oft wieder. In allen mohamedanischen Ländern waren sie 
durch eine Mauer von der übrigen Welt abgeschlossen (Mas-Latrie, 
Traitts, S. 86, 89; Du Cange Ill, 626). Mit der Entwicklung des 
orientalischen Handels, d. h. seit dem Beginne der Kreuzzüge, bürgert 
sich das Wort auch im Westen ein. Vgl. Lammens ı18; Fagniez, 
Documents 1, 176. 

Fustani — Kleidungsstück aus Barchent </ ar. /osfan — giubba 
(M. da Aleppo e Calvaruso 184); Jouchtan — etoffe de Coton 
(Lammens 119). Zussaine, futaine — etoffe de fil et de coton 
d’origine orientale, mais qui &tait deja adopt€ en France au X s. 
(Gay, Gloss. archeol. S.750). Das war ein im ı2. und 13. Jahr- 
hundert sehr verbreiteter Stoff. Fustanis blanc et de color de 
Lombardia, fustanis vaırs de Lombardia e de Barsalona; fustanis 
blancs e tentiz de Barsalona (Fagniez, Documents I, 331, 13. Jahr- 
hundert). Die Italiener müssen es früh gelernt haben, den Stoff 
selbst herzustellen, da sie schon im ı2. Jahrhundert „fustanei“ nach 


430 DIMITRI SCHELUDKO, 


Syrien ausführen (Schaube, a. a. O., S. 159); der Stoff wurde aller- 
dings auch von dort nach Marseille eingeführt (ib. 207). In Italien 
wird /usiagno im Jahre 1255 erwähnt (Fontes rer. austr. XIV, 402). 
Vgl. noch Du Cange II, 640 ff. 

Gabela — impöt < ar. gabala — Steuer. Die „Cabella® wird 
in Handelsurkunden des ı2. und 13. Jahrhunderts sehr oft erwähnt 
und bezeichnet den in der „Duana“ für eine Ware gezahlten Zoll 
(Amari, Z diplomi 285, 306 u.a.; Notices et extraits XI, 31 fl.; Forte 
rer. austr. Xl1l, 455; Prutz, Die geistlichen Ritterorden S. 275). Huillard- 
Breholles, a.a. ©. t. IV, ı veröffentlicht Constitutiones summariae 
et gabellarum regni Siciliae — eine Aufstellung aller Abgaben aus 
der Zeit des Königs Robert. In der zweiten Hälfte des ı2. Jahr- 
hunderts ist „gabella® in der Provence ein allgemein gebräuchlicher 
Ausdruck. — Gabella vini, gabella salis usw. bei Giraud, Zssai sur 
U’hist. du droit fr. 1], 229, 240 u.a. 

Gafur — glouton < ar. kaäfir — ungläubig, undankbar (Zueydl. 
des Islam 11, 662f.). Dies ist dasselbe wie frz. cafard, sp. port. cafre 
(Devic 74). (Prov., 13. Jh.) 

Galengal — Galgantwurzel < ar. khalandjan. Phlegmonem 
stomachi sumptum galanga resolvit (Col. Salern. II, 465). Laut 
Heyd 1,93; I, 616f. wird calangan im Abendlande bereits im 
9. Jahrhunders erwähnt. Galanga cyperus babilonicus idem (Cal. 
Salern. Ill, 292); J. deVitry, Zst. hieros.: sunt aliae arbores quarum 
radices ... galanga appellantur. Gay, Gloss. archeol. 766: g. füt 
employece en medecine comme stomachique et antiseptique. (Prov., 
14. Jh.) 

Garbin — Südwestwind (Prov., 13. Jh.) < ar. gardb — West. 
Aussi de vers midi a un vent ... et a non Aufriques et par ce 
non l’apelent li marinier aucune foiz, mais il ’apelent par autres 
deus nons, quar quant il est dous et soes il l’apelent garbin por 
ce que cil pais que l’Escripture dit Aufrique on le di en vulgal 
parleure le Garb; mais quant il vient de grant ravine et o 
fortune li marinier l’apelent lebech (Bruneto Latini, a.a.O. ı2ı.). 
Vom Gharb leitet das Wort auch Fal ab (Gloss. naut. 768). Versus 
garbinum navigando, per garbinum navigando (Sanuto, a.a.O. Ip. 
IVc. XXV). Quanto !’uomo si parte dell’Isola die Java e va tra 
mezzodi e gharbi ... (M. Polo, a.a.O. I, 158). Das Wort be 
zeichnete augenscheinlich zuerst nur die Himmelsrichtung und wurde 
erst später auf den Wind übertragen. Wenn mit dem Worte Garb 
auch die mohammedanischen Gebiete in Nordafrika bezeichnet 
wurden, so ist zu beachten, dafs es in europäischen Handelsurkunden 
des ı2. und 13. Jahrhunderts sehr häufig vorkommt, und dals es 
sehr wohl möglich ist, dafs die Italiener dem Seeausdruck „garbino“ 
anfänglich auch seine mittelalterliche geographische Bedeutung bei- 
legten. Das Wort Zudech halte ich dagegen für romanisch, vgl. 
Isıdor., Ziymol. 1. XIV, c. V: Libia dicta quod inde libs flat, hoc 
est Africus; Zonor. August. (Migne 172, 136): Africus qui et Iybs 
tempestatem gerans. 


ÜBER DIE ARABISCHEN LERNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 431 


Janet, jainet — spanisches Pferd < ar. zenäfä — nation ber- 
bere connue par la valeur de sa cavalerie (Devic 127). Das Wort 
ist erst durch die Vermittlung des span. gzinefe nach der Provence 
gekommen. 

Jarra — Krug < ar. garrah — Wassergefäls. La voce arabica 
giarra s’applica in Sicilia a’ grandi vasi di terra cotta usati ordi- 
nariamente a serbare olio (Amari, ‚Sioria III, 865). Als Gefäls zur 
Aufbewahrung von Öl erwähnt in einem Handelsvertrage aus dem 
13. Jahrhundert in der Form jarra (Notices ei Extraits XI, 30); Du 
Cange IV, 280: zara olei; zara una de oleo (C. A. Martin, Storia 
t. VI, p. 332). (Prov., 14. Jh.) 

Jazeran — Panzerhemd < ar. gazair — Algier. Le haubert 
trestie ou jazeran est le haubert de maille (Viollet le Duc, Diet. du 
Mob. VI, 84; A.Schulz, Das höf. Leben, 44). Übrigens wird diese 
Ableitung durchaus nicht von allen Forschern gebilligt. Vgl. 
Lammens 138, Eguilaz 427. (Prov., ı2. Jh.) 

Julep, jolep — Kühltrank < ar. guleb — Rosenwasser. Auch 
diese Bezeichnung wurde wie der Sirup früh in der westeuro- 
päischen Medizin eingeführt. Juleb violatum, iuleb iuiubinum 
(Mesuae opera 138, 148 u.a). Im Antidotarium Nicolai (ed. Dor- 
veaux 1896, S. ı2) sirop iulevi, ebenda Matheus Silv.: iulep id est 
sirupus simplex ex sola aqua et zuccaro, graece iulevi. (Prov., 
14. Jh.) 

a — cotte, pourpoint < ar. gubbah — baumwollenes Unter- 
kleid (Amari, Si/oria II, 891, 887). Sanuto spricht (a.a.0. U, p.IV, 
c. VIII) von der Ausrüstung eines gegen die Sarazenen aufgebotenen 
Heeres und sagt, dafs jeder Soldat haben müsse zuppam unam 
aptam et dextram protinus ad ferendum, zupello communitus. 
Früher, 13. Jahrhundert, mufsten die Seeleute neben ihrer sonstigen 
Ausrüstung auch eine „zupa* haben (Zontes rer. austr. XIV, 412). 
Das Wort bezeichnete offenbar wie alcofon ursprünglich die mili- 
tärische Kleidung. (Prov., 13. Jh.) 

Laca — laque < ar. a2 — gomme laque. Lacca (Gummilac) 
wurde im 12. Jahrhundert in grofser Menge aus Ägypten in West- 
europa eingeführt (Schaube, a.a.0O. 162; Devic ı50). (Prov., 
13. Jh. 

DR — Fulssoldat < türk. wvJak — Läufer (übrigens zweifel- 
haft, vgl. M.-Lübke, W2.). 

Laut — luth < ar. al’ud — ein Saiteninstrument. Die Laute 
kam zuerst nach Spanien und Süditalien. Im übrigen Europa 
verbreitete sie sich erst im 14. Jahrhundert (Riemann, Musik-Zexikon 
1919; A. Schulz, Das höf. Leben 1, 554), Nach der Ansicht von 
Sachs (Handbuch der Musikinstrumente zı3ff.) geht die Laute auf 
die Perser zurück und ist in Europa erst seit dem 14. Jahrhundert 
bekannt. Al’tud und Rebab bezeichnen dieselbe Art von Saiten- 
instrument und stammen beide von der sassanidisch-byzantinischen 
Laute. Aus dem persisch-byzantinischen Instrumente entstand auch 
die mittelalterliche I.yra (Zs. f. Musikwissenschaft 1, 89 ff., 107). Doch 


432 DIMITRI SCHELUDKO, 


ist zu bemerken, dafs die altfranzösische „viele“ nicht auf ein 
arabisches Instrument von der Art des „Rebab“ zurückzuführen ist, 
sondern ihre Vorgängerin ist die schon im ı 1. Jahrhundert bekannte 
Lyra. In Spanien kreuzte sich diese mit dem arabischen „rebec“ 
(Moser, Gesch. des Violinspieles 1923, S. ı fl). In der Revista musical 
1898, S. 698 (vgl. Riıvista mus. italiana 1925 u. 1926) sind die 
ältesten Erwähnungen von „lut* in Westeuropa gesammelt (vgl. 
noch Annales archeol. t. 16, 8. 98fl.). (Prov., 14. Jh.) 

Limon — Limone < ar. Jimun — Zitrone. ]J. de Vitry, Hast. 
hieros, de fruchibus: sunt praeterea aliae arbores die fructus acidos 
quos appellant limones bringen. Col. Salern. IV, 34: aqua limonum. 
In einer Beschreibung Palästinas aus dem 13. Jahrhundert werden 
u. a. naranges et Lemones erwähnt (Laurent, Zeregrinationes med. 
aevi 1864, S. 67). (Prov., P. de Corbiac.) 

Maomaris, bafomaria — Moschee. Vom Namen des Pro- 
pheten Mohammed. 

Maimon — Affe < ar. pers. maimün. Das Wort ist spät ent- 
lehnt und im Westen wenig verbreitet. Im Spanischen — maimon 
— cierta suerte de gato (Equilaz 442); bei M. Polo — gat maimon 
(ed. Jule II, 437). Um so verbreiteter ist es durch Vermittlung 
des türkischen „maimun“ auf der ganzen Balkanhalbinsel: bulg. 
maimuna, rum. maimun, ngriech. uaıuoö — Affe. 

Marabeti, maraboti, maravedi, marabotin, maravites — 
Münze < ar. moräbitin — Goldmünze der spanischen Almoraviden. 
Es gab auch maravedi de plata und zwar von einem ganz geringen 
Wert. Arabische Maravedis werden im ı2. und 13. Jahrhundert 
von den christlichen Herrschern Spaniens nachgeahmt. Die Münze 
bleibt bis ins ı5. Jahrhundert im Umlauf (E. Matinori, Za moneta 
1915, S. 266f.; Gayangos, 7%e Chronicle 1, 47, 694). Der ganze 
Handel mit Spanien im ı2. und im ı3. Jahrhundert wurde mit 
Marabotini geführt (Schaube, a.a.0O. 307f.). Vgl. auch Du Cange 
V, 256f. 

Marroquena — sorte de monnaie — von Marokko. Gayangos 
(a.a.0. 47) weist darauf hin, dafs im Mittelalter maroquies sehr 
gangbar waren. Dies ist wohl dasselbe wie die Maroquitana — 
moneta d’oro del Marocco, che valeva 24 marabotini, von der 
Martinori, Za moneta 273, spricht. Das Wort bekam Verbreitung 
dank der regen Handelsbeziehungen mit Afrika, die im 13. Jahr- 
hundert Marseille, Arles, S.-Gilles und Montpellier unterhielten 
(Schaube, (a.a.O. 284, 315). (Prov., Gavaudan der Alte.) 

Mascarat — barbouille, deguise, faux visage < ar. maskara — 
Possenreiser, auch boufionnerie (Devic 158). In der Mitte des 
13. Jahrhunderts mufsten italienische Seeleute unter anderer Be- 
waffnung auch noch helmos vel capellinas cum mascheris haben 
(Fontes rer. austr. XIV, 413). Du Cange V, 294: maschara — galeae 
species, mascha — larva, simulacrum. (Prov., 13. Jh.) 

Masmudina — Münze der Almohaden < ar. Masmuda — 
Name eines arabischen Stammes. Masmodin — kind of silver coin 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALIPROVENZALISCHEN. 433 


similar to marabeti; the africane tribe of the masmuda being one 
of those called al-morabitin (Gayangos, The Chronicle I, 707). Mas- 
mutini ebenso wie marabotini werden im ı3. Jahrhundert auch von 
christlichen Fürsten gepiägt: dinar masmoudy, qui eut pendant le 
XII et XIll s. un si grand credit commercial (Lavoix, Catal. des 
monnaies musulmanes 1891, S. XXXVIL Vgl. Schaube, a.a. O. 282; 
Du Cange V, 295; Martinori, Za moneta 274. (Prov., 13. Jh.) 

Matalas, almatrac — Matratze < ar. malrah. Yal, Gless. 
naul. 990 — mataraceus. In einem Dokument aus der Mitte des 
13. Jahrhunderts: omnes naulizati habeant in nave unum mataracium 

. si lectum habuerit et in nave posuerit mataracium de ipsa 
solvat naulum patrono (Zöntes rer. ausir. XIV, 427). Über Matratzen- 
gebrauch im Orient siehe Lammens 161. Vgl. Du Cange V, 302. 
(Prov., 14. Jh.) 

Museraba —- Flasche < ar. mixraba — vaso, laza, Sp. moxeraba 
(Eguilaz 238). Der Orient war im Abendlande u. a. als Fabrika- 
tionsstätte künstlerischer Gefälse sehr bekannt (Bulletin monumental 
1909, S. 53). Syrien hatte seine Fabriken de poteries finnes et 
des verreries (Heyd I, ı77; U,710fl.) Vgl. G. Migeon, Manuel d’art 
musulman 1907, S. 347- 

Mesquin — arm, jung; Knabe < ar. meskin — arm, elend. 
Mischinus in der Bedeutung von Jüngling wird in Frankreich Ende 
des ıı. und schon häufig am Anfang des ı2. Jahrhunderts gebraucht 
(vgl. Du Cange V, 408). (Prov., ı2. Jh.) 

Momia — Mumie, Arzneimittel < ar. mumia — ein minera- 
lisches Harz, dem man Heilkraft zuschrieb. Man gewann es ent- 
weder in Persien in gewissen Höhlen oder aus den balsamierten 
Eingeweiden der Verstorbenen (Heyd U, 635). In der westeuro- 
päischen Medizin wird es seit der Nitte des ı2. Jahrhunderts unter 
den consolidantia erwähnt (Co/. Salern. UI, 499). Mummia est quiddam, 
quod invenitur in sepulturis corporum balsamitorum (Col. Salern. 
UI, 301). Vgl. noch Du Cange V, 543; ausführlich handelt über 
die momie Abd-Allatif, Relation de !’ Egypte, irad. de Sacy S. 200f., 272. 
(Prov., Las auzels cass.) 

Moresquin, moriquet — eine Art Tuch, ist sicher dasselbe 
wie pannus moresc bei Du Cange V, 519g = Tuch maurischer 
Herkunft (bzw. Art). 

Mortaiza — Einschnitt, Fuge < ar. murtazz — plante, fixe, 
insere (Devic 168). 

Mosola — grannenloser Weizen. Ich vermute, dals das Wort 
vom Namen der Stadt Mosul abgeleitet ist. 

Musc — Moschus < ar. misk. Col. Salern. (IV, 29) empfiehlt 
ihn zu kosmetischen Zwecken, Diese Drogue wird vom Tiere 
moschus moschiferus in Tibet gewonnen. Als Arzneimittel ist sie 
bereits Constantinus Africanus bekannt, als Handelsartikel wird sie 
jedoch wegen ihrer Rarität und Kostbarkeit nur selten erwähnt 
(Heyd UI, 636). Über verschiedene Arten des Moschus handelt 
Wiedemann, 2.4.0. 48, 26ff.; vgl. auch Carus, Gesch. der Zoologie, 


Zeitschr. f, rom, Phil. XLVII. 28 


434 DIMITRI SCHELUDKO, 


S. 198; M. Polo, ed. Jule I, 279; Reinaud, Relations des Voyages 
U, zı fl. (Prov., bei Albucassis.) 

Nabat — Kandiszucker < pers. nabät (Vullers, Zex. ders.- lat. 
II, 439). Assises de Jerus, R. A. oc. Il, 176: sucre nabeth. Durch 
türkische Vermittlung (nebat) gelangte das Wort auch ins bulg. redet 
Kandiszucker. 


Nafll, anafll, lamfil — eine Art Trompete < ar. nafir — 
tuba aenea. Das war ein Instrument für militärischen Gebrauch 
(Sachs, a.2.0. 278; Devic 32; Du Cange I, 568; Eguilaz 268f.). 
(Prov., 13. Jh.) 

Naip — Spielkarte < ar. Zar: — Spiel (Zs. d. d. morgenl. Ges. 
1829, S. 349f.; G. Jacob, Östliche Kulturelemente 1902, S. 6). 


Necari — sorte de tambour, nacaire < ar. nagara — timbale. 
Auf Schiffen gab es gewöhnlich nacharatos, joueurs de nacaire 
(Yal, Glos. archeol. 1029). Das Instrument wurde im Orient für 
Militärmusik verwendet (Viollet, Diet. du mob. Il, 243), besonders 
weil es auch von Reitern gespielt werden konnte (Sachs, Zand- 
buch 85). Sanuto (Secreta 1. Il, p.IV, cap.XX) hält es für notwendig, 
dafs ein christliches Heer Soldaten besitzt, qui sciant nacharos 
pulsare. ]J. Joinville, Zist. de S.-Zouis 1609, S.94f.: menestriers des 
Sultans sonoient de leurs cors sarazinois, tambours et macaires (sic). 
Cf. Du Cange V, 565f. (Prov., 14. Jh.) 

Nuoa — nuque, moälle Epiniere < ar. nukha — moelle Epiniere 
(Devic 177). Im Aprov. und Afız. hat das Wort noch seine ur- 
sprüngliche Bedeutung: Rückenmark. Zum ersten Male im Abend- 
lande wurde das Wort von Constantinus Africanus gebraucht: quae 
quasi medullae lingua arabica vocantur nucha und nucha quae 
dicitur medulla spinalis (Du Cange V,619). Im Mittelalter tritt es 
nur in medizinischen und naturwissenschaftlichen Werken auf. Eirst 
später wurde sein Gebrauch verallgemeinert. (Prov., 14. Jh.) 

Oliban — ensens, arabischer Weihrauch < ar. a/-/ubän. Libanum, 
olibanum — thus masculinum idem (Col. Salern. 111, 293 ; ib. IV, 27 
wird olibanum zu kosmetischen Zwecken empfohlen). Devic 179: 
Lammens ı85. Du Cange (IV, 42): olibanum in einem Dokument 
aus dem Jahre 1033. 

Patac — eine Münze < ar. bä/äga, abüläga — Name einer 
afrikanischen Münze (Devic 184f.).. Das Wort bezieht sich in den 
verschiedenen Ländern Westeuropas auf ganz verschiedene Münzen 
(Martinori, Za moneta 367 ff., S. 369 bemerkt er: voce provenzale 
patac di origine araba). (Prov., 15. Jh.) 

Papagal — perroquet < ar. badbagha. Papageien waren schon 
im Altertum bekannt (Schulz, a.a.O. 1,348; U,77). Im Mittelalter 
werden sie zuerst nicht erwähnt, auch nicht in der Kreuzzugs 
literatur (Dreesbach, Der Orient ın der afrs. Kreuzzugslit. 58). In 
den ersten lateinischen Versionen der Geschichte von den sieben 
Weisen ist die Elster an die Stelle des Papageis des Originak 
getreten. doch ist er in den späteren wieder in seine Rechte ein- 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 435 


gesetzt. Im ı3. Jahrhundert kennt man ihn schon gut (M. Polo, 
ed. Jule Il, 367, 431; Las novas del papegai; P. Cardenal, pus 
ma boca usw.).. Eine genaue Beschreibung bei ]. de Mandeville, 
ed. Warner 1885, S. 135 (cf. W. Hensel, Die Vögel 1908, S. 40; 
Stimming, Motette S. 40). 

Quintal — Zentner < ar. gintar. Al-gintar hat 120 oder 
100 ratl, al-ratl = 1/) manna, al-manna — 24 unzen (Wiedemann, 
2.2.0. 42,305). Das Wort kehrt in den Handelsdokumenten des 
ı2. und des ı3. Jahrhunderts immer wieder, weil damals Handels- 
waren nur nach Quintal gemessen wurden (Fagniez, Documents ; 
Schaube, 4.2.0. 101, 163 usw.; Amari III, 890; / diplomi 256 usw.). 
(Prov., 13. Jh.) 

Bebeb rebec, ribec, rabey — ein Musikinstrument < ar.rabäb 
— sorte de Violon. Riemann (Mus. Lex.) nimmt fälschlich an, dafs 
das Wort auf das keltische Chroita zurückgehe und dafs die Araber 
es von den Christen bekommen hätten. Ursprünglich hatte das 
Instrument nur eine Saite, aber seit dem ı2. Jahrhundert zwei 
(Viollet, Diet. du mob. DI, 306). C. Engel (Research in the early hist. 
of Ihe vıol. family 5.78) glaubt, es sei schon im 8. Jahrhundert von 
den Arabern nach Europa gebracht worden, und es sei im Westen 
das älteste Saiteninstrument gewesen. Das ist aber sehr zweifelhaft, 
da Westeuropa vor der Entlehnung des Rebec schon die Lyra als 
Saiteninstrument kannte. Engel gibt übrigens auch die Möglichkeit 
zu, dals der Westen nicht nur den Rebec, sondern auch die lute, 
necari und quitare vor dem ersten Kreuzzuge von den Arabern 
übernommen habe. Aber dies ist falsch. Das Wort quitare stammt 
ja nicht aus dem Arabischen, sondern aus dem Griechischen 
(Annales archeol., 1856, S. 105, Coussemaker). Zuzugeben ist, dafs 
eine besondere Art dieses Insrumentes auch von den Arabern 
herkommen konnte (Johannes de Grocheo in S. 2. M., Bd.I, S. 96: 
psalterium, cithara, Iyra, quitarra sarracenica; cf. guiterne moresche 
bei Joinville, Zst. de S. Zouis, Du Cange, ZLyr. V, 1668, S. ı61). 
Jedoch hat auch diese Entlehnung im 13. Jahrhundert stattgefunden. 
Der Rebeb ist älter. Es ist möglich, dafs er in Frankreich bereits 
im ı2. Jahrhundert bekannt war. Hierher gehört auch arlabeca 
— complainte (< sp. arrabeca). (Prov., 13./14. Jh.) 

Resegue — risque < ar. rizg — soldo militare, soldo giornaliere 
(Amari, Syoria 1I, 327). Et haec omnia faciant ad resegue et peri- 
culum et expensis illorum (ein Handelsvertrag aus dem Jahre 1223). 
Quod magis valent ista pignora quam debitum vestrum erit ad 
Tesegum nostrum; religum ad resegum vestrum (Dokument aus dem 
Jahre 1200 — Fagniez, a.a.O. I, ırı, 135). Devic, der die oben 
angegebene Etymologie vorschlägt (S. 194), bemerkt noch, dafs 
das Wort im Arabischen nicht nur la solde des soldats sondern 
auch toute chose qui vous est donn&ee (par Dieu) et dont vous 
tirez profit — also les bonnes chances bedeutete. Diese letzte 
Bedeutung haben auch bulg. risek und ngriech. g1L&ıx6» bewahrt. 
Mit dem griech. oißıxov — Klippe (Meyer-Lübke 7289) hat das 


28* 


436 DIMITRI SCHELUDKO, 


Wort resegue gar nichts zu tun. Vgl. Du Cange VII, ıg4f. (Prov, 
13. Jh.). 

Ribaut — Trofsknecht, ribauda — Dirme < ar. rıdaf — Mili- 
tärische Station. Wie Devic (Mem. soc. ling. de Paris V, 41) bemerkt, 
hat das Wort schon im Arabischen die Bedeutung von „maison 
de refuge, rempli de soudards, de bandits, de dıöles eflrontes, 
jeunes et vieux qui feignent la devotion pour extorquer l’argent 
des aumönes et insulter les femmes honnätes“ angenommen. Meyer- 
Lübke 4206 zieht die germ. Etym. hrıd?a— Hure vor. Doch wie 
konnte sich aus der Arıda— Hure die Bedeutung von „Soldat“, 
die wir bereits in frühester Zeit haben, entwickeln? Was die Ribäte 
anbetrifft, so konnte mit ihnen das Abendiand sehr früh Bekanntschaft 
machen. Die Sarazenen gründeten Ribäte an der Rhöne zur Zeit 
ihrer ersten Einfälle in Gallien (Codera, Zstudios, 1916, S. 319). 
Von Ribäten ist die Rede auch in Sizilien. Al-Mukaddasi be- 
schreibt die Ribäte in Palästina (Mednikov, Palästina, Anhang II, 
S. 8ı3f.).. Es ist mehr als natürlich, dafs die Christen für die In- 
sassen dieser feindlichen Vorposten keine warmen Gefühle hegen 
konnten. (Prov., 13./14. Jh.) 

Roc — Turm im Schachspiel < ar. rokk — Turm. 

Rup — Gewicht von 25 Pfund < ar. r05’a — Gewicht von 
12!/, kg. Dieses Wort treffen wir häufig in italienischen Doku- 
menten, die sich auf den Verkehr mit dem Morgenlande beziehen. 
Der Abt der Kirche von S.-Georg in Rodosto erhielt im Jahre 1145 
ein Privileg ut ecclesia suas proprias rubos et metras atque modia 
sua propria possessione habeat (Zontes rer. austr. XII, 103, rwubos 
ebda. S. 107). Amari, S/oria 1I, 307: il rub e nome di una misura 
di capacitä molto diversa secondo i tempi e i paesi, cf. ib. DI, 8gı. 


Sabata — Schuh < tür. dabata — Überziehstiefel. In Spanien 
zapalones bereits im ıı. Jahrhundert (Fernandez y Gonzalez, Zos 
mudejares, ı866, S. 285). Im ı2. Jahrhundert ist das Wort auch 
in der Provence allgemeingebräuchlich (Giraud, Zssais sur hist. du 
droit. fr. 1I, 239; Du Cange VII, 247f.). Das russ. Codof stammt 
direkt aus dem Tatarischen. Lammens (215) will das rom. Wort 
aus dem ar. sabödt erklären. Jedoch ist das letztere selbst vielleicht 
aus dem Romanischen entlehnt worden (Eguilaz 525). 

Sacre — Würgefalke < ar. sagr — Jagdfalke. Christliche Ritter 
trieben mit den Sarazenen Tauschhandel mit Hunden und Jagd- 
vögeln (Lammens 211). Von grofser Bedeutung waren auch lite- 
rarische Beziehungen. Adelard von Bath, der berühmte Übersetzer 
aus dem Arabischen, verfalste eines der ältesten Traktate über die 
Jagdvögel im Abendlande. In der Mitte des ı2. Jahrhunderts ver- 
falste Wilhelm in Sizilien einen Falconarius, und Friedrich D. selbst 
ein Traktat De arte venandi. Gleichzeitig verfertigte an seinem 
Hofe Theodorus Philosophus einen Falconarius (1236—1240) nach 
arabischen Quellen (Si/z. Ber. der Wiener Akad. 143, S.79). An 
dem Hofe Friedrichs II. wurden weiter andere Jagdtraktate an- 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 437 


gefertigt, die auf arabische und persische Quellen zurückgingen 
(Zts. f. rom. Ph. XU, XII, XXI; Rom. Rev. XII). 

Safran — Safran < ar. Za’feran. Der Safran wurde in der 
arabischen Medizin als Heilmittel angewandt. Im ı2. Jahrhundert 
wurde er im Orient aus Italien eingeführt, obgleich der orientalische 
Safran der Qualität nach besser war (Heyd II, 668. G. Maw, 
A monogr. of the genus Crocus, ı886, behauptet, dals das Wort 
„saffron“ in England seit d=m 10. Jahrhundert bekannt gewesen 
sei. Ich bezweifle das und halte Maw’s Hinweis für falsch. Der 
Crocus war in Westeuropa immer bekannt, und zwar wurde trotz 
des Handels mit dem Orient im Laufe des ganzen 12. Jahrhunderts 
nur der lateinische Name gebraucht (M. Kronfeld, Gesch. des Safrans, 
1892, S. 7f.; Schaube, a.a.0.S. 157 ff.; Fagniez, a.a. 0.1, 331 u.a.), 
ebenso ursprünglich in der Medizin (Col. Sılern. 11, 464, u.a. Crocus). 
Das arabische Wort wird daneben erst im 13. Jahrhundert üblich. 
Den Handel mit Safran betrieben besonders die Italiener, obgleich 
auch Marseille im ı3. Jahrhundert Safran nach Afrika ausführte 
(Schaube 93, 298, 312). Zaferane kennt M. Polo (Boni 1, ı6r), 
Zafferanum bei Sanuto (I, V, ID); vgl. noch Nor. et extraits VII, 302. 
(Prov., M. v. Montaudon.) 

Sanca — Holzschuh (?), Kothurn < ar. sanc — tibia, crus 
(Eguilaz 525). In anderen romanischen Sprachen hat das Wort 
die Bedeutung Fufs, Bein, Schaft. Es ist schwer, aus einem einzigen 
Beispiele die Bedeutung des provenzalischen Wortes genau zu be- 
stimmen; in jedem Falle mufs es mit anderen romanischen Formen 
zusammengehalten werden, und daher liegt kein Grund vor, es 
vom pers. zanca = Schuh abzuleiten, wie Meyer-Lübke 9598 will. 
(Prov., P. Vidal.) 

Satin, satanis — Atlas < ar. Zeiani von dem Namen der 
chinesischen Stadt Zaiton abgeleitet (Heyd 1I, 70:1). Über die Stadt 
Zeitun und Stoffe, die dort fabriziert wurden, siehe Ibn-Batutah, 
Voyages IV, 269. Die Stadt wird auch von M. Polo (Boni II, 352 ff.) 
beschrieben. 

Sene — sennes < ar. senä. Senne est folium arboris nascens 
in transmarinis partibus (Col. Salern. III, 313). De sene bei Beauvais, 
Spec. nat. IX, c.133. Die Heimat der Pflanze ist Syrien und Ägypten 
(Lammens 219). 

Simach — sumach < ar. summäg. Der „Sumac“ war schon 
im Altertum bekannt. Die Araber zogen ihn darauf in Sizilien. 
Jetzt wächst er in Italien und Spanien (Hehn, ÄAulturpflanzen S. 427 fl.). 
In der Medizin ist er seit dem ı2. Jahrhundert unter den restrictiva 
bekannt (Col. Salern. U, 499, IV, 27). Sumach est cuiusdam arboris 
fructus, similis granis ex quibus tingitur pannus rubeus (Beauvais, 
Spec. nat. XIV, cap. 78). Du Cange VID, 653. 

Siphat — p£ritoine <ar.si/ak. Super hepar sunt duo panniculi 
zirbus et sipbac qui sunt implicati velut rete.e Quod apparet ibi 
pingue et grossum dicitur zirbus, quod autem subtile est — siphac 
(Col. Salern. II, 389 — Ende des ıı. oder Anfang des 12. Jahr- 


438 DIMITRI SCHELUDKO, 


hunderts). Du Cange VII, 495 stellt fest, dafs das Wort bereits 
bei Constantinus Afric. vorkommt und bemerkt: vox arabica medicis 
mediae aetatis familiaris.. (Prov., 14. Jh.) 

Sisclaton — sorte d’etoffe < ar. siklatun (Michel, Rech. I, 233; 
Heydl], 311). Les siglatons, Les mahremas et les baudequins, &toffes 
originaires de Bagdad (Rey, Zes colonies S. ı1, bıfl.). Beste Sorten 
dieses Stoffes wurden in Spanien und Alexandrien angefertigt 
(Michel I, 22off.). (Prov., 13. Jh.) 

Soda — migraine < ar. soda“ (Lammens 223f.).. Im Proven- 
zalischen nur bei Abalcassis (Revue des Jangues romanes 1, 305). Die 
Bezeichnung wurde später von der französischen Medizin über- 
nommen. 

Soira — alter Hund — als Schimpfwort, nprov.souiro, soueiro — 
femme de mauvaise vie < ar. sorriga — Concubina, span. sorra 
(Eguilaz 495). (Prov., 14. Jh.) 

Soldan — Sultan < ar. su/än. Im Abendlande wird das Wort, 
glaube ich, erst seit dem ersten Kreuzzug verbreitet, im Griechischen 
ist es jedenfalls älter (Du Cange VU, 653). Es ist übrigens zu be- 
merken, dafs es Bernardus Monachus (9. Jh.) in seinem Z/inerarium 
in der Form suldanus wiedergibt (Tobler, Deseriptiones S. 87). 
(Prov., 12. Jh.) 

Sucore — Zucker < ar. sukkar. Die Heimat des Zuckerrohres 
ist Indien, aber die Araber haben das Verfahren zur Gewinnung 
des Zuckers so vervollkommnet, dafs der Zucker in grofsen Mengen 
hergestellt werden konnte und Handelsartikel wurde. In Europa 
wird der Zucker zuerst bei P. Damiani erwähnt. In Sizilien ist er 
seit dem ı0. Jahrhundert bekannt und wird nach Afrika, seit dem 
11. Jahrhundert auch nach Italien ausgeführt, und im ı 2. Jahrhundert 
wird in Sizilien sogar schon Zuckerraffinade hergestellt (Lippmann, 
Gesch. des Zuckers, 1890, S. 175 fl.; Amari, S/oria). Friedrich D. liefs 
sich zwei Männer kommen, qui bene sciant facere zuccarum. Sie 
sollten sowohl selbst in Palermo Zucker herstellen, als auch anderen 
das Verfahren lehren, quod non possit deperire ars talis in Panormo 
de levi (a. 1239, Huillard, Zrsz. dipl. Fred. IIZ,V,ı, 573). In Palästina 
fanden die Franken schon eine ganz entwickelte Zuckerindustrie 
vor (Heyd II, 685). Übrigens wurde der Zucker im Westen lange 
Zeit nur als Heilmittel gebraucht. Er war eben noch zu teuer. 
Über die Zuckerkultur bei den Arabern vgl. Wiedemann, a. a. 0. 
Bd. 47, S. 83 und Bd. 48/49, S. 1ı76f. S.-Hildegarius (Migne 197, 
1197) gebraucht die Form „Zucker“. In der Medizin des Abend- 
landes seit dem Beginn des 12. Jahrhunderts gebräuchlich. Zuccarum 
rosarum, zuccarum violarum (Co. Salern. U, 482). Zuccara vel 
zaccara, zuccarum vel zaccarum de canna mellis (ib. III, 322). 
Zucchara bei J. de Vitry, Zst. hieros. Saluti mortalium necessaria 
maxime zachara bei W. Tyrius, 1. XIH, c. 3. Über den Handel 
mit Zucker im Mittelalter siehe Schaube, a. a. O. S. 161. 

Sufra — Rückengurt, Riemen, nprov. sw/ro — dossiere, piece 
du harnais d’un cheval ist wohl dasselbe wie das sp. azofra — 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. 439 


correa ancha que sostiene sobre el sillin de la caballeria de varas 
las del carro < ar. si/ar — capistrum camelli (Eguilaz 324). 

Tabor — tanbor, Trommel < pers. fadir (siehe Sachs, Zandbuch 
der Instrumentenkunde S. 100fl.).. Boissonade (Du nouveau, S. 256) 
zeigt, dafs in der Ch. deR. nur die Sarazenen den „tabor* ge- 
brauchen, und schlielst daraus, dafs das Instrument nicht vor dem 
ersten Kreuzzuge in Europa bekannt wurde. Im ı2. Jahrhundert 
tambour c’est un instrument de guerre et de plalsir (Viollet le Duc, 
Dic. du mob. Il, 309). Bei Sannuto (I, IV, XX): tympana sive 
tamburla.. Lammens 233f. schlägt als Etymologie das ar. /ab/ = 
tambour (plur. #u6#/) vor. Cf. Devic 215. (Prov, ı2./13. Jh.). 

Tafatan, tafotas — Taffet > pers. /aftah. Du Cange VII, ı2 
laffata — pannus sericus. 

Tafur — Lump, Schelm. Das Wort ist sicher arabisch, ob- 
gleich die dafür vorgeschlagene Etymologie (ar. dahu! — Betrüger, 
Meyer-Lübke 2459) bedenklich ist. Vgl. Zischr. f. rom. Phil. Bd. 42, 
S. 481. 

Tala — Beschädigung, Verwüstung < ar. /aldaf — Verderb, 
Untergang, zugrunde gehen, verderben; /alak — Verderben, Ver- 
wirrtung.e Du Cange VII, 44, /ala—-vastatio, /alare — vastare. 
(Prov., 12./13. Jh.) 

Tara — defalcation, tare < ar. /arha von „tarah“ —= abwerfen 
und bezeichnet das, was beim Wägen abgerechnet werden muls, 
um das reine Gewicht der Ware zu erhalten (Devic 218). Der 
Ausdruck kommt erst später vor (Za Curne X, 14; Du Cange VIII, 30), 
doch glaube ich, dafs man ihn zu einer Zeit entlehnt hat, als der 
Handel mit den Arabern besonders lebhaft geworden war, also im 
ı2. oder 13. Jahrhundert. (Prov., 15. Jh.) 


Tarida — tartane < ar. farıdah — Schleppschiff. E. Rey, Zes 
colonies fr., 1883, S. 160. Das waren lange Transportschiffe (Jal, 
Gloss.naut. S.ı249f.). Jal glaubt, dals die Tariden im Abendlande 
bereits seit dem g. Jahrhundert bekannt waren. Es ist ein Irrtum, 
welcher durch falsche Datierung einiger späteren Urkunden hervor- 
gerufen ist. Die Tarida kommt in Westeuropa erst im 12. Jahr- 
hundert in Gebrauch. A. Schulz, Das höf. Leben, ı889, S. 323; 
Quatreme£re, ist. des Sult. maml!. 1,144; Sils. Ber. der K, Ges. der Wiss., 
Göttingen 1880, S. 139f.; Du Cange VIII, 33f. (Prov., 13. Jh.) 

Tarin — sorte de monnaie. Es ist eine in Sizilien und Süd- 
itallen gebräuchliche Münze arabischer Herkunft. Eingeführt war 
sie in Sizilien zu Beginn des ı0. Jahrhundert, und in einer Urkunde 
aus dieser Zeit heilst sie „tariis“. Später gab es eine Menge 
christlicher Nachahmungen und Serien (Martinori, Za moneta S. 511), 
Die Ableitung des Wortes ist nicht klar. Man glaubt, dafs es 
vom arabischen dirkem stamme. (Prov., Fierabras). 

Tassa — Tasse < ar. Zassa. Das Wort ist verhältnismälsig 


spät entlehnt. Eine der ersten Erwähnungen haben wir bei M. Polo, 
Boni II, 161, /azze). (Prov., 14. Jh.) 


440 DIMITRI SCHELUDKO, 


Tauc, atauc, taut — Sarg < ar. Zabul. Im Provenzalischen 
zuerst erwähnt beiSordel. Später ist es nicht nur im Provenzalischen, 
sond:rn au:h im Französischen bekannt. Nach Frankreich ist es 
vielleicht durch spanische Vermittlung gekommen. 

Tripa — Eingeweide, Kaldaun < ar. fhzrb — Eingeweid= (so 
Caix, Rassegna seltim ınale, 1879, IV, 103. Üorigens sehr bedenklich. 
Das ar. fh:rb ergıb in den lateinischen Texten zirdus, cf. Du Cange 
und Co’. Saleru. Ill, 322. Und es ist unverständlich, wie sich aus 
d.mselben Worte /rida entwickeln konnte). 

Turbit — Turpstwinde, ein Arzneimittel < ar. Zurded. Zum 
ersten Male im Ahendland=» wird das Wort bei Constantinus Africanus 
erwähnt (Meyer, G:sch. der Bo!anık, 1856, III, 433). V. de Bz:auvais, 
Sp:c. na. 1.1X, c. 149 Zurbilh mit Verweis auf Platearius; ebl 1. XIL, 
cap. ıtt. In der Medizin wurde der Artikel als Purgativmittel 
gebraucht (Devic 222, Lımmens 2}o). 

Zeduari — sorte de plante < ar. zedivär. Zedoar ante datum 
morbum fugat inveteratam (C'. Sa’. I, 470, II, 406). Bei Hildezarius 
(Migne 197, 1135) zifuar. Das ist Wurzel der curcuma zedoıria 
und war sie seit alter Zeit in der arabischen Medizin gehräuchlich 
(Heyd II, 676). J. de Vitry: zedvaria quae vulgariter citouart appellatur 
(Hist. hieros.).. Hyd (l, 93) vermutet, dafs die Drogue im Abend- 
lande schon im g9./ı0. Jahrhundert bekannt war. (Prov., 14. Jh.) 

Zegi — vitriol rubifie < ar. zag — vitriol (Eguilaz 17, Devic ıo0). 
Ruland, Zexicon alchemiae 1612: zegi, zet, zezi — id est vitriolum; ib. 84: 
Arabes atramentum simpliciter zeg vocant. (Prov., bei Albucassis). 

Zimar — vert de gris, it. zimar — verderame < ar. zingafr — 
cinabaris. Das ist ein zur Alchemie gehöriges Wort. Devic ı2 führt 
lateinische Varianten az’mzr, azemıla, azamar an. Ruland, Zex. alcı. 
1612: zymar, aynfer, zingar, ziniar — Id est viride aeris. (Albucassis). 

Zimee — sorte de pierre (14. Jh.). V. de Beauvais, Sp£c. nat. VII, 
cap. 108: zimeni ellazuri est lapis cuius coelestus color est flavus. 
Alb. Magnus, Mineral. 1. I, 2, cap. 20: zemech est lapi3 qui vocatur 
laxuli. Burtol. Angl. Elucilar. 16, cap. 103: zimiech est idem buod 
lapis lazurri. Ruland, a. a. O.: zemech — lapis lazuli. Es gelang 
mir nicht, eine arabische Etyms>logie des Wortes ausfindig zu machen. 
Trotzdem zweifle ich durchaus nicht am arabischen Ursprunge 
desselben. — Aufs Arabische muls man vielleicht auch folgende 
altprovenzalische Wörter zurückführen: 

Borais (Levy). Wenn das Wort dasselbe wie Borax bedeutet, 
so ist es gleich diesem vom arabischen dora% herzuleiten. Der 
Borax ist in Westeuropa im ı2. Jahrhundert zugleich mit der 
arabischen Medizin und Chemie übernommen worden. 

Argaut — Kittel. Ich neige dazu, das Wort mit span. argayo — 
Mantel zusammenzustellen, das Eguilaz auf arab. ax-x2ya — tunica 
zurückführt. 


Die von mir aufgezählten Wörter erschöpfen gewils noch nicht 
die ganze Fülle von Arabismen, die in die altprovenzalische Sprache 


ÜBER DIE ARABISCHEN LEHNWÖRTER IM ALTPROVENZALISCHEN. . 441 


eingedrungen sind, sondern ein aufmerksamer Forscher wird gewils 
noch manche finden, die bisher nicht bemerkt oder nicht identifiziert 
worden sind. Doch würde der allgemeine Charakter und die Be- 
deutung der Entlehnungen dadurch nicht verändert werden. Diese 
Entlehnungen geben uns ein deutliches Bild der kulturell:n Be- 
ziehungen zwischen d:n Provenzalen und Arabern. Die mzisten 
arabischen Wörter im Provenzalischen betreffen den Handel. Es 
sind B:zeichnungen von Handels;artikeln aus dem Tier-, Pflanzen- 
und Mineralreiche, die aus dem Orient eingeführt wurden, Bezeich- 
nungen von Kleiderstoffen oder Lederarten, die ınan vom Osten 
oder von den afrikanischen oder spanischen Arabern bezog, von 
von Gefälsen, Mafsen, Gewichten, Schiffen, Winden, Münzen, dann 
Ausdrücke, die mit der Tätigkeit der christlichen Handelsfaktoreien 
im Osten zusammenhängen. Andere Wörter stammen wieder aus 
den Übersetzungen von Werken der arabischen Wissenschaft: es 
sind zum Teil Namen von Heilkräutern, die gleichzeitig oder viel- 
leicht schon früher durch den Handel bekannt wurden, dann 
Fachausdrücke der medizinischen Praxis, auch der Anatomie und 
Alchimie. Teils durch Handel, teiss durch Kriegszüge lernte man 
dann auch Namen orientalischer Bekleidungsstücke kennen, ebenso 
Musikinstrumente mit ihren Bezeichnungen. Die Hälfte dieser 
letzteren ist militärischer Art, und auch sonstige rein militärische 
Fachausdrücke wurden übernommen, sogar Bezeichnungen von 
Pferden. 

Alle hierher gehörigen Wörter und noch einige andere, die 
nicht ohne weiteres zu klassifizieren sind, sind ohne jede Vermittlung 
des Spanischen ins Provenzalische übergegangen, und zwar ist ein 
Teil von ihnen ins Provenzalische auf dem direkten Wege über- 
nommen, dagegen sind andere, besonders Ausdrücke des Handels, 
offenbar von den Italienern eingeführt worden, die im ganzen 
ı2. Jahrhundert ein tatsächliches Monopol auf den orientalischen 
Handel hatten. Über Spanien sind nur sehr wenige Wörter, wie 
z.B. sorra, jainele, sufra, gekommen. Es sind rein zufällige Ent- 
lehnungen, die unvermeidlich sind, wenn zwei Völker in unmittelbarer 
Nachbarschaft miteinander leben. Dagegen gibt es in der altproven- 
zalischen Sprache nichts, woraus man auf einen wirklichen Einfluls 
christlicher spanischer Kultur auf die Provence schliefsen könnte. 

Die Chronologie der arabischen Entlehnungen entspricht durch- 
aus unserer Kenntnis von den Beziehungen zwischen Frankreich 
und dem arabischen Osten: die ganze Masse der Entlehnungeu 
fällt ins ı2. und 13. Jahrhundert. Vor dem ersten Kreuzzuge ist 
sehr wenig Arabisches eingedrungen, etwa das Schachspiel mit den 
betreffenden Bezeichnungen, das offenbar aus Sizilien über Italien 
nach Mitteleuropa gedrungen ist, ferner einige wenige Guwächse 
und Erzeugnisse, wie z. B. zeduarti, sucre und vielleicht noch einige, 
die entweder unmittelbar aus dem Osten oder ebenfalls durch 
Vermittlung von Sizilien und Unteritalien eingeführt worden waren. 
Durch politische Beziehungen lernte man vor dm ersten Kreuzzuge 


442 D. SCRELUDKO, ÜBER DIE ARAB. LEHNWÖRTER IM ALTPROV. 


wieder Wörter amiratus und su//an kennen. Es kann daher von 
irgend einem tieferen arabischen Einflufs auf die Provence vor 
Beginn des ı2. Jahrhunderts nicht die Rede sein. 

Wichtig für die Ursprungsprobleme der aprov. Lyrik ist es 
aber auch festzustellen, dafs sogar im ı2. und ı3. Jahrhundert, 
als arabische Wörter anfangen in grölserer Zahl nach Europa zu 
gelangen, als feste Veroindungen hergestellt werden, wir nicht ein 
einziges Wort angeben können aus dem wir auf Bekanntschaft 
mit der arabischen schönen Literatur schliefsen könnten: Wir 
finden keinen einzigen arabischen literarischen Namen, keine Über- 
schrift irgend einer Dichtung, keinen einzigen Hinweis auf eine 
solche, keinen einzigen Ausdruck, der sich auf dichterisches Schaffen 
bezöge. Das ist übrigens durchaus verständlich, da trotz aller 
Anstrengungen und Argumente der Anhänger der arabischen Theorie 
die Tatsache bestehen bleibt, dafs es Beziehungen rein literarischer 
Art zwischen dem mittelalterlichen Frankreich und den Arabem 
nicht gab, und zwar nicht nur im ıı. Jahrhundert, wo sie wegen 
der räumlichen Entfernung beider Welten voneinander schlechter- 
dings unmöglich waren, sondern auch im ı2. wo die Gelegenheit 
zu friedlichem kulturellen Verhehr gegeben war. Nirgends können 
wir einen Hinweis darauf finden, dafs irgend ein Minnesänger des 
ı2. Jahrhunderts oder irgend jemand in der Provence im ı1ı. Jahr- 
hundert imstande gewesen wäre, auch nur zwei arabische Sätze zu 
verstehen. Wir haben auch nicht die leiseste Andeutung darüber, 
dafs irgend ein arabisches Gedicht oder ein arabischer Roman 
im ı1. oder ı2. Jahrhundert in eine europäische Sprache übersetzt 
worden wäre, so dals die Provenzalen die arabische Literatur 
wenigstens aus solchen Übersetzungen hätten kennen lernen können 
(Baumstark, Abendländische Palästinapilger des ersten Jahrtausends 
1906, S. 79, bemerkt u.a. dals wir keinerlei Spuren davon baben, 
dafs die Pilger irgend etwas von den Arabern gelernt hätten). 
Es führt eben keine Brücke von den Arabern zu den Troubadours. 


Nachträgliche Berichtigung: dus ist nicht arabisch, vgl. bei 
Du Cange dussa, nordgerm. dussa, altengl. duss, russ. aus dem germ. 
busa — Schifl. 


DımiTRı SCHELUDKO. 


Bocoaccios Vater urkundlich in Paris nachweisbar, 


Den Boccaccio-Forschern ist es m. W. entgangen, dafs in der 
zweiten Pariser Steuerliste, derjenigen von 1313', unter den Steuer- 
pflichtigen, welche ‚Du coing de la [rue] Tierre-au-let jusques a la 
rue des Arsis a senestre‘ wohnten, S. 104 Docassın Lombart, 
changeur, et son frere aufgeführt sind. Dals hier Zombart die 
Herkunft anzeigen soll, wie das auch an anderen Stellen der Liste 
der Fall ist,2 und nicht ‚Geldhändler‘, scheint mir wegen des 
folgenden changeur kaum zweifelhaft zu sein, doch ist das ebenso- 
wenig von Belang wie die Frage, ob etwa speziell ‚Florentiner‘ 
gemeint sei,? denn auch ohne jene Bezeichnung könnten wir sicher 
sein, bei Bocassin Boccaccios Vater vor uns zu haben. Der Name 
ist ja durchaus unfranzösisch und auf französischem Boden nirgends 
belegt. Die Behandlung desselben durch die Steuerkommission 
läfst darauf schliefsen, dafs sein Träger sich ihr gegenüber Boccacci 
nannte, wozu denn stimmt, dafs der Sohn und Dichter in ver- 
schiedenen Codices mit dieser Namensform bezeichnet wird. Für 
ein Doccaccio% hätte man vermutlich BZocasse oder Bocas gesetzt, wie 
man für Zapo S.83 Lappe (le Lombart) setzte, oder auch Zap.5 
Mit dem Ausgange - wufsten die Pariser eben nichts Besseres 
anzufangen, als ihn in die Diminutivendung -:3 zu verwandeln, und 
so sind sie denn noch glimpflich verfahren, wenn man demgegenüber 
sieht, wie in einer Hofverordnung Philipps von 131396 mit ver- 
schiedenen italienischen Namen umgesprungen wird, und an das 
famose Gille = Schiller denkt. 

Wir wulfsten, dafs Boccaccios Vater im Jahre 1332 im Dienste 
der Bank de’ Bardi in Paris tätig war, und wir wissen auch aus 
‚De cas. ill. Vir.‘, dafs er dort schon im Jahre 1313 als negoliator 
lebte, aber es ist nun erwünscht, seinen ersten Pariser Aufenthalt 
auch urkundlich bestätigt zu sehen und zugleich zu erfahren, dals 


I Hg. von Buchon im Anschlusse an seine Ausgabe der Chronique 
metrique des Godefroi de Paris, 1827. 

2 Man sehe z.B. die Eintragung Jacques le tainturier, Lombart (S. 105); 
das schliefst freilich nicht aus, dafs Zomdart daneben auch ais Appellativ er- 
scheint, z.B. Nicolas T’hedery, lombart et tavernier (S. 182). 

8 Vgl. Marguerite Zweifel, Langobardus — Lombardus S. 92. 

* V.Crescini, Contributo agli studi sul Boccaccio, 1887, S. 20, A. S. 

5 Les Olim ed. Beugnot II, 607. 

© Les Olim 2.2.0. 


444 O. SCHULTZ-GORA, 


er Geldwechsler war. Offenbar betrieb er zusammen mit seinem 
Bruder das Geschäft, und man darf trotz des ‚chiamato‘ im Filocolo! 
annehmen, dafs es ein selbständiges war. Beiläufig bemerkt, kann 
es ihm nicht viel abgeworfen haben, denn es wurden von ihm nur 
50 Sous Steuer erhoben, er gehörte also zu den verhältnismäfsig 
wenigen schwach besteuerten Changeurs, wie z.B. Jehannol (S. 53), 
Jehan de Gienville (S. 104), während die grofse Mehrzahl derselben 
mit ganz anders hohen Steuersätzen bedacht ist und zweifellos 
reich war, was denn auch Buchon S. VI nicht entgangen ist. 
Vielleicht war das eine Folge seiner Redlichkeit und vielleicht sind 
in Boccaccio’s Passus Aones’o cum lubsre rem curabat augere domesticam 
die Anfangsworte zu unterstreichen. Was noch den in der Steuer- 
liste erwähnten Bruder angeht, so ist er gewifs Vanni gewesen, 
der, wenn ich nicht irre, bisber nicht eher nachzuweisen war, als 
in einem Dokument vom 10. Oktober 1318,2 aus dem hervorgeht, 
dafs Boccaccio und Vanni di Chellino seit mehr als vier Jahren 
Florenz bewohnten. 

Mehr ist aus unserer Eintragung kaum herauszuholen. Es ist 
uns ja durch den Sohn und Dichter Boccaccio bekannt, dafs sein 
Vater der Hinrichtung des Jakob von Molay, die am ıı. März 1313 
stattfand, beigewohnt hat, also mindestens bis zu diesem Zeitpunkte 
in Paris lebte. Oh er aber noch das ganze Jahr 1313 dort weilte, 
wissen wir eigentlich nicht, und da hilft uns auch die Steuerliste 
nicht. Diese ist von 1313 datiert, indessen an welchem Tage und 
in welchem Monat wurde sie angefangen und wann abgeschlossen?, 
oder mit anderen Worten, wann begannen die Steuereinziehungen 
und wann waren sie zu Ende? Wir hätten einen gewissen Anhalıs- 
punkt, wenn eine Verfügung von Philipp dem Schönen erlassen 
und uns erhalten wäre, die jene ‚taille‘ für Paris und etwa das 
Reich anordaete. In der grofsen Sammlung der Ordonnances des 
roys de France de la troisieme race, Paris 1723 ff. ist jedoch eine 
so:che Verordnung nicht zu entdecken, und wir finden daselbst 
I, 534 nur eine an den Seneschall der Saintonge gerichtete, vom 
1. Dezember 1313 datierte Ordonnance, auf welche schon Buchon 
S. IV hingewiesen hat und welche die Erhebung der ‚aide‘ für die 
Saintonge anbefiehlt. Aber dafs die Einziehung der aufserordent- 
lichen Steuer in Paris schon erheblich früher begonnen hatte, geht 
aus der ohen in anderem Zusammenhange angeführten Hofverordnung 
Philipps hervor (Les Olim I, 607), die vom März ‚ante Ramo; 
palmarum‘ datiert ist und eine Anzahl italienischer Kaufleute von 
jener Steuer befreit. Es heilst darin: zn solucione subvencionum nobis 
a civibus Parisiensibus debitarum lam pro herilagio regine Anglıe, nale 
nosire, quam pro milicia regis Navarrıi primogeniti nostri. 
Also Philipp brauchte Geld für die ‚chevaleric‘ seines ältesten Sohnes, 
von der auch ausdrücklich in der Vorbemerkung der Steuerliste 


ı Vg!. Crescini eb. S. 10. 
8 Crescini S. 40, 


BOCCACIOS VATER URKUNDLICH IN PARIS NACHWEISBAR. 445 


und zwar als dem einzigen Grunde die Rede ist. Diese ‚chevalerie‘ 
erfolgte nach Godefroi de Paris am 3. Juni 1313. Mithin hat die 
Steuererhebung schon im ersten Viertel von 1313 begonnen; dals 
sie etwa schon im Mai beendet war, mag zweifelhaft erscheinen, 
aber man kann, so weit ich sehe, auch nicht das Gegenteil be- 
haupten. Was Boccaccios Vater betrifitt, so darf man nur so viel 
als wahrscheinlich hinstellen, dafs er mindestens bis zum Juni in 
Paris blieb, und dies deshalb, weil nicht glaublich ist, dafs er die 
Hauptstadt vor den grofsartigen Festen verlassen haben wird, die 
am 3. Juni aus oben erwähntem Anlafs in Paris stattfanden, und 
von denen uns Godefroi de Paris V. 5095 fl. ausführlich berichtet, 
Natürlich hindert gar nichts anzunehmen (vgl. Crescini S. 40), dafs 
er in Paris noch das ganze Jahr 1313 zubrachte, in welchem ihm 
daselbst der Dichter als natürlicher Sohn von einer Französin 
geboren wurde. 


O. SCHULTZ-GORA. 


Ein Kulturbild aus den Mocedades de/ Cid von Guillen de Castro 
mit Ausblicken auf Quellen und Technik des Dichters wie auf 
den Cid des Corneille. 


A. Einleitung. 
Das Drama. 


Las Moccdades del Cid, die Jugendtaten des Cid, werden Comedia 
genannt, d.i. nach dem Vater des spanischen Dramas B. de Torres 
Naharro +} 1531 ein kunstvoll erdachtes Gewebe ungewöhnlicher 
Ereignisse mit glücklichem Ausgang; Personen treten in Rede und 
Gegenrede auf. Die Mocedades sind mit anderem Namen eine 
Tragikomödie und bestehen aus einem Doppeldrama von je drei 
Akten (oder jornadas). Im Grunde verdient nur das erste den 
Namen Afocedades; das zweite befalst sich mit Zazanas, Heldentaten 
des Cid, mit dem Cerco y el Reto de Zamora. Immerhin verbindet 
beide Teile ein gemeinsamer historischer Rahmen und vorbereitende 
und rückschauende Hinweise. — Las Mocedades del Cid y las Bodas 
de Jimena, — so lautet der vollständige Titel nach Vers 3003 —4, 
spielen in den letzten Jahren der Regierung König Ferdinands lL, 
des Grolsen. Dieser hält zu Anfang und Schlufs Staatsrat über 
Erziehung und Erbe seiner Kinder. Das Kernstück nimmt die Be- 
leidigung von Cids Vater durch Jimenas Vater ein und die Aus- 
tragung der schuldigen Rache durch Rodrigo und Jimena, die sich 
lieben, aber verfolgen müssen. — Das zweite Drama schildert den 
Cerco de Zamora unter Ferdinands ältestem Sohn und Nachfolger 
Sancho Il., der nach Besiegung seiner Brüder durch den Zamoraner 
Bellido Dolfos vor Zamora meuchlings ermordet wird. Diego 
Ordößfiez fordert die Zamoraner heraus, sich vom Verdacht des 
Mordes zu reinigen, und drei Söhne des alten Recken Anas 
Gonzalo bestehen den Heldenkampf. Alfonso folgt Sancho auf 
dem Thron, nachdem er seinerseits in Cids Hand den Reinigungs- 
eid geleistet hat. 


Der Cid im Drama. 


Die unter Ferdinand hergestellte Einigung des Reiches ist 
durch Sancho und die Erbteilung gefährdet; das erkennt man im 
ersten Teile. Sancho führt die Einigung im zweiten gewaltsam 
durch und stirbt; Alfonso ist der Erbe; der Cid aber der wirkliche 
Held und Sieger. Im ersten Drama begründet er seinen Ruhm 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 447 


und sein Glück, im zweiten ist er Feldherr Sanchos und nimmt 
am Schlusse Alfonso den Reinigungseid ab, nicht am Mord seines 
Bruders mitgewirkt zu haben. 


Der Cid als historische Persönlichkeit. 


Der Cid ist eine historische Persönlichkeit. Ruy Diaz de Vivar 
lebte 1026(f)—ı099. König Alfonso vermählte ihm seine Base 
Jimena, Tochter des Grafen von Oviedo. Der Cid wurde aber 
bald verbannt, ging zu den Mauren nach Zaragoza, siegte u. a. 
gegen den Grafen von Barcelona, eroberte Valencia (1094) und 
Murviedro und gewann die Gunst des Königs wieder. Er lebte 
in der Zeit der heftigsten Feindseligkeiten und Bruderzwiste der 
Fürsten von Kastilien und Leon und Aragonien, neuer heifser 
Kämpfe gegen die Mauren, besonders gegen die aus Afrika. Ein 
arabischer Schriftsteller und Zeitgenosse Ibn Bassam urteilt über 
ihn: s? un Rodrigo (der letzte Gotenkönig) perdid esta Espana, olro 
Rodrigo la reconguistard. Der Dichter der Eroberung von Almeria 
singt 50 Jahre nach Cids Tod: de guo canlatur, quod ab hostibus 
haud superalur, qui domui maures, comiles quoque domuit nostros. 
Der Dichter des Zoema de Mio Cid klagt: j Dios que buen vassallo si 
oviesse buen sedor (20)!, er jubelt 3723—24: senloras son sues fijas 
de Navarra e de Aragon. Oy los rreyes d’Espaila sos parientes son. 
Und später singt Luis de L&on von ihm: 7%, dende la hopuera — 
al cielo lwanlaste al fuerte Alcides, — Hü en la mäs alta esfera — 
con las estrellas mides — al Cid, clara vicloria de mil lides. 

Der Cid hat seine andauernden Kämpfe rein aus Eigenem, 
mit der Wucht seines starken Armes, durchgeführt und sich den 
Ruf der Unüberwindlichkeit, des Herrn = Cid (arab. said), vgl. 
campıidoctoris hoc carmen audıle! errungen. Er diente seinem König 
trotz Verbannung in steter Treue und tat alles, um seine Gnade 
wiederzugewinnen. Er besals Kenntnis des damals geltenden Rechtes 
und handelte danach, wie es einem ehrbaren Ritter geziemte. Er 
erstrebte die Wiedereroberung der arabischen Teilreiche (Taifas) 
in Spanien auf der Basis voller gleichberechtigter Lebensgemeinschaft 
und Toleranz im Glauben, in Sitten und Gebräuchen. Erst als die 
spanischen Araber den Einbruch der nordafrikanischen fanatischen 
Almoraviden herbeiführten, wurde der Cid fürchterlich (s. unten, 
S. 484 Anm.)., Die Eroberung von Valencia durch den Cid be- 
deutet einmal „die gerechte Urteilsvollstreckung* (nach M. Pidal), 
die Sühne der Almoraviden für die Vertreibung und den Tod des 
Maurenkönigs Alcadir, Cids Schützling; dann bedeutet diese un- 
erhörte Grolstat dieses einzelnen Mannes (in der Verbannung!) 
gegen eine so volkreiche Stadt mitten im Maurenland das stärkste 
Abdämmen der muhamedanischen Flut für den Osten Spaniens 
und die Rettung für den Nordosten, ja für Westeuropa. Alfonsos 
Heere im Westen und Zentrum kämpften unglücklich bei Zalaca 
1086, dann bei Consuegra, wo Cids einziger Sohn an Alfonsos 
Seite fiel, bei Ucl&s ı108, wo Alfonsos einziger Sohn fiel, 


448 WILLY SCHULZ, 


Die legendare Überlieferung. 


Der Cid ist sehr früh in Liedern und Prosa gefeiert worden. 
Es entstanden nacheinander: ı. ein Jaf. Hymnus, 2. die Zistoria 
latina dıl Cid, ı5 Jahre nach Cids Tode, 3. das Carmen de Almeria 
1147—57, 4. der Zbema de Mio Cid vom Jahre 1140,1 das hohe 
Lied der Taten (= Ahazaras) des Cid, 5. die Mecedadıs de Redr igo: 
die älteste Fassurg wohl in der Crönica general-Fassung vom Jahre 
1344 enthalten; die jüngere in der Cridnica rimada, nach einigen 
1150— 1200, nach anderen gegen 1300, ja erst zu Anfang des 
15. Jhs. verfalst, 6. die Crönica general in den beiden Fassungen 
Alfonsos des Weisen und Sanchos IV., 7. die daraus hervor- 
gegangencn und durch eigene Zutaten aus dem Volksgesang wert- 
vollen Chroniken der Veinte Reyes, der Zercera crönica general von 
1541, der Crönica particular del Cid (nicht vor 1512), 8. die Cid- 
romanzen aus dem 14. und 15. Jh, die dann im ÜOsdromancero 1612 
zusammengefalst worden sind (Ausg. Agustin Durän, Bibi. de auf. 
esp. X), 9. endlich das Ciddrama der Mocedades del Cid, in zwei 
Teilen, von Castro selbst 1621 herausgegeben, aber nachweislich 
schon früher — und vor ı618 (ob 1614? nach Ticknor) von 
anderer Seite; Drucke sind nicht erhalten, ı0. es entstehen eine 
Reihe z. T. guter Stücke noch bis 1668, meist die Zasaflas del Cıd 
betreffend, s. unten, ıı. die berühmteste Nachdichtung der Dichtung 
Castros, Teil I, der französische Cid des Corneille 1636 (s. unten). 


Romancero und Drama. 


Castro hat die spanischen Volkslieder ausgiebigst verwandt. 
Diese Romanzen geben ein vollständiges Bild vom Leben und 
Fühlen und der gesamten reichbewegten Vergangenheit des Volkes 
aus der Zeit der Glaubens- und Recor.quistakämpfe. Sie wurden 
am Hof wie beim Bauerntanz gesungen und erklingen z. T. noch 
heute in entlegeneren Orten in Spanien, in Amerika. Man fafste 
sie noch vor Castro in grofsen Sammlungen: Romanceros (1550 
erster Druck von Antwerpen) so vollständig zusammen, wie bei 
keinem anderen Volk. Als mit der reuen Zeit des 16. Jhs. sich 
der Blick Spaniens weitete und vom Süden wegwandte, ward der 
Romancero gelehrt und künstiich umgestaltet. Es ist klar, dafs 
das damals entstehende spanische Drama seine vorzüglichsten 
Stoffe aus diesem reichen Born schöpfte.. Auch Castro tat das 
und verteidigte energisch die spanische Volkskomödie gegen den 
neu aufgekommenen Geschmack der Klassizitätspedanten, ebenso 
wie Lope. Er ist einer der grölsten Dramatiker in der ersten 
schöpferischen Periode der klassischen Zeit neben dem gewaltigsten 
dramatischen Genie Lope, neben Alarcön, Tirso de Molina und 
noch z. T. neben dem Grofsen der zweiten Pericde Calderön de 


ı Nicola Zingarelli (Per la genesi dıl Poema del Cid, Rendiconti del Istit. 
lombardo, Mailand 1925) setzt das Epos weit später an, etwa gegen 1300, 
1140 ist die Angabe des Hgs. R. Menendez Pidal. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 449 


la Barca. — Der Üidromancero insbesondere (erste vollständige 
Sammlung ı612) wurde zum ersten Male von Juan de la Cueva 
1579 auf die Bühne gebracht in der comedia de la muerte del Rey 
Don Sancho y Reto de Zamora, aber mit wahrer Meisterschaft dra- 
matisierte ihn erst Castro. Castro übernahm, wo es nur anging, 
die Romanzen wörtlich, auch in Rücksicht auf sein Publikum und 
den lebendigen Volksgesang — ohne irgendwelche Anlehnung an 
Cueva. Das zweite Drama ist geradezu eine gigantische epische 
Nachschöpfung; das erste, die Mocedades, ein Meisterwerk ersten 
Ranges mit der Prachtgestalt der Jimena und der Entwicklung und 
Steigerung der Liebe zwischen zwei Menschen edelster Art und 
von eiserner Kraft, die bis zur letzten denkbaren Grenze gegen- 
einander ringen und füreinander leiden unter dem harten Zwang 
unerbittlicher Ehrgesetze und Kindespflichtten — bis zur schliels- 
lichen Vereinigung. Castro hat dieses gewaltige Drama por excelencia 
von Ehre und Liebe durch eine bunte Fülle von Begebenheiten 
und Örtlichkeiten glutvoll, aber in herber Schönheit, gezeichnet und 
das Ganze musterhaft geordnet aufgebaut. Er beherrscht Sprache 
und Technik der Versarten in gleicher Vorzüglichkeit. 


Der Cid in Sage und Dichtung. 


So ist der Cid aus dem alten Kriegshelden und Mauren- 
bezwinger (Campeador und Cid!) des ıı. und ı2. Jhs., aus dem 
unbotmäfsigen, trotzigen Vasallen der Crdnica rimada und der unter 
französischen Epeneinflufs gekommenen spanischen Romanzen des 
13. bis 15. Jhs. weiter zum Nasionalheros des beginnenden 17. Jhs. 
herangewachsen; er wird unter Castros Hand galant, — crisiiano, bravo, 
galdn, und die Mocedades atmen auch den Geist der neuen Zeit. 


Weitere Geschichte des Cidstoffes. 


Doch eine vollständige Metamorphose des Cidstoffes verträgt 
weder dieser selbst noch der Geschmack des Publikums. Schon 
Castros Stück hält sich nur kurze Zeit; Lope entnimmt dem Cid- 
stoff für seine gegen 2000 Werke nur ein Drama: Zas almenas de 
Toro 1618—ı9, das er seinem Freunde Castro zueignet, wie dieser 
die Endausgabe des ersten Teiles seiner Werke 1621 an Lopes 
Tochter Marcela. Es entstehen eine Reihe z. T. guter Stücke noch 
bis 1668,1 meist die Zazanlas del Cıd betreffend, aber schon 1673 
muls es sich der Cid gefallen lassen, ins Burleske gezogen zu 
werden, von Cäncer y Velarco: Las Mocedades del Cid, und wenn 
auch dies Stück zum Besten gehört, was das spanische Theater 
dieser Art aufweisen kann, so ist damit doch der alte Cid, der Cid 
der Romanzen und des Volksgesanges, tot. Der Geist der neuen 
Zeit fordert mythologische, religiöse Stücke, autos sacramentales, 
Intriguenstücke: Liebes- und Eifersuchtskomödien, comedias de cuerpo 


15. A. Hämel, Der Cid im spanischen Drama des 16. und 17. Yhs. 
Beiheft zur Zischr. f. rom. Phil. 1910. 


Zeitrhr. t. ram. Phil XLVII, 29 


450 WILLY SCHULZ, 


und comedias de capa y espada — diese hat Castro selbst erst auf 
der Bühne durchgesetzt, su. — dann die leichten und groben 
entremeses bis herab zur Posse, Zigurdnkomödie, und zum Ausstattungs- 
stück. Der schwere Ernst der alten Zeit ist einem leichteren Ge- 
schmack gewichen. Spanien fällt in Politik und Geistesrichtung 
dem stärkeren in sich gefestigten französischen Einflufs anheim — 
bis weit ins ı9. Jh. — bis Lessing und die deutsche Romantik 
kam und Gottfried Herder mit dem deutschen Volksbuch, dem 
Cid, besungen nach spanischen Romanzen (aber übersetzt aus franz. 
Prosabearbeitung!), J. Grimm, die Gebrüder Schlegel, Fr. Diez, 
F. J. Wolf, Graf Schack u.a. bis diese alle ihre Blicke und Arbeit 
begeistert nach Spanien hinwandten und den Cid neu entdeckten. 
Benno Rödel, Der Cid oder der Schwur um eine Krone (Augsburg 
1867), Feodor Wehl, Zsebe und Ehre, dramatisierten den Cidstoff 
in Deutschland, P. A. Lebrun, Ze Cid de l’Andalousie (1825), in 
Frankreich, und Massenet schrieb seine Oper /e Cid, die auch in 
Deutschland gespielt wird. Der Cid war in die Weltliteratur ein- 
getreten. Eine grolse Reihe von Literaten und Gelehrten beschäftigte 
sich fortab mit dem Cidstoff, nicht blofs in Frankreich (Victor Hugo, 
Heredia, Leconte le Lisle\, wo das Interesse wegen des Cid von 
Corneille natürlich immer grofs ist (s. u.), sondern auch in Holland, 
Deutschland, England (Lockhart, Gibson, Southey, Denis), Italien 
(Cidromanzen des Montis), Dänemark (Karl Baggers); ja in Ozeanien 
(volkstümliche Verserzählung der Tagalesen). Und in Spanien selbst 
nennen wir die beiden grolsen Wissenschaftler Men&ndez y Pelayo, 
den geistigen Erwecker des völkischen spanischen Gewissens, und 
Menendez Pidal, den hervorragenden Cidforscher, dessen Studien 
und grolse Ausgabe des Poema de Mio Cid die Gestalt des Cid 
in dem alten Glanze von Geschichte und Epos haben wieder- 
erstehen lassen. Er reinigte das Bild von den Schlacken, die der 
Verfall Spaniens darauf gehäuft hatte, und von der unzulänglichen 
Kritik der Benediktiner Sandoval 1615, Berganza 1719, von der 
gehässigen Beurteilung durch den Barcelonenser Jesuiten Masdeu 
1805 (von einem historischen Cid wissen wir nichts, nicht einmal, 
ob er gelebt hat!) und den einseitigen, trübenden Forschungen 
des grofsen holländischen Arabisten Dozy, der im Cid einen Con- 
dottieri, einen Schurken, Bündnisbrecher, einen Räuber und Landes- 
verräter ohne Treu und Glauben sah. — Wir nennen ferner im 
20. Jh. Ruben Dario, Manuel Machado mit seinem berühmten Gesang 
über den Cid in „Castilla“, E. Marquina, Zas hijas del Cid (Drama, 
1908), F. Pi y Arsuaga; dieser hat eine novela histörica: Z/ (id 
Campeador, Barcelona, Antonio Löpez, verfalst und will darin nur: 
zurcir y coordinar las tradiciones sobre Rodrigo Diaz de Vıvar verlidas 
en nuesiro romancero (S. 107 Anm.). — Der gröfste spanische Dichter 
des ı9. Jhs. Perez Galdos trat gegen Ende seines Wirkens — er 
starb 191g — energisch für die feierliche Überführung der Gebeine 
des Cid in die Kathedrale von Burgos ein. Die Gebeine waren 
zuerst im Kloster San Pedro de Cardefio (bei Burgos), daın 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADFS DEL CID. 451 


im Rathaus zu Burgos aufbewahrt und wurden nun, 1921, feierlich 
in der Kathedrale aufgebahrt; Menendez Pidal hielt die Festrede. — 
Das Interesse am alten Volkssang und am Cid ist in Spanien neu 
erwacht, aber die Meinungen sind doch noch geteilt, wie uns 
Salaverria 1907 in seiner Vieja Espana, S. 29f. (s. meine Ausg,, 
Velh. u. Kl.) berichtet: ... e/ zueblo espanol abandonaria sus antiguos 
errores y se harta un Pueblo de labriegos y comerciantes ... Cid, heroico 
hombre de la guerra ... tü enseilartas a tu pueblo que es necesario 
guerrear, lo mismo con espadas que con teorlas ... Entrate por los 
campos de tu tierra, despiertala, reavivala, llevala a guerrear | 


Der Cid des Corneille. 


An dem raschen Vergessen des gewaltigen Dramas der Mor. 
in Spanien selbst trägt auch der französische Gid des Corneille 
Schuld. Die Moc. Castros entstanden 1612—ı3, waren vor 1618 
gedruckt, die älteste erhaltene Ausgabe ist von 1621; der franzö- 
sische C:d wurde 1636 aufgeführt, und bereits 1658 veröffentlichte 
Diamante sein Drama Z/ honrador de su Padre mit — Corneille 
als Vorlage! 

Wie Castro die Romanzen, so hatte Corneille seine Quelle, 
die Moc., oft fast wörtlich übernommen, aber seinerseits als Meister 
des Dramas und der Sprache ein neues, echt französisches! Werk 
daraus geschaffen. Der Seelenkampf der beiden sich liebenden 
Menschen Rodrigo und Jimena, Castros eigene dramatische Tat, 
ist von Corneille scharf herausgemeilselt, umgeprägt und beherrschend 
in den Vordergrund gestellt worden; alles Beiwerk ist gefallen oder 
zur Nebensache herabgedrückt; auch zugunsten der Gesetze der 
drei Einheiten sind beträchltliche Veränderungen vorgenommen, so 
die ganz unhistorische Verlegung des Schauplatzes nach Andalusien 
und Sevilla. Ze drame perdait en force ce qu’il gagnait en couleur, 
urteilt Martinenche vom französischen Standpunkt aus über Castro 
in Za comedia espagnole en France, S. 204. Corneilles Cid ist über 
spanische Denk- und Gefühlsart, über Ort und Zeit, Landeskolorit, 
Farbenpracht und Anschaulichkeit hinausgehoben, ins Abstrakte 
hinein. Alle Unmittelbarkeit, alles Persönliche, Naiv-Kindliche und 
Gefühlswarme ist vergeistigt, in Fesseln. Corneille gibt ein Seelen- 
gemälde in fesselnder Steigerung, in gemeisterter, edler Sprache. 
Der spanische Stoff ist in französischer Formung, von französischem 
Geist durchtränkt, neu erstanden. Wir leben in einer ganz anderen 
Welt, in der Zeit des absoluten Königtums (n’examiner rien quand 
un roi l’a voulu (164, Bibl. Romanica) und des Nationalstaates (/or 
prince et ton pays ont besoin de ton bras 1072); gloire und honneur 
beherrschen und werten das Leben, die Liebe ist nur eine Leiden- 
schaft (’amour n'est qu'un plaisir, Ühonneur est un devoir 1059). 
Der Wille des denkenden, vernünftigen, stolzen Menschen (cogito, 
ergo sum), nicht Ahnung im Herzen und Sterne von aulsen, be- 
stimmen das menschliche Geschick. — Corneille hat dem spanischen 
Ci die Nationalfarbe genommen, ihn herausgelöst aus spanischer 


29* 


452 WILLY SCHULZ, 


Volkstradition, aus Volksempfinden und Volkssang, aus Tllusionismus 
und Mystik, aus der fatalistischen, astrologischen und frommkatho- 
lischen Weltanschauung, hat ihm das warmpulsierende Leben und 
Herz genommen, die frische Natürlichkeit und Unmittelbarkeit 1; 
hat ihn dafür aber eingeführt in die nüchterne, klare, verstandes- 
mäfsige, stilisierte, willensbewufste Sphäre und Pracht des französischen 
National- und Machtstaates, der nationalistischen Weltanschauung, 
hat ihm zeitliche Werte gegeben — obwohl 2 n’est peul-Eire pas 
dans toute U’histoire du th£ätre de plus tragigue sılualion (Martinenche, 
a.a.O., 201); dest en effet le drame moderne qui palpitait dans la 
comedie (ebenda 208). Wir denken heute anders über Drama und 
Tragödie als das Frankreich Corneilles und des Sonnenkönigs nach 
Überwindung des Rationalismus durch die Romantik, nach dem 
Schaffen von Ibsen, Gerh. Hauptmann, nach Bergsons Vitalismus 
und Weltkrieg. Und im Mafse wie das Magische (Religiöse) neben 


ı Vgl. Lanson, Zist. de la lit. fr. 432 ... comme disait Descartes. De 
la enfin resulte que ces heros sont des raisonneurs: car ils n’agissent pas par 
avcugles impulsions, et des objets mäeme de leur passion sont transformes par 
eux en fins de leur raison. Ils sont donc toujours conscients, et toujours 
reflechis. 429: Il a peint des femmes toujours viriles, parce que toujours elies 
apissent par volonte, par intelligence, plutöt que par instinct ou par sentiment... 
Une idee de la raison, donc, va gouverner l’amour. (Ce que !’on ame, on 
Z’aime pour la Perfection qu’on y voit: d’oü, quand ceite perfection est reelle, 
la bont& de Il’amour, vertuw et non faiblesse. Dagegen vgl. heute E. Solana: 


Aunque el hombre, en duro trance, 
Prever sepa fiero mal, 

No hay saber de mäs alcance 

Que el instinto maternal. 


Aber ein besonders Grofses hat Corneille als echt französischer Dichter und 
Meister geleistet: Er hat den Cid stofflich und sprachlich dem Geschmack 
und Empfinden der Gesellschaft nicht blofs nahegebracht, sondern das Gesamt- 
volksempfinden gepackt, und der spanische Cid wurde zum französischen Cid. 
Tout Paris pour Chim&ne a les yeux de Rodrigue (Boileau, Safire IX). Er 
hat erreicht, was nur ein französischer Dichter zu erreichen erstreben kann: 
für die anderen schaffen, die Seele der Gesellschaft, der Gesamtheit gewinnen, 
packen und fortreifsen, gleichsam anonym schaffen. Das spanische Stück ist 
in französische Form umgeprägt, im französischen Geist neu geschaffen worden. 
Das französische Theater unterscheidet sich wesentlich vom spanischen. Der 
französische Geist wendet sich durch die Renaissance bewulst vom Geiste des 
Mittelalters und damit von der natürlichen Entwicklung ab hin zur Antike; 
die klassischen Regeln der drei Einheiten geben Strenge und Enge. Das 
spanische Theater der Edad de Oro wendet sich gerade dem Mittelalter und 
dem echt Nationalen zu, der Pflege des Volkstümlichen und der Ausschöpfung 
des unveırgleichlichen Romanzengutes. Dies Theater bleibt national und 
natürlich: das Komische steht eng verbunden mit dem Tragischen, ist nicht 
abgetrennt oder tritt fast ganz zurück, wie im klassischen antiken Theater. 
Ganz ebenso entwickelt sich das Theater in England. Aber während hier die 
psychologische Vertiefung des Charakters durch Shakespeare höchste Voll- 
kommenheit erreicht (Hamlct), entwickelt Spanien die Intrique in unübertreff- 
licher Weise (Don Juan). Castro steht in den Mocedades technisch auf der 
Hohe; ja er schafft und benutzt die immer neuen „Intriquen“ Jimenas meister- 
haft zur Ausmalung des Seelenleids, zur grolsartigen psychologischen Vertietung 
der beiten Ilauptcharaktere.. 


EIN KULTUKBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID, 453 


dem naturwissenschaftlichen Geist sich wieder Geltung verschafft, 
nähern wir uns dem Verständnis des spanischen Dramas. 

Der Cid ist das Meisterwerk Corneilles, ist Ausgangspunkt, 
Muster und Typ des französischen klassischen Dramas. Castro und 
Spanien geben ihrerseits Corneille das Muster ab, und Corneille, 
der „professeur d’energie“, entnahm alle Motive von dort, sie da 
und dort vertiefend und in Geist und Gewand der Franzosen 
umprägend. Die Mor. sind die beste dramatische Darstellung des 
spanischen Nationalheros und geben uns ein Bild des Helden, wie 
es heute noch oder heute wieder in der spanischen Seele steht. 
Castros Meisterwerk vereinigt den Geist der alten Reconquistakämpfe 
mit dem der beginnenden klassischeu Zeit des ı7. Jhs. Als bestes 
Werk über den Cid und als Vorlage des französischen Musterdramas 
müssen wir es kennen lernen. 


B. 
I. Der Palaststreit. 


Ferdinand I, der Grofse, 1037—1ı065. Sein Vater, der 
mächtige Sancho el Mayor de Navarra, teilte das Reich unter 
seine drei Söhne: Garcia erhielt Navarra, Ferdinand Kastilien und 
Ramiro, der Bastard, Aragonien. Ferdinand heiratete die Erbin 
und Schwester des unglücklichen Königs Bermudo von Leön: 
Dofa Sancha, deren erster Gemahl Garcia, Urenkel von Fernän 
Gonzäles von Kastilien, am Tage der Hochzeit von dem Ge- 
schlechte der Kastilien feindlichen, finsteren Velas meuchlerisch 
und vor seiner Braut ermordet worden war (vgl. das alte grause, 
wildbewegte epische Lied nach der Cron. general). Ferdinand 
nahm den Titel: König von Kastilien 1037 an, besiegte und 
tötete gemeinsam mit Garcia den König Bermudo, der von 
Asturien aus sein Königreich wiedererobern wollte, das ihm Sancho 
einst entrissen hatte; — B. war mit einer Jimena von ÖOviedo 
verheiratet. Ferdinand nannte sich nun König von Leön und 
Kastilien. Er tötete seinen neidischen Bruder Garcia in der 
Schlacht, fügte die Grenzlandschaft la Rioja am Ebro zu Kastilien 
und hatte eine gewisse Oberhoheit auch über Navarra, Aragon. 
Im Westen eroberte er Lamego, Viseo, Coimbra und machte den 
Mondego zur südlichen Grenze. Die arabischen Könige von 
Toledo, Zaragoza und Sevilla wurden seine Vasallen. Er legte 
sich den Titel Kaiser von Spanien bei — in bewufstem Gegensatz 
zum römischen Kaiser deutscher Nation als alleinigem Schutzherrn 
der Christenheit (unten 2549). Er wurde der Grolfse genannt 
1445, 1717. Er vertrat den Standpunkt des Feudalismus, der 


I Die folgende Arbeit ist hervorgegangen ans meiner Textausgabe der 
Mocedades I für den Schulgebrauch, mit Einleitung und Erläuterungen, Velh. 
und Kl. 1928. — Auf diese Ausgabe beziehen sich einige wenigen Zitate wie 
1829 Anm. (ohne Seitenangabe!). 


454 WILLY SCHULZ, 


Erbmonarchie in Spanien 2857 unten. Er beging aber den grolsen 
Fehler, das ererbte und z. T. eroberte Reich unter seine fünf 
Kinder, drei Söhne und zwei Töchter, zu teilen 2821 und Anm. 
Der Kronprinz Sancho war scharf dagegen, hielt sich mit Mühe 
im Zaume 2887 und Anm., noch bis zum Tod seiner Mutter 
ı829 und Anm., dann aber zog er aus, sich alles Land an- 
zueignen, auch Zamora, Urracas Erbe 1899f., und hier ereilte 
ihn das Geschick durch den hinterlistigen Stols Bellido Dolfos. 
Zamora bildet den Kern des 2. Dramas! Dessen Ereignisse sind in 
den Moc, geschickt vorgemerkt. 1537 f. und Anm., 1623: 1004—035. 

Der Cid oder Rodrigo Diaz de Vivar, el Campeador 
1026?’—ı099 stammt vom Schlosse Vivar, 10 km nördlich Burgos, 
wo er Mühlen besals, war zn/anzdn und gehörte nicht dem höchsten 
Adel an (vgl. eseuderos, caballeros! = niederer Adel; infanzones; 
ricos hombres), glänzte als Kriegsheld unter Sancho, nach dessen 
Ermordung vor Zamora unter dessen Bruder Alfonso VL, dem er 
den Reinigungseid abnahm, nicht am Morde seines Bruders be- 
teiligt gewesen zu sein. Alfonso verheiratete ihn mit seiner Nichte 
Jimena Diaz, Tochter des Grafen von Oviedo. Seine Töchter aus 
dieser Ehe waren: Cristina (nicht Elvira) und Maria (nicht Sol); 
sie heirateten Ramiro, den Infanten von Navarra, und Berenguer 
Ramön IIL, Grafen von Barcelona — und stolz ruft deshalb der 
Dichter des Poema aus: sefloras son sues fijjas de Navarra e de 
Aragon. Oy los rreyes d’Espana sos parıenks son 3723 — 24. — 
Bei Hofe hatte der Cid mächtige Neider: 

ı. in dem Kastilier Garcia Ordöfiez, dem Vogt von Graüon 
in der Grenzprovinz la Rioja. Denn er hatte diesen mächtigen 
Mann in Cabra schwer gedemütigt, als er ihn dort als Partei- 
gänger des Königs von Granada (der im Kampfe gegen den 
König von Sevilla, d.h. gegen den Anhänger Alfonsos!, lag) ge- 
fangen nahm. G. Ordöfitez (gloriae nostr! regni gerens, so in den 
Diplomen!) war mit der Erziehung des Erbprinzen beauftragt und 
hatte den Cid beleidigt, woraufhin dieser die Rioja 1092 verwüstete! 

2. in den leonesischen und antikastilisch gesinnten Beni- 
Gömez. Die Araber nannten sie so als Nachkommen des reichen 
leonesischen Grafen Gömez Diaz von Carriön-Saldafa-Liebana, 
Bannerträgers und Schwiegersohnes des ersten Grafen von Kastilien 
Fernan Gonzälez. Zu dieser Familie gehören: Per Ansürez, Partei- 
gänger Alfonsos von Leön, der diesem auf seiner Flucht vor dem 
Cid und Sancho nach Toledo folgte, ebenso die feigen, stolzen 
Infanten von Carriön des Poema de Mio Cid. Per Ansürez ist 
offenbar der Peransules der Mocedades. Denn er tritt im 
2. Drama als Berater Alfonsos in Toledo auf. Er ist aufserdem 
Vertrauter und Blutsverwandter des Grafen D. Diego de Oviedo, 


ı Die vasallos gehören z. Z. des historischen Cid nicht allgemein zur 
Feudalbierarchie, doch stehen in solchem Verhältnis zum Cid: Martin Antolinez, 
Mufioz Gustiöz und Albar Fäjez. — Infanzones sind eine höhere Schicht der 
caball:ros; sie konn:tu selbst einige caballeros und escuderos im Hause haben. 


x 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 455 


den die Legenden D. Gomez zubenannt haben und die Geschichte 
als Grafen Lozano kennt (Moe. 130, 158 Anm.); er ist Onkel 
Jimenas 303, 1001, 2903. 

Der Cid wurde vom König 1082 verbannt und zog über 
Burgos ins Maurenland, Weib, Sohn und Töchter im Kloster 
San Pedro de Cardefia bei Burgos zurücklassend. Er verrichtete 
Heldentaten für die Mauren von Zaragoza gegen andere Mauren, 
gegen deren christliche Führer und Freunde, den Grafen von 
Barcelona, die Herren von Rosellön und Carcasona, Sancho 
Ramirez de Aragön, gegen den maurischen König von Lerida, 
nahm den Grafen von Barcelona zweimal gefangen, eroberte 
Valencia (i. J. 1094) und Murviedro (i. J. 1099); er erlangte als 
Herr von Valencia schliefslich die Gunst seines Königs und seine 
Familie zurück. Früh besingt man ihn, und die Mauren be- 
zeichnen ihn als ihren Herrn: den Cid; unten 1694, Vs. 1702f. 

Der Poema de Mio Cid, der diese Taten besingt, ist um 
ı140(!) in der Gegend von Medinaceli entstanden. Sein Dichter 
hat die Heirat der Töchter des Cid (nicht die Heirat des Cid 
selbst!) zum Zentralmotiv gemacht und den ganzen Cidstoff daraufhin 
umgearbeitet. Aber es handelt sich um eine erste Verheiratung an 
die ebenso stolzen wie feigen Infanten von Carriön, die Cids Töchter 
wegen der reichen Mitgift des Eroberers von Valencia begehren, 
sie aber nach der Heirat mit Schimpf im Walde von Corpes ver- 
lassen, — als ihrer unebenbürtig wegen des niederen Adels (un- 
historische Lokaltradition von S. Esteban de Gormaz bei Medinaceli). 

In den jüngeren Liedern, in Chroniken und Romanzen, wird 
die historische Basis weiter verschoben. Die Crönica rimada be- 
richtet zuerst von Jugendtaten des Cid, von Mocedades, frz.: En- 
fances. Sie ist gegen 1200 oder gar erst gegen 1300 entstanden. 
Es handelt sich nunmehr nicht um Verheiratung von Cidtöchtern, 
sondern um die Verheiratung des Cid mit Jimena selbst, und die 
Handlung spielt, bzw. ist früher gelegt, unter König Ferdinand I. 
Ebenso in den Romanzen und den Dramen Castros. Hier, 
im zweiten Drama, reicht die Handlung über die Ereignisse um 
Zamora hinaus nur bis zur Thronbesteigung Alfonsos und dessen 
Reinigungseid. Dafür sind Motive aus dem späteren Leben des Cid 
bereits in das erste Drama hereingenommen: Verbannung, Kampf 
gegen Mauren, Wiederversöhnung mit dem König, schliefsliche Ver- 
einigung von Rodrigo und Jimena nach längerer Zeit des „Verliegens“ 
R.s auf dessen Verlobung durch den König hin; s. unten VI, 9. 

Jimenas Vater heilst jetzt nicht blofs Graf von Asturien, 
sondern Gömez de Gormaz und Lozano, und ein Peransules ist 
Vertrauter und Verwandter. Jimena selbst wird nicht Nichte des 
Königs genannt, sondern R.’s Familie ist der königlichen verwandt 
(4, s.u.), und Jimenas kriegserfahrener Vater fällt durch R., als 
er dessen altersschwachen Vater befehdet und beschimpft hat. 
Nun fordert Jimena R’s Tod, und da der König sich weigert, 
R. zum Gatten als Ersatz und Schützer für ihren Vater. Der 


130. 


226. 


456 WILLY SCHULZ, 


König willigt ein; R. muls gehorchen, gelobt aber, vorerst gegen 
die Mauren zu ziehen, unten I], 433, VI, 9. 

Jimenas väterliches Schlols liegt nahe Vivar und heilst 
Gormaz (später Orgaz!.. Der Name ist Geschlechts- und Schlofs- 
name. Im Poema findet die schmähliche Behandlung und Verstofsung 
der Cidtöchter nahe San Esteban und Gormaz, der altberühmten 
Maurenfeste am oberen Duero, statt. — In der Urön. rım. vernichtet 
der Cid dort die fünf Maurenkönige (drei tot, zwei gefangen), 
verliert den Vater und vier Onkel — und zieht zum neuen Kampf 
nach Bilforado — Grafiün — Montes de Oca — Briviesca usw. 
(642f.). 280f. aber liegt Gormaz nördlich Burgos, nahe Vivar. 
Es handelt sich hier um die Fehde der Väter Jimenas und Rodrigos. 
El conde don Gomes de Gormas a Diego Laynes fiıso dano | fer! 
los pastores, e roböle el ganado. Und Diego sammelt seine Brüder 
und 100 Ritter fueron correr a Gormas | Quemaronle el arraval ... 
100 Ritter des Grafen kommen heran; der Kampf wird nach neun 
Tagen stattfinden. Rodrigo, noch nicht ı3 Jahre alt, tötete dabei 
den Grafen, nahm zwei Söhne gefangen. Die beiden Schwestern 
Aldonsa und Jimena gingen nach Vivar: salen de Gormas, e vanse 
para Bivar 3106, Fihjas somos del conde don Gormas 320. Sie erreichten 
die Freilassung der Brüder von Rodrigo. — In Romanze 737 
nahm der Cid, ebenso wie bei Castro, die fünf Maurenkönige in 
den Montes de Oca gefangen, und Gormaz liegt bei Vivar, nicht 
am oberen Duero. Gleichwohl kennt später Rom. 748 auch einen 
Kampf mit Mauren bei San Esteban und Gormaz. Es liegen also 
zwei Lesarten vor. Die Fehde der Väter findet jedenfalls bei Gormaz 
nahe Vivar statt, s. Rom. 726: Zijos, mirad por la honra | Que jo viro 
deshonrado. | Porgue les quitd una liebre | A unos galgos que cazando | 
Halie del Conde famoso, | Conde Lozano llamado: | Palabras suyas y 
viles | Me ha dicho y me ha ultrajado | jA vosotros toca, hijos, | No 
a mi que soy viejo y cano! — Gormaz nahe Vivar liegt unfern den 
Montes de Oca und von Grafön, dem Sitze des historischen Grafen 
Garcia Ordöfiez, Herrn von Grafion und la Rioja, Neider des Cid 
bei Hofe. Der historische Cid hatte dessen Grenzprovinz verwüstet. 
Vgl. dazu: Graf Lozano raubt Diegos Herden, und Rodrigo sengt 
und brennt das Land nieder und tötet ihn. Oder die drei kommen 
wegen eines Hasen in Streit. Vgl. weiter: Rodrigos Vater ist nach 
der Crdn. rim.: natural de Montes de Oca 194. Der Herr von Graäön 
war Erzieher des Erbprinzen unter Alfonso, Diego wird ayo unter 
Ferdinand in den Moc. — Vgl. die feindliche Stellung des Kreises 
um den Grafen: Peransules und die Zöglinge Alfonso, Garcia, s. Vlla, cc. 
Es bestehen demnach eine ganze Reihe historischer Erinnerungen, 
die Züge zur Ausbildung der Cidlegende haben beitragen können. 

Ein weiterer Nährboden ist die französische Sage. Castro hat 
Chronik und Romanzen für die Fehde der Väter wenig benutzt, 
sondern dafür den Palaststreit und Staatsrat um die Erziehung der 
Prinzen geschaffen: der altersschwache Diego wird ayo, nicht der 
kriegsmächtige GrafL. Im Wortgefecht um die Würdigkeit für diesen 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 457 


Posten schlägt der Graf den Diego, und Rodrigo übernimmt die Rache 
und tötet den Grafen im Zweikampf. Vgl. das französische Krönungs- 
lied Ludwigs: Es erzwingt Wilhelm vom altersmüden Kaiser vor 
dem Hof, dals er Schützer des jungen Königs wird und tötet den 
Mitbewerber Arneis von Orleans. Castro ersinnt den Palaststreit 
auf dem historischen Grund der Gegnerschaft der beiden Ge- 
schlechter, die sich um die Erziehung des Erbprinzen, damit um 
dessen Beeinflussung zu ihren Gunsten, streiten. 

Der Cid der Legende hat in Chronik und Romanzen zum 
Vater Diego Lainez, natural de Montes de Oca, so sagt die Crön. rim. 
194. Diese Chronik macht ihn zum Grofsneffen des Königs von Leön. 
Moc. 4: Honro a mi sangre en Rodrigo sagt der König, ... una casa | 
que did sangre a lantos Reyes sagt Diego 459—6o. Aber vor 
Crön. rim. und Crdn. general ist der Cid schon Bastard genannt, 
und Rom. 726 kennt ihn als Bastardsohn Diegos: F aguel que 
bastardo era, | Era el buen Cid castellano.... Al Cid meliera el postrero, | 
Qu’era el mas chico, y bastardo. — Castro ändert hier und macht den 
Cid zum ältesten Sohne und nicht zum Bastard; er lälst ihn zuletzt 
auf die Probe stellen durch den Bifs in den Finger, nicht durch 
blofses heftiges Handdrücken, wie bei den beiden jüngeren Brüdern 
und nach dem Text der jüngeren Rom. 725. Die ältere orientalisch- 
europäische Überlieferung von Rom. 726 und die jüngere von 
Rom. 725 sind also von Castro mit grolser psychologischer Kunst 
verwandt und neu gestaltet worden. — Und was macht Corneille 
daraus? 261—62 (64): Rodrigue, as-tu du coeur ? (Rod.) Tout autre 
que mon pere | L’öprouverait sur l’'heure. (Dieg.) Agreable colöre! | Digne 
ressentiment d ma douleur bien doux / | Je reconna:s mon sang d ce noble 
courroux, ... Diese schalen Worte stehen an Stelle der Prüfung der 
drei Söhne oder für Moc. 429—474 (82). — Zum Cid als Bastard 
vgl. unten die Rächer der Ehre: Mudarra als Bastard, ebenso 
Bernardo del Carpio! — In Chronik und Romanzen ist der Cid der 
starke, gefürchtete Arm des Königs; s. unten Vl,g. Xom. 727 ist es 
der Graf: Miraba el bando temido | Del poderoso contrario | Que lenta 
en las montanas | Mil amigos asturianos: | Miraba cömo en las Cortes | 
Del rey de Ledn, Fernando, | Era su volo el primero, | F en guerras 
mejor sw bra2o;, vgl. dazu wörtlich bei Castro 546—353. 


II. Der Ritterschlag. 


Chroniken und Romanzen erzählen von Mocedades del Cid, 
s. oben; sie erzählen von seinem Ritterschlag; — und Castro 
beginnt sein Drama damit. — Rodrigo wird nach der Einnahme 
von Coimbra durch König Ferdinand (s. oben) Ritter und zum 
Schützer der königlichen Kinder, zum wmayor de su casa bestellt. 
Rom. 768: Sancho schickt den Cid als Boten zu Urraca in Zamora 
und erinnert: Zisoos mayor de su casa | y caballero en Coimbra. 
Hierüber berichten auch Kom. 749, Cron. rım. und P. Crön. gen., 
aber Rom. 769, die mündliche Tradition von Zamora und die 


433. 


53, 325. 


458 WILLY SCHULZ, 


dirckte Vorlage Castros, Rom. 774, lassen R. in Santiago Ritter 
werden. — Santiago ist der berühmte Wallfahrtsort in Galizien, 
der seit 1100 und durch Bischof Gelmirez (schon im Poema de Mio 
Cid 731, 1138, 1690) hochbedeutsam und der dritte Wallfahrtsort 
der Pilger neben Jerusalem und Rom wurde — und bis gegen 
1500 blieb. Nach Santiago macht der Cid in den Afoc. später 
auch eine romeria. In Santiago schlug sich König Ferdinand 
zum Ritter, Crön. rın. Unter König Ferdinand aber blühte tat- 
sächlich Sahagün als berühmtes Kloster (des hl. Facundus). — Hier 
folgt die berühmte Rom. 774, soweit sie Castro im zweiten Drama 
1167—86 und unter Auslassung von V.7—8, 19—20 fast wörtlich 
geireu wiedergibt: 


— Afuera, afuera, Rodrigo, No lo quiso mi pecado, 
El soberbio castellano, 15 Casästete con Jimena, 

Acordärsete debria Fija del conde Lozano: 
De aquel buen tiempo pasado Con ella hubiste dinero, 

S Cuando fuiste Caballero Conmigo hubieras Estado (fueras 
En el altar de Santiago, honrado, Castro!), 
Cuando el Rey fu& tu padrino, Porque si la renta es buena, 
Tü, Rodrigo, el afjjado: 20 Muy mejor es el Estado. 

Mi padre te diö las armas, Bien casästete, Rodrigo. 
10 Mi mädıre te diö el caballo, Muy mejor fueras casado; 
Yo te calc& las espuelas Dejaste fija de rey 
Porque fueras mas honrado: Por tomar la de un vasallo. — 


Pens€ de casar contigo, 


Rodrigo wurde also, wie es Brauch der Rittererziehung war (s. Me. 
2750—51ı), am Hofe seines Herrn, hier des Königs, erzogen und 
vermutlich, nach der Sitte der Zeit, dort mit 18—2ı Jahren zum 
Ritter geschlagen (in Coimbra in Santiago); d.h. er bekam Rüstung, 
Waffen und einen Schlag mit der Degenklinge — meist gemeinsam 
mit 100 anderen Knappen (vgl. die Formel des Poema: el que en buena 
hora ginxo espada 58, 507, 1560...). Der neue Ritter (Moc. 775) tut 
in der Regel ein Gelübde 53f., 325f. Vgl. Vivien der frz. Wilhelms- 
lieder und seinen Schwur: keinen Schritt vor dem Feind zu weichen. 
Dieser Schwur ist in den Noc. von Rodrigo 576 und dann 2032 
wiederholt! Vgl. Rolandslied 2860f. u. a. Helden der französischen 
Epik. Sodann erhält der neue Ritter sein Pferd, zeigt sich im 
Proberitt (es/ais) und -Kampf 597, 83f. und hält die Waffenwacht 
in der Kirche 8. Diese Institution gab es noch nicht unter König 
Ferdinand, wohl aber gegen 1100 bereits in Frankreich! (und im 
Poema vgl. 3056, vor einem Duell ve/adban las armas 3544|. Za 
Caballeria es manera de Sacramento (D. Juan Manuel, Zstados 336), 
vgl. Castro, Moc. 60—61 und La /uerza de la coslumbre, jorn.!: 
Dejeme el cielo pagarle | el nuevo ser que me has dado, dazu Mor. 53 f.: 
der König selbst hat R. sein eigenes, sieggewohntes Schwert über- 
reicht — vgl. Onkel und Neffe in den Epen —, und R. wird durch 
diese höchste Ehrurg und Aufgabe innerlich so gepackt und 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 459 


geweiht, dafs er sich wie neu geboren fühlt und das Gelübde tut, 
vorerst durch fünf siegreiche Schlachten des königlichen Geschenkes 
sich würdig zu erweisen (vgl. Poema 1333 cınco lides campales), ehe 
er zu eigenem Ruhme mit dem Schwerte vorwärtsstürmt. — Über 
Vorlage des Motivs in der Reimchronik und Verschiebung bei 
Castro, 3. unten VI, 9. 

Die epischen Helden liebten Pferd und Schwert über alles, 
falsten sie als Freunde und Helfer im Streit und persönlich auf 
und gaben ihnen Namen 355f., 562f. Die Schwerter des Cid im 
Poema z.B., die er den Infanten von Carriön bei der Verheiratung 
schenkte, hiefsen Tizön und Colgada, Cids Pferd Babieca, vgl. die 
französische und germanische Sage! — In den älteren französischen 
Epen bekam der junge Ritter auch Lehen und Frau für bewiesene 
Tapferkeit (unten S. 472 Anm. 2). Bei Castro erhält der Cid Jimena 
und ihr reiches Erbe nach dem siegreichen Ausgang des Zwei- 
kampfes um Calahorra.. Auch auf die Erwerbung einer zweiten 
Frau wird angespielt a) auf Urraca, die Tochter des Königs, in 
Romanzen und bei Castro, b) beim Sieg des Cid in Savoyen, nach 
der Reimchronik, s. unten 1353— 1428. 

Von einem eigentlichen Ritterschlag durch Schwert oder Hand 
spricht Castro nicht (esda/darazo oder Sezcosada — palmada — bofelön), 
obwohl ein Zeitgenosse, der Kapellan Karls V. sagt: Z/ Rey, D. Fer- 
nando I de este nombre, cuando armö Caballero al Cid Rui Diaz en la 
Ciudad de Coimbra, en Portugal, por el gran respelo que le lenla, no 
le did bofelön, sıno con la espada en hombro (Didi. de los pajes, ed. 
Rod. Villa, Rev. Zsp., p. 52). Castro hält sich vielmehr streng an 
die Romanzen, und da steht 749: ZI Rey le ciho la espada | pas 
en boca le ha dado | no le diera pezcozada | como a otros habla dado. 
Im Anfang des ı6. Jhs. hatte sich offenbar die Tradition zu Gunsten 
des espaldarazo geändert. — Bei E. Ramirez Angel, Zos 0jos cerrados 
(1924), S. 36 lese ich: ud lo que le di6 el espaldaraso de la virilidad, lo 
que le imbuyd la concincia defnitiva y grave de su hombria. Und im 
Sommer 1926 erhielten den Ritterschlag auf die Schulter die ver- 
dienstvollen Soldaten in Ungarn, dazu bekamen sie Titel und Land. 

Dieser neue Ritter Rodrigo tritt bei Castro als galdn auf. 
Der Cid als galdn ist undenkbar in Romanzen und gar im Zoema, 
s. unten VL Galanterie. 

Castro hat grundlegende Änderungen gegenüber seinen Quellen 
vorgenommen. Er hat, wie es Brauch in der französischen Epik 
ist, das Gelübde mit dem Ritterschlag verbunden. In der Reim- 
chronik erfolgt der Schwur bei seiner durch den König ihm be- 
fohlenen Verlobung mit Jimena und dient als Grund für sein 
„Verliegen“ bei den Mauren; dieses tritt bei Castro ganz quellen- 
mäfsig nach dem Duell mit Graf Lozano ein. — Dann und vor 
allem führt Castro die Liebe Rodrigos zu Jimena ein, und zwar 
vor dem Tod des Grafen, ja vor dem Ritterschlag: die genialste 
Leistung! Dadurch wird der Cid ein zweites Mal verbannt. 
Zuerst also ganz natürlich durch den Tod des Grafen; er zieht 


17, 27. 


17, 27, 
1377. 


460 WILLY SCHULZ, 


gegen die Mauren 1252, 1370—ı, 1684. Zweitens durch Jimena 
selbst, die als Rächerin ihres Vaters ihren Geliebten verfolgt und 
zugleich begehrt: Jersiguiendo lo que adoro 1100. Der König, durch 
den Maurensieg des Cid versöhnt, folgt ihrer anklagenden Bitte 
und schickt den Sieger in die Verbannung 1786. Der Cid geht 
nach Santiago als Pilger 2009--ı0, s. unten VI, 9. 


III. Das Gegnerschaftsmotiv 


ist in den Mor. reich entwickelt. Es stehen sich gegenüber: 

ı. Der alte theoretisierende Diego 214—ı5 und der lebens- 
kräftige, praktische Graf Lozano; der Palaststreit um die Erziehung 
des jungen Prinzen (und die Ohrfeige) gegen eine Feldfehde 
(274—77 : 506—08 : 1254 : Crön. rim. oben I, V. 130). 

2. Der mannhafte, mächtige Graf und der junge, noch un- 
erprobte Ritter Rodrigo; hinter beiden ihre grolsen Gefolgschaften, 
durch die der Friede Kastiliens gefährdet erscheint. 

3. Der kriegserfahrene, berühmte, grolssprecherische D. Martin 
und der Cid, der eben erste Kriegslorbeeren im Maurenkampfe 
gepflückt und vom hl. Lazarus für weitere Heldentaten gesegnet 
worden ist. Der Cid kämpft zugleich um Geltung, Ehre, Braut 
und Besitz (s. oben: Ritterschlag, V. 1261, 1428, 2033, 2345, 
2605). 

4. Der königliche Vater weist den jugendlichen Sohn D. Sancho 
zurecht, dafs er noch zu jung und zu schwach zum Ritter wäre 
(92 f.). 

A Zu diesen Motiven vgl. die Gestalt des historischen Cid 
und des Cid des ZPoema, dann den Urtyp des jugendlichen Kämpfers 
überhaupt: David, auf den Castro direkt hinweist 2418, 2395, 
2563 u.a. Vgl. endlich die franz. Epik, die die spanische Dichtung, 
insbesondere unsere Moc. mit ihren Wilhelmsliedern (indirekt) stark 
bereichert hat; s. unten bes. 2033 + 576 + 2605: Rodrigo braucht 
die Formel von Viviens Gelübde, nicht einen Fuls vor dem Feinde 
zu weichen u.a. — Hier erinnern wir besonders an die Zurecht- 
weisung des jugendlichen Helden durch Onkel, Vater usw. in den 
Enfances-Liedern. Vgl. Gui des alten Wilhelmsliedes, Roland im 
Aspremont, Guichart im Zolque de Candie. Sie fordern trotzig den 
Ritterschlag oder erzwingen ihn durch Überlistung. Chanson d 
Guillaume 1443: MN’out gue quinze anz, asez esteit peliz. | N’owt point 
de barbe ne desur lui peil vif | fors cel del chief ... er ertrotzt sich 
dann gefile broigne, petit helme, pehite espee, pelite large, pelite lance, 
bone est la sele, mais curl sunt li estrieu „.. pie et demi out ke cors 
sur la sel. — \Vgl. dazu Graf und Rodrigo vor dem Duell 774f. 
bes. quien tiene la leche en los labios, dann König und Sancho 95/96: 
parecerdte pesada, que tus aNos hiernos son, dann D. Martın-Cid (und 
König) 2525f., bes. 2553—54, 2559—60 + 2579—82!; ja noch 
Diego-Graf 210 + 399 + 420 : ı86f., 244—47. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 461 


Castro feiert Rodrigo als einen Roland, Hector 888—89, David 
2418 und D. Martin als Rodamonte, Milön, Atlante, Herkules — 
als Riesen (lies Goliath!) 2395—98 und Anm., 2415—ı8. Uns 
weht die Luft der Ritterromantik, des Abenteuerromans entgegen 
(s. 2016): französische Epik und Altertum haben daran gleichen 
Teil. Anders sah es aber in der altspan. Zeit aus. Da wehrten 
seit Anfang deg912. Jh’s der Mönch von Silos, Reinaldo, Bernardo 
del Carpio entrüstet den französischen Einflufs ab. In Chroniken 
und Romanzen ziehen Mauren und Spanier vereint unter Marsilies 
gegen Roucevaux, und Roland fällt gegen den tapferen B. del Carpio. 
König Ferdinand erklärte sich zum Kaiser von Spanien (gegen den 
deutschen Kaiser), und der Cid ist siegreich in Savoyen gegen 
Kaiser, Papst und Frankreich! 

Das Gegnerschaftsmotiv ist ein, ja das Grundmotiv für Castros 
Mocedades. Denn auch die Hauptgestalten und ihr Geschick stehen 
ganz unter seinem Einfluls: Rodrigo-Jimena. Es schillert bei Castro 
in den verschiedensten Farben: Palaststreit, Ritterschlagsgelübde 
einerseits, Santiagofahrt und Weihe durch den hl. Lazarus im Namen 
des Himmels andrerseits; Rodrigo der vortrefflichste Ritter, Rodrigo 
der erste, edelste Christ! Alles ist echt spanisch-katholisch und 
zeitgemäls (s. unten über astrologische Vorstellungen, psychologische 
Vertiefungen der Handlung usw.) gefärbt, woher auch die Grund- 
motive genommen sein mögen. 


IV. Ehre. 
a) Vom Zweikampf. 


treffen wir eine Auffassung der Ehre an, die Castro allgemein in 
den Mal casados de Valencia, jorn. II so bezeichnet: gue las secretas 
ofensas | se vengan secretamente, vgl. Moc. 280—8ı, 286—gı. Die 
scharfen Worte des Grafen grenzen an Hochverrat. Vgl. darüber 
aufserdem Moc. 236: el perderte agui el respeto, 267—68: Mal 
Darece un afrenlado | en presencia de su Rey, 990—g91: Casi a mis 
ojos malar | al Conde, tocd en traicidn. Vgl. weiter die berühmte 
Gesetzsammlung König Alfons’ X.: die Siefe Partilas Da, ı6° 2a 
var.: dos antıguos de Espana ... lovieron que el que sacaba arma 
delante del rey para ferir a olro, maguer (obwohl) non lo firiese, 0 
si le dixiere falabra de denuesto de guisa que el otro hobiese a pelcar 
con El... que merescie morir por ello. Auch Zweikampf ohne Bei- 
sein des Königs, aber in dessen Palast, ja in der Stadt, wo der 
König sich gerade aufhielt, bedeutete Beleidigung des Königs. 
Trotzdem waren solche Dinge an Karls V. Hof sehr üblich. Und 
cuando alguno de los yerros sobredichos es fecho contra el Rey o conira 
su sehorio pro comunal de la tierra, es probiamenie llamada trayciön; 
el cuando es fecho conlra oltros homes es llamada aleve, segunt fuero 
de Espata (VII, 2°, ]). 


230f. 


338-41. 


462 WILLY SCHULZ, 


b) konor, honra. 


ceQue ha sido? | — De honra son estos enojos. | Vertiendo sangrı 
los 005 ... | con el bdculo parlido ... — honor ist die äulsere, 
die Amtsehre, deren Symbol der ddeulo. Aonra ist meine innere 
Ehre, die ich empfinde, andere mir schenken — und schulden. 
Vgl. zwei Stellen aus L. Pfandl, Spanische Kulturcund Sitte des 16. 
und 17. Jahrh’s 1924, S. 76—78: 1. Honra es aqguella que consiste 
en olro. | Ningün hombre es honrado por si mismo, | Que del otro 
recibe la honra un hombre. | Ser virtuoso un hombre y tener m£rilos | 
No es ser honrado, pero dar las causas | Para que los que Iralar 
les den honra (Lope de Vega, Los comendadores de Cordoba, Akademie- 
ausgabe S. 296). 2. Las manchas del honor | Se curan, limpian, y 
asean | con sangre, que es el remedio | de mds imporlancia y fuerza 
(Durdn Il, Rom. 411). Diese Stellen lassen begreifen, wie honra 
und fundonor —= punto de honor, d.i. estado en que consiste la honra 
0 credıto de uno, in allem voranstehen; wie leicht jemand, der Adlige, 
ja das ganze Volk an der Ehre gekränkt sein konnte, wie leicht 
der Degen, der Dolch gezückt wurde, Mor. 676: Cualguier agrazıo 
es gigante | en el honrado. Es war diese überspannte Ehrsucht eine 
natürliche Folge der Bedingungen der Rasse, Religion, Landschaft, 
der spanischen Geschichte der Reconquistazeit. Leben ohne Ehre 
galt als unmöglich; 430: Los 0jos fengo sın lus, | la vida lengo sın 
alma. Rache, der Tod mulste Sühne bringen, schnell und geheim: 
las secrelas ofensas se vengan secrelamente, S. oben sangre sola quila 
semejantes manchas 491, 582—85, 2543—46, 890 oben, — um den 
guten Ruf nicht allzusehr zu gefährden 358f., bes. 420f., 534f, 
630f., 662—65, 289f. Nur der König stand aulserhalb und über 
dem Ganzen als der, der gebietet, versöhnt und nie beleidigen 
kann. 


c) Rache. 


Eine Unehre und Rache traf alle Familienmitglieder 348—49. 
In Z/J medico de su honra von Calderon, zuvor von Lope bearbeitet, 
glaubt der Held, seine Ehre sei durch seine Frau beschimpft, und 
er tötet diese, da der Schein gegen sie ist, kaltblütig und heimlich. 
So will es Recht und Brauch. Über die Ehre des Weibes wachen 
die nächsten Familienmitglieder. Ist die Schwester und Tochter 
betrogen, so üben sie, erfolgt nicht sofort Heirat, blutige Rache 
durch Zweikampf; ist es die Frau, so fällt der Zweikampf fort; 
und gilt die Frau als mitschuldig, muls sie durch den Gatten 
sterben. — Die Genugtuung fordert nicht blofs Blut, sondern man 
wäscht sich mit dem Blute des Gegners zum Zeichen der erlangten 
Sühne Augen, Wange: e/ /lugar | adonde la mancha estaba 946—47, 
1239—41; ja man trinkt das Blut. Im zweiten Drama 156—57 
sagt König Sancho: mis enemigos son todos, | bever& su sangre in- 
grala, und 510 antwortet ihm Urraca: bdeve mi sangre, que lambitn 
es uya! Der Bustos des Dramatikers Hurtado Velarde (} 1638) 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 463 


wäscht sich die Augen mit dem Blute des perfiden Schwagers, um 
das Augenlicht wiederzuerlangen (Ja gran tragedia de los siete In- 
fantes de Lara); in dem alten Liede selbst beugt sich Dofia Sancha 
über den getöteten Veläzquez, um dessen noch rinnendes Blut aus 
der Wunde zu trinken. 

Ein schauerlich-schönes Lied von Verrat und Rache sind diese 
Infanten von Lara. Immer wieder wird darauf angespielt, auch in 
den Moc. 382, 562f., 1ı973f. Des Rächers Mudarra Schwert ist 
das Racheschwert Rodrigos. Mudarra ist Bastardsohn und Rächer 
des unglücklichen Gonzalo Gustios, dessen sieben herrliche Söhne, 
die Infanten von Lara, durch Rache und Verrat gefallen waren. 
Bei den Kampfspielen zum Hochzeitsfest des Onkels Ruy Veläzquez 
wird der prahlerische Neffe der jungen Frau Dofia Sancha von 
einem der Infanten getötet. Der Onkel gelobt seiner Frau Rache 
und bittet den Vater der Sieben, dem Almansor einen Brief zu 
überbringen. Der Almansor handelt, wie der Brief fordert, tötet 
die Sieben im Scheinüberfall, schont aber den Vater. Ergreifend 
ist dessen Klage vor den auf einem Linnen liegenden Häuptern 
der Sieben. Der Almansor lälst G. Gustios durch seine schöne 
Schwester trösten, und G.G. hat von ihr den Bastardsohn Mudarra, 
der, ı8 Jahre alt, Vater und Mutter aus dem Elend befreit und 
an R. V. und dessen Weib Rache übt. Ein Cantar und Romanzen 
besingen die Begebenheit aus altspanischer Zeit. Die Cidromanzen 
haben Motive daraus entnommen, auch die Moc.; der Cid ist 
Bastardsohn Diegos in Kom. 726 gleich Mudarra und gleich 
Bernardo del Carpio! 

In der alten Zeit ist die Ausführung der Rache gewalttätiger 
und grausamer als in der verfeinerten Zeit Castros. Aber die gleiche 
Glut herrscht im spanischen Menschen von einst und jetzt und 
schaut aus seinen Werken, in denen die alten Stoffe gern und 
immer wieder neu bearbeitet, die alten Motive z. T. modernisiert 
verwandt werden. Noch immer gilt als Siegeszeichen der Kopf 
(des Gegners); man steckt ihn auf die Lanze und überbringt ihn 
als Siegeszeichen 2976 : 291g, 1665—8. Ein anderer Brauch, der 
in den Abenteuerromanen, besonders vom König Arthur, viel zu 
finden ist, kommt auch in den Moe. vor: Rodrigo schickt den ge- 
fangenen Mauren-König als Siegeskünder zum König. Corneille 
benutzt diiesen Zug am Schlufs des Dramas in der Sendung Sanchos. 


d) Die Abstufung der Gesellschaftsschichten 


wurde streng durchgeführt. Vgl. die adelsstolzen, aber geldgierigen 
Infanten von Carriön des Poema. Sie gehörten zum Hochadel 
(fjos del Conde) und wagten darum, die eine Stufe tiefer stehenden 
Töchter des infanz6n Cid (ijas dalgo) niederträchtig zu beschimpfen. 
Vgl. weiter das Liebesgespräch zwischen Urraca und Rodrigo 1381 
—090 der Moc. Der Ruhm des siegreichen Cid kann die Ungleich- 
heit wettmachen. — Corneille beschäftigt sich eingehender mit 
diesem Seelenkampf Urracas in echt französischem Denken und 


382, 
562. 


464 WILLY SCHULZ, 


Ausdruck V,2, OD, 3, I, 2. — Vgl. Moc. 2247—58 und 2207, 2771 
—82: Vor Gott sind alle Menschen gleich (s. unten). — Aber 
der Grad der Würde, nicht der Reichtum bildeten die hierarchische 
Stufung im Adel. Die ricos hombres — condes —= infanles (-zones) = hıd- 
algos (< hijos de algo) waren vor allem rico de Zinaje. Die Abstammung 
von den Goten spielte eine grolse Rolle, noch bei Castro — ja 
noch heute! 2. Drama, 455—60: ;Za, valıentes Godos no vencidos, | 
y vencedores siempre, nuevos Martes! (Moc. 1687: jLevanta, famoso 
Godo! sagt der König zu R.). — In den spanischen Dörfern und 
im Mittelstand flIndet man noch heute Wachstuchtischdecken mit 
Bildern der gotischen Könige, die in Ovalen rings auf der Decke 
abgebildet sind. — Vgl. die Crön. ge. Während die Mauren einfach 
als Eindringlinge in Spanien angesehen werden, haben die Goten 
die wirkliche Herrschaft, und ihre Könige von Asturien sind vor- 
nehmste Vertreter. Die Könige von Kastilien, sagt Rodrigo de Toledo, 
erbten ihre Eigenschaften a /eroci gothorum sanguine. Die Goten 
galten als Gründer der spanischen Nation, besonders seit Isidors 
von Sevilla Zistoria. Rodrigo hatte auch die römische und arabische 
Geschichte geschrieben, und Alfonso und die Verfasser seiner Orön. g. 
hatten diese mit aufgenommen, aber schon die Chronik von 13344 
liefs die römische Geschichte weg. Erst um 1450, d.h. durch den 
marques de Santillana, beginnt eine neue Epoche der Wiedergeburt 
des Klassizismus in Spanien (s. Zst. Zif. von R. Menendez Pidal, 
S. 196— 210). — Über die Goten und die älteste Liedform in 
Spanien, s. unten S. 485. — Über die Mauren, oben S. 447, unten 
V. 1452, 1693. — Der Hofadel hatte seit dem ı3. Jh. Vorrechte, 
durfte z. B. den Hut vor dem Könige aufbehalten, war zur Ver- 
waltung des Staates verpflichtet — im Senat bis heute! (219 Anm.). 
Die einzigen anderen Beschäftigungen des Adligen von damals 
waren Krieg und Jagd und corridas (schon z.Z. des Poema de Mio Cd). 
Nur im Krieg gewann man Ehre, Ruf, Besitz. Damals galt stark 
sein mehr, als weise und tugendhaft sein, 222 Anm. — Die Grandes 
trugen im 17. Jh. den langen, verzierten Stab: daculo. — Bürger 
und Soldaten (feones, soldados), Juden, Bauer, Hirt, Bettler, Aus- 
sätziger galten nicht als zur Gesellschaft gehörig; anders der Kleriker,! 
und der Bürger genols seit dem 13. Jh. eine Zeitlang grolse Be- 
achtung, s. unten Staatsverfassung VIId—g. Im Glauben aber, 
und insofern sie von den alten Goten abstammten, waren alle gleich. 


e) Die Ehrentitel don, senor 


wurden ursprünglich nur Mitgliedern der königlichen Familie, 
Heiligen und ricos hombres gegeben. Columbus bekam ihn durch 
besonderes Patent. Doch um 1600 war er so allgemein wie esquire 
in England. Vgl. folgendes Verschen um 1750: Porgue dar seior 


I Beachte: Seit dem XIII. Jh. übergab der Geistliche, nicht mehr der 
Vater, die Tochter dem Mann zur Ehe: römisch-kanonisches Recht war für 
das germanische eingetreten. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 465 


y Don | Es lo mismo que dar nada, | Pues se lo toman y lornan | Las 
Fruteras a canaslas (korbweise). Der heutige allgemeine Gebrauch, 
insbesondere der von Don vor Vornamen und auf Briefen ist be- 
kannt. Vgl. bei Castro 2395, 2463 u.a, 137, 100 und 335 (Vater 
und Kind); 248, 712 u.a. Grafen werden mit Conde angesprochen 
806, 248, 223; Damas meint Hofdamen, ist aus dem Französischen 
entlehnt 85, — Beachte, dafs die Äbtissin des Klosters Las Huelgas 
bei Burgos königliche Rechte hatte, über reichen Besitz und 100 
Damen, nicht soras, sondern seloras oder donas gebot. Die erste 
Äbtissin von Las Huelgas wurde So/ genannt, vgl. Pidal, Ausgabe 
des Poema, S. 574 f., auch dona Mi Oro oder blols Mi Oro, Dokument 
vom Jahre 1247. 

(Mid Orde) = 1701, 2463, so druckt Said Armesto. (id ist 
Ebrentitel, den Rodrigo von den Mauren erhielt, und zwar nach 
der ?. Crön. general infolge des Sieges bei Cabra in Andalusien und 
gegen Granada (für Sevilla, dessen Herrscher Alfons VI. tributpflichtig 
war, s. oben unter I), cap. 849, S. 522, Sp. Il: Z% dalli adelante 
llamaron moros el cristianos (Wendung für alle!) a este Roy Dias de 
Vivar el Cid Campeador. Cıid —= Herr, 1702—06. — Ü:d war aber 
auch Eigenname, im 10.—ı2. Jh., besonders bei dem niederen Volk, 
bei Sklaven. id, Cıida wurde ferner latinisiert in Ordellus, Citi, Cita. 
Die Crön. g. von 1344 sagt, dals die maurischen Vasallen des Cid 
ihn mio Cid in Gegenwart des Königs Ferdinand I. nannten und 
der König befahl, ihn hinfort Ruy Diag mio CiJ zu rufen = 1709 
der Moc. Im Poema sagt der Cid, gleichsam als Kriegsruf: Yo so 
Ruy Diaz, myo Cid, el Cid Campeador 721 de Biuar! 1140. Vgl. 
das lat. Gedicht von Almeria vom Jahre 1147: Zdse Rodericus 
Mio Cıdi sacpe vocatus, | de quo canlalur quod ab hostibus haud superatur, | 
qui domuit maures, comites domuit quoque nostros.... — Üampeador — 
batallador, vencedor. — Das Possessiv mid bedeutet ehrfurchtsvolle 
Zuneigung, kann das szdi des Arabischen wiedergeben, wo das 
Possessiv nachgestellt ist — oder den kastilischen Sprachgebrauch, 
der das Possessiv dem Titel do2a (dem arabischen synonym) voran- 
stellt: Ital. madonna, frz. madame, mame, span. miofa, miela. \Vgl. 
den Namen des Klosters Oäa (wo Sancho bestattet wurde!); bier 
ist ni gestrichen! Gemeint ist Gräfin Dofa Sancha. Vgl. oben 
mi Sol oder dona Mi Oro oder blols Mi Oro als Name der ersten 
Äbtissin von Las Huelgas. — Die Betonung mio und mid schwankt 
schon im Poema, s. Anm. 1694. 

Die Mauren wurden als geringwertig angesehen (s. 1693), 
obwohl sie den Christen tolerant entgegenkamen und fleilsige Acker- 
bauer waren. jDespues de Mahoma, | ninguno mayor que yo! ı1451/2 
prahlt der Maurenkönig, und Castro lälst ihm verächtlich von einem 
Hirten antworten: Sr es mayor el que es mds alto, | yo lo soy entre 
estos cerros. | äQud apostaremos — jah, perros! — Neben perros 
kommen noch galgos 1498, hi-de-canes (can Hund), vgl. hidepula 
1494 Anm,, für Mauren, Juden, ga/gos für Mauren allein als Schimpf- 
worte vor. Vgl. fierra de los perros infieles. In den französischen 

Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII. 30 


1694. 


1452 


u. unten 


1693. 


1477. 


1470. 


1670. 


466 WILLY SCHULZ, 


Epen treffen wir denselben Geist. iüm nus ent en Dev Ile tutpoant; | 
Car il est mieldre que tuit li mescreant, Chanson de Guillaume 251— 2, 
Paien unt tort et chrestien untl dreit, Roland 1015, 1212; d.h. de 
paiens ont le tort, le droit es! ponr les chröiiens. \gl. das Grund- 
dogma des Korans: Kein Gott aufßser Allah, und Muhammed Allahs 
Prophet. Die französischen Worte haben den Wert eines Kriegs- 
rufes, s. unten 1693, V. 2554, 2570f.. 

Der Hirt braucht noch andere Fluchworte ;Volo a San! 1477; 
jvoto al sotol 1497, jpardiez, pardids! 1481, 1489, 1513, Anm. 1477. 
— Segensworte in den Mor. sind: Falgame Dios 877, que el cıclo 
guarde 61 u.a. s. 53 Anm. — coco 2606 ist ein Wort für Kinder- 
schreck, Knecht Rupprecht. — Kriegsrufe: Santiago, cierra, Espana 
1470 Anm. Der maurische Ruf: ;Mahoma, oh, gran Profela! 147 1/2. 
Ebenso schon im Poema: Santi Yague 731, 1138, 1690 und AMa- 


f6mat 731. 
f) Fufs-, Hand-, Mundkufs 


bilden einen wichtigen Ausdruck der Ehrbezeugung in alter und 
neuer Zeit im spanischen Zeremoniell, — und je nach der sozialen 
Stellung der betrefienden Person. Die Partida 1, 13°, 20 sagt 
darüber, man küfst dem König e/ fie et la mano en conoscimiento de 
sehorio ... segunt costumbre de la tierra. Und Pidal, Ausg. des Poema, 
sagt: desar la mano, förmula de constiluir, reconocer el vasallaje, des- 
pedirse el vasallo. Alrey se le besan lambien los pies, otras veces se besa 
ademds la lierra (vgl. V. 1843—47, 1854). Der Cid selbst, um die 
königliche Gnade zu erhalten, arranca con los dientes la yerba del 
campo (2019—24); doch der König will ihn ehren und sagt 2018: 
besad las manos, ca los fies no. Dann külst der Cid die Hand, noch 
immer knieend, endlich aufgestanden, den Mund des Königs, was 
höchste Ehrung bedeutet und sonst nur unter Verwandten erfolgt. 
Vgl. den Mundkufs des Rodrigo in Kom. 749 und in den Moc. beim 
Ritterschlag an Stelle von fezcozada oder espaldarazo, 3. unten. — 
In Gegenwart des Königs gebührt diesem zuerst Grufls und Kufs, 
Mor. 1679—82: Para llorar de alegria | te fido, Senior, licencia, | 
y para abrazalle jay, Dios! | Antes que llegue a tus pies. 1695: A 
nadie mano se ide | donde estd el Rey mi Senor. | A El le presta la 
obediencia. Vgl. dazu Rom. 754: Quidrenle besar la mano; | Rodrigo 
no consenlia | Hasta besar la del Rey, | F ellos luego lo cumplian. | 
Despuis ... a Rodrigo se volvian; | Hincados estdn de hinojos, | Y las 
manos le pedian ... Cid Rui Dias, tus vasallos | Como a sefor que 
te estiman ... Porque tü, Cid, lo mereces | F eres el mejor que habia. — 
D’esie dia en adelante, | — Cıid a Rodrigo le digan; | Pues moros se 
lo llamaron. Die Szene ist in Zamora, wohin die Mauren ihrem 
Cid Geschenke bringen. R. nahm die Geschenke an und bot dem 
König e/ guinto an. Rom. 753: Der Cid nimmt die Geschenke nicht 
zuerst: Porgue yo no soy seflor | Adonde estd el rey Fernando; | Todo 
es suyo, nada es mio, | Yo soy su menor vasallo ... Siendo dende 
alli adelante | El Cid Ruiz Diaz llamado, | Apellido, entre los moros, | 


RIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 467 


De home de valor y estado. — In Rom. 731 und Crön. rim hingegen 
ist R. der trotzige Krieger der französischen Epik ( Wilhelmslieder), 
daher der uns fremde Ton: Por besar mano del Rey | No me tengo 
por honrado und: vos non bess la mano 420. — Der Handkuls für 
eine erbetene Gnade führt zu Wendungen wie: Mas besso vuesiras 
manos, e pidovos un don, Crön. rim. 832. Vgl. Moc. 985: Deme los 
bies vuesira Altea [a besar]). 1685—86: esperando estoy | tu mano, 
y tus pies, y lodo, und der König: jZevanta, famoso Godo! — Der 
Cid des Poema umarmt seinen Neffen Minaya und külst ihn auf 
Mund und Augen (931). In den französischen Epen wird der 
Kufs meist auf Mund und Nase oder Wange gegeben. Die Mauren 
küssen die Schulter (Poema 1519 u.a.), den Arm (wie Boabdil bei 
der Übergabe Granadas) oder den Hals (Rolandslied 601). 

Wir kennen die eigenartigen Verkehrsformen des Spaniers. 
Er bietet dem Mitreisenden seine Wegzehrung an, stellt dem An- 
gesprochenen sein Haus als das seinige zur Verfügung (= S/C am 
Briefschlufs), setzt Dor vor Eigennamen auf Briefen und g(ue) d(esa) 
s(#) m(ano) an den Briefschluls; er behält den Hut auf dem Kopfe 
beim Grufs und im Gasthaus u. dgl. mehr. Manche Sitte erscheint 
uns altfränkisch, ja komisch. Doch nur ein gebildetes, vornehmes 
Kulturvolk schafft und behält sich solche Verkehrsformen. 

Almangor. Moros 1706, 1261: Moros fronterizos. Die Mauren 
waren unter ihrem Führer Tärik 7ıı in Spanien am Felsen des 
Tärik eingerückt, hatten König Roderich bei der Laguna de la 
Janda am Salado de Conil geschlagen und rasch das ganze Land 
besetzt. Cördoba wurde Hauptstadt. Arabische Teilfürsten herrschten 
in Sevilla, Granada, Toledo, Valencia, Zaragoza usw. Die Araber 
kamen den Christen entgegen, duldeten deren Religion; Sprache, 
Sitte, Kultur fanden leichter Eingang, Das führte zu Mozärabes- 
und Moriscos-Christen, die unter Arabern und Araber, die unter 
Christen weiterlebten; trotzdem 1492 Granada gefallen und die 
letzte Araberherrschaft in Spanien vernichtet war. 1609 —11 
wurden jedoch die Moriscos gewaltsam nach Afrika vertrieben — 
aus Glaubens- und auch aus politischen Gründen (verräterische Ver- 
bindung mit den Berbern). 

Die Reconquista des Landes ging von den wenigen tapferen 
Goten aus, die sich unter Pelayo bei Covadonga in den asturischen 
Bergen 718 behauptet hatten. Oviedo wurde Hauptstadt des kleinen 
Gebietes, und der Kleinkrieg begann. Französische und westeuro- 
päische Ritter und kluniazensische Mönche vor allem beteiligten 
sich und schürten und stützten den Glaubenskampf. Der Cid ist 
die hervorragendste Figur auf spanischer Seite; s. S. 447, 453, 482 f. 
Im ı1. und ı2. Jh. war der Kampf aulserordentlich heftig, als die 
fanatisch religiösen Almoraviden (oben S. 447) und nach ihnen 1146 
—ı2ı2 die Almohaden von Nordafrika her vorstiefsen. Spanien 
zitterte vor den Almanzoren. Zwei Feldherrn haben den Namen 
Almanzor im Abendland berühmt gemacht. ı. Mohammed ben Ab- 
dalä ben Abi Ahener, zubenannt Al-mansur, der von Gott Unter- 


30* 


985. 
1686. 


1693 
(s. oben 


1452). 


1666. 


1261. 


1664. 


468 WILLY SCHULZ, 


stützte, — wohl die grölste Figur im arabischen Spanien, der, ein 
Schrecken der Christen, bis in die entlegensten Gegenden im Norden 
Spaniens verwüstend vordrang und u. a. die Glocken von Santiago 
auf christlichen Schultern nach Cördoba tragen liefs. 1002 aber 
verlor er die Schlacht bei Cafatafazor und starb bald danach in 
Medinaceli: Zn Carlatafagor perdiö ell atamor (s.S. 483f.). 2. Der 
Almohadenkalif Yacub Almanzor, der 1195 Alfons VOL bei Alarcos 
so vollständig schlug wie der erste Almoravidenkalif Yussuf (= der 
Yucef des Poema vor Valencia, den der Cid besiegte) den Köuig 
Alfons VI. 1086 bei Zalaca oder Badajoz, bei Consuegra und Ucles 
(1108), wo die einzigen Söhne des Cid, bzw. Alfonsos, fielen (oben 
S. 2), — Almansor heifst: der Siegreiche und geht auf den zweiten 
Abbäsidenkalifen Abu Dscha’afr, den Erbauer Bagdads (im Jahre 703) 
zurück. Der Name bezeichnet bald irgendwelchen maurischen König, 
wie bei Castro 1693; vgl. die Romanzen, vgl. die französische Epik 
Roland 909: Uns almacurs i ad de Moriane; Cov. Vivian 93 Derame 
hat in Cördoba Amoraves (var. Amoraviz — Almoraviden), riches rois 
coronds (var. de rois, de princes, d’aumacors corones oder Ei aumachors 
el rois el amires). 

Die Mauren werden gering geachtet 1452 oben, 2554 algun 
Alorillo cobarde, 2570f. medio mujeres, alfanjes de oropel, adargas de 
bapel, brazos de algodön. Sie gaben Rodrigo den Ehrennamen Cid, 
1694 oben. Über Schimpfworte 1452 oben, Kriegsruf 147 ı, Schulter- 
kufs 1686. 1666 lälst Castro sie fälschlicherweise die Divisa Olomana, 
den türkischen Halbmond, führen; ihre Fahne war weils. — Maurische 
Söldnertruppen, moros fronlerizos (arab. hisu), hielten ständig Grenz- 
wacht und unternahmen Einfälle ins christliche Gebiet. 


V. Astrologische Vorstellungen. 


Eine gröfste Rolle in der Zeit Castros spielen die astrologischen 
Vorstellungen, die er nun auch in seine Stücke verwebt hat. Sie 
geben den Moc. ein besonders unheimliches Gepräge. Der spanische 
Mensch steht noch tief unter der Macht der Gestirne. Der arabische 
Volks- und Wissenschaftsgeist — die Araber sind die Gründer der 
modernen Physik, nach Humboldt — wirkt im goldenen Zeitalter 
nach: Cördoba, Toledo, Übersetzungsschulen, schwarze Kunst — und 
versteigt sich in immer phantastischere Formen, je weiter man sich 
auch davon durch Renaissance und klassische Studien entfernt. 
Die selbe Erscheinung beobachten wir hinsichtlich des Geistes der 
mittelalterlichen Ritter- und Abenteuerromane und der französischen 
Epen mit ihren Visionen, Träumen, die zukünftige Ereignisse vorher- 
sagen. Doch der Zweifel taucht allenthalben auf, bier früher, dort 
später, da begünstigt, dort bekämpft. Nach der Astrologie sind 
die Metalle von den Gestirnen abhängig, so Eisen vom Mars, Blei 
vom Saturn, Gold von der Sonne: oro que engendra el Sol, Mecc. 1664; 
vgl. Clavis sapıentiae, wohl 1604 verfalst: Das Gold hat die Kraft 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 469 


zu trösten und zu glänzen (P. Mexia, Simwa de Varia Leciön, lib. I, 
c. 40). Die Sonne geniefst in Spanien ganz besondere Werschätzung 
58g: die Sonne nimmt an der Freude über R.s Fest der Ritter- 
weihe teil und glänzt in besonderer Pracht. 1259 Die Sonnen- 
pferde Apollos können nicht schneller jagen, als das erfolgte Duell 
und gesunder Verstand R. ins Feld treiben. 1406—07: Con las 
Dumas de la fama. — El mismo sol las (die victorias des Cid!) escriba. 
Die erste Abtissin von Las Huelgas wurde m: So/ und dona Mi Oro 
genannt (Poema, s. 1694 oben), ebenso die eine Tochter des Cid 
Maria (oben unter I). Moc. ı819: ;Oh, amor, en tu Sol me hielo! | 
jOh, amor, en celos me abraso! Gelb ist Helmvisier, Helmbusch 
R.s 1334, 1486. Denn gelb ist die Farbe der Trauer, Verzweiflung, 
Sorge um höchstes Glück 1357—62: guien con esperanzas vive, | 
desesperado camina. Liebende kleideten sich auch sinngemäls auf 
einem Fest in Barcelona: verde negro, leonado, pagizo (J. Cortes de 
Tolosa, 22 lagarıllo de Manzanares, c.IX). Gelb war im Mittel- 
alter, besonders in Kastilien, lange Zeit die eleganteste Farbe. 

Dichter und Gelehrte der Zeit erörterten den Wert der Astro- 
logie in ihren Werken. Moe. 56 esfera guinta, d.i. die fünfte der 
Regionen, die nach der alten Cosmogenie um die Erde lagen, vgl. 
Juan de Menas (1411—65) ZLaberinto: drei Schicksalsräder (Ver- 
gangenheit, Gegenwart, Zukunft) im Mittelpunkt von fünf Kreisen. 
Das Gegenwartsrad dreht sich allein, und die sieben Kreise der 
sieben Planeten beeinflussen das Schicksal der Menschen (Einflufs 
von Dante!). Mit dem grofsen deutschen Gelehrten Kopemikus 
aus Thorn, + 1453, ändert sich nach und nach solche geozentrische 
Weltauffassung. 

„Me aborreces? fragt R. und Jimena antwortet: No es posibke, | 
que predominas mi estrella. Du bestimmst mein Geschick. predom. 
m. e. ist astrologischer Ausdruck der Zeit. 1555—60, Sancho zu 
Diego: No tiene demostraciön | esta ciencia? Asi es verdad. | Mas 
ninguno la aprendi6 | con certeza. Luego di: | clocura es creella? Si. | 
eSerdlo el temella? No. | Es mi hermana? St, Senor. 1578: 
una necia aslrologia | le causa melancolia. Vgl. dazu Castros Z/ amor 
conslante, jorn. 11: Cel. (Zn agüeros y en locuras | crees, y con lanto 
estremo | que te lienen de ese modo? | Vis. No las creo yo del todo, | 
pero del todo las temo. \gl. weiter die abergläubische Urraca im 
zweiten Drama, 191: en la suerle mia son rayos los efetos de mi 
esirella;, 319—33: De Zaida las luces bellas | guieren verte, porgue 
dice | que, movida a tus querellas, | lloran tu estrella infelice | sus ojos, 
que son estrellas. Hier ist sowohl esirellas wie luces für ojos gesetzt, 
ferner es/rella für destino. Vgl. Lope, Za Circe, c. Il: Amor es una 
estrella ardiente y viva. — Calderön, La vida es suero I, 57: el ın- 
flujo de su esirella amenaza mil desdichas y tragedias, aber... el 
hombre redomina en las estrellas (63). 1,569 Por ver si el sabio 
lenia en las estrellas dominio. 11: todo nace con su esirella, | lodo con 
su inclinacidn. Im Jahre ı611 erscheint Desengano de la Fortuna, 
hierin leugnet der Marques de Careaga jeglichen Einfluls der Astro- 


56. 


2670. 


1537. 


470 . WILLY SCHULZ, 


logie auf die Menschen. Und Mariana sagt in Zst. de Esp. ı7, 
c. 13: La voluntad y acciones de los hombres son mds poderosos que 
las ınclinaciones de las estrellas. Castro glaubt dasselbe, aber in 
älterer Zeit sagt die P. Crön. g. c. 598: ca ella lo auie ya visto cm 
las esirellas que assi auie de ser! (Galliana, als Karl Mainet ihr die 
Ehe versprochen hat). c. 655, 28: en fuerte punto et en fuerte ora. 
Crön. rim.: en mal punto nado 166, 263. Poema: el que en bu:n 
ora nasco 0 cinxo espada (der Cid); ebenso in der französischen 
Epik: ss beur neis, de bone heure nez, a mal eür (Cov. Vivian); des 
Pure que nez fui (Roland 2391); mal soit de l’eure, que tu fus en- 
gendres (Aliscans 6640n). Vgl. dazu nun Moc. 4608—7ı: en mal 
hora, en hora mala, 1022: jenhorabuena! en Iriste punto naci 2670. 
— Das Wahrsagen aus dem Vogelflug (augurium > eür) blieb in 
Spanien und Südfrankreich, weniger in Nordfrankreich, wo der 
Ausdruck eür weniger „Vorbedeutung“, als „Geschick, Glücksfall“ 
bedeutete. eür, heur wurde früh mit heure < hora gekreuzt! — 
Vgl. ferner Poema de Mio Cid 1ı—ı2: eine Krähe zu rechter Hand 
am Weg bedeutet Glück, zur linken Unglück!! sinistra cornix bei 
Vergil! — Zur Zeit Castros wirkt die Vorstellung einer günstigen 
oder ungünstigen Sternstellung auf diese Wendungen (cf. punto 
statt Aora) besonders stark ein. Auch heute ist die Vorstellung 
de su buena estrella im spanischen Volke noch ganz gebräuchlich. 

Sehr verhängnisvollen Einfluls hat der Sternglauben auf den 
jugendlich stürmischen D. Sancho, s. oben 1555—60 und jetzt 
1537 f. (s. Anm.): Otfro miedo el pensamiento | me aflige y me atemorisa : 
con una arma arrojadıza | serala en mi nacimiento | que han de ma- 
farme ... eine unheimliche Angst beschleicht ihn, denn die astro- 
logischen Umstände seiner Geburt (1155 + 1583 —84 + 1555—60) 
kündigen an, dafs er durch eine Wurfwaffe baldigst sterben wird. 
1548 vermutet er die Mörder in seinen Geschwistern, 1609—11 
in Urraca, die auf einen möglichen Tod von rücklings anspielt. 
Die Ereignisse bestätigen das, und Sancho fällt vor Urracas Stadt 
Zamora durch Bellido: De las espaldas al pecho | gueda pasado (der 
Speer) 1093, vgl. Sigfrieds und des Achilles Tod! Vgl. die Lage 
Kaiser Karls im Ao/and 720—23: Karl träumt von einer ihm vom 
Verräter Ganelon zerbrochenen Lanze, Rolands Tod bezeichnend! 
In der Chanson de Guillaume 264 zerbrechen der Feigling Tedbalt 
und der Verräter Esturmi ihre Lanzen und fliehen beim Anblick 
der Feinde; das bedeutet Viviens Tod! 

Die Vermutung des Zusammenflielsens astrologischer und reli- 
giöser Empfindungen liegt nahe. Vgl. 2586—90: R. zieht ins 
Feld; er baut auf sein gutes Recht (ez la razdn) und pondrd yo la 
volunlad, | y el cielo la permisidn. Vgl. Castros Z/ amor constante 1: 
Imaginar es mejor | que es permisıdn de los cielos. Der Himmel hat 
seinen Segen vorausgegeben durch die Sendung des hl. Lazarus 
2305—08. Vgl. dazu den Erzengel Michael im Cor. Vir., Gabriel 
im Roland, ebenda steht die Sonne (von Ajalon!) auf Karls Gebet 
still und gibt ihm Zeit, die Heiden in den Ebro zu werfen. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 471 


In der französischen Literatur des 17. Jh.’s, in den Salons der 
Preziösen, der geistreichen Damen (vgl. Zes femmes savantes von 
Moliere), wird das Thema der Astronomie (!) und die Entdeckungen 
der Naturwissenschaften in künstlerischen und formschönen Geist- 
reicheleien erörtert. Der Bruch mit den alten Anschauungen ist 
vollzogen; in Spanien nicht, da ringen weiter Herz und Verstand 
um alte wie neue Ansichten in Sorge um des Menschen Geschick, 
für das Seelenheil; es gibt keine Welt des cogilo, ergo sum, des 
Diesseits, für sich. Wir stehen unter den Gesetzen der Ewigkeit, 
s. u. VIII; das Magische bleibt wirksam. 


VI. Galanterie und Liebe. 


Castro hat dem Geschmack der Zeit nachgegeben und die 
Galanterie in den Cidstoff eingeführt. Der Cid als galdn ist un- 
denkbar in Romanzen und Poema, wo er la barba velida 930, de 
la luenga barba 1226 u.a. heist. Volksempfinden und Erinnerung 
lehnen diesen andern Cid auf die Dauer ab. Juan Grajales im 
Bastardo de Ceuta 1: Ti me has de finlar, amigo, | en un lienzo un 
capitdn | cristiano, bravo y galdn, | una imagen de Rodrigo, | un otro 
Cid Campeador. Selbst in der verfeinerten Zeit der edad de oro 
hielt der galante Cid sich nur kurze Zeit; Lope sah schärfer als 
Castro und entnahm dem Cidstoff nur ein Thema seiner nahezu 
2000 Werke! Der fremde französische Cid und die neue franzö- 
sische Poetik zogen mit den Franzosen in Spanien ein (s. Einleitung 
zur Ausgabe der Moe.). 

Die wichtigsten Stellen der Galanterie zeigen R. und Urraca 
im Gegenspiel. Denn die Handlungen von R. und Jimena sind 
von zu schwerem Ernst getragen. 

a) R. tritt als neuer Ritter auf, zeigt seinen Proberitt und er- 
scheint den Damen in Haltung und Rede als galdn 17, 27, 591, 
677, 595, s. 692f. und Anm. 

b) R. zieht nach dem Duell mit dem Grafen ins Feld gegen 
die Mauren und kommt an dem königlichen Landschlols casa de 
campo vorbei 1353—1428. R. ist unten am Turm, Urraca oben; 
sie führen ein Liebesgespräch im Stil der Zeit Castros voller Wort- 
spiele und Wendungen der Galanterie. Urraca zeigt R. offen ihre 
Liebe; R.s Siegesruhm wird die Standesunterschiede ausgleichen 
1385—090. Zwischen Urraca und R. steht ständig der Schatten 
Jimenas; sie lebt in R’s Gedanken und Haltung 1357—62, und 
damit beherrscht die galante Form wohl äufserlich die Stimmung, 
aber wir bangen um das Geschick der sich verfolgenden Liebenden. 
Um den Cid kämpfen zwei edle Frauen, aber Jimena bleibt stärker, 
und der Schicksalsknoten erscheint unentwirrbar. Nur noch schärfer 
heben sich Jimena und R. und ihre tragische Gröfse unter dem 
äulseren Zwang galanter Reden heraus (692 Anm., 675 + 684 + 
670 : 614, 682 und 680 + 692 : 708, 1353— 1428). Darum ist 


1353 
-1428. 


472 WILLY SCHULZ, 


diese Liebesszene nicht unangebracht, wie manche meinen; sie gibt 
ein Zeitbild von Ritterliebe und Stil der Darstellung; sie stellt die 
Kraft und Gröfse der Liebenden durch die Entwicklung der Liebe 
Urracas (mit deren nachfolgender Entsagung) erst ins rechte Licht; 
sie entspricht der Tradition der Romanzen; ihr Fehlen würde vom 
Volke als eine Lücke im Bilde des Cid empfunden werden, denn 
die beiden sollten eine direkte Aussprache haben; das legen die 
Romanzen nahe (vgl. oben Aom. 774). Endlich liefert auch die 
epische Tradition einen Zug, dem mit der Liebe Urracas zu R. 
Rechnung getragen wird: der Held erwirbt im Kampfe eine zweite 
Frau und vergilst die erste für immer oder nur für kurze Zeit. 
Chronik und Romanzen erzählen von dem Zug des Cid nach 
Savoyen, wo der Cid siegt und eine zweite Frau erhält, die er 
aber dem König Ferdinand übergibt (Crön. rim. 922, 934— 30). 
damit er in ihr Frankreich entehre. Vgl. Brunhild und Kriemhild 
in der deutschen Sage; ferner im französischen Krönungslied 
Ludwigs die zweite Frau Wilhelms von Orange, die dieser durch 
seinen Sieg vor Rom erwarb. 

Heben wir hervor, dals es sich bei Romanzen und Volks- 
empfinden um wirkliche Liebe Urracas und Jimenas handelt, nicht 
etwa um Minnedienst für Urraca und Liebe zu Jimena auf seiten 
R.s. Gleichwohl hat Castro in dieser Szene, meinen wir, den 
Frauendienst berührt — und damit eine Seite literarischer Kon- 
zeption, die in Spanien eben im Verklingen war;! erstes und 
leuchtendes Beispiel ist der Don Quijote: Ritterehre gedeiht nur 
im Frauendienst; ohne ihn kein Hochgefühl der Seele; Frauendienst 
ist Gottesdienst, Hingabe an ein Unbedingtes. Das Leben wird 
gelebt und gestaltet nach einer Idee vom Leben, historische Wirklich- 
keit wird poetische Wirklichkeit, Realität wird Roman; ein Kunstideal 
beherrscht das Leben, gibt ihm Stil und Wert. Don Quijote lebte 
nach dem Ideal der vergangenen Zeit und fand sich nicht mehr 
in der Wirklichkeit zurecht! Der edle Ritter schweift umher, kämpft, 
sicgt, leidet freudig für seine Dame, als ein Artusritter, er ringt 
nicht um Macht, sorgt nicht für Familie, Stand, Staat; er lebt der 
Idee, der Verehrung der Frau. Seine Ehre ist seiner Dame Ruhm. 
Die Dame selbst kann unerreichbar hoch stehen, wie Urraca für R., 
sie kann verheiratet sein. Andererseits kann der Ritter eine Frau 
besitzen,! aber nicht ihr, sondern seiner Herzensdame Sieg, Ehre 
schenken — denn die Frau wird im Mittelalter gar oft vergeben,? 
mit Land und Lehen, im Vertrag der Eltern, schon in frühester 
Jugend, also ehe auch an Liebe und Liebeswahl zu denken ist. — 


i Um Frauendienst handelt es sich noch nicht im Poema, sondern um 
die querida mupier e ondrada, an die der Ritter vor der Schlacht denkt, 
dadurch Mut gewinnend 1657—55. 

%2 Der Sinn für Familie und Sippe war früher stärker. Alle halfen sich 
untereinander mit Rat und gegen aufsen hin. Und der König erzog und ver- 
mählte Söhne und Töchter der Magnaten — wie ein Familienvater! — Vgl. 
5.464 Anm. und VIIe, VIII 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 473 


So wagt R., der znfanzdn, nicht, Urraca als Gattin zu besitzen, die, 
eine Prinzessin, erhaben wie Gott über den übrigen Menschen steht, 
1381: Zstimo con todo el alma — merced que fuera divinal; mas mi 
humildad en tu alteza — mis esperanzas marchila. 1399: Mi volunlad 
es divina. Gleichwohl spielen beide mit dem Gedanken, ja Urraca 
nimmt ihn ernst, sie liebt R., verzichtet aber später schweren Herzens, 
als sie R.s Liebe zu Jimena erkannt hat. Jimena scheint (!) für 
Augenblicke vergessen, und R. sagt 1420f.: F yo me parto en tu 
nombre, — por quien venzo mis desdichas, — a vencer lantas balallas — 
como ti me pronoslicas. Urr.: De este cuidado te acuerda. R.: Lo 
divino no se olvida. 

c) Eine dritte Stelle zeigt uns sogar Don Martın als galän, 
2701—06 (im Brief an Jimena). 

d) Eine vierte Stelle gehört nur scheinbar und rein äulfserlich 
hierher, als eine Art Gegenstück zu 1353 —1428. Jimena klagt, 
der Mörder ihres Vaters häufe zur grausen Tat auch noch den 
Schimpf, denn er komme täglich wie zur Jagd an ihr Landhaus 
und verhöhne sie. Der Text ist mehr der jüngeren Rom. 734 als 
der fast wortgetreuen 733 entnommen. Die Stelle, die von der 
Verhöhnung spricht, ist bei Castro zur Unkenntlichkeit überarbeitet; 
er entstammt der altberühmten Romanze 665 über die Infanten 
von Lara. Nach 1976 fügt Castro Verse über die casa de plazer 
Jimenas bis 1980 ein. Dafür steht in 733: Otras veces un halcon | 
Que Irae para cazare (fehlt in 734). Es folgen weitere leichte 
Änderungen, aber für 1991—92: (envidme a amenazar = 1990], 
con que ha de dejar sin vida | cuerpo que sin alma estd steht in 733 
(fehlt in 734): Que me cortard mis haldas | Por vergonzoso lugare. | 
Me forsard mis doncellas | Casadas y por casare,; | Matdranme un 
pajecico | So haldas di mi briale. Vgl. dazu den Grundtext in 
Rom. 665: Yo me estaba en Barbadillo, | En esa mi heredad; | Mal 
me quieren en Castilla | Los que me habian de guardar. | Los hijos 
de dona Sancha | Mal amenazado me han | Que me cortarian las 
haldas | Por vergonzoso lugar, | F cebartan sus halcones | Dentro de 
mi palomar, | F me forzarian mis Damas | Casadas y por casar. | 
Matäronme mi cocinero | So faldas de mi brial. Dieses Stück wurde 
viel und ständig gesungen und weiter benutzt. Vor dem ı3. und 
14. Jh. strafte man unsittliche Frauen in dieser Weise, und Dofia 
Sancha will mit solch übler Nachrede ihren Gatten aufreizen. — 
S. oben 382 unter IV. Vgl. Persiles y Segismunda von Cervantes 
DI, 3: Destos hurlos amorosos se acortö mi vestido y crecid mi infamıa. — 
falda, halda aus deutsch faldo Falte, Schürze. — Das Metrum ist 
1973—75 in Unordnung. Castro gebraucht 1976f. die Romanze 
mit Assonanz d, Rom. 733, 734 aber haben die Assonanz a—-e, 
vgl. amanece, padre, caballo, gavilane, despecho, palomare ... 


i Vgl. auch Estrella de Sevilla, Divinas y humanas leyes — dan potestad 
a los reyes I, Szene 5, oder II, 5 ed Rey ... es cristianilsimo y santo; II, ı3 
aunque injusto el Rey, — Debo obedecer sw ley, — A di despuds Dios le 
castıgue; 1,9 el Rey es rey; — Callar, y tener paciencia, s. Vlle. 


2701-06. 


1973-95. 


17138. 


1899. 


474 WILLY SCHULZ, 


‚Castro braucht das Stück im selben Sinn wie Kom. 665: 
Jimena will damit den König gegen R. aufreizen. Aber Castro 
mildert den Text wie die Verwendung des Motivs im Ganzen 
(unten 1899 ebenso!,. Denn Diego erkennt die üble Nachrede 
sofort 2005—ı6 als Traum und Erfindung und widerlegt sie mit 
der Bemerkung, R. sei ja auf Wallfahrt nach Santiago und nicht 
täglich am Landhaus als galanter, aber frecher Ritter. Die Parallele: 
R. zieht gegen die Mauren und hat mit Urraca am Landhaus das 
Liebesgespräch 1353— 1428, ist deutlich! Castro läfst Jimena immer 
neue Mittel finden, R. und damit sich selbst zu quälen. Sie muls 
sich Hirn und Herz zermartern, im Kampfe gegen die Liebe und 
für die Rache, und ihren Schmerz in ständig neuartiger Spiegelung 
und Steigerung, gleichsam in mystischer Versenkung, zeigen! Jimena 
ist ganz grausames Weib, die wütend hafst, weil sie heifs liebt 2910: 
Diego: Cruel eres, Jimena: Soy mujer. Und 2913 —4: S yo la 
venganza sigo, | corre el alma la tormenta. — Castro kennt die 
Frauenseele wie kaum ein zweiter. — Er benutzt für seine Szene 
wieder den typisch spanischen Ulusionismus; vgl. Don Quijote. 

e) Demselben Zweck wie 1973f. dient die Szene ı7ı13{f. Der 
König hat den verbannten R. wieder in Gnade aufgenommen und 
feiert ihn als Cid. Das erfährt Jimena durch ihren Knappen und 
sofort begibt sie sich in grofsem Traueraufzug zum König, ohne 
um Eintrittserlaubnis in den Staatsempfang zu bitten, wie sie es 
dann 1933 tut. Sie erreicht eine erneute Verbannung des Cid 
1786, nicht ohne ihm verstohlen die Fortdauer ihrer Liebe zu ver- 
raten 1808. Urraca bemerkt das, s. unten 2032f. — Die Quelle 
Castros ist Rom. 736. Castro übernimmt sie fast wörtlich, stellt sie 
aber in einen neuen Zusammenhang. Denn es handelt sich darin 
um eine Gerichtssitzung, nicht um Empfang des Maurenkönigs, um 
Aussöhnung mit dem Cid. Sentado 1716 hat also andern Sinn 
= ser conforme a su gusio 0 diclamen, agradar a uno una cosa, d.h. 
was tut es, dals er R. wieder wohlgesinnt ist. Lacroix erklärt: 
Nous sommes absolumen! de son avis. Die Stelle ist umstritten. Vel. 
estar uno bien senlado — eslar asegurado en el empleo 0 convenencia 
que disfruta, por el valımıento de quien le conserva y patrocina. Und 
Rom. 753: aungue no es rey, su selor (der Cid), | Con un rey estä 
sentado | F que cuanto yo poseo | El Cid me lo ha conquistado | F que 
yo estoy muy conlento | En tener tan buen vasallo. Zu 1716 gu£ ımporla 
schlägt S. Armesto: me importa vor. Die Rom. 736 beginnt: Sentado 
esta el senor Rey | En su sılla de respaldo (Castro 1713), | De u 
gente mal regida | Desavenencias juzgando. 

Über Castros Technik wie über Urracas und Jimenas Verhältnis 
zu R. geben weiterhin die folgenden Stellen Aufschlufs: 

f) Urraca klagt vor ihrem königlichen Vater, dafs sie fürchte, 
bei der Erbteilung übergangen zu werden. Dudosa queda mi suerle 
de su rigor ofendida (Sancho) 1899; vgl. 1678 venturosa suerle mia, 
1ı835—36. Der König verspricht ein Erbe 1904, 1908. In den 
Rom. 760, 761, 763 hat der König Urraca beim Testament ver- 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 475 


gessen: Dejaisme desheredada. | Irme he yo por eslas lierras | Como 
una mujer errada, | F este mi cuerpo daria | A quien bien se me 
anlojara, | A los moros por d'nero | Y a los christianos de gracia: | 
De lo que ganar pudiere | Har£ bien por vuestra alma, Romanze 763. 
Und Rom. 760: Y lo que podr& facer | Sin vardn y sin facienda? | 
Si hierras no me dejais | Irime for las ajenas, ... negard ser figa 
vuesa. | Zn Iraje de peregrina | Podre ire, mas faced cuenta | Que las 
romeras a veces | Suelen fincar en rameras. | Sangre noble me acompana, | 
Mas cuido que mi noblesa | Como extrana olvidare. Sie erhält Zamora, 
und Kom. 763: Teodos dicen amen, amen, | Sino Don Sancho, que calla; 
s. Moc. 1839—52. — Zu romeras vgl. VId und beachte, dafs die 
romeria der Trefipunkt der Liebenden war. Davon erzählen die 
Cantigas del amıgo. Vgl. noch Pers. y S. von Cervantes Ill, ı9: Un 
vestido haciendo romera a la ramera. 

Diese leisen Anspielungen Castros an die etwas anstöfsigen, 
aber lebens- und zeitwahren Romanzen (s. oben zu 1973) sind 
alles. Der Geschmack der Zeit Castros war verfeinerter, und Castro 
hat hier in den Romanzen nur die geistige, nicht die textliche 
Vorlage gesehen. Anders schon verhält es sich im zweiten Drama, 
obwohl er auch da wesentlich ändert: Me dexays desheredada. | 
Siendo, padre, vuestra hija, siendo de Castilla Infanta, | !havre de ir 
de lierra en tierra | como una muger errada? (vgl. Moc. 1845: 2 4st, 
me deslierra la piedad que me crıdö?). Alli respondiera el Rey... 
Todos dizen amen, amen,; | pero tu, Don Sancho, callas 104—09, 
125—26. — Die arme Urraca leidet unsäglich: ihr Vater dicht 
vor dem Tod, der Erbprinz ihr totfeind 1610—ı1ı, 1623, 2817—.20, 
der zunächst verbissen schweigt 2886—87: gue mäs calla | quien 
mds siente. Sancho: Callo ahora. Dazu noch hat sie eben beobachtet, 
dafs auch R.s Liebe ihr nicht gehört 1808, 1820. Wo soll sie 
bleiben ohne Erbe? Aufser Landes heiraten, oder Gott wird sorgen, 
ist die Antwort ihres Erziehers Arias, 1840. — Zu callo ahora vgl. 
die Sprichwörter: a/ duen callar llaman Sancho; portugiesisch: «ao 
bom calar chaman Santo. Calderön, La vida es sueio ll: al callar 
llaman Santo; dann: Z/ astrdloga fingido 1 : el secreto es Santo, 
guardar la festa de San Secreto. 

g) Pense casarme con &l, sagt Urraca, und Rom. 774: Pense de 
casay conligo, s. oben 11. Ursprünglich war von einer Neigung 
Urracas zu R. keine Rede, das bestätigen die Crdn. general von 
1344 (Men. y Pelayo, Antologia Xl, 351) und Kom. 769. Die be- 
rühmten Worte: a/uera, afuera, Rodrigo sprach Urraca ja auch 
urspünglich nicht von den Mauern Zamoras herab, sondern damals, 
als der Cid als Bote Sanchos bei Urraca in Zamora die Übergabe 


der Stadt gegen Austausch fordern sollte (2821 Anm.). Nur eine 


Romanze spricht noch von einer Neigung (bei Timoneda Nr. 37). 
Castro benutzte sie auch. Die Neigung aber ward ungeheuer 
populär; vgl. 2.Drama, 877—84: Si el favorecer al Cid | tu hermana 
Urraca Fernando | los caducos lo entendieron | y los ninos lo cantaron, | 
y el amor entre los dos | reciproco, aungue pasado, | tiene fuerga en sus 


1862. 


1873-76. 


1951-52. 


476 WILLY SCHULZ, 


reliquias | mayor que en los muros altos | de Camora... Lope, Zas 
almenas de Toro 1: 4 Deven de cantar en vano | desde el hidalgo al que 
Irigo | siembra, aquello de Rodrigo, | el Soberbio castellano? | F el dejar 
hija de Rey | por hıja de su vasallo | que adelante dice el vulgo. 

h) Urraca hat in Kom. 774 geklagt, der Cid habe Jimena und 
deren Geld der Königstochter, die ihm in Santiago die Sporen gab, 
vorgezogeu. Hier entsagt sie edelmütig, als sie der Beiden Liebe 
erkannt hat, 1873—76: y £] la ıdolatra odorado, | y estd en mi pecho 
advertido, | no del todo aborrecids, | pero del todo olvidado.. — Und nun 
zu Jimena-Rodrigo: 

i) satisfaccidn | pide, Pidiendo justicia. Castro spielt hier offenbar 
auf die Stellen der Romanzen und Chroniken an; denn Jimena 
verlangt dort als Minderjährige den zum Gatten vom König, der 
sie ihres männlichen Schutzes (vgl. 1838, 191 1—ı2) beraubte. Sie 
will R, vor der Rache ihrer Brüder schützen: Crön. rim. 338 por 
amor de carıdad, denn R. hatte sie auf ihre und ihrer Schwester 
Bitten zuvor aus der Gefangenschaft bei ihm herausgegeben (oben 
I, V.ı30). Sie begibt sich an den Hof nach Zamora mit drei 
Damen und Schildknappen (vgl. Moc. 1721—23), um ihr Recht zu 
fordern: a guerellar. Der König fürchtet Aufstände (Moc. 276—-77), 
da sagt Jimena plötzlich: Mostrarvos | he assosegar a Castılln e a 
los reynos olrolal. | Datme a Rodrigo por marido, aquel que mals a 
mi padre 356. Ebenso die Romanzen 733 (734): S7 yo prendo o 
mato al Cid, | Mis Cortes se volverane ... — Ten tu las tus Cortes, 
Rey, | No te las revuelva nadıe, | Y al que a mi padre mat6 | Damelo 
id por iguale, | Que quien tanto mal me hizo | SE que algiin bien me 
harde. — 735: Al Cid no le (—lehe) de ofender, | Que es hombre 
que mucho vale, | Y me defende mis reinos, | F quiero que me los 
guarde; | Pero yo fare un fparlido | Con El ...| para gue con vos se 
case. — Contenla quedö Jimena. Rom. 739: mat! hombre, y hombre 
doy, | Agui estoy a tu mandado, | F en lugar del muerto padre | C»- 
brasie marıdo honrado. — Der König schickt Boten zu R. Dessen 
Vater rät ab, will selbst zum König gehen. Doch R. erscheint 
herausfordernd und trotzig mit 300 der Seinen und willigt sauersüfs 
in die befohlene Verlobung ein, doch Urdn. rim. 419: Senior, vos 
me despossastes mas a mi fessar que de grado,; | mas prometelo a 
Christus que vos non besse la mano, | nın me vea cou ella en yermo 
nin en boblado, | Hasta que vensa cinco lides en buena lid en camp». 
Der König: Non es este ombre, mas figura ha de peccado 424. 

Was hat Castro aus diesen Motiven gemacht! Aus dem trotzig- 
selbstbewulsten, mächtigen und gefürchteten Ritter der Reimchronik 
und noch z. T. der Romanzen (oben 1,433) wird der galante, un- 
erprobte neue Ritter, der nach dem Duell freiwillig zu den Mauren 
zieht, siegt und Cid heilst; auf Betreiben der Geliebten verbannt 
ihn der König (er geht nicht von selbst); das Gelübde ist einmal 
zeitlich vor, d.h. auf den Ritterschlag, dann zeitlich später, auf die 
Santiagofahrt verlegt. — Castro erfindet Jimenas Liebe zu R. von 
Anfang an, er entwickelt als Gegenstück Urracas Liebe, — der 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADKS DEL CID. 477 


Ruhm des Maurensiegers soll die Standesunterschiede zu einer Ver- 
bindung ausgleichen. Aber dieselbe Scene, die Urracas Sehnen 
erfüllen kann, läfst diese Jimenas und Rodrigos Liebe entdecken; 
— und sie entsagt und fördert durch ihr Geständnis an Arias das 
Eingreifen des Königs, die Vereinigung der Beiden. Corneille hat 
den Seelenkampf Urracas in echt französischer Weise bearbeitet 
(V, 2, 11, 3, I, 2), wie auch dann den Jimenas am Schlufs der Moc., 
unter 2605. Castro steigert Jimenas Leid durch den vom König 
veranlafsten fingierten Tod R.’s vor Calahorra, stärkt andrerseits R. 
zur neuen Waflentat durch Lazarus: 

k) Ein Bote meldet, R. sei auf der Santiagofahrt überfallen 
worden und schrecklich umgekommen: caforce heridas le han dado, | 
que la menor fue mortal. Obgleich er 500 Mann und mehr Mauren 
gegen sich auftauchen sah, sei er unter dem Gelübde, keinen Schritt 
zu weichen: a no volver Paso astrds 2032 mit seinen 20 angestürmt, 
dem sicheren Untergang entgegen. — Die Motive dieser Episode 
stammen aus den französischen Wilhelmsliedern. Zur Zahl zo vgl. 
die 20 des französischen Helden Vivien in der Ch. de Guillaume, 
die 20000 und später 60 (Var. 20) des Rolandsliedes, ja die 20 
Mann Wache am Gartentor im ältesten Nibelungentext u.a. Vivien 
hat beim Ritterschlag in Termes, d. i. am Königshof, das Gelübde 
getan: gue ne furrai pur crieme de morir 600, Ch. de G.; plain piel 
de terre, Cov. V,4ı u.a. Vgl. Roland gelobt in Aachen: Ja ne 
murreil ... ne trespassasi ses humes 2864—065. Vivien hat ı5 Wunden 
erhalten: Parmi le cors out quinze plaies tels | de la menur fust morz 
un amirelz, Ch. de Rainoart 2014 u.a. Quince lanzadas tenia | Cada 
una era morlale | Que de la menor de todas | Ninguno podria escapare; 
Valdovinos, Rom. 355. Castro bringt fast wörtlich den französischen 
Text. Er hat nach dem Ritterschlag R. auch ein Gelübde, das der 
cinco lides, leisten lassen; in den Quellen erfolgt es ebenso am Hof und 
vor Auszug zum Kampf.! Ja 577 treffen wir das Gelübde sogar in 
der französischen Form wieder: R. ergreift Mudarras Schwert vor dem 
Duell und schwört: mas no fe fodräs correr | de verme echar paso atrds. 

l) por la espalda violento | te pasa al pecho el calor; s. 2314—15 
und Kom. 742: un soplo por las espaldas | el gafo dado lo habia, | tan 
recio fue, que a los pechos |a Don Rodrigo salta ... R. empfindet 
ein warmes Strömen 2329—30, 2344—406, von dem nicht die 
Romanzen, aber die Crdn. rim. spricht, 573: resollo (Keuchen), que 
en calentura seas tornado, und als der Cid erwacht und den ga/o 
nicht mehr sieht, der sich ihm durchs Ohr und beim Schlat als 
Bote Christi: Lazarus bekannt gegeben hat, reitet er nach Calahorra 
(aus dem Tale Cascajar weg; in den Romanzen ist er dagegen 
erst auf dem Hinweg). Die ganze Episode ist eine Art Ritter- 
schlagsweihe durch den Himmel. Za cabdalleria es manera de sacra- 


I Im Poema 1333 wird von fünf Kämpfen des Cid vor der Einnahme 
Valencias gesprochen. M. Pidal nimmt Lesefehler an, aber es bleibt auffällig, 
dafs diese Angabe in einem Bericht steht — wie in den alten französischen 


Epen! 


2027-35. 


2345-40. 


2605. 


2994. 


478 WILLY SCHULZ, 


menlo! Lazarus haucht R. als Bote des Patrons von Spanien die 
Siegeskraft ein, als sich R. als echter Christ und Ritter auf Erden 
erwiesen hat; er wird noch im Tode Sieger sein 2341 (Anspielung 
auf den Sang vom Cid, der als Toter auf seinem Pferd die Schlacht 
gegen Bücar vor Valencia gewiunt). 

m) Der Zweikampf D. Martin-R. findet statt um den Besitz 
von Calahorra, das sich Aragonien und Kastilien streitig machen. 
Aber die beiden Kämpfer sind zugleich Rivalen. Und wie beim 
Maurensieg zwei Frauen um R., so ringen hier zwei Männer um 
Jimenas Hand und Landbesitz. Das ist ein altes episches Motiv, 
schon seit David und Goliath. Beim Kampf um Stadt und Land 
bekommt der Held oder erobert er sich Land und Weib: Vivien- 
Ermentrud (Ch. de Rainoart), Roland-Alde?, Wilhelm von Orange 
auch vor Rom (Ärönungslied) und ebenso seine Brüder in den 
Nerbonois, der Cid in Savoyen; Wilhelm wurde vor dem Kampfe 
vor Rom überall am Körper mit dem Arme von Petrus berührt. 
Und so nur gewinnt R. Jimena und ihr Erbe durch den Kampf 
um Calahorra, für den ihn Lazarus stärkte. Bei seiner Verheiratung 
erhält er dann vom Könige Land: Valduerna, Saldafia, Belforado, 
San Pedro de Cardefia, Rom. 739. — R. hätte Jimena nach dem 
Sieg über die Mauren heinführen müssen, — und so geschieht es 
in den Romanzen 737, 738; dann erst erfolgt dort Santiagofahrt 
und Calahorra usw. Die Crön. rim. ordnet wieder anders, rechnet 
streng nach den fünf Schlachten des Gelübdes und nicht etwa nach 
fünf Einzelkämpfen in dem einen Maurenfeldzug, wie Castro I5I1, 
1654. Castro hat also diese Umstellungen selbständig ausgeführt, 
auch verschiedene Kämpfe, so den Kriegszug nach Savoyen, aus- 
gelassen, dem Stück der Moc. in sich damit aber die nötige Ge- 
schlossenheit und Abrundung gegeben. 

Corneille hat die Rivalität D. Martin-R. von Anfang des 
Stückes an im Drama verwandt und Don Martin und Calahorra 
durch das einfache Duell: Edelmann Don Sanche— Rodrigue (wegen 
der Einheiten!) ersetzt. R. besucht vor diesem Duell Jimena ein 
zweites Mal und sagt 1487: Mais defendant mon roi, son peuple ed 
mon pays, | A me aefendre mal je les aurais trahis ... Maintenant 
quil s’agit de mon seul interei, | Vous demandes ma mort, j'en accepte 
Varröt ... On ne me verra point en repousser les couds. Und 
Jimena 1550: Deöfends-toi maintenant pour m’öter d don Sanche, ... 
Sors vainqueur d’un combal dont Chimene est le prix. | Adıew: ce mot 
läche me fait rougir de honte. 

n) Jimena willigt in die Ehe, als sie zum Geständnis ihrer 
Liebe durch R.s List gedrängt ist, als ihre Verwandten selbst ihr 
dazu geraten haben — unter der Wendung: Zar£ lo que el aclo 
ordena. Warum noch jetzt dieses Verstecken? Vgl. Corneille: 
Jimena gesteht R. ihre Liebe und fordert ihn auf, für sie zu kämpfen 
(s. 2605). Und als don Sanche auf Befehl R.s seinen blutigen 
Degen überbringt, hört sie S. gar nicht erst an 1709: Zelate, mon 
amour, lu mas plus rien d craindre, ... en croyant me venger, in 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 479 


m’as ÖtE la vie (zu S.).. Nun folgt auch hier die Szene des Ge- 
ständnisses der Liebe vor dem König. R. tritt auf und Jimena 
bekennt: Rodrigue a des verlus que je ne puis hair; | Et qguand un 
roi commande on lui doit obeir (1803—04: Castro 2936). | Mais, @ 
quoi que dejäa vous m’ayez condamnee, | Pourrez-vous d vos yeux souffrir 
cet hymentel Der König: ARodrigue l’a gagnee, et lu dois öre d lu 
ı815. Aber R. wird, während du deine Tränen trocknest, ein 
Jahr lang gegen die Mauren kämpfen. — Also erneute Verbannung! 
Corneilles Schlufs ist geschickt, reicht aber nicht an die einfache! 
Gröfse Castros heran; hier entscheidet der Himmel zwischen Pflicht 
und Liebe, nicht Menschen: Jimena kann dem Cid den Kopf nicht 
abschlagen, wie R. bittet. Alle bitten sie; ihr Herz sagt ja; die 
oponiön-fama gleichfalls. Beide finden sich mit kurzem Freudeausruf; 
vgl. dazu die höchste Erregung Urracas, — ebenso kurz: 1808 und 
ı818—20 und 1865—80. Der französische Geschmack konnte die 
sofortige Verbindung nicht gutheifsen. Corneille spricht sie aus, 
läfst sie aber gleichsam in der Schwebe: mais parmi tes hauts faits 
sois-Iui toujours fidle 1829. — Und was nun die Technik der 
beiden Dichter im ganzen angeht, so bereitet Castro durch Bild 
und Gleichnis die Lösungen, die Tat, vor, die dann gleichsam 
plötzlich erfolgt. Corneille streicht diese Bilder und setzt razsonne- 
ments, damit den Seelenkampf ausmalend, vertiefend und zur Lösung 
führend. Castro braucht Farben, das pulsierende Leben und Land- 
schaft, Corneille Rede, Überlegung, Form, Siilisierung. Castro bleibt 
volkstümlich, Corneille gehorcht den Gesetzen der höfischen Bildung, 
des Theaters mit den drei Einheiten von Raum, Zeit, Handlung 
s. Einleitung zur Ausgabe. 


VII. König und Staat. 
a) Die königliche Familie 


besteht aus König Ferdinand dem Grolsen 1445—46, der sich 
auch Kaiser nennt, 2549 und s.u., aus der Königin Sancha von 
Leön 2858—g, 1828—g Anm., dem Kronprinzen = Principe Sancho 
1003—05, 2719f,, dem Prinzen Alonso (= Alfonso), Garcia 2743, 
den Prinzessinnen Elvira, Urraca 2754. Sancho ist das „enfant 
terrible“ der Familie: er will zu früh Ritter werden und Herr seiner 
Geschwister sein 92, 1003—05; er lehnt sich gegen diese und den 
Vater sogar auf 1009—ı3, 1620, 2721—22, 2881—090; denn er 
will das ganze Reich erben 1623, 2817—26, 2851—54, 2871f., 
daher bekam er zum ayo nicht den kriegerischen Grafen Lozano, 
sondern den alten, abgeklärten, theoretisierenden Diego, s. oben 
unter Palaststreit über König Ferdinand und über Sancho unter II. — 
Die Familie ist Rodrigo wohlgesinnt 28—29, 976—77 und mit ihm 
verwandt 4. 


1275. 


480 WILLY SCHULZ, 


b) Staatsbereich. 


Das Erbe und Reich Ferdinands umfalst die Länder: ı. Kern- 
land Altkastilien mit Extremadura (zwischen Duero und Tajo), 
Navarra, cuwanto hay de Pisuerga a Ebro. Dies Gebiet soll der Erb- 
prinz erhalten. 2. Leön und Asturien mit Trerra de Campos — früheren 
Campos Göticos, d.h. das Land zwischen Esla, Pisuerga und Duero 
bis südlich Sahagun; dies Erbe fiel an Alonso; Leön war Erbland 
der Königin. 3. Galicia und Viscaya = Erbe Garcias. 4. Infantado, 
am Duero gelegen und im Kern die Städte Toro und Zamora mit 
Umgebung, fiel an die Prinzessinen Elvira und Urraca, 2821— 35 
und Anm. 

c) Staatsrat. 

Er besteht aus dem König und seinen Räten: /o criado 219 
= Graf Lozano, Diego Lainez, Arias Gonzalo, Peransules 130 f., 
2719f. Diese leiten die Geschäfte und die Erziehung bei Hof. 
Es gibt da zwei Parteien: die des Grafen Lozano, dem Peransules 
verwandt ist 303, — und Peransules erzieht die Söhne Alonso von 
Leön und Garcia von Galizien 156—58, 2743f., 1000—oı, das 
ist bezeichnend, vgl. die Geschichte und Palaststreit unter oben I. 
Die zweite Partei bildet Diego Lainez, dem Arias Gonzalo verwandt 
ist 302, — und Arias erzieht die Töchter Elvira, Urraca, ist 
mayordomo mayor de la reina 154—55, 2753—56; Diego selbst ist 
ayo des Kronprinzen Sancho. Der königliche Hof steht dieser 
Partei wohlgesinnt gegenüber 28—29, 976—77, ist dem Cid ver- 
wandt 4, und die Königin und Don Sancho sind padrinos des 
jungen Ritters Rodrigo 13 —ı4. — Dieser gewisse Gegensatz in 
der königlichen Familie, der sich in der Erziehung durch die 
beiden Parteien ausspricht und in der Folge für ganz Kastiliens 
Frieden gefahrvoll zu werden droht, kommt am deutlichsten zum 
Ausdruck in den Szenen 976— 1029, 274—77, in dem begründeten 
Argwohn Sanchos gegen seine Geschwister, vor allem gegen Urraca 
ı1610—23. Der Gegensatz beruht auf historischen Grund und ist 
bedingt durch die Erbteilung Ferdinands, gegen die der Kronprinz 
Sancho sich wendet. 

Der Staatsrat befalst sich im wesentlichen mit vier Dingen in 
den Afoc.: Wer soll ayo des Erbprinzen sein? Bestrafung des 
Grafen, der in Gegenwart des Königs diesen beleidigt, indem er 
tätlich (die Ohrfeige) gegen Diego vorging, und Bestrafung Rodrigos, 
der den Grafen vor dem Palast tötet, und Diegos, der sich für 
den Sohn stellt, vgl. 970, bzw. Prüfung der Klagen Jimenas, die 
Rache fordert. — Maureneinfall, Empfang des Maurenkönigs und 
des Cid. — Streit um Calahorra, Empfang Don Martins. — Teilungs- 
plan des Reiches. 

d) e/ Rey, sus Grandes, la plebeya gente. 
Die Grandes sind Personen des hohen Lehnsadels. Seit dem 


13. Jh. mit vielen Vorrechten ausgestattet, stellten sie den ab- 
hängigen Hofadel. Vor dem ı3. Jh. und bis heute sind sie zur 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 481 


Verwaltung des Staates im Senat verpflichtet, und vor dem 13. Jh. 
und schon im Poema galt als Gesetz, dals die besitzenden ricos 
hombres, hijosdalgo, die nicht zu den cor/es des Königs erschienen, 
ihr Land verloren und verbannt wurden. 

Cort aber konnte nach altem politischen Recht nur sein, wenn 
die Richter, alaldes 1018 Anm., und mindestens drei ricos hombres 
aus dem Landesteil anwesend waren, in dem die corf stattfand. 
Zur cort kamen: der König, der sie berief und leitete, omnes ponti- 
fiıces, et abbates, el oplimates regni Hispaniae. Seit 1188 aber fanden 
in Kastilien schon die allgemeinen cortes statt, — also früher als 
in England 1226, in Frankreich 1303 !!;, — es kamen: odispos, ricos 
Principes y barones, muchedumbre de las cibdades. — S. weiterhin Absatz g. 


e) Der Monarch. 


Er herrscht, aber die Grofsen des Reiches machen ihm Schwierig- 
keiten. Sie suchen Einflufs auf den König und die Mitglieder des 
königlichen Hauses zu gewinnen 242—47; 458—60 : 506—0g und 
lassen es oft darum zu Kämpfen kommen 274—8ı und 546—58, 
oben I, 433; zumeist ist die beleidigte Ehre des Einzelnen und der 
Geschlechter die Veranlassung. Das Schwert sitzt lose in der Scheide, 
daher sind scharfe Sicherungsmafsnahmen für die Autorität des 
Monarchen getroffen, s. unter IVa und oben corf. Auf der andern 
Seite offenbart sich eine grofse Anhänglichkeit und Treue gegen 
den Monarchen, — wie gegen einen Familienvater, s. oben S. 472, 
Anm. 2. 1278—80: que siempre ha sido | digna satisfaccidn de un 
Caballero | servir al Rey a quien dej6 ofendido, 1295—96: Honra, 
valor, fuersa y vida, | todo es tuyo, gran Fernando; vgl. das Zere- 
moniell des Fufls-, Hand- und Mundkusses IVf. Des Königs Sache 
ist aller Sache und umgekehrt; vgl. das Streitgespräch um Calahorra, 
besonders 2548—49: Zn ti confio, | Rodrigo; el imperio mio | es 
fuyo, sagt der König. 

Könige besitzen die grölsere Erfahrung und geschärfteren Blick 
durch ihr Amt, sind Verwalter der heiligsten Sache, der justicia im 
Zweikampf, in dem und durch den Gott spricht, im heiligen Kampf 
der Streiter Christi gegen die Mauren, s. u. VII. Insofern stehen 
sie allen voran, ja in der Zstrella de Sevilla Ausg. Velh., Brauns 
S. 92, findet sich der Satz: Z/ Rey se ha de tralar | como a santo 
en el altar, 3. Oben 5.473 Anm. 

2817, 2857—72. Der Monarch wurde in alter Zeit erwählt: 
alsado y levantado (auf den Schild erhoben). Er beschwor Gesetze 
und Freiheiten. Doch gab es Fälle, die Erbmonarchie her- 
zustellen. So nimmt Ferdinand Leön als Erbland seiner Gemahlin, 
erbte selbst Kastilien von seiner Mutter und vererbte den selbst 
eroberten Besitz weiter 2819—20, 2857—70; d.h. der Feudalismus 
hat gesiegt: der Monarch ist Eigentümer (?ropielario) alles Landes, 
das er als feodum — Lehen weitergibt; er ist aber bald auch (durch 
Weiterentwicklung und Mifsverstehen des germanischen Ausdruckes) 
Eigentümer aller schaffenden Menschen — diese sind nur pose- 

Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII 31 


482 WILLY SCHULZ, 


edores — ünd Kräfte dieses Landes. Wer das Land eigenmächtig 
verläfst, hat es verloren! Wer nicht erscheint, wenn der König ruft, 
ebenfalls! Ad van leyes, do quieren reyes! Feudo gibt Recht auf 
Grund und Boden, auf unbewegliche Sache; der mittelalterliche 
Mensch strebte danach; der König ward sein erwählter Führer und 
wurde mit dem Augenblick der Erbmonarchie sein Herr, d.i. 
Herr und Besitzer von Land und Mensch, der einzige Freie unter 
Unfreien, die ihren Besitz vom Könige zu Lehen nahmen. Daher 
die unendlich gehobene Stellung des Königs Ferdinand. Aber 
während Ferdinand noch zwischen ererbtem und erobertem Besitz 
scheidet, diesen nach Gutdünken, jenen nach alten ererbten Ein- 
heiten unter seine Söhne verteilt, will Sancho Alleinbesitzer und 
unumschränkter Herr auch über seine Geschwister sein. Denn nur 
mit Hilfe Kastiliens konnte sein Vater weiteres Land erwerben, also 
gehört dieses zum Kernland dazu. In der Z. crön. general, S. 494,8, 
sagt Sancho a su fadre que lo non Podie facer ca los godos anligua- 
mientre fizieren su postura entresi que nunqgua Juesse partido el imperio 
de Espanna, mas que siempre fuesse lodo de un sennor. Sanchos Tragik 
liegt im Durchbiegen dieses Prinzips; s. Moc. 2817: ö Testamento 
hacen los reyes? fragt Sancho erstaunt. Und im zweiten Drama 
sagt Bellido, Sanchos Mörder: un Rey que fud tirano. Ihm erwidert 
der älteste Sohn des Arias Gonzalo: Nunca es tirano el Sehor 1489, 
dies ist der Grundsatz des monarchischen Bekenntnisses im 17. Jh., 
denn der König ist immer gerecht, Moe. 1, 1745f.: dien temido, y 
bien amado und 1993—94: Rey que no hace justicia | no debria de 
reinar, vgl. oben S. 473 Anm. 


f) Einheitsbestrebungen. 


2549: el imperio mio es luyo, s. 276. Die spanischen Herrscher 
haben sich oft in entschiedenen Gegensatz zu Deutschland gestellt 
und sich den Kaisertitel beigelegt. So bereits Ferdinand I.: sw 
titulo de emperador, expresivo no sölo de su poder en la Pentnsula, sıno 
de su inltenlo de no reconocer la Pretentida superioridad jerdrguica de 
los emperadores de Alemania, los cuales, como herederos de Carlomagno, 
se atrıbuian la jefalura, siquiera honorifica, de toda la cristiandad 
(Salcedo, Zist. de Esp. 228— 30). In der Crdn. rim. zieht denn auch 
Ferdinand gegen den König von Frankreich, den Kaiser von Denutsch- 
land, den Grafen von Savoyen und den Papst mit den Völkern von 
fünf spanischen Reichen — von Santiago bis zu den Pyrenäenpässen 
von Aspa — bis Paris, da man ihm Tribut abfordert, denn 758: 
el buen don Fernando par fue de emperador. Cid siegt, der Papst 
trägt ihm die Kaiserkrone von Spanien an, die er ausschlägt 1068: 
que por lo por ganar venimos, que non por lo ganado, ... Viene 
(Ferdinand) for conguerir el imperyo de Alemania, que de derecho ha 
de heredarlo 1070. Auch Alfons VI, der Eroberer von Toledo 
(1085), nannte sich Kaiser zum Zeichen, dafs er die ganze Insel 
erobern wollte, und Alfons VII. liefs sich feierlich zum Kaiser ganz 
Spaniens in der Kathedrale von Leön 1135 ausrufen. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MÖCEDADES DEL CID. 483 


Wir treffen früh schon auf die Bewegung zur Einigung des 
Reiches unter kastilischem Szepter. Der politischen Bewegung 
geht die literarische zur Seite: Der Chronist Lucas de Tüy be- 
richtet bald nach ı200 von der eben genannten Kaiserkrönung 
im Jahre 1135, dafs die Grofsen dem Kaiser Lobgesänge auf 
ihrem Heimwege sangen. Und vom Jahre 1139 sagt er: die 
Mauren ziehen gegen Toledo heran. Die Kaiserin sendet Boten 
zum Feind mit der Meldung, der Kaiser belagere Oreja, sie sei 
allein in der Stadt, ob sie etwa gegen Frauen kämpfen wollten; 
und die Mauren sehen die Kaiserin auf den Mauern auf ihrem 
Thron, um sie den Hofstaat, Lieder singend unter Musikbegleitung ; 
sie ziehen beschämt ab. Der siegreiche Kaiser zieht in Toledo 
ein y los principales de la ciudad, ora cristianos, ora musulmanes, 
ora judios (porque aquellos cristianısmos y santos reyes, muy lejos 
de la intolerancia de los despues Uamados catdlıcos, gustaban llamarse 
reyes de Ires religiones) juntos con todo el vecindario salieron a 
recibir a Alfonso por el camino de la puerta de Alcäntara, y tafiendo 
toda clase de instrumentos müsicos, cada religion en su propia lengua 
castellana, drabe y hebrea, canlaban alabanzos a Dios y al vencedor 
(Zst. lit. von Menendez Pidal, S. 399— 300). — Derselbe Chronist 
überliefert uns auch das älteste spanische Iyrische Liedchen vom 
Sieg der Christen über den gefürchteten Almanzor im Jahre 1002: 


En Cafiataflazor 
perdiö Almanzor 
ell atamor [= lozania]. 


Besonders interessant ist der Beibericht des Lucas de T., der Teufel 
selbst habe als Gespenst eines Fischers am Ufer des Quadalquivir 
bei Cördoba wehklagend bald arabisch, bald spanisch geschrieen. 
Man vergleiche damit den grolsen nationalen Sieg bei las Navas 
im Jahre ı2ı2, wo „das ganze spanische Volk kämpfte, wie das 
israelitische unter Josua und David“! Diesem Sieg ging die ge- 
waltige Niederlage der Christen unter demselben König Alfons VID. 
bei Alarcos 1195 gegen den Almohaden-Almanzor Jacub voraus 
(s. oben S. 468). Bei las Navas kämpften der Erzbischof Rodrigo 
de Toledo und der König selbst mit; die Sage hat den Schlacht- 
bericht ausgeschmückt, und der Volksglaube sah in dem geheimnis- 
vollen kleinen Hirten, der das christliche Heer durch die rauhe 
Sierra Morena führte, San Isidor labrador, den Schutzheiligen von 
Madnid. 

Die Chronisten Lucas de T. und dieser Rodrigo de Toledo 
(aus Navarra) schreiben in nationalem Sinne und für die Vorherr- 
schaft Kastiliens, dem Leon, Burgos, Toledo und bald Sevilla gehörte, 
und das die grolsen nationalen Kämpfe gegen die Mauren 
leitete (s. oben 1693; Cid und die Mauren S. 447). Rodrigo besonders 
ist auch der Anwalt der spanischen Empfindungen gegen die Ein- 
führung der Kirchenreform Gregors VIL, die die landfremden 
französischen Cluniazenser seit Anfang des ıı. Jh.’s nach 


zı* 


484 WILLY SCHULZ, 


Spanien brachten. Die Krone, d.h. Alfonso VI., Urraca, Alfons VII, 
unterstützten diese invasiön galtcana. Aber Kleriker, Miliz und 
Volk standen in dieser Frage geeint gegen den fremden Einfluls. 
Ein Duell sollte entscheiden. Es entschied gegen die Fremden. Aber 
der König setzte seinen Willen über dieses „göttliche“ (s. unter 
VlIe und VIII) Urteil; daher das Wort: Alla van leyes do quieren 
reyes.1 Mit der Einführung der Reform ward die Sonderentwicklung 
einer spanisch-katholischen Kirche unterbunden und die Unter- 
ordnung unter Rom bewerkstelligt.2 Aber der arabische Kultureinflufs 
drang nach Paris, und der französische, und was uns hier besonders 
angeht, der epische französische nach Spanien, im Anfang des 
11. Jh’s. Man übernahm die Lieder über Karl den Grofsen, die 
von Ogier, die Mort Aymerti, Amis et Amile, Wilhelmslieder, Fierabras 
und den Gebrauch der Sänger (juglares), die epischen Lieder an 
Höfen, in Schlössern und auf öffentlichen Plätzen zu singen. (Ob 
auch den Geist der Intoleranz ?, vgl. Roland gegen Cid).! Mit dem 
Erstarken der Reaktion gegen fremden Einflufs (s. schon den 
Mönch von Silos um ı ı ı0, wie dann Rodrigo de T. nach 1200) wurden 
die französischen Liederstoffe im spanischen Sinne dargeboten, und 
Bernardo del Carpio besiegt Roldän, Rolands Feind ist Reinaldo im 
alten canfar de Roncesvalles. Cyklische Dichtungen erschienen, wie 
der um ı140 (nach Pidal) erstandene Heldensang vom Mio Cid; 
die Infanten von Lara, Fernan Gonzälez, don Garcia sind aber vor 
dem französischen Einfluls in Spanien entstandene Epen, d.h. vor 
ca. 1100. 

Zuvor gab es in Spanien eine archaische Dichtungsform, 
wie wir ein Musterstück in dem Sang auf den Almanzor erhalten 
finden. Pidal sieht in dem Verschen den Schlufsreim = esfribillo eines 
Soldatenliedchens. Spanisch, arabisch, hebräisch erklangen die 
Lieder in derselben metrischen Form des zillancico-estribillo glosado. 
Wir finden sie später beim Erzpriester von Hita, Fray Luis de Leön, 
unter den katholischen Königen und Karl V., im Theater bei Juan 
del Encina, ja bis ins 17. Jh. bei Tirso und besonders bei Lope 
de Vega. Doch haben die Kunstformen der seguidilla, copla, romance 
diese älteste Liedform zurückgedrängt oder verändert, und heute 
ist sie unbeachtet. Das Urliedchen erfalste in Spanien alle Ge- 
schehnisse des Lebens, und zwar das Erlebnis, das Ereignis im 
ganzen, ohne Analyse; es war synthetisch, gleichsam interjektional, 
die Strophen glossierten es dann (jedermann kannte ja den Inhalt). — 
Im 10. und ı1ı.Jh., d.h. vorliterarisch, wurde es durch zum Islam 
übergetretene Christen auch in die andalusisch-arabische Poesie ein- 
geführt — mit Resten romanischer Wörter — und erscheint dann 
im 12. Jh. z. Z. Alfonsos VII. in den Gesängen des Aben Cuzman 
von Cördoba. Die Liedform ist in alle romanischen Literaturen 


1 Bestimmend mag auch die Haltung der spanischen Mauren zu denen 
in Nordafrika gewesen sein, cf. Cids Stellung, oben S. 447. 
2 S, oben 5.464 Anm. 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 485 


übergegangen und hat schon den ältesten Troubadour Wilhelm 
von Poitiers beeinflufst. — Das Liedchen war zur Erzählung, zum 
chorischen Gesang hervorragend geeignet. Vgl. als Muster: 


Esta si que es siega de vida, 
€sta si que es siega de flor. 
Hoy, segadores de Espafiia, 
veni a ver a la Moraäüa, 
trigo blanco y sin argafa, 
que de verlo es bendiciön. 
Esta si que es siega de vida... 
Labradores de Castilla, 
veni a ver a maravilla: 
trigo blanco y sin neguilla, 
que de verlo es bendiciön: 
Esta si que es siega de vida... 


Den Estribillo singt der Chor, die Strophe der Vorsänger, der 
vierte Vers leitet zum es/rıdillo für den Chor über. — Die Strophe 
des vsllancico ward späterhin einreimisch und fiel mit der Romanze 
zusammen, die aus der epischen Welt kam und mehr und mehr 
in den Bereich der lyrischen Gesänge übergrif. — Die Romanze 
hat einen Vers von ı6 Silben, ist einreimisch, aber in zwei Hälften, 
d. i. zweimal acht Silben, zerteilt. 

Welche Grundform die ältesten Lieder gehabt haben, ob silben- 
zählend oder akzentuierend, steht noch nicht fest. Das älteste uns 
überlieferte Epos ist der Cantar de Mio Cid vom Jahre 1140(!). 
Sein Vers zeigt ungleiche Silbenzahl: 10— 21, die letzte Tonsilbe 
hat Assonanz, am meisten treten 14—ı6 Silbler auf. Letztlich 
(Iberica V, Beiblatt für span. Philologie und Unterricht, S. 8 f.) tritt 
R. Grofsmann für die akzentuierende Grundform auch in Kastilien 
ein, nachdem diese von Karoline Michaelis de Vasconcellos für 
Portugal, Galizien, Asturien, Kantabrien im ı2. und 13. Jh. nach- 
gewiesen ist; d.h. für zweimal zwei Hebungen mit höchstens fünf 
Senkungssilben zwischen erster und zweiter, dritter und vierter 
Hebung und nur einer Senkungssilbe nach zweiter und vierter 
Hebung. Denn der Vortrag war rezitativ. Der Übergang zur 
Romanze beruhte auf musikalischen Veränderungen, da sich „aus 
dem rezitativen Gesange bei fortschreitender Technik eine richtige 
Melodieführung herausbildete, wie sie in uns erhaltenen Noten- 
beispielen des ı6. Jhs. vorliegt, d. h. der isosyllabische Vers, bei 
dem mit jeder Note eine Silbe kongruiert*. In älteren Romanzen 
finden sich daher noch 7, 9, 10 Silbler. — Auch die obigen alten 
villancicos lassen akzentuierende Form zu. Haben die Goten diese 
akzentuierende germanische Weise nach Spanien verpflanzt? Oder 
leitet sie sich einfach aus einem Arbeitsliederverhältnis her? Wie 
erklärt sich der mehr erzählende (Kastilien) als Iyrische (Portugal- 
Galizien) Charakter? Beweisende Belege fehlen z. Zt. noch. — 
Fügen wir hinzu: Ein chilenischer Gelehrter charakterisiert die 


14308. 


2151f. 


486 WILLY SCHULZ, 


spanische Sprache: EI castellano naciö en manos de los godos, 
estos le imprimieron los caracteres de su raza germana en la fonetica 
y construcciön de las palabras: era el Jalin en labios germanos, con- 
toda la precisiön, rudeza y dignidad propias de la raza. Este fue 
el castellano de los cläsicos y el mismo que trajeron a Chile los 
conquistadores vascos y godos ... Posteriormente, a fines del XVII, 
los eruditos del renacimiento, espafoles-latinos, transformaron el 
idioma castellano-götico en un castellano latinizado con cambios 
foneticos esenciales (J. M. Pinedo in Heraldo de Hamburgo, 5. Juni 
1924, Algo sobre el idioma chileno Il). S. oben IVd; auch Anm. ı! 

Wir sehen in Spanien die Iyrische Poesie zugleich mit der 
epischen erblühen. Und im selben Medinaceli, wo der Almanzor 
1002 begraben wurde, entstand um ı1ı40(!) das Nationalepos vom 
Cid (nach Pidal, s. oben S. 448 Anm.). 

Den Grund für eine einheitliche spanische Schriftsprache legte 


Alfonso el Sabio, jener politisch so unglückliche König, der auch 


nach der deutschen Krone die Hand ausstreckte. Alfonso machte 
das Spanische zur Amtssprache und gab den Auftrag für die Ab- 
fassung der Ürönica general unter Benutzung aller Hauptquellen: 
Lucas de Tuy und Rodrigo de Toledo und vor allem auch der 
epischen Quellen. Er liefs also nicht, wie bisher üblich, nur die 
Geschichte seines Hauses, seiner Länder schreiben. An der Nach- 
erzählung des epischen Gutes ist ja das gesamte Volk, das National- 
empfinden, nicht nur Regionalismus und Dynastie, interessiert. 

Spaniens politische Einigung kam eıst, als die letzten Mauren 
das Land hatten verlassen müssen: durch die katholischen Könige; 
deren Enkel wurde Kaiser von Deutschland und römischer Kaiser 
und Herr jenes unermelfslich grofsen Weltreiches, in dem die Sonne 
nicht unterging. (Über den sehr frühen Beginn staatlicher Einigung 
vgl. besonders VIld, cort). 

Im Staate gibt es drei Klassen der Bevölkerung: 
Adel, Geistlichkeit und: Bürger, Bauern, Hirten, fahrendes Volk, wie 
Bettler, Aussätzige, Pilger. 1275: Rey, Grandes, plebeya gente, und 
Geistlichkeit, Lazarus 2331, fraile 2177. Vgl. unter f. 

Der dritte Stand wird bei Castro gering geachtet. Seine 
Vertreter sind der Hirt, der Aussätzige als Bettler und in Gestalt 
des Lazarus, Soldaten in Begleitung des Pilgers Cid. — Der Hirt 
zeigt den Hals des Volkes gegen die Mauren im Land; von sicherm 
Ort aus ist er tapfer mit der Rede 1453f., feige mit der Tat 1430; 
eine Art Falstaff und Vorbild des „gracioso“ zugleich, als Sprach- 
rohr des Volksurteils.. Er und die Soldaten sorgen sich, gleich 
anderen Sancho Panzas, vorerst und sofort beim Erwachen nur um 
einen kleinen Bissen und um Getränk: pierna de carnero, entero un 
jamön, bota, und lassen im übrigen den lieben Gott einen frommen 
Mann sein. Das Gebet kommt in zweiter, dritter Linie. Sie sind 
seelenlose, törichte Schwätzer 2151—54. Sie ziehen die Sorge um 
ihre Gesundheit 2267 der Rettung Aussätziger vor und meiden 
den Umgang mit ihnen überhaupt 2282. Mildtätigkeit, christliche 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 487 


Nächstenliebe liegen ihnen fern, aber dafür sind sie um so neidischer 
aufeinander 2285—86. — Der Cid ist das genaue Gegenteil dieses 
gemeinen Volkes. Er ist adlig nicht blols in Kleidung und Her- 
kunft, er besitzt auch wahren Adel der Gesinnung, Demut des 
echten Christen. Neben ihm stehen der fraile mit einer alma 
Jimpia y sencilla 2175—78, der Bauer mit seiner Plumpheit aufsen 
und innen. Jeder Stand und Beruf hat scinen dafür tauglichen 
und gearteten Menschentyp, er hat auch Seine ihm eigene Auf- 
fassung vom Himmel; und es gibt viele Wege, die zum Himmel 
führen 2167f. Der Cid ist der christliche Ritter dor excelencia. 
Lazarus segnet ihn, dafs er der tapferste christliche Held werde 
durch den Kampf und für immer, noch als ein Toter soll er siegen. 
Er verdient diesen Ruhm. Denn er teilte Rock, Essen, Lager mit 
dem armen Aussätzigen, nachdem er ihn aus dem Sumpfe gerettet 
hatte. Die Gleichheit aller Menschen verwirklicht er hier auf Erden 
2247f. Der stärkste Ritter und Sieger, der andern durch die 
Gewalt seiner Waffen seinen Willen aufzwingt, ist zugleich der 
demütigste, mildtätigste Christ, der seine Gesundheit, sein Leben 
hier ebenso aufs Spiel setzt, wie in der grimmigsten Schlacht. — 
Hirten und Soldaten, andrerseits Rodrigo, der Cid, sind entgegen- 
gestellte Typen des spanischen Volkes, andere Sancho Panzas 
und Don Quijotes. Hirt und Soldat, vor allem der erstere, sind 
Vorstufe und Urtyp eines Gracioso, eines Mitteldinges von Vertrautem 
und Diener. Lope de Vega hat diesen Typ aus dem Lakaien ent- 
wickelt. Und so ist er: actor dramätico que ejecuta siempre el papel 
de caräcter festivo y chistoso (lustig und witzig); „es @ la veg criado, 
amıgo y consejero del personaje principal; mucho mäs variado, rea- 
lista, verosimil y humano que el confidente del leatro francds. Tiene 
algo de la significaciön del coro de la tragedia cläsica, representando 
el buen sentido, lo que hoy se llama opinion püblica, y contra- 
stando con frecuencia las exageraciones del caräcter de su sefior. 
Sus antecedentes se hallan en el pastor de las Eglogas de Encina, que 
se transforma en el bobo de los pasos de Kueda, y &ste, desarro- 
llado, se convierte en el gracioso, que recoge tambien algo del 
caräcter del picaro“ (vgl. Figaro!). Zist. de la lit. esp. von Hurtado- 
Palencia, S. 627; s. oben S. 485 und 452 Anm. 

Zusatz. Der Cid ist also vollkommenster Typ des Zeitideals: 
des Ritters und Christen. Die Gegensätze der Ideen von welt- 
lichem Rittertum und mönchischer Entsagung, vom Leben und 
Kämpfen um das Diesseits und Jenseits sind im Cid schön ver- 
einig. Noch Don Juan Manuel hatte sie getrennt, indem er dem 
kriegerischen, räuberischen König Richard von England den Ere- 
miten gegenüberstellte, gleichwohl aber eine Aussöhnung erreicht; 
denn Richard erwirbt sich durch den Kreuzzug mit einem Schlage 
mehr Verdienst als der Eremit mit all seinen Bufsübungen. 

Das Motiv dieser Gegensätze ist uralt, und jene indische 
Erzählung vom überzeugt-stolzen Brahmanen und dem ganz der 
Kindesliebe zu seinen alten Eltern und seinem verachteten Gewerbe 


2772. 


188 WILLY SCHULZ, 


lebenden Jäger tritt in immer neuen Varianten in Persien, bei den 
Juden, im Occident, besonders auch in Spanien in der arabischen 
Erzählung von Moses und dem carnicero Jakob, dann bei Don 
Juan Manuel auf; schliefslich stehen sich der Heilige, Geistliche, — 
Mönch und der Räuber (ladr6n) gegenüber; dieser aber vollbringt 
von ihm und der Welt nicht beachtete Grolstaten an Edelmut 
(er rettet und hilft Frauen vor Gier) und wird von Gott den 
Besten gleichgestellt, wie jener casador der indischen Erzählung. 
Und so sagt der heilige Pafnutius (Erzählung schon gegen 372): 
A nadie en este mundo se le debe despreciar, ora sea ladıön, 
ora comediante, ora labre la tierra, o sea mercader, o viva ligado 
en matrimonio; en todos los estados de la vida hay almas agra- 
dables a Dios que tienen virtudes escondidas en que El se deleita 
(R. Menendez Pidal in Zistudios literarios S. 41, bei Besprechung 
von Z/ condenado por desconfiado von Tirso de Molina, vgl. dazu 
S. 454: Paulo pierde el favor de Dios por sölo carecer de con- 
fianza en El, mientras que Enrico, ladrön y asesino, consigue aquel 
mismo favor por haber desplegado la fe mäs viva, la confianza 
mäs ciega hasta el fin de su vida manchada con los crımenes mäs 
espantosos.. Und dazu vgl, wie oben bereits inhaltlich angezeigt, 
die Moe. 2ı65f.: Zl ser cristiano | no impide al ser caballero. | Para 
general consuelo | de todos, la mano diesira | de Dios mil camınos 
muesira, | y por fodos se va al cielo. | F asi, el que fuere guiado | Por 
el mundo peregrino | ha de buscar el camıno | que diga con el estado ... 
d. h. der Kleriker, Bauer, Soldat, Ritter Porgue al cielo caminando, | 
ya llorando, ya riendo, | van los unos padeciendo | y los otros peleando. 

Zum Motiv vgl. im Neuen Testament die Gleichnisse vom 
verlorenen Sohn, von den Arbeitern im Weinberg, vom Pharisäer 
und Zöllner. 


VIII. La religiön cristiana. 


Die Sorge für die Religion, für den katholischen Glauben, 
geht der für die Familie, für den Staat (s. oben $. 472, Anm. 2), 
voran. Religion = ley 1844, d. h. Glaube, Staats- und Landes- 
sicherheit, sind eins. Der spanische Mensch ordnet sich in allem 
ihr unter. Sie gleicht die Rangunterschiede aus und adelt den 
Menschen 2781, 2247f. Las odras de carıdad | son escalones del 
cielo 2213—14. Sie beugt den irdischen Trieb nach Ehre, Besitz, 
Ungleichheit, macht den Menschen demütig vor Gott. Doch Sancho 
bäumt sich gegen das Geschick auf 2719f., 2784, so sehr er wieder 
sich vor ihm fürchtet V, 1537. Dic Kastilier betrachten sich als 
die Soldeten Christi; ihr Kampf ist Gottes Kampf, ihr Sieg Gottes 
Sieg; sie haben recht, die Mauren unrecht, ihr Gott, ihr Blut ıst 
mehr wert 1451—52 + 2480 + 2570. Es ist nicht human, dafs 
Christen untereinander kämpfen 2368 —74. Das Duell steht gleicher- 
malsen unter Gottes Urteil, Gott ist mit Sieger; der Besiegte hat 
unrecht 2375—76, 2476, 2590, 627, Ss. V, 1537. (Und doch 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 489 


wagen schon frühzeitig dagegen sogar Könige ihre Machtprobe 
bei Einführung und Stützung der znvasidn galicana : alld van leyes 
do quieren reyes, 3. S. 484.) Gottes Urteil sprechen Blut und Herz 
(2790, 1194, 8. unter IV, 6 und V), verraten die Sterne. Gott weils 
allein das Gesetz, der Mensch sucht es zu erkennen 2315—16. 
Der wahre Christ ist ebenso mutig und schlägt sein Leben in die 
Schanze in der Demut und Aufopferung für seine Mitmenschen, 
wie der Krieger in der Schlacht; Ungleichheit von Besitz und 
Herkunft kennt er nicht. 

In Spanien ist darum der Bettler nicht verachtet, hat ein Recht 
zum Betteln; Armut ist weder Schande noch persönliche Schuld; 
ungleicher Besitz schafft keinen Neid, sondern die Pflicht zur Hilfe, 
zur carıdas: denn Jas odras de c. son escalones del cielo 2213 —14. 
Alle sind Brüder vor Gott, vor der unbarmherzigen Natur des 
Landes, alle arm, gleich. Unser Erdenleben ist ein Übergangs- 
stadium zum wirklichen Leben, nur ein Durchgang für das Ewige, 
und steht unter dessen Gesetz. Dorthin müssen wir kämpfend 
streben. Der Tod ist für Fray Luis de Leön ein Anreiz zur Tat; 
er will in Gott eindringen, ihn erkennen. „Uudndo sera que pueda | 
libre de este prisiödn volar al cielo, |... conlemplar la verdad pura sın 
velo?, ... en luz resplandeciente convertido, | ver£ distinto y junto | lo 
que es, y lo que ha sido, | y su principio propio y escondido. Das ist 
spanische Mystik, und so spricht Rodrigo 2326, 2165—74, 2191—94, 
so handelt er als christlicher Ritter, und Jimenas Schmerz steigert 
Castro bis zur mystischen Versenkung, s. VId, über den „heiligen“ 
Ritterschlag S. 458, vgl. weiter: 2793f.: Como el peso de los anos | 
sobre la ligera carga | del ceiro y de la corona | mds presto a los 
reyes cansa,; | para que se eche de ver | lo que va en edad cansada | 


de los Irabajos del cuerpo | a los cuidados del alma; | — siendo la 
veloz carrera | de la fragil vida humana | un hoy en lo poseido | y en 
lo esperado un maflana — | Fo, hijo.... guiero... Das menschliche 


Leben ist nur ein Heute im Besitzen, ein Morgen im Hoffen. Im 
Alter empfindet und sieht man klarer das Unterscheidende vom 
Jetzt körperlichen Mühens (örtlich) und von Not und Angst um 
das Dann (zeitlich). Könige aber altern früher als andere Menschen; 
körperliche Gebrechlichkeit und seelische Not heben sich vor ihren 
Blicken bestimmter voneinander ab; und darum erkennen sie das 
körperlich-zeitlich Begrenzte des diesseitigen Lebens gegenüber dem 
Ewigen früher und schärfer (s. Ve). 


IX. Von Physiognomik des spanischen Menschen 
und seiner Schöpfungen. 


Der spanische Mensch ist der Abstammung nach, soweit wir 
historisch blicken können, ligurisch-iberisch (d. h. aus Afrika), römisch, 
arabisch und wiederum keltisch-germanisch. Aber Land und Klima, 
sein Lebensraum, zwingen rein äulserlich diesen spanischen Menscher.- 


490 WILLY SCHULZ, 


typ den gröfsten Teil des Tages über zum Anhalten der Kräfte, 
zur Scheinruhe, zur Entbehrung und damit zur Selbstbeherrschung, 
zur Form, zur scharfsichtigen Beobachtung — oder auch zu voll- 
ständiger Trägheit. — Dann, wenn die kurze Tagesfrist der Aktion 
anbricht, entläd sich die verhaltene Glut gleichsam eruptiv. Auf 
der einen Seite ein Insichkehren, ein Brennen und Glühen, innere 
Schau und Mystik; auf der anderen Seite geradezu plötzlich:s 
Losbrechen aller Kräfte zur höchstumfassenden Aktivität. Die Auf- 
lösung ist aber nie vollständig, da ja, je länger der Mensch an sich 
hält, die Kräftemassen wohl oder übel desto fester sich ordnen, 
sich aneinander-, ineinanderfügen müssen, d.h. eine gewisse Gesetz- 
mälsigkeit in sich auch späterhin tragen. Spanisches Wesen hat 
darum von vornherein den Charakter einer gewissen Form, einer 
gewissen Rhythmik und inneren Gesetzmälsigkeit bei aller Unmittelbar- 
keit; es umfalst und erfalst mit aller Kraft die Sinnenwelt und 
' ersieht sie sich nah und körperhaft klar gestaltet; ihm kommt 
auflserdem die lange Erziehung durch die alte römische Kultur zu- 
gute. Und während die Bewohner des trüberen Nordens grübelnd 
und lehrhaft hin zum Licht strebend sich mühen, lebt beschaulich 
der spanische Mensch so sehr im Licht, dafs sein Auge mehr leistet 
als der Erkenntnissinn; ja dafs von Licht und Hitze geblendet und 
geplagt er das Dunkel und die Mulse (auch Untätigkeit) suchen 
muls. Was uns im Norden als Gegensätzlichkeiten erscheinen, wir 
in langem theoretischem Bedenken erarbeiten, sieht er körperhaft, 
„greifbar“ scharf umgrenzt, erlebt er unmittelbar und als Ganzes 
fest und eigenartig verbunden. Da stehen die gröfsten Kontraste, 
die schärfsten Widersprüche: das Heilige neben dem Trivialen, das 
ldeale neben dem Realen, tiefster Ernst neben ausgelassenster Freude, 
Grausamkeit neben aufopfernder Liebe, Fanatismus in Egoismus und 
Altruismus, in Glauben und Ehre, in Hafs und Liebe. Der spanische 
Mensch ist ebenso hart gegen sich wie gegen andere, ebenso 
demütig wie selbstbewulst; er handelt wie im Rausch, im Traum, 
und doch in klarer Überlegung und Überzeugung. Da steht der 
hidalgo in Lumpen, der ficaro. Das Verbum Sein heilst ser 
= ewiges Sein), wie es/zar (= kürzerer oder längerer Ausschnitt 
daraus); d.h. von Kindheit an kann der spanische Mensch unter- 
scheiden, was bei den anderen Völkern erst der reife Mensch durch 
philosophische Systeme begreift: die Einheit in der Vielheit. — 
Und viele Szenen bilden im spanischen Drama einen Akt, viele 
Akte ein Drama, zwei Dramen das Cidwerk Castros; das Ganze 
des Lebens setzt sich aus einer Kette von Ereignissen zusammen; 
das Leben selbst ist nur ein Ereignis in Hinsicht auf das zukünftige 
Leben ... nichts ist vollendet und doch eine Einheit. — Alles 
spanische Schaffen ist dynamisch, rhythmisch, naturhaft, ursprünglich, 
unmittelbar und erden- und volksnah, — Realismus! von seltener 
Gewalt und Tiefe, nicht lehrhaft, gekünstelt, konstruktiv (vgl. Frank- 
reich, oben S. 451—452, Anm). 


EIN KULTURBILD AUS DEN MOCEDADES DEL CID. 491 


C. Schlufsbetrachtung. 


Das Drama Castros ist ein Kultur-, Sitten- und Seelengemälde 
grölsten Stils. Das Gegensätzliche beherrscht Linienführung und 
Charaktere: Rodrigo ist glänzender Siegerheld auf dem Schlachtfeld 
und edelster Christ, Jimena Rächerin und Liebende. Castro weils 
mit vollendeter Kenner- und Meisterschaft sowohl Frauen-, wie 
Mannesempfinden zu zeichnen — auf historischem und legendarem 
Grund. Aus dem überreichen Schatz der spanischen Chroniken 
und Romanzen, aus Volksempfinden und -Lied entwickelt er im 
Lichte des spanischen Zeitgeschmacks, Lebens und Denkens vom 
Standpunkt der vornehmen Gesellschaft aus wahre übernatürliche 
Heldentypen von tiefster Tragik. Immer neue Züge entnimmt er 
seinen Quellen, besonders den weiblichen Charakter weils er wie 
kaum ein zweiter bis in die letzten Regungen zu verstehen. Urraca 
ist der Typ der edlen Liebe, die entsagen kann und erfolgreich 
gegen den Stachel des Rachegefühls, der beleidigten Liebe, kämpft. 
Jimena zerfleischt sich selbst, zertritt grausam die aufkeimende 
Liebe, indem sie neue stärkere Mittel erfindet, R. zu verfolgen und 
zu quälen; töten kann und will sie R. nicht, für sein Leben bangt 
sie mehr als er selbst, mehr als um ihr eigenes. — Das Studium 
der Mocedades del Cid vermittelt wahrhaft bildende Werte. Die 
Sprache ist edel, sentenzenreich, volkstümlich einfach und doch 
wieder tief und fein geschliffen, die Reimtechnik von vollendeter 
Meisterschaft. 


W. SCHULZ, 


Sprachgeschichtlich-sprachgeographische Studien IL 


TALPA, MUS, RATTUS — ! vor Kons. 
im Romanischen. 


In der Festschrift für L. Gauchat (Aarau 1926, S. 298ff.) hat 
J. Jad unter dem Titel „Zum schriftitalienischen Wortschatz in 
seinem Verhältnis zum Toskanischen und zur Wortgeographie der 
Toskana“ u.a. auch das Problem angeschnitten, wie tosk. /alda — 
(/opa) — topo sich zu den älteren toskanischen und aufsertoskanischen 
Bezeichnungen des Maulwurfs, der Maus und der Ratte historisch 
und wortgeographisch verhält. Es sei mir nun hier gestattet, die 
an die Bezeichnungsgeschichte der drei genannten Begriffe sich 
anschlie[senden Fragen auf das Gebiet der übrigen Romania hinaus 
zu verfolgen. Das Material für Italien verdanke ich dabei der 
Liebenswürdigkeit der Herren Prof. J. Jud und K. Jaberg, die es 
mir aus den von ihnen im Verein mit Herrn Dr. P. Scheuermeier 
und G. Rohlfs eingebrachten umfangreichen Sammlungen für den 
italienischen Sprach- und Sachatlas bereitwilligst überlielsen, das für 
Catalonien der Liebenswürdigkeit des Herrn A. Griera.. Allen 
diesen Herren sei hier mein besonderer Dank ausgesprochen. Ich 
gebe daher für die Bezeichnungen des Maulwurfs aufser der Karte 
des ALF noch eine solche des AIS bei. In die italienische Karte 
habe ich aufser den für den AIS aufgenommenen Punkten noch 
solche meiner eigenen Aufnahmen in der Romagna! und aufserdem 
besonders wichtige Formen aus den Sammlungen von A. Garbini? 
eingetragen. 


t und zwar ı1’Forli, 2’Faenza, 5’Coccolia, 8’ Ravenna (=459), 10°Fognano, 
11° Cella (Modigliana), 12° Cesena, 13’ Imola, 15’ Osteriola (Gem. Sesto Imolese), 
18° S. Sofia, 19° S. Arcangelo, 20° Rimini, 25’ Fiorentina (Gem. Medicina), 
26‘ Palazzuolo, 28° Consandolo, 35° Bagno di Romagna. Vgl. über diese Orte 
meine Romagnol. Dialektstudien IL (zit. RD), S. 10 und 245. 

%2 Adriano Garbini, Antroponimie ed omonimie nel campo della soologia 
popolare, Verona 19325, parte II. Folgende Punkte wurden berücksichtigt: 
1“ Lavis (Trentino), 2‘ Berbenno (Sondrio), 3° Valle Lomellina di Mortara 
(Pavia), 4” Carrara, 5“ Como, 6° Sarzana, 7° Mentone, 8° Oneglia, 9“ San 
Remo, 10” Bordighera, ı1“ S. Pier d’Arena (Genua), 12’ Albissola Marina, 
13° Savona, ı4“ Diano Marino, 15” Bargo S. Lorenzo, 16” Montecatini, 
17° Macerata Feltria, 18° Terni, 19” Amelia di Terni, 20° Portoferrajo d’ Elba, 
21° Omegna di Pallanza (Novera), 22° = 500, 23“ Tivoli, 24° Veroli di Frosinone, 
25 Teramo, 26° Viterbo, 27‘ Avezzano, 28° Pietracamela, 29° Tollo (Chieti), 
30“ Penne, 31° Tirauo, 32° Celano di Avezzano, 33” Telese (Benevento). 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 4093 


„Lat. TALPA bedeutet in den ital. Mundarten wie frz. /aupe 
den ‚Maulwurf‘, nur in der Toskana und in einer kleinen Gruppe 
von am Ostabhang des nordtoskan. Apennin gelegenen romagnol.- 
emilianischen Orten bezeichnet 2050 sowohl die ‚Maus‘ wie teilweise 
auch die ‚Ratte‘. Auffallend, dafs dieses toskan. /050 ‚Maus‘-Gebiet 
fast ringsherum von 7050 ‚Maulwurf‘ umschlossen ist: also dürfte 
wohl auch die Toskana einst ein /0do ‚Maulwurf‘ gekannt haben. 
Fragen mannigfacher Art stellen sich beim geographisch orientierten 
Forscher ein: warum hat nur die Toskana das Wort /050 mit der 
Bedeutung ‚Maus, Ratte‘ ausgestattet und auf sein älteres sorcıo, 
sorco ‚Maus‘ verzichtet, das in Latium, Umbrien, Marche, zum Teil 
in der Romagna, Emilia sich erhalten hatr* Als Jud (l.c. S. 309/10) 
sich diese Frage vorlegte, war noch nicht das Material der Auf- 
nahmen für ganz Italien eingebracht. Der Vergleich der Karten für 
‚Maulwurf‘ und ‚Maus‘ (bzw. ‚Ratte‘), sowie der betreffenden Abschnitte 
bei Garb. ergibt, dafs die Bezeichnungen der beiden Tiergattungen 
auch aufserhalb der Toskana sehr häufig füreinander einspringen, 
bzw. dafs sich ihr Geltungsbereich fortwährend verschiebt, wie im 
einzelnen noch zu zeigen sein wird. Zu beachten ist jedoch gleich 
von vornherein, dafs Homonymität der Bezeichnungen für Maulwurf 
und Maus (bzw. Ratte) trotz der häufigen Übertragungen wohl 
überall vermieden ist, und zwar in der Weise, dafs entweder ver- 
schiedene Stämme (/05- = ‚Maulwurf‘, sorc- oder ralt- = ‚Maus‘) 
oder das Geschlecht (/oßa ‚Maulwurf‘, /0ßo ‚Maus‘) unterscheidend 
wirken oder ein Attribut wie cieco, orbo hinzutritt. Das männliche 
fopo (auf der Karte I durch m bez.) = ‚Maulwurf‘ findet man daher 
nur gelegentlich dort, wo ‚Maus‘ = sorcio oder ratto, oder es wird 
von /oßo — ‚Maus‘ durch das Attribut czieco unterschieden; /oßo m. 
(‚Maulwurf‘ und ‚Maus‘) statt des ursprünglicheren /oda < talpa f. 
ist ja überhaupt durch sorcio m. veranlalst. Dafs das f. /oda — 
‚Maulwurf‘ dann durch den Latinismus TALPA ersetzt wurde, beruht, 
wie Jud (l.c. S. 310, Anm. 2) erwähnt, auf der Verwendung des 
Wortes in der lingua erotica (= CuUnNnus).! Das erste Problem 


34“ Vieste (Gargano), 35° Maddaloni (Caserta), 36° Salerno, 37° Benevento, 
38° Montecorvino-Rovella, 39° Eboli, 40° Roccadaspide, 41° Contursi, 
42° Teora di S. Angelo dei Lombardi, 43° Manfredonia, 44° Altamura, 
45° Andria 46° Lecce, 46‘ Torre di Susanna, 47° Grottole, 48° Montalbano 
Jonico, 49” Ajello (Cosenza), 50° Carlopoli (Cosenza), 51° Catanzaro, 52“ Visi- 
nada (Istria), 53 Monfalcone. 54” Pasiano, 55“ Prata, 56” Noventa di S. Donä& 
del Piave, 57° Morbegno (Sondrio), 58“ Bellano (Como), 59° Mortara (Pavia), 
60° Cilavegna di Mortara, 61” Gozzano (Novara), 62” Bondeno (Ferrara}, 
63° Argenta, 64” Farlimpopoli, 65‘ Cıvitella (Romagna), 66 Antrodoco di 
Cittaducale (Aquila), 67° Pogpio Mirteto, 68° Greccio, 69° Auletta (Salverno), 
70° S. Mauro Cilento, 71° Romagnano, 72” Varese. Manche von Garbini 
(zit. Garb.) verzeichneten interessanten Formen konnten aus technischen Gründen 
auf der Karte keinen Platz mehr finden, werden aber im Text besprochen. 
Ebenso mulste eine Wiedergabe der Karten betr. Maus und Ratte unterbleiben 
(vgl. aber die „Carta dianemetica“ bei Garb. S. 857). 


! Die bildliche Verwendung der „Maus“ in erotischem Sinne ist uralt., 
Darauf beruht wohl auch die Vorstellung von den Mäusen als besonders geilen 


494 FRIEDRICH SCHÜRR, 


aber, zu dessen Deutung uns /odßa—-topo in Italien, ja sämtliche 
Abkömmlinge des Wortes /aldpa in der Romania drängen, wovon 
ein Blick auf die Karten überzeugen mag, ist lautgeschichtlicher 
Natur und betrifft 


Die Entwicklung der Gruppe Z + Kons. 


Der Stamm al/p- zeigt auf den beigegebenen Karten folgende 
Behandlung des /Koss.: Bewahrung, Schwund, Wandel zu u, r (z.T. 
mit Umstellung), ;, „Kon, Dabei liegen die Dinge in Frankreich 
heute verhältnismälsig einfach, da fast das ganze Gebiet (soweit 
alba in Frage kommt) den Wandel zu # voraussetzt, mit Ausnahme 
eines breiteren Streifens im Süden, der sich bis an die Pyrenäen 
hinzieht und / bewahrt, sowie eines r-Gebiets im Südosten (wo 
farpa sich mit dem Typus dardo vermischt hat, s. u. S. 508) und 
kleiner Inseln in 733, 719. In Catalonien finden wir / bewahrt 
oder > u, in Spanien (bzw. Portugal) die bekannte Entwicklung 
alKoos > au > 0 (ou) also /opo (bzw. port. /oupeira), vgl. Baist, Gradr.12, 
S.886 (bzw. Comu, l.c. S. 936). Die Karte Italiens aber bietet 
ein ganz buntes Bild, wobei namentlich das Verhältnis der o-Formen 
zu den übrigen der Aufklärung bedarf. Meyer-Lübke (Grdr.1?, 649) 
vermerkt dazu: „In /950 (oa brauchen die Toskaner nur für die 
weibliche Scham), rigogolo < aurigalbulus, mola < maltha und spma, 
gegenüber /a/dpa und salma (sagma, oayua), kann der Wandel von 
-al- zu -au-, -o- im Florentinischen nicht einheimisch sein .. .“ 
Die genannten Beispiele stehen in der Tat vereinzelt da und zwar 
nicht blols im Florentinischen: / > # vor Dental (und Palatal) findet 
sich in der nordwestl. Toskana im Anschluls an piemontesisch- 
ligurische Verhältnisse, / > » vor Labial ist dagegen zunächst weder 
hier noch anderswo in Italien zu belegen.! Wir stehen also wieder 
einmal vor der Tatsache sog. „Ausnahmen“ von den „Lautgesetzen“, 
wofür sich weder das Hilfsmittel der begrifflichen Analogie noch 
der Entlehnung als Erklärung biete. Eine Rekonstruktion der 
ursprünglichen Entwicklung von /Keas in der Romania soll daher 
hier versucht werden. 2 


Tieren, nicht blofs auf ihrer grofsen Fruchtbarkeit, vgl. Cl Aelianus, Denat.an. 
XII, 10: xal Erı uällov 10» IHAvv Eleyov & Ta aypodioıe eivaı Avrıntxor 
von den weiblichen Mäusen. Ferner ist dort die Rede von einem Mädchen, 
das bei den Göttinnen schwört, unberührt zu sein: #7 d’ &p’ 7» uvwmvia. Vgl. 
auch udg Aevxög als Schimpfwort für ein geiles Frauenzimmer. (Mitteilung 
des Koll. Mras). 


1 JLabial, Velar >r ist piemont.-ligurisch, nordwesttoskanisch, süditalienisch 
und sizilianisch, vgl. M.-L., ZG I, 8480, 481, ZG 8 233, Bertoni, /tal. dial. 
S. g9ı, 129; ZLabial, Velar 7; war ursprünglich dem Nordabhang der Apenninen 
eigen, s. u, S. 497, Anm. 1. 

?2 Da ich für Italien mich z. Zt. noch nicht auf entsprechende weitere 
Karten des A/S stützen kann, muls ich zu Monographien und grammatischen 
Gesamtdarstellungen meine Zuflucht nehmen. 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 405 


Wir haben bekanntlich genügend Nachrichten darüber, dafs 
/Kons. bereits im Lateinischen velar war (vgl. Grandgent, Viglat. 
8 288 und Ettmayer, Zr?h. XXX, 0648ff.).. Diese Aussprache führte 
im Laufe der Zeit (sporadisch seit dem 4., immer häufiger seit dem 
8./9. Jahrh.) zu #: vgl. KAYKOYAATOPI = calculatorı auf einem 
Edikt Diokletians aus d.]J. 301 n.Chr., handschriftlich auch caucu/us 
(l. c., Schuchardt, Vo£. II, 494 und Sommer, 72. $ 97). Nun 
muls man sich vor Augen halten, dafs sich wohl niemals eine 
beginnende lautliche Veränderung ohne Widerstand durchsetzt. 
Und gerade in unserem Falle läfst es sich verfolgen, wie durch 
die Jahrhunderte hindurch /Kons jmmer wieder durch die Schul- 
aussprache, durch das Lateinlesen, durch die sorgfältigere Aus- 
sprache oberer Schichten wiederhergestellt wurde. Eine solche 
Reaktion konnte auch übertreiben und daher zu palatalem / >; 
führen (vgl. Aibinus, CZZ II, 7148). Wie sich diese Entwicklungs- 
ansätze im Lateinischen verteilten, ist nicht mehr zu ermitteln. 
Fürs Romanische gilt, dafs /Kons > „u wohl am frühesten und kon- 
sequentesten in Nordgallien durchgriff (M.-L., 7G $ 160). Im 
weiteren Zusammenhange damit erweisen die übrigen Gebiete eine 
Einschränkung der konsequenten Durchführung der Erscheinung: 
im Südostfranzösischen />u vor Dental und Palatal, >r vor 
Labial und Velar,?2 woran sich das Piemontesisch-Ligurische (vgl. 
AGI ID, 29; XIV, 7; XV, 6; XVI, 338) schliefst; im Mittel- und 
Westrätischen wird /> u vor Dental, sonst bleibt es bewahrt 
(Ascoli, AGI I, 237, 261, Gartner, 72 S. 177), während der 
gröfsere Teil des Lombardischen (soweit es sich nicht westlich an 
das Piemontesische anschliefst) und das Venezianische überhaupt 
/ bewahren. Für das Altprovenzalische weist Appel, Zaufl. S. 79 
darauf hin, wie schwierig die ursprünglichen zeitlichen und ört- 
lichen Bedingungen festzustellen sind und führt in der Hauptsache 
drei Ergebnisse für /Kons» an: Bewahrung, « und Schwund; findet 
sich dabei fast nur vor Dental (o/Kons > ou wird dann oft noch 
zu o), ohne dafs sich diese Entwicklung örtlich abgrenzen lielse, 
!>u vor Labial und Velar nur ganz vereinzelt in cop, polgar, 
aucu, bauma, sauvador neben Formen mit bewahrtem /. Dann 
weist Appel aber auch auf ganz vereinzeltes azfre, aitertal (Boethius 10) 
und orme neben o/me hin. Im Neuprovenzalischen ist dann die 
Verallgemeinerung von # für /Kons aus der Reichssprache ein- 
gedrungen. Aber schon für das Altprovenzalische lassen die 
obigen Angaben erkennen, dals ein Kampf stattgefunden hat. 
Ebenso steht es auch mit dem Katalanischen und Spanischen. 
Man lese darüber Meyer-Lübke, Das Katalanische, nach (S. 41/42): 
„Das Spanische dissimiliert / nach # zu ; (als Beispiele sind alter 


i ducissim. C/Z VI, 13170, sepucru VI, 17349 kann u/Kons. > zu Kons. I. 4 
oder Schwund darstellen. 

2 Beachte auf Karte 1641 des AZF toßa = mulot in der frz. Schweiz, 
in Savoyen (944, 955) farpa. 


496 FRIEDRICH SCHÜRR, 


> olro und multum > muito > mucho gewählt), im übrigen ist die 
Vokalisierung älter als der Wandel von au > o, daher o/ro wie cosa, 
als der von «/> ch, daher mucho wie hecho. Aufserdem ist zu 
bemerken, das frühzeitig beim Lateinlesen wieder / artikuliert wurde, 
und dafs dann eine Reihe von Wörtern in der schulmälfsigen 
Aussprache auch in der gewöhnlichen Umgangssprache artikuliert 
wurden ...*“ So erklärt denn auch Cornu die geringe Anzahl 
der Beispiele mit fürs Portugiesische durch „sehr frühe, bald 
wieder aufgegebene Vokalisierung des / ...“ (l.c. S.936). Im 
Katalanischen herrscht noch heute ein ziemliches Durcheinander 
zwischen /- und #-Formen, wobei die Verteilung bei jedem Wort 
verschieden ist (M.-L. l.c.). Charakteristisch sind da auch falsche 
Rückbildungen in alter und neuer Zeit. 

Namentlich wenn man einen Weg aus dem Labyrinth der 
italienischen Formen finden will, mufs man davon ausgehen, dafs 
die Entwicklung /Ker= > „ fast in der ganzen Romania (aus- 
genommen von Anfang an nur das Balkanromanische und das 
Venezianische) seit dem Beginn des Mittelalters, freilich in den 
verschiedenen Gegenden in verschiedenem Tempo, eingesetzt hatte, 
und zwar ursprünglich in gleicher Weise vor allen Konsonanten. 
In verschiedener Weise, zu verschiedenen Zeiten und in verschie- 
dener Stärke wirkte dagegen die Reaktion des Schullateins, der 
gebildeten Kreise, der städtischen Aussprache. Beispiele mit & 
(besonders au < alPental) sind aus den verschiedensten Gegenden 
Italiens aus relativ früher Zeit belegt (vgl. ZG S. 134).1 Dabei 
handelt es sich, soviel ich sehe, fast ausschliefslich um /Perual, ferner 
wird sekundäres au nicht mehr zu 0. Die toskanisch -schriftitalie- 
nischen Formen /opa—topo, rigogolo, soma, mola müssen also einer 
sehr alten Schicht des Wandels /Kons > entstammen und im 
weiteren Mittel- und nördl. Süditalien beheimatet gewesen sein.? 
Eine starke Reaktion des Schullateins mus gerade dort, vielleicht 
besonders in Florenz, dagegen angekämpft haben, und so blieben 
aus jener Zeit nur jene Restformen und als hyperkorrekte Formen 
salma < sauma,3 smeraldo, calma (IG S. 58). Die Reaktion erzeugte 
andrerseits wieder z. T. eine übertrieben palatale Aussprache und 
führte in einer gewissen Schicht, bzw. auf dem Lande zu z (heute 
im Bereich von Florenz, Pistoja, nördlich im Apennin und nach 
Osten hin bis zu den Marken, vgl. u.a. Bert., l.c. 143), in der 


I Vgl. aus lat. Urkunden Liguriens aus dem Ende des 12. Jahrh. Parodi, 
AGI XIV: Rubaudus, Arnaudus, Audo, mutum, aber Ansaido, Ansaida; ferner 
altligur. (AGZ/ XV, S. ıfl.): alt ecc. si riduce nella tonica ad auf, äf... 
nell’ atona si riduce ad 5 ... aufserdem o# >52 usw. Altapulische Beispiele 
s. bei De Bartholomaeis, AG/ XVI, S. 42: autro (prokl. ate = alte), caudo, 
ferner fache= falce. Für das Altlucchesische und Altpisanische, wo übrigens 
sporadisch auch 5 vorkommt, vgl. Pieri, 4G/ XII, 107 ff. und ı41 ff. 

%® Etwa an der Grenze der Gebiete, wo au>>p, bzw. bewahrt bleibt, 
Se wir Zdup in Castelnuovvo-Monterotaro di S. Severo (Foggia), vgl. Garb. 

. 937. 
® Vlglat. sauma < sagma (vgl. App. Pr. pegma non peuma). 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 497 


Romagna vor Labial und Velar.! Obgleich nun städtische Zentren 
7Kons immer wieder herstellten, so wirkte doch in grofsen Land- 
strichen die Tendenz / > „u weiter — daher neue Reaktionen 
und Wiederherstellungen von den Städten aus. Wenn nun die 
Nachbarlandschaften eines konsequenten #-Gebietes, wie es Nord- 
frankreich ist, # nur mehr vor Dental aufweisen, so beruht dies 
darauf, dafs in dieser Stellung die velare Aussprache des / durch 
Dissimilation der Artikulationsstelle besonders begünstigt war. Diese 
Auffassung wird dadurch bestätigt, dals anschliefsend an die pie- 
montesisch-ligurischen Gebiete mit „ < /Pental Jängs des Nord- 
abhanges des toskanischen Apennin ursprünglich z nur noch für / 
vor /, r, s, $ zu finden war, wie z. T. heute noch an den Formen 
des best. Artikels zu erkennen ist — wo es sich also deutlich um 
eine Dissimilationserscheinung handelt.1 Die Versuche der Wieder- 
herstellung des / führten nun vielfach (abgesehen von dem erwähnten 
Falle der Dissimilation) zum Lautersatz durch r vor allen nicht- 
dentalen Konsonanten (also vor Labial und Velar): im Südost- 
französischen, Piemontesischen, Ligurischen, Nordwesttoskanischen, 
auf grolsen Strecken in Süditalien und Sizilien.2 Jedenfalls ist 
vom geographischen Standpunkt aus beachtenswert, dafs r-Formen 
fast überall sich in Berührung mit einem /-, bzw. einem u-Gebiet 
finden.?3 Wenn nun z.B. in einer ligurischen Mundart wie der 
von Ormea zwar /Pental > u, sonst aber / erscheint, so zeigt der 
Umstand, dafs andrerseits r K°"» durch / wiedergegeben ist (Parodi, 


ı Vgl. meine RD II, S. 232—235, Malagoli, AGZ XVII, 250 ff., Bert., 
Arch. Rom. 1l, 256. Die Verteilung Jes best. Artikels war dort also von 
Hause aus u (<ew) vorZ,r,s, 5; al vor Dental; e (< ex) vor Labial und Velar. 
Weiter im Nordwesten ist die Verteilung des best. Art. m. anders: in Quarna 
(Novara) a« vor allen Dentalen, a? vor Labial und Velar (Bert. 91), in der 
Valsesia entsprechend # und al (Spoerri, Rendc. RIZ Vol.LI, S. 685), in einer 
ganz breiten Zone von Novi über Moudovi, Ormea bis Nizza entsprechend u 
und e? (SERV S. 112), überall analog dem sonstigen Verhalten von ZKons. 
Der Wandel ZKons.> 7 hat demnach von der Toskana über den Apennin 
gegriffen und hier das noch unveränderte Jlabial, velar erfafst, wie noch heute 
viele romagnol. Beispiele (z. B. «6a = alba, eidi<alveu, af =alpe, voipa, 
ojum, soik, bjoig usw., RD Il, S. 230) zeigen. Aber auch hier drinzt die 
schriftsprachliche Wiederherstellung des / langsam aber sicher durch. In der 
Emiiia und Romagna hätte also Zalpa > teijfa werden müssen, vgl. noch Zajpa 
P. 177 auf Karte l; /e/da in 456, 15’, 459—8‘ ist entlehntes schriftital. falpa 
(vgl. noch in dem P. 15° benachbarten 25’ /apa). 

2 Freilich ist r nicht überall auf die Stellung vor Labial oder Velar 
beschränkt, sondern findet sich im Vulgärflorentin., Marchigian., Römischen 
auch sonst (vgl. Bertoni, 1.c. 127/8, 143, Crocioni, SER V.gı für Velletri, 
Lindström, SER V, S. 252 für Subiaco u.a.). In den Marken und Süditalien 
ist mit dem Lautersatz gewöhnlich auch Erweichung eines folgenden stimmlosen 
Kons. verbunden, also tarda < talpa in P. 710, 817, 818. 

® Die westliche Toskana hat Zara, weil die Schriftsprache den Latinismus 
talpa an Stelle des unbrauchbar gewordenen /oda gesetzt hat. Vgl. ferner 
die Berührung von Z- und r-Formen im Schweizer Grenzgebiet, faldone mitten 
im piemont. r-Gebiet (131, 135, 147), ferner Zarpa 555 neben falpa, bzw. fapa 
in 565 (Perugia) und die südital. »-Formen in Campanien umgeben von 
Z-Formen usw. Auch auf K. II finden wir farfa 733 in Berührung mit einem 
!-Gebict, 719 als Insel. 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII, 32 


498 FRIEDRICH SCHÜRR, 


SIR V, 109/10, auch Altligurischh AG/ XV, 7), dals hier r als Laut- 
ersatz für ZLabial, Velar Destanden hat, dafs aber die Wiecerherstellung 
des / weiterging und nun fälschlich auch ursprüngliches r mit- 
gerissen hat. Und etwas ganz Analoges hat sich ja auch in Pisa, 
Livorno, Lucca und Umgebung zugetragen (vgl. Bert., l.c. S. 130). 
— Jedenfalls dürfte aus dem bisher Ausgeführten klar geworden 
sein, dals die ##-Formen in Norditalien nicht bodenständig, sondern 
über den Apennin herüber eingedrungen sind. 

In Nord- und Süditalien finden wir auch Ausfall des 7Kews 
meist nachweislich über eine Zwischenstufe x, d. h. also fast immer 
vor Dental. Solche Verhältnisse zeigen heute piemontesische Mund- 
arten wie die von Castellinaldo (A@/ XVI, 534) und das Genuesische 
(41GI XVI, 338). Ist hier ein Diphthong (au, os usw.) reduziert 
worden (vortonig geschah das in der Regel überall schon früher) 
oder ist der #-Bestandteil durch den Versuch, auch hier / wieder 
einzuführen, zum Verstummen gebracht worden?! Für letztere 
Vermutung würde sprechen, dafs wir auf Karte I /aß-Formen 
(fapone usw.) an der Peripherie des foß-Gebietes finden (in der 
Lombardei P. 261, 252, 72“, 59“, 60”, 61” u.a.), auf Karte I in 
927, 938. Ahnlich liegen die Dinge dann auch in Süditalien.? 
Dort finden wir die Formen vom Typus /afone in Berührung mit 
dem nördlich angrenzenden /0-Gebiet und eingestreuten /- Formen 
(726, 727, 44,45", 733, 47", 48°). Für mich unterliegt es daher 
keinem Zweifel, dafs auch der Schwund eines ZKons durch den 
Versuch der Wiederherstellung auf der Stufe z hervorgerufen 
worden ist. 

Besonders interessant aber ist eine Erscheinung, die die Ver- 
suche der Wiedereinführung des /Kons. in Süditalien gezeitigt haben: 
der Vokaleinschub. Die ungewohnte Verbindung /-++- Konsonant 
wurde aufgelöst in /+ Vokal + Konsonant: z.B. /abpa (P. 715), 
talap (726), falipinarıa (714). Aufserordentlich weitverbreitet ist 
diese Erscheinung in Süditalien und findet sich meist neben den 
anderen Entwicklungsergebnissen von /Kons., go in Castro dei Volsci 


1 In Voghera z.B. ist /Dental jm allgeineinen wiederhergestellt, vor Labial 
und Velar aber r geblieben (mit Ausnahme von aldra, maiva, kulpa u.a.) In 
beiden Reihen finden sich aber auch Sehwundbeispiele (kad = caldo, kadrli 
< caldarinu, vofa, sküße = skalpello, savja usw.). Nicoli spricht ausdrücklich 
von der Wiederherstellung des /Kons. in der Stadt (Study fl. rom. VII, 
S.197 ff., 8 51). 

®2 In Castro dei Volsci (S£R VII, S. 141) findet man heute ZDanul I» 
(awie, sawtg, fawca) und Schwund (a = altro, vo/a, ülemg, doce, pusg =, 
polso u. a.); in Velletri (SR V, S.41— 2), Subiaco (SZR V, S. 252) vor 
Dental, Labial und Velar ohne Unterschied sowohl Schwund als r (letzteres 
bei Wörtern „di immissione recente“); in Campobasso (AGZ IV, S. 164) 
schwindet ZDental auf der Stufe # (ausgenommen die Verbindung al > au, die 
bleibt), ergibt r oder Vokaleinschub (s. u.) vor Labial und Velar; in Cerignola 
(AGZ XV, S. 92) ist /Dental wiederhergestellt (ausgenommen auf = altıo, 
ulemg); in Ma’rera (ZrPA XXXVII, S. 143) finden wir Schwund vor Dental, 
Labial und Velar (z. B. tfadone,;, dagegen Z wiederhergestellt vor d: fakfı 
dolcg usw.). 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 409 


regelmälsig vor Labial und Velar (also wo/eda, mawula < *mälgwa, 
gulefg, kalekang usw., vor Dental dagegen w), in Campobasso unter 
denselben Bedingungen (oder es ergibt sich auch r), ähnlich auch 
in Subiaco, in Cerignola vor Dental (Zulezg = polso, dölece usw., 
Durch das Nebeneinander der beiden Entwicklungen, r oder Vokal- 
einschub (namentlich vor Labial und Velar), an vielen Orten ergibt 
sich nun auch noch folgendes: forda neben po/epa kann auch ein 
*porepa, bzw. Abneigung gegen r*°"* erzeugen, und in der Tat 
finden wir den Vokaleinschub zwischen r + Kons. (forema, corevu, 
furemica, dreve — erba u. dgl., dann suradurzv2 = sorcio orbo 
P. 745, Karte I u. a.) in demselben Umfang wie zwischen / + Kons. 
(vgl. Bert. l.c. 154, 167 „Anaptissi“). Ferner kann das Neben- 
einander von „-Formen und solchen mit /+ Vokal zur Auflösung 
des sekundären Diphthongen führen: feude + *felede > fewede, 
calcıo > kauco > kdweco usw. Besonders in Velletri (l.c. S. 48) 
spricht das Nebeneinander von w- und /-Formen mit eingescho- 
benem Vokal eine beredte Sprache. Natürlich haben sich die 
Mundarten in diesem und dem vorher besprochenen Falle bei 
dem einzelnen Worte für die eine oder die andere Form ent- 
schieden, Doppelformen also meist beseitigt. Man sieht so, wie die 
immerwährende Einwirkung der Bestrebungen auf Wiederherstellung 
des Z/Kons in den Mundarten des Südens die Tendenz zur Auf- 
lösung von Konsonantengruppen und zur Zerdehnung von sekun- 
dären Diphthongen hervorrief, von der nun auch das primäre au 
ergriffen wurde (vgl. Z@ S. 57). 

Hier ist an einem besonders deutlichen Falle zu erkennen, 
wie durch das beständige Hereinspielen irgend einer bestimmten 
Tendenz in eine Sprachgruppe und den sich daran anschlie[senden 
Kampf, wie also durch Sprachmischung im Sinne Schuchardts, neue 
Lauttendenzen entstehen, die, wenn sie zur Norm werden (ich 
vermeide den Ausdruck „Lautgesetz“ mit Absicht), der Sprachgruppe 
einen ganz anderen Charakter geben können. Im Sprachleben gibt 
es eben keine eigentliche Gesetzmäfsigkeit, sondern ein beständiges 
Hin und Her, Auf und Ab, ein fortwährendes lebendiges Spiel von 
Kräften, also Mischung und immerwährende (bewulste und un- 
bewufse) Versuche der Normierung und Regelung durch die Sprecher 
einer Gemeinschaft. Gerade die Ergebnisse der Entwicklung von 
7Kons. jm Romanischen müssen, namentlich wenn man mehr auf die 
überall und fortwährend widersprechenden Einzelheiten eingeht, als 
ich dies hier tun konnte, davon überzeugen, dafs der Begriff des 
Lautgesetzes, so wie er früher gefalst wurde, hinfällig ist: es gibt 
nur Mischung. ! 


ı Von den im wirklichen Leben vorkommenden Mischformen, die durch 
ein geographisches Nebeneinander oder durch ein soziales Übereinander von 
Sprachschichten entstehen, möge die Musterkarte einen Begriff geben, die 
Garb. S. 932 allein in Oneglia (8°) für falda pibt: tarpa—topa—törpa — tölpa, 
töupa, topu. Oder vgl. in 27”, 28° die Kompromilsform Z0lda. In einem 
Gebiet, wo falpa 343, falpina 332 usw., l/opina 331 usw., lopinära 352, 360 usw. 


32* 


500 FRIEDRICH SCHÜRR, 


Einzelne Bemerkungen zur Geschichte des /Kens. müssen hier 
noch nachgetragen werden.1 Dafs auch Assimilation des / an den 
folgenden Konsonanten (im Toskanischen Iddio u. a., Grar. 12, 680, 
in den Abruzzen neben g- und sogar Z-Formen, Merlo, RDR 1909, 
S. 245— 248), oder umgekehrt (Bert. 143, /G S. 135) stattfindet, 
sei nur kurz erwähnt. Dann aber findet sich sporadisch auch r 
in den Marken (das weiter verbreitete anf/ro erklärt sich durch 
Dissimilation in Verbindung mit dem best. Artikel), regelmäfsiger 
im Innern von Sizilien. Inwiefern diese Erscheinung in den von 
mir geschilderten Kampf um /Kon* hereingehört, lasse ich dahin- 
gestellt. Die Formen von /alpa zeigen aber gelegentlich m für / 
(z. B. fzampsy neben Hey in P. 138, fumpindra 362, 375, fompingra 
365; im Süden /umbanära 708, tambanärz 707). Doch handelt es 
sich wohl nirgends um eine lautliche Erscheinung, sondern um 
Einmischung der Vorstellung „campagna“, wie Zamp"ndr® 709 
deulich zeigt. Und auch bei den weitverbreiteten #rapß-Formen 
handelt es sich nicht um eine lautliche Umstellung aus /arp-, 
sondern um Einmischung der Vorstellung „trappola“. Ja in Caserta 
heilst der Maulwurf sogar /rappola (Garb. S. 036). 


Zur Bezeichnungsgeschichte. 


Aus der geographischen Verbreitung, wie sie unsere zwei Karten 
aufweisen, ergibt sich zunächst, dafs lat. TALPA (selbst unsicherer 
Herkunft) als Bezeichnung für den Maulwurf ursprünglich der ganzen 
Romania eigen war. Der Gebrauch als =., wie er lateinisch bei 
Dichtern vorkommt, ist in der Romania (spanisch -katalanisch, in 


zusammenstofsen, ergibt sich durch Mischung nicht nur 2old:nära 333, sondern 
auch Zordinara ı". 

ı Die sardischen Entwicklungsergebnisse für Z, rKons. habe ich beiseite 
gelassen: darüber gibt es eine sehr verdienstvolle Untersuchung von G. Bottiglioni 
(SER XV,1919). Auf jeden Fall lassen die überaus komplizierten sardischen 
Verhältnisse ahnen, was hier für Kämpfe und Mischungen stattgefunden haben, 
wobei es sich, wie mir scheinen will, ursprünglich um die oben S. 496 be- 
sprochene Reaktionstendenz, 2 sehr palatal zu sprechen, gedreht haben muls. 
Wieweit sich aber diese Reaktion gegen vorrömische Sprechgewohnheiten 
wandte und mit ihnen auseinandersetzte, muls offen gelassen bleiben (vgl. 
besonders S. gı des SA). 

2 Der Maulwurfsfang hat zu allen Zeiten und in allen Gegenden eine 
sehr grolse Rolle gespielt, teils weg:n der wirklichen oder vermeintlichen 
Schädlichkeit oder Lästigkeit des Tieres, teils wegen seines Felles. Berufs- 
mäfsige Maulwurfsfänger (Sreneurs de taupes bei Rabelais, vgl. täupier, Grande 
Encycl.) sind von altersher umhergezogen oder von den Gemeinden angestellt 
worden. Über den Maulwurfsfang und dabei zu verwendende Fallen hat 
C. Jugelius (Leipzig 1616) ein ganzes Buch geschrieben (vgl. auch die Enycyl. 
von Krünitz, Bd. 85, S. 677 ff., ferner die Abhandlungen von La Fäaille, Paris 
1770 und Rochelle 1775 u.a.). Im Italienischen ist Zraßpola der allgemeine 
Begriff für Falle, wird vielfach auch für Mausefalle verwendet — wie weit 
auch für Maulwurfsfalle, konnte ich nicht ermitteln. — (Rieglers Erklärung aus 
talpula, LgrPh. 1927, Sp. 378, beachtet nicht die oben erwähnte geographische 
Verbreitung und Entstehung der Form Zarpa). 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II 501 


Italien auf Karte I durch . hinter der Ziffer gekenuzeichnet) wohl 
erst wieder sekundär durch sorex oder rallus hervorgerufen. An 
Ableitungen kennt das Lateinische /a/danus ‚maulwurffarbig‘ (Plin., 
HAıst.n. XIV, 3/4 als Attribut zu zus; desgleichen Zalpona), talpınus 
‚maulwurfartig‘ (Cassiodior, Var. 9/3; beide Belege bei Georges; 
vgl. auch Merlo, S/{R IV, 164, Anm. ı). Das Simplex /a/da muls 
einmal der ganzen Apenninenhalbinsel bis hinauf in die rätischen 
Berge und Gallien (als m. auch der iberischen Halbinsel) angehört 
haben (über die Entstehung der Form /oßa und ihre Verbreitung 
in Italien s. 0. S. 496fl.); heute ist /alda noch bündnerromanisch. 
Wo es in Italien sonst noch vorkommt, ist es überall als durch 
die Schriftsprache eingeführter Latinismus zu betrachten (vgl. Jud, 
l.c.). An das Bündnerische schlielst sich südlich (tessinisch) und 
östlich (ladinisch) ein /alpina- Gebiet an und an dieses noch weiter 
südlich ein lombardisch-venezianisches /opina- (lopıinar(i)a-) Gebiet. 
Nach dem seinerzeit Ausgeführten ist es ohne weiteres klar, dafs 
die /0d-Formen, vom Süden kommend, sich hier über ein älteres 
zusammenhängendes /a/bina- Gebiet gelagert haben. Und zwar rührt 
die Bezeichnung /alpina vielleicht von attributiver Verwendung (mus ist 
im Bündnerischen, wo es noch als Bezeichnung der Maus verwendet 
wird, /.!) her. Wieder ein interessanter Hinweis auf einen ur- 
sprünglich engeren sprachlichen Zusammenhang zwischen der lom- 
bardisch-venezianischen Ebene und den Alpenmundarten! Dieselbe 
Ableitung (Typus /rappına 724 u.a.) kennt dann auch das Nea- 
politanische. Da hier m- und /-Formen durcheinander gehen, 
kann -na nur ursprüngliche Deminutivableitung sein. In Calabrien 
(761, 762, 771) finden wir auch noch /uppinaru (gewm. *lopinarıu). 
Ableitungen von /alanus (abgesehen vielleicht von Zup4 271) 
kommen eigentlich nur in einer breiteren Zone im Süden vor in 
Verbindung mit -arıa (gewm. */opanaria in den Abruzzen und 
Molise). Ein breites /aldone- (lalpuy, tarpuy, trapuy) Gebiet stellt 
Piemont und die nordwestliche Lombardei dar, wobei die 
Formen offenbar wieder schriftsprachlichem Einflufs zu verdanken 
sind. Dieselbe Ableitung (in der Form /apone, taponar(t)a) ist in 
Apulien und der Basilicata heimisch. Dafs /aldone (oder urspr. 
talponus?) zunächst attributivisch verwendet wurde, wird durch Zu- 
sammensetzungen wie ral-fapuy 252, 72" als möglich hingestellt. 
Die mehrfach erwähnte Ableitung auf -arıa hat ursprünglich 
lokalen Sinn, und so bedeutet *aldinarıa (vgl. frz. /aupinidre), *lalpa- 
narıa, *lalponaria zunächst den Maulwurfshügel. In den verschie- 
densten, darin wohl voneinander unabhängigen Gebieten, im 
Venezianisch-Ferraresischen, in verstreuten Punkten im nördlichen 
Lombardischen und Piemontesischen, ferner in den schon ge- 
nannten Strichen Mittel- und Süditaliens kommt die Bezeichnung 
des Maulwurfshügels dazu, für den Maulwurf selbst einzuspringen, 
was gar nicht weiter verwunderlich ist, da bei der Rede von dem 
selbst sehr selten sichtbaren Tiere der Hinweis auf den auf- 
geworfenen Hügel leicht milsverständlich als auf das Tier bezüglich 


502 FRIEDRICH SCHÜRR, 


aufgefalst werden kann. In dem einem ZApanara-Gebicte benach- 
barten P. 645 heifst z. B. Maulwurfshügel /opanära. Wir werden 
diese Übertragung noch öfter und zwar auch aulserhalb Italiens 
antreffen.! In den verschiedensten Gegenden treffen wir auch cire 
entsprechende männliche Form, sei es, dals zu dem ursprünglich 
lokalen -arıa eine Form auf -arızs als nomen agentis gebildet oder 
das Wort durch Anlehnung an sorex oder raftus männlich wurde. 
So kommt im übertragenen Sinne das Wort /rapinde im Nord- 
lombardischen zur Bedeutung ‚minatore‘ (Garb. S. 939). Verschie- 
dene Umbildungen knüpfen an die männliche Form im Süden an 
wie 2. B. /rappinäle 723 (weitere Belege bei Garb. 935—938) durch 
Einwirkung des Suffixes -als. Andrerseits wurde */a/danarıa über 
tupanär® (639, entspr. 656 usw.) als Zopa nera (= talpa nera) ver- 
standen (/a fupandäyr> 658 u.a., vgl. Garb.). Im Gebiet zwischen 
dem Monte Rosa und dem Lago Maggiore gibt es noch eine Zone, 
wo eine Ableitung auf -arıa, die ursprünglich den Maulwurfshügel 
bedeutete, auf das Tier selber übertragen wurde: es ist der Typus 
frapüctra (P. 128 usw.; in 51 /alpüsfria; abgesprengt 93 ul tra- 
püst als m., ferner als /apüsgra in 59“, 60“, 61“). Cherubini ver- 
zeichnet für das Mailändische /rapuscra = topaja; androne 
cunicolo, bucherattola che fa in terra la talpa (dazu /rapusce = 
chiamano in qualche parte del contado il Rail faßpon; vgl. P. 93). 
Das Tier heifst nach Garb. in Fresonara (Alessandria) /arpüsa: es 
ist also auszugehen von einer Deminutivform Za/puceia. Bezüglich 
der ;-Formen (/rapıeera 114, ı15) vgl. /G S. ı7. Die Form sird- 
püsfra 109 hat ihr s- durch Einfluls des Verbums s/raßfare. 

In der Toskana, wo #080 zur Bedeutung ‚Maus‘ gelangte, und 
im weiteren Umkreis davon erscheint /020o, -a ‚Maulwurf‘ vielfach 
mit dem unterscheidenden Attribut czeco, -a. Dient dieses Attribut 
erst sekundär der Unterscheidung, nachdem schon /opo ‚Maus‘ 
gebildet worden war, oder hat es nicht vielleicht erst letzteres 
veranlalst? Die Zoologie unterscheidet eine „talpa europaea Linne‘ 
mit sehr kleinen, im Pelz versteckten Augen und eine südeuro- 
päische (ihr Bereich beginnt in Italien eben mit der Toskana) 
„talpa caeca Savi*, deren Augen fast ganz verkümmert sind (vgl. 
u.a. Garb. S. 882). Und in der Tat findet sich seit den ältesten 
Zeiten überall beim Volk die Vorstellung, der Maulwurf (also nicht 
blofs der südeuropäische) sei blind. So lesen wir bei Albertus Magnus, 
„De animalibus“, der auf Aristoteles fulst, I, 140: ... non habet 
oculos ...; mus caecus, quem talpam vocamus ... (VII, 123); 

. quod Avicenna videtur vocare murem caecum, quem nos 
talpam vocamus ... (VID, 13); ... Talpa est animal parvum de 
genere muris quod et mus terrenus et caecus vocatur ... (XXI, 143, 
105). Der Maulwurf wurde schon von den Alten der Gattung der 
Mäuse zugerechnet und noch bei Conrad von Megenberg, der 


i Riegler, 1. c., zitiert aus Puscariu, REWB 1098, mugsinois „Maulwurfs- 
haufen“ > ıinaztdor. „Maulwurf*. 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 503 


seinerseits wieder auf Albertus fufst, findet sich: „Talpa haiszt ein 
Scher oder ain maulwerf. Daz ist ain klain tierl und ist plint 
und swarz.“ In Süditalien (auf Karte I Calabrien) heifst der Maul- 
wurf demnach auch ‚sorcio orbo‘ (in 748, 792 entspr. #flo Bondico, 
s.u.).1 So möchte ich glauben, dafs durch das schon vorhandene 
‚talpa caeca‘ ein Zoda ‚Maus‘, bzw., da /oßa vielfach ohne unter- 
scheidendes Attribut in der Bedeutung ‚Maulwurf‘ gebraucht wurde, 
das m. topo veranlalst wurde. — Nebenbei sei bemerkt, dafs ‚sorcio 
orbo‘ ın Calabrien auch Umbildungen erfährt unter der Einwirkung 
des Suffixes -uolo (vgl. ssuricıu-campagnuolo in Verbicaro di Paolo, 
Gem. Cosenza, nach Garb.): suriua 752 (vgl. 745 surslür:v), 
soralsglu 742. Besonders interessant aber ist ssäricı-6lpu in Catan- 
zaro (Garb.), da es auf sorcio orbo + Zalda beruht und dies in der 
unmittelbaren Nachbarschaft eines /arfa-Gebietes (wodurch also 
wieder einmal erwiesen wird, dafs rKons. als Versuch der Wieder- 
herstellung eines ZK°"s auftritt). — Auch P. 464 hat ein Attribut 
zu /oß, nämlich räguy, das zu einem in Norditalien weitverbreiteten 
Verbum rügd(r) < *erucare von eruca ‚grufolare, frugare, rimesco- 
lare‘ (Merlo, SR IV, 161; vgl. Anm. 2: rügant = porco im Bergam.) 
gehört,2 wonach z. B. im Pavesischen die Maulwurfsgrille rugaröla 
(l. c.) heifst. 

Damit verlassen wir die Sippe /alfa, um uns den Gegenden 
zuzuwenden, wo Um- oder Neubenennungen stattgefunden haben. 
Im Gebiet um den oberen Lago Maggiore finden wir die Bezcich- 
nung motsöy 71 (myfsüy, pl. 70, 231 musum; abgesprengt tessin. 
mölsdm 42), ferner etwas südwestlich 71", 126, 139 müsuy, 137 misdy 
für den Maulwurf, wozu noch ra/ musäy — ‚Ratte‘ 149 kommt. ? 
Man denkt dabei an einen Zusammenhang mit mo/la ‚Erdhaufen‘ 
(REW 5702; Bertoni, Z’ edemento germ. S. 159; vgl. namentlich 
afr. mofe u. S. 509) und die ganze Sippe bedeutungsverwandter 
Wörter, wie sie in ganz Norditalien, in den Alpenmundarten und 
bis nach Frankreich hinein verbreitet sind (vgl. auch Jud, ZDR 
DI, ı1). Wie verhält sich dieses angeblich germ. mo//a zu ahd. molta 
‚Staub, Erde‘ (Maulwurf —= mhd. moltwerf ‚Erdwerfer‘)? Vielfach 
spielt nach Norditalien das S. 494 erwähnte tosk. mofa <. malla 
(vgl. emilian., paves., piacent. mo/a = fango, poltiglia) herein. 
Langob. müfste man überdies *nozza erwarten, und auf ein solches 
Wort scheinen die fraglichen Benennungen von Maulwurf hin- 
zudeuten (oder soll man Zusammenhang mit RZW 5792 mutius, 
ital. mozzo ‚abgestumpt‘ annehmen ? Etwa *mus oder */alpa mutia ?). 
Die Annahme eines *mozza — ‚Maulwurf‘ wird gestützt durch 453 
mylsa, 520 motsa (und /pda), 193 müsa, 29 mulslna = Cunnus 


ı Weitere Zusammensetzungen mit orbo, cieco usw. bei Garb., S. 878 ff. 

3 Vgl. 455: la töpa kla rugu la ffru. 

® Zur Lautbezeichnung: /s —= z, im piemont. z. T. > s; / = stimmh. s, $ 
stimmlose Lenis. Weitere entsprechende Formen aus demselben Gebiet bei 
Garb. 877. — P. 222 »noyön durch Einfluls von mo/@ = immollare, ammollare, 
mojascia = poltiglia, melma, fangaccia (Cherubini, mail.; zu ZEW 5646). 


504 FRIEDRICH SCHÜRR, 


(weitere Belege fehlen mir, doch dürfte das Wort, wie schon diese 
paar auseinanderliegenden Punkte zeigen, sehr weit verbreitet sein). 
Die Form moisoy < *mozza erklärt sich ohne weiteres durch das 
- benachbarte grolse Zalpone-Gebiet, die @#-Formen aber in der süd- 
westl. Gruppe durch Vermischung mit dem Typus mu/one (von 
REW 5784), der urspünglich eine weite Verbreitung gehabt haben 
muls: P, 2539 hat i müfü —= ‚Maulwürfe‘, 258 = ‚Ratten‘, 109 raf 
dal müfun (ratto dal musone) — ‚Ratte‘, 372 rdti mu/oni. Dazu 
kommt noch in 446 müs ‚Maus‘, offenbar mu/o. 

Noch auf einen anderen ursprünglich weiter verbreiteten Typus 
hat mu/one abgefärbt: in P. 466 (Loiano) finden wir mü/ga < morsıca. 
Nördlich liegt getrennt davon ein morsica-Gebiet, das von der 
Gegend von Belluno ins Trentino hinüberreicht. In 354 mäyega, 
334 mü/ck m., sowie 345 mufigfra zeigt sich im Vokal der Einflufs 
von mu/one, in 345 auch der des umgebenden -arıa-Gebietes. 
344 mo/egäro, bzw. mol/egäaro ist eine Umdcutung zu einem m. 
nomen agentis des Verbums mo/egar (REW’ 5690), das / aber stammt 
von benachbarten Formen wie Zo/pinara 333.1 

In diese ganze Wortsippe spielt auch die Bezeichnung für cie 
Spitzmaus mus araneus herein (bündnerisch mi/arpa vielfach auch 
für die Ratte, lomb.; vgl. Garb. 883/4). P. ı60, 172 mä/.t! knüpft 
vielleicht auch an zu/o an: fürs Veronesische führt Garb. geradezu 
musin, musin longo, ralın dal muso longo an. Aber in dieser Gegend 
kreuzen sich auch morsica und mus araneus: mo/egagno (Thiene), 
mü/gagn (Val di Sole), näfgiyn 310. Neben müsgöt (Vermiglio), 
musogöt (Pejo) im Trentino findet man dort auch das uns schon als 
Bezeichnung des Maulwurfs bekannte mu/ıghera (Lazzaro-Treviso) 
für die Spitzmaus. Man kann sich jetzt eine Vorstellung machen, 
wie gewagt angesichts solcher beständiger Umprägungen und 
Umdeutungen rein lautliche Rekonstruktionen wären, die das Geo- 
graphische aufser acht liefsen. Ziehen wir noch 305 4 must, 313, 
314 e/ musil —= Spitzmaus in Betracht, wo lautliche und geographische 
Gründe auf Ableitung aus mhd. mus weisen (vgl. 312 Ja yp/sa, 
315 rolsu — dtsch. Katze) so zeigt sich eine schier verwirrende 
Fülle von Möglichkeiten der Kreuzung und Umprägung gerade 
der Wortsippen auf m-, die uns zuletzt beschäftigten. 

Auf geographisch getrennten Gebieten fanden wir bisher mehr- 
fach die Übertragung der Bezeichnung für den Maulwurfshügel auf 
das Tier (auch aulserhalb Italiens werden wir dieser Erscheinung 
begegnen). Wir finden auch noch in weit auseinanderliegenden 
Gegenden die Vorstellung des Grabens und Wühlens als Ausgangs- 
punkt für die Bezeichnung. Da zeigt gleich das Friaulische die 
Ableitung von einem Verbum rumare (Flecchia, AG/ U, 78; Ascoli, 


I Entsprechende Formen finden sich auch im Südostfranzösischen, s. A/F 
K. 1642 und Rolland, Zaune £oß. I, S. 18; zu beachten ist jedoch, dafs vielfach 
u statt % steht, was sich verschieden erkiären kann (durch Einflufs von mo/son 
oder morsica oder murru, REW 5702?). 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 505 


ib. VU, 580—ı, REW 7434): rümola 345, 56", (rdmoya 356), rumera 
54", 55“ (wahrscheinlich unter Einflufs der -arıia-Ableitungen, vgl. 
345, 365, wenn nicht Umbildungen der folgenden:) rumafera 52", 
53", grumatira 369 (über gr- und 7- vgl. Muss, Beir. 164, 196; 
369 hat auch scavafera). Rümola bezeichnet ferner in Friaul. auch 
stellenweise die Maulwurfsgrille, wie ja auch sonst die Namen der 
beiden Tiere füreinander einspringen, wobei der Vergleichspunkt 
eben das unterirdische Wühlen und Gängegraben beider ist (vgl. 
Merlo, SR IV, 160, 164; Garb. 944). So finden wir auch rifola 
‚Maulwurf‘ in Massa Marittima (Garb. 940) und ‚Maulwurfsgrille‘ in 
Volterra (Merlo 159) und von letzterer ist magnaradice (Casale in 
Contrada: Chieti) auf den Maulwurf übertragen worden. Die 
Romagna weist heute noch ein gröfseres zusammenhängendes /odica- 
Gebiet auf und davon abgesprengt im Ferraresischen, die P. 62“, 63”: 
hier hat sich offenbar in einer Zeit der relativen Abschlielsung eine 
besondere Bezeichnung eingestellt, in der Zeit des Exarchats von 
Ravenna. In Mittelitalien fällt zunächst P. 576 kadgpa auf: 23" 
cava-fopu, sozusagen ‚Grabmaus‘, bietet die Erklärung. Es ist im- 
perativische Bildung mit /ops (bzw. /opa) als Subjekt (/G $ 322). 
Entsprechend ist auch gav»/apHla 732, ferner gdvarpspa ‚Grabkröte‘ 615 
(oder ‚Grabfrosch‘? Garb. 6135; über die Kröte = Maulwurf vgl. u. 
S. 509). Aus Imperativ + Objekt besteht dagegen /u davaterey 760 
(Guardia Piemontese). — In den Provinzen Salerno, Neapel, Caserta 
heifst der Maulwurf z. T. z0ccola (Garb. S. 880), in Caserta selbst 
zöccola de campagna, in Neapel zoccol’ e terra, in Salerno 3. cecdia. In 
der Bedeutung ‚Ratte‘ kommt das Wort in weiterem Umkreis in 
Süditalien (u. a. P. 656, 666, 701, 712, 714, 719, 722, 742, 745, 
zucculone 729) vor. D’Ovidio, Campobasso, AG/1V, 164 sieht darin 
sörcola, was aber lautlich und begrifflich nicht angeht (g- statt s-, 
rc > cc wäre vereinzelt; Bedeutung ‚topaccio‘). Daher möchte 
ich von der Bedeutung ‚Maulwurf‘ ausgehen und das Wort von 
langob. *zoAha, ahh. zuohha (Zoche), ableiten und als ‚Pflüglein‘ 
deuten, womit sich dtsch. ‚Schermaus‘ (zu Schar, Pflugschar) und 
aratüru ‚Maulwurf‘ in Matino di Gallipolli (Lecce; Garb. 941; 
‚Maulwurfsgrille‘ in Maglie, Merlo, l.c. 163) vergleichen liefse. Die 
ursprüngliche Bedeutung ‚Maulwurf‘ findet sich auch gerade im 
Bereich des ehemaligen langobardischen Herzogtums Benevent. 
Dafs der Name der Maus (bzw. Ratte) vielfach auch für den 
Maulwurf herhalten mufs, sahen wir schon oben S. 503 und zwar 
war es dabei zunächst die Vorstellung von der angeblichen Blindheit 
des Maulwurfs, die wieder das unterscheidende Merkmal liefert, 
denn wirkliche Homonymität, tatsächliche Verwechslung finden wir, 
wie schon hervorgehoben wurde, eigentlich nirgends. Neben sorcio 
orbo oder cieco zeigt sich daher häufig sorcio di terra (im Gebiet 
von Teramo; Salerno, Ausonia di Gaeta; Garb. 879 ff.), di campagna 
(Sorento, Nardo di Gallipoli, prov. Lecce), ssärici hirragnu (Lentiscosa 
di Vallo della Lucania), ssö/ce teragnolo (Vettico di Prajano-Salerno), 
ssuriciu campagnudlo (Verbicario di Paolo-Cosenza), Und so dürfte 


506 FRIEDRICH SCHÜRR, 


ein ssöcira da sserpi (Pezza Croce-Messina) aus einem soricı da terra 
umgedeutet worden sein, wie wohl überhaupt mancher Volks- 
aberglaube erst durch eine Volksetymologie veranlalst sein mag. 
In der Basilicata finden wir sorcio falpone (bzw. stellenweise farpone 
(Garb. 881), P. 744 sorg* farpgn*. Da stellenweise forchione (Prov. 
Salerno) für sorchtone auftritt, wird man Einfluls von /orca mit Hin- 
sicht auf das Erdaufwühlen annehmen. 

In den griechischen Kolonien Uhnteritaliens stölst man wieder auf 
die Bezeichnung ‚blinde Maus’ =rvg@Aoc norrıxos (o diflo pöndiko 748 
— Corigliano, o /rifo pöndiko 792) für „Maulwurf“. Ponticus ist von Haus 
aus die Bezeichnung des ‚mus rattus Linne‘, der Haus- oder Dach- 
ratte, die aus den Gegenden des Pontus Euxinus mit der griechischen 
Besiedelung nach Unteritalien kam: Plinius (Zis/. Nat. Zib. VUI— 
XXXVIN) kennt sie unter dem Namen ‚Mus pondicus‘. Seit den 
Kreuzzügen verbreitete sie sich dann im übrigen Europa (Garb. 8601.). 
Albertus magnus gibt die erste Kunde davon in Deutschland. Davon 
zu unterscheiden ist die Wanderratte, ‚mus decumanus‘, die sich 
nachweislich erst im ı8. Jahrhundert von jenseits der Wolga kommend 
über Europa ausbreitete, grölser ist als die Hausratte, aber in der 
Bezeichnungsgeschichte begreiflicherweise immer wieder mit ihr zu- 
sarnmengeworfen wurde. In der Bedeutung ‚Maus‘ sind die Formen 
von fonlicus in 748, 792 von denen des Maulwurfs differenziert, 
nämlich o fondikg, to pondici. Im übrigen aber erleiden die Formen 
von Pondiko die verschiedensten Umgestaltungen und Umdeutungen 
wie föndiko in der campagna tarantina, proföndicu (< Hi-fro pondicu) 
in der Gegend von Lecce, dann weiter sprufünducu in Gallipoli, 
wo überall die Vorstellung des unter der Erde, im Boden Wühlens 
die Volksetymologie gefördert hat, und ferner da/reföndıco, -fündaco 
(„... dovuti forse alla credenza popolare che dalla talpa si generi 
il ratto delle chiaviche“; Garb. 942), alles in der Gegend von Lecce. 

In der Romagna finden wir ein kleines Gebiet (1“, 5"), das 
ein fonga = Maulwurf kennt. Es ist dies ein Überrest eines auf 
dem Rückzuge befindlichen Jontia ‚Ratte‘, bzw. ponticus ‚Maus‘. 
Letzteres umfalst heute noch einen Landstrich, der etwa durch die 
P. 4139, 25”, 456, 436, 427 bis zur Po-Mündung umgrenzt wird, ersteres 
greift darüber noch hinaus nach 415, 444, 424, 413, 443, 432, im 
Südosten aber drängt von den Marken her sorex nach (in der 
Form *soricu, vgl. Jud, l.c.), altangestammtes Land wieder in Besitz 
nehmend. Dabei ist allerdings zu beachten, dafs wir z. T. dort 
ponticus = Ratte treffen, wo Maus = sorex (in 443, 444), bzw. 
muso (446). Andrerseits haben Orte des sorex-Maus-Gebictes ein 
eutsprechendes /. als Bezeichnung der Ratte (20° sor/p = ‚Maulwurf‘; 
479, 458 Sprga u.a.). Das /. pontica = Ratte ist also offenbar durch 
lalpa, topa, fodica hervorgerufen worden, wie denn der Maulwurf in 
der äufseren Erscheinung, namentlich in der Gröfse, mehr Ähnlichkeit 
mit der Ratte hat als mit der Maus. Jedenfalls zeigt Jorga ‚NMaul- 
wurf‘, dals Songa ‚Ratte‘, bzw. Donticus ‚Maus‘ einst der ganzen 
Romagna angehört haben muls. Es war dort ein Eindringling in 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN Il. 507 


einem alten sorex-Gebiet (s. u. S.510) und muls aus den griechischen 
Kolonien Unteritaliens gekommen sein zu einer Zeit, als mit ihnen 
ein engerer politischer und administrativer Zusammenhang im Gegen- 
satz zur norditalienischen Umgehung bestand: zur Zeit der byzan- 
tinischen Herrschaft im Exarchat von Ravenna, in der sich ja auch 
ein Ersatzwort wie /odica einstellen und ausbreiten konnte. 

Isoliert ist /o2 = Maulwurf im Tessinischen (73; nach Garb. 942 
in der Lombardei auch für cunnus). Als Etymon möchte ich dafür 
den keltischen Stamm /ucof- (vgl. A. Holder, Altkelt. Sprachsch. s. v.), 
gall.*ücos (vgl. Pedersen 1, 376, U, 71, 101; ir. Zuch, cynmır. Z/yg usw.; 
vgl. auch Nemnich !) ‚Maus‘ in Vorschlag bringen. — Eine Wort- 
familie, die in Mittel- und Süditalien verbreitet ist, scheint mir 
ebenfalls sich zunächst auf Maus oder Ratte bezogen zu haben. 
Zunächst finden wir auf Karte I um Rieti ein Gebiet mit crocchia 
— Maulwurf (594 Rieti gröca), dann in der Prov. Salerno erucchione 
69“, cörchia (Montesano die Sala-Consilina und S. Marina), edskıa 70", 
korlinära 740. Ich glaube, dafs hier von der Bedeutung ‚knistern‘ 
des Verbums crocchare (REW 2339) auszugehen ist, die sich 
zunächst auf die Maus oder Ratte bezogen haben kann. Freilich 
habe ich nur Adrda ‚Wasserratte‘ aus 731 belegt. Oder, da S/R 
V, 279 für Subiaco Zro2kja = insetto che vive della radice del 
granturco, reat. crucchjulone gegeben wird, es wäre von ‚Maulwurfs- 
grille‘ auszugehen ? Noch wahrscheinlicher stellt sich aber das Wort 
zu ital. crocchia ‚Haarknoten‘ (REW 2260; vgl. span. ra/a — Ratte 
und Haarknoten) und es könnte dann die Metapher ebensogut 
zuerst vom Maulwurf gebraucht worden sein. Die Umstellung corchia 
erklärt sich durch weitverbreite Formen wie sorchia < sorcula, korlinara 
ist natürlich durch benachbartes /rappinara 36" beeinflufst. 

Nicht so naheliegend wie die bisherigen sind die Übertragungen 
der Bezeichnungen von Wiesel, Marder u. dgl. auf den Maulwurf. 
Das Wiesel verfolgt jedoch den Maulwurf bis in seine Gänge: so 
finden wir zönnola (ladY°%k > r) in Trepuzzi (Lecce) — ital. donnola, 
in Novoli, Leverano, Squinzano, Pisignano /onnula mit Einmischung 
von Zo-fa oder dgl. Bei Messina heifst der Maulwurf marmulledda, 
also Murmeltier (Garb. 943). — In Friaul gibt es eine Zone, wo 
der Maulwurf so/va benannt ist, das Garb. wohl mit Recht zu s056/ 
— Maulwurf (Nemnich 1418) stellt und aus dem Istrorumänischen 
gekommen sein muls (vgl. 397 gl cöbo, 378 la $üba). Im Rumä- 
nischen (und zwar Muntenischen) wurde sodd/ ‚Maulwurf‘ aus russ. 
sobolj ‚Zobel‘ entlehnt, wobei die Verwendung (z. T. brauner?) Maul- 
wurfspelze eine Rolle gespielt haben kann. So erklärt sich uns nun 
auch rum. sodoldn ‚Ratte‘ ohne weiteres als Ableitung von sodd/ mit 
dem Anlaut von soarece. Das friaulische so/va hat im Osten Ein- 
bufse erlitten durch ein neueindringendes far, das pflenbar aus 
Kärnten herübergekommen ist (dtsch. /arken, ferkel, kärnt. heute 


ı Ph. A. Nemnich, Catolicon, Allgemeines Polyglottenlexikon der Natur- 
geschichte, Hanıhurg, 1793 —98. 


508 FRIEDRICH SCHÜRR, 


noch /2%2 — Schwein; vgl. Garb. S. 941). Sollte im Friaulischen 
falpa ‚Maulwurf‘ deshalb zurückgedrängt worden sein, weil das Wort 
dort auch ‚Fufs‘ bedeutet? (vgl. Tagliavini, ZrpA. XLVI, 51—33). 
Zu der Bedeutung /alpa ‚Fuls, Handfläche‘ usw. ist zu bemerken, 
dafs der Handballen in deutschen Gegenden vielfach ‚Maus‘ genannt 
wird, so dafs es sich hier um eine sekundäre Bedeutungsentwicklung 
von /alfa handeln kann. — Ganz merkwürdig ist, dals in 367 der 
‚Maulwurf‘ /ödula heilst, von Scheuermeier allerdings mit Frage- 
zeichen versehen. In der Lagunenstadt Grado dürften Maulwürfe 
auch gar nicht vorkommen. Sonst müfste man daran denken, dals 
das Nisten der Feldlerche in Ackerfurchen zu der Übertragung 
Anlafs gegeben habe, wozu dann noch /erräneola (REW 8670) in 
der Bedeutung ‚Feldlerche‘, venez. /aranola ‚Brachvogel‘ zu ver- 
gleichen wäre. 

Von den ganz isolierten Formen sei noch dur:#:i 751 genannt 
(vgl. Meyer, Alban. WB S.458 s.v. urf; weitere Formen aus den 
albanischen Dörfern bei Garb. S. 941; zu Aamorida in Rosciano, 
Prov. Teramo, vgl. Alb. WB s.v. hamurik < ngr. yaumpuyag — 
Erdgräber). | 

In das piemontesische /arpone-Maulwurf-Gebiet schiebt sich ein 
Wort fremder Herkunft ein, das wir im ganzen Bereich der West- 
alpen von der Provence bis zur französischen Schweiz in einer 
breiten Zone antreflen: darbün (darbone, REW 2173, als darpus bei 
Polemius Silvius). Ducange verzeichnet dardbus: animalis genus 
frugibus infestum; aus einem Comput. ann. 1480 ... contra mures, 
Darbos, Talpas, et alia animalia fera dampnum inferencia in fruc- 
tibus ... usw. Vielleicht handelt es sich hier um eine Bezeichnung 
der Maulwurfsgrille.e Von kleinen lautlichen Abweichungen ist bei 
den französischen Formen zu erwähnen der Anlaut z7- (= engl. 
stimmh. /) in Savoyen, n- in der Provence, v- 973. Letzteres 
(varbd) würde sich nach RZW 5652 aus dem zweiten Teil von 
‚frk. molwurp erklären, ersteres durch eindringendes fJari, d;ari 
Ratte‘ (su. S. 511). 

Das darbone-Gebiet, das uns von Italien nach Frankreich hinüber- 
führt, grenzt an das groflse französische Zaupe-Gebiet, das gut vier 
Fünftel von Frankreich einnimmt. Nur an der Peripherie gibt es 
Ahweichungen von der reichssprachlichen Bezeichnung. Die Um- 
setzung franzischer au-Formen in pikardische ö-Formen (föß) habe 
ich in dieser Ztschr. 1921, S. 133 ff. besprochen. Im nördlichen 
Pikardischen finden wir /ouan usw., also das Part. praes. von fodere, 
dann nach Osten anschlielsend im Wallonischen und Lothringischen 
fouillant (vgl. auch Rolland, Faune pop. 1,9). P.ı58 weist eine 


völlig isolierte Form, nämlich mü auf. Es handelt sich hier um den 
german. Stamm, der in den Reichenauer Glossen auftritt: /aldas = 
muli qui terram fodiunt, vgl. die deutsche Bezeichnung Mull für 
Maulwurf (ahd. multwurf, mulwerf, muwerf usw. mnd. mul, mol, 
ndl. >02), ferner Mull ‚lockere Erde, Stauberde, Schutt‘ (vgl. Grimm, 
Weigand s.v.). Da auch Ducange ein mulus (und mollus) = acervus, 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 509 


cumulus verzeichnet, ist nicht sowohl von einer Abkürzung von 
mulwurf auszugehen, sondern von der uns schon bekannten Über- 
tragung des Namens vom Maulwurfshaufen auf das Tier! (vielleicht 
dann der acc. müö aus einem afr. nom. mulus > *müls > *müus > 
müs). Dazu stellt sich dann natürlich auch noch mulof ‚Spitzmaus‘. 

Von dem Namen des Maulwurfshügels leiten sich in zwei be- 
nachbarten Gegenden Frankreichs die Bezeichnungen des Tieres 
her. In dem an das Oberelsafs grenzenden P.65 finden wir mötrifi 
(bzw. 75 mötreni). Das uns schon bekannte frz. molte (s.o. S. 503) 
findet sich afrz. gelegentlich in der Bedeutung ‚Maulwurfshügel‘: 


Des ycx du cuer ne veons gote 
Ne que la taupe soz la mote. 
(Ruteb., zit. Godf. X, 746)? 


Dazu gehört dann als Verbum moffer —= cacher deri&re une motte 
de terre (l.c. 179), dazu wieder moferet, molteret m. —= monticules ... 
voisins d’une riviere, durch das zurückweichende Flu[swasser ent- 
standen (l.c. V. 422). Nun gibt Rolland (I, ı1) gerade aus dem 
benachbarten Dep. du Doubs moutire = Maulwurfshügel (mostiöre). 
Ein daneben anzusetzendes *mo/fier —= Maulwurf wäre dann unter 
dem Einfluls von zmofteret und des begrifflich naheliegenden möier 
(= montagne in 65. 75) zu mölreii umgestaltet worden. 

In einer benachbarten Zone des Dep. Doubs und der franz. 
Schweiz heifst der Maulwurf bäöso (44, 54, 43) bäsro (55), büsrö 
(71, 73), däströ (vgl. dazu Rolland I, 9: bdoussou, boussot, bowsserot, 
bousseran aus Besancon; als Verbum dousser = pousser). Als Grund- 
wort liegt frz. bosse (RZEW 1240, Gamillscheg, s. v.) vor, wovon 
afrz. docer —= former une bosse abgeleitet ist: 


Par ses prez nivelez, si la taulpe a boss& 
(Gauch., PVais. des chamßs, S. 102, zit. Godf. I, 669). 


Daneben steht docerE = bossu von einem weiteren Verbum dorerer. 
Von den beiden Verben wurden dann die oben zitierten Formen 
abgeleitet. 

Die im ersten Augenblick auffallendste Bezeichnung für den 
Maulwurf hat das Gaskognische gewählt, nämlich lat. du/o ‚Kröte‘.3 
Wenn man jedoch beobachtet, dafs die Kröte sich gern in der 
gelockerten Erde des Maulwurfshügels aufhält, fällt das Unwahr- 
scheinliche der Übertragung weg.*+ 


I Auf mul, mulet = ‚eine Art Maus‘ in den Fabeln der Marie de France 
(vgl. ed. Warnke, S. LIIL—LIV und Glossar) weist mich A. Zauner hin: L.i 
mulez, ki semble suriz (F. LXXIII). 

2 Vgl. mote auch in der Bdtg. mons Veneris (Gud=efroy X, 179). 

® buhl usw.; in 662, 665, 672, dühe f. in Nachbarschaft von fäoße f. 

% Freund Riegler macht mich darauf aufmerksam, dals die Kröte im 
bıeton. Argot von La Roche ouser ferk = mangeur de terre (Ernaut, Notes 
d’dtymologies bret., S. 268) heifst. Das slovenische Art, urslav. 4,33 = Maul- 
wurf wird von Hirt, Braunes Beifr. XXIII, 334 von ahd. cArote abgeleitet, 
und zwar, wie die romanischen Verhältnisse zeigen, mit Recht (anders 


510 FRIEDRICH SCHÜRR, 


Das Katalanische zeigt eine verhältnismälsig geringe Abwechslung 
in den Bezeichnungen für den Maulwurf. Auf den Balearen ist das 
Tier unbekannt (wie in Sardinien und vielfach auch in Sizilien !). 
Den gröfsten Raum nimmt /alpa (fast überall m. e/ tal, mit Aus- 
nahme eines nördl. Grenzstreifens) ein, wobei a- und au-Zonen 
einander abwechseln (s. o. S. 496). Dazwischen schiebt sich (im 
nördlichen Teil der Provinz Valencia) span. #0 bis an die Küste 
vor. In diesem Streifen (P. 72 des ALC) findet sich ein mu/aran 
eingesprengt, etwas weiter nördlich (56) ein rafa und im nördlichen 
taup-Gebiet bufot (23, 24), beides sonst Bezeichnungen der Ratte. 
An der westlichen Grenze der Provinz Katalonien, ungefähr westlich 
von Balaguer, liegt dann eine kleine Zone (18&—2ı) mit mörzröl 
(zu REW 5762): hier bedeutet nämlich 09, /aup ‚Ratte‘! Daran 
schliefsen sich im Aragonesischen Formen wie /0döndra (17), /Apd- 
nerö (1), täböndrö (2) und in dem nordwestlichen Zipfel Kataloniens 
(3, 4) düera, alle ursprünglich den Maulwurfshügel bezeichnend, 
erstere dem Typus /a/ponaria entsprechend (vgl. falponera Valencia),! 
letzteres durch den benachbarten P. 790 des AZZ’ (Karte 1718 B) 
buhero —= laupiniöre erklärt. 

Nun noch einige zusammenfassende Bemerkungen zur Be- 
zeichnungsgeschichte der Maus und Ratte, soweit diese nicht 
anläfsiich der Benennungen des Maulwurfs schon erörtert worden 
ist. Eigentlich ist eine wortgeschichtliche Scheidung zwischen den 
beiden Begriffen gar nicht möglich, denn hier hat erst recht ein 
beständiges Hin und Her stattgefunden, bzw. es ist die Bezeichnung 
überwiegend vom selben Stamm erfolgt. Wenn in Italien die Ratte 
von der Maus nicht durch ein verschiedenes Wort oder durch 
ein Attribut (z. B. 149 rat ‚Maus‘, rat musiy ‚Ratte‘, 234 rat 
und ra/ de kulmina oder etwa ein Suffix (156 raf und raluy) unter- 
schieden wird, mufs dazu das grammatische Geschlecht dienen und 
zwar in der Weise, dafs dann die Ratte als das entsprechende / 
erscheint. Da in anderen Ländern eher die kleinere Hausmaus 
als Weibchen der Ratte aufgefalst wird (vgl. Rolland, l.c. I, 29), 
mufs dies in Italien seinen Grund in den besprochenen besonders 
engen Beziehungen zwischen /alda und rattus haben. Wir fanden 
schon in dem oben (S. 506) erwähnten emilianischen Gebiet dor/zcus 
‚Maus‘ und pontica ‚Ratte‘ und dasselbe gilt auch für das grofse 
mittel- und süditalienische sorex-Gebiet, soweit dort die Ratte nicht 
zoccola heilst (s. o. S. 505). In dem toskanischen /050-Maus-Gebiet 
dagegen bezeichnet man die Ratte gewöhnlich als /arpa (515, 523 A, 
542, 543, 544, 545) oder farpone (522, 532, 541, 552; falpone 554). 

Die Karte ‚Maus‘, wie sie mir vorliegt (vgl. auch Garbini, 
S. 857), ergibt also folgendes Bild: Italien ist offenbar ursprünglich 


Berneker, WB2.). Diese Parallele verdanke ich Koll. H. F. Schmid. Dals 
der Maulwurf angeblich Kröten fresse, wie er selbst beobachtet haben will, 
berichtet Albert Magnus (N XII, 143, 1. c.). 

I Auch talpinera (gespr. Igupinere Vich), faupin® m. (Vall d’Aneu, 
Castellbö), falpinades f. pl. (Besalü, Avinyd, Calaf) kommen vor, 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGLOGRAPHISCHE STUDIEN II. 511 


ein einheitliches sorex-Gebiet gewesen, da dieses Wort noch über 
die ganze Halbinsel mit Ausnahme des toskanischen Z090-Gebietes 
mit seinen Ausläufern, der erwähnten kleinen emilianischen Zone 
und des Westens von ÖOberitalien verbreitet ist. Von den Sprach- 
inseln (748, 792 s.o. S. 506; zu 751 mfw vgl. G. Meyer, Alb. Wb. 
s.v.) ist dabei natürlich abzusehen. Das Bündnerische hat lat. mus 
bewahrt. Der gröfsere Teil der Lombardei, ferner Piemont und 
Ligurien (mit Ausläufern im Venezianischen 369, 371, 372, 581; 
versprengt im Süden 715) weist raffus ‚Maus‘ auf und von hier 
aus ergibt sich ein Zusammenhang mit frz. raf (vgl. ALF, Karte 
souris 1260), das ziemlich genau in der Osthälfte von Frankreich 
(freilich auch mit Ausläufern nach den verschiedensten Richtungen) 
herrscht und sich von dort über die östlichen Pyrenäen nach 
Katalonien und Spanien hinüberschiebt. Sonst finden wir souris, 
bzw. einige isolierte Bezeichnungen. In Oberitalien deckt sich raf 
(+ Attribut) ‚Ratte‘ im wesentlichen mit ra/ ‚Maus‘, in Südfrankreich 
(der ALF hat leider nur die Halbkarte 1690 für raf) aber reicht 
ersteres weit darüber hinaus und ist vorherrschend. Es ergibt sich 
also ein zusammenhängendes iberoromanisch-, französisch-, nordwest- 
italienisch-deutsches za//us-Gebiet. In Italien kann nach der gec- 
graphischen Lage ra//o nur importiert sein. Damit fällt die von Brüch 
(Einfl. germ. Spr. S.7) vorgeschlagene Herleitung von raffus aus ital. 
ralto < rapidus weg. Auch oberdeutsches ‚Ratze‘ mit /# > /z scheint 
dagegen zu sprechen. So bleibt, da sich auch über die Zeit der 
Ausbreitung der Ratte in Europa (s. aber 0. S. 506) nichts Sicheres 
sagen läfst, Spitzers Vorschlag, darin ein schallnachahmendes Wort 
zu schen (Arch. Rom. 1927, S. 293/4), immer noch am wahrschein- 
lichsten. Daher möchte ich als schallnachahmend auch die Sippe 
£arı (= Maus in Piemont 152, 153, 160, 161, 163, 173, 172, 175, 
ı8ı1, 182, darüber hinaus noch — Ratte 170, 150, 140, 142, 144), 
die sich von Piemont über die Westalpen nach Savoyen-Provence 
hinüberzieht (AZZ' 1260, 1690, vereinzelt 1642 musaraigne) auf- 
fassen. Die provenz. Form gar! würde sich als sozusagen hyper- 
korrekte Form für das ursprünglichere Zar: durch das Schwanken 
zwischen ga- und fa-Gebieten erklären (anders Nigra, AG/ XIV, 278). 
In der darbone-Region wird Sarı, Jari, dyaarı + darbone > Jaryo, zaryo 
(972, 965 usw. vgl. K. 1690). 

Im ganzen Bereich des Venezianischen, ja man kann geradezu 
sagen im ganzen Bereich der ehemaligen Herrschaft der Republik 
oder ihres politischen und kommerziellen Einflusses (als Grenzpunkte 
im Westen habe ich 58, 216, 238, 401 vermerkt), also in ganz 
Venetien, Friaul, Istrien, in Südtirol und in der östlichen Lombardei, 
dann aber auch noch in einem weiteren Umkreis in den Marken 
um Ancona heifst die Ratte Santigana (bzw. ponticana). Diese Be- 
zeichnung hängt natürlich mit den S. 17 besprochenen unteritalienisch- 
romagnolisch-emilianischen Formen Zonticus, -a zusammen, ja es 
handelt sich wohl ursprünglich um eine Weiterbildung von romagnol. 
pontica ‚Ratte‘ (Suff. -ara als adj. Attribut zu einem f. ‚Ratte‘, Typus 


512 FRIEDRICH SCHÜRR, 


fodica, talpa, sorca u. dgl.), das zur Zeit des Exarchats und der 
byzantinischen Herrschaft in Venedig aus der Gegend von Ravenna 
nach Venedig gekommen und von dort aus (mit der Verschleppung 
des Tieres selbst auf dem Handelswege) weiter vorgedrungen sein 
mufs. So finden wir in der genannten Zone der Marken (529, 538, 
548, 558, 567, 569, 578) z. T. noch o-Formen (nämlich 558, 567), 
während im Venezianischen selbst Assimilation des vortonigen o 
an d eingetreten ist. Im Krainer Slovenischen aber erscheint Sodgzna 
‚Ratte‘ (Nemnich) als venczianisches Lehnwort noch in der älteren 
Form mit o (wobei freilich auch volksetymolog. Einwirkung von pod 
mitspielt). Stellenweise liegen Kreuzungen von danfigana mit anderen 
Wörtern vor: 218 : rampani (= ratto + pantıgana + rampar.), 
330 Ja mantagäna (in der Nähe des Gebietes, wo morsica — Maul- 
wurf). — Zu einer anderen Wortfamilie gehört im Venezianischen 
362 morcdüy ‚Ratte‘ (als ‚Hausmaus‘ vgl. bei Garb. verones. more- 
ciola usw. S. 883), nämlich zu RZW 5760 *mürtculus. 

Sardinien ist in der Hauptsache ein sorex-Gebiet. Der Süden 
hat /0ßo als Toskanismus, daneben merdäna, merdgna, mardfna 
‚grolse Ratte‘ (zu RZW 5406?). Im Norden (916 des AZ/S u.a.) 
kommt sporadisch ra/fs# vor, das dort wohl importiert ist. 

Zu den frz. Verhältnissen ist noch nachzutragen, dafs die Karte 
souris im Langue d’Oc und weitem Umkreis mit Ausläufern nach 
Nordosten den Typus *märka (REW 5757), in der Gegend der 
Dep. Herault und Gard /ure/ = souris (RE W 3590, 3603, Gamilscheg, 
s. v.) aufweist. Gelegentlich kommen interessante Kreuzungen vor 
wie hürdiio < bufo + mus aranea (668 — souris, 658, 009 —= musa- 
raigne, letzteres 668 drät bühüs) oder 628 fürgolo (in der Nachbar- 
schaft 637, 720 mürg&to ‚Maus‘) < _furo + murica. 

Im Katalanischen kommen rafm. und rafa f. vor und zwar 
bedeutet ra/ das grölsere Tier, die Ratte, za/a die Maus (nach 
Vogel, WB), vgl. dazu: „A la fi la donzella prega lo ermita que 
pregas Deus que tornas rata, en axi com era abans, e que li 
donas per marit un bell rat* (Lull, Felix I, 186). Die gröfseren 
Abarten werden auf verschiedene Weise unterschieden, so heilst 
die Wasserrate (arvicola amphibius Linne) zunächst rala d’aigua 
(im nordwestlichen und südlichsten Zipfel der Prov. Katalonien) 
oder rat-buf (im weiten Umkreis um Barcelona), daran anschlielsend 
nach Südwesten 52/0, im Roussillon (bis einschliefslich Andorra) 
räl büfot und daran südwestlich angrenzend dufd4, westlich ra/ bufd 
und rafa grila. Bei Balaguer schiebt sich von Aragon herüber 
ein breiter Keil mit /aup = rat-buf herein. Es ist ohne weiteres 
klar, dafs die mit 5/6 zusammengesetzten Formen mit dem gas- 
kognischen dwfo-Maulwurf-Gebiet zusammenhängen, nur dafs sich 
hier (wie schon jenseits der Pyrenäen in P. 782 duf6; dagegen 
790 wie sonst gask. duh6) das Wort dufo (vgl. ital. duffone, REW 1373, 
siz. kalabr. dufa ‚Kröte‘) eingemischt hat. Die Form 5#/öf beruht 
auf ralöt —= rala grossa, rdla grila aber ist wohl durch Maulwurfs- 
grille = Maulwurf veranlafst. 


SPRACHGESCHICHTLICH-SPRACHGEOGRAPHISCHE STUDIEN II. 513 


Lassen wir nun den bunten Wechsel von Formen, das beständige 
Hin und Her und Übertragen, Umprägen, die Umdeutung eines 
Wortes auf einen mehr oder minder, oft nur sehr äufserlich, nur 
ganz entfernt oder nur scheinbar verwandten Begriff vor unserem 
geistigen Auge vorüberziehen, was lehrt uns dann die Bezeichnungs- 
geschichte von /alda, mus, raltus? Ungenauigkeit der Beobachtung 
hinsichtlich der Verwendung einer Metapher bei der ländlichen 
Bevölkerung, andererseits aber eine Freude an der Verwendung 
von Bildern, gelegentlich sogar an grotesker Ausdrucksgestaltung ? 
Ich glaube, dafs diese Momente nicht ausschlaggebend sind, wenn 
sie sich auch wohl immer in einem gewissen Ma/se geltend machen. 
Der Umstand, dafs Homonymität letzten Endes doch überall wieder 
beseitigt ist, scheint mir ein anderes Erklärungsprinzip nahezulegen: 
Gillierons „detresse onomasiologique*, Bezeichnungsnot, aber 
(wenigstens nicht in unserem Falle) nicht infolge der Homonymität, 
die durch die lautliche Entwicklung oder aus sonstigen Gründen 
eingetreten wäre, sondern aus Armut des Wortschatzes bei den 
betreffenden Schichten des Volkes. Es ist ja bekannt, dafs der 
Landmann in seinem täglichen Umgang über eine erstaunlich geringe 
Zahl von Wörtern verfügt, die er sofort zum Gebrauch bereit hat. 
Für alles aber, was nicht täglich und immer wieder in seinen Ge- 
sichtskreis tritt, muls er, um es zu bezeichnen, zu irgendeinem 
gerade seinem Gedächtnis oder seiner Anschauung naheliegenden 
Ersatzwort greifen, wodurch dann die mehr oder minder bildhaften 
Übertragungen oder Neubildungen zustande kommen, die wir kennen 
lernten. 

Die vielen Vermischungen und Kreuzungen von Worttypen aber, 
die uns aufstiefsen, mögen davor warnen, allzu unbedenklich Laut- 
regeln und lautliche Entwicklungsreihen aufzustellen. 


FRIEDRICH SCHÜRR. 


Zeitschr. . rom. Phil. XLV11. 33 


Die beiden Verben habere und tenere in der altspanischen 
Danza de la Muerte. 


Eine entschiedene Selektion hat die südliche Gruppe der 
romanischen Sprachen getroffen hinsichtlich des Verbs, das den 
Besitz bezeichnet. Der Süden der Romania verwendet für den 
Begriff „haben“ Abkömmlinge des lateinischen Zenere und bekennt 
sich damit zu einer konkreten „handgreiflichen“ Einstellung gegen- 
über dem Besitz. Teil haben daran die Schriftsprachen der iberischen 
Halbinsel: das Portugiesische, Spanische, Katalanische, die ibero- 
romanischen Mundarten mit Ausnahme von ein paar Pyrenäendörfern 
des Hocharagon, die noch an Aabere festhalten; der Roussillon mit 
geringen Ausnahmen und mehr oder weniger ausschliefslich das 
Sardische und die süd- und mittelitalienischen Mundarten. Das 
heutige Sizilien scheint kein /enere „haben“ zu kennen laut Atlas 
inguistique de U’ Italie et de la Suisse meridionake,! doch findet es sich 
in älteren Texten. Dieser einschneidenden Neuerung gegenüber, 
die im äulsersten Westen der Romania am stärksten zur Durch- 
führung gelangt ist, sind das Galloromanische, das Norditalienische, 
das Rätoromanische und das fernabliegende Rumänische beim alten 
habere geblieben. Einzelheiten, sowie Berücksichtigung der Enklaven 
sind einer späteren Arbeit vorbehalten. Die Studie beschränkt sich 
auf das Altspanische, wie es die zu Beginn des 15. Jahrhunderts 
entstandene Danza de la Muerte? bietet. 

aya y ayas por lenga y lengas se dezia antıguamente y aun 
lo dızen agora algunos, pero en muy pocas Partes quadra:? das ist die 
philologische Feststellung des Grammatikers Juan de Valdes aus 
Cuenca, der 1541 starb. Leider präzisiert er nicht näher. 

Die Beziehung, in der die beiden Verben Aabere—tenere zu- 
einander stehen, ist die einer allmählichen Ablösung des Erstgenannten. 
Noch heute schreitet sie fort, aber sie wird nie ganz vollkommen 
sein. Denn vermöge seiner Fähigkeit der Einfügung und An- 
schmelzung hat sich Aadere eine Funktion vorbehalten können: die 
Bildung des Futurs, die ihm auch da verblieben ist, wo die Ver- 


1 Das Material wurde mir freundlicherweise von Herrn Prof. Jud in Zürich 
kopiert und zur Verfügung gestellt, wofür ich ihm nochmals herzlich danke. 

2 So setzt Pfandl, Spanische Literaturgeschichte 1, Berlin 1923, S. 29 
das Datum an. 

® Hrsg. von Moreno Villa, Madrid, Calleja 1919, S. 159. 


HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 515 


schmelzung nicht vollzogen ist: im Portugiesischen in Formen wie 
vE-lo hemos, vE-lo hei, die neben veremos, verei bestehen. Interessant 
ist in diesem Zusammenhang, dafs in den drei Pyrenäensprachen 
neben das dem Futur nahestehende „Müssen“ port. Aei-de dizer, 
span. he de decir, kat. he de dir folgende Konstruktion tritt: Zenho 
de dizer, tengo que decir, tince de dir. Nicht ohne dafs die letzt- 
genannte in Katalonien von den einheimischen Sprachfreunden 
verwünscht wird. ! 

Völlig unangefochten in seiner Stellung scheint bis heute Aabere 
als absolutes „es gibt“: port. ha, span. hay, kat. Ai ha.? Einige 
Redewendungen, wo Aabere noch als selbständiges Verb auftritt, 
verzeichnen die Wörterbücher. 

Als Hilfsverb hat Aadere schon stark an Boden verloren im 
Katalanischen und Spanischen, wie schon die Danza de la Muerte 
zeigt; im Portugiesischen ist der Proze[s zugunsten von fer so gut 
wie abgeschlossen. 

An Querschnitten durch die Jahrhunderte lälst sich das jeweilige 
Verhältnis der Verben Aabere—tenere feststellen. Hier diene als 
Basis für den Beginn des 15. Jahrhunderts die Danza de la Muerte,3 
die uns den Menschen in einem Augenblick zeigt, wo die Habgier 
triumphiert und er mehr denn je an das denkt, was er hat oder 
haben möchte. 

So klagt der maurische Theologe, alfaquı: 


yo tengo muger discrela, gragiosa, 587 
de que he gasajado e assds plazer. 
Todo quanto tengo quiero Perder, 589 


dexa me con ella solamente estar. 


Hier bedeutet /ener ‘haben’, ‘besitzen’. 
Im Cid sind dergleichen Fälle durch Aader ausgedrückt: 4 


ea las fjas que ha 384, I14II u.a. 


nur einmal findet sich /ener und verdient in seiner Vereinzelung 
besondere Beachtung: 
mis fijas e mi mugier que las tengo acd, 1638 


wo die Anwendung von /ener in Verbindung mit der Lokalbestimmung 
sicher ein Willensmoment des Sprechenden, Cid, enthält, ein ver- 
anlafstes Halten, Unterhalten.d iener konnte auch ‘befehligen’ 
bedeuten, was zur Unterstützung dieser Auffassung beiträgt. 


1 Vgl. Pompeu Fabra, Converses hlolögiques ı astrie, Barcelona s.a., S.162. 

3 Ferner in der Sonderentwicklung, die es in der Bedeutung „ergreifen“, 
„festnehmen“ genommen hat: kat. keure; in port. haver por ben „billigen“. 

® Nach der Ausgabe von Carl Appel, Die Dansa general in Beiträge 
zur rom. u. engl. Philologie dem X. deutschen Neuphilologentage überreicht, 
Breslau 1902. 

% El Cantar de Mio Cid, R. Menendez Pidal, Madrid 1910. 

5 fenir ‘unterhalten’ ist auch afrz. zu belegen: Zntra en jalousie pour 
ce que on disoit que le duc de Brabant son mary tenoit une gentille femme, 
Le Fevre de S. Remy, Chartres VI, ı52 aus Lacurne de Ste-Palaye. 


33* 


516 EVA SEIFERT, 


Es klagt der Stiftsherr, canönigo: 


D’esto que tengo soy bien papado. 351 
Vaya quien quisiere a tu vocagion. 


Der Betbruder, santero, lälst sich vernehmen: 


e tengo en mi huerto assds de Repollos. 606 
Vete, que non quiero tu gato con pollos. 


Hier ist der Besitz von der Ortsangabe begleitet, so dafs man im 
Zweifel sein kann, ob Z/ener hier einfach „haben“, „besitzen“ be- 
deutet oder ähnlich wie im Cidbeispiel als „halten“, „unterhalten“ 
aufzufassen ist. Jedoch im folgenden Beispiel, das ebenfalls eine 
Ortsbestimmung enthält, ist sicher die Bedeutung „besitzen“ zu 
erkennen mit einem Nebensinn „aufbewahren“. 

Der Kaufmann, mercadero, jammert: 


Gane lo que tengo en cada lugar. 300 
Agora la muerte vino me llamar. 


Es mahnt der Tod den Pfarrer, cura: 


Que muchas dnimas loujstes en gremjo, 390 
segunt les Registes auredes el premjo. 


Hier liegt kein eigentlicher Besitz vor, sondern ein „anvertraut 
erhalten haben“. Das folgende Zegistes suggeriert einem sogar die 
schon zum Cid angeführte Bedeutung /ener „befehligen*. Nebenbei 
sei bemerkt, dafs /fener en + Substantiv schon früh auftaucht. So 
lassen sich obigem /ener en gremio än die Seite stellen aus dem Cid: 
que lo nuestro lendmoslo en salvo 25311 und die häufigen /ener en 
poder, tener en guarda des Fuero Juzgo; und es ist leicht hier von 
einem konkreten „halten“, d.h. „festhalten“ auszugehen. 

Den bisher genannten konkreten Gegenständen des Besitzes 
steht nahe: pro. 

Dem Zahlmeister, contador, ruft der Tod zu: 


cuento de alguarismo nn su diuision 


non vos lerndn pro, e yredes comjgo. 502 


Die Verbindung von /ezer mit dem aus spätlateinischem Prod 
entwickelten fro ist im Altspanischen sehr häufig. Sie tritt auch 
schon früh auf, allerdings im Cid nur einmal: 


que les toviesse pro rogaron a Alvar Fänler 


neben häufigerem Aaber: 


no les ha ningun pro 2734 
que vos avrd pro (el portero) 1380 
ninguna (sgincha) nol ovo pro. 3639 


ı Ähnlich 2469. Dagegen mit Aaber: lo otro han en salvo 2483; 
ähnlich 2664. 


HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 517 


Die Konstruktion ist die wie auch in der Dansa, d. h. die Person 
steht im Dativ.! Man muls ner mit „bringen“ übersetzen. Will 
man eiue Nüance in der Bedeutung annehmen, so könnte man für 
haber pro „Nutzen haben“ und Zener fro „Nutzen haben und be- 
halten“ ansetzen. Aber da bei 570 meist eine Konstruktion mit 
dem Dativ eingetreten ist und da verhältnismälsig früh /ener sich 
einstellt, ist anzunehmen, dafs vielleicht schon bei dem Auftauchen 
der Verbindung /ener pro ein besonderer Sinn des angewandten 
fener nicht mehr empfunden worden ist, sondern dafs sich die 
beiden Verben in ihrer Bedeutung schon derartig stark genähert 
hatten, dafs fast mechanisch nun auch das „Terrain 570“ von iener 
ergriffen wurde. 

Etwas kommt noch hinzu. Im Spätlatein finden sich die Ver- 
bindungen prode esse, prode facere, prode fieri mit dem Dativ der 
Person.?2 Zcnere scheint nicht vorzukommen. Wahrscheinlich ist die 
Anwendung noch anderer Verben uns nicht belegt. Aus dem 
Altfranzösischen lälst sich avenir und faire beibringen. Dagegen 
fehlt offenbar die Verbindung von /enir mit Pro, statt dessen lälst 
sich aber anführen /enir domage im Sinne von farre domage.* Es 
wird also /ener zu jener Reihe stets verfügbarer Verben gehören, 
die neben ihrer Eigenart und ihrem Grundsinn eine Art Hilfsverb 
abgeblafster Bedeutung darstellen, das sich dem mit ihm verbundenen 
Substantiv unterordnet, so wie heutiges span. Zevar, port. far, engl. 
get, dtsch. machen. 

Nicht eigentlich als Besitz ist /ener tempo aufzufassen, es wird 
sich als „Zeit behalten“ für eine Handlung leicht erklären, 

Der Abt, abad, scheint sich zu trösten: 


E sy tengo tienpo, prouoco e apelo; 255 
mas non Puede ser, que ya desaltiendo, 


Aber dem Küster, sacristan, mufs der Tod eröffnen: 


Ya no tends tienpo de saltar Paredes 562 
njn de andar de noche con los de la canna. 


Es sei hier angereiht /ener als Mafsbegriff, „enthalten“, d.h. „in 
sich haben“ (que ist von foyo abhängig). 
Dem Steuereintreiber, recabdador, wird das Zukunftsbild: 


Dar vos he vn poyo en que esteys asentado 
e fagades las Rentas, que tenga dos pasos. 534 


1 Daneben findet sich auch die Konstruktion cada gual avrd Pro 2130, 
2481 im Cid, wo die Person Subjekt ist, sie ist auch afız. mol! grant prod 
i avres (Roland), Godefroy. 

2 Beispiele bei H. Rönsch, /tala und Vulrata, Marburg, Leipzig 1869, 
S. 468, 469; H. Schuchardt, Vocalismus des Vulgärlateins Il, Leipzig 1867, 
S. 504. 

8 Mut en porra granz ruza !’plise avenir. Garnier, Vie de St. Thomas; 
bon preu vos fasse, ma damoiselle. LouisXI, Cent.nowv.; auch bei La Fontaine 
noch Beispiele (Godefroy). 

* Bei Perard, Histoire de Bourgogne 475 (Lacurne de Ste-Palaye). 


518 EVA SEIFERT, 


Früh hat /ener Eingang gefunden in die Lehnssprache, nicht 
nur Spaniens, sondern des Mittelalters überhaupt. Aus der Danza 
sind die folgenden Fälle anzuführen: 

Der heilige Vater, padre santo, erklärt: 


benefigios e honrras e grand sennoria 
toue enel mundo, pensando veusr. 93 


Die Variante zu 351: de aquesta (calongia) que tengo assas soy pagado. 
Der Dechant, dean, erzählt: 


grand Renta tenja e buen deanaspo 283 
e mucho trigo en la mj Danera, 


wobei die zweite Zeile eigentlich unter die S. 516 angeführten 
Beispiele einzureihen wäre. Die Verknüpfung des Eigenbesitzes 
(/rigo) mit einem nur anvertrauten „Verwaltungsbesitz“ (deanazgo 
und der zugehörigen ren/a) lälst erkennen, wie sehr auch in den 
Wendungen iener beneficio, tener honra, lener deanazgo u.a. tener sich 
zur Bedeutung „haben“ entwickelt. In altkastilischen Urkunden ist 
häufig und deutlich Eigenbesitz und Lehensgut durch Anwendung 
der Verben Aaber und /ener gekennzeichnet. /ener ist zum terminus 
technicus geworden, und meist steht auch der Eigentümer und 
Verleiher eines Gebietes genannt. 

In der Urkunde gı, ı237 San Millän de la Cogolla heifst es: 
que non ala poder de uender nın den fennar a omne de Madris de la 
eredat que tienen de san Millan‘! und in Urkunde 213, ı222 Hontoria 
de Valdearados: damos ... quanto que auemos en Frontoria ..' que 
la tengades por en uuestros dias.? 

Aus Neapel 1109: a foris est terra quam tenel Rofreda de 
memoralo loco Saliana et de consorhibus suis. 

Aus dem Altfranzösischen: 


Tenez Nerbone et tote la costiere; 
tot la cıt et la grant tor Pleniere 
landroiz de moi de ci a Porte Aıpiere 
" Aymeri de Narbonne (Godefroy). 


So hat sich mir sogar im Neufranzösischen erhalten: ce Seigneur 
dont nous tenons seul le fief, Claudel, Z’annonce faite 4 Marie S. 90. 

In der deutschen Lehnssprache wird „haben“ angewandt. Den 
klassischen Ausdruck hat es gefunden in Walther von der Vogelweides 
Jubelruf: ck hän min lEhen, al dıu werlt, ich han min l£hen. Jedoch 
die Urkunden geben /enere, so die Heinrichs Il. von 1023: za 
videlicet ul avus eius Pandulfus tenuit ( Principatum).* 


ı Documentos linpülsticos de EspaAa: Castilla, Madrid 1919, hrsg. von 
Menendez Pidal, Zeile 46. 

2 Zeile 5. 

® Monumenta ad Napolitani Ducatus, Bartholomaei Capasso 11, ], 
Neapoli 1885, 360, 594. 

4 Mon. Germ. hist. Dipl. reg. III, Nr. 483, Zeile 29. 


HABERE UND TENEKE IN DER ALTSt’AN. DANZA DE LA MUERTE. 519 


Wie sich zeigt, ist das Geltungsbereich von /erer in dem 632 
Verse zählenden Denkmal der Danza de la Muerte noch verhältnis- 
mälsig klein: in der Bedeutung „haben“ bleibt es auf konkrete 
Dinge beschränkt. Das ganze Gebiet nicht konkreter Güter ist 
noch immer Aaber vorbehalten: 


a ty a desora, que non he cuydado 22 
que tu seas mangebo o viejo cansado. 
en folgura viuo, non he turbagion. 348 
Resgelo he grande de yr al lugar 333 
por lo qual avredes Denas e dolores. 580 
Razon es que ayades 449 
dolor e quebranto,. 
los que bien fizieron avrdn syempre gloria, 623 
los que’l contrario, avran danpnagion. 
por do, sy le plaze, avremos folgura. 630 
sy aver queredes conplido perdon. 47 
de lo que fesistes abredes soldada 100 
sepunt las Registes (las dnimas) avredes el premjo. 391 
en la gloria eternal avredes grand parte. 403 
donde abr& alegria syn otra tristura 414 
sy bien le serujstes, avredes honor. 483 
de que (muger) he gasajado e assds plazer 588 
creo que es la muerte que non ha dolor 107 
duennas e donzellas, aved de mi duelo 265 
aved buen conorte, que asy ha de ser. 279 
muerte, yo te vruego que ayas piadad 553 
de mj, que so mogo de pocos dias. 
de matar a todos costumbre lo he 163 
aqul avrdn fyn los vuestros deseos 183 
sy no te detienes, mjedo he que luego 173 
me prendas o me mates, 
de ty non oujera lan fuerte temor. 190 
sy mal las (dnimas) Registes, avredes afruenta 327 
avn este otro dia ove Prouisyon 350 


d’esta calongia que me diö el perlado. 


Dafs im letzten Beispiel Aader steht, bildet keinen Gegensatz zu 
dem zu Lehensausdrücken Gesagten S. 518, da ja hier provisiön 
den Ausdruck modifiziert. 

Als Redensart, die sich bis zum heutigen Tag erhalten hat, 
sei hier angeschlossen: Aaber menester, doch ist es menester bei weitem 
häufiger. 

Non he menester de yr a trocar. 537 

Gering ist die Zahl der Beispiele, in denen iener in einer 
. anderen Bedeutung als „haben“ vorkommt. Es kann noch „be- 
folgen“, „einhalten“, „führen“, „pflegen“ heifsen: 

non vos valdrd faser gargarismos 
conponer xaropes njn tener diecta. 374 


520 EVA SEIFEKT, 


non veo que tienes gesto de lecor. so5 
non vy en Salamanca maestro njn doctor 

que tal gesto tenga njn tal paresger 508 
tengo buena vida, avn que ando a fedir. 603 


Das nächste Beispiel, das auch hierher gehört, ist in der Lesung 
nicht ganz sicher gestellt: 


non tends manera de andar a dangar. 547 


Dann ist noch /ener „halten für“, „glauben“ zu erwähnen: 


sy d’ella (muerte) escapo, thener me he por sSaje. 208 
syn dubda tened que soes escribto 419 
en libro de bida, segunt que yo creo. 


Daneben kommt auch Aaber pro vor, nicht eigentlich in dem Sinne 
von „halten für“, sondern „annehmen als“; statt eines durativen, 
liegt ein inchoatives Verb vor. 

Zum Abt sagt der Tod: 


aved me por vuestra, quilad de vos sanna 262 
ca mucho me plaze „.. vuestra conpanna! 


zum Pfarrer: 


tal commo a vos quiero aver por vezıno, 389 


wo auch das a des Akkusativs vor der Person nicht fehlt. 
Interessant ist noch, dals /ener gleich einem Hilfsverb mit dem 
Partizip Perfekt gebraucht wird: 


que non vos valdrdn thesoros njn doblas 
a la muerte que tliene sus lazos parados, 44 


wo man gut mit einem „bereit halten“ interpretieren kann. Etwas 
anders liegt schon der Fall, wenn der Erzbischof erklärt: 


mas syenpre del mundo fuy amador ; 
bien se que el Infierno tengo aparejado; 192 


obwohl afarejar dem Sinne nach farar nahesteht. Hier fehlt die 
Absicht und das Ziel der Handlung, es wird nur ihr unausbleibliches 
Ergebnis angegeben. Dort ist der Sinn aktivisch, hier passivisch. 
Die Bedeutung „halten“ kommt hier nicht mehr in Frage. Es ist 
zweifellos schon eine analogische Konstruktion. 


non vos enojedes, sennor padre santo, 
de andar en mi danga, que tengo ordenada. 98 


Ein gewisses duratives Moment wohnt hier dem /engo ordenado 
inne „ich befehle und halte den Befehl aufrecht“, so wie in heutigem 
fengo dicho „ich sage und bleibe bei meiner Aussage“. Ein gleiches 
Beharren liegt in den Worten des Herzogs: 


yo tenia pensado de fazer balalla. 171 


HABERE UND TENERE IN DER ALTSPAN. DANZA DE LA MUERTE. 521 


Und ebenfalls im letzten Beispiel, wo das Partizip attributiv 
zum Substantiv steht: 


que ya tengo d’ella (la muerte) todo el seso turbado 112 


läfst sich der Kaiser vernehmen: „mir bleibt .. .“. 

Analoge Beispiele finden sich heute in Mittel- und Süditalien 
ziemlich zahlreich. In Serracapriola (Foggia) sagt man: //ygz { 
män addurnit2 p u fredda.! 

haber als Hilfsverb steht weniger als man meinen möchte. Über- 
haupt ist das Perfekt selten in diesem Denkmal: 


el enperador con toda sw gente 


que son en el mundo, de morir han forgado 40 
Dues que ya el frayre vos ha Pedricado 61 
en esta tu danga, que non he acostundbrado 524 
por vnos dineros que me han promelido 526 
ca he esperado e el plazo es venjdo. 527 
pagad los cohechos que aves leuado 530 
por que satisfaga del mal que he fecho 558 
a lodos los que aqul non he nonbrado. 617 


Hier ist überall die verflossene Handlung als Tatsache hingestellt, 
ohne dafg besonderer Wert auf deren Fortdauer gelegt wird. 

Der Vollständigkeit halber seien noch ein paar Beispiele zum 
Futur angefügt: 


ı. Formen ohne Präposition: 


dar vos he un consejo que vos serd sano 357 
fares grand cordura ; llamar te ha el sennor 431 
sy bien serujstes, avredes honor. 483 


Weitere Beispiele sind S. 519 f. zitiert, es sind die Verheilsungen an 
die Sterbenden. Es ist dies die mildeste Form, in der die Menschen 
angeredet werden. Sogar das Sterben wird dem heiligen Vater in 
dieser Weise verkündet: 


aquj moriredes syn ser mas bolligios 103 


2. haber a: 
Einen andern Ton schlägt der Tod an, wenn er zur grolsen 
Menge spricht: 
que a morir avedes, non sabedes quando. 30 
Das Unvermeidliche wird damit charakterisiert. Auch der Lohn 


für gute Taten tritt zwangläufig ein. Sogar dem gottesfürchtigen 
Einsiedlier mufs der Tod es klarmachen: 


pero con todo esto avredes a yr 
en esla mj danga con vuestra bauaya. 485 


ı Vgl, S. 5ıq, Anm. ı. 


522 E.SEIFERT, HABEKE U. TENERE I. D. ALTSP. DANZA DE LA MUERTE. 


Und doch hat er ihm kurz zuvor als gebührenden Lohn ver- 
kündet: 

sy bien le seruistes, avredes honor 

en su santo Reyno, do aves a venjr. 484 
Genau in dem Sinne fügt sich der Mönch: 

ay de mj, cuytado, que avrd a dexar 447 

las honrras e grado, que quiera 0 que non. 
Zum Schlufs bekennen alle: 


Dues que asy es que a morir avemos 624 


3 haber de: 
Stärker als der Mönch empfindet der Herzog den Zwang: 
avrd del dexar 174 
todos mjs deleytes, 
Der Tod mahnt den condestable: 


fuyr non conujene al que ha de estar quedo. 209 


den Knappen: 


aved buen conorle, que asy ha de ser. 279 


Auch der heilige Vater lehnt sich auf: 


aver de pasar agora la muerte gı 
ennon me valer lo que dar solia,s 


der Ritter: 


pero a la fyn syn dubda non sey 
qual es la carrera que abrd de leuar. 240 


Die Überschrift der letzten Strophe lautet: 
dizen los que han de pasar por la muerte. 


Der Stärkeunterschied zwischen Aader a und Ähaber de scheint 
jedoch nicht bedeutend gewesen zu sein. Vielleicht entschieden 
auch phonetische und metrische Erwägungen die Wahl des einen 
oder andern. Von Dauer ist Aaber de gewesen, sicher aus den 
eben erwähnten phonetischen Gründen, da die vielen vokalisch 
ausgehenden Verbalformen die Präposition a aufsogen. 

Über die beiden Verben in der Danza de la Muerte hat sich 
feststellen lassen, dafs /ener „haben“ kaum mit Abstrakten angewandt 
wurde, dafs es in beschränktem Mafse als Hilfsverb diente, weil 
haber noch seine starke Stellung behauptete. 


EvA SEIFERT. 


m re m 


! Die Variante hat a, 


Le sens et l’origine de v. fr, plaissier, plaisseis. 


I. Etymologies propos&es jusqu’ici pour le radical plarss-. 


Pour le v. fr. Haisseis “haie” aucune Etymologie convaincante 
n’a et proposee. M. Meyer-Lübke dans son Ziym. Wörterbuch part 
d’une forme *plaxum “haie”, dont l’origine lui est inconnue. Dans 
ses Notes d propos du Wörterbuch de Meyer-Lübke, ZRPh 40, 315, 
M. J. Brüch reprend l’idee de Diez que plexus est & la base du 
mot. Pour expliquer la voyelle az M. Brüch se voit force de supposer, 
comme l’avait dejä fait Förster, ZRPh 5, 99, un croisement entre 
plexus et paxus. M. Regula, Ziym. Studien an der Hand des Eiym. 
Wörterb. von Meyer-Lübke, ZRPh 43, 130, montre que cette sup- 
position se heurte contre le fait que plexus n’a pas surv&cu dans 
les langues romanes. M. Regula, suivant son penchant pour les 
entrecroisements, prefere recourir & la supposition paxum + plicare, 
la fondant sur le sens “courber, ployer” que donne Godefroy, entre 
autres, pour le vb. Plaissier. Avant de nous prononcer sur l’etymo- 
logie de PLaissier, plaisseis, discutons leur sens et leur emploi. 


2. Les ex. de plaissier dans Godefroy. Godefroy s’est 
mepris sur le vrai sens du verbe. 


Pour ce qui est du vb. Dlaissier, Godefroy le traduit au sens 
propre “courber, ployer, plier, entrelacer”, refl. “se ployer, se courber, 
se pencher”. Des ı6 ex. qu'il cite il n’y a que quatre ou cing 
ou l’idee de “courber” prevaut. Les autres ex. se traduisent par 
“abattre; s’abattre, s’abaisser”, comme par ex.: 


Contre terre l’a jus Dlaissie 
Et sor le chief li mist le pie, Wace. 


Sor le col del destrier le Zlarsse, Ren. de Beaujeu. 


Beissiez les reins, si vos Dleisszez. 
A cest mot s’est cil abeissiez, Renart. 


Plaissier les genoux *s’agenouiller” peut &tre compris tout aussi 
bien “les rabattre” que *les plier”. — Le sens “abattre” est & la 
base de tous ces ex.: Plaissier les anemis “les abattre”, de m&me 
veintre et plaissier, plaissier et grever, plaissier el cravenler, destreindre 
et plaissier, plessier et sozmelre ses anemis; le sommeil m’a pris et 
Dlessie “abattu”, plaissier la loi Deu, les engins au deable, Vorguel 


52} GUNNAR TILANDER, 


de sa char, le feu!, sa joyeusete. Pour le sens fig. du verbe Godefroy 
donne comme trad. “plier, courber, abattre, dompter, accabler, op- 
primer, detruire” 23 ex. Les cing dernieres traductions sont les seules 
qui vaillent; “plier” et “courber” n’y ont rien & faire. Godefroy 
parait avoir voulu &tablir une transition entre le sens propre du 
vb. qu’il croyait &tre “plier” et le sens fig. qui, ici il ne pouvait 
se tromper, e£tait “abattre”. Godefroy doit la traduction “plier” A 
Du Cange qui, sous pleisseicium, rend Laissier par “plectere”. 

Godefroy donne encore un autre sens Plaissier une personne d 
“plier qn & faire une chose, l’y pousser, !’y determiner” 5 ex. II 
ressort clairement que Godefroy croit l’idee “plier” Etre & la base 
de cet emploi du vb. Les ex. nous autorisent plutöt & expliquer 
l’expression comme sortie du sens “battre” de Daissier; cf. l’ex- 
pression analogue fousser gn d faire gch, & l’origine “le battre &” 
(Zuisare). U est difficile de rendre raison des ex. Plaissier son cuer d 
(3 ex. sur 5) sur la base “plier’’; “abattre, abaisser” vaut eEvidemment 
mieux. 

On lit ensuite dans Godefroy: refl. “se plier, s’humilier, ceder” 
5 ex.; il faut traduire “s’abattre, s’abaisser” qui convient & tous les 
ex.: Vers Damedeu moult se plaissa; Mais le noble Iyon ne se 
plaissoit; I se plesse a ourer; Dieu prist char humaine a ventre 
Marie Et quant pour nous tant se lessa, etc. 

Le sens constat& ensuite “meurtrir”, I ex., provient evidemment 
du sens *battre” de HLaissier. — Lex. suivant: De maintes pars 
se sont sor lui PlarssıdE (Ogier) est rendu *se pr£&cipiter, se jeter”, 
sens qui se fonde aussi sur celui de “s’abattre”. 

S’ensuit un emploi neutre “ployer, tomber” ır ex. Le sens 
“ployer” n’y a rien & faire. Si l’on regarde de pres les ex., on 
s’accordera & leur attribuer plutöt le sens de “s’abattre, tomber”. 
Aux cing ex. de Jaire plarssier cette expression €Equivaut & “faire 
abattre”: Il les fa contre terre Aasssier; Sus ses espaulles vit ses 
cavels Plassier; Font les chastiaus Plaisier; Adonc i veissies maint 
Sarrasin lessier; Les uns chieent, les autres lessen?; Or vos taisies, 
jo respondrai premier, Et vostre gent jaites tot cor plaissier (cl. 
rabatlre le ion). 

Plaissier au sens de “*quereller” 2 ex. se rapproche du sens 
“battre”, 

Godefroy donne aussi deux ex. du ptc. Plaissid traduisant tres 
bien “dompte, abattu, accabl&” et trois ex. au sens “entoure de 
clötures”. 

Notons enfin le sens de “garnir d’arbres, entourer de haies” 
4 ex. Cette traduction provient aussi de Du Cange: paissiare 
“Plaissiis seu sepibus includere”. Dans !’ex. qu’en cite Du Cange 
il faut attribuer au vb. le sens de “abattre”: Pars illa nemoris... 
non permitletur crescere sed debent illud Slarssiare, de 1247. Dans 
cet ex. de Godefroy: il s’estoit fortifi€ au gue de Houssu avec 


! Ch. Vexpr. usuelle au moyen äge faire cheoir le feu. 


LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 525 


force arbres abbattuz et ALessez, traduit “ploy&, courbe, entrelace”, 
plesser est plutöt synonyme de adaffre, comme au douzieme ex. de 
Godefroy: Aians abattw et plesse grande quantite d’arbres. Le sens 
“entourer d’une haie vive ou morte” ressort clairement de plusieurs 
ex. cites par Du Cange sous Zeisseicium et plessa; cf. au second 
endroit pesseur “qui plessas facit”: une journee de Pesseurs, le 
premier ex. de Godeftoy: Ses haies fait Aarssier et enforcir, Pex.: 
plaissier les bois “entourer de haies” et Du Cange sous Plessa: Sed 
plessare possunt et defendere quousque pessunia sit bannita. 


3. Le sens originaire de plaissier etait “battre”. 
D’autres ex. de ce sens. 


Nous croyons avoir montr& par cette examination des ex. de 
plaissier dans Godefroy que son sens primitif etait “battre, abattre” 
et non “plier”, mais au cours des siecles AHarssier “abattre” a dü 
evoluer au sens de “plier”. Les id&es “abattre” et “plier” sont 
affınees; l’une n’est que l’efiet de l’autre. Le sued. kuva signifie A 
l’origine *battre”, mais aujourd’hui son sens est “abattre, dompter, 
faire plier, plier”; angl. cuf “battre” est le m&me vb, cf. v. fr.cufer 
“battre” trait& par moi Romania 52, 465—7. Förster dans son pre- 
cieux vocabulaire des Oeuvres de Chrölien de Troie traduit aussi 
dlaissier par “niederwerfen, niederschlagen: abattre”, au neutre par 
“zusammensinken: s’abattre”: 


Deus, eingois que nos soiiens mort, 

Conduisiez nostre nef a port, 

Et cest tormant nos abeissiez 

Et l’ire de cez vanz Dleissiez, Wilhelmsleben 2362. 


Hai! con vaillant chevalier! 

Con fet ses anemis 2leissier (Plaier G), 

Con roidement il les requiert, Yvain 3200. 

Quant cil l’ot, n’ot tant de vertu 

Que tot nel covenist Zleissier, Karrenritter 1437 T. 


Le sens “abattre” est encore atteste par les ex. suivants: 
Li sis s’en quident arriere repairier 
Par le guichet qu’il orent jus HLaissie, 
Moniage Guillaume v. 2373, 
traduit au gloss. “abattre, renverser”. 
Mult se volsist de lui vengier, 
Grant talent out de lui Saissier, 
Ducs de Normandie DI, 10770 A; 
d’autres mss. portent ici gregier. 
Kar autresi comme la foldre 
Abat tot avant sei et Zlesse, 
Hist. Guillaume le Mare£chal, v. 3545. 


E Sarrazin fussent Dlarssıe, ib. 9806, 


526 GUNNAR TILANDER, 


Que le destreinst en tel maniere 
Que il ne pout avant n’arriere. 
Tant le volt Zla:ssier e destraindre, ib. ISIST. 


Tant dona coups destre e senestre 
De l’espee qu’il tint a destre 
Que cil ariere se Zlaissierent, ib. 11187. 


Dans le gloss. de Gusllaume le Mar£chal Paul Meyer traduit Harssier 
actif #accabler, Ecraser”, refl. *battre en retraite, flechir”. 


Mais des or mais vient en corage 

Au roi de veoir le barnage 

Que dedens Escoche laissa 

En duel qui pour lui les Alaissa, La Manekine 8186, 


“il les laissa en deuil qui les abattait”; pour lui = ä cause de lui. 


Derriere li se le laissast (: sa me&re), 
Trop grans courous son cuer Dlaissast, ib. 8386, 


“3’jl laissait sa mere derriere lui, un trop grand chagrin abattrait, 
accablerait son coeur”. 


Sa mere et son pere a laissies 
Plourant et de courous Slaissides, TJehan et Blonde v. 104. 


Les orgillous abatre et les felons Saisier, p.137, v.12. 


Recouvrer les hardis et les felons Zlaisier, p. 161. v.19. 


Les deux derniers ex. sont puises dans le Roman d’Alixzandre, ed. 
Michelant, Bibliothek des lit. Vereins in Stuttgart 13. 


Normant ne sunt proz sanz justice; 

Foler e Zlaisier les covient: 

Se lor sires soz piez les tient 

E que bien les detolt e poigne, 

D’els porra faire sa besoigne. 

Orgueillos sunt Normant e fıer 

E vanteor e boubancier; 

Toz tens les devroit l’en Zlassier, 

Mais mult sunt fort a justicier, Ducs Normandie g1485s. 


Mes venuz est por nos li sire (: Jesus) 

Qui l’oste et l’ostel Slaissera 

Et o soi nos herbergera, Evanpile Nicodeme B 991; 
“Poste et l’ostel” se rapportent ici au diable et ä& l’enfer. 

Mes mout fut lor janglois Zassıe 

Quant li evesque avant alerent, ib. B 340; 
cf. rabattre le ton, et lex. cite p. 524. 


Donc a l’enfer soz soi Dleissze 
Et de son si& le trabecha, ib, B 1390. 


LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 527 


Au gloss. de l’Evangile Nicodeme JLaissier est tres bien traduit 
“dompter, rabattre”. 


Que Rome plus ne se revele, 
Et qu’ele est si fort abaissie 
Et si vencue et si plaissie 
Que Romain sont mis en prison, 
Robert le Diable, v. 1434, 


„. 


traduit “dompter, maltraiter”; sens propre “abattre, abaisser”. 


Entor lor vile ont la terre cerchiee, 
Trovent la rote des nobiles eschieles 
Et l’erbe fresche contre terre Slesiee, 
Et les espices folees et marchiees, v. 2493. 


Le dernier ex. qui est puise dans la Mort Aymeri de Narbonne, €d. 
J. Couraye du Parc, Paris 1884, est traduit “&craser”; sens propre 
“abattre”. — Aux ex. suivants de l’Zstoire de la guerre sainle par 
Ambroise, G. Paris traduit Zarssıer par “dompter, accabler, ruiner”: 


Por els destorber e Zlaisier, v. 2235. 


Mais co l’aveit mort e Dleisid 
Que tuit li suen l’orent laissie, v. 2031. 


Sor noz conreiz tant s’espresserent 
Que par un poi que nes Dlaiserent, v. 6294. 


Le vb. signifie au neutre “s’abattre” aux ex. suivants: 


Et maint postiau de sainte Yglise, 
Dont li uns dLesse et l’autres brise, 
Rutebuef, ed. Kressner, p. 73, v. 69, 
traduit au gloss. *se rompt”. 


Cil de Gadres se tienent qu’il ne voelent Zlaister, 
Roman d’Alixandre p.ı58, v. 14, 


traduit au gloss. “plier, courber, renverser”, seng secondaire. 
Le sens “meurtrir” revient au fig. dans Robert le Diable. Robert 
se confesse au pape: 


Robers, qui mollie ot la fache 

Des lermes qui del ceur li naissent, 

Qui les ieus et le vis li DLaissent, 

Li recrie merchi sovent 

Des mals c’ot fait en son jovent, v. 624. 


Dans ces deux ex. nous retrouvons le sens “pousser quelqu’un 
a faire quelque chose’”: 


A ce ne me porroit Zlaissier 

Nus, que ce me sanlast droiture 

Qu’uns hom peüst s’engenreüre 

Espouser selonc nostre loy, La Manekine v. 550. 


528 GUNNAR TILANDER, 


Mes cuers niicıt ja a chou Daissids 
Pour nului que prenge mon pere, ib. 570. 


Aux ex. suivants de so Hlaıssier adhere le sens de “s’abattre, s’abaisser”: 
Ahi! se m’i fusse Dlessie 
Vers lui de parole ou de fez, Lai de l’ombre v. 594, 


traduit librement “ceder”, 

Que cascuns se devroit Slaissier 

Et travillier et cors et cuer 

A chou que il vigne en haut fuer, Fehan et Blonde 6134. 
Cf. au neutre: 

Et quant sens voit que li rois Dlaisse 

Vers amours et lui entrelaisse (“quitte“), 

Dolans du roi se departi, La Manekine 491. 


4. Verbes compos£&s de Pplaissier. 


Plaissier a forme quelques verbes composes: 
Desor le pavement est chascuns aplarsıez, St. Alexis 751. 


Ma grant espee Loberenge, 
Qui tanz orguilz apla:sse e venge, 
Ducs Normandie 11, 18508. 


Godefroy traduit “ployer, courber, dompter”; le sens est “abattre, 
abaisser”. — Le vb. emplessier se rencontre une seule fois dans 
Sie Thais, les gens ne veulent pas laisser le monde et leur vie 
joyeuse: 

Ja por gou ne s’enplesseront 

Ne mal a faire n’en lairont. 


Godefroy traduit “se detourner, changer de vie”; le sens propre 
est ici “s’abaisser, s’humilier, se dompter”; cf. l’ex. de Jehan e 
Blonde, cite en haut, — ZAeplessier enfin se rencontre dans les 
Contredictg de Songecreux, &d. 1330, fol. 120: 

Fortune est trop a tel malhbeur maistresse, 

Car comme el veult l’honneur tourne et redlesse. 


Replessier est traduit par Godefroy “faire plier en divers sens”; 
ici aussi on pourrait traduire “rabattre, rabaisser”. — Zispleiser de 
Chaitivel dans Godefroy est une faute de lecture pour espliter; 
voir Die Lais der Marie de France, ed. K. Warnke, Bibl. Norm. 3, 
3. Auflage, p. 174, vers 62. 
De plaissizr existe, A ce qu’il semble, un adj. verbal Alasse: 
Ih ne seit qu’ilh puist faire, si at Je cuer tout ZDlasse. 
"Li chasteals est detruis qui gisoit tuis en masse, 
Geste de Lidge, Gloss. de Scheler, 23918. 


Cf. P’expression frequente Plaissier le cuer. Plasseis pour plaisseis se 

. ’ 
rencontre assez souvent. Scheler traduit dJasse “perplexe, embarrasse", 
sens propre “abattu”. 


LE SENS EI L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 529 


5. Le sens et l’emploi de pJarsseis et des autres derives 
du radical plarss-. 


Godefroy donne plusieurs ex. de Plaisseis et’de Plarssıe quiil 
traduit ainsi: “clöture, enclos, soit parc ou for&t, form& de haies 
pliees, entrelac&es; portion de for&t ferm&e par une clöture de bois 
vif dont les branches s’entrelagaient; jardin entour& de claies, fort 
palissade; et aussi terres enferm&es dans l’enceinte d’une clöture; 
maison de campagne, maison de plaisance, propriete ou ilya des 
parcs.” Cette traduction a &te puisee dans Du Cange oü Lleisseicium 
est ainsi defini: “Gall. Pleissis, Domus suburbana, Maison de plaisır, 
a placendo dicta, inquit Camdenus in Britan. in Trinobantibus. 
Alii Sylvulam, seu Zarcum undique clausum esse contendunt. Josephus 
Scaliger, Plessis sepem esse ait seu p/rcationem ligni, ita ut Pleis- 
sicıum sit locus, palis seu virgulis implexis conclusus, vel certe 
domus rustica, aut praedium, in quo sunt parci: nam Plaissier, 
nostris est plectere ........ constat vocem Pleissis apud nos 
semper sumtam pro Zarcıs, seu silvis sepibus clausis” — On voit 
combien Du Cange e£tait incertain sur le vrai sens de Plaisseis, 
mais il a voulu, & tout prix, le ramener & plectere. Plaisseiz et 
plaissi€ s’appliquent aussi bien & une haie vive qu’& une haie faite 
de pieux, palissade. “Palissade” est Evidemment le sens des mots 
toutes les fois qu’ils se rapportent & une fortification: 


Pres de l’angarde, delez le Zleseis, 
Voit tante ansaigne de vert paile o de bis, 
Narbonnais v. 5894. 
traduit par Suchier au gloss. “palissade”. 


Vint au castel ou Renart ere: 
Et vit molt fort le Plasseis, 
Les murs, les tors, les rolleis, Renart I], 1623. 


Molt le manachent tuit et jurent 
Que nel puet garir Plasseis, 
Mur ne fosse ne rolleiz, ib. I, 1577. 


Dans Mayer-Lambert et Brandin, Gloss. hebreu-fr. du XIIIe siecle, 
on trouve les formes suivantes de plaisseis au sens de "forteresse”: 
pleseiz 92: 36, playsis 64: 55, 183: 91. De m&me: 

De Malpertus son fort Dlaissıd 

S’en est issu le col baisie, Aenart IX, 1067. 


Dans les Gloses de Raschi, Revue des &tudes juives 54, p. 14, 
15, 18, 21, on rencontre plaisseis sous plusieurs formes au sens de 
“clairiere, endroit oüı les arbres sont enleves”. 
Du sens “haie, clöture” plaisseis en est tout naturellement venu 
A signifier “terre ou plantation d’arbres entouree d’une haie vive 
ou morte, jardin, parc; bois”: 
Se dex me doinst plent& de meures 
En mon Zlaissid por more fere, Renart IX, 946. 
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVIl. 34 


530 GUNNAR TILANDER, 


Ven&s o mei en cel defois 
EI Zlaissid Guillaume Bacon, ib. XII, 131. 


«e Parmi un 2Dlesseis de saus 
S’en vet Renart tout eslessi@ ... 
Dedenz cel plesseiz avoit 
Un Zarc qui noviaus i estoit, ib. XVII, 20.. 


Par desus un pont torneiz 

Descendent en un Zlaisseiz 

De menuz arbres e de gros, 

D’une grant ewe fu enclos, Yderroman v. 6158. 


Ne me sont pas ocheson de chanter 
Pr& ne vergier, Dleseis ne buisson, 
Ä Gace Brul€ XIX, ı/2. 


Par dedefors Virson avoit un Zaseis, 
Qui estoit plantez d’antes et d’oliviers floris, 
Orson de Beauvais 1145; 


la traduction “fortification forme&e de palissades” que G. Paris donne 
du dernier vers est mal & propos; il s’agit d’un jardin ou d’un parc. 
Dans lex. suivant de /Zstorre de la guerre sainte par Ambroise, ed. 
G. Paris, Sessciz au fig. a le sens de *bois”, quoique l’editeur, 
copiant Godefroy, traduise “clöture de branches entrelac&es”. — 
Les Chretiens sont attaqu&s par l’arm&e de Saladin. Les Turcs qui 
marchaient sur eux £&taient en tres grand nombre: 


La iert des Turs entasseiz 
Plus espes que un Zlesseiz, v. 6364. 


Ch. drwel *bois” employ& d’une maniere analogue dans cet ex.: 


Mult par avoit li dux grant druel 
De boine gent, fiere et hardie, 
Guill. de Palerne, €d. Michelant, v. 1845. 


Bien souvent le sens du mot est insaisissable, sourtout dans 
les expressions tr&s fr&quentes au moyen äge sos meltre, ferir, entrer, 
aller au plaisseis; icı le sens du mot doit &tre *bois, for&t”, moins 
probablement *clairiere”: 


A tout s’en va tout eslessie 
Et se feri en un Zessid, Renart XVII, 1092. 


Ja ot erre et foui tant 
Qu’el Plessid se fu embatu, ib. XVII, 1107. 


Si se ferent enz el AJazsss, 
Loing del castel desos la vile, ib. XII, 160. 


N’est pas remes li chaceiz 

Qu’il sont tuit troi ou Zlaiseis. ib. V, 1147: 188. 
Bruns oi bien qu’il est traiz. 

Renart s’en fuit au Zlesaiz, ib. V, 1147: 80. 


LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 531 


Et Brun saut sus par l’uis overt. 
Maugr£ trestoz ses anemis 
Se mist li ors ou Llaisois, ib, V, 1147: 174. 


Des prez antrent an un Pleissid 
Et truevent un chemin ferre&, Karrenrilter 606. 


Ses chevaus met an un Pleissie, 
Ses atache et lie mout fort, Yvain 2984. 


Si la manroit vers un Dleissid 
La ou ele l’avoit leissie, ib. 4975. 


Adonc a sa regne tournee 
Renart au travers d’un Zlessid, Renart XVI, 1167. 


La fr&quence des expressions aller, soi ferir es plaisseis pourrait 
faire croire A la formation d’un vb. Hazssoser: 


Se nous jusc’a cel pont nous poiens Zlaisoier, 
Nous ne les douterons valissant II deniers, 
Fierabras 3606. 


Godefroy traduit “aller par un chemin detourne@”; le sens serait plutöt 
“aller par un plaisseis”, mais la meilleure trad. est ici “faire son 
chemin en se battant”. 
A un endroit de Robert le Diable, plaissid est traduit au gloss. 
“haie”: 
Car bien set qu’il furent laissie (: li chevalier) 
Par l’enpereor el Dlaissiö, v. 3446. 


D est cependant dit quelques vers plus haut que les chevaliers 
furent laisses dans un dreulg (v. 341455.). Plaissi® est donc ici 
“bois, foret”. 

Remarquons enfin le nom propre Grimout del Plaisseiz, Ducs de 
Normandie 3637, 3773, 4219. 

A cöte de plaisseis, plaissiE on rencontre aussi la forme Zlaissier, 
dont Godefroy offre 3 ex. sous le vb. Haissier. Un autre ex. se 
trouve dans Aenart: 


Vit les jelines el Dussier (“clos”), 
Si conmenca a baellier, Renart \V,659H. 


Dans Godefroy on trouve aussi Plasssee, 2 ex., et Plaisse “haie, 
terrain entour& de haies, clos”, 5 ex. Kenart offre un autre ex. 
de plaisse (“clos”): 

Ainz ot escrit en espetesce: 
Desoz cest arbre, en ceste Zesce 
Gist Copee la sor Pintein, Renart I, 425 0. 


Godefroy connait aussi un sb. Aars quil traduit “haie faite de 
branches entrelace&es”. Pla:s indique collectivement les pieux dont 
se compose une clöture. Cela ressort clairement du premier ex.: 


34* 


532 GUNNAR TILANDER. 


Les supplians demanderent pourquoy ilz copoient et rompoient le 
plaiz de leur clos. Cf. le passage suivant de Montaiglon, Zabliaux: 


Et cil s’en vont isnelement 

Tot droitement a un Zalız 

Ou il avoit granz Zeus faitiz: 

Chascuns a le sien esrachie, V, 235. 


6. Le radical flarss- en provengal. 


Plusieurs de ces mots se retrouvent en provengal: Hais “Hecke” 
(Levy), “haie, haie vive, clöture, s@paration de deux proprietes rurales 
faites avec des Epines ou autres arbustes” (Mistral). — Plaisa “lieu 
entour& de haies” (Levy). — Plaisada = plaisee Godefroy “clos, 
parc ferme de haies” (Levy). Zeissado nom de lieu en P£rigord 
(Mistral). — Plaisat “Hecke” (Levy). — Plaisaditz “Hecke” (Levy). — 
Playssadene *haie” Raynouard 4, 550. — Playssar vb. (Raynouard, 
Levy); voir p. 536. 


7. Formes latinisees des derives de plaiss- dans 
Du Cange. 


Les mots au radical Plarss-, pleiss- se retrouvent aussi sous 
plusieurs formes latinisees dans Du Cange qui, croyant y voir le 
latin plectere, plexus, s’acharne & traduire “locus palis vel virgulis 
implexis conclusus”: 

Plaisaitium, plaissictum *locus palis seu virgulis implexis con- 
clusus, vel silva sepibus clausa”, Sleissericrum *gall. pleissis”, Sasseiatum, 
plexicium, plaxılium “sepes ex virgulis implexis confecta, vel locus 
ejusmodi sepe clausus”: Saisivit H/axziıum, quod olim nobis vendiderat. 
Ex quibus scilicet arpennis unus est Plaxılium, in quo domus habetur 
una. Apud curcellas una (masura) habetur cum Aaxitio et cumbris, 
quae sunt in flumine Ledi. Dedit ecclesiam cum toto Plaxitio in 
circuito ecclesiae sito. — Les mots cites ci-dessus semblent &tre 
des formes latinisees de Plaisseis. 

Plessatum signifie “locus sepibus conclusus” quoique Du Cange 
hesite: Dederunt etiam ... plessalum forestarum, et molendina, et 
stagnum; Plaxelum, Plasseitum: Si aliquod animal de parrochia 
Mailliaci, a tauris fugatum vel a muscis coactum, forestam de 
Fretoy, sive haiam, sive Plasseilum, quod est juxta pargum Mailliaci, 
intraverit, 1229; Plasselum, Plsseium *sepes ex virgulis implexis”: 
et dlesseiorum et fossatorum clausura; Plessetum “villa, sic dicta a 
sepibus quibus clauditur”. Ces derniers mots repr&sentent, & ce 
qu’il semble, HLazssi latinise. 

Plessitia, traduit *virgula, virgultum”; le sens est “haie vive”: 
Boscho autem praedicto utentur iidem Tironenses, praeter defensa 
scilicet et haias de ZLessitia, ad calefaciendum (il faut interpreter 
ainsi), ZPlassearium: concessi etiam dictis monachis B. Christofori 
in omnibus nemoribus meis boscum mortuum, exceptis plassearits 


LE SENS ET L’/ORIGINE DE V. FR, PLAISSIER, PLAISSEIS. 533 


Castricanini, plenarium usuarium ad furnum suum, 1222. Plassearium 
blessilia sont les formes latinisees de plaissier, plaissle)iz. Plessa 
“parcus, seu locus palis vel virgulis implexis conclusus”: Sesses ad 
animalia silvestria capienda, 1263; plaissia *sepes”. DPilesse et 
plaissia representent plaisse latinise. 

Plesseia “locus vel silva sepibus clausa”: ad Pesseiam mona- 
chorum dictorum. Zlesseia parait Etre le m&me mot que Plaissee. 

Plassagium *parcus, seu locus palis vel virgulis implexis con- 
clusus”: Item tenet domum suam cum suis pertinentiis et Dassagiis 
sitis in monte Alodio, 1353. Zlessiacum “*locus vel silva sepibus 
clausa”: Nec porci Roberti in sepibus monachorum, nec porci 
hominum monachorum in jLessiaco Roberti habebant pastionem, 
Plessiacum doit &tre plutöt & lire pLessialum; plassagium semble 
supposer une forme *plaissage; cf. plessure en bas. 

Plassonus “ager ramalibus salicum, Plangons dictis, consitus, 
vel salicetum”: Juxta Plassonum prati dicti (1472), signifie plutöt 
“haie” et parait representer pazsson + plaiss-. 


8. Le radical p/arss- dans les dialectes modernes. 


Les mots discutes en haut se rencontrent encore dans plusieurs 
dialectes: Zlessis s.m. “haie, clöture faite avec des haies” Favre, 


Gloss. du Poitou. — Eveille, Gloss. saintongeais, fait remarquer que 
Plassac, Plassay sont des noms de localites, et Plssis un nom 
d’hommes et de localites. — Zlesse “branche & moitie coup&e et 


que l’on garnit de terre pour faire Epaisser une haie, ou boucher 
une breche”. AVesser “entrelacer des branches pour faire une 
clöture”. Plessis s. m., Plesse s. f. “clöture faite de branches entre- 
lacees, bois taillis, for&t”, Du Bois, Gloss. du palois normand. — “Le 
plessis Etait une portion de for&t ferm&e par une clöture de bois 
vif, dont les branches s’entrelassaient” Delisle, Condition de la classe 
agricole en Normandie au moyen äge, p. 346.:— Plessure “clöture 
en branchages autour d’une cour, d’un jardin”, Verrier et Onillon, 
Gloss. de !’ Anjou, Suppl. — Zlesser “faire ou r&parer une plesse”, Mon- 
tesson, Voc. du Haut-Maine. — Plesse s.f. *boistaillis, for&t”. Plesser v.a. 
“plier, courber; du latin plectere. Dans l’arrondissement de Mortagne, 
il signifie garnir une haie de branches couchees et coupees aux 
trois quarts; c’est ainsi sans doute que l’on plantait autrefois les bois 
taillis” Dumeril, Diet. du patois norm. — Plessis *vient de plexus 
et signifie proprement branches entrelacees et servant de clöture. 
Par metonymie on lui a donne& le sens de propriete close, et plus 
particulierement celui de parc ou de bois entoure de haies. Plesser 
“entrelacer, par suite faire ou reparer une haie”, Prevost, Diet. du 
patois norm. — FPleissiei v. a. “entrelacer des branches d’arbres en 
pesant dessus pour les faire entrer dans la terre, d’oü elles res- 
sortiront pour former une haie vive. Radical plectere “plier, entre- 
lacer”, Fleury, Zssai sur le palois norm. de la Hague. — En bas de 
son art. Haissier Godefroy rappelle plusieurs formes dialectales du 


334 GUNNARK TILANDER, 


vb. C£. Zlessis m. “The plashing of trees; the plaiting, or foulding 
of their tender branches, one within the other; also, a hedge, or 
walke of plashed trees, etc.” Plesser “To plash; to bow, fould, 
or plait young branches, one within another; also, to thicken a 
hedge, or cover a walke, by plashing” Cotgrave. 


9. Comment les haies mortes et les haies vives se 
construisent-ellesP Le developpement de sens “abatire 
> plier” se fonde sur une base concre£te. 


Plaissier, plaisseis et les autres derives du radical Hazss- s’appli- 
quent, nous l’avons vu, tout aussi bien aux haies vives qu’aux haies 
mortes. Les haies mortes qu’on appelait aussi Aourdeis, rolleiz ou 
paliz, consistent en pieux enfonces (Parssiis) en terre. Parfois 
on se gamissait d’une double rangee de haies, dont l’une e£tait 
une haie vive, l’autre une palisade, ce qui ressort de deux endroits 


de Renart: 
Et li sires Constans des Noes, 


Un vilain qui moult ert garmis, 
32 Manoit moult pres du Slesseis ... 
45 Li courtilz estoit bien enclos 
De ficx de chesne agus et gros. 
47 Hourdes estoit d’aubes espines ... 
Tout coiement le col bessie 
52 S’en vint (Renart) tout droit vers le Dessie. 


Renart veut sauter dessus, 


Mais la force des espinars 
54 Li destourne si son affaire... 
Ou retour de la sosf choisist 
72 Un pel froissid: dedenz se mist ... 
Entre deus Zzex souz la raiere 
83 S’estoit traiz en une poudriere, Renart 11. 


Renart s’approche de la maison d’un paysan: 
1078 De loing le vilein espia 
Qui delez son Zlessid estoit: 
Une viez soif i redregoit. 
1081 Vers la Aaie Renart s’eslcsse ... 
Sa harpe et sa coingnie prist (le paysau) 
Dont aguisie avoit ses Zeus. 
1090 Pres de la %Aaie ert li osteux 
Qui de la kaie estoit aceins, Renart IX. 


Au ms. I on trouve une miniature representant le paysan en train 
d’enfoncer en terre les pieux de sa “soif”. 

Les haies vives sont generalement, par des raisons pratiques, 
faites de buissons d’epines (Renart II, 32ss.), de saules ou de 
peupliers: 


LE SENS ET L’/ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 535 


Parmi un Blesseis de saus 

S’en vet Renart tout eslessie, ... 

Dedenz cel plesseis avoit 

Un parc qui noviaus i estoit, KRenart XNII, 20. 


Les buissons d’epines forment une defense plus efficace que les 
autres gräce & leurs Epines, mais le saule et le peuplier ont l’avantage 
de pousser tr&s vite et de devenir plus &pais, gräce au fait qu’ils 
se laissent facilement entrelacer. Ce sont aussi les arbrisseaux qui 
se laissent planter le plus facilement. Les buissons d’epines se 
plantent en boutant ou enfoncant, nombre de petites plantes du 
buisson en terre. Les saules, les peupliers, les ormeaux se plantent 
d’une maniere beaucoup plus simple et beaucoup plus pratique. 
On coupe des branches de la longueur d’une aune ou d’une demi- 
aune environ et les boute, enfonce en terre apr&s les avoir aiguisees 
pour mieux les faire entrer en terre. Ces boutures prennent racines 
sous terre. En les plantant en lignes doubles et en les entre- 
lacant on aura une haie &paisse et bien fournie. En Normandie 
on appelle ces boutures Aaryon, plantard “branche de saule ou de 
quelque autre arbre vivace que l’on met en terre et qui repousse” 
Prevost, Diet. du patois normand. Voir sur l’'habitude de faire des 
haies de saules, peupliers, ormeaux, etc., en les plantant de cette 
maniere, M. Donald, Complete Dichonary of practical gardening, London 
1807 ; C.P. Thunberg, Om häckars plantering till levande gärdesgärdar 
(Sur la plantation des haies vives), Upsala 1820, p. 9; Lindgren, 
Trädgärdsbok, Stockholm 1879, p. 78; C.]J. Ackermann, Praktisk 
avhandlıng om vilda träds säning och plantering, Stockholm 1807, 
p. 98ss.; The Standard Ciyclopedia of Horticulture, New York 1922, 
3051; Noisette, Manuel complet du jardinage p. 176. 


On peut planter le saule, le peuplier et d’autres arbres par des 
marcottes qu’on fait prendre racine sans les detacher de la plante 
mere. On rabaisse une branche et l’enfonce, Paisse, en terre oü 
la marcotte prend racine. Quand les racines se sont bien develop- 
pees, on detache la branche de la plante mere en la coupant. 
Les boutures obtenues ainsi sont ensuite plantees en lignes et 
entrelac&es pour former des haies. Voir sur la maniere de planter 
par des marcottes les ouvrages cites en haut, surtout Lindgren, 
Trädgärdsbok p.78 et encore Handbok i svensk Irädgärdsskötsel (Manuel 
d’horticulture su&doise), Stockholm 1877, I, 53. C’est evidemment 
cette maniere de planter par des marcottes qu’indiquent Fleury et 
Dumeril disant: Pleissier v. a. “entrelacer des branches d’arbres en 
pesant dessus pour les faire entrer dans la terre, d’oü elles res- 
sortiront pour former une haie vive” Fleury; Psser “garnir une 
haie de branches couch&es et coupees aux trois quarts; c’est ainsi 
sans doute que !’on plantait autrefois les bois taillis” Dumeril. Cf. 
les definitions suivantes chez Moisy, Gloss. comparatif anglo-normand: 
Plesse “branche d’une haie, depassant de beaucoup le niveau voulu, 
que l’on rabat obliquement vers la haie, a laquclle on l’assujetit 


536 GUNNAK TILANDEK, 


au moyen d’un lien, afın de rendre la clöture plus solide. Lorsque 
la branche est trop solide pour ä@tre ainsi inclinee, on y fait une 
legere section, qui permet d’en faire la flexion”. Plesser “entrelacer 
les branches des plantes (gerieralement ce sont des &pines) disposees 
en ligne, pour former une haie. Du lat. plectere”. — Dans l’anc. 
dial. norm., ce vb. a deux acceptions, l’une propre, l’autre fig.: Au 
propre il signifie “plier, pour les entrelacer, sur une ligne continue, 
les branches d’un bois et les maintenir entrelacees au moyen de liens 
de maniere & former un obstacle, soit enceinte, soit retranchement”; 
au fig. Hlaisser se dit pour “abaisser, soumetire, dompter”. — On 
voit que ces lexicographes ne se sont pas fait une idee bien nette 
sur le sens de flaisser et de ses derives. Ils avaient une conception 
incomplete et peu exacte de la plantation par des marcottes. Leurs 
definitions ne s’appliquent guere qu’ä la r&paration, pas ä la con- 
struction d’une haie. Mais il est Evident que l’emploi de ces mots 
pour indiquer la r&eparation d’une haie prevaut dans les regions oü 
ils vivent encore. 


10. Le verbe flaissar en provengal. 


Ceest ä la plantation par des boutures ou des marcottes que se 
rapporte le vb. prov. plaissar dans le seul ex. qu’en cite Raynouard: 
Selh que per sos peccatz riga 
Sos huelbs ploran, planta e Pluyssa, 
Don melhor frug que d’avayssa 
N’aura lay on fis gaugz canta. 


Le vb. est employe ici dans un sens fig.; les vers font allusion au 
repentir et ä la contrition, lesquels, plantes et Haisses dans l’äme 
et arroses par les pleurs, produiront de beaux fruits dans l’autre 
vie; la traduction de M. Anglade, citee par Levy, “plante et garnit 
d’arbres un champ d’oü” est donc ici bien pres de la verite. — 
Levy donne encore un ex. de prov. daissar, lequel il ne comprend 
pas: Item plus fem manaobra ... per lo dara/ que pleysabam de 
la tor de Peyragort entro la tor de Roquat. Pour comprendre le 
passage rappelons-nous que Plaisseiz se rapporte parfois a un terrain 
enclos d’eau: Plaissictum suum et motam et sedem molendini et 
totam terram quae est intra fossatum quod cingit ipsum plaissicium, 
et exit a capite Plaissicii et pergit in Coldreiam, Du Cange sous 
plaisaitium. 

Par desus un pont torneiz 

Descendent en un Zlatsserz 

De menuz arbres e de gros, 

D’une grant ewe fu enclos, Yderroman v. 6158. 


Or barat a en prov. entre autres le sens de “fosse, petite digue 
faite avec la terre sortie d’un fosse” Mistral sous darat, valat. L’ex- 
pression plaissar un barat “faire un fosse ou une digue” est formee 
en second lieu, le vb. Aazssar se rapportant d’abord aux haies, 
puis aussi aux fosses, ä l’aide desquels on fait enclore un terrain. 


LE SENS ET L’ORIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEIS. 537 


ı1. Les derives de p/aiss- s’appliquent maintenant surtout 
ä la reparation des haies. PJaisser en anglais. 


I ressort de la discussion prec&dente qu’il entre plusieurs actions 
differentes dans la plantation d’une haie vive: l’enfoncement et 
l’entrelacement pour les boutures; le repliement des branches, leur 
enfoncement en terre, leur entrelacement pour les marcottes. Ces 
trois diflerentes actions se refletent dans les definitions, bien souvent 
vagues et peu precises, que donnent les lexicographes du vb. Slaissier 
et de ses derives. Au cours des siecles ces mots ont de plus en 
plus souvent et& rapportes aux haies vives par le simple fait que 
les haies mortes &taient devenues de plus en plus rares en France. 
En m&me temps que la terre cultivee augmentait et empietait sur 
le terrain des vieilles for&ts, on s’est vu forc& de faire les clötures 
de haies vives, de m&öme qu’on ne pouvait plus faire les maisons 
de bois. Ce fait explique qu’au XVI* siecie dejä les mots Daisser, 
plaisseis s’appliquaient seulement aux haies vives (Cotgrave) et sur- 
tout & la r&paration (l’entrelacement) des haies, moins souvent & la 
construction de nouvelles haies. Sur le sens *entrelacer” de plaissier 
se fonde aussi le derive Daissorr, plessoir “instrument pour entrelacer 
les joncs dont on fait les paniers” de l’an ı600, Amiens, dans 
Godefroy. C’est aussi surtout avec rapport aux haies vives que 
plaissier survit en anglais sous la forme Juash defini ainsi par le 
New English Dict.: “to bend down and interweave (stems half cut 
through, branches and twigs) so as to form them into a hedge or 
fence; to bend down, break down (trees, bushes, or plants) for 
other purposes; to make, dress, or renew (a hedge) by cutting the 
stems partly through, bending them down and interlacing stems, 
branches, and twigs, so as to form a close low fence, which will 
in time grow in height.” Le sens originaire “*battre” se reflete 
cependant encore en angl. “break down: abattre” parlant d’arbres 
et de buissons. 


ı2. Resume du developpement du sens des derives 
du radical f/arss-. 


Resumons maintenant, pour ce qui conceme le developpement 
de sens de plaissier, les resultats acquis. Plaissier qui signifiait & 
l’origine “battre” generalement en est venu ä exprimer plutöt le 
resultat de laction de battre “abaisser, dompter, abattre, plier, 
courber”; cf. sued. kuva & l’origine “battre”, aujourd’hui “abaisser, 
dompter, courber”. Le vb. Haissier a ete de bonne heure rapporte 
a l’enfoncement des pieux qu’on boute en terre pour en faire une 
clöture; cf. lat. palo, paxillus, v. fr. paissel, paisson “pieu” du radical 
pag- de pangere, & l’origine donc “ce qu’on a enfonce en terre”. 
Dans le langage de l’agriculture et du jardinage le vb. Aaissier a 
subi le m&me developpement de sens “battre > rabaisser > replier”, 
et c’est au dernier sens seulement qu’il survit dans les dialectes 
francais oü il se trouve. Se rapportant aux pieux, le vb. a ete 


538 GUNNAR TILANDER, 


ermploy& pour indiquer l’enfoncement des plantes ou des boutures en 
terre; Dlaissier a fini par signifier surtout “le rabaissement et l’entre- 
lacement des boutures et des marcottes”, et dans les parlers, oü 
plaisser et ses derives survivent, ils s’appliquent surtout ä la re- 
paration, moins souvent, & ce qu’il semble, A la construction d’une 
haie. Il parait bien probable que dans le sens “plier, entrelacer” 
pleissier a subi linfluence du vb. Zleier > plicare, dont quelques 
derives se rapportaient aux haies.. Dans Godefroy on trouve les 
mots suivant: P/or “clöture forme&e de branches pliees et entrelacees” 
1 ex.; ploie 2 ex., Plaie ı ex. au mä&me sens; loch “plessis, clöture 
en branches entrelac&es” 2ex. A propos du dernier mot Godefroy 
rappelle nivern. S/ayıs du m&me sens. FPloeis se rencontre aux v. 438, 
2647, 11721, ploiöig au v.9545 des Merveilles Rigomer, ed. Förster, 
au sens “claie, branches entrelac&es pour former une clöture”. C'est 
le m&me mot que Pladj. S/ozeis dont Godefroy donne plusieur ex., 
et remonte & *plicaticius. Cet adj. se rencontre aussi dans le 
Roman de la Rose avec rapport & une clöture: Et li portiers les 
murs hordoient De fors cloies refuseices Tyssues de verges pleices, 
Rose 16008 Meon. Cf. dans Du Cange flectare “plectere, virgultis 
implexis locum claudere” ı ex. et Slecticium “locus palis vel virgulis 
implexis conclusus” ı ex.i 

Le developpement de sens de pLaisseis est parallele & celui 
du vb. Dlarssier. Le sens originaire se reflete fid&lement dans plazsseis 
“clairiere, endroit oü les arbres ont &t& enleves”, & l’origine donc 
“P’endroit ot l’on a abattu les arbres”. Le sens “haie morte” 
s’explique par le fait qu’une clöture consiste en des pieux qu’on 
abat, enfonce, laisse en terre. Les haies vives sont plantees par 
des boutures ou des marcottes qu’on abat, enfonce, plaisse en terre. 
Les marcottes sont repliees et, apr&s leur plantation, entrelacees, 
d’oü le sens “haie faite de branches pliees et entrelacees” du 
sb. Haisseis. 


ı3. L’etymologie du radical fla:iss-. 


Maintenant que nous avons trace !’histoire du vb. Haissier et 
de ses derives, essayons d’en e£tablir ’&tymologie. Comme il s’agit 
de termes ruraux, on a le droit de supposer que nous avons affaire 
a un radical bien ancien. Les mots paxiıllus, palus, v. fr. paissel, 
paisson “pieu” derivent, nous l’avons vu, du radical pag- de pangere 
“battre”. Le latin avait un autre vb. pour “battre”, A savoir Slangere. 
Ce vb. s’est d’assez bonne heure, c’est vrai, developpe au sens de 


I L’anglais a h&ite du v. fr. un autre vb., synonyme de flash, A savoir 
pleach que le New English Dict. tire du v. fr. Dlechier, forme dialectal de 
Plaissier. Sous Plaissier Godefroy donne ZDlechier pour la Bourgogne; cf. 
Pplechier v.a, *plisser’”’ Metivier, Dick. de Guernesey et Plecher, pleger “ployer, 
plier” Favre, Gloss. du Poitou. Vu la repartition de plöcher, Pleger j’ai de 
la difficulte A y voir une forme dialectale de Dluissier. Plöcher peut remonter 
ä *plecticare. Mais du moment que plectere n’a pas subsiste en Gaule, 
il est preferable de supposer un *plicicare, fait sur plicare. 


LE SENS ET L’URIGINE DE V. FR. PLAISSIER, PLAISSEiSs. 539 


“se battre de deuil, se plaindre”, mais plusieurs ex. du sens primitif 
“battre” sont donnes par Forcellini. Dans flangere Vinfixe n du 
present s’est propag& aussi dans les autres themes du vb. Hanıı, 
planctum. A l’origine on a eu cependant *daxr, *plactum, comme 
dans fingo, finxi < *fixi, ficlum, Pingo, Pinxi < *pixi, pichum, stringo, 
sirinxı < *strixı, sirıchum, plus tard *sfrinctum, jungo, junxi, junchum, 
a l’origine *uaxz, *juctum; voir Sommer, ZZandbuch der lat. Laul- 
und Formenlehre, 8 83: 6, et E. Wahlgren, Z/ude sur ks aclions ana- 
logiques reciproques du parfait et du participe passd, Upsal 192C, p. 25. 
M. Wahlgren fait remarquer ä la p.5ss. que dans le latin classique 
des participes en -sus se trouvaient bien souvent & cöte des parti- 
cipes en -tus: angere, anxi, anxus et anclus; farcire, farsi, farsus 
et farctus; figere, fıxi, fixus et ficlus;, fluere, fluxı, fluxus er fluclus; 
tergere, lersi, tersus et tertus, torquere, lorsi, lorsus et lortus, etc. 
etc. M. Wahlgren continue a la p.6: “Plusieurs de ces ptc. nou- 
veaux en -sus remontent aux temps les plus recules du latin Ecrit, 
m&me & l’epoque pre£historique de la langue, tandis que d’autres 
au contraire, comme anxus, farsus, fulsus, indulsus, tersus, lorsus, etc., 
sont beaucoup plus r&ecents et appartiennent sans doute & la langue 
populaire. Il parait aussi que dans les verbes qui ont, au ptc. 
passe, les deux formes, celle de -tus et celle de -sus, une certaine 
hesitation a eu lieu entre les deux. Quelquefois, et assez souvent, 
la premiere est de beaucoup la plus usitee, quelquefois la forme 
en -sus prevaut. Quelques-uns des ptc. originaires en -tus ont 
aussi &t& continues, & cöte des formes concurrentes, dans les langues 
romanes, oü ils fonctionnent, soit comme participes, soit comme 
substantifs ou adjectifs.” 

Supposons donc & cötE de *plactus, forme primitive de 
planctus, un participe *plaxus dans la vieille latinite. La faculte 
du latin de faire de nouveaux verbes sur les participes est bien 
connue. La formation *plaxare sur *plaxus est donc toute 
naturellee Or ce vb. *plaxare “battre”, ayant vecu dans le latin 
populaire, a &te transmis en Gaule par les colons avec le vb, du 
m&me radical plagare. Plagare a, on le sait, donn& 2daier; 
*nlaxare de sa part aboutit regulierement A Hlaissier. 

Le subst. Slais remonte directement au participe *plaxum. 
I ressort d’un des ex. dans Godefroy que ars signifiait *pieu”: 
le as de leur cloture. Plaisse repr&sente le pluriel du neutre 
*nlaxa et signifie comme Zlars “ce qu’on a enfonce en terre, pieu, 
clöture de pieux mis en terre”. Zlais et plaisse peuvent cependant 
aussi &tre des substantifs verbaux de /laissier. Plaissier *clö- 
ture” remonte& *plaxarius, Dlarsseis A *plaxaticius, Plaissce A 
*plaxata. FPlesseur Du Cange est le nomen agens du vb. 

Je prevois qu’on va m’objecter: mais ce radical *plax-, pour- 
quoi se serait-il r&pandu en Gaule seulement et non autre part? 
Quiconque veut se donner la peine de parcourir Meyer-L.übke, 
Wörterbuch verra qu’il arrive assez frequemment qu’un radical a 
ete transfere dans une seule region de la Romania. — D’autres 


540 G.TILANDER, LE SENS EI L’OKIGINE LE V. FR. PLAISSIEK, PLAISSEIS 


diront: mais cette derivation exige qu’on remonte trop haut daıs 
la latinite. J’admets que c’est un faible de mon etymo:ogie qre 
le radical *plax- n’a jamais ete releve dans la litterature latine. 
Mais tous les mots ne peuvent pas @tre releves dans la Lttieratere, 
et quand il s’agit d’un mot populaire ou agricole qui n’a peut-£tre 
eteE conserve que dans une scule petite region d’oü peuvent &tre 
sortis grand nombre de colons qui se sont eEtablis en Gaule, cela 
n’est pas de nature & surprendre 1. 


GUNNAR TILANDER. 


I Recemment M. Brüch, ZRPh. 46, 453. a expliqu& Aais par *plaxem 
tire de complexum d’apres le modele de factum—confectum; cette 
etymologie ne rend pas compte du sens orig. *battre” de Pdasssier. 


Der historisch-genetische Gesichtspunkt bei Anordnung 
der Bedeutungen in französischen Wörterbüchern. 


Von dem Augenblick an, wo romanische Sprachgeschichte 
und Semasiologie einigermalsen vorgeschritten waren, mufs man 
an romanische bzw. französische Wörterbücher die Forderung stellen, 
dals sie die Bedeutungen der Wörter so gut als möglich in 
historisch- genetischer Ordnung aufführen. Auch derjenige, der 
ein Wörterbuch für praktische Zwecke anwendet, hat in einer 
methodischen Ordnung für Verständnis und Gedächtnis eine wert- 
volle Stütze. 

Als die Academie Francaise ihr Wörterbuch zum erstenmal 
herausgab, lag eine solche Grundanschauung noch fern, und sie 
entschied sich ganz natürlich nach damaligen Verhältnissen, die 
Bedeutungen in der Ordnung aufzuführen, in der sie gewöhnlich 
sind. Diese Ordnung hat sie immer beibehalten, und auch neuere, 
im übrigen sehr verdienstvolle französische Wörterbücher haben 
das Beispiel der Akademie befolgt, z. B. die beiden Larousse, und 
auch das ausgezeichnete Wörterbuch Sachs-Villattes. 

Mit dieser Methode, wenn es eine ist, brach Littre, der in 
der Preface seines Wörterbuches sagt: „La filiation des sens est 
une operation difficile, mais n&cessaire pour la connaissance du 
mot, pour l’enchainement de son histoire, surtout pour la logique 
generale qui, ennemie des incoherences, est deconcertee par les 
brusques sauts des acceptions et par leurs caprices inexpliques.“ 
Trotz dem, was Littre auf diesem Gebiete geleistet, blieb jedoch 
viel übrig zu tun, und gerade dies war es, was den Philosophen 
Adolphe Hatzfeld vermochte, den Plan zu einem neuen franzö- 
sischen Wörterbuch zu entwerfen. So entstand das Dictionnaire 
General (D. G.). 

Unter den Verdiensten dieses Wörterbuches findet man also 
als dominierend die Darstellung der Bedeutungsentwicklung nach 
historisch-genetischen Gesichtspunkten. Aber natürlich ist damit 
das letzte Wort in diesem Kapitel noch nicht gesagt. Ein weites 
Feld für neue Erwägungen und für Berichtigungen steht noch 
offen, und darauf hinzuweisen ist eben der Zweck dieser Zeilen. 
Es ist überflüssig zu erinnern, dafs Gaston Paris in ausgezeichneten 
Artikeln die Verdienste und Schwächen des D. G. hervorgehoben 


542 JOHAN VISING, 


hat; jedermann hat diese Artikel gelesen (vgl. Gaston Paris, Me- 
langes Linguistiques S. 353 fl.). 


* * 
%* 


ı. Wenn es sich darum handelt, eine erste grundlegende 
französische bzw. romanische Bedeutung festzustellen, greift man 
ja natürlich zuerst auf das Lateinische zurück, und in den meisten 
Fällen wiederholt sich im Französischen die lateinische Bedeutungs- 
entwicklung, oder vielmehr diese wird nur fortgesetzt. So z.B. in 
homo > homme, lat. wie frz. zuerst Mensch, dann Mann (Gegensatz 
mulier femme), dann Fuisvolk usw. Aber oft ist eine sekundäre 
lat. Bedeutung als auf französischem Boden ursprünglich anzusehen. 
So hat dilurium im Lat. zuerst Wasserflut bedeutet, z. B. Diluvia 
Rheni (Plinius bei Forcellini), dann die mythologische Grofs- 
flut. Diese zweite Bedeutung hat sich ins Französische durch die 
Bibel gerettet und ist im Mittelalter gewöhnlich. Daraus haben 
sich später neue Bedeutungen entwickelt, z. B. un döluge de pluie. 
So stellt auch D. G. die Sache dar, während Littr& die Bedeutung 
tr&s-grande inondation obenan stellt und als Nr. 2° le deluge 
universel. Ein ähnliches Verhältnis bieten die Bedeutungen von 
dispenser, wie man aus der Introduktion des D.G. sehen kann. 
Auch hier weicht Littre ab. 


2. Oft ist es schwer auszumachen, welche lat. Bedeutung von 
mehren auf romanischem oder französischem Boden als die erste 
anzusetzen ist. Das lat. fortare hatte, offenbar seiner Etymologie 
gemäls, als erste Bedeutung die von befördern, tragen, führen 
usw. (Georges), dann die von sustinere (und diese besonders 
figürlich). Es entspricht also d. /ragen, wovon H. Paul (D. Wb). 
sagt: „Ursprünglich wurde es wohl nur von lebenden Wesen 
gebraucht und so, dals die Vorstellung einer Bewegung ein- 
geschlossen ist... Die Vorstellung der Bewegung kann schwinden: 
eine Säule, die das Dach trägt.“ 

Diese letzte Bedeutung, die von sustinere, wird nun sowohl 
von Littre als vom D. G. als die ursprüngliche angesetzt. Ich 
bezweifle, dafs dies richtig ist. In den älteren romanischen Litera- 
turen scheinen die beiden Bedeutungen etwa gleich häufig zu sein; 
ich erinnere nur an Alexis: a Rome les portel li orez 39e, und 
helme e brunie porter 83a und daran, dafs in Dantes Komödie 
portar ebensooft sostenere als trasportare bedeutet. Vom frz. 
porleur, das ja in alter wie neuer Zeit fast ausschlielslich trans- 
porteur bedeutet, ist kaum etwas zu schliefsen, da die Bedeutung 
von supporteur geringe Anwendung finden konnte und das Wort 
übrigens ziemlich unvolkstümlich war. Aber was von Belang ist, 
das ist die Natürlichkeit des Überganges /ransporter > swpporter, 
während ein entgegengesetzter Übergang wenig natürlich erscheint. 
Auch haben wir zuerst die Analogie vom deutschen /ragen (s. oben), 
weiter die vom engl. carry, die von /ewvare im Rum, Sp. und Port. 


DER HIST.-GENET. GESICHTSPUNKT IN FRANZ. WÖRTERRÜCHERN. 543 


(vgl. Meyer-Lübke, REW. und das Wb. der spanischen Akademie: 
llevar ı, trasportar ... 8, Traer fuesto el vestido) und schlielslich 
auch die Analogie vom germ. deran, engl. bear, schwed. dära, lat. 
ferre (mit Perf. zul, das zu follere gehört), gr. p&peıw. Für ferre 
gibt Georges als erste Bedeutung an: „ı. im allgemeinen etwas 
Tragbares tragen, tragend bringen“, mit Beispielen wie lecica ferri 
per oppidum, und vom schwed. bära gibt Östergren (Nusv. Ordbok) 
zuerst bära elt dbrev Hill posten (einen Brief an die Post tragen) und 
Söderwall (Ordbok): 2. bära, föra, frambära (d. h. führen, 
bringen) ..., 3. bära, halla uppe (d.h. tragen, stützen). 

Dagegen haben ienere, sustinere, supporlare u.ä. keine Bedeutung, 
die Bewegung enthielte, entwickelt. 

In dem Malse nun, wie im Französischen apporter, emporter 
die Bedeutung von tragen mit Bewegung übernahmen, wurde 
die Bedeutung tragen ohne Bewegung in forter üblicher. 

3. In einigen Fällen ist es sicher, dals D. G. bei Ansetzung 
einer ursprünglich französischen Bedeutung, die nicht die lateinische 
ist, fehlgegangen ist. Dies ist z. B. der Fall mit jowir, das D. G. 
unter ı° definiert „Goüter un plaisir extreme dans la possession 
de gaqch.“, woraus die absolute Bedeutung (genie/sen, zufrieden 
sein) sich entwickelt hätte. Dies ist eine Invertierung der lat. 
Verhältnisse. Gaudere bedeutete in erster Linie und in den meisten 
Fällen froh sein, und diese Bedeutung ist in den älteren fran- 
zösischen, provenzalischen und italienischen Literaturen ebenso 
gewöhnlich als die Bedeutung genielsen von. Sie kommt ja 
noch immer vor: Littr& gibt das Beispiel Z/ es/ riche, mais il ne 
saıt pas jowir. Richtig gibt auch Petröcchi als erste Bedeutung an: 
„Godere si contrappone a Sentir dolore e a Dolersi“, mit dem 
Beispiel Anno stentalo lanto, ora gödono. Diese Bedeutung liegt 
auch vor in der gewöhnlichen transitiven Anwendung im Afız. 
und Prov. froh machen, willkommen heilsen, z.B. Troie 4827 
Son füs Paris aime e joist, 11732 Quant asses ot joi Paris usw.; 
für prov. Beispiele s. Levy. Sie ist auch von der Bedeutung der 
adjektivisch gebrauchten Participia jo (Tobler, V.B. I?, 155; Levy, 
B. de Ventadorn, ed. Appel 40, 9), joiant froh, gestützt, sowie vom 
Subst. jose. 

Noch in aller Kürze ein paar Beispiele von unrichtiger An- 
setzung der ursprünglichen Bedeutung. 

Für carreau gibt D.G. an „I. Figure carree ou rectangulaire. 
Etoffe & carreaux“, II. Objet dont la surface est carr&e ou rect- 
angulaire.“ Damit wird angedeutet, dals die beiden Bedeutungen 
ebenso ursprünglich sind. Dem ist indes kaum so. In den älteren 
romanischen Literaturen haben die Fortsetzer des vlat. guadrellus 
entschieden die letztere Bedeutung, s. Godefroy, Levy und vgl. 
Meyer-Lübke, REW. unter guadrus. Davon sind die übrigen Be- 
deutungen des Wortes hergeleitet. Daher hat auch Littre richtig 
als hergeleitete achte Bedeutung „Dessein en forme de carreau. 
Etoffe & carreaux. 


544 J. VISING, DER HIST.-GEN. GESICHTSPUNKT IN FRZ. WÖRTERBÜCH. 


Für refrer gibt D.G. an „l. Tirer hors d’un lieu.“ „I. Tirer 
en arriere.“ Das Wort ist verhältnismälsig jung, wenigstens hat 
man es nicht vor dem 14. Jh. belegt. Es hat das schwindende 
relraire ersetzt. Aber reiraire bedeutete in erster Linie tirer en 
arriere, wie das Etymon refrahere. Littre gibt für refirer an „ı° Tirer 
de nouveau (was selten und wenig populär ist). 2° Tirer & soi, tirer 
en arriere. 3° Faire aller en arriere, faire reculer ... 5° Oter 
une chose, une personne de l’endroit oü elle est“, usw. Dies ist 
ohne Zweifel das Richtige und stimmt mit dem, was wir von den 
re-Komposita wissen. Vgl. die Abhandlung von Max Meinicke, 
Das Prafix Re- im Französischen (1904), wo die Bedeutung ab- 
nehmen, wegnehmen in rehrer als eine aus der Bedeutung 
zurücknehmen hergeleitete vorkommt (S. 84). 

4. Die Gruppierung der hergeleiteten Bedeutungen in D. G. 
veranlafst auch bisweilen Bemerkungen. So z. B. unter partır, wo 
die Bedeutung, die in fartır d’un principe vorliegt, aus der Bedcu- 
tung &maner hergeleitet wird. Das kann nicht richtig sein und 
findet sich nicht in Littre. 

Zum Schlufs eine scherzhafte Kleinigkeit. Littre und D.G. 
glauben, dafs jole d croguer bedeutet „so niedlich dafs man (sie) 
malen (krokieren) möchte“. Sicher unrichtig. Man sagt ja nicht 
z. B. fleur jolie d croguer u. dgl. m. Das Richtige findet sich in der 
Übersetzung Sachs-Villattes „zum Anbeifsen schön“. So übersetzte 
schon 1841 der schwedische Lexikograph A.F. Dalin. Übrigens 
sagt man im Schwedischen „niedlich, so dafs man (sie) speisen 
möchte*. 

Ein grofses Arbeitsfeld liegt hier für die Romanisten offen. 
Auch auf germanistischem Gebiete wäre die Semasiologie der 
Wörterbücher manchmal zu berichtigen. Indes haben Wörter- 
bücher wie diejenigen von Grimm, von Murray und H. Paul, sowie 
die noch nicht abgeschlossenen grolsen holländischen, dänischen 
und schwedischen (der Akademie) Ausgezeichnetes getan. 


JoHnan Viısınc. 


Proben 
aus den 
Obros et Rimos provvenssalos 
des 
Loys de la Bellaudiero, 


Der provenzalische Renaissancedichter Louys Bellaud de la 
Bellaudiero gehört zu den Männern, welche allerorten mit den 
höchsten Lobsprüchen bedacht werden und deren Werke am 
wenigsten bekannt sind. Man nennt ihn den Erneuerer der pro- 
venzalischen Dichtung, den provenzalischen Malherbe, man kennt 
auch den Titel seiner Gedichtsammlung, aber diese selbst ist schwer 
zu erreichen, da sie seit den ersten Drucken (1595— 1597) nicht 
wieder neu aufgelegt worden ist und die Exemplare der alten 
Drucke auf den Bibliotheken nicht allzuhäufig sind — selbst die 
Nationalbibliothek in Paris besitzt nur ein unvollständiges Exemplar 
— und sich zum Teil noch in Privatbesitz befinden. Die wenigen, 
in verschiedenen Veröffentlichungen — von Mary-Lafon, Noulet, 
Augustin Fabre, Marieton, Paul Romans u. a. — gelegentlich mit- 
geteilten Gedichte genügen dem Leser nicht, um sich aus eigener 
Kenntnis eine ungefähre Vorstellung von der dichterischen Eigenart 
des „provenzalischen Malherbe“ zu machen. 

Der Vergleich mit Francois de Malherbe ist sehr äufserlich. 
Dieser hat Dichtersprache und Versbau einer längst vorhandenen 
und reich gepflegten Dichtung zu reinigen und zu verfeinern gesucht. 
Bellaund de la Bellaudiero hat die Mundart seiner Heimat als 
Dichtersprache zu Ehren gebracht, hat dadurch die Sprache des 
im Mittelalter literarisch bedeutenden Südens aus ihrer Vergessenheit 
wieder in die Literatur eingeführt und ihre Eignung für dichte- 
rischen Ausdruck glänzend erwiesen. Er hat schöpferisch gewirkt 
und bleibt für lange Zeit das leuchtende Vorbild seiner dichtenden 
Landsleute. Er hat auch das wenige, was vor ihm in dieser Zeit 
des Wiederaufblühens provenzalischer Sprache und Dichtung geleistet 
worden war, überstrahlt: die von den Basochiens von Aix gedich- 
‚teten Chansons nouvelles en lengaige provensal (Cansons dau 
carrateyron, zwischen 1518 und 1531, wahrscheinlich zu Lyon, 
gedruckt), die Maygra enirepriza catolıqui imperaloris des 1544 in 
Saint-Remy verstorbenen Richters Antonius Arena, die gas- 
cognischen Dichtungen des Pey de Garros (Psalmes de David 
virat en rimes gascounes, Tholosa 1565 — Poesies gascounes, 

Zeitschr. 1. rom, Pbil. XLVIL. 35 


546 KARL VORETZSCH, 


Tholosa 1567). Der grolse Toulousaner Goudouli gehört mit 
seinen Dichtungen schon in das folgende Jahrhundert; er war erst 
9 Jahre alt, als Bellaud starb. Augie Gaillard, der ‚roudie de 
Rabastens en Albigez‘, der seit 1583 seine Dichtungen (Odros 1583, 
häufig neuaufgelegt, Amours 1592, Kecommandations al Rey 1592) 
veröffentlicht hat, Robert de Ruffi (Coumplainto historico su la 
pesto de 1580), B. Zerbin und andere! sind jüngere Zeitgenossen 
unseres Dichters. 

Persönliche Bekanntschaft, ja Freundschaft hat Bellaud mit 
Malherbe unterhalten, da beide in Diensten des 1586 ermordeten 
Heinrich von Angoul&me, Gouverneurs der Provence, standen. 
Mehrere Sonette in seinen ‚Passa-tens‘ legen Zeugnis von seinem 
freundschaftlichen Verhältnis zu Malherbe ab. An eine Beein- 
flussung des älteren, provenzalischen Dichters, der seine meisten 
Dichtungen im Gefängnis 1572/73 verfalst hatte, durch den jüngeren, 
noch unfertigen und mit sich ringenden Normannen ist nicht zu 
denken. Bellaud, der im November 1588, „le cinquante sixiesme 
de son aage“, starb, ist 1532, spätestens 1533 geboren, Malherbe 
erst 1555.2 

In Bellauds Leben ist vieles dunkel. In Grasse, also in der 
östlichen Provence, geboren, kam er mit seinem Vater frühzeitig 
nach Aix, studierte hier Jus, begann seine juristische Laufbahn als 
Anwaltsschreiber, gab sie aber aus unbekannten Gründen auf. 
Später finden wir ihn im Heeresdienst. Zweck und Ziel der Reise 
über See, welche er nach Sonett I im Jahre 1572, um die Zeit 
der Bartholomäusnacht, mit einigen Gefährten unternehmen wollte, 
kennen wir nicht. Die Ursache seiner IQmonatigen Untersuchungs- 
haft gesteht er uns nicht, er beteuert nur seine Unschuld. 

Die im ‚premier Livre de la frison de Bellau‘ vereinigten 
Dichtungen (163 Sonette und einige grölsere Gedichte) hat er im 
Gefängnis verfalst (das letzte, nach der Befreiung gedichtete Sonett 
— unten Il ı5 — ist in die Zahl 163 nicht mit eingerechnet). 
Aber nicht erst die Gefangenschaft hat ihn zum Dichter gemacht. 
Seine Zeitgenossen bezeugen es (vgl. ‚Eloge‘ unten I 2), dafs er 
schon früh und viel gedichtet hat, und ebenso er selbst (unten II 4): 


My siou vist autrofes non passar la journado, 
Sensso faire Sounetz ou ben quauque cansson. 


1 Über den von Guillaume Salluste du Bartas zu Ehren der Marguerite 
de Valois 1579 gedichteten Trialog in drei Sprachen — Lateinisch, Französisch, 
Gascognisch — siche J.-B. Noulet, Essai sur l’histoire litieraire des patois 
du midi de la France aux XVlIe et XVIlIe siecles, Paris 1859, S. 3fl. (Text 
S.6—8). Die das Latein und das Französisch vertretenden beiden Nymphen' 
lassen der gascognisch redenden Nymphe den Vortritt. — Ebenda, S. ı3fl. 
über das zeitgeschichtliche Gedicht des Kanonikus Blouin von Gaillac. 

2 Über die zeitgenössische franz. Literatur in der Provence vgl. Edouard 
Aude, La poesie en Provence au temps de Malherbe in Cahiers d’Aix-en-Prov., 
Cah. d’hiver 1923/24, auch als Extrait (behandelt Cesar de Notredame, Jean 
de la Cep&de, Jehan Nicolas Garnier). 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 547 


Verloren wie diese älteren sind auch seine letzten Gedichte, die 
er in seinem Geburtsort Grasse verfalst hat, wo er vorübergehend 
weilte und im November 1588 starb. Aber sein ‚Premier livre‘, 
sein „Don-don infernal‘ (das als ‚second livre de sa prison‘ gelten 
kann) und die in den ‚Passa-tens‘ vereinten Gedichte hatte er 
seinem Oheim Pierre Paul in Marseille, Kriegsmann und Dichter, 
druckfertig hinterlassen (vom ‚Don-don‘ war schon zu seinen Leb- 
zeiten, zwischen 1584 und 1586, eine — heute verschollene — 
Ausgabe erschienen, eine zweite erschien in seinem Todesjahr. 1 

Pierre Paul hat in der Ausgabe von 1595 alle noch vor- 
handenen Gedichte Bellauds vereinigt und seine eigenen Gedichte 
unter dem bescheidenen Titel ‚Barbouillado e phantazies‘ angefügt. 
Der Band enthält somit (nach Titel, Bellauds Bild und den 
Widmungsversen): 


L 46 Seiten Gedichte und Prosastücke von verschiedenen 
Verfassern in lateinischer, provenzalischer, französischer, 
italienischer und spanischer Sprache (S. 3—48, darunter 
am ausführlichsten, auf ıg Seiten, mit breiten Ausführungen 
über die Dichtung überhaupt, Cesar de Nostredame). 

I. Das ‚Premier Livre de la prison de Bellaud‘, S. 49 —152. 

UI. Das ‚Don-don infernal‘, S. 153—18o. 

IV. ‚Zous Passatens‘ (nebst Inhaltsverzeichnis des Ganzen, 
Wiederholung des Porträts und einigen kleinen Beigaben), 
S. 1— 130. 

V. Die ‚Barbouillado et phantasıes journalidros‘ von Pierre Paul, 
S. 1-68. 


Vorbereitung und Schicksale der Ausgabe, die eng mit den poli- 
tischen Wirren der Zeit verknüpft sind, hat J. T. Bory in seinem 
Buch ‚Les origines de l’imprimerie & Marseille‘ eingehend ge- 
schildert. Bellauds ‚Obros e Rimos‘ sind das älteste Buch, das in 
Marseille gedruckt wurde. Der von der katholischen Liga ein- 
gesetzte erste Konsul Charles de Casaux machte sich besonders 
um das Zustandekommen der Ausgabe verdient. Auf seine Ver- 
anlassung richtete der Buchhändler Pierre Mascaron in Marseille 
eine Druckerei ein. Etwa im März 1595 begann der Druck, 
20. Oktober desselben Jahres war er vollendet. Das Titelblatt der 
Obros Et Rimos trug das Wappen von Marseille und die Widmung 
an die verdienten Gönner: ‚Dedicados as vertvovzes, et gene- 
rovzes seignours, Lovys d’Aix, & Charles de Casavlx, viguier, 
& premier Conssou, capitanis de duos Galeros, & Gouuernadours 
de l’antiquo Cioutat de Marseillo.‘* Bald darauf wurde die 
Herrschaft der Liga durch die Partei der ‚Bigarrats‘ gestürzt. 
Mascaron selbst mufste fliehen. Daher fehlen auf den Titeln der 
späteren Auflagen (z. T. nur Titelauflagen) die Widmungen. Eine 


! Ein neuer Einzeldruck wurde 1602 von Jan Tholozan in Aix ver- 
anstaltet; ein letzter, 1694 von E. David in Aix, ist nicht erhalten. 
3 Vgl. das beigefügte Faksimile. 


35* 


548 KARL VORETZSCH, 


OBROS EI 


RIMOS PRO V- 
VENSSALOS, DE LOYS 
DE La BELLAVOIERO, 
Gentilhomme Prow 
uenilav. 


REVIOVDADOS PER PIERRE 
Pavı, Escvvan DE MARSEILLO. 


DpeEDICAPOS, 


45 VERTVOVZES, ET GENEROYZES 
Sugsurn LOVIS D’AIX» @ CHARLES 
DECASAYLX,Viyıer, © premier Lonfo, 
Capivanıs de duos Galeros, 9 Gonnernadours del anıi- 
quo fisusaı de Marfallo. 


A MARSEILLE, 
Pın Pıraas Mascanom 
Au permujfon defdizs Seigneu!s- 
1595 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS, 549 


zweite Ausgabe von 13595 zeigt an Stelle des Wappens von Marseille 
ein Wappen mit der Figur der Justitia, die Ausgabe von 1596 das 
königliche Lilienwappen und französischen Titel, die von 1597 
einen Kopf mit Helmzier (rechts und links davon ein Engel). 

Benutzt habe ich das Exemplar der ältesten Ausgabe, das der 
Bibliothek des Mus&e Calvet in Avignon gehört, und ein auf 
der Bibliotheque Me&janes in Aix befindiiches Exemplar der 
zweiten Ausgabe von 1595, daneben ein dem Conservateur dieser 
Bibliothek, Herrn Edouard Aude, gehöriges Exemplar, dessen 
Zugehörigkeit nicht erkennbar ist, da die ersten Blätter nebst Titel- 
blatt fehlen. Den beteiligten Bibliotheksleitungen, sowie Herrn 
Aude persönlich spreche ich für ihr Entgegenkommen meinen ver- 
bindlichsten Dank aus. 

Ich habe gelegentlich eines neuerlichen Aufenthalts in der Pro- 
vence soviel aus dem ersten Teil der ‚Obros et rimos‘ von Bellaud 
de la Bellaudiero kopiert, als mir nötig schien, um eine ungefähre 
Vorstellung von seiner Dichtung nach Gedankeninhalt und |lite- 
rarischer Kunst zu geben. Als Ergänzung dazu biete ich einige 
Proben aus den vorausgeschickten Huldigungen, aus denen wir 
einen Eindruck von der damaligen literarischen Wirkung Bellauds 
erhalten. Einige kritische Bemerkungen zu den Texten aus Bellauds 
Dichtungen sollen den Beschlufs bilden. 


Vgl. über Bellaud: Mary-Lafon, Tableau hist. et litt. de la langue parlee 
dans le midi de la France, Paris 1842, S. 137f. (1 Sonnet), 254f. (Biblio- 
graphie). — J. T. Bory, Les origines de l’imprimerie ä Marseille. Recherches 
historiques et bibliographiques, Marseille 1858, S. gfl. — J.-B. Noulet, Essai 
sur l’histoire litt. des patois du midi de la France aux XVlI et XVIIe siecles, 
Paris 1859, S. ı8—26 (mit Proben). — Augustin Fabre, Louis Bellaud de la 
Bellaudidre, po&te provencal du XVIe si&cle. Etude historique et litteraire. 
Marseille 1861. — Paul Marieton, Eloge de B.d.1.B., Revue Felibr&eenne 
7 (1891) 296 ff. La bibliographie de la Bellauditre, Rev. Fel. 9 (1893) 236 fl. — 
Robert Reboul, Notice sur le po@te B.d.1. B., Rev. FEl. 9, 30fl. — Fred, 
Perrole, La famille de B. d.1.B., Rev. F&l. 9, 38ff. — Pau Roman, Lou Gai- 
Sabe. Antoulogio Prouvengalo, ı° annado, Avignoun 1905, S. 55 ff. (S. 60—67 
und ebenso 2° annado, 1906, S. 68—69 Texte, in normalisierter Umschrift). 


I. 


Bellauds Zeitgenossen über seine Dichtung. 


Aus der grolsen Zahl der den Werken des Dichters voraus- 
geschickten Urteile und Lobgedichte gebe ich zunächst das zum 
Kopfbild des Dichters gehörige neunzeilige Gedicht (das sogenannte 
»Sonett“) von Pierre Paul. Das in Prosa geschriebene ‚Eloge‘ 
eines Unbekannten (Mascaron?) ist als Quelle wichtig: es bietet 
Nachrichten über das Leben des Dichters und sein Äufseres, sowie 
Urteile über seine Persönlichkeit. Die ‚Ode‘ von Marseille d’Alto- 
witis ist bemerkenswert, weil sie die enge Zusammengehörigkeit von 


550 KARL VORETZSCH, 


Bellaud und Pierre Paul dichterisch verherrlicht. Die Verfasserin, 
eine Verwandte des ersten Konsuls Ch. de Casaux, war damals 
ı8 Jahre alt. Das ‚Sirventesg‘ des Ungenannten zeigt, dafs neben 
den neumodischen Gattungen und Namen — Sonett, Ode — auch 
solche der mittelalterlichen Literatur, wenn auch in starker Um- 
bildung (wohl durch die Jeux Floraux von Toulouse vermittelt) 
noch vorhanden waren. Das Gedicht gleicht der Gattung nach 
mehr einem mittelalterlichen ‚Planch‘, seinem Stil nach ist es 
Renaissancedichtung. Es feiert Bellaud vor allem als ‚chantre de 
Cupidon‘ und Pierre Paul als Erhalter seines Ruhmes. 


I. 


Auf der Rückseite des Titelblatts befindet sich das Kopfbild 
des Dichters in ovaler Umfassung mit der Umschrift: 


VERTV ME GUIDE HONNEVR ME SVIT, 


darunter die von Pierre Paul unterzeichneten Verse: 


VEISSY la vrayo pourtreturo 
DE LOVYS BELLAV, Pouäto jadis, 
Qu’en son viuent, toujours aui& Curo 
De seruir Diou, & sous amis: 
Si cent mil’ ans lou mounde duro, 
Sous carmes non saran pouiris: 
Car dauan que la Parquo duro, 
De son corps ayo prez mouturo, 
Lous a passas per lou tamis. 


2. 
ELOGE DE LOVYS 
DE BELAVD. 


OVYS de Belaud, fut natif de la ville de Grace ne de 

pere & mere nobles: d’vn esprit naturellement dispose 

& addonne ä& la poäsie, si onques en fust. La po&sie 

ettant de son essence mesmes (comme se peut recueillir 

par ses @uvres.) Et ce qui est vne chose admirable & presque 
incroyable, commenga de faire des vers en l’age de sept ans, 
& des Sonnets & dix. Qui toutesfois auec vne infinite 
ı0 d’autres ceuures se treuuent perdues: tellement que si le 
tout fust venu & profit, ce volume se seroit monte& & plus de 
vingt-cing mile vers. Au reste, bien qu’il n’eust faict estat 
des lettres, n’ayänt iamais veu liure Latin, ne regarde que 
de l’ceil seulement les Francois. 11 estoit si prompt & la la()) 


1. 2 Louys: einsilbig gemessen. — Bellav: Bellau und Belau sind die 
hier üblichen Namenformen, daneben Beäl)aud. — Poueto: zweisilbig ge 
messen. — 3 toujours: metrisch würde marseillisch sempre besser passen. — 
8—9 Bild vom Mahlen. Das Mahlgeld (mousuro) ist der Tod. 


15 


20 


25 


30 


35 


40 


45 


50 


95 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 551 


versification, que le plus graue & difficile Sonnet, ne l’a 
iamais occup& & la composition, que tant de temps qu’il luy 
en falloit pour P’escrire, ou le racompter. Son exercice apres 
celuy-lä estoit les armes, lesquelles il a suiuy, comme membre 
de quelque compagnie de pied ou de cheval durant tous les 
troubles, employant le temps qui couloit durant la surceanse des 
guerres: & estre en Court, ou en autres endroicts parmy ses 
amis, qui estoit la cresme & la quinte essence de tous ses 
plaisirs, Aussi estoit il si aduenant [S. 4] & agreable en 
compaignie, qu’vn chascun & l’enuy desiroit de l’atirer & 
soy, iamais aucun ne s’estant peu saouler de sa conuersation. 
Ayant ceste grace en luy, qu’aussi tost il recognoissoit & se 
conformoit & !’humeur d’vne personne, mesnageant si bien 
ses amitiez, que iamais ne donnoie subject d’importunite, & 
si supportoit modestement, & auec vne sage dissimulation 
les imperfections d’vn autre, ne scachant que vouloit dire 
courroux & inimitie. Il estoit de mediocre, mais fort pro- 
portionnee taille, patient ou trauail, & sur, (!) lequel les ennuis 
& fascheries, la peur & autres passions de l’ame, re&serue 
’amour, n’eurent iamais credit ne acces: perpetuellement 
constant & l’vne & l’autre fortune. Parloit de grand grace, 
& en bons termes: mettoit bien par escrit ayant la lettre 
passable: il estoit tres-adroict aux armes, dancoit, mignarde- 
ment, & ioüoit quelque peu des instrumens: Tout cela luy 
estant naturel sans aucun acquis ne artifice. Et si en ces 
mcoeurs particulieres il se fist autant aim& comme il faisoit, 
au(!) exercices de son esprit, sa memoire eust este de plus 
grande remarque, & plus prisee pendant sa vie: & il eust 
plus vescu pour le pais & pour ses amis qu'il n’a faict. 
Mais mesprisant philosophiquement les honneurs: biens mon- 
dains, & sa sante. Ne fu conneu et recherche des grands, 
que mal-gre luy: & se fia tant & sa disposition corporelle, 
que les exces faicts par compaignie auec ses amis, luy auan- 
cerent ses iours. Il fut neantmoins quelque temps de la 
maison de feu Monseigneur le grand Prieur de France, frere 
Henry, & bastard d’Angou[S. 5]lesme: ou la grand enuie 
d’aucuns trauerserent tousiours l’amitie que ledit feu Seigneur 
luy portoit: apres la mort duquel, delibera venir fondre, & se 
retirer auec le Sieur Capitaine Paul, & qui nous sommes 
tenus, de la veu& qu’avons de ses oeuures en ceste cite de 
Marseille, pour l’auoir trouuee de meilleur sejour qu’autre, 
ou il eust encores mis le pied: & iceluy Paul le plus digne 
amy qu’il eust iamais rencontre. Toutesfois quelques affaires 
d’aucuns siens parens l’ayant euoque en ladite ville de Grace, 
luy laissa ce quil auoit de ses escrits riere luy, qui estoit 
tout ce qu’il auoit de plus cher, & plus recommande en ce 
monde. Aduenant sa mort qui fut en l’an quatre vingst & 
huict, & du mois de Nouembre, le cinquante sixiesme de 


552 KARL VORETZSCH, 


son aage, ayant presage po&tiquement. Mais ses derniers vers 
faicts 1A dessus au grant interest de tous, ne furent recueillis par 
65 ceux qui Vassistoient. Les maux & malheurs qui ont depuis 
trauaille & rauage& ceste miserable France: Sur tout ceste pauure 
prouince: & en icelle, la dicte ville de Grace. (Seite 3—;5.) 


2. 
MARSEILLE DE 
ALTOVVITIS, AUX 
CEVVRES DE LOVYS 
de la Belaudiere. 


ODE. 


N’ n’aura dans le ciel partage, 
S’il n’a chante par !’vniuers, 
Le fare Fenix de nostre aage: 
Paul & Bellau vnis en vers. 
5 Mercuriens diserts Poätes, 
Enfans des neuf Muses cheris, 
je sacre aux Lauriers de voz testes 
Deux festons de Mirte fleuris. 
Atropos & voulu dissoudre, 
10 Un couple d’amis ni tres beau, 
Ayant mis Louis Belau en poudre: 
Sous le froict marbre d’vn tombeau. 
Mais dequoy luy sert son enuie, 
L’amour a dompte son effort, 
Car Paul luy redonne la vie, 
16 Maugre& le destin & le sort. 


Marseille de Altouuitis. 
(S. 33.) 
4. 
Sus Las Obros 
de Lovys de BeLavD 
messos en sa luzour, par Pierre Pau. 


Sirventesq. 


I Louras Nimphetos plouras 
Et vous ö troupo sagrado, 

Regretas & souspiras, 
La mouort que mouort a donado 
Au sagi fiou d’Apollon, 
Lou chantre de Cupidon. 

7 Siluains faunes barbut, 
Qu’abitas dins lou bouscagy, 


8. 3 Le fare Fenix: lies Ze far e Feniz. — ı1 Louis: vgl. oben 12. 
4. 7 Eıgänze et nach Sulvaıns. 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 553 


O vous Pam & Dious cornuts: 
Plouras la perdo & daumagy, 
Qu’a lou poble Prouuenssau, 
Aros qu’a perdut Belau. 
13 Un tems Bellau & cantat, 
laquelino sa mestresso, 
Tant qu’a rendut sa beoutat 
Eygallo A Venus deesso, 
Et puy lassat de languir, 
Au Ceou la vouguet seguyr. 
19 Vautres filhos das mondans 
Compagnos de laquellino, 
D’vn haut batement de mans, 
Enfonssas vostro peitrino, 
Et gitas des millo plours, 
Sus Belau & sas amours. 
25 (Lous Dious an vougut au Ceou, 
Ly donnar luego immortalo 
Coumo vn bel astre noueou) 
Et sa rimo Prouuenssalo, 
Eyssi veiren flourissent, 
Maugrat l’enueiouso dent: 
31 Car Apollon irritat, 
Contro L’achezis murtriero 
Pierre Pau & suscitat, 
Qu’embe sa liro gourriero, 
Fa voullar per l’vniuers, 
La Belaudiero et sous vers. 
37 O ben heurous Pierre Pau 
Quan la troupo Aganipido, 
Per far reuioure Bellau: 
La tiou museto an chausido, 
Sie per lou tems auenir, 
42 Tan renom censo finir. 
I. Poetiers. 


(S. 39.) 


I. 


Gedichte von Bellaud. 


Die folgende Auswahl soll aus dem ersten Teil der ‚Obros et 
rimos‘ möglichst charakteristische Proben geben, daher nicht nur 
Sonette (im ganzen ıı1), sondern auch eine Ode, eine Chanson, 
die Chancon follastre, und eine Complainte. Auch die Sonette 
sind nach Inhalt und Stimmung sehr verschieden. Die ersten 
sechs, welche den Nummern I—VI der Sammlung entsprechen, 
geben zunächst (I—IU) die äufsere Geschichte von Bellauds Ge- 


954 KARL VORETZSCH, 


fangennahme, dann zwei Klagelieder des Gefangenen (IV und V]), 
die durch eine Rückerinnerung an die festlichen Tage bei Herrn 
von Moullans voneinander getrennt werden (V). So wechseln 
auch weiterhin Klagen über die Gefangenschaft (wie Nr. 10) mit 
Liebesgedichten, in denen zuweilen nur der Eingang an die Ge- 
fangenschaft erinnert (wie Nr. 11) oder mit Gedichten, die eben- 
sogut in der Freiheit gedichtet sein könnten (wie Nr.9 und 12). 
Das letzte Sonett (Nr. 15) ist der Jubelschrei des Dichters über 
seine Freilassung. Von den übrigen Gedichten läfst sich die Ode 
über das Elend eines Gefangenen (Nr. 8) als ein ‚Don-don infernal‘ 
im Kleinen bezeichnen, die Chancon über die Grausamkeit seiner 
Herrin (Nr. 7) und die Complainte (Nr. 14) sind Klagen über un- 
glückliche Liebe, während die Chancon follastre, zunächst auf den- 
selben Ton gestimmt, mit der Hoffnung auf Sieg mit Hilfe des 
Gottes Amor endet. 

Mein Bestreben war, den literarhistorisch und typographisch 
so bedeutenden alten Druck möglichst genau wiederzugeben: also 
unter Beibehaltung der Orthographie, der Fehler in Worttrennung 
und Wörterverbindung, der überflüssigen oder fehlerhaften Apo- 
strophe (d’au — dau, s’ariou = sariou usw.), auch der willkürlichen 
Interpunktion, der irreführenden Kommata, die häufig (namentlich 
am Versende) eng zusammengehörige Satzteile, wie z. B. Verbum 
und Objekt, voneinander trennen. Wo es nötig schien, habe ich 
durch Erläuterung in den Anmerkungen nachgeholfen. Im übrigen 
ist das im III. Abschnitt gesagte zu vergleichen. 

Nicht nachgeahmt habe ich den Typenwechsel des alten 
Drucks. Im Anfang sind die Gedichte in Antiqua, dann in Kursiv 
gedruckt und weiterhin bald so, bald so, ohne erkennbare Regel. 
Hier waren augenscheinlich nur technische Gründe — Mangel an 
der nötigen Zahl von gleichartigen Typen — malsgebend. 


I. 


PRES auer roudat sept mez per lou terraire 
De Bordeaux & Pouictiers, en fin, mourian de fan: 
Esperant toutosfes d’au jour a l’endeman: 
De nous tous embarquar per nostre viagi fayre. 


5  Mays tanleou qu’a Paris fon acabat l’affaire, 
Dau jour sant Bourtoumiou venguet vn Pa ta tan 
Per fayre prouloungar lou viagi & vn’ autr’ an: 
Et cascun interin aneß’ ä& son repaire. 


1. 5-6 Komma nach affaire streichen, nach Bourtoumiou setzen. Ähnlich 
öfter, vgl. oben. — 6 Pa ta tan: bei Bellaud immer so, in drei Wörtern ge- 
druckt (vgl. unten 62). S. die verschiedenen Formen des Wortes in Mistrals 
Tresor unter datafa. Das Wort ist wohl, wie das entsprechende Verbum Jafa, 
durch Schallnachahmung entstanden, vgl. franz. Patatras. — 8 interin: = en- 
terin. — aneß’: anet? Noulet (S.19) interpretiert aness’, Mistral (Tresor 
unter enterin) anesse. 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS, 555 


9 So que fort gentioument feran tous en bon ourdre, 
Et commo gens de ben viuian sensso desourdre, 
Miracles ey soudars per non y estre jnclins. 


ı2 Mays lou diantre fet ben que passant per Chantello, 
Foury fach presonnier dessus mon haridello: 
Et puys de caut en caut menat drech & Moulins. 


(Sounet I, S. 49.) 


RIBAT en preson trouberan taullo messo, 

Et pron de bono arquins que sy voulien soupar 
Lousqua’lz tous d’vno voux m’aneron saludar, 
Et coumo tout nouueou my feron la caresso. 


5 You qu’aiou ja grauat dins mon couort la tristesso, 
Non pouguery jamays & inbe’llous m’allegrar, 
Mays foury pensatiou tout lou long d’an briffar, 
Plus qu’vn paure amouroux leissat de sa mestresso. 


9  Nou, ou dez jours apres, d’Esbierrous vn deluge, 
Vengueron en preson per my menar au luge: 
Diou sap, sy lou pendut & mas bestis parlet. 


ı2 Tout so que respondiou, vn leiron graffignauo, 
Souto vent de mon mau, lou bougre s’allegrauo, 
Sentent qu’el implevie d’argent lou bassaquet. 


(Sounet II, S. 49—-50.) 


3. 
Tous mous bons amis you vouoly fair’ entendre, 
D’au jourt, d’au mez, & l’an, qu’estent trop malheiroux 
Fouran coumo d’agneoux pres de la man das Loups, 
Sensso que n’agueran pouder de nos defendre. 


5 _Instament nous tenian lou vintiesme Nouuembre, 
Et d’au millesme, mil cing cens septante dous, 
Qu’ariberan eicy, non pas coumo d’espoux, 

Mais coumo vous dirias gens que lous menon pendre. 


9 So que: =gogue ‚das was‘, ‚was‘, auf V.8 bezogen. -— feran: 
marseillisch, älter avignonesisch ferian, 1. pl. praet., vgl. Abschnitt III. Sinn: 
„Was wir alle durchaus geziemend in guter Ordnung ausführten®. — ıı „Ein 


Wunder ist ein Soldat dadurch, dafs er nicht dazu (zu desourdre) geneigt ist“. — 
13 foury: Präteritum „ich war“, vgl. unten 83 fouran, dazu Abschnitt III. — 
14 de caut en caut: = ‚auf der Stelle, sofort‘, vgl. ital. caldo caldo = 
‚soeben entstanden — auf frischer Tat‘, 


2. 5 aiou: lies auzou. — & inbe’llons: Bedeutung? emb2 lous (loup 
= homme rapace)? Vgl. 833 u.938 — 7an: für un? — 12 leiron: auch 
89, 4ıı u.ö., sonst Äron -oun, lire „Rellmaus, Siebenschläfer‘ (Sprichwort: 
gras coume un lire), — ‚Faulpelz'. — 13 souto vent: ‚unter dem Wind‘ 


— ‚heimlich‘? 


556 


9 


12 


12 


KARL VORETZSCH, 


Ben cent leirons d’Arciers, cing queran nous griperon, 
Puis dauant vn Rousseou de luge nous meneron, 
Louqu’al noumavon tous lou Vice senescau. 


Qu’enclaure nous faguet dins vni tourr’ oscuro, 
Et de n’autres gleinet, l’espasv, la centuro, 
Argent, & fournimens, arquebusto & pougnau. 


(Sounet III, S. 50.) 


4. 

Y siou vist autrofes non passar la journado, 
Sensso faire Sounetz, ou ben qu’auque cansson, 
Tant auiou A mon dam, lou Bourniachou garsson, 
Grauat au fons d’au couor per amar Vourounado, 


Mays aro s’es passat quatre mez de l’annado, 
Fugent lou rimassar cent fes, mays que pouison 
Per my veire transsir paurament en preson, 
Vivent sensso soulas coum’ vn armo daunado. 


Semblo que mon serueou siege plen de sonnaillos 
Per auzir lou gros brut de claux contre sarraillos, 
Et menar pauro gent dauant vng fier leiron, 


Luöctenent de Minos que cent tourmens fa faire, 
Et ly virant lous bras desiro lous soustraire 
Per lous mandar passar la barquo de Caron. 


(Sounet IV, S. 50—51.) 


5 
E Diou, quand my veiray soult’ aquello ramado, 
Que Moussur de Moullans fet faire ’autre Estiou, 
Per & sa compagnie espeillar lou couniou, 
Ou lanco de Cabrit, ou la perdrix lardado. 


Puis venent lou goustar vno fresco sallado, 
Au vinaigre rousat, d’au millour d’au barriou. 
My semblo que sarie vn passatens de Diou, 
Non pas patir eicy a la desesperado. 


9 Car (Moussur de Moulans) & mays ma Dameisello, 
M’amon, coumo dirias, vn de lour parentello, 
Testimony lou ben que m’an fach & long tens, 

8. 9Ycing .... griperon: gueran nous cing griperon. — 10 luge: 
lies juge. 


4. 3 Bourniachou: dourniacho, bourgnas, borny (unten 712 u0) 
franz. dorgne. — 13 soustraire: hier ‚ablenken auf den falschen Weg bringen. 
5. 3 espeillar: ‚die Haut abziehen‘ (*exgelliare) scheint bier die Be- 
deutung ‘herrichten, vorsetzen‘ zu haben. — 4 lanco: Z’anco ‚Keule‘. — 
6 barriou:; neuprov. barrieu, zu barıl. — 10 M’amon coumo, dirias, IR «'' 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 557 


ı2 Dont pregay ben & Diou, lour donnar longo vido, 
En creissent son houstau, son ben, & sa bastido, 
A tous-tens & jamais de mill’ & millo bens. 


(Sounet V, S. 51.) 


6. 


Ausiray jou iamays qu’auquo bono nouuello 

Non veiray jou iamays venir vn Pa ta tan, 
Espressament vers jou fouorsso letros en man, 
Per resiouyr vn pau ma troublado ceruello. 


5 Cent fes amariou mays estre dins la Rouchello 
Ou ben gardar d’auquetz aupres de Monthauban, 
Ou menar vn gros hours per tout pais vn an, 
Qu’auzir incessament deicy la campanello. 


9  Quand vous aurias d’argent la pleno gibassiero, 
Impoussible s’arie de faire bono chiero, 
Vesent tant de tourmens que fa fayre Minos. 


ı2 Loug’ual & tout prepaux r’assemblo sa troupeto, 
Et dirias qu’an troubat vn ferre d’aguilleto, 
Quand fan d’vn prisonnier lou douze d’as Tarotz. 


(Sounet VI, S. 51— 52.) 


7- 
CHANCON, DE LA CRVAVTE 
DE MA MAISTESSO. 


I. 


ı [ AS tous les jours d’vno ingrato m’y plagny, Bis 
Vesen son hueil estre trop rigouroux, 

Contro de my pauret son amouroux. 

4 Souspirs & plours &s la Mar vont’ my bagny, 
Et lou lanssou que deourrie m’eissugar, 
Es vno mouort que my fa consumar. 

7 Loutout my ven per ta facio poulido, 
Auer trop vist, dont m’&es grand interest: 
La mouort en fin, m’y s’ara per arrest. 

ı0 Autro que tu non fa finir ma vido, 
Mays tu t’en rises, & sembles t’allegrar, 
Dauant ta porto my faire tranpellar. 


12 pregay: lies Zreguy. — donnar: wohl für dounar. 
6 5-6 La Rouchello... Monthauban: bekannte ‚places de süret&‘ 
der Hugenotten, deren Gegner Bellaud war. — 14 lou douze d’as Tarotz: 


ohne Kenntnis des Tarokspiels des 16. Jhs. nicht verständlich. Nach Fr. Huber, 
Tarok u. and. Kartenspiele (1909, S. 30), gibt es einen ‚Zwölfer-Tarok‘, dessen 
Beschreibung (Spiel zu 3 Personen mit 42 Karten) aber nichts zur Erklärung bietet, 


0. 5 lanssou: = dangou, dengou, lingow (linteolum), 


558 KARL VORETZSCH, 


ı3 Tu sabes ben coum aquel enfant Borny 

Cradellament de sa man m’a blessat, 
Et dins mon couort sa flecho d’or leissat. 

ı6 _Voudriou saber jugar de la Fanphony 

Car es auist & mous hueilz que lou jour, 
Sie vno nuech, tant son bendas d’amour. 

ı9 Puis anariou fanfouniar & la pouorto, Bis 

Et ty fariou entendre lou tourment, 
Au soun pietous de mon born’ instrument. 

22 Mais s’y vesiou mon esperensso mouorto, Bis 

Per non pouder rendre ta cruautat, 
Dousso vers my, coumo m’es ta beutat. 

25 Pregariou Diou ty faire per estreno, 
Sentir lou fuoc & lou tarrible mau, 

D’vn seruitour quand d’amour es mallau. 

28 Et tu subit que sentries tallo peno, 

Plus lou tiou hueil non sarie rigouroux, 
Contro de my, ton dousset amouroux. 

31 De cent baisars tu m’y fariez la festo, 

Et si voudriez m’embrassar nuech & jour, 
Per amourssar l’enraby de l’aniour. 

34 Et you adon vesent la tracho hubetto, 
Non chau pas dire tout so que you fasiou, 
Si vn tant ben my voulie dounar Diou. 

37  Ty pregui don despachar leou l’affaire, 
Ou ben my dire, lou fach ou lou faillit, 
Sensso tous-tens mi tenir enconbit. 

40 May vesy ben, tu non en vouos ren faire 
Tu non my fas que troublar mon serueou, 
Tant tu my sentes per t'amar badereou. 

43  Perque ty iury la fe de paure diable, 
Que si ben prest tu n’as pietat de you, 
Dauan la man vau prendre ton adiou. 

46 A Diou la fille que m’a fach miserable, 
Mais qu’vn paure Aze au fonds de son estable: 


13 Borny, dazu 21 born’: die marseillische Form für borgme. — 
ı6 Fanphony, dazu ı9 fanfouniar: s. Mistral, Tresor, unter Jounfoni. 
Bedeutungen: Mandoline, Leier, Dudelsack. — 21 born’: im Tresor zahlreiche 
Beispiele für bildliche Verwendung des Wortes, hier etwa ‚klanglos'. — 
23-24 Sinn: „da ich deine Grausamkeit nicht vergelten kann, die mir ebenso 
süfs ist wie deine Schönheit“. — 25 ty faire: das Fehlen von de nach pregar 
ist hier auffälliger als b ı2, wo dä Diou Dativ ist, oder unten v. 37, wo 
Dativ sein kann. Konstruktion mit de begegnet 18 36. — 29 subit que: 
‚so bald als‘ (nicht im Tresor). — 33 amourssar: auch amoussa(r) ‚löschen‘ 
(zu ital. ammorzare, lat. *admortiare, nicht zu franz. amorcer, dem im NeuproV. 
gleichfalls amoursa— amoussa entspricht. — l’aniour: wohl Z’amour zu 
lesen. — 35 fasiou: man erwartet fariow (wohl Setzfehler), — 38 lou fach 
ou lou faillit: vgl. franz. Z’afaire sera faite ou faillite; dire 1. f. ow uf: 
‚ja oder nein sagen‘. — 39 enconbit: = neuprov. encoumbi. — 46 1a fille: 
Anrede. — 47 Aze: ebenso 14.29, daneben Ay 816. Vgl. unten Abschn: Ill 


PROBEN AUS DEN OBKOS ET KIMOS PROVVENSSALOS. 559 


Car plus el fa, tant plus el es batut, 
49 Encin m’amour tu as reconeissut. 


(S. 56—57. 


ODE 
SUR LA MISERE ET PAVVRETE 
QU’ON ENDVRE ESTANT VN HOMME 
detenu prisonnier. 


Vand d’vn aubre es töbat Car au beou sou de Diou 
De qu’auque fort haut Faut que face son niou. 
mourre, 3ı La frech, la fan, la set, 
Lon vez de tout costat, Per la gorjo l’arrapon, 
Poble prestament courre, Puis vn escadrounet 
Ou anar av grant trot De gros picards l’atrapon, 
Per cargar lour bardot. Lous quali iournallament 
7 _Ou quand (Ceres) permes Ly dounon grand tourment. 
Que Iy tondon la testo, 37 Si ven qu’es accusat 
Fremos, enfantelets De qu’auque gros affaire, 
Courron, coumo tempesto Subit es enfarriat 
Cuillent & pleno man Coumo lon vez vn pouaire, 
De glanos per tout I!’an. Et non faut auer Pou 
13 _Encin quand sen reson Que face so quwel vou. 
Vn paure miserable 43 Puis quand la bijarrie 
Es fourrat en preson Pren & Minos lou iuge, 
Coum’ vn Ay ä l’estable: Mand’ en Consergerie 
Tout malhur & tous maux De diablons vn deluge, 
Ly courron & grand saux. Per lou faire venir 
19 Car tant leou qu’es boutat Dauan s’y per l’auzir. 
Dins la proufondo fuosso, 49 Et quand es arribat 
La grando humilitat, Au dedins sa cambretto, 
Subitament lou trousso, Subit &s assetat 
Et deuen si vous plas’ Sus vno escabaletto: 
Plus transsit qu’vn pedas. Ly demando son nom, 
25 Lou Chin de son houstau, Son pais, & renom. 
Plus qu’el fa bono chiero, 55  Pres d’el vn gros tripet, 
Encaro n’a qu’vn pau Sus lou papier graffigno 
De paillo per lichiero: Tout so que lou pauret 


49 Encin: die marseillische Form für ansın. 


8. ı d’vn: lies un. — 9 Fremos: über fremo und femo vgl. Ab- 
schnitt III. — 16 Ay: vgl. oben 747. — 30 niou: s. die verschiedenen 
Formen von nidus in Mistral, Tresor, unter nis. Der Form n:0# entspricht 
die moderne Form nidu (Dep. Var. — 35 Lous quali: lies lousguals. — 
39 enfarriat: = enferriat in Eisen gesetzt, mit (eisernem) Gitter versehen, 
enfarria = ‚treillisser une fen&tre‘ (Tresor). Hierdurch erklärt sich auch 
der Vergleich mit dem Jouaire (Putator) ‚vigneron qui taille les vignes‘, — 
43-44 Die Reimform (männlich) verlangt dyyarric—.consergerie, 


560 KARL VORETZSCH, 


(A dich) & puis va signo, Ly ven vn Capellan, 
Apres es ramenat, Metre la croux en man. 
A son premier estat. 97 A !’houro lou pauret. 
61 Estat que qu’auquo fes, D’vno facio transsido, 
Mays de l’entiero annado, Es menat au gibet, 
Non 8’y mou dont el es: Per y finir sa vido, 
Coum’ vn armo daunado, Leissant tous sei parents 
Ly pourgen per vn trau, De sa fin mau contens. 
De pan & d’aigo vn pau. 103 May sa fin non vaudırie, 
67  _Toutosfes tan patir, Lou peou d’vn escoubeto 
Non ly son qu’amourettos: Si lou patient n’auie, 
Car quand Iy faut venir Dauant sy la trompeto, 
An juoc das estirettos, Per fayre soullament, 
Bramo coum’ vn vedeou, Auzir son testament. 
Qu’es menat au Maseou. 109 Subit lou viel Caron 
73 Et n’a bras ny tendon, Grand Pillot de la barquo, 
Muscle, cambo, ny veno, Permens que d’on ceiron, 
Que Minos lou leiron Son esperit embarquo, 
Non fasse dounar peno, En leissant as ausseous, 
Et pauuo non aura, Son couorps & sei budeous. 
Tant que ren non dira. 115  Vela de nostre Enfert 
79 Dont Minos oustinat La tarriblo misery, 
Nouueon mau Iy fa faire Si d’Estiou ou d’Yuert, 
Entro qu’a confessat Non manquo tau tempery: 
Son malheiroux affaire, Et pouot mordre son det, 
Subitament escrich, Qui passo t’au guichet. 
Es tout so qu’el a dich. ı21 Ben Es vray qu’en preson, 
85 Adonc lou fa tournar, N’y a mays d’vno centeno, 
Tout romput sus la paillo: Que per deoutes y son: 
E Minos d’assemblar D’autres exemps de peno, 
Toutto sa ley rounaillo, Lous qu’als quasi s’en van, 
Qu’a drech ou ben a tort D’au iourt au lendeman. 
Ly debanon sa mouort. 127 _Mays vn tau lendeman, 
91 Apres auer conclut, De my non ven encaro: 
Cascun & la siou modo: Car sept mezes de l’an 
Ou que siege pendut, Passon iustament aro, 
Ou mes dessus la rodo, Que you suc presonnier, 


58 va: wohl für da. — 63 dont’: d’ont’ = d’ounte ‚von dort, wo‘. — 
70 juoc des estirettos: juoc bleibt im Bild, das durch amouwrettos 
‚Liebeleien, Liebkosungen‘ aufgenommen ist. Unter estirettos sind, wie die 
folgende Strophe lehrt, Daumenschrauben und ähnliche Folterwerkzeuge zu 
verstehen. Vgl. neuprov. esfirar ‚etirer, mettre ä la torture, & la question‘ 
(Tresor). — 77 pauuo: Zauvn, marseillisch für Sauso ‚Ruhe‘. — 88 ley 
rounaillo: Z.yrounaillo, Ableitung von Jeiron (oben 2 12). — 104 Lou peu: 
peu (frz. Poil) ‚die Borsten (eines Besers)'., — III permens que: per mens 
que = ‚für weniger als‘. — ceiron: ciron, ciroun, cirow, vgl. franz. cıror 
milbe; hier eine alte prov. Kleinmünze, vgl. me sidu pas espargna'n cirou® 
(Tresor), hier ‚obolos‘, — 117 Si: lies sie (*siaf), — 134 exemps: s. Tresor 
unter disent. 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 561 


Dins aque&st pigeonnier. 151  Aquo &s trop segur 

133 Et comben que Piuton, Dont vn pau my confouorto, 
Et Dono Proserpino Et non pouot lou malheur 
An fach A Belaudon Durar & vno pouorto: 
Tousiours bono couzino Mays per sourtir d’eici, 
Toutosfes m’es auist, Faut de Diou la merci. 
Que prez suc dins lou visc. 157 Aquel es ben-huroux 

139 Car quand mon courasson Qui pouot passar sa vido, 
Sy souuent de la chiero Luench de tallos doulour, 
Qu’ay fach dins Auignon: Viuent a sa bastido 
Et delä la ri:iero, En toutto libertat, 
Lou jourt s’y passo pau, Quand n’auri@ que de I'art. 
Que non siege malau. 163 Amariou mays cent fes 

145 Mais faut que dedins you Y vioure de sallados, 
Enclauy patiensso, De sebos, ou d’aillets, 
Esperant que mon Diou Que de perdrix lardados, 
My donne delliourensso, Estent dins la preson, 
Apres l’oscuritat, 168 Luench de mon Auignon. 
Ven puis la claritat. (S. 59—b2.) 

Q. 


EN vous iury ma fe, qu’en mens d’vno semano, 
Cascun veira plus leou Catz, Catos, & Catons, 
Amar & vouller ben & Rats, Rattos, Ratons, 
Que you perdy l’amour de Margot, & de Juano. 


5  _Cascun veira plus leou las montagnos en plano, 
Et estre bons amis Lebriers & Loubatons, 
Et las Cabros n’auer plus la barbo as mentons, 
Que you perdy l’amour D’anillon, & Bertrano. 


133-34 Pluton—Dono Proserpino: augenscheinlich scherzhafte Be- 
zeichnung des Gefängniswärters und seiner Frau im Zrfert. Zu den klassıschen 
Namen pafst sehr gut die vom Dichter hier für sich selbst gewählte Namensform 
Belaudon, die als Koseform auch an anderen Stellen (14 88, 15 ı 1) begegnet. — 
153-4 Die Verse haben sprichwörtlichen Charakter. Der Nachdruck liegt auf 
vno. Vgl. das Sprichwort: Zöuti di vont baton Pas la memo Porto. — 
159 doulour: lies doulours. — 162 de l’art: de Jard, vielleicht wieder eine 
Anspielung auf die Hug-notten (s. oben 65) und ihre Nichtbeachtung der 
Fastenregeln. Vgl. manja low lard ‚gegen die Regeln handeln‘. Der Sinn 
wäre dann: „und wenn ich auch nur Speck hätte und am Fasttag essen mülste, 
wie die Ketzer“. Man kann aber auch daran denken, dals der Speck von 
manchen gering geschätzt und den Hunden verfüttert wird: douna lou lard as 
cas —= verschwenden, Nesci es lou paisan — Que douno lou lard i can. — 
168 perdrix lardados: offenbar Teile der boro couzino von Pluton und 
Proserpina.. — An den Gedanken der letzten Strophe erinnert der Kehrreim 
von Mistrals ‚Renegat‘: Mai sus la montagno — Manja de castagno — Vau 
mai que l’amour senso liberta. 


9. 2-3 Catz—Catons, Rats—Ratons: vgl. Clement Marot (A son 
amy Lyon, CEuvres compl., &d. Jannet I, 155) Mais despita chatz, chates et 
chalons, Et prisa fort ralts, rates et ralons. 


Zeitschr. L, rom. Phil. ALVII. 36 


562 KARL VORKTZSCH, 


9 Mais si qu’auque durbec veni& dire d’audasso, 
Qu’estregne mau si pouot lou faix qui trop l’embrasso: 
Et qu’vno soullament non pas tantos nen chau. 

ı2 Adon Ily respondriou, vous sias vn Ay, compaire, 
Car vn home inginous deou cent mestressos faire: 
Et ben sot &s lou Rat que si fiso d’vn trau. 


(Sounet XXIX, S. 69.) 


Io. 


VN home qu’en plezers & jour & nuech si bagno, 
El non pensso sinon que de rire, & danssar. 
Et quand lou Cel voudrie lou mounde renuersar, 
Toutosfes non s’en chaut de tout vno cCastagno. 

5 Mais quand vno doulour vn pauret accompagno, 
Mourtineou, pensatiou, non fa que souspirar, 

Et d’aquy (mon Rapheou) es naissut lou parlar, 

Que l’home qu’&s fachat, fa casteous en Espagno. 
9 You l’esprouy per mi, car quand au pais ery, 

Non pensaui sinon que d’afanar larlery, 

Et autant m’en chali& das ratz que das tondus. 
ı2 Mais aro qu’vno clau ten sarrat per estreno, 

Ma fiero libertat, mous casteous sus l’areno. 

Son bastis, & subit, en souflant defondus. 


(Sounet LXXXVIJ, S. 99.) 


II. 


Estresso, fa long tems que s’ariou cuech dins terro, 
Et dex mille lombris m’aurien tout desgrunat, 
Si lou mastin Clauier, non m’'aguesse dounat, 
: L’vsage d’au papier per passar ma coullero: 

5 Car quand la vision de ton hueil mi fa guerro, 
Vau sentent dins mon couor vn ferouge combat: 
Mais tu fiero, per trop de ta bello beoutat, 

Rises de la doulour que jourt e nuech m’aterro. 

9  Toutosfes, lou papier qu’es fach de besty mouorto, 
M’ausent clussir per tu, senti que my Confouorto, 
Mi disent (mon dousset) non pouot estre qu’vn jour, 


10 Sonst Ouau trop embrasso, pau estren (Tresor); Que tröu embrass, 
pau [o mau] estregne; Que tröu embrasso, Ren n’amasso u. ähnl. (Pau Romas, 
Lei Mount-Joio, Voucabuläri dei prouv£&rbi etc. I, Avignoun 1908, S. 492, 574). — 
II vno—tantos: Objekte zu chaw „dals es ihrer nur eine, nicht so viele braucht“. 

10. 5-8 Damit ist die Redensart faire castdus en Espagno (älteste franz. 
Belege bei Tobler-Lommatzsch II, 304) natürlich nicht erklärt. Zur Entstehung 
der Redensart vgl. Morel-Fatio, Etudes sur l’Espagne IV, ııyffl. (= Melangts 
Emile Picot I, 335 ff.); A. Längfors, Neuphil. Mittlgn. 16 (1914) 107f. — 
13-14: Punkt zu streichen. 

11. ı cuech: cosire im Sinne von ‚verbrennen— verzehren‘. Sinn: 
„schon längst läge ich tot in der Erde“, 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 503 


ız2 Non siegy dins las mans de ta dousso rebello, 
Laquw’allo quand veira lou mau que ty martello, 
Estregne ben voudra ton fuoc greges d’amour. 


(Sounet XCII, S. 102.) 


12, 


A LA MIGNARDE VILLE 
D’AVIGNON. 


ILLO de promifsion, & d’au CEl ben heurado, 
Villo de tout soulas, & gloutons passatens, 
Villo que coum’ un huou, s’y&s pleno de tous bens, 

(Et que l’Alme Jupin) de sa man t’a pausado. 


5 A bon drech d’vn &smail (Flora) t’a bigarado, 
Et iou Diou Cabro-pedz farcido d’instrumens: 
Puis l’enfant Cherubin, prodigue de l’encens, 

A tous filancs, embugat per l’'humano bregado. 


9 Ton plus d’aurat butin, &s vn eyssan de Fillos, 
Que pouorton sus lou frond millo flamos gentillos, 
Per virar soutto-sus l’esmaillado meyson. 


ı2 Perqu& vueille lou CEl gardar que sus sa testo, 
Lou Gamby cautelous, non forge la tempesto: 
Afın de non troublar ta gourriero seson. 


(Sounet CVIJ, S. 110.) 


13. 
Chancon follastre. 


Ont’ &s lou tens que fasiou la bestieto, Bis 
Contre l’Enfant, son arc, & sa flecheto. 

Et tant de tringouly, fringouly, mingouly, 

Tant de tringouly, mingouly que mi fas, mi fas; 

mi fas, mourrir d’enraby. 


12. 3 Plen coume l’idw ist noch jetzt der Glückwunsch der Gevatterin 
für das Neugeborene beim Überreichen des Eis, — 4 Jupin: Juppiter. — 
9 „Les filles d’Avignon de Bellaud ressemblent peu & celles de notre Aubanel* 
(Marieton, Revue Felebreenne VII, 1891, 208). — 13 Lou Gamby cautelous: 
‚der heimtückische Hinkende‘ (Hephaestus— Vulcanus). 


18. ı fasiou la bestieto: vgl. Tresor unter bosti (faire la besti 
= affecter la b£tise).. — 3 tant de tringouly, fringouly, mingouly: ist 
hier in der ersten Strophe wohl der zweite Teil des Objekts (Za bestieto et 
tant de tr.), und ebenso noch in einigen anderen Strophen (II, V, VI usw.), 
sonst aber, wie der älteste Kehrreim in der Regel, ohne syntaktische Be- 
ziehung zur Strophe. Fringouly gehört begrifflich wohl zu fringa (= fölatrer, 
faire l’amour), mingouly zu mingo— mingoulet (mie— fluet, grele), Zringouly 
vielleicht zu #rinca (= trinquer): also ‚Trinkereien, Liebeleien, Narreteien 
(Nichtigkeiten)‘. — 4 fas: wem gilt die Anrede? Augenscheinlich dem Gott 
Amor, der in den drei Schlufsstrophen auch unmittelbar angeredet wird. 


36* 


564 


‚junges Mädchen‘. — 21 Juoc ly pouder: man vermilst de. — 223 & cha- 
pau: ‚nach und nach‘, s. Tresor unter cha. — 24 guigne 1a testo: ‚mit 
dem Kopf schütteln‘, als Zeichen des Verneinens. — 36 Pregant... 


KARL VORETZSCH, 


6 _Vont’ &s lou tens que non sabiou & dire, 
So qu’es de plours, de tourment, ny martyre. 
Et tant de tringouli, &c. 


9 Vont’ &s lou tens que tout guay de courage, 
Coum’ vn Cabrit sautauy dins l’herbage. 
Et tant de tringouli, &c. 


ı2 Et mantenent faut qu’ esclaux you deuenguy 
D’vn garcon nud, & que d’el my souuenguy. 
Et tant de tringouli, &c. 
15  Louqu’al desja & mes dins ma tripaillo, 
Vn gros farot, ou vn brandon de paillo. 
Et tant de tringouli, &c. 


ı8 Que m’a vsclat, & lou couor, & l’armeto, 
Per trop amar vno Mendigouneto. 
Et tant de tringouli, &c. 


21 Vonte n’ay luoc, Iy pouder faire entendre, 
Que per s’amour & cha-pau tomby en cendre. 
Et tant de tringouli, &c. 


24 Toant ay de pou que non guigne la testo, 
Disent de non & ma glouto requesto. 
Et tant de tringouli, &c. 


27  Aquello pou fa mon Armo geallado, 
Comben que sie de son hueil affarado. 
Et tant de tringouli, &c. 


30 Et si pertant vouoly que la poulido, 
A tous-tens sie mestresso de ma vido. 
Et tant de tringouli, &c. 


33 En ly dounant iou gouuert & regimi, 
De tout sus my: car autro non estimi 
Et tant de tringouly, &c. 


36 Pregant Amour d’houblidar tout rampony, 
Per accourdar emb’ ello ma Famphony. 
Et tant de tringouli, &c. 


39 Mais que prest, prest, aquo el veuille faire. 
Sen/so vers mi estre tant charlataire. 
Et tant de tringouli. 
42 Car s’ vno fes ell’ a sentit sa flammo. 


Senty desja qu’apres mi ello bramo. 
Et tant de tringouli, &c. 


bis 


bis 


bis 


bis 


bis 


bis 


bıs 


19 Mendigouneto: Deminutiv von mendigo — mendi ‚junge Schäferin‘, 


d’houblidar: vgl. die Anm. zu 725. — 37 Famphony: vgl. oben 716 
Fanphony, 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 365 


45 Et que s’enfs’ plus ello s’y ven semondre, bis 
Et de mon hueil non s’y vou plus escoundre, 
Et tant de tringouli, &c. 


48 Fay don aquo (amour) ä la pareillo, bis 
Et tu veiras que faray maraueillo, 
Et tant de tringouli, &c. 


5ı Car grauaray de tu & la memory bis 
La dousso ley, la flecho, & l’arc d’iuory. 
Et tant de tringouli, &c. 


54  Puis tout brauoux dessouto la bandiero, bis 
S’y piafara Louis de la Belaudiero. 
Et tant de tringouli, fringouli, mingouli, 
Tant de tringouli, mingouli, que mi fas, mi fas, 


58 mi fas mourir d’enraby. 
FIN. 
(S. 132 — 133.) 
14. 
COMPLAINTE. 

ı Escoutas la tempesto Das Po&tos d’au passat, 
De mi paur amouroux, An fench per sa rimaillo, 
Que la flecho moulesto, Vn tourment assedat, 

D’vn trabail rigouroux, Vn Vaultour, vno Peiro, 

Nuech & jourt my tourmenty, Vno rodo moulleiro: 

Plagny, ploury, Pamenty, Ha! lous pendus, 

Et n’ay repaux, Pres so que my trabaillo, 

Semblo que dins ma testo, T’au tourment n’es qu’ abus, 

Y age un manon de clauxu. 28 Vn Buou ä son araire, 
10  Despuis qu’ay vist la facy Vn Aze de Moulin, 

Que m’y ten enconbit A la vigno vn Poudaire, 

Per feraujo desgracy, Et vn Muou de camin: 

Despuis ben n’ay sentit, N’enduron tant de peno, 

Comben qu’ ä tous sie bello, Coumo you per extreno, 

Amy €s tant rebello, Ay de l’amar, 

Que si sabias Et mengz que d’vn taillaire 

Lou grand mau que tiracy, Lou tout ven estimar. 

A fe my plagnirias. 37 Au mengz so que naturo 
ı9  Tout so que la canaillo A creat coumo vesen, 


48 amour: hier Eigenname., 

14. 11 enconbit: s. oben 739. — 15 Amy: A my. — 22ff. Lauter 
aus der Antike (das Poetos daw Passat) bekannte Qualen: Tantalus, Pro- 
metbeus, Sisyphus, Ixion. — 25 lous pendus: Anrede an die canasllo das 
po8tos, wohl im allgemeinen Sinne eines ‚terme injurieux‘ (den das Wort nach 
dem Tresor noch heute z.B. in Bearn hat. — 33 per extr&no: beliebte 
Redensart unseres Dichters, vgl. oben 10 12, unten 154. — 36 ven: wohl 
für ven: (das - kann verschliffen oder elidiert werden, vgl. fombdy”en 18 22). 


566 KARL VORETZSCH, 


Quand ven la nuech obscuro, Plus frejo & touto houro, 
En pax son repaux pren, Mi siez qu’vn cercopoux: 
Et de my &s & l’houro, As tu ben lou courage 
Que sembl’ aquel que plouro Mi veser plen de rage 
Son Payre mouort, Per ta beoutat, 

Au jourt ma peno duro, Vno Turquo, vno Mouro, 
S’y redoublo plus fouort. Aurien de mi pietat. 

46 Car tant per sa carriero 73 _ Puis que vouos qu’en misery 
You rody, tourny, vau, Mon couor vague viuent, 
Que d’escuebry ma fiero, Aro d’vn sementery 
Sourtent de son houstau Vau estre lou present: 
Parlant & sa vesino, Afın que la barquetto 
Va risent de ma mino: De la blanquo barbetto, 
Puis d’vn hueil chat, Mi passe leou, 

Dis que la Belaudiero, Per leuar lou temperi, 
Es per si ben fachat. Que bouino mon cerueou. 

55 Hal qu’allo fachadisso, 82 Per fin pensas Bregado 
Gafouillo mon barriau, Si mon cCouor si transsis, 
D’ausir la jappadisso, Vesent mon obstinado 
S’y faire d’auant you: Que de mon tourment nis: 
D’ell’ A cha-pau m’approchy, Que cascun prengu’ exemple 
Per ly faire reprochy, Et la doulour contemple, 
De sa rigour: De Belaudon, 

Mais mengz qu’vno clauuisso, Per fugir la fiechado, 
Escouto ma doulour. go D’au borny Cupidon. 
64 Ah! (sourdo traditouro) (S. 135— 36.) 


Que d’vn couor mastinoux, 


15. 
De la Bellaudiere, parlant de son Liuret. 


R sus, sus, mon Libret, compagnö de ma peno, 
Hermary plus segret de mon aduersitat: 

Aro que lou born Diou m’a mes en libertat, 

Anen rir’ au pais & plen fonds per estreno. 


5 La grand Mar Occean non gietto tant d’areno, 
Ny la blondo Ceres au Mez de Jung de blat, 
Coum’ auian de desirs dins noste couor doublat, 
De nous vezer d’Enfert, deslias de la cadeno. 

9  Sus Libret, vay premier dins la man Barouniquo, 
Ly disent (Monseignour) la plus caro relicquo, 
Que vostre Bellaudon age sauput chausir. 


48 d’escuebry:descuebry (zu neuprov.descubri—descurbi, vgl. Tresor). — 
64 traditouro: fradıtour für das übliche frahıdow bezeugt Mistral im Tresor 


für Zerbin und Brueys (beide aus Aix). — 68f. lou courage— Mi vezer: 
auch hier vermifst man de (vgl. oben 18 2ı). 
15. 2 Hermary: = ermari, armari. — 9ff.: aus der Widmung gebt 


hervor, dafs Bellaud selbst diese Sammlung für den Druck zusammengestellt 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 567 


ı2 (Per vous tenir jouyous) €s mi, & si vous mando, 
Qu’a vostre Segnourie cent fes s’y recoumando. 
Et que prest lou veyr&es eicy (per vous senuir.) 
Fin du premier Liure de la prison de Bellau. 


(S. 152.) 


hatte. Auf dies Zremier livre de la prison de Bellau folgt in der Ausgabe 
das Don-Don infernal, das wohl als zweites Buch gedacht ist. 


IIL 


Bemerkungen. 


Die Ausgabe von Bellauds Gedichten von 1595 stellt das 
älteste in Marseille gedruckte Buch vor. An gedruckten Texten 
provenzalischer Sprache hatte es wenige Vorgänger (s. oben S. 545 f.). 
Eine feststehende Überlieferung für die Wiedergabe der dem 
Provenzalischen jener Zeit eigenen Laute bestand sonach nicht. 
Mit der heutigen Lautgebung können wir die damaligen Schrift- 
zeichen nicht ohne weiteres erklären. Auch bestehen wesentliche 
Ausspracheverschiedenheiten zwischen der Sprache Mistrals und der 
von Aix-Marseille und der sich östlich anschliefsenden Gebiete. 
Dazu kommt, dafs gerade in jener Zeit die französische Sprache 
Einflufs auf die provenzalische Sprache gewinnt und damit auch 
die Einwirkung der französischen Orthographie auf die provenzalische 
sichtbar wird. ! 

Im allgemeinen wird man annehmen dürfen, dafs Dichter und 
Drucker durch ihre Schreibweisen ungefähr die Laute aus- 
drücken wollten, die damals in Wirklichkeit gesprochen wurden. 
Nur kann man es einem ch, einem 7, einem g%°, nicht ohne weiteres 
ansehn, welchen Laut es damals bezeichnen sollte, ob cA ein #8, 
$, £s, #4 oder ähnliches, j (g*') ein d2, 2, ds, dy, usw. bedeutet. 
Hingegen zeigt Wechsel zwischen c (vor e, :) und s, zwischen -3 
und -s deutlich an, dafs c“! und -s zu s geworden sind: cerwelo— 
serueou, lanssou — lingou (linteolum), faries, voudries—sentribs, dirias, 
im substantiv neben soupirs, Plours usw. auch Aueilz, tarolz, auquelz 
(oben 66). Auf französischem (z. T. ursprünglich etymologischem) 
Einflufs beruht x für s: croux, rıgouroux, amouroux, prepaux, repaux. 


I Die Geschichte der neuprovenzalischen Sprache ist noch wenig unter- 
sucht. Einen wichtigen Grundstein bildet das Werk von P. Pansier, Histoire 
de la langue provengale & Avignon du XlIle au XIXe siecle, I Avignon 1924, 
II 1925. Trotz der mundartlichen Verschiedenheiten zwischen Avignon und 
Aix-Marseille bietet die Untersuchung vieles für die Sprache Bellauds Ver- 
wendbare (bes. I S. 92 ff., rıoff.). — Die allgemeinere Bedeutung des Franzö- 
sischen für das ganze Gebiet Südfrankreichs untersucht A. Brun, Recherches 
historiques sur l’introduction du francais dans les provinces du Midi, Paris 
1923 (S. 327 ff. Provence). — Hoffentlich wird die von J. Ronjat hinterlassene 
vollständige Grammatik des Neuprovenzalischen und seiner Mundarten bald 
gedruckt, 


568 KARL VORETZSCH, 


Die zahlreichen Doppelschreibungen von Konsonanten — bello, 
ceruello, crudellament, accusat, affarado, approchy — weisen auf etymo- 
logische Einflüsse. Auffällig sind die Doppel -s nach Konsonant 
(/uorsso, paliensso, lanssou, pensso, sensso). 

Da anlautendes 3 auch in Wörtern germanischen Ursprungs 
in Südfrankreich von Anfang an verstummt war, hat A im Druck 
nur orthographische Bedeutung: Aoustau, haridello; daher auch auf 
Wörter übertragen, die nie ein A hatten: Auer! (oculum), huou (ovum), 
hermary (*armarıium), houblidar (*oblitare). 

Der Monophthong # wird nach französischen Vorbild durch ou 
dargestellt (jours, soun «-sonum, coumo, rigouroux, escoulas, lourment, 
pouder, sourlir),; auch in Diphthongen, daher kou (—npr. Jöu), beou, 
serueou, peou, badereou, Rousseou, deouri€ — couor (= cuor), mouort, 
fouorsso, bei :u und ou aber auch durch u, So guaugue, paure, 
claux, prepaux— vou (*volet). Der Triphthong zes wird gewöhnlich 
zou (für zeou) geschrieben: Diou, adıou, you (—ieu), siou, fasıou, 
voudriou, pregariou, niou, barriou, fiu (— filum) miou, couniou 
(vgl. Pansier S. ı 1). 

Der aus altprov. a entstandene dumpfe Laut der Endsilbe 
wird schon damals durch o dargestellt, nur ausnahmsweise durch 
das in anderen Drucken begegnende ou: journado, fremo, dousso, 
toutto, aquello, quauguo, demando, graffigno (Bourniachow 4 3). Auch 
das französische e (Alle 7 406) ist vereinzelt. 

Eine besondere Eigentümlichkeit der Orthographie bildet hier 
der häufig verwendete Apostroph, der nicht nur zur Andeutung 
der Elision oder der Wortzusammensetzung, sondern auch mitten 
in einfachen Wörtern, z. T. augenscheinlich aus Milsverständnis oder 
aus Gedankenlosigkeit gesetzt wird: au — dau (de ıllo), d’avrat 12 9, 
r’assemblo 6 ı2; l’art 8 ı62 — lard, guaugue, guauguo, lougsal, 
laquallo, sy 863; = y-si, my= my-mi, SarıE 6 10 = sarıd, m’y 
Sara 19 —=my (mi) sara; fau— tau, vn’autr’an 17 für un auir’an, 
sen/s —=sen/s (senso) usw. — Das Trema wird gelegentlich falsch über- 
tragen: mais 7 47 ‚10 5 nach zweisilbigem Jais (8 54). — Klammern 
werden allem Anschein nach zur Hervorhebung bei Namen, 
Anreden u. dgl, aber auch ohne erkennbaren Grund verwendet: 
Car (Moussur de Moulans) et mays ma Dameisecilo 59, Ou guand 
(Ceres) permes 87, A bon drech d’vn esmail (Fiora) t’a bigarado 12 5, 
(Zt que l’alme Jupin) de sa man t’a pausado 12% 41, Fay don ayuo 
(amour) 1348; Zi d’aguy (mon Rapheou) £s naissul lou parlar 107, 
Mi disent (mon dousset) non pouot estre quun jour Il ıı, Ah! (sourdo 
traditouro) ... 1403, Ly disent (Monseignour) ... 15 10; Tout so 
que lou pauret (A dich) el puis va signo 8 58, (Per vous tenir jowyous) 
es mi 15 ı2, Zi que prest lou veyres eicy (Per vous seruir) 15 14. 

Sprache und Mundart des Dichters wird sich erst auf Grund 
der Reime und der Silbenmessung durch genaue Untersuchung 
der gesamten Dichtungen Bellauds feststellen lassen. Wir wissen 
nicht, was sein literarischer Testamenisvollstrecker Pierre Paul, was 
der Marseiller Drucker an des Dichters Sprachformen etwa geändert 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 569 


hat. Der Dichter selbst, im östlich gelegenen Grasse geboren, 
früh nach Aix gekommen und dort aufgewachsen, später in Avignon, 
Arles, Tarascon, Salon, Carpentras, Marseille, hat vermutlich über- 
haupt keine reine Mundart geschrieben. Wenn wir die Sprach- 
eigentümlichkeiten des Drucks feststellen, ergiebt sich als Grund- 
lage etwa die Sprache von Mars.ille und Aix. Mit den Sprach- 
formen der Aixer Dichter — Cansons dau carrateyron (16. Jh.), Claude 
Brueys (17. Jh.) — ergeben sich weitgehende Übereinstimmungen. 

Bei den Tonvokalen ist das bezeichnendste die Diphthongierung 
des 9 in gedeckter Stellung. Die altprovenzalische durch # oder 
Palatal bedingte Diphthongierung von 9 und g bleibt hier aufser 
Betracht (vgl. bei Bellaud Aueil, nuech, cuech, buou, huou— you = 
eu, Diou = Dieu usw.). Altprov. fort, forga, mort, porla, conforta 
erscheinen als /ouort, foworsso, mouort, poworto (neben porto), confouorto. 
Die Erscheinung ist heute — als go, ga, %e — in den proven- 
zalischen Mundarten weit verbreitet, wie die Karten des Atlas 
linguistique de la France, die mundartlichen Dichtungen und die 
Mundartenuntersuchungen von Sütterlin (Nizza: Rom. Forschgn. 9), 
Aymeric (Rouergue: ZrP 3) u.a. zeigen. Nach dem ALF Karte 597 
reichen die diphthongierten Formen von ort (wor, fwar) von 
den Alpen her westlich bis La Ciotat, Gardanne, Eyguitres, 
St. Etienne-les-Orgues, Nyons, Pierrelatte und schliefsen vermutlich 
Marseille und Aix mit ein, da die Östgrenze von for? durch 
Martigues, Fourque, Aramon bestimmt wird, Die Westgrenze für 
fworso (fworso, fwarso: ALF 593) verläuft deutlich westlich von 
Aix und Marseille: sie wird gebildet durch Martigues, Eyguieres, 
Vaucluse. 

Diese Diphthongierung erstreckt sich auch auf Wörter wie cor 
(cowor —couort 7 25), pot («-*potel), das als powot erscheint, auf 
vols («— *voles), hier vouos (7 40), also auf Wörter mit vulgär-lateinisch 
freiem, provenzalisch gedecktem p, aber auch auf zouo/y, das nicht 
altprovenzalischem »#0:/, sondern vol, voli! entspricht, also freies p 
zeig. Diesen Formen stehen undiphthongierte wie rodo, modo 
gegenüber. Der Vokal £ bietet überhaupt keine Formen, die 
einem fouort oder vouoly entsprechen würden. 

Die Wesigrenze für couor (kwor, kwar : ALF 306) ist Martigues, 
Gardanne, Villelaure, Vaucluse (mit einer westlichen Enklave: 
Pierrelatte), die Ostgrenze für cor (cur) Agde, Nissan, Lodere, Uzes, 
Barjac, Vogüe&; zwischen diese beiden Gebiete schiebt sich das aus 
dem Norden längst der Rhone eingedrungene französische czur 
ein. Dafs cowor ursprüglich weiter nach Westen reichte, lehrt die 
Enklave Pierrelatte, lehren auch die Formen cotXor, fotor (= fort), 
poüode (= fode) bei dem Avignoner Dichter des 17. Jahrhunderts 
C. Brunel (Pansier S. 121 fl.). 


I Vgl. über das Verhältnis der aprov. Formen zueinander Voretzsch, 
Die Diphthongierung im Altprovenzalischen S. 28 (Suchierband S. 602). — 
Formen mit aprov. Diphihongierung sind in den Konjunktivformen wueille 
12 12, veuslie 13 39 erhalten. 


570 KARL VORETZSCH, 


Bei den Vokalen der unbetonten Endsilbe ist wichtig, dafs 
-a schon damals — wie schon im Carrafeyron (zwischen 1518 und 
1531) — verdumpft war (s. oben Schreibweisen). Nach dem ALF 
hat sich -2 heute nur in einzelen Teilen der Departements Hautes- 
Alpes, Basses-Alpes, Drome, Vaucluse einerseits, Gard und Herault 
andrerseits erhalten. Sonst erscheinen in der unbetonten Endsilbe 
-e und -7:vespre, mourre, impoussible, voste, quaugue, affasre, courre, 
esire, rises — lestimony, viagi, (1. P. Praes. Ind.) iury, pregui, bagny, 
eslimi, esprouy, enclavy, pensavi, approchy, vouoly, vesy, perdy, plagny, 
senty, (1. P. Pr. Kj) s«gy IL ı2, deumguy, souuenguy 13 ı2 £, 
(1. Perf. Ind.) Zouguery, foury, (1. Impf. Ind. von estre) ery. Die 
analogische Endung der ı. Person (ältestes Beispiel azorı beim Grafen 
von Poitiers) erscheint in der unterrhonischen Mundart (Mistral) als 
-e, in der Mundart von Marseille und weiter östlich als -z. 1 

Die Vortonsilben zeigen manche Eigentümlichkeiten: ma/- 
heiroux 32, 883 neben benhuroux 8157, tarrible 726, Bııa 
= terrible, lanssou — lingou (vgl. oben zu 7 5), Fanphony (vgl zu 7 ı0), 
baderevu 7 42 — budareou, intern 19 = enterin u. a. m. Die heutige 
Form maleirous schreibt Mistral der Auvergne und der Dauphine 
zu, doch kann man auch in languedokischem malarrous — malirous und 
selbst in rhonischem malerous das alte malerrous wiedererkennen, das 
offenbar weitverbreitet war. Zangou ist nach Mistral rhonisch, farrzdle 
marseillisch, /anphony und fanfonio rhonisch, fanfounid marseillisch. 

Von den Endkonsonanten scheint - noch laut gewesen zu 
sein, da es überall, auch in den Infinitiven, noch geschrieben wird: 
jour, couor, fier —amar, soupar, embrassar, pouder, ausir.? Auch -ch 
scheint noch fest zu sein: fach, drech, frech, nuech (gegen rhonisches 
fa, dre, fre, niue heute). Ein -/ wird zwar regelmäfsig geschrieben 
(franssit, subil, bontal, arribat — cant, vist, mouort, vent, lourment), aber 
umgekehrte Schreibungen (couort 2 5 = cwour, jourt 32, Enfert— 
Fvert 8 115, ı17) deuten auf stummes -/ (ebenso im Carrateyron). 

Auch die Formen zeigen manches eigenartige. Die Genitiv- 
formen des Artikels daw (de ıllo) und das (de :llos -as) sind die 
üblichen auch im Carrateyron und bei Claude Brueys, dau nach 
Mistral heute noch in der Auvergne, Dauphin€ und Nizza, das und 
“ dais in Languedoc, da: in Nizza, daus in Limousin und Dauphine. 
Marseillisch sind die Pronominalformen mi # si für me te se. 

Im Verbum zeigt sich das Fortschreiten der schwachen Perfekt- 
bildung gegenüber der starken: fon (1 5) besteht noch (jetzt sigws, 
fugu2); ferner fet Lı2, 52, feron 3 4, daneben schon /aguet 3 ı2, 
während zu venir nur schwache Perfektformen — venguet 16, ven- 
gueron 9 20 — begegnen, zu Powder nur pouguery 3 6. Die aprov. 
Form agruem ist durch die analogische agueran 34 ersetzt. 


ı Vgl. Savinian, Grammaire provengale, Avignon 1882, S. 100. X. de 
Fourvieres, Grammaire et guide de la conversation provengale, Avignon (o. J.), 
S.69. L. Sütterlin, Die Mundart von Nizza, S. 426. 

% In der Mundart von Avignon ist das auslautende -r im 18. Jahrhundert 
aus der Schrift verschwunden (Pansier 5.156). 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 571 


Am merkwürdigsten sind die Präteritalformen /oury 113, 37, 
fouran 3 3, feran 19, die lautlich lat. /ueram, fueramus, feceramus 
zu entsprechen scheinen. Wie im Französischen /üerunt und /uerant, 
Jecerunt und fecerant lautlich zusammenfielen und dadurch das Auf- 
gehen des Plusquamperfekts im Perfekt herbeiführten, mufsten auch 
im Altprovenzalischen die beiden Tempusformen in foron und feiron 
(/eron) zusammenfallen und den Bedeutungsübergang fora — fui, 
Joran = fom, feran —= festem ermöglichen. Dem steht freilich ent- 
gegen, dals fora und feira wie die übrigen lat. Plusquamperfekta 
schon im Altprovenzalischen die Bedeutung des Conditionalis haben. 
Aber aus dem südöstlichen Gebiet des Provenzalischen haben wir 
überhaupt keine mundartlichen Denkmäler aus alter Zeit. Immerhin 
liefsen sich die Formen auch als analogische Neubildungen erklären: 
wie zur 3. P. Pl. Perf. zrouberon eine ı. P. Pl. trouderan (1 2) gebildet 
werden konnte, war zu /ouron auch eine Neubildung /ouran, zu 
fearon —feron ein feran möglich. — Mistral führt im Tresor unter 
faire eine ı. Pl. Perf. ferian auf, die er als marseillisch bezeichnet. 
Pansier (S. 158) verzeichnet jedoch für das Avignonesische des 
18. Jahrhunderts als Perfektformen von faire: fe, fes, fet, ferian, 
ferias, feron. Ferian hatte damals also eine weitere Verbreitung. 

Sonst sind aus den Verbalformen noch hervorzuheben: die 
ursprüngliche Konjunktivform 3.P. sie 7 ı8, 13 28, 3ı (8 117) neben 
der neuen analogischen Form siege 49; die Form suc 8 131, 138 
für die ı. P. Sg. Praes. neben siow 4 ı; die 3.P. ey Lıı neben 
dem sonst üblichen es. 

Auch syntaktisch begegnen verschiedene Eigentümlichkeiten, 
die aber zur mundartlichen Bestimmung nicht viel helfen: you (= ieu) 
schon hier als Akkusativ gebraucht (de you 7 44); ne noch als volle 
Negation verwendet (7 44 si den prest tu n’as pielal de you); Nicht- 
rektion des auf das Objekt folgenden Partizips bei aver (8 140—41 
de la chiero Qu’ay fach dıns Avignon); devenir zur Bildung des Passivs 
(deven transsit 8 23f.); einfacher Infinitiv (ohne de) nach pregar 
(7 25 Pregariou Diou ly faire per estreno, vgl. die Anm.) und nach 
Substantiv (13 2ı Vonte n’ay luoc ly pouder faire entendre, 14 68—6g 
As tu ben lou courage Mi veser plen de rage);, comben que (von Mistral 
nur für die Gascogne bezeugt) bald mit Konjunktiv (13 28 Comden 
que sı6E de son hueil affarado), bald mit Indikativ (8 133 — 35 Z 
comben que Pluton Et Dono Prosarpino An fach a Brlaudon ...). 

Mehr Charakteristisches bieten einzelne Wörter mit ihren 
Wortformen. So zeigt voux 2 3 «-vocem noch die regelrechte lautliche 
Entwicklung wie crous«— crucem, während neupr. voues (vouei, vouas, voua) 
aus französisch v»:.x (— zuegs) übernommen ist! und in der rhonischen 
Mundart, Dep. Var, Nizza, Auvergne gesprochen wird. Zrein 749 
für ansın ist bereits oben als marseillisch bezeichnet worden. — 
Fyemo 89 für femo ist nach Mistrals Tresor die Form des Alpen- 


! Vgl. über die Entlehnungen aus dem Französischen Carl Grapengeter, 
Die nordfranzösischen Elemente in Mistrals Werken. Diss. Kiel 1916. 


572 KARL VORETZSCH, 


gebiets und Nizzas, reicht aber nach Blatt 5488 des ALF bis 
Martigues, Eyguieres, Vaucluse, also über Marseille hinaus (für das 
Mistral die Form /rumo angibt). Unterrhonisch ist /emo, fumo.i — 
Für lat. asinus hat Bellaud die Formen as: 7 49, 14 29, und ay 8 ı6. 
Nach Mistral wird ase und az in Marseille, ase (age) und ae in Nizza 
gesprochen. Nach dem ALF (Blatt 4ı) stellt sich das Verhältnis 
etwas anders dar. Das eine Gebiet wird gebildet durch die Aus- 
sprache aze (Grenzorte Menton, Fontan, St. Sauveur, Mezel, St. Etienne- 
les-Orgues, Villelaure, Eyguieres, Stes. Maries), das andere durch 
die Formen ohne -8, aye, ai, ae (Grenzorte Plan du Var, Puget, 
Theniers, Castellane, Greoux, Gardanne, Martigues). Die Form ai 
wird im südwestlichen Teil des Dep. Alpes maritimes, im Dep. Var 
und im Osten des Dep. Bouches du Rhone gesprochen. Bellaud 
hat also (wie auch die Silbenmessung lehrt) Formen aus zwei ver- 
schiedenen Mundarten verwendet. — Die schwierige Wörtergruppe 
locum, focum, jocum erscheint hier als /uoc (vgl. auch Zuöctenent 4 ı2), 
/uoc, jwoc. Formen mit erhaltenem Endkonsonanten erscheinen heute 
(vgl. ALF 563 eu, 719 jew, Mistrals Tresor unter fd, jo, 40, 
Sütterlin S. 264) östlich der Rhone nur noch in den Dep. Alpes 
Maritimes, Basses- Alpes (Nordosten) und Hautes- Alpes als j/ück 
(fürg), dZück, lück, aulserdem im gröfsten Teil der Mundarten 
westlich der Rhone als /oc, fwoc, fouec usw. Die Grenze für die 
vokalische Entwicklung liegt östlich der Rhone: vom Westen her 
reicht die Form fd bis Stes. Maries, Eyguieres, Vaucluse, Courthezon, 
Pierrelatte, Nyons, die Form dz2o—d2o bis Stes. Maries, Fourques, 
Aramon, Courthezon. Die aus dem ALF feststellbaren westlichen 
Grenzorte für fü@ (fye, fwe) sind Martigues, Gardanne, Villelaure, 
Sault, Orpierre (/urk); für djüe (djyve. d2yo u.ä.) Martigues, Eyguieres, 
Villelaure, Sault, Orpierre (d2üek). Für Jocum bezeichnet Mistral 
lid als rhonisch, Zue als marseillisch?, Zeue, /iuec als Formen des 
Dep. Var. Alle diese Formen scheinen aus wor, juoc, Zsoc entstanden 
zu sein, die zur Zeit Bellauds jedenfalls noch in der Gegend von 
Aix und Marseille gesprochen wurden und damals vermutlich noch 
weiter reichten. 

Die Prüfung ergibt sonach eine Reihe von Erscheinungen, 
welche die Mundart von Aix und Marseille bezeichnen: den Über- 
gang des unbetonten a zu o, die Endung -: der ı. Person verschiedener 
Tempora und Modi, die Artikelformen dau und das, die Pronomina 
mi & si, die Wortformen vous, fremo, traditouro (vgl. 14 64), pawoo 
(877), borny (7 13), encın, tarrıble ({ 49). Diese Eigentümlichkeiten 
stellen vermutlich nicht nur die Sprache der Marseiller Drucke, 
sondern im wesentlichen auch die Sprache des Dichters dar, der 
in Aix seine Jugend verlebt und seine Ausbildung erfahren hat. 

Die literarhistorische Stellung des Dichters wird sich 
nur auf Grund eingehender Untersuchung feststellen lassen. Der 


1 Jedoch hat ein Lied von 1662 aus Avignon (Pansier S. 133, Str. 12) 
fremos (Jean Bertet aus Avignon, 1666 — Pansier S. 140 — wiederum femo) 
2 Lue, fue, jue auch bei Victor Gelu. 


PROBEN AUS DEN OBROS ET RIMOS PROVVENSSALOS. 573 


Verfasser des oben (S. 550ff.) abgedruckten ‚Eloge‘ rühmt Bellauds 
dichterische Fähigkeit „bien qu’il n’eust faict estat des lettres, 
n’ayant iamais veu liure Latin, ne regard& que de leil seulement 
les Francois“. So völlig selbstwachsen wird sich Bellaud bei 
näherer Betrachtung nicht erweisen. Er ist zunächst ein Dichter 
der Renaissancezeit, der in der Ausschmückung seiner Erlebnisse 
und Empfindungen in Namen und Persönlichkeiten der antiken 
Mythologie, in Bildern und Vergleichen dieser Art schwelgt. 
Voran steht bei seiner erotischen Veranlagung der Liebesgott, der 
selten mit dem Namen Amour (1848) oder Cupidon (14 88) be- 
zeichnet, meist umschrieben wird: Jow Bourniachou garsson 4% 3, 
aquel enfant Borny 7 ı3, vn gargon nud 13 ı3 oder kurzweg !’Enfant 
(son arc et sa flecheto) 132. Der Liebesgott trifft ihn mit dem 
Pfeil, läfst diesen in seinem Herzen stecken, versengt dem Dichter 
Herz und Seele, macht ihn zu seinem Sklaven, und so erwartet 
der Dichter vom Liebesgott auch Hilfe in seiner Liebespein. Für 
sein zweites Hauptthema, seine Gefangenschaft, erscheinen ihm 
Pluton und Pyoserpina passend, um den Gefängniswärter und seine 
Frau darzustellen (Nr.%: Ode). Das tertium comparationis ist das 
Enfert, die Hölle, die Unterwelt. Sie bietet ihm auch die Mög- 
lichkeit, den Richter als Minos (Nr. 6, bes. Nr. 7), seinen Stell- 
vertreter als Juöctenent de Minos (Nr. 11) zu bezeichnen. Die über 
die Gefangenen gefällten Todesurteile und die Gedanken an ein 
ähnliches Schicksal zaubern ihm das Bild des zse/ Caron mit der 
blanco barbetto und seiner Barke vor Augen, selbst der erforderliche 
Obolos (ceron) wird nicht vergessen (4 und bes. 8). Merkwürdig 
genug nimmt sich in dieser antiken Szenerie der Kaplan aus, der 
dem von Minos gepeinigten Gefangenen ein Kreuz in die Hände 
legt (8 gı fl.) oder neben dem Alme Jupin, der Avignon geschaffen, 
neben Zora, neben Pan, dem Diow Cabro-peds, und neben Vulkan 
low Gamby cantelous als Unwetiermacher das enfant Cherubin prodigue 
de l’encens (Nr. 12). In anderem Zusammenhang wird /a dlondo Ceres 
als Göttin der Feldfrüchte (Nr. 8, Nr. 15) genannt. Die in der 
Complainte (14 ıgfl.) aufgeführten Qualen der antiken Unterwelt 
vervollständigen das Bild, das den Dichter völlig von Vorstellungen 
des klassischen Altertums umgeben zeigt. 

Die Bevorzugung der Sonetiform ist gleichfalls neuzeitlich, 
ebenso wie die Verwendung der Terzine (in der besonderen Form 
abb—acc in Nr.7) und die Bezeichnung Ode (Nr.8). Die 
Gattung der Complainte hingegen ist älter. Volkstümliche Form 
zeigt die ‚Chancon follastre‘ (Nr. 13), die ebenso wie die ‚Chanson 
de la cruaut€ de ma Maistresso‘ zum Singen bestimmt war, wie 
das dem ersten Vers der Strophe beigefügte Bis lehrt. 

In seiner Wesensart und Lebensauffassung zeigt Bellaud viel 
Verwandtschaft mit Clement Marot. Nur fehlt ihm völlig der reli- 
giöse Zug, und seine Gegnerschaft gegen die Hugenotten scheidet 
ihn auch hinsichtlich des Bekenntnisses von dem französisch dich- 
tenden Sprachverwandten aus Cahors. Ins Gefängnis kamen die 


574 KARL VOKETZSCH, 


beiden aus sehr verschiedenen Ursachen, aber die Schrecken dieses 
‚Enfer‘ haben sie beide erlebt und anschaulich geschildert, und es 
bleibt noch zu untersuchen, ob Bellaud hierbei nicht von Marot 
Anregung erhalten hat. Vermutlich wird sich bei einer planmäfsigen 
Vergleichung noch manche Beziehung herausstellen, der sicherlich 
aus Marot entlehnte dreifache Reim Cai/z, Catos et Catons: 4 Rass, 
Rattos, Ratons (9 2-3) gibt dafür einen Fingerzeig. Auch die an 
sich für einen humanistisch gebildeten Dichter nicht fernliegende 
Bezeichnung des Richters als Minos findet sich schon bei Marot. 

Die literarische Eigenart Bellauds läfst sich in ihren Grund- 
zügen auch schon aus den hier mitgeteilten 500 Versen erkennen. 
Das persönliche Erleben und Empfinden bestimmt den Inhalt 
seiner Dichtung: Klagen über das Los des Gefangenen, Klagen 
über nicht erhörte Liebe einerseits — andrerseits fröhliche Rück- 
erinnerung an Freundschaft und Geselligkeit, Liebe und Liebes- 
freuden, ungebändigte Lebenslust, die ihren Ausdruck im Bekenntnis 
zu einer möglichst vielseitigen Liebe und sogar in der Aufzählung 
von Lieblingsspeisen findet. Das düstere Leben im Gefängnis wird 
ihm augenscheinlich durch besondere Kost und sogar durch An- 
knüpfung neuer Liebschaften erleichtert. Dazu kommt ein glück- 
licher Humor, der selbst über die realistische Schilderung von 
Gefangenenleben und Gerichtsverfahren mit allen ihren Qualen ein 
verklärendes Licht wirft, zumal das für die ‚Ode über Elend und 
Armseligkeit des Gefangenen‘ gewählte Metrum eine tragische 
Stimmung nicht aufkommen lälst. 

Die Anschaulichkeit der Schilderung lälst nichts zu wünschen 
übrig. Gefangennahme, Schlaf auf dem nackten Boden, Nahrung- 
reichen durch ein Loch, Verhör, Foltern, Verurteilung: alles wird 
getreu beschrieben, selbst das Testament nicht vergessen, ohne das 
die Hinrichtung des Verurteilten ohne Wert ist. Der Vergleich 
seiner vielen Liebschaften mit der Maus, die mehr als ein Schlupf- 
loch hat, wirkt sogar zynisch. Derb ist auch seine Anrede an die 
antiken Dichter, die canazllo das poelos dau passat, an die Pendus, 
grob seine hypothetische Anrede an den durdec, der seiner Neigung 
zur Allerweltsliebelei mit Sprichwörterweisheit entgegentreten könnte: 
vous sıas un ay, compaire. Bemerkenswert ist auch seine Fähigkeit 
zur Kürze des Ausdrucks: in der Complainte V. 28ff. bringt jede 
Kurzzeile ein neues Bild, und in V. 22ff. stopft er vier antike 
Jenseitsqualen in drei Kurzzeilen ! 

Ein wesentliches Stück von Bellauds Kunst liegt in seiner Vor- 
liebe für Bilder und Vergleiche, in der Auswahl und Ausführung 
der Bilder. Einzelheiten des Gefangenenlebens und namentlich 
der Folterqualen werden mit dem Tarokspiel verglichen oder als 
juwocs bezeichnet, denen gegenüber leichtere Qualen noch als 
amouretios erscheinen (8). Das Gefängnis ist bald ein Znjert, 
bald ein Prgeonnier. Die Stadt Avignon ist wie ein Ei voll von 
guten Dingen (12). Er selbst sprang ehedem wie ein Zicklein 
herum (13 ı0). Die Gefangenen sind wie Lämmer in der Macht 


PROBEN AUS DEN OBKOS KT KIMOS PROVVENSSALOS. 575 


des Wolfes (3). Die Bilder strömen ihm nur so zu: ein Ochse 
vorm Pflug, ein Mühlesel, ein Weingärtner, ein Zugmaultier kann 
nicht soviel Qual erleiden wie der Dichter durch das Lieben (14 25). 
Der Gefangene wird in das Gefängnis gesteckt wie der Esel in 
den Stall (8 ı8). 

Sehr gern bedient er sich zum Vergleich der Steigerung: der 
Haushund macht ein fröhlicheres Gesicht als der Gefangene (8 25). 
Zeitweise hat der Dichter das Dichten mehr gemieden als Gift (4). 
Nach seiner Gefangennahme ist er tiefsinniger als ein von seiner 
Herrin aufgegebener Verliebter (2). Das Mädchen, das seine Liebe 
nicht erhört, hat ihn elender gemacht als ein armseliger Esel 
hinten im Stall ist (7 46f.). Lieber möchte er bei Montauban und 
La Rochelle Gänse hüten als immer die Glocke des Gefängnisses 
hören (8), lieber von Salat, Zwiebeln und Knoblauch leben als von 
gespickten Rebhühnern im Gefängnis (8 63). 

Von solchen Steigerungen aus ist nur ein Schritt zur Hyperbel: 
eher werden Katzen und Mäuse, Hasen und Wölfe gut Freund 
miteinander sein, eher Berge zu Ebenen werden oder Ziegenböcke 
keinen Bart mehr haben, als Margot, Juano, Anillo und Bertrano 
aufhören würden ihn zu lieben (9). Der Grofse Ozean bringt 
nicht so viel Sand und die blonde Ceres nicht so viel Getreide 
im Juni hervor, als der Dichter und seine Gefährten Wünsche 
hatten, aus dem Gefängnis befreit zu werden (15). 

Auch mit dem negativen Vergleich (non pas coume d’espoux 
Mais coume ... gens que lous menon pendre 8 7-8) und durch Ver- 
gleich der Gegensätze — wie in Nr. 10: der Lebemann und der 
Mann im Schmerz —, durch die Antithese, weils der Dichter zu 
wirken. Zwei schön ausgeführte Gleichnisse — von der Menge, 
welche einen gestürzten Baum plündert, von den Ährenlesern auf 
abgeerntetem Feld — leiten seine Klageode (8) ein: die grofse Zahl 
der Übel, die auf den Gefangenen einstürmen, bildet den Ver- 
gleichspunkt. 

Nimmt man dazu die Flüssigkeit des Ausdrucks und den 
glatten Vers- und Strophenbau des Dichters, so entsteht ein har- 
monisches Gesamtbild, das den Dichter nicht nur als den würdigen 
Erneuerer der provenzalischen Dichtung, sondern auch als eine 
hervorragende Erscheinung der gesamten Literatur des damaligen 
Frankreich zeigt. Er ist das wichtigste Bindeglied zwischen der 
provenzalischen Dichtung des Mittelalters und der Neuzeit. 


KAarL VORETZSCH. 


Discus, 


Seit dem grundlegenden Aufsatz über Probleme der altroma- 
nischen Wortgeographie, mit dem Jud den Bd. 38 dieser Zeitschrift 
eingeleitet hat, ist das Interesse für die Fragen der Verteilung des 
lateinischen Wortschatzes auf die verschiedenen Gebiete der Romania 
stets lebendig geblieben. Zwar die von Meyer-Lübke in der 
Vorrede zu seinem REW in Aussicht gestellte zusammenfassende 
Geschichte des romanischen Wortschatzes in älterer Zeit haben wir 
leider bis heute noch nicht erhalten: ein schwerer Verlust für unsere 
Wissenschaft. Aber manche andere Arbeiten haben den noch wenig 
durchpflügten Boden gelockert. Ich denke an Aufsätze, wie Grieras 
Afro-romdnic 0 ibero-romädnic (Butlleti de dialectologia catalana 
10, 34 —53; vgl. dazu Arch. Rom. 8, 487; Rom. 5ı, 29ı) und 
Meyer-Lübkes Ausführungen über den katalanischen Wortschatz 
in seinem Buch über diese Sprache. An einer einzelnen Wort- 
gruppe, den Benennungen des Schafes, habe ich die Verteilung 
der Worttypen in jener Übergangszeit vom Lat. zu den rom. Sprachen 
darzustellen versucht (Abhandlungen der K. Preufs. Akademie der 
Wiss. Berlin 1918, Nr. ı0). Ein tiefschürfender Aufsatz von Jud, 
Rev. de linguist. rom. ı, 181—236, untersucht die Gründe des Aus- 
einandergehens der Ausdrücke für „löschen“ in den verschiedenen 
rom. Sprachen. 

Diese Arbeiten geben fast durchwegs das Bild provinzieller 
Differenzierung des Wortschatzes. Das Rumänische setzt sich zu 
Italien in Gegensatz, das Iberorom. zum Gallorom. usw. Sie gehen 
auch meist vom Begriff aus, um den sich dann die verschiedenen 
Ausdrücke gruppieren. Demgegenüber mag einmal das Wort zum 
Ausgangspunkt genommen und seine Bedeutungsentwicklung in 
den verschiedenen Teilen der Romania verfolgt werden. 

Lat. Dıscus ist dem gr. dioxog „Wurfscheibe“ (zu dıxeTv „werfen“) 
entlehnt, dessen Bedeutung es genau wiedergibt. Die Form der 
Scheibe hat den Anlafs dazu gegeben, dals ihr Name auf flache 
Speiseschüsseln übertragen wurde. Diese Bedeutung ist, soviel ich 
sehe, im Griech. seit dem ı. Jahrhundert nach Christus zu belegen, 
und zwar besonders als Ausdruck der Sakralsprache: dloxog (eos 
„sacer discus, in quo Graeci inter missae solemnia sanctum panem 
reponunt“.1 In der lateinischen Literatur tritt die Bedeutung „flache 


ı Wohl aus der griechkath. Kirchensprache rum. disc „Hostienteller; 
Teller zum Geldsammeln in der Kirche“, bulg. diskos „Teller“ usw. 


DISCUS. 577 


Speiseschüssel* seit dem 2. Jahrh. auf, und zwar zuerst bei Apuleius. 
Ihr gegenüber mulfste die ältere Bed. „Wurfscheibe* zurücktreten, 
schon wegen des Verschwindens der antiken Spiele! Wir haben 
also für das Romanische auszugehen von der Bed. „flache Speise- 
schüssel“. 

Durchforschen wir die rom. Hauptsprachen nach Spuren von 
DIscus in dieser lat. Bedeutung, so sind wir überrascht, feststellen 
zu müssen, dafs sie durchaus fehlt.2 Sie lebt einzig weiter in dem 
früh von der Romania abgesprengten Sardinien: logud. arsk« 
„runde Schüssel, die bei der Käsebereitung Verwendung findet“, 
diskw, Sassari, kors. a!Yy% „Schüssel“, campid. dis2 weddu (+ SKU- 
TELLA) ZRPh 23, 471, 519; 25, 740; AGI 14, 387; Wagner, Das 
ländliche Leben 120. 

In Italien, im Rät. und im Gallorom. lebt pDIiscus weiter in 
einer neueren Bed., die im Lat. nicht zu belegen ist, nämlich „Tisch“. 
Die älteste Stelle, an der sie sich m. W. findet, haben wir im 
Capitulare de Villis cap. 24: guidguid ad discum dare debeat, wo discus 
den Speisetisch, die Tafel des Königs bezeichnet. Diese Bed. ent- 
wickelt sich auf sehr einfache Weise aus „Scheibe“. Die von den 
Römern verwendeten Tischplatten waren rund; oft wurden sie auch 
nur auf den gemauerten Fuls aufgelegt und nach Bedarf wieder 
weggenommen (Blümner, Privataltertümer ı24). Eine solche runde 
Tischplatte nannten die Römer orBıs. Als dieses Wort in Abgang 
kam, war DISCUS der gegebene Ersatz. Zweifellos spielte bei dieser 
Bedeutungsentwicklung die Umgestaltung der Kulturverhältnisse eine 
grolse Rolle. Als die Germanen ins Römische Reich eindrangen, 
brachten sie ihre primitiven Gewohnheiten mit. Diese bestanden 
darin, dafs bei einem Gastmahl das Essen vor jeden einzelnen der 
auf dem Boden sitzenden Gäste auf einen kleinen Tisch hingestellt 
wurde; vgl. Schrader, Reallexikon 2, 536.3 Daher vereinigte dieser 
die Funktionen eines Tisches und einer Schüssel. Das kommt 
sprachlich oft zum Ausdruck; vgl. got. mes „Tisch; hölzerne Schüssel“, 
ksl. misa „Schüssel“ neben slov. miza „Tisch“. Diese Art zu speisen 
war natürlich den höheren Klassen vorbehalten. In den unteren 
Schichten der Bevölkerung afs die ganze Familie gemeinsam aus 


ı Übrigens hat das Diskuswerfen in Rom nie auch nur annähernd die 
gleiche Rolle gespielt wie in Griechenland, s. Blümner, Privataltertümer 329. 

2 Einzig das Apr. scheint ein desc „Schüssel zu kennen. Doch bleibt 
zu beachten, dafs an den beiden Stellen, an denen dieses belept ist, es sich 
um die Erzählung von der Enthauptung Johannes des Täufers handelt. Nun 
lautet die betreffende Stelle in der Vulgata, Marcus 6, 28: Z£2 decollavit eum 
in carcere, et attulit caput eius in disco. Da sonst desc im Apr. nie „Schüssel“, 
sondern immer „Korb“ bedeutet, liegt es nahe, in der vorerwähnten Bed. von 
desc Einflufs der Vulgata zu selıen. Übrigens ist es sehr wohl möglich, dafs 
die Südfranzosen dem Worte desce auch an den genannten Stellen die ihnen 
geläufige Bed. beilegten, da schliefslich ein abgeschlagenes Haupt auch auf 
einem flachen Korb getragen werden konnte. Auf jeden Fall liefse sich also 
ein Weiterleben von DISCUS „Schüssel“ nicht durch einen Hinweis auf das 
Apr. stützen. 

3 So sagt Tacitus: sedaralae singulis sedes et sua cuique mensa. 


Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 37 


578 WALTHER VON WARTBURG, 


dem einen Kochkessel direkt, darum herum kauernd und hockend, 
wie das heute noch in Sennhütten der Schweizer Alpen oder bei 
den Hirten in den Appenninen der Fall ist. Dafs der discus in 
diesem Sinne nur dem Haushalt der herrschenden Klasse angehörte, 
geht klar hervor aus der oben zitierten Stelle im Capitulare de Villis. 
Dementsprechend bedeuten denn auch afr. mfr. ders, apr. desc „grolser, 
runder Elstisch der Vornehmen“.1 Diese Bed. ist auch in Italien 
weit verbreitet: atosk. desco „Efstisch“ Studi Mediev. ı, 248, alomb. 
id. ZRPh ı5, 458, gen.id., it. „Elstisch; Fleischerbank“, Treviso 
lesco „langer Speisetisch in der Vorhalle der Bauernhäuser“, Südtirol 
desk „Tisch* Gartner, Handbuch 269; ferner mit sekundärer Ent- 
wicklung der Bedeutung Südtirol d’sk „Dreschbank“ Bündnerisches 
Monatsblatt 1922, 49, Poschiavo desk „asse su cui collocano i 
pani impastati perche fermentino“, Molise di!k> „Formbrett für 
Makkaroni“ usw. Arch. Rom. 9, 157. 

Südfrankreich hat DIscus ebenfalls eine spezielle Bedeutungs- 
entwicklung durchmachen lassen. Apr. desc(a)? bezeichnet einen 
breiten, flachen Korb mit ganz niedrigem Rand, und diese Bed. 
lebt heute noch in fast allen Dialekten. Sie hat sogar in die Grenz- 
gebiete des Katalanischen übergegriffen.? Diese Bed. ist leicht zu 
verstehen als Fortsetzerin von „Efstisch“, kaum aber von „Schüssel“ 
aus, da die Dimensionsunterschiede zu grols wären. 

Nun lebt aber pıscus auch aulserhalb der Romania weiter. 
Es wurde in beiden in Frage kommenden Bed. auch von anderen 
Sprachen aufgenommen: 

DISCUS „Schüssel“ > berber. duscu „grolse Holzschüssel“ 
Schuchardt, Rom. Lehnwörter im Berber. 56, air. /esc „Schüssel“, 
akymr. disc/, nkymr. dysgl, abret. discou, nbret. disk (Pedersen 1, 224; 
Rev. Celt. 30, 338; Bezz. Beitr. 18, 76), ags. dise. engl. dish, ahd. ic, 
noch heute z. B. Schleswig das? „Teller, Schüssel“ Z. deutsche Phil 
38, 495, anord. dıskr, dän. disk. 

Discus „*Tisch“ > d. Zisch, ahd. disc, westfäl. disk, dıss, ndl. disch. 

Halten wir die romanischen und auflserromanischen Vertreter 
von DISCUS zusammen, so ergibt sich folgendes Gesamtbild: 

DISCUS bedeutet in der Kaiserzeit ı. Scheibe, 2. Schüssel 
Innerhalb der Romania ist es spurlos untergegangen in der Hispania 
und im Balkanromanischen. 

I. DISCUS „Scheibe* ist ganz verschwunden, und zwar, nach 
den Belegen im Thes. Linguae Lat. zu schliefsen, schon seit dem 
4. Jahrh. 


1 Die Entwicklung der Bedeutung „Baldachin“ ist ein sekundärer Vor- 
gang, beruhend darauf, dafs diese Speisetische oft mit einem grofsen Zeltdach 
überspannt waren. — Die alte Bed. ist vereinzelt in den Mundarten geblieben, 
vgl. z. B. Cancale das „table de boulanger“. 

2 Zur Bildung des Femininums s. meine Ausführungen in Butll. Cat. 
1921, S. SI. 

5 S, Mitteil. Hamb. Seminar 4, 32 n. 1; Butll. Cat. 1920, 9; ALCas 478; 
Dicc. Aguil6, 


DISCUS. 579 


2. DISCUS „Schüssel“ lebt weiter in den im Jahre 458 von 
Rom abgesprengten Inseln Sardinien und Korsika, sowie in weitem 
Umkreis um die Romania als Lehnwort in den Nachbarsprachen. 

3. Zur Zeit, da die Verbindungen mit entlegeneren Gebieten 
bereits abgerissen ist, also etwa im 5. Jahrh. nimmt piıscus die 
Bed. „Tisch“ an. Der Grund dazu ist zu suchen im Untergang 
von ORBIS, besonders aber in der Art, wie die eingebrochenen 
germanischen Völker bei ihren Gastmählern zu tafeln pflegten. 
pDıscus „Tisch* hat sich aber in dieser Zeit des zurückgehenden 
wirtschaftlichen und sprachlichen Verkehrs nur noch in Italien und 
in der Galloromania Geltung verschaffen können. Aus dieser wurde 
es dann auch in das eng mit beiden verbundene Deutschland ver- 
schleppt. Um in weiter entlegene nichtromanische Sprachen zu 
wandern, dazu hatte es schon nicht mehr die nötige Expansionskraft. 

So bietet die Geschichte von DISCUS ein getreues Spiegelbild 
des allmählichen Zurückgehens der sprachlichen Vormachtstellung 
der zentralen Romania (Italiens), deren semantische Neuerungen 
gegen Ende der Kaiserzeit nicht mehr bis in die Peripherie des 
Reiches zu dringen vermögen. 


W. v. WARTBURG. 


37* 


Fünf Barzelletten nach alten Drucken. 


In der Sammlung italienischer volkstümlicher Drucke auf der Rat- 
schulbibliothek in Zwickau, welche ich in der Zrph., Bd. XXXI (1907), 
S. 310 ff, beschrieben habe, und die eine Auswahl der um 1500 
beim Volke beliebten Literatur bietet, ist auch die Liebes- und die 
weiberfeindliche Dichtung stark vertreten. Aus letzterer drucke ich 
hier vier Barzelletten ab, alle in der typischen Ballatenform. N.I, 
eine Schmähuny der alten Weiber, hat hier insofern eine besondere 
Wendung bekommen, als sie einer jungen Frau gegen die Schwieger- 
mutter in den Mund gelegt ist.1 N. ist eine Warnung vor der 
Liebe überhaupt mit Schilderung der Folgen.? In N. III wendet 
sich eine Frau gegen einen Mann, der sie mit giftiger Zunge ver- 
folgt.3 N.IV scheint sich nach der Überschrift auf säumige und 
böswillige Zahler zu beziehen.* Unser Druck bezeichnet das Gedicht 
als „Canzon facta contra di color che promette [atilfar de zorno 
in zorno*, und ein Druck aus dem ı6. Jhd. auf der Marciana® 
bezeichnet es sogar auf dem ersten Titelblatt ausdrücklich als 
„vna bella Canzona contro a quelli, che promettono di fodisfare 
di giorno, in giorno, o al piu lungo al Sabato, el qual fabato non 
vien mai, tal che non vengono & conclufione alcuna di pagare chi 
ha d’ hauere“. Auch das zweite für die Barzelletta besondere 
Titelblatt deutet neben der mit unserem Druck fast gleichlautenden 
Überschrift in seinem Bilde darauf hin. Trotzdem ist das Gedicht 
aber eine Anklage gegen einen harten Geliebten, reichlich mit 
Sprichwörtern durchsetzt wie schon IU. Wahrscheinlich haben beide 
Gedichte denselben Verfasser. Die fünfte Barzelletta, die ich noch 
folgen lasse, ist eine grobe Ausführung des Ritornells Lorenzo 
de’ Medicis: „Chi vuol esser lieto, sia: di doman non c’ € cerrlezza“, 
ebenfalls mit vielen eingestreuten Sprichwörtern. Sie findet sich 


I Die Beschreibung des Druckes a.a. O., S. 338 unter XXIV. Einen 
Druck „Balata contra le vechie invidiose“, der nur dieses Gedicht enthält, ver- 
zeichnet Segarizzi, Bibliografla d:lle stampe popolari italiane della R. Biblioteca 
Nazionale di S. Marco di Venezia, Vol.I (Bergamo 1913), S. 178—179, N. 183. 
Misc. 2053. 6 [Sec XVI]. In meinen „Neunzehn Lieder Lionardo Giustinianis 
nach den alten Drucken“ (Ludwigslust 1885), S. 11—ı2 findet sich eine Frottola 
gegen die Alten, in der ein von einer Alten verratener Jüngling spricht. Die 
Frottola ist übrigens schwerlich von Giustiniani. 

2 Nach dem Druck XVI a.2.0. S. 325. 

8 Nach dem Druck XX 2.2.0. S. 331. 

® Nach demselben Druck a.a.O. S. 332. 

5 Misc. 1016. 15 [Sec. XVI], Segarizzi a.a. O. S.61 und 66—70 mit 
Faksimiles der beiden Titelblätter. Auf dem zweiten steht unsere Barzelletta 
bis auf die letzten sechs Verse, 


FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 581 


zweimal in der Sammlung und wird in dem einen Druck dem 
Faustino aus Rimini zugeschrieben.1 

Beim Abdruck der Texte setze ich s statt /, c statt ck vor a, 
0, #, lasse die überflüssigen A weg, löse die »-Striche auf und führe 
Akzente, Apostrophe und Satzzeichen ein. Die Wiederholung der 
Ritornelle gebe ich wie in den Drucken. Die Sprache lasse ich 
unangetastet. Über jede Abweichung vom Drucke in textlicher und 
metrischer Beziehung geben die Anmerkungen Auskunft, wo ich 
auch die genaue Schreibung der Drucke bewahre. Sprachvarianten 
gebe ich nicht an, wo mehrere Drucke vorhanden sind. 


I. 
Canzone delle Vechie Invidiose. 
ı Queste vechie grinc’ e nere Se le vegon una copia 
son de schiata de cigale, 25 che si portin grande amore, 
sempremai cometton male la lor pena si radoppia, 
e pezo vorian vedere. par ch’ egli esci lor el cuore. 
5 Queste vechie grince. Elle crepon di dolore, 
Le son tutte d’ una buza ch& la rabia han dentro l’ossa, 
a dir mal delle polcelle! 30 e con tutta la lor possa 
Hanno el viso de bertuza, a nesun posson piacere. 
grinza e bisa hanno la pelle, Queste vechie, 

10 sempre studiano in novelle Elle hanno tal pene e doglie 
biasimando queste e quella. che se son cariche d’ anni 
Cascar possa le cervella 35 et non han tracte le voglie; 

a quante se ne pö vedere, questo dä lor grandi affanni. 
Queste vechie. Le se vegon in quei panni 

15 Queste vechie dispectose con sogoli e sugatoi, 
guastariano el paradiso, vegon che pentirse poi 
elle son tutte invidiose! 40 8 gran doglia e dispiacere. 
Quando vegono un bel viso, Queste vechie. ° 
elle guardano ben fiso Le non posson ristorare 

20 et poi fanno lor pensiero: el tempo che han perduto 
il mio & zä& si grinzo e nero, e vegonsi refutare 
che ’l diavol voria vedere. 45 da chi ha lor ben voluto, 

Queste vechie. et con lor pensier arguto 
I. 13 a ist durch den vorhergehenden Vers gebunden. — 29—30 Man 
erwartet eigentlich 29 e und 30 che. — 38 con gran Jogli. Die Verbesserung 


verdanke ich dem Wörterbuch von Tommas:o-Bellini, das unter sciwgatoio als 
Beispiel die Verse: „Le si veggono in que’ panni Con soggoli e sciugatoi“ 
als von Lorenzo de’ Medici anführt. Dies ist ein Irrtum, denn die Verse finden 
sich weder in der Edizione granducale von 1825 noch in der neusten kritischen 
Ausgabe von Attilio Simoni (Bari, Laterza 1913— 1914, 2 Bde). Ich vermute, 
dafs unser Gedicht in den Ausgaben Sermantellis von 1562 und 1568 (Nachdrucke 
der Ausgabe 1553 s.1., vgl. Simiani II, 346), die in dem Wörterbuch benutzt sind, 
als von Lorenzo de’ Medici abgedruckt ist. Es festzustellen fehlt mir leider die 
Möglichkeit. — 39 che der Pentirfe. — 43 che han ist zweisilbig, sonst Aanno. 


! Druck V (A) und XVIIL(B) a.a. O. S. 313— 314 und 326— 327. 


582 


so 


55 


10 


15 


BERTHOLD WIESE, 


voglion far la lor vendetta. 65 
Guai a quella giovinetta 
che fa lor un dispiacere! 
Queste vechie. 
I’ n’ho sopra al capo dua 
ch’ i’ non posso favellare, 70 
ch@ ognuna dice la sua, 
e mi quieta convien stare. 
Io non posso a festa andare 
ne in casa di vicina, 
ne da sira e da matina 75 
posso aver alcun piacere, 
Queste vechie. 
Fanciullette, aprite gli ochi, 
quando vui prendi marito, 
et guardate non vi tocchi 80 
aver socera a niun partito! 
Voi avete pur udito 


on. 


che per la suocera mia 

non scio mai che ben si sia 

ne i’ spiero de sapere. 
Queste vechie, 

Or vanne, ballata mia, 

da mia parte alla versiera, 

se la vuol far cortesia, 

di’ che venga con sua schiera, 

et non passi primaviera 

quante vechie son nel mondo 

che le meni nel profondo, 

e lä giü se dien piacere. 

Queste vechie grinz’e nere 

son de schiata de cigale, 

sempremai commetton male 

e pezo vorian vedere. 


FINIS. 


Guarda ben stu sei un coion. 


Guarda beu stu sei un coion 20 
a voler seguir amore: 
Non hai se non un sol core, 
e lo voi por in prigion. 
Guarda ben stu sei un coion. 
Che arai fatto poi meschino 25 
sendo for de libertä? 
Piangerai sera e matino 
per trovar qualche pietä! 
Tu non credi a veritä, 
cieco ben senza ragion. 30 
Guarda ben stu sei un coion 
a voler seguir amore. 
Seria meglio cento volte 
del diavolo esser sugietto 
che de donne scioche e stolte, 35 
che non han altro diletto 
se non torne !’ intelletto 
e sto poco de ragion. 


Guarda ben stu sei un coion 
a voler seguir amore, 

Perö pensa quel che fai: 

Tutto el di per li cantoni 

come stolto n’anderai 

per veder se 1’ & ai balconi. 

Ti trar& sempre botoni, 

se stai saldo al parangon. 
Guarda ben stu sei un coion 
a voler seguir amore. 

E tu, scioco appassionato, 

ogni cigno, ogni parola 

ti par mele inzucherato 

che ti scorra per la gola. 

Sempre stringe e se tramola, 

sempre crescie affection, 
Guarda ben stu sei un coion 
a voler seguir amore. 

Primamente perdi il cuore, 


57 ne da malina. Zue vgl. 1I, 59. — 63 Das a von aver ist gebunden. — 
75 chel le. 


IH. 2 wolere, und so immer. — 3 fu non—cor. — 7, 9, 10 wird die 
Endung -4 den anderen Strophen entsprechend besser in -ade abgeändert. — 
25 a di. — 34 se tramola „schleift sich“, „schärft sich“, von moda Mühlstein, 
Schleifrad. 


FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 583 


l’ inteletto e la memoria, . 50o N& bisogna mo sperare, 
40 la vergogna con 1’ onore, altramente sei un poltron. 
la substantia di tua gloria. Guarda ben stu sei un coion 
Or che resta per memoria a voler seguir amore. 
la catena e la pregion. Perd pensate la fine, 
Guarda ben stu sei un coion 55 cid che vuol seguir amore, 
45 a voler seguir amore. perch& tutte tornan spine 
L’ altra poi, se tu hai soldi, queste rose e queste fiore. 
ti so dir che arai da fare Mai non escie di dolore 
sempremai „Pietro non oldi?* ne d’ afanno e di passion. 
a tal cosa da comprare. FINIS .°. 
IL 
Canzon contra le male lingue. 
ı La tua lingua venenosa Anci che machiarsi un pede 
el ben far mio poco cura, !’ armelin morir destina, 
L’or che fino al foco dura ma chi fa danno in cocina 
luce el ver supra ogni cosa, sempre d’ altri el simel crede. 
25 Chi non ha non pud dar fede, 
5 Alla rocca ben fondata E el magio dove & la rosa, 
poco noce I’ onda el vento. La tua lingua venenosa 
Porta in pace ogni tormento el ben far mio poco cura. 
Ch’ ha de s& I’ anima armata. Stu te guardi dentro el pecto, 
Stu me tene assediata, 30 tu gli hai scrito ogni peccato: 
ı0 Chi caccia altro non riposa. Maldıcente, iniquo, ingrato, 
La tua lingua venenosa mentitor, falso, scoretto. 
el ben far mio poco cura, E poi voi sopra el diffetto 
Tu sei come la badessa de ciascun far qualche giosa! 
ch’ avea seco in letto el frate: 35 La tua lingua venenosa 
ı5 Piena sei de iniquitate el ben far mio poco cura, 
e poi stai divota a messa. Tra’ de calci, se sai trare, 
Quando el lupo se confessa, che la somma portarai. 
Alor tien la capra ascosa, Fammi el peggio che tu sai, 
La tua lingua venenosa 40 che ’l mio ben non voi lassare, 
20 el ben far mio poco cura. perch@ un can senza baiare 


46 L’altra po: heilst „zweitens“, entsprechend dem Primamente 38. — 
47ff. verstehe ich: Hast du Geld, so mulfst du immer den „Peter hörst du 
nicht?“ beim Einkaufen spielen. „Peter hörst du nicht“ sind die Worte, mit 
denen die Geliebte unersättlich ihren Peter zum Kaufen aller möglichen Dinge 
auffordert. — 54 el fine. — 55 uuole. — 58 escie ist 2. pers, sg. — 59 di fehlt. 


II. 2 del statt den. — 4 ner. — 5 Jondata. — 8 Che= Chi. — 
13 fat. — 14 inelletto. — 13—14 vgl. Boccaccio, Dec. IX,2; Pulci, Morgante 
XVI, 59; Prudenzani, Sollazzo S. 44 (Giornale storico della letteratura italiana 
Suppl. 15). — 18 Alhora. — 21 uno. — 26 Non e el. — 31 Maledicente. — 
34 giofa = glosa. — 38 Jomma = suma. 


584 


BERTHOLD WIESE, 


non serö manco animosa. 
La tua lingua venenosa 
el ben far mio poco cura. 


Chi tradisse al fin mal more: 
Contra un falso traditore 
non fu mai lege piatosa. 


45 Honor me & che un hom da poco La tua lingua venenosa 
de me dica mal e peggio. 60 el ben far mio poco cura. 
Questo hai tu per privilegio Ogni hom segua el suo volere, 
sempre accender qualche foco. lassa dir quel che vol dire! 
Tanto susa el latro al gioco, Una volta s’ ha morire, 
50 che la forca e ’l lacio sposa. e perö se vol godere: 
La tua lingua venenosa 65 Pur onesto sia el piacere 
el ben far mio poco cura. della sua fiama amorosa, 
Quando avrai ben facto orrore La tua lingua venenosa 
con la lingua acerba e cruda, el ben far mio poco cura. 
55 morirai come fe Juda. 
IV. 
Canzon facta contra di coloro che 
promette satisfar de zorno in zorno. 
ı Ogni giorno passa un giorno, della cassa ove ha el tesoro 
questa gratia non vien mai! 15 chi non vol darti del’oro. 
Con el dir che ben farai A che spiace entrare in nave 
tu m’ agiri el capo atorno, fugge el vento e ’l mar suave 
e mai piü non fa ritorno, 
5 Sempre im prompto hai qualche Ogni giorno passa un giorno, 
scusa 20 questa gratia non vien mai! 
per dar fede alle parole, Assai teme chi poco ama, 
Non puö mai che mai non vole, ben conforta a chi non noce. 
chi non ama finger susa. El gran fuoco presto coce, 
El voler 1’ eflecto accusa: Tesse mal c’ ha poca trama. 
ı0 Questo eflecto & danno e scorno. 25 In mal poncto el corier chiama, 
Ogni giorno passa un giorno, se sorda & la guarda, el corno. 
questa gratia non vien mai! Ogni giorno passa un giomo, 
Non atrova mai la chiave questa gratia non vien mai! 
49 Susa = suza — suggia „betrügt“. — 53 hauerati. 


IV. Ich bezeichne den Zwickauer Druck mit A, den Venezianer mit B. 


In der Überschrift Canzone contro d quelli che prometton B. — Nach 4 1—2 
wiederholt in B 7 che=chi wie 16 und 24; B hat alle drei Male cAt. 
Der Vers ist wohl aus Inf. V,23 gewonnen. 8 ama dä B. Das /u/a ist 
entweder Verbalsubstantiv zu dem Zeitworte susar III, 49 in der Bedeutung 
„Betrug“, oder es ist Druckfehler für scusa. Dafs dies schon im fünften Verse 
vorkommt, spricht nicht dagegen. „Nie kann, wer nie will, wer nicht gerne 
betrüpt“. — 13 ritroua—le Be — 17 Fuggi A. — 22 a chi non noce ist 
Subjekt zu conforta, in B fehlt a. Zur Erklärung von 25—26 vgl. in 
Varchi’s Canto de’ corrieri (abgedruckt in Guerrinis „Canti carnascialeschi, 
Trionfi, Carri e Mascherate secondo |’ edizione del Bracci“, Milano, Sonzogno 
1883, S. 257: „Siam corrier tutti e come udiamo il como 
A forza ne convien da voi partire." 


FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 585 


Ove & quella ferma fede che brugiato ba fino al’ osso. 
30 che mi desti, ove & ]’ amore? Io dirö un proverbio grosso: 
Tu m’ hai dato e tolto el core 40 NL’ odor poco al morto vale. 
e’l mio bene altrui possiede. A chi vol fortuna male, 
Pazzo & quel che in donna crede gli tempesta el pan nel forno. 
per un riso e acto adorno. Ogni giorno passa un giorno, 
35 Ogni giorno passa un giorno, questa gratia non vien mai! 
questa gratia non vien mai! Finis. 


Non piü gratia! EI foco & tale, 


V. 
Barzelleta del preclarissimo poeta M. Faustino da Rimene. 
ı Vaten via, malenconia, Perö tutto el mio sperare 
che ’] mondo & di chi se’l gode! & fundato in sul presente, 
Altro qua non se riscode, 30 ch& ’l futuro & solamente 
tntto el resto & una pacia, per chi sa astrologia. 
5 Vaten via, malenconia! Vaten via, malenconia! 
Quel pochin che sto al mondo Intervenga quel che vole, 
vo’ goderlo tutto quanto, ch’io non stimo ilmondo un grosso; 
viver lieto e star giocondo, 35 s’el cadesse el cielo el sole, 
sempre in festa, riso e canto. pur che a mi non caggia adosso. 
ı0o Io metrd i pensier da canto Ognun ch’ ha da roder 1’ osso 
stando sempre in sul piacere; Roda pur che pro gli faza, 
abia el mal chi ’l vol avere, Io per me stard in bonaza 
ch’ io no ’l voglio a casa mia. 40 senza troppo fantasia. 
Vaten via, malenconia! Vaten via, malenconia! 
15 Goder voglio infla ch’ io posso, Ognun spenda finch’ el n 'ha. 
ch& ’l stentar non manca mai. Chi spar:gna in cose vane, 
Chi se tira el male adosso, Dio sa poi quel che sarä, 
ne ritrova pur assai. 45 se saren vivi domane, 
Staga pur chi vole in guai; Serri l’ usso che rimane, 
20 s’io potrö, stentar non voglio, ch’ io vo andar dal fico al pero; 
degli affanni e del cordoglio che a pigliar troppo pensero 
se ne trova tuttavia. la mi par una pacia. 
Vaten via, malenconia! so Vaten via, malenconia! 
Spesse volte ho udito dire Goda ognuno e stia iocondo, 
25 quanto noce |’ indusiare, che altro qua non se guadagna. 
che le cose ch’ a venire Sento dir che al’ altro mondo 
mal si possan iudicare. non si beve n@ si magna. 


239 Doue Be — 38 fina A, infino B. 

V. Ich lege den Druck A zugrunde, Die Überschrift nur inB. ı iene A 
pur hier, sonst immer, wie anch B, ten. — 2chielA. — 3quB — 
5 fehlt in A. — 6 /0 al zweisilbig. — 9 in rifoein B. — ıı fehlt inB. — 
12 fehlt e! A. — 24 fehlt ho A. — 27 Poffon Be — 29 fehlt inB. — 
31 /a de B; /a a- kann aber sehr wohl zweisilbig sein. — 34 che statt 
Chio BB — 46 che=chi wie B hat. — 47 „geniefsen was ich kann“; 
andare A. — 48 figliare A. — 54 e non statt ne B. 


586 BERTHOLD WIESE, 


55 E perö tiran la ragna, chi pö aver si se ne pigli, 
quando el vien qualche ventura, che la par milli scompigli 
perch® el ben si poco dura, ogni ben che se desia. 
ch’ el se n’ ha gran carestia. 95 Vaten via, malenconia! 

Vaten via, malenconia! Tor se ne vol quel che vien, 

60 Non guardare al mal mercato, dar nel mato a tutta briglia, 
Pur tu godi e magni e strussi. perch& el val assai un tien 
Nui diren poi quel ditato: piü che cento piglia, piglia. 
„Providebit dominus“, 100 Perd mal si se consiglia 
o che andren battendo agli ussi chi non gode infin che pd, 

65 col sachetto e col baston, Che di quel chi vien dapo’ 
biscantando el tedeum Non si trova in speciaria. 

o qualche altra Ave Maria, Vaten via, malenconia! 
Vaten via, malenconia! 105 Resfondiam pur ben le poste, 
Godi largo, e quel che serba pria crepar che roba avanza! 

70 stenta e vivi a denti sichi! Qualcun po’ pagherä I’ oste, 
Tutti alfın andiam al’ erba quando aren piena la panza. 
N® con nui portian due crichi. Lassa pur zanzar chi zanza, 
Alle forche che }’ impichi ı10o Tirnte al ditto de Aristotile: 
Che si tien I’ argento in tasca! Cum tu poi aver ben, totile, 

75 Dio li dia la mala pasqua e chi vol mal, Dio glien dia, 
a chi vol far massaria. Vaten via, malenconia! 

Vaten via, malenconia! Se dinar ho nel carnero, 
Ciascuu omo che sparagna 115 ripossar giamai non posso; 
mostra aver poco intelleto: stago assai cum mal pensiero 

80 qualcun altro poi se ’] magna quanto piü son smilcio e sco3s0. 
ala barba al suo dispetto, Chi non ha un quatrin adosso 
che per lor non faria un petto va per tutto alla sicura, 
per mandarli in paradiso. 120 non ha ’ver giamai paura 
Non abiam questo per riso, d’ esser preso per la via. 

85 ch 1’& vera prophetia. Vaten via, malenconia! 

Vaten via, malenconia! Ogni cosa si vol vendere 
Ogni tempo viene e va per pagar pci manco datio. 
in un puntto, in un momento, 125 Non ci pd mancar da spendere, 
chi se ’mpiglia si se n’ ha se viven piü longo spacio, 

90 del piacer e del tormento. perch® vien dapoi fra Facio 
Non si vol donqua esser lento, che ristora el ben e’l male; 


56 fehlt e2 B. — 61 hat B ftru/, 64 uf und 66 dedeon. — 70 Stenta 
und ziuz sind Konjunktive. — 73 we impichi Be — 74 che = chi wie B hat 


(vgl. 46). — 80, altri uien poi che [el magna B. — 82 fPello == pelo. — 
88 donto e inB. — 92 chin B, fon A. — 96 wol come la uen B — 
100 fehlt SF A. — 101 chel po B. — 102 chi = che wie B hat. — 105 poste 
sind die aufgetragenen Speisen. — 106 Prima AB, crepi A. — 108 ben 
dien A. — 109 Jay B.e — 110 e tentiB. — 111 del den B. — 117 fehlt 
pi A. — 118 fehlt un B. — 124 men cotal statt Pos manco B. — 126 


statt Zu BB — 127 el uien B. Diese Redensart ist noch heute üblich. 
Vgl. z.B. Petrocchi unter Zuzio. In dem Serventese „Hystoria Da Fugire 
Le Putane“* in dem Drucke, dem hier N. I entnommen ist, heifst es in 
Strophe 45: „Poi il manda a Fra Facio 

che li refaci i danni.“ — 128 riftora ben o male B. 


a EEE ra: Be EBEEPeweie en Ei En 1 


130 


135 


140 


FÜNF BARZELLETTEN NACH ALTEN DRUCKEN. 


non ci manca lo spedale 
o la santta furfaria. 

Vaten via, malenconia! 
„Chi non gode finch’ el vive 
dopo morte se ne dole“ 
nel quaderno mio se scrive. 
Facia pur roba chi vole: 
Non sai tu che dir si sole: 
„Nido fatto, gaza morta“, 
o che ’I diavol si lo porta 
o qualche altra malatia ? 

Vaten via, malenconia! 
Volsi star pieno e satollo 


130 furfantaria BB — 


145 


150 


138 la B. 


— 144 fehlt e; 


587 


fuor di aflanno e di fatica, 
tener sempre il becco a mollo 
e ala roba far le fica 

e un messal de ver che dica 
che sia festa ogni matina 

e cantar la tangherlina 

e spassar la fantasia. 

Vaten via, malenconia, 
ch@’] mondo & di chi se ’l godel 
Altro qua non se riscode, 
tutto el resto & una pacia. 


FINIS. 


la cha Be — 


146 chel B. — 150—52 fehlen in B. — 150 di che ıl A, vgl. Vers 2. 


BERTHOLD WIESE. 


Von der Kunst des Alexiusdichters. 


(Aus Vorentwürfen zu einem Buche über die literarische Kunst des 
mittelalterlichen Frankreich.) 


... Mit dem Alexiusliede erreicht die französische Dichtung 
wie spielend eine erste Höhe. Die Auseinandersetzung zwischen 
Philosophie und Kunst, die die Anfänge der italienischen 
Literatur bis zur Versöhnung des Gegensatzes in Dante kenn- 
zeichnet, blieb dem mittelalterlichen Frankreich erspart. Die 
französische Literatur ging zwangloser und freier den Weg der 
Kunst. Aus der Unmittelbarkeit religiösen und nationalen Fühlens, 
nicht aus seelischer Not und gedanklichem Ringen sind ihr ihre 
frühesten künstlerischen Regungen geworden. 

Das Alexiuslied ist arm an philosophischen und sittlichen 
Werten. Die Gesinnung, die Tiefe das Gedichtes hat man mitunter 
merkwürdig überschätzt. Des Alexiusliedes Frömmigkeit ist nicht 
mystisch glühend noch hinreifsend, auch nicht kindlich-gläubig wie die 
der späteren Marienlegenden. Eber äufserlich wie kirchliche Umzüge. 
Selbst die Askese erscheint kultisch-liturgisch, kaum innerlich; ohne 
Verdienst, wenn kraftvolle Betätigung des Willens, schmerzvolle 
Überwindung der irdischen Anfechtungen das Himmelreich eröffnet. 
Ohne innere Anstrengung steht Alexius schon auf Erden im Jenseits. 
Er kennt keinen Kampf, keine Läuterung. Das Diesseits, alles 
Menschliche, hat für ihn nicht lockenden Wert noch zu achtende 
Rechte. Mit dem Diesseits gibt es für ihn nicht Berührung, gegen 
das Diesseits nicht Vergehen noch Schuld. Dafs Alexius um der 
himmlischen Seligkeit willen eigenes Glück aufgibt, mag christliches 
Verdienst, dafs er ohne Zögern auch fremdes vernichtet, um sein 
Jenseitsziel nicht zu verlieren, unvermeidlich sein. Kaum verspürtem 
Konflikte zwischen Gehorsam gegen den Vater und asketischer 
Neigung schwächlich auszuweichen, aber wird Alexius auch 
kirchlich sündig. Leichtfertig, mit halbem Herzen, fast mit innerem 
Vorbehalt schliefst er den Bund. den die Kirche doch geheiligt bält: 


Quant vint al faire (die Hochzeit), donc le font gentement: 
Damz Alexis l’esposat belement; 

Mais cost tels plaiz dont ne volsist neient: 

De tot en tot a Deu at son talent. (Vers 47 fl.) 


Kaum dafs Alexius im Brautgemach sich Zeit nimmt, die Braut 
christlich zu ermahnen und auch ihr ein wenig Teil zu geben an 
seiner Erleuchtung. Welch eine selbstsüchtige Askese! 


VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 589 


La mortel vide li prist molt a blasmer, 
De la celeste li mostrat veritet; 
Mais lui ert tart qued il s’en fust tornez. (Vers 63 ff.) 


Und welch eine lehrhaft-seelenlose Askesel Als Alexius vor dem 
Rufe seiner Heiligkeit aus Edessa geflohen ist und der Heimat 
sich nähert, bleibt er im Herzen ungerührt. Nicht erkannt zu 
werden, damit sein Wille nicht wanke, ist sein einziges Trachten: 

Quant veit son regne, molt fortment se redotet 

De ses parenz, qued il nel reconoissent 

E de l’onour del siecle ne l’encombrent. (Vers 198 ff.) 


Teilnahmslos sieht Alexius den Schmerz der Angehörigen ... Vom 
ersten Augenblicke an ist Alexius unserer mitfühlend-menschlichen 
Teilnahme entrückt wie glasbehütete und weihrauchumwogte Reliquien 
christlicher Gnadenstätten. Erst im Tode und in der Verklärung, 
im Weggang aus dem Diesseits erfüllt sich der Sinn seines Lebens: 
der christlichen Kirche ein Heiliger zu sein. Wie menschlich fremd 
und prunkhaft hieratisch, wie kennzeichnend für den Geist dieser 
Askese ist doch der Zug, dals des toten Alexius Rechte die „Charte“ 
dem eigenen Vater verwehrt, sie nur dem Papste freigibt! Das 
Gedicht vom „Leben des heiligen Alexius“ ist das Gedicht von 
seinem Tode und seiner Heiligkeit. Wenn es das alte französische 
Alexiuslied war, das Petrus Valdus so sehr ergrifl, dann war Petrus 
nicht zu spät auf jenen Kirchplatz gekommen, wo der Spielmann 
schon von des Alexius Hinscheiden sang; „Is (Petrus Valdus) 
quadam die dominica cum declinasset ad turbam quam ante jocu- 
latorem viderat congregatam, ex verbis ipsius compunctus fuit ... 
Fuit enim locus narrationis eius qualiter beatus Alexis in domo 
patris sui beato fine quievit* (Chron. Laud., s. Förster-Koschwitz, 
Altfranz. Übungsbuch, 3. Aufl., S. 99). 

Von den ı25 Strophen des Gedichtes sind nicht 50 dem 
lebenden Alexius gewidmet. Das irdische Dasein seines Helden 
vermag den Dichter nicht zu erwärmen noch hinzureilsen. Nur dann 
und wann erklingt ein Wort — etwa Vers ı16: Si out li enfes sa 
tendre charn mudede; vielleicht ist aber auch dieses Wort blofs 
materiell zu verstehen — von seelischem Mitfühlen. Ohne Spannung, 
in vielfach eintönigen Versen mit regelhaftem Einschnitt, oft nach 
Chronistenart Hauptsatz an Hauptsatz reihend, oft teilnahmslos-kühl- 
perfektisch erzählt der Dichter vom Leben des Alexius. Z.B. so: 

Dreit a Lalice, co fut citet molt bele, 

Iluec arivet sainement la nacele. 

Dont en eissit damz Alexis a terre; 

Mais co ne sai com longes i converset: 
O qued il seit, de Deu servir ne cesset. 


Puis s’en alat en Alsis la citet 
Por une imagene dont il odit parler 


590 EMIL WINKLER, 


Tot son aveir qu’o sei en at portet, 

Tot le depart, que giens ne luin remest; 
Larges almosnes par Alsis la citet 
Donat as povres o qu’il les pout trover: 
Por nul aveir ne volst estre encombrez, 


Quant son aveir lour at tot departit, 
Entre les povres s’assist damz Alexis, 
Receut l’almosne quant Deus la li tramist: 
Tant en retient dont son cors puet guarir; 
Se luin remaint, sil rent as poverins, 


Dis e set anz, n’en fut neient a dire, 
Penat son cors el Damnedeu servisie. 


Und nochmals ı7, seelisch gleich leere Jahre: 


Iluec converset ensi dis e set anz. 


Trente quatre anz at si son cors penet. (Strophe 17 ff., 33, 55/56.) 


An solchen Stellen kommt der französische Dichter künstlerisch 
kaum über seine lateinische Quelle hinaus: deo prosperante pervenit 
(Alexius) Laodiceam et inde iter arripiens abiit Edessam Syriae 
civitatem ubi sine humano opere imago ... habebatur quo per- 
veniens omnia quae secum tulerat pauperibus erogavit et ... coepit 
sedere cum ceteris pauperibus ... et de elemosynis quae ei dabantur 
quantum sibi sufficeret reservabat, cetera vero pauperibus erogabat... 
llle homo dei... permansit in sancta Conversatione et vitae austeritate 
per decem et septem annos ... Fecit in domo patris sui incognitus 
alios decem et septem annos ... (E. Stengel, Ausgaben und Ab- 
handlungen ], 1882, S. 61). Künstlerische Durchleutung und Ver- 
innerlichung, ethische Durchdringung der Askese ist des französischen 
Dichters Stärke nicht in höherem Grade als sie die Stärke seiner 
lateinischen Vorlage ist. Undiskutiert und undiskutierbar, sich selbst 
genügend, wie ein Heiligenbild im Gottesdome, steht die Askese da. 
Das Ethos des altfranzösischen Alexiusliedes ist nicht das Ethos 
der Weltverachtung. Es ist das Ethos der christlichen Heiligen- 
kultes Im Angesicht der Heiligkeit kreist der Reigen 
des Menschentums. 

Hier liegt die Kunst des Dichters, hier seine Meisterschaft. 
Nur untermalenden Stimmungston gibt — gleich am Anfange — die 
Sehnsucht nach der Zeit, da die Heiligkeit alltäglich war. Doch 
schon verrät lebendiger Rhythmus, verraten bestimmte Wortwerte das 
ganz andere seelische Teilnehmen des Dichters. Nur kurze Augen- 
blicke hält es ihn in perfektischer Distanz. Innere Bewegung drängt 
ihn in raschem Wechsel ins Imperfektum, in die Gegenwart, in die 
Zukunft. Dann steigt — am Beginn der zweiten Strophe — steil 


VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 591 


eine beherrschende Welle empor, verharrt einen Augenblick, fällt jäh 
ab und verebbt (worauf die Erzählung von der Geburt des Alexius 
einsetzt): die zwei energiestärksten Worte der Sinneseinheit stolsen 
an syntaktisch und metrisch hochwertiger Stelle, die noch betont 
wird durch die Wiederaufnahme des Anfangsatzes, hart aneinander 
(fant am Versende von 7 und Bons am Versanfang von 8): 


Bons fut li siecles al tems ancienour, 
Quer feit i eret e justisie ed amour, 

S’i ert credance, dont or n’i at nul prout; 
Toz est mudez, perdude at sa colour: 

Ja mais n’iert tels com fut as anceisours. 


Al tems Noe ed al tems Abraam 

Ed al David, cui Deus par amat tänt, 

Böns fut li siecles: ja mais n’iert si vaillanz; 
Vielz est e fraieles, toz s’en vait declinant, 
Sist empeiriez toz biens vait remanant. 


Auf diesem Stimmungsuntergrund zeichnet sich das Verhalten 
der Verwandten, des Papstes, der beiden Kaiser, des Volkes zu 
Alexius ab. Aus dem Reigen löst sich eine, eine zweite, eine dritte 
Figur, verschwindet wieder, erscheint nochmals, bis die lärmende 
Menge die Einzelstimmen übertönt. Es zeigt und bewährt sich 
des Dichters Charakterisierungsgabe. Eine einzige Strophe beleuchtet 
scharf und knapp die Art von Vater, Mutter, Gattin des Alexius: 
den Vater, dem der Sohn Besitz, Stolz, Zukunft war; die schmerz- 
zerrissene, von Unrast gejagte Mutter; die Gattin, still ergeben, halb 
dem Himmel gewonnen (Strophe 22). Streng sind die gleichen 
Motive in den folgenden längeren Szenen des Jammers festgehalten: 
wenn die Mutter das Wohngemach des Alexius zertrüämmert; wenn 
sie bei der Nachricht von seinem Tode in wilde Verzweiflung 
ausbricht. Es ist eine bemerkliche Kunst des Dichters, durch die 
ungleichen, harten, zerrenden und drängenden Worte und Rhythmen 
den zerrissenen Seelenzustand der Unglücklichen im Hörer lebendig 
zu machen. Sei es in Strophe 85. In den ersten zwei Versen 
sind die seelischen und stimmlichen Druckstellen noch durch längere 
Intervalle in Spannung zueinander gesetzt. Die Wirkung erscheint 
getragen. Dann aber prallen die Druckstellen hart aufeinander, 
die Rede überstürzt sich. Auch in der Reimtechnik sind Vers ı: 2 
einerseits, Vers 3:4:5 andererseits untereinander gebunden, die 
beiden Gruppen aber gegeneinander abgegrenzt: 


De la dolöur que demenät li pedre, 
Gränt fut la nöise, si P’entendit la medre:; 
Lä vint coränt com feme försenede; 
Batänt ses pälmes, cridänt, €schevelede; 
Veit mört son fil, a terre chiet pasmede. 


Man könnte in ähnlicher Weise die ganze Klage der Mutter auf 
ihre Rhythmen hin prüfen, — Ganz verschieden, ausgeglichener, 


592 EMIL WINKLER, 


getragener in der Bewegung, verhaltener und ebenmälsiger in den 
Wortwerten die Klage des Vaters. Das Motiv von der verlorenen 
Zukunft ist kraftvoll und einheitlich in Begriff und Rhythmus heraus- 
gearbeitet. — Als dritte die jungfräuliche Gattin (denn der Dichter 
hat Sinn für Hierarchie: stets nur in der Reihenfolge Vater, Mutter, 
Gattin treten die drei Verwandten des Alexius im Gedichte auf): 
ihre Klage ist eine sanft verschwebende Elegie. Die verlassene 
Gattin allein ist von asketischer Stimmung mitberührt; aber nur 
berührt. Und nur die Gattin. Man bedenke: wie farblos, wie 
unwahr müfste daneben eine Lösung wirken, die Vater, Mutter, 
Gattin allgesamt etwa zu anbetender Frömmigkeit in Klostermauern 
versammeln würde. Zärtlich schmiegt das Mädchen sich an die 
Mutter des Verschollenen (Strophe 30). Kein lauter Aufschrei bei 
der Todesbotschaft. Kaum wird man sich bewufst, dafs seit der 
Hochzeit 34 Jahre verflossen sind, dals auch das Mädchen den 
Jahren seinen Tribut gezollt haben muls: so mädchenhaft weich 
kommen die Worte von seinen Lippen. Leise nur klingt der Vor- 
wurf, leise die Sehnsucht, leise der Schmerz ob der erstorbenen 
Jugend des Geliebten und des nie genossenen Liebesglückes. 
Wörtlich derselbe Vers von vergossenen Tränen kehrt in der Klage 
des Vaters und in der Klage der Braut wieder (Vers 399, 472; 
an der letzteren Stelle hat die wichtigste Hs. L allerdings eine 
Lücke; s. zur ganzen Strophe die grolse Ausgabe von G. Paris, 
S. 192, und W. Foerster, Sankt Alexius, Sonderabdruck, Göttingen 1915, 
S. 6). Aber wie erscheinen durch den veränderten Zusammenhang 
die wunden und brennenden Tränen der Mutter (in den Worten 
Euphemians) verschieden von den sehnsüchtigen der Gattin! 

Sind Vater, Mutter, Gattin des Alexius auf je eine Note ab- 
gestimmt, so erscheinen andere Figuren facettiert. Es ist trefflich 
gesehen, wie die Häupter der Christenheit, der Papst und die beiden 
Kaiser, mit dem Volke erst voll Schwung (Str. 62/63, s. weiter unten), 
dann (Strophe 65, s. ebenfalls weiter unten), nach scheinbarem Mils- 
erfolg, niedergeschlagen und geängstigt die Erleuchtung erflehen, 
wie sie im Angesichte des Heiligen menschlich fühlen: dankerfüllt, 
jubelnd, zerknirscht (Str. 72/73, s. unten); wie aber der Papst, da 
er Klage um den Toten wahrnimmt, rasch wieder ganz Papst, 
ganz kirchliche Gewalt, kirchliche Autorität ist. Die Verse werden 
hart, die Zäsuren scharf einschneidend, der Gedanke verletzend 
antithetisch: 


„Seignour, que faites?“, co dist li apostolies. 
„Que valt cist criz, cist duels ne ceste noise? 
Cui que seit duels, a nostre ues est il joie ... (Strophe 101.) 


Mit „Seignour“ redet der Papst wohl alle Anwesenden an, meint 
aber — „A bon entendeur salut!# — zweifellos die weinende Familie 
des Alexius. Die Strophe mit Foerster a. a. O., S. 20, als „ohne jeden 
Zusammenhang“, als „unverständlich“, also als „Einschiebsel* zu ent- 
fernen, liegt nicht genügend Anlals vor. 


VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 593 


Sals dem Alexiusdichter auch der Schal im Nacken oder war es 
nur seine wache Einfühlungsfreude, die ihn bis zum episodischen 
Kleriker hinunter mit Liebe und Lebendigkeit gestalten liefs? In 
Strophe 76/77 hört man aus jedem dort gesetzten Worte, aus den 
gehäuften ed — fünf, davon vier am Versanfang, innerhalb der 
zwei Strophen, während z.B. in den fünf vorhergehenden Strophen 
nur zwei ef zu zählen sind —; hört man aus den drei aufeinander- 
folgenden com(e), aus dem eintönigen Satzbau, den gleichmälsigen 
(gleichwertigen) Zäsuren den Kleriker, Notar, Gerichtsschreiber 
heraus, der seine Urkunde fast verdriefslich, mit verrosteter Stimme 
abliest. Auf dem Resonanzboden der Bedeutungen und des Satz- 
baues wirkt die häufige Wiederkehr der schnarrenden -ere- (-rer-) 
Laute: eret, escolterent, pedre, medre, erent, encombrer: 


Li chanceliers, cui li mestiers en eret, 

Cil list la chartre; li altre l’escolterent. 
D’icele geme qued iluec ont trovede 

Le nom lour dist, del pedre e de la medre, 
E co lour dist(!) de quels parenz il eret; 


E co lour dist (!) com s’en foit par mer, 

Come en alat en Alsis le citet, 

E com l’imagene Deus fist por lui parler, 

E por l’onour dont ne volst encombrer 

S’en refoit en Rome la citet. (Strophe 76/77.) 


Vielleicht von seiner vollendetsten Seite aber zeigt sich der Dichter 
da, wo er wogende Bewegung meistert. Seine kompositorische 
Kunst ist freilich keine banal-leichtflüssige. Sie vermeidet nicht 
Risse noch kleine Dunkelheiten, reiht Szene an Szene, ohne sie 
zu verbinden, strafft aber die Teilbilder immer wieder zur Einheit. 
So irrational, blofs plastisch, ist die Kunst dieser Stellen, dafs über- 
feinerte philologische Kritik gerade hier — nicht in den leeren 
Erzählungsstrophen von des Alexius leerem irdischen Dasein, denen 
dieselbe Kıitik mit hohem Rechte „Klarheit und Verständigkeit“ 
zuspricht — scharfsinnig, aber sicher mit Unrecht, Lücken, Ein- 
schübe, Wiederholungen zu erkennen glaubte (W. Förster, a. a. O.), 
während eher wirkungsvoller Impressionismus und lebendige Steigerung 
vorliegt. So in der Strophenfolge 5g9ff. Alexius hat sein irdisches 
Dasein vollendet. Sein Ende naht. Dreimal kommt eine Stimme vom 
Himmel. Gott hat seine Getreuen zusammenberufen. Geheimnisvoll 
und dunkel noch ist, was die Stimme verkündet. Nur spannungsvoll- 
heiligen Schauer weckt der Dichter in den Seelen seiner Zuhörer: 
Alexius wird eingehen in die Herrlichkeit Gottes: 


Prest est la glorie qued il (Gott) li (dem Alexius) vuelt doner. 
ö (Vers 295.) 


Eine neue himmlische Stimme lüftet nur halb den Schleier des 
Geheimnisses: In Rom ist ein Heiliger. Es gilt seine Fürbitte zu 


Zeitschr, f. rom. Phil. XLVI1. 38 


594 EMIL WINKLER, 


erlangen. Unruhe ergreift das Volk. Noch kommt die Rede aus 
dem Dunkel: der Dichter wählt die indirekte Darstellung: 

A Valtre voiz lour fait altre somonse, 

Que l’ome Deu quiergent qui gist en Rome, 

Si li deprient que la citet ne fondet 

Ne ne perissent la gent qui enz fregondent: 

Qui l’ont odit, remainent en grant dote. (Strophe 60.) 


Die Szene wechselt. Sankt Innozenz ist Papst. Zu ihm eilt das 
Volk in seiner Ratlosigkeit. Und wieder ein neues Bild: Papst, 
Kaiser, Volk flehen zum Himmel um Erleuchtung. Ein einziger 
Satz füllt die ganze Strophe; Vers für Vers steigt die Spannung, 
bis sie im letzten Worte der letzten Zeile ihren letzten Grad 
erreicht hat: 

Li apostolies e li emperedour, 

Li uns Arcadie, li altre Onorie out nom, 

E toz li pueples par comune oreison 

Deprient Deu que conseil lour en doinst, 

D’icel saint ome par cui il guariront. (Strophe 62.) 


Die unmittelbar folgende Strophe bringt zum Schlufs die Entspannung, 
die aber vom ersten Vers an rhythmisch angekündigt ist: stofs- 
artig folgt ein kurzer Satz auf den anderen, Falltendenz ist deutlich. 
Die Wortstellung ist gänzlich verändert: dort (Str. 62) Subjekt- 
Verbum-Objekt, hier (Str. 63) vorwiegend Objekt-Verbum, Verbum- 
Subjekt, adverbiale Bestimmung-Verbum. Endlich, und nun in 
direkter Rede, die erlösende Botschaft des Himmels: 

Co li deprient, la soue pietet, 

Que lour enseint ol puissent recovrer. 

Vint une voiz qui lor at endidet: 

„En la maison Eufemiien querez. 

Quer iluec est, iluec le troverez.“ (Strophe 63.) 


Vorwürfe an Euphemian: warum hat er den Heiligen in seinem 
Hause verheimlicht? Man geht hin ihn zu suchen. Vergeblich. 
Neue Enttäuschung. Tiefe Niedergeschlagenheit bemächtigt sich 


aller: 
Li apostolies e li emperedour 


Siedent es bans e pensif e plorous, 

Si les esguardent tuit cil altre seignour: 

Deprient Deu que conseil lour en doinst 

D’icel saint ome par cui il guariront. (Strophe 66.) 

(Unter seignour sind wohl einfach die anderen Anwesenden zu 

verstehen. Die Schwierigkeit, Foerster S. 19, kann ich nicht finden. 
Cil ist energetischer, auf Anregung der Vorstellungskraft gestellter 
Artikel.) 


Neuer Szenenwechsel. Alexius, der Bettler im Hause des Euphemian, 
hat seine Seele dem Herrn zurückgegeben. Der Heilige ist ge- 
funden; der Jubel bricht an: 


VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 595 


Li apostolies e li emperedour 

Vienent devant, getent s’en oreisons, 
Metent lour cors en granz afflictions: 
„Mercit, mercit, mercit, saintismes om! 
Net conoümes n’encor net conoissoms.“ 


„Ci devant tei estont dui pechedour, 

Par la Deu gracie vochiet emperedour; 

Cost sa mercit qu’il nos consent l’onour. 

De tot cest mont somes nos jugedour: 

Del ton conseil somes tuit besoignois.“ (Strophe 72/73.) 


Der Schreiber des Papstes verliest die Chartre ... die Klagen der 
Angehörigen beginnen. Doch der Tote, der Heilige, ist Gemein- 
besitz geworden. Das Gedicht ist auf dem Höhepunkt. Die grofsen 
Massenszenen des herbeieilenden, drängenden, singenden, betenden, 
weinenden, jubilierenden Volkes setzen ein. Wenn der Vergleich 
nicht allzu kühn erschiene — man möchte glauben, einen Shakespeare 
des ı1. Jahrhunderrs vor sich zu haben. So dramatisch, so lebendig 
gegliedert, dabei malerisch ist die Szenenfolge. Ohne die geringste 
Gefahr der Eintönigkeit beherrscht sie die ı8 Strophen 102— 120. 
Immer neue Einzelbilder lösen sich aus dem Gesamtgemälde: die 
Leiche wird gehoben; singend und betend drängt das Volk sich 
um den Heiligen; die Leichenträger vermögen die Menge nicht 
zu durchbrechen; die beiden Kaiser streuen — vergeblich — Geld 
unter das Volk, um der Leiche einen Weg zu bahnen. Dann 
wieder das jubilierende Volk: 


Oncques en Rome nen out si grant leticie 

Come out le jorn as povres ed as riches 

Por cel saint cors qu’il ont en lour baillie: 

Co lour est vis que tiengent Deu medisme; 

Trestoz li pueples lodet Deu e graciet. (Strophe 108.) 


Die Strophe soll unecht, späteres Einschiebsel sein: „... die Freude... 
(ist) in einer Weise begründet, die das grölste Bedenken hervor- 
rufen mufs! ‚es scheint ihnen, Gott selbst im Besitze zu haben‘ — 
also eine derart plumpe Übertreibung, dafs sie im Grunde genonımen 
eine Gotteslästerung ist, und es ist kaum denkbar, dafs dem so 
verständigen und klaren Dichter, auch wenn es kein Kanonikus 
sein sollte, eine solche Geschmacklosigkeit hätte einfallen können ...“ 
(Förster, a.a.O., S. 22). Aber gerade in ihrer „Geschmacklosigkeit“ 
will man die Strophe nicht missen. Die Jahrmarktsfrömmigkeit 
(gemischt aus Neugier und Fanatismus), die das Gedicht schon 
von Str. 103 an bewegt, hat alle Schranken durchbrochen. — 
Aber die Jahrmarktsfrömmigkeit braucht Nahrung: Alexius war 
guten Willens; darum ist ihm heute, am Tage seines Todes, Ehre 
geworden; des Heiligen Leichnam liegt in Rom, seine Seele ist 
im Paradiese. Mahnung, Gebet, fromme Aufpeitschung, diesmal 
in des Dichters eigener Stimme. Der „erratische Block“ der beiden 


35* 


596 EMIL WINKLER, 


Strophen 109 und ı10, „mitten in der Erzählung, die durch sie 
schroff unterbrochen wird“, rationell „ganz unmöglich“ (Foerster, 
a.a. O., S. 22/23), ist dichterisch von höchster Wirkung. — Sankt 
Alexius wirkt Wunder. Zur Kirche Sankt Bonifaz wird sein Leich- 
nam getragen. Aber das Volk widersetzt sich der Bestattung des 
Heiligen. Sieben Tage bleibt die Leiche unbegraben. Dann die 
feierliche Zeremonie: weihkesselschwingende Kleriker, goldene Kan- 
delaber, der edelsteingeschmückte Sarg, singendes, weinendes Volk. 
Auch hier jede Szene, jedes Einzelbild mit charakteristischen Wort- 
werten, charakteristischen Rhythmen. Und wieder ein neues Bild: 
die weinenden Angehörigen beim Begräbnis, ihr letzter Abschied 
von Alexius. 


Nach W. Foerster wäre die Strophe 117 interpoliert: 


Ad encensiers, ad ories chandelabres 

Clerc revestut en albes ed en chapes 

Metent le cors enz el sarcueu de marbre. 
Alquant i chantent, li pluisour getent lairmes: 
Ja le lour vuel de lui ne dessevrassent. 


„Die Strophe 117 erweist sich in ihrem grammatischen Aufbau als schwer- 
fällig und kaum verständlich. Die Konstruktion ist bart, wie im ganzen 
Gedichte nichts ähnliches zu finden ist. Der Satz beginnt nicht mit 
dem Subjekt Clerc, sondern mit einer näheren Bestimmung der Art 
und Weise: ‚Mit Weihrauchfässern, mit güldenen Leuchtern‘ ... legen 
die Geistlichen den Leib in einen Sarg — ein sonderbarer Ausdruck. 
Man geht wie auf Stelzen“ (Foerster, a.a.O. S. 31), Demgegenüber 
ist aber der wirkungsvolle Impressionismus der Stelle nicht zu über- 
sehen. Die zahlreichen pomphaften Substantiva: encensiers, ories chande- 
labres, clerc en albes, chapes, sarcueu de marbre (Ad, wohl = bei 
goldenen Leuchtern, bei Weihrauchkesseln), gegenüber dem durch Wort- 
wert und syntaktische Stellung zurücktretenden Verbum, verraten in 
ihrem kultisch-prunkenden, fast steifen Stimmungsgehalt ein sicheres 
Künstlertum. Auch der anscheinende Widerspruch zwischen Strophe I17, 
in der Alexius zunächst, vor seiner Erdbestattung, in den Marmorsarg 
gelegt wird, und Strophe 116, wo es bereits hiels: 


En sus se traient (das Volk), si alaschet la presse: 
Vueillent o non, sil laissent metre en terre 


ist kaum einer. Der zweite zitierte Vers heilst sicher nur: ob sie (das 
Volk) es wollen oder nicht, sie lasgen es doch zu, dafs man ihn bestatte 
(= darangehe ihn zu bestatten). Worauf die Bestattungsszene eben 
erst beginnt. 


Das Urteil Foersters ist auch über Strophe 119/20 vernichtend: 


Or n’estuet dire del pedre e de la medre 
E de la spouse come il le regreterent; 
Quer tuit en ont lour voiz si atempredes! 
Que tuit le plainstrent e tuit le doloserent:; 
Cel jorn i out cent mil lairmes ploredes, 


VON DER KUNST DES ALEXIUSDICHTERS. 597 


Dessoure terre nel pourent mais tenir: 
Vueillent o non, sil laissent enfodir ; 
Prenent congiet al cors saint Alexis, 

E si li prient que d’els aiet mercit, 

Al son seignour il lour seit bons plaidis. 


„Wie weit entfernt sind wir von der einfachen, klaren, knappen, natür- 
lichen und schlichten Ausdrucksweise, Erzählungsart und Satzverbindung 
des gröfsten Teiles der bisherigen Erzählung und in welch ungeschickter, 
überladener, undeutlicher und schlecht verbundener Partie befinden wir 
uns hier!“ (W. Foerster, S. 34). Die beiden Strophen aber werden 
durchaus sinnvoll und erhalten auch eine eigenartige, resigniert-wehmütige 
Stimmung, wenn man sie einigermafsen anders deutet als Foerster (und 
etwas anders interpungiert als G. Paris); etwa so: Nicht sei davon ge- 
redet, wie Vater, Mutter, Gattin um ihn bangten; denn so sehr haben 
alle drei ihre Stimmen in Tränen genetzt (at«mpredes)! Denn (Que) 
allgesamt klagten und allgesamt weinten sie um ihn. An jenem Tage 
flossen hunderttausend Zähren usw. — Das Subjekt zu pourent usw. 
ist natürlich noch immer „die Angehörigen“. 


Aber der Lendit kann nicht immer währen. Der frommneugierige 
Taumel weicht dem Alltag. Vait s’en li peuples ... In verstummender 
Trauer nehmen die Verwandten des Alexius ihr Leben wieder auf, 
leise beschienen vom Abglanz der Heiligkeit, die ihrem Hause ge- 
worden. Der Heilige ist entrückt. Zu seiner Seligkeıt (Str. 122/123; 
sie sind künstlerisch so tief begründet, dafs man auch an ihre 
Unechtheit nicht glauben kann; s. Foerster, a. a. O., S. 36) blickt 
sehnsuchtsvoll wieder irdische Qual empor. Das Diesseits verharrt 
in seiner Not. Schnill klingt die Anfangsnote des Gedichtes noch 
einmal auf. Aber ein neues Hoffenslicht ist aufgegangen, ein neuer 
Fürbitter in die Gemeinschaft der Heiligen eingezogen. Die 
Frömmigkeit kirchlicher Litaneien betet den Schlufs des Gedichtes. 

Tetbald von Vernon — wenn er der Verfasser des Alexius- 
liedes war — hat in seiner Dichtung kein hohes Glaubenswerk 
geschaffen wie Dante; sein Gedicht glüht nicht in schwelendem 
oder flammendem Feuer wie die Schöpfungen der spanischen Ek- 
statiker. Seine Art ist geringer: im Heiligenkult seines Zeitalters 
hat er die Einzel- und die Volksseele empfunden und ihnen seine 
naiv-ausdrucksvollen Rhythmen geliehen ... 


EniL WINKLER. 


Unveröffentlichte Briefe und andere Schriftstücke 

von Prosper de Barante, J.-Ch.-L. de Sismondj, 

A.-J.-V. Leroux de Lincy, J.-D. Guigniaut, Jules 
Sandeau und Karl Bartsch. 


L 


Prosper de Barante an Charles Nodier.! 


Prosper de Barante (geb. zu Riom 1782, gest. auf seinem 
Schlosse Baraıte bei Thiers 1866), seit ı815 Staatsrat, General- 
sekretär im Ministerium des Innern und Mitglied der Deputierten- 
kammer, seit ı819 Pair von Frankreich, bı'gann im Jahre 1824 
mit der Veröffentlichung seiner berühmten „Zistoire des Ducs de 
Bourgogne de la maison de Valois (1364— 1477)“, die 1826 mit dem 
13. Band abgeschlossen wurde. Sie gehört zu den hervorragendsten 
Erscheinungen der „romantischen* Geschichtsschreibung und recht- 
fertigt es, dals der Verfasser mit Thierry in eine Linie gestellt 
wurde, Wie dieser, so sieht auch Barante die Aufgabe des Historikers 
darin, den Leser auf Grund des genauen Studiums der Zeitgeschichte 
in die zu schildernde Epoche zu versetzen. Er will die Gestalten 
„evoguer et ramener vivanis sous nos yeux“ und der Wissenschaft 
jenen Reiz wiedergeben, welchen der historische Roman (der Richtung 
Walter Scotts) von ihr entlehnt hatte. „Seribilur ad narrandum, 
non ad probandum“ lautet das aus Quintilian entnommene Motto 
des Werkes. In Anbetracht dieses Standpunktes, den Barante in 
der umfassenden Vorrede des näheren begründet, nimmt es nicht 
wunder, dals er sich beeilte, durch seinen Verleger Ladvocat 
dem Gönner der jungen romantischen Dichtergruppe, Charles 
Nodier ein Exemplar überreichen zu lassen. Barante stand ja 
auch durch seine Schillerübersetzung und ähnliche Arbeiten der 
romantischen Bewegung nahe. Der kurze, aber charakteristische, 
nach Barantes Gepflogenheit vollständig mit kleinen Buchstaben 
geschriebene Brief, mit welchem er Nodier die Sendung anzeigt, 
und der im Jahre 1905 von uns erworben wurde, kommt hier zum 


! Die Originale der sämtlichen nachfolgenden, unseres Wissens hier zum 
ersten Male publizierten Autogramme befinden sich seit geraumer Zeit in der 
Sammlung des Hcerausg:bers, in welche sie auf verschiedenen, bei den einzelnen 
Stücken angegebenen Wegen gelangt sind. 


UNVERÖFFENTILICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFTSTÜCKE. 599 


Abdruck. Er ist vom 6. Juli datiert; als Jahreszahl ist 1824 zu 
ergänzen, da in diesem Jahre der erste Band der „Zistoire des 
Dws de Bourgogne“ erschien. Nodier bekleidete seit dem April 
1824 die Stellung eines Bibliothekars an der Arsenalbibliothek. 
Ladvocat („Zidbraire de S. A. S. Monseigneur le Duc de Chartres, 
au Palais Royal“) konnte noch ı824 mit der Publikation einer 
zweiten Auflage beginnen, der bis 1858 sechs weitere folgten. 
Barante wurde 1828 in Anerkennung seines Werkes zum Nlitglied 
der Academie francaise gewählt. In den nicht nur für die politische 
Geschichte Frankreichs, sondern auch literarisch interessanten Er- 
innerungen Barantes (herausgegeben von seinem Enkel Claude de 
Barante, 8 Bände, Paris 1890—ıgıı) kommt der Name Nodiers 
nicht vor, der Verleger Ladvocat, der im übrigen auch Werke von 
Victor Hugo, A. de Vigny und anderen Romantikern publizierte, 
wird an drei Stellen (II, 528, 529; Il, ı2) genannt. 


d monsieur 
monsteur nodıer, bibliothecaire de Varsenal. 


je charge m. ladvocal, monsieur, de vous remellre un exemplaire 
de U hisloire des ducs de bourgogne. vous saves, jespere, qul y a 
bien peu de suffrages que j'ambitionne autant que le völre. j’ai 
souvent eu d m’applaudır de l’avoir obtenu. celte foıs ıl sagıt d’un 
ouvrage plus important, ei d’une maniere asses nouvelle d’&rire 
"histoire; mais vous n’Eles pas de ceux que la nouveauld el que la 
verileE &pouvantent. 

je suis avec des senlimens dislinguis, 
monsieur 
v.t.h. el 1. ob 


6. juillet. Barante 


ll. 


J.-Ch.-L. de Sismondi an Mile Pauline de Bender. 


Der vorliegende Brief gehört den letzten Lebensjahren des 
berühmten Geschichtsschreibers der italienischen Republiken und 
der südeuropäischen Literaturen, Jean-Charles-L&eonard Si- 
monde de Sismondi (geb. zu Genf 1773. gest. zu Chöne bei 
Genf 1842) an und ist an Mademoiselle (im Brief „Baronne“) 
Pauline de Bender in Mailand gerichtet. Es ist uns leider, 
trotz eifriger Nachforschungen in genealogischen Handbüchern, 
sowie im österreichischen Adels- und Kriegsarchiv nicht gelungen, 
die Adressatin, die einer der österreichischen Freiherrenfamilien 
des Namens Bender (Bendter) angehört haben muls, festzustellen. 
Sie wird auch in Saint-Rene& Taillandiers wertvoller Einleitung zu 
seiner Ausgabe der Briefe Sismondis an die Gräfin d’Albany 
(Paris 1863) nicht erwähnt. Es ist anzunehmen, dafs sie die 


600 WOLFGANG WURZBACH, 


Tochter eines österreichischen Zivilbeamten oder Offiziers in Mai- 
land war. Der ausführliche, in herzlichkem Ton gehaltene Brief 
unterrichtet über den Gesundheitszustand des 62jährigen, damals 
mit seiner „Zdistoire des Frangais“ (31 Bände, 1821—44), mit seiner 
„Histoire de la chute de l’Empire romain“ (2 Bände, 1835), seinen 
„Zludes sur les sciences sociales“ (3 Bände, 1836—38) und anderen 
Arbeiten beschäftigten Gelehrten, spricht von der Cholera, die in 
den Jahren 1831—38 in verschiedenen Gegenden Europas, speziell 
in Oberitalien mit grosser Heftigkeit auftrat, von Familienangelegen- 
heiten — Sismondi hatte ı819 Miss Jessie Allen, die Schwägerin 
des englischen Politikers und Historikers Sir James Mackintosh 
geheiratet — und gibt an einer Stelle auch seiner Sympathie für 
die italienischen Liberalen Ausdruck. Er ist in Chäne (Chesnes) 
bei Genf, in demselben Orte geschrieben, in welchem Sismondi 
sieben Jahre später starb, und stammt aus dem Besitze des Grafen 
Viktor Wimpffen (} 1897). 


a Mademoiselle 
Mademoiselle Pauline de Bender 
Oorsia della Porta Orientale 727 


Milan. 


Chere el toule belle Baronne, je suis reellement confondu de 
reconnoissance de ce que malgr& mon long silence vous ne vous de- 
couragez poinl. Je ne vois devan! moi, pas moins de lrois de vos 
billets auxquels je dois röponse, el en ouvranl celui d’aujourd’hui je 
craignois d’y trouver des reproches severes. Vous ne m’en faites 
point, el pourlant dest par mon apologie que jai beson de commencer. 
Ja EtE appelE 4 Iravailler beaucoup celle annde, en möme tems que 
des chugrins vifs m’ont alleint. Je crois que les deux causes se 
sont combindes pour produire une extröme falıgue de töte. Apres 
deux ou trois heures d’applıcalion, je sens un commencement de verlige 
ei des maux de coeur, qui m’averlissent que le moment est venu de 
poser la plume, de reposer mes yeux el mon cerveau. C'est dans 
celte disposition maladıve que la force me mangue souvent pour 
remplir un udevoir, que je laisse tomber lune apres l’aulre mes 
correspondances, el que j'aı peur, m£me de ces margues d’amitil qui 
m’eloient si chöres, mais qui demandent de ma part une actvild que 
je m’ai plus. Votre letire du 4. m’est arrıvde aujourd’hui singulidre- 
ment d propos. Le bruit s’ctoit röpandu hier ıcı, que le cholera avoıt 
eclatE tout d coup Ad Milan, et que dans un jour ıl avost emportl 
vingt personnes. OQutre le chagrın pour cette grande ville, l’inguik- 
/ude pour ceux qui m’y sont chers, celle nouvelle apportera du trouble 
pour nous mämes, car nous avions recommencd d former le projel de 
parlır avant la fin de l’annde pour la Toscane, les ınslances de mon 
beaufröre, le trisie edtat de ma niece, el le besoin que je sens moi 
m£me de repos, s’unissoient pour nous le faire desirer. Votre lettre 
qui m’assure que la sanle publique est loujours Irs bonne m’a dom 


UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFISTÜCKE 6001 


fail un grand plaisir. Vous l’auriez rendu plus grand encore, 
chere baronne, si vous m’avieg dıl quels sont les changemens en faveur 
des libiraux Jahens auxquels vous falles allusion. Je n’en ai 
rien su, les journaux que je vos n’en disent rıen. Croyes moi, ıl 
vaul toujours mieux s’exposer d dire deux fors la meme chose, que 
de dire vous savez sans duuk, ce qu’en effel on ne sat point. Je 
vous felicite de tout men coeur de Üölat meilleur ou vous voyez 
Mons” volre fröre. Sans doute puisque le traitement du medecin 
de Milan rlussit, ıl vaut bien mieux ne pas S’eloigner de lu. II 
vauf bien mieux demeurer, dans un logement qui vous est agrlable, 
jouissant du speclacle, des beaux arts, dw chmal, de quelqgues amıis, 
que de changer encore. Heureux celui qui vous fixeroit toul d fait, 
gui vous feroit oublier et le goül des voyages, el le goüt de tout 
changement. Quant vous laurez lrouvd, ce sera une bonne nouvelle, 
pour lu d’abord sans doute, mais pour vous aussi, pour lous vos 
amıs que je vous prie de ne point difförer d me donner. Je trouverai 
encore la force d’&rire pour vous dire que je m’en rljouis. Recevez 
D’expression de mon tendre allachement 


Chesnes, 7. octodre 1835. J. C. L. de Sismond:. 


11. 


A.-J.-V. Leroux de Lincy über Marie de Romieu. 


Die drei folgenden Schriftstücke (von Leroux de Lincy, Guigniaut 
und Sandeau) wurden von den Verfassern eigenhändig in das Album 
des letzten Kaisers von Brasilien, Dom Pedro IL (geb. 1825, reg. 
seit 1831, entthront 1889, gest. ı8gı) eingetragen. Das wertvolle 
Album ging nach dem Tode des Kaisers an dessen Enkel Don Pedro 
von Coburg, den Sohn der Prinzessin Leopoldina von Brasilien, Gattin 
des Herzogs August von Sachsen, Coburg und Gotha, Admirals in der 
k. brasilianischen Armee über. Don Pedro (geb. zu Rio de Janeiro 
1866), dessen Bibliotheksstempel die Stücke tragen, verfiel im Alter 
von ca. 30 Jahren in Wahnsinn und lebt in geistiger Umnachtung 
derzeit in Tulln in Nieder-Österreich. Als das Album im Jahre 
1901 in den Handel kam, wurden u. a. auch diese drei Blätter 
von uns erworben. — Die erste Eintragung rührt von Adrien- 
Jean-Victor Leroux de Lincy (geb. zu Paris ı806, gest. ebd. 
1869 als Dir-kior der Arsenalbibliothek) her, der als Herausgeber 
des „KRecueil des chants histofiques frangais du XlI. au XVIIT. siecle“ 
(1841) und des „Zrzre des proverbes frangais“ (1842; 2. Aufl. 1859) 
allgemein bekannt ist. Sie ist bemerkenswert als frühester Hinweis 
auf Marie de Romieu, eine Dichterin des 16. Jahrhunderts, der 
die Nachwelt nicht jenes lebhafte Interesse entgegenbrachte, wie 
ihrer älteren Zeitgenossin Louise Labe. Leroux’ Eintragung ist 
vom 23. Oktober ı851 datiert, 1875 erschien eine nicht viel mehr 
enthaltende, die letzten sechs der hier zitierten Verse wiedergebende 


602 WOLFGANG WURZBACH, 


Notiz über sie in Larousses „Grand dichonnaire universel du XIX. 
siecle® (XII, 1358), und erst 1878 gab Prosper Blanchemain ihre 
Gedichte mit Einleitung und Anmerkungen (in „Ze Cabdinet du 
Bibliophile“, Bd. 23) heraus. In H. Morfs „Geschichte der franzö- 
sischen Literatur im Zeitalter der Renaissance“ (2. Aufl. ıyı13) 
sucht man ihren Namen vergeblich. Auch Blanchemain weifs über 
ihre Lebensumstände nichts Näheres zu sagen, spricht ihr aber die 
Autorschaft der „Zrstruction“ (1573), einer Nachahmung nach dem 
Italienischen, die nur mit den Anfangsbuchstaben M. D. R. signiert 
ist, ab. Die „Aymne d la rose (d Madame Frangoise de la Rose)“, 
die von Anakreon inspiriert ist und deutliche Erinnerungen an 
eine Ode Ronsards aufweist, findet sich in Blanchemains Ausgabe 
S.35f 


Nous consacrerons ici quelques hienes 4 une femme poete du 
seizitme siecle qui meriterait d’ötre plus connue quelle ne l’est. 

Marie de Romieu, damotselle du Vivarais, vivait dans la seconde 
moitiE du seizidme. Les evönements de sa vie son! ignorts. Ou lu 
altrıbue un ouvrage charmant, devenu Irds rare, qui a pour hire: 
L’Instruchon pour les jeunes Dames, Lyon, 1573, in ı8%. Ona 
d’elle un recueil de Poesies, intituwl£: Premieres CEuvres Pobliques etc. 
1581, in 12°. Ou y trowve plusieurs pilces charmanltes; on en 
jugera par la cılation suivante: 


Quand le jour adviendra de mon dernier vouloır, 
Je veux par lestament expressemen! avoir 

Mille vosiers plantez, prös de ma schullure, 

A fin qua l’advenir, grands, soien! ma couverlure. 
Puis Von mettra les vers engraves du pinceau, 
En grosses lettres d’or par dessus mon lombeau: 
Celle qui gist icy sous ceste froide cendre 

Toute sa vie aima la Rose fresche el tendre, 

Et Taima tellement quWapres que le trespas 
Leeul poussee d son gr& aux ondes de la bas 
Voulut que son cercueil fut enlour& de roses 
Comme ce qu'ell’aimoit par dessus toutes choses. 


23. ochobre 1851. 
Le Roux de Lincy. 


IV. 


J-- D. Guigniaut über den Prometheus - Mythus. 


Joseph-Daniel Guigniaut (geb. zu Parey-le-Monial 1794, 
gest. zu Paris 1870), s#it 1830 Direktor der Ecole normale (pre- 
paratoire), seit 1835 Professor der Geographie an der Faculte des 
Lettres, seit 1837 Mitglied, seit 1860 ständiger Sekretär der Aca- 
demie des Inscriptions et Belles-Lettres, verdankt seinen Ruf als 
Heilenist und Archäologe neben zahlreichen anderen Publikationen 


UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFTSTÜCKE. 603 


vor allem dem zehnbändigen Werk „Zes religions de Tantiquitt 
considerdes principalement dans leurs formes symboliques et mythologiques“ 
(1825—51), welches eine Bearbeitung von Friedrich Creuzers „Sym- 
bolik und Mythologie der alten Völker“ ist. Die vorliegende aus 
den Jahren 1ı850—52 stammende Eintragung in dem Coburgschen 
Album illustriert trefflich die Denk- und Darstellungsweise Guigniauts, 
der dem Prometheus-Mythus stets besondere Aufmerksamkeit 
widmete und auch eine Ausgabe des Prometheus des Aischylos 
(1829, bzw. 1874) publizierte. 


Le nom de Prom£thle montre, dans le fils du Titan Japet, le 
Symbole de Vesprit humain dlev& au plus haut degre de son dnergie 
et de sa puissance. Sa lögende qui nous le fait voir comme en lutte 
riglie avec Jupiter, auteur et conservateur de l’ordre diernel du monde, 
nest autre chose au fond que Ühistoire des conqubtes de l’esprit sur 
la nature, el de ce combal sans cesse renaissant on ıl triomphe et 
succombe tour-d-lour ... A la fin de cette lulte, le patient Hitanıque 
renire en gräce avec le maitre des dieux et des hommes, ce qui veut 
dire que la libert£ longlemps refractaire de l’esprit reconnait les loıs 
necessaires de la nature et se soumel d Ü’Ordre dternel du monde ... 
Promtihte se reconcilie avec Jupiter, la Providence humaine, d’abord 
egarce par lorgueil, flöchit devant la Prowidence divine, par l’inter- 
venhon d’Hercule, le fils que Jupiter voulaıt glorifier, le midiateur 
heroique, qui met un terme aux souffrances, dest d dire aux remords 
de Promethee, et couronne son expialıon. 


Jos. Guigniaut 


de UInstitut de France (Aradimie 
des Inscriptions et Belles-letlrrs). 


V. 
Jules Sandeau über den „Don Quixote“, 


Jules Sandeau (geb. zu Aubusson ı8ıı, gest. zu Paris 1883), 
der liebenswürdige Verfasser vielgelesener Romane und oft gespielter 
Bühnenstücke, war in seinem Berufe Bibliothekar, seit 1853 an der 
Bibliotheque Mazarine, seit 1859 in Saint-Cloud. Seit 1858 gehörte 
er der Academie francaise an. Obwohl er ein feines Urteil in 
literarischen und künstlerischen Fragen besals, hat er sich nur 
selten als Kritiker betätigt. Um so gröfseres Interesse darf daher 
die vorliegende, gleichfalls dem Coburgschen Album entstammende 
Eintragung für sich in Anspruch nehmen. Auch sie ist zwischen 1850 
und 1852, also in der Zeit der grofsen Erfolge der „Mademoiselle 
de la Seigliere* (als Roman 1848, als Drama ı851ı) verfalst und 
knüpft an ein Urteil Saint-Evremonds an, der seiner Bewunderung 
tür den Don Quixote wiederholt Ausdruck gegeben hat. Die Stelle, 
auf welche Sandeau Bezug nimmt, findet sich in dem Aufsatze 


60} WOLFGANG WURZBACH, 


nDe quelques livres espagnols, italiens et framgais“ (in den (Kuvres 
meldes de Mr. de Saint- Evremond, Amsterdam, Pierre Mortier, 1706, 
Il, 57) und lautet: „ZZ y a peul-Etre aulant d’esprit dans ls aulres 
ouvrages des aulkurs de celle nation [espagnole]) que dans les nötres; 
mails c'est un espril qui ne me salısfait pas, d la röserve de celui de 
Cervantes en Don Quichote, que je puis lire loule ma vie sans en ölre 
degould un seul moment. De tous les livres que j'ai jamais lus, Don 
Quichote est celui que j’atmerois mieux avoır fait; ıl n’y en a point, 
d mon avıs, qui fuisse conlribuer duvantage d nous former un bon 
goül sur toutes choses etc.“ In der „Disserlation sur la tragedie de 
Racine Alexandre le Grand“ (ebd. Il, 309) nennt er Cervantes „ie 
plus bel esprit de toute ’Espagne“ (vgl. auch II, 147 und V, ıSo). 


Je viens de relire Don Quichotte. Je suis de l’avıs de Sarnt- 
Evremond, c'est de tous les livres celui que j’aimerais le mieux avoır 
eerit. Les bourgeois ont, en göneral, une predilechion decidee pour 
celle auvre, parce qu'ils y voient une salyre ingenieuse des sentiments 
portiques et chevaleresques. En ceci comme en bien des choses, les 
bourgeois se trompent grossierement. C'est au contraire la salyre la 
plus sanglanle qu'on ait pu faire de la socidld läche et stupide dont 
ls sont les represenlants. Don Quicholte est le plus noble, le plus 
gindreux, le plus charmant, le plus adorable des heros. Extravagant? 
Tant pis pour la sagesse. Fou? Sa folie humilie la raison. Repose 
en paix, dernier des preux! Pour servir une dame digne de ton 
amsur, tu fus oblig! de la lirer de Ion propre caur. Pour te 
mesurer avec des champions dignes de la vaillance, tu te vis reduit 
ad comballre les fantömes sortis de ton cerveau. Ton malheur fut 
de vivre dans un temps oü dijdä comme dans le nölre, ıl n'’y avaıt 
plus de Dulcinee, de chevaliers ni des geants. 


Jules Sandrau. 


v1. 
Ein Gedicht von Karl Bartsch. 


Den Abschlufs möge ein Gedicht von Karl Bartsch 
(geb. zu Sprottau 1832, gest. zu Heidelberg 1888) bilden. Der 
unermüdliche Forscher, der seit 1858 in Rostock, seit 1871 in 
Heidelberg wirkte, fand neben seinen verdienstvollen Arbeiten 
auf dem Gebiete der Romanischen und Germanischen Philologie, 
neben Übersetzungen Dantes, des Nibelungenliedes, Burns’ und 
Altfranzösischer Volkslieder auch Zeit und Mulfse, um selbst die 
Poesie zu pflegen. Er gab im Jahre 1874 unter dem Titel 
„Wanderung und Heimkehr * eine Sammlung seiner Gedichte 
heraus, in welcher die nachfolgenden Verse jedoch nicht vor- 
kommen. Vielleicht sind sie erst später verfalst. Das Autogramm 
wurde von uns im Jahre 1906 erworben. 


UNVERÖFFENTLICHTE BRIEFE UND ANDERE SCHRIFISTÜCKE. 605 


Ich sah dich in des Frühlings Tagen. 


Ich sah dich in des Frühlings Tagen 
Wo neu erathmet das Gemüth, 
Wenn froh die ersien Lerchen schlagen 
Und wenn das erste Veilchen blüht. 


Mit jenen sonnenhellen Stunden, 
Mit linden Lüften. sanft und mild, 
Bleibt unzertrennlich mir verbunden 
Auf ewig dein geliebtes Bild. 


Und immer, wenn ich dein gedenke, 
In dieses Winters Stürmen auch, 
Ist mir als ob sich niedersenke 
Zin sanfter, linder Frühlingshauch. 


WOLFGANG WURZBACH. 


Freie und gedeokte Vokale im Französischen. 


ı. Ob eine Silbe offen oder geschlossen, also ihr Vokal frei 
oder gedeckt ist, können wir nur aus der Entwicklung des Vokals 
schlielsen. Hätten wir es nur mit Sprachen zu tun, in denen die 
Behandlung des Vokals nicht von der Stellung in der Silbe abhängt, 
wie das Portugiesische, das die betonten Vokale überhaupt nicht, 
oder das Spanische, das sie (wenigstens £ und 9) immer diphthongiert, 
so wäre man wahrscheinlich nie darauf verfallen, jene Scheidung 
zwischen freien und gedeckten Vokalen einzuführen; sie ist also 
nur für das Französische und das Italienische von Wert, die eben 
in bezug auf die Schicksale der betonten Vokale eine Mittelstellung 
zwischen den beiden äufsersten Möglichkeiten einnehmen.! 

Nun hat J. ]J. Salverda de Grave in einer im Zomenaje a 
Menendez Pidal (Madrid 1924, T. ı, S. 641fl.) veröflentlichten 
Abhandlung die Frage neuerdings aufgegriffen und ist dabei zu 


Schlüssen gelangt, die dem Französischen — denn sein Aufsatz 
beschäftigt sich trotz des Titels „Sydabes ouvertes el fermtes en 
roman“ fast nur mit dieser Sprache — in der Behandlung der 


betonten Vokale eine ganz andere Stellung zuweisen würden. 
Nach den Ergebnissen seiner Untersuchung, die gleichfalls die 
Entwicklung der Vokale zu Diphthongen zu Grunde legt, wären 
die betonten Vokale im Französischen nämlich „frei“ nicht blofs, 
wie ja allgemein angenommen wird, vor einem Vokal, vor einem 
einzigen Konsonanten und vor Muta + Liquida, sondern auch vor 
Palatal + Kons., vor Kons. + y, vor Doppel-/, vor s und r vor 
Kons. und vor $£ + Kons. Damit wäre praktisch die Scheidung 
von freien und gedeckten Vokalen für das Französische überhaupt 
aufgehoben und diese Sprache wäre dem oben durch das Spanische 
dargestellten Typus zuzuweisen. 

2. Prüft man nun die Beispiele, die S. d.G. zur Begründung 
seiner Ansicht anführt, so wird man zu anderen Ergebnissen 
kommen. Freilich macht es einem der niederländische Gelehrte 
nicht leicht oder vielmehr geradezu unmöglich, seine Aufstellungen 
zu widerlegen, weil er sehr häufig „doppelte Entwicklung“ an- 
nimmt.?2 Nun fällt es mir natürlich nicht ein zu leugnen, dals 


! Ich brauche nicht zu sagen, dafs ich mit den oben genannten Sprachen 
nur die Schriftsprachen meine und diese nur beispielsweise als Typen anführe. 

2 Die Ausführungen S.d.G.s im Nevphtlologus 5, ı fl., in denen dieselbe 
Meinung vertreten wird, mufs ich gänzlich ablehnen, 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 607 


Laute und Lautgruppen sich in doppelter und mehrfacher Weise 
entwickeln können; ich meine aber, und glaube damit der allgemein 
herrschenden Meinung Ausdruck zu geben, dafs wir uns in solchen 
Fällen mit der einfachen Feststellung nicht begnügen dürfen, dals 
wir vielmehr die Gründe für solche mehrfache Entwicklung suchen 
müssen, wenn uns das selbstverständlich auch nicht immer gelingen 
wird. 

Diese Gründe sind in jedem einzelnen Fall aufzusuchen; sie 
lassen sich aber wohl im Ganzen auf zwei Typen zurückführen. 
Entweder liegen psychologische Verhältnisse vor: hierher gehört 
der Fall der Wortvermengung und der der sog. Analogie, die nur 
ein besonderer Fall der Wortvermengung ist. Oder die Doppelheit 
erklärt sich aus sozialen Verhältnissen, indem, ganz allgemein 
gesagt, jede der beiden Formen von einem anderen Ausstrahlungs- 
punkt ausgegangen ist, sei es in örtlichem Sinn (Entlehnung aus der 
Mundart des Nachbargebietes), sei es in gesellschaftlichem (Ent- 
lehnung aus einer anderen Gesellschaftschichte). Aber mögen nun 
psychologische Verhältnisse im engeren Sinn oder (denn auch diese 
gehen schliefslich auf psychologische Ursachen zurück) soziale 
Gründe die Entwicklung der Laute beeinflufst hahen, auf jeden 
Fall ist daran festzuhalten, dafs nicht die Veränderung der Laute 
— denn diese führen ja kein selbständiges Dasein — das Ur- 
sprüngliche ist, sondern dafs in der Regel zunächst Wörter 
verändert und entlehnt werden. 

Ich sage „in der Regel“, weil in einzelnen Fällen die Ver- 
änderung vielleicht wirklich unmittelbar den Laut, unabhängig vom 
Wort, betroffen haben mag (wie im Falle der Lautsubstitution, 
wenn etwa nach der „keltischen Hypothese“ das lat. » im Gallo- 
romanischen durch ä ersetzt wäre). Doch dürfte dieser Fall sehr 
selten sein. Meist, wie gesagt, wird die Veränderung die Wörter 
erfassen. Ein solcher Lautwandel mag z.B. stattgefunden haben, 
wenn ein bestimmtes Individuum, vielleicht infolge eines sprach- 
lichen Gebrechens, im Frz. s an Stelle von /s sprach. Es ist mir 
nicht zweifelhaft, das sich auch in diesem Falle die Nachahmung 
dieser Aussprache zunächst auf bestimmte Wörter beschränkte. 
Vgl. auch F. Schürr, Sprachwissenschaft und Zeitgeist. Beih. zu 
Bd. 30 der „Neueren Sprachen“, 1922, S. 43. Wer für seine 
eigene Aussprache /sie? aus dem Munde eines ihm malsgebend 
erscheinenden Individuums sze/ hört, wird diesen Lautwandel 
zunächst nur in diesem Wort nachahmen, wird aber weiterhin 
seine eigenen Aussprache etwa von /sire beibehalten, weil er zu- 
fällig dieses Wort nicht von seinem Vorbild gehört hat. Es 
standen nun in der betrefienden Mundart sze/ und /sire reben- 
einander, so dafs man Doppelheit der Entwicklung des lat. c fest- 
stellen kann. (Man vergl. die Wörter mit cka- im pikardischen 
ca-Gebiet). Es ist dann Aufgabe des Sprachforschers zu prüfen, 
welche von diesen verschiedenen Entwicklungsstufen in der betr. 
Mundart bodenständig ist; das wird in der Regel auf Grund 


608 ADOLF ZAUNER, 


chronologischer Zeugnisse geschehen, läfst sich aber meist auch aus 
der Beschaffenheit der betr. Wörter erkennen. Ich halte es daher 
nicht für richtig, wenn S.d. G. Formen wie espice Grice neben 
espece Grece einfach als „double developpement“ gelten lälst 
(S. 647, auch Anın. ı auf derselben Seite), ohne den Gründen 
dieser Doppelheit nachzugehn, ohne zu fragen, ob nicht die Begriffe, 
die diese Wörter bezeichnen, ihrer ganzen Natur nach so beschaffen 
sind, dafs sie Entlehnung aus anderen Sprachen oder anderen 
Gesellschaftschichten wahrscheinlich machen. 

3. So wie S. d. G. die sozialen Ursachen, die die Ent- 
wicklung der Wörter beeinflulst haben, nicht berücksichtigt,! so 
behandelt er auch die chronologischen Unterschiede, wie mir scheint, 
mit zu grolser Gleichgültigkeit. Auch hier ist gewils nicht zu 
leugnen, dafs Entwicklungsstufen verschiedener Entstehungszeiten 
nebeneinander vorhanden sein können. So sind in der heutigen 
franz. Schriftsprache (ob auch in der Sprache des Einzelnen, lasse 
ich dahingestellt) z/ sassıed und 2 s’assosf üblich und doch ist der 
Entstehung nach jenes älter als dieses, was in diesem Fall durch 
die schriftliche Überlieferung bezeugt wird; oder: im Pikardischen 
steht heute ca- neben cAa-; dals das zweite dort jünger ist, wird 
teils wieder durch die schriftlichen Denkmäler erwiesen, teils ergibt 
es sich aus der Bedeutung der Wörter, in denen es vorkommt. 
Was soll man aber sagen, wenn S. d.G. zwei nach Laut und 
Bedeutungskomplex so verschiedene Wörter wie ssecde und uesl auf 
eine Stufe stellt (648) und daraus Schlüsse zieht? Oder wenn er 
doppelte Entwicklung des freien a zulälst und dadurch sowohl mal 
als mel erklären zu können glaubt (654), ohne aber zu rechtfertigen, 
wie das vorausgesetzte Nebeneinander zweier Akzentuierungen des 
Diphthongs zu denken sei? 

Ich kann ihm auf diesem Wege nicht folgen. Ich halte viel- 
mehr daran fest, dals an einem bestimmten Ort und zu einer 
bestimmten Zeit nur eine lautliche Entwicklung als normal angesehen 
werden kann, dafs jede Abweichung davon eine Deutung durch 
psychologische oder soziale Ursachen erfordert. Was als normale 
Entwicklung anzusehen sei, ist in jedem einzelnen Fall durch 
chronologische und andere Erwägungen festzustellen. Dabei möchte 
ich bemerken, dafs hierbei die statistische Methode (die S. d.G. 
S. 645, Ende des zweiten Absatzes, zuzulassen scheint) zwar in den 
meisten Fällen, sicher aber nicht immer zum Ziele führt, denn es 
kann vorkommen, dafs sich gerade eine wenige Beispiele umfassende 
Entwicklung als bodenständig herausstellt. 

Mit alledem sage ich nichts Neues; es schien mir aber not- 
wendig, es doch wieder zu betonen, um gegenüber den auf 
schwankender Grundlage aufgebauten Behauptungen S. d. G.s einen 
festeren Standpunkt zu gewinnen. 


ı Obwohl ihm deren Vorhandensein selbstverständlich sehr gut bekannt 
ist, s. besonders Neophilologus 3, 166. 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 609 


4. Ich will nun versuchen, S. d. Gs. Aufstellungen folgend, 
meine Einwände dagegen darzulegen. In vorausgeschickten Odser- 
vahlons gentraless stellt er zunächst den Satz auf: Diphlongaison 
suppose allongement, und zwar bezieht er dies nur auf die „diphton- 
gues spontan&es“, das sind offenbar diejenigen, die durch Spaltung 
eines Vokals entstanden sind. Nun ist es zwar auch mir wahr- 
scheinlich, dafs die Entwicklung in den allgemein als „offen“ an- 
erkannten Silben (z. B. fedem > pied) tatsächlich eine Längung des 
Vokals vorausseizt,! ich glaube aber, dafs der Satz in dieser All- 
gemeinbeit doch nicht ganz richtig ist. Den Fall „de la rencontre 
de deux voyelles* scheint S. d. G. selbst ausdrücklich auszunehmen 
(Meint er damit Fälle wie franz. ou‘ aus oil?). Gewils ist aber 
auch der Fall der Vokalisierung eines Kons. auszunehmen, und 
zwar nicht nur Fälle wie ital. frega < plica, wogegen wohl auch S.d.G. 
nichts einzuwenden haben wird, sondern auch solche wie port. feilo 
und altport. und urspan. owfro. Ich hebe das ausdrücklich hervor, 
weil S. d. G. bezüglich des franz. /aif anderer Ansicht ist (s. u. $ 9) 
und weil er auch für franz. deaus aus dem Vorhandensein des 
Diphthongs auf vorhergegangene Längung schliefsen will, was ich 
für unerweisbar halte (s. u. $ ıı). 

S. d.G.s zweitem Satz „Non-diphlongaison actuelle ne suppose 
pas necessairemet non-allongemeni“ stimme ich in dieser Fassung ohne 
weiters zu, nicht aber den Folgerungen, die er daraus zieht. Schon 
die Bezeichnung „Diphthong* für den durch Spaltung eines 
gelängten lat. 2 entstandenen zweigipfligen Vokals (ohne wesentliche 
Differenzierung der Zungenhebung der beiden Bestandteile) mag 
strittig sein. Unerweisbar scheint mir der Schlufs: „c’est ce qui 
a dA se passer (nämlich Spaltung in einen zweigipfligen Vokal 
und darauf Rückkehr zum Monophthong) pour toutes les voyelles 
libres latines qui, en roman (von mir gesperrt), se pr&sentent sous 
forme de monophtongue“*. Meint also S.d.G. auch, dafs z.B. franz., 
ital, span. usw. 7 und u aus lat. freiem ; « einmal zweigipflig 
gesprochen worden seien? Die Möglichkeit ist natürlich zuzugeben, 
aber die gerade bei diesen Vokalen so seltenen Diphthongierungen 
rechtfertigen keineswegs eine so weitgehende Verallgemeinerung. 
Auch S. d. G.s Deutung der Entwicklung von ma/ craie amour, die 
er hier wieder anführt, scheint mir unmöglich; das Nebeneinander- 
bestehen einer steigenden und einer fallenden Druckverteilung in 
den betr. Diphthongen, in dem er die Erklärung finden will, hat 
er m. E. auch Neophilologus 3, 161 in keiner Weise wahrscheinlich 
gemacht. 


5. S. d. G. sucht hierauf zunächst nachzuweisen, dafs vor 
Kons. + y die Vokale „frei“ gewesen seien. Ich habe selbst diese 


1 Anders A. Juret, Zssai d’explication de la transformation des voyelles 
accentudes lalines e,0,a en roman ie, uo,e im Bull. de la Soc. de linguistique 
de Paris 233, 1922, 138 ff. Und dagegen R.Ronjat, Accent, quantits et diphton- 
gaison en roman et ailleurs, ebd. 24, 1924, 356 ft. 


Zeitschr, f. rom Phil. XLVII. 39 


610 ADOLF ZAUNER, 


Ansicht (wenigstens soweit /y, ny, #y, dy, sy in Betracht kommen) 
in meinen Vorlesungen schon im Wintersemester 1903/4 und 
seither wiederholt vorgetragen, bin aber immer wieder zweifelhaft 
geworden und möchte mich heute in ablennendem Sinne aussprechen. 
Die Sache scheint mir viel verwickelter zu sein, als sie nach S.d. G.s 
Darstellung aussieht; sie steht insbesondere, was dem niederländischen 
Gelehrten entgangen ist, allem Anschein nach mit einer ganz anderen 
in Verbindung. Ich will meine Ansicht hier darlegen; vielleicht 
findet sich der eine oder der andere meiner Fachgenossen ver- 
anlafst, gleichfalls dazu Stellung zu nehmen und so zur Klärung 
der ganzen Frage beizutragen. 

Betrachtet man die Fälle, in denen dem Vokal folgte, 
vom neufranz. Standpunkt, so zeigt sich dem Anscheine nach das 
Eigentümliche, dafs e und 9 wie in offener Silbe behandelt werden, 
wogegen sich a € unfl 9 so verhalten wie sonst in gedeckter 
Stellung. Dasselbe Bild bieten die alıfranz. (franzischen) Formen, 
sofern man dem vor / geschriebenen z keinen eigenen Lautwert 
beimilst, sondern es als Zeichen der Palatalisierung ansieht; so 
also mielz fuerlle gegen paille conseil coille (neufranz. cowille wie 
altfranz. /orne zu neufranz. fourne). Diese Sonderstellung der 

Vokale £ und g ist nun höchst auffällig. Mit der in dfrittletzter 
Silbe zu beobachtenden ähnlichen Sonderentwicklung kann sie 
kaum verglichen werden, weil diese augenscheinlich mit dem Zeit- 
punkt des Eintrittes des Vokalausfalls in Zusammenhang steht. Es 
ist auch nicht einzusehen, weshalb /y nur bei a e og die Silbe ge- 
schlossen haben sollte, nicht aber bei ge und 9. Es bleibt also 
nichts anderes übrig, als anzunehmen, dals Zy entweder nach allen 
Vokalen Silbenschlufs gebildet habe oder nach keinem. Auf Grund 
der Geschichte der Entwicklung von /y müssen beide Möglichkeiten 
als denkbar bezeichnet werden. Es kann auf der Stufe /y (aus 
einem älteren / mit silbischem 7) das y soschr konsonantisch 
gefühlt worden sein, dafs es imstande war, die folgende Silbe zu 
beginnen, dann hätte / Silbenschlufs gebildet; in Zal-ya wäre der 
Vokal in derselben Stellung gewesen wie in al-/u, also gedeckt. 
Oder: die Verschmelzung von Iy zu einem einzigen Laute, dem 
pal. /, ist so früh erfolgt, dals dieselben Verhältnisse vorlagen wie 
etwa in Pa-la, dann war auch die erste Silbe von Ja-/a offen. 

Die Behandlung der Vokale, die allein für die eine oder die 
andere Auffassung entscheiden könnte, läfst sich bei beiden Annahmen 
erklären. Es mufs dabei in Betracht gezogen werden, dafs die 
schriftmäfsige Darstellung das pal. / den mittelalterlichen Schreibern 
Schwierigkeit bereiten mulste, dals daher die hierzu verwendete 
Schreibung -z/ -i4- verschiedener Deutung fähig ist; weiter mufs die 
phonetische Tatsache berücksichtigt werden, dafs ein pal. / ebenso 
leicht ein ihm vorausgehendes ; (als zweiten Bestandteil eines 
Diphthongs) aufsaugen, als umgekehrt seinerseits ein z vor sich 
entwickeln kann. Dafs die Entwicklung der in Rede stehenden 
Fälle im Nenfranz. eher für Vokaldeckung spricht (abgeschen von £ 


= —ıi „a 0m 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 611 


und 9 worüber unten $ 9), habe ich oben angedeutet. Aber auch 
die Ansicht, dafs sich die Vokale hier wie in freier Silbe verhalten 
haben, läfst sich verteidigen. Man braucht nur anzunehmen (was 
mir auch aus andern Gründen wahrscheinlich ist), dafs dem e aus 
a ein Diphthong, etwa ein ae vorausgegangen sei, dann ist das az 
von Zaille als eine durch den Einflufs des pal. / verursachte 
Erhöhung leicht zu verstehen; consei/ würde die gewöhnliche (älteste) 
Stufe der Behandlung des freien e zeigen; in diesen beiden Fällen 
hätte also das die doppelte Aufgabe, den zweiten Bestandteil 
des Diphthong darzustellen und zugleich die Palatalisierung des / 
anzuzeigen. In cosl/e wäre die älteste, monophthongische Stufe der 
Entwicklung von 9 zu erkennen, was leicht anzunehmen ist, weil 
ja gerade dieser Vokal, wie bekannt, am spätesten zur Diphthon- 
gierung geschritten ist. AMiecs und J/ueille würden klärlich die 
übliche Behandlung des freien g g zeigen. 


Dem Einwand, dafs sich aus Zaz-/e weiterhin ey, aus consei-! 
consoil (und dann Zöswey usw.) hätte entwickeln müssen, ist leicht 
zu begegnen; die Nachfolger dieser geforderten Formen sind in 
neufranz. Maa. wirklich zu belegen (Meyer-Lübke, RG ı, $ 232), 
consel wit Diphthong ist für das Rolandslied durch Assonanz 
gesichert, consorl in späteren Texten zu finden u.a. ja auch die 
Form bei Chretien. Die der Reichssprache zugrundeliegenden 
Formen lassen sich ohne Schwierigkeit damit erklären, dafs eben 
ein pal. / leicht ein vorausgehendes ; aufsaugen konnte: Jas-/e wurde 
zu Pa-le, consei-! zu conse-!' (geschrieben conseil). 


So ungefähr stellt sich S.d.G. die Entwicklung vor! und 
nimmt daher an, dafs die Vokale vor /y frei gewesen seien, und 
so hatte wie gesagt auch ich einmal geglaubt, mir die merkwürdige 
Verschiedenheit der fünf Vokale in dieser Stellung zurechtlegen zu 
können. 


1 S.d.G.s Frage (S. 645 Mitte), warum az in Zaille < palea nicht zu e, ez 
in conseil nicht zu oz geworden sei, glaube ich oben beantwortet zu haben. 
Dals freies a vor r» nicht wie gewöhnlich e, sondern ar ergab, ist genügend 
dadurch erklärt, dafs die Nasalierung schon zu einer Zeit eintrat, als @ noch 
nicht die Stufe e erreicht hatte, sondern erst bei ae angekommen war: der 
nasale Diphthong entwickelt sich nun anders als der orale. Ganz ebenso hat 
ja die Nasalierung verhindert, dafs ei zu 07, o zu o# und eu fortschritten 
(veine, done). Die weitere Frage, warum er einmal als £, dann wieder als oz: (wa), 
o einmal als ez, in anderen Wörtern wieder als oz erscheine (cruie amour 
gegen vor fleur) kann in dieser Form wohl nur jemand aufwerfen, der wie 
S.d.G. den Lauten sozusagen selbständiges Dasein und selbständige Weiter- 
entwicklung zuschreibt und sich nicht um die Natur der Wörter kümmert, 
in denen sie enthalten sind. Wenn S.d.G. meint, dafs das offene e in der 
heutigen Aussprache von conse:il nicht zu verstehen sei, wenn man nicht die 
Zwischenstufen gz, ed annehme (S. 645 u.), so ist zu erwidern, dafs die Qualität 
der Vokale im Nfrz. keineswegs immer der afrz. entspricht, sondern vielfach 
durch andere Bedingungen (Stellung im Wort, Beschaffenheit der umgebenden 
Laute) bestimmt wird; vgl. sec, mettre, vert usw.; bei -ez/ dürfte Dissimilation 


gegen das folgende z gewirkt haben (vgl. E.Herzog, Zist. Sprachl. des Nfrz. 
8 172 ff.). 


39* 


612 ADOLF ZAUNER, 


6. Indes sprechen doch gewichtige Gründe gegen diese Auf- 
iassung. Zunächst die Entwicklung von colea. Es ist leider, soviel 
ich sehe, das einzige Wort, das p vor ursprünglichem /y zeigt, 
freilich entwickelt sich » vor c/ ganz ebenso und ich glaube, dafs 
der Wandel von c/ zu /y so alt sei, dafs man unbedenklich beide 
Gruppen miteinander behandeln könnte. Indes will ich, um jedem 
möglichen Einwand auszuweichen, die Trennung aufrechterhalten. 
Nimmt man Behandlung wie in freier Silbe an, so würde sich die 
Entwicklung co-/e cou-le keule (das dann vermutlich gueuille geschrieben 
würde) ergeben (Das wird S. d. G., der doppelte Entwicklung zuläfst 
und das Suffix in amour und in eur auf eine Stufe stellt, freilich 
nicht zugeben!) und, wenn etwa / auch in diesem Falle ein z vor 
sich erzeugt hätte, co,-/e cwe-le cwa-le. Keine dieser Formen ist m. W. 
belegt; dagegen fügt sich cowille sehr gut bei Annahme einer 
Behandlung wie in gedeckter Silbe. 


Ein anderer Einwand ergibt sich aus dem Verhalten der 
Vokale, wenn Z/ vor Kons. tritt und daher zu «x wird. Wäre in 
-aıl aus -aliu ai-! gesprochen worden, so wäre dieses zu £y, bei 
Vokalisierung des / aber zu -gws geworden (/raveus). Davon finde 
ich keine Spur: überall liegt das Ergebnis von -aus vor. 


Gegen S.d. G.s Annahme spricht weiter auch das Verhalten 
des Italienischen. Da auch diese Sprache freie und gedeckte 
Vokale scheidet, so würde man hier dieselbe Entwicklung erwarten 
wie im Französischen. Dennoch zeigen megl/io foglia die Behandlung 
der Vokale in gedeckter Stellung. Indes will ich darauf nicht 
viel Gewicht legen, weil man mir einwenden könnte, dafs das Ital. 
die Kons. vor y längt (Meyer-Lübke, Ital. Gr. $ 247). 

Dann aber etwas anderes. Ich habe früher gesagt, dafs mir 
diese Frage noch mit einer andern verwickelt zu sein scheint: ich 
meine mit der des Zwischentonvokals.. Die Vokale nach dem 
Nebenakzent verhalten sich bekanntlich so wie die nach dem 
Hauptakzent. So wie in manent vendunt der Vokal nach dem 
Hauptakzent (als e) geblieben ist, weil er durch die folgende 
Konsonantengruppe gedeckt war. so hat sich z. B. auch das e nach 
dem Nebenakzent in abellana gehalten, weil es durch die folgende 
Kons.-Gruppe (hier Z) gedeckt war (Schwan-Behrens, Gr. des 
Altfranz. 880 2b). Es zeigt sich nun, dafs vor Kons. +y der 
Zwischentonvokal (als e) bleibt, ein, wie mir scheint unwiderleg- 
licher Beweis, dafs eben diese Gruppen Silbenschlufs bilden: 
paveillon, correcier, roegnier, manecier (E. Herzog, Sireitfragen der 
rom. Phil. S. 110 und besonders auch die zahlreichen Ortsnamen 
bei L. J. Juroszek, ZfrPh 27 1903, 704fl.). Man darf also für die 
Entwicklung des Haupttonvokals dasselbe annehmen. 


7. Genau dasselbe, was für /y gilt, läfst sich von ry sagen. 
Auch hier liefse sich in montaigne das ai als Überbleibsel einer 
alten Diphthongierung des a, also mit Behandlung in freier Stellung 
deuten: in montagne wäre dann 7 von ny aufgesogen worden. 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 613 


Ebensogut kann man aber annehmen, dals a gedeckt gewesen sei: 
dann hat sich das ; von montaigne aus ny entwickelt. Im Ital. 
gibt es hier keine Form, di» für S. d. G.s Auflassung spräche, was 
sich aber wieder aus Dehnung des Kons. erklären hefse. (In franz. 
f«smoigne hätte der Eintritt der Nasalierung wieder die Entwicklung 
von p zu o« und ew aufgehalten). Dagegen spricht die Behandlung 
des Zwischentonvols vor zy deutlich für die deckende Kraft dieser 
Gruppe (vgl. chaeignon und die Ortsnamen bei Juroszek a.a. O.) 

8. Die Behandlung der Vokale vor den übrigen y-Verbindungen 
kann ich kurz behandeln, zumal sie auch S. d. G. nur flüchtig 
streift. Es scheint mir in diesem Falle notwendig, zwei Fälle zu 
unterscheiden: diejenigen, in denen der Kons. ein z vor sich ent- 
wickelt (ry sy dy ty, wenn es -is- ergibt, und diejenigen, in denen 
dies nicht der Fall ist £ <cy und %, &<vy und dy, ch < Py). 
Im ersten Fall lassen die Ergebnisse keinen Schlufs darauf zu, ob 
die betonten Vokale frei oder gedeckt gewesen seien, indem nur g 
und 9 zweifellos diphthongieren, doch beseitigt auch hier die 
Erhaltung des Zwischentonvokals mindestens für sy jeden Zweifel: 
der pal. Kons. bildet auch hier Deckung (vgl. den Ortsnamen 
Carisiacu > Charizey und zahlreiche andere bei Juroszek, Z/r Ph 27, 
684 und 698). — Im andern Fall, wenn die Verhältnisse nicht 
durch das Hinzutreten eines aus der pal. Kons.-Gruppe entsprossenen 7 
verwickelt sind, mülste man die von S.d.G. vorausgesetzte Di- 
phthongierung deutlich erkennen; er weils jedoch nur espice und 
Grice anzuführen, von denen wohl das erste als ein Wort einer 
feineren Kulturschicht, das zweite als Eigenname keine Beweis- 
kraft haben. Wenn er weiter sehr entschieden erklärt: „la forme 
-ece remonte & -ezce“, so mülste wohl die örtliche Verbreitung dieser 
seltenen Form des Suffixes festgestellt werden; bekanntlich ist die 
Hinzufügung eines 3 nach dem Tonvokal eine namentlich im Osten 
auftretende, aber noch nicht genügend erklärte Erscheinung. Diese 
paar Fälle genügen S. d.G. als „preuves de diphtongaison“(!); um 
die Formen face, glace, vece, Suff. -ece, die keine Spur einer Behandlung 
des Vokals wie in freier Silbe aufweisen, kümmert er sich nicht 
weiter, er braucht es allerdings nicht zu tun, denn nach seiner 
Theorie des ‚dedoublement‘ liegen die Fortsetzer einer fallenden 
Form des gespaltenen Vokals vor: */dece sei durch Reduktion zu 
face geworden. Auch hier sprechen aber die bei Juroszek S. 693 
angeführten Ortsnamen wie Ülamecy u. a. mit aller Deutlichkeit 
dafür, dafs cy Silbenschlufs gebildet hat. — Für dy und ry glaubt 
S. d.G. freie Stellung des Vok. zu erweisen durch adriege, liege 
und das seltene repruece (für seche, das nach ihm aus seiche ent- 
standen ist, gilt das oben über -ece Gesagte, auch die bei Godefroy 
einmal belegte Form sosche bedürfte wohl noch genauerer Be- 
stimmung); von ache, hache, sache, creche, proche, rage, roge spricht 
er nicht und doch stellen diese offenbar im Zusammenhalt mit dem 
bisher Ausgeführten die regelmäfsige Entwicklung dar; adriege liege 
sind durch die Grundwörter drief, lief beeinflulst, repruece entweder 


614 ADOLF ZAUNER, 


durch fruef oder wahrscheinlicher durch das gleichbedeutende 
reprueve.! 

Ich glaube im Vorstehenden nachgewiesen zu haben, dals S.d.G.s 
Annahme, vor Kons. + y seien die Vokale frei gewesen, nicht be- 
gründet ist. Was er dafür anführt, ist hinfällig oder anderer 
Deutung fähig, die Behandlung des Zwischentonvokals spricht 
entschieden dagegen. Ich füge noch hinzu, dafs die bei lat. 
Dichtern vorkommenden Messungen wie /fa-4a (Seelmann, D. Aus- 
sprache des Lat. S. 232) auch für Schliefsung der Silbe zu sprechen 
scheinen. 

9. Nun bleibt aber doch die Tatsache bestehen, dafs g und p 
vor Kons. + » diphthongieren, allerdings nur, wenn die pal. 
Gruppe vor sich ein 7 erzeugt hat. Es ist bekannt, dafs sich in 
diesem Falle die Diphthongierung auch im Provenzalischen findet, 
ja dafs sie in dieser Sprache nahezu gerade auf diese Bedingung 
beschränkt ist. Es liegt nahe, aus diesem geographischen Zusammen- 
hang auf Einheitlichkeit der Diphthongierung in diesem Falle zu 
schliefsen. Freilich wären dann die frz. Diphthonge in zvei/ mi ueil 
hul (prov. vielh miei uolh uo!) ganz anderen Ursprungs als etwa die 
in Jievre ues (gegen prov. ledre ops).. Wie die Entstehung dieser 
beiden Sprachen gemeinsamen Diphthong« zu erklären ist, ist eine 
Sache für sich; mir scheint die von S.d.G zurückgewiesene Erklärung 
Rokseths (Romania 47, 545) annehmbar (vgl. auch G. Millardet, 
Linguistique et dialeclologie romane 120fl.).. Aber selbst wenn diese 
Deutung unrichtig sein sollte, bleibt die Tatsache bestehen, dals 
hier das Prov., das sonst nicht diphthongiert, mit dem Franz, 
das die freien Vokale spaltet, Hand in Hand geht. Dieses Zu- 
sammentreffen kann nun kaum zufällig sein.?2 S.d.G.s Einwand, 
die Stellung von g und p „en syllabe fermee, donc non-allongee* 
(S. 643) lasse deren Diphthongierung unverständlich erscheinen, 
scheint mir nicht stichhaltig. Erstens kann man sich wohl vor- 
stellen, dafs durch das Folgen eines unsilbischen 7 (und für 7 aus 
Pal. vor Kons. mufs ja ohnehin ein hohes Alter in Anspruch ge- 
nommen werden) die Silbe tatsächlich nicht geschlossen, sondern 
offen, oder besser gesagt geöffnet gewesen sei, und zweitens mufs 
der Vokal einer geschlossenen Silbe nicht notwendigerweise, wie 
S. d. G. anzunehmen scheint, der Längung unfähig sein.? Die 


1 Reproche erklärt SdG. S. 647, „comme une reduction de reproeche 
plutöt que comme forme analogique d’apr&s reprochier“, Eine Stufe oe des 
aus g entstandenen Diphthongs ist aber in dem angezogenen Artikel, Nevphl. 
3,163 gar nicht angenommen. Für mich ist reörgche regelrecht aus repropriat 
entstanden, weil für mich #y Silbenschlufs bildet; redroche mit geschlossenem o 
kann allerdings kaum anders als durch Angleichung an die endungsbetonten 
Formen erklärt werden. 

2 Anders Voretzsch, Zur Geschichte der Diphthongierung ım Altprov. 
in Forschungen 3. rom. Phil., Festgabe für H. Suchier, 1900, S. 631 fl. Vgl. 
auch Appel, Prov. Lautlehre, S. 37 und Bartoli, /ntroduzrione alla neo- 
linguistica, S. 82. 

® Ich sehe ab von den Verhältnissen im Wallonischen, Spanischen und 
KRumänischen, für die SdG. vermutlich andere Silbenteilung heranziehen wird 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 615 


Diphthongierung von gg vor c4,cs (l£ cuisse) gibt natürlich auch 
S.d.G. zu; von anderen Vokalen, bei denen ja nach seiner Theorie 
ebenfalls Diphthongierung zu erwarten wäre, schweigt er. \Wenn 
er weiterhin (S.648) Fälle wie szecle, riegle, ueil, aveugle, enlier, ive, 
eawe ohne weiteres einander gleichstellt, und dabei ausdrücklich 
gelehrten Ursprung einiger dieser Formen ablehnt, vielmehr ‚une 
double &volution €galement „populaire“‘ annimmt, so erübrigt es 
sich für mich nach dem in der Einleitung Gesagten, darauf ein- 
zugehen. 

10. Ebenso ist es mir unmöglich, mich S. d. G.s Ansicht an- 
zuschlielsen, vor s + Kons., r + Kons. und vor // seien die Vokale 
in freier Stellung gewesen. Es handelt sich um die bekannten 
Fälle nice, bisse (bestia, das aber doch zweifelhaft ist!), duzs (Postea, 
siy ist aber sonst im Rom. wie ssy behandelt worden, also gehört 
das Beispiel eigentlich in den vorhergehenden Paragraphen), /ierz, 
fierge, cierge (altfranz. aber cırge, hat aufserdem ?), riece. Auf diese 
wenigen Beispiele baut S. d.G. seine Regel auf. Nun ist es ja 
richtig, dafs eine völlig befriedigende Deutung dieser Wörter noch 
nicht gefunden worden ist; doch kann auch S. d. G.s Erklärung 
nicht als solche bezeichnet werden. Er entfernt alle widersprechenden 
Fälle mit der Behauptung, dals etwa in se/ (< septem) feste das e 
aus einem älteren ee, in noces das o aus einem ursprünglichen 00 
zusammengezogen sei. Hier sucht er seine Aufstellungen auch 
durch Hinweise auf andere Sprachen zu stützen. So soll für ein 
älteres nooces die Form zuossas in Nizza sprechen; aber dort wird 
ja überhaupt gedecktes 9 zu wo. Das se etwa in /ierz schreibt er 
dem Einflufs des folgenden y zu (das tut ja auch die übliche 
Erklärung); dafs in /orce kein Diphthong zu sehen ist, sei durch 
den gröfseren Widerstand zu erklären, den das velare o dem Ein- 
flufs des Palatals entgegengesetzt habe; warum ist aber in nuıilf 
nichts von diesem Widerstand zu merken ? 

Für die Diphthongierung vor s/ verweist S.d.G. auf die räto- 
rom. Formen, die gar nichts beweisen, weil der geographische Zu- 
sammenhang mit Frankreich fehlt und weil dort überhaupt gedeckter 
Vokal ebenso diphthongiert wie freier. Die franz. Lehnwörter im 
Niederländischen und im Englischen beweisen ebenso nichts für 
das Franz. oder doch nichts für das Franzische. Zum Teil hängt 
die Längung der Vokale in diesen Sprachen von anderen Be- 
dingungen ab (vgl. engl. /ower mount doubt, die auf langes # zurück- 
gehen, mit den entsprechenden franz. Wörtern) und dann hat ja 


(s. bier & 12), möchte aber auf die hiesige steirische Mundart verweisen, in 
der alle betonten Vokale, selbst # und « diphthongisch gesprochen werden, 
selbst in so unzweifelhaft geschlossenen Silben wie off, Luft, Mist die hier 
etwa guft, Iguft, mjist lauten. Wenn SdG. meint (Romunia 30, 73): *Il va 
de soi que devant un groupe de consonnes (sauf Muta cum liquida), ıl ne peut 
y avoir de „Dehnung“,’ so wird diese Ansicht durch sprachliche Tatsachen 
widerlegt; vgl. auiser den eben genannten die mit „Dehnung“ bezeugten lat. 
quinque iunctus dignus und neuengl. aunt Jost und die später angeführten 
round mount usw. 


616 ADOLF ZAUNER, 


S.d. G. selbst nachgewiesen (Romania 30, 112), dals die franzö- 
sischen Wörter des Niederländischen aus dem Hennegau stammen, 
d.h. also wieder aus einer Gegend, in der die Vokale auch in 
geschlossener Silbe diphthongieren. Daraus läfst sich also für die 
anderen franz. Maa. und für die Reichssprache kein Schlufs ziehen. 
So wird auch neuengl. aßpeal, mittelengl. appele auf eine franz. Dialekt- 
form apiele zurückgehen, daraus afele, wie achseve im Mittelengl. 
acheven geworden ist. Also auch hier scheint mir der Nachweis 
für gemeinfranz. Längung oder gar Diphthongierung nicht erbracht 
zu scin.i 

ıı. Längung und Diphthongierung des betonten Vokals glaubt 
S. d.G. endlich auch vor / annehmen zu sollen (S. 651); das 
scheint ihm sogar „indiscutable*, denn, sagt er, wenn g nicht lang 
gewesen wäre, wäre es nicht diphthongiert worden, und apodiktisch 
fügt er hinzu: „Il est certain que cette voyelle (nämlich a in deaus) 
ne peut &tre que l’extension d’un des &lements de 2.* Es ist 
ihm natürlich bekannt, dafs man dieses a als Übergangslaut erklärt 
hat; wenn er aber meint „c’est une question de mots“, so muls 
ich ihm entschieden widersprechen. Das ist keine Wortklauberei, 
sondern deutet auf eine von Grund auf verschiedene Auffassung. 
Ich habe ($ 4) gesagt, Diphthongierung setze nicht notwendiger- 
weise Längung voraus. Gerade der Fall deals scheint mir dafür 
zu sprechen.?2 Die Tatsache, dals hier das / später zu u geworden 
ist, beweist unwidcrleglich, dafs es velar war; dafs beim Übergang 
von dem mit der Vorderzunge gebildeten g zu dem im hinteren 
Mundraum artikulierten velaren / die Zunge eine zwischen beiden 
liegende Stellung durchlaufen haben muls, dafs sich daraus ein 
halbhoher Mittelzungenvokal ergab, dafs sich dieser durch Dissi- 
milation gegen das £ zu a senkte, das alles ist phonetisch so ein- 
leuchtend und selbstverständlich wie wenige Lautentwicklungen. 
Die Schreibung Zee/s in den vier Bü.Kö,., die S.d.G. als „Beweis“ 
für die Spaltung des ursprünglichen g anführt, kann natürlich 
ebensogut als Versuch angesehen werden, jenen Übergangslaut 
schriftlich darzustellen. Für meine Auffassung, die ja die alte und 
bisher wohl einzige ist, spricht, dafs bei allen Vorderzungenvokalen 
dasselbe zu beobachten ist: bei 7 (filz fieus fyö in neufranz. Maa.), 
e (eols < illos führt S. d. G. selbst an) und e ausa (freu, Suchier, 
Altfranz. Gramm., Die betonten Vokale $ 61). Dagegen müfsten sich, 
wenn S.d. G.s Ansicht richtig wäre, Fälle der Diphthongierung von 
gedecktem 9 vor ZU finden, denn gemäls seiner Auffassung von 


! Ich frage mich, ob nicht auch das ze im dtsch. Zriester nicht eher 
durch Entlehnung aus einer frz. mundartlichen Form als durch die gleiche 
Entwicklung wie im germ. her > hier zu erklären sei. Nd. Jröster wäre eine 
unvollkommene Nachahmung des fremden Diphthongs. 

% Übrigens auch die Entwicklung von ed, al im Angelsächsischen zu eo/, 
eal. Ich weıfs nicht, worauf Roudet, Zlöments de phonettique generale 295, 
auf den sich SdG. beruft, die Behauptung stützt: „Dans ce cas encore, 
Pallongeinenut prec&de la diphtongaison.* Diese Dip!ithonge sind bekanntlich 
iin Altenglischen ku:z, 


FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 617 


ierz gegenüber force (s. oben $ 10) wäre gerade für mo/s ein 
*muols zu erwarlen, weil ja hier das velare o dem velaren / näher 
stand; eine diphthongische Form von mols findet sich aber m. W. nicht. 

ı2. Am Schlusse seiner Ausführungen findet S. d.G. die Er- 
klärung für das verschiedene Verhalten der Vokale im Wechsel 
zwischen festem und losem Anschlufs, oder, was auf dasselbe hinaus- 
kommt, in der verschiedenen Silbenteilung, die im Franz. zu be- 
obachten sei und das trotzdem er am Eingange seiner Abhandlung, 
anscheinend zustimmend, die Ansicht Jespersens (Zehrb. d. Phon. 
S. 203) angeführt hat, dem zufolge es unmöglich sei, die Silben- 
teilung einer lebenden, geschweige denn einer toten Sprache fest- 
zustellen. Ich kann S.d. G. auch bier nicht beistimmen. Die Silben- 
teilung einer vergangenen Sprachperiode läfst sich, wenn überhaupt, 
natürlich nur aus der Behandlung der Laute erschliefsen.1 

Diese ist aber mannigfacher Deutung fähig und man wird 
sich hüten müssen, daraus für ein so heikles Gebiet wie die Silben- 
teilung zu weit gehende Schlüsse zu ziehen. Lat. mundus erscheint 
im Altfranz. bekanntlich in zweierlei Gestalt: als mor/ und als monde. 
Die allgemein übliche Erklärung dieser Doppelheit ist wohl die, 
dals die erste Form die ununterbrochene Fortentwicklung darstelle, 
die zweite aber ein alter Latinismus sei. Das leuchtet dem Begriff 
nach durchaus ein: es handelt sich um einen Ausdruck, der in 
der Kirchensprache eine grolse Rolle spielt; der des Latein kundige 
Prediger suchte das lat. Wort, so gut es ging, seinen und seiner 
Zuhörer franz. Sprachgewohnheiten anzupasssen; die Endung, die 
ıhm als solche natürlich klar war, konnte er nicht in ihrer lat. 
Form beibehalten, weil sie sonst den Akzent hätte bekommen 
müssen, denn das Franz. hatte kein nachtoniges # mehr. Es blieb 
also nichts anderes übrig, als das # der Endung durch den einzigen 
im Franz. möglichen nachtonigen Vokal zu ersetzen; so entstand 
durch Lautsubstitution monde. Das ist meine, und soviel mir bekannt 
ist, die allgemeine Erklärung des -e. S.d.G. lälst sie nur nebenbei 
und zögernd zu: „I s’agit peut-&tre d’un rapprochement de moni 
du mot latin* (S.655, Anm. 2). Seine Erklärung lautet anders: 
Die Form mort entstand nach ihm aus einer Silbenteilung mit festem 
Anschlufs: mun-dum „le d... &tant isole, ne peut que s’appuyer 
contre la consonne qui precede“. Dagegen sei monde ein zweites 


1 Zur Stütze seiner Behauptung beruft sich SdG. auf ‘un me&moire, non 
encore imprime&’ seines Kollegen de Groot, in dem nachgewiesen werde, dals 
„d’apr&s le temoignage des graphies des inscriptions, c# et ff ont pu ouvrir 
la syllabe“. Da diese Abhandlung noch nicht gedruckt ist (?), kann ich sie 
nicht nachprüfen; sollte aber etwa die im Bull. de la Soc. de ling. 27 (1926), 
S. ıff. veröffentlichte Untersuchung Za sydlube: Essar de synthöse damit ge- 
meint sein, so kann ich nur feststellen, d«fs der genannte Gelehrte in allen 
wesentlichen Punkten genau die entgegengesetzte Ansicht vertritt (besonders 
S. 16, Nr.4 Ende; S.26 unten; S. 32). Die Ausführungen Seelmanns, 
D. Ausspr. des Lat. S. 137 ff., auf die sich SdG. gleichfalls beruft, beweisen 
im Gegenteil .das starke Schwanken der Beurteilung der Silbengrenze; die bei 
Seelmann 3. 142 wiedergegebenen Inschriften sprechen geradezu gegen SdG. 


618 A. ZAUNER, FREIE UND GEDECKTE VOKALE IM FRANZÖSISCHEN. 


Mal entlehnt worden und zwar zu einer Zeit, als die fianz. Sprache 
losen Anschlufs hatte: bei einer Silbenteilung mu-ndum habe 
das Wort nicht mit 7 enden können, „puisque la syllabe qui com- 
mence par rd ne peut exister que si elle poss@de une voyelle“ und 
so sei das -e von monde geblieben. — Ich mufs gestehen, dals 
mir eine Silbenteilung mu-ndum für das Franz. unmöglich erscheint, 
noch ungeheuerlicher aber die Teilungen me-dceum, -a-tcum, 
die S. d.G. zur Stütze anführen zu können glaubt. Der von ihm 
gefordete Übergang von -atcum zu -atgum und das von ihm 
aufgestellte Gesetz „que, dans un groupe explosif, les sons doivent 
se suivre dans cet ordre: que le son qui suit a plus d’aperture 
que celui qui prec&de;“ widerspricht der in allen rom. Sprachen 
zu beobachtenden Erscheinung, dals der zweite Kons. einer Gruppe 
fest bleibt, stimmt übrigens auch mit anderen sprachlichen Tatsachen 
nicht überein (%# wird nirgends 2d, span. -azgo). Ich halte auch 
hier an der alten Erklärung fest, dafs das c in -aticum schon 
zum Reibelaut geworden war, als der Vokalausfall eintrat; nur so 
läfst sich m. E. die Weiterentwicklung im Franz. verstehen. 

Ich glaube, dafs der ganze Artikel S. d. G.s verfehlt ist. Ich 
bemerke nur zum Schluls noch, dafs ich die Frage, ob und wie sich 
die mannigfachen Diphihongierungsverhältnisse der rom. Sprachen 
auf einen einheitlichen Typus zurückführen lassen, absichtlich nicht 
berührt habe, weil sie sich, wie wohl manches im Vorstehenden 
Berührte, nicht vom Franz. allein aus erklären lassen. 


ÄDOLF ZAUNER. 


1. Formales und Technisches in der höfischen Dichtung 
des Reimbaut von Vaqueiras.' 


Man hat oft genug betont, dafs die provenzalische Lyrik eine 
wesentlich formale ist, d. h. dafs ihre Hauptbedeutung in der Form 
beruht. Wenn wir aber an ihre Rolle in der Entwicklung des 
europäischen Geisteslebens denken, müssen wir den in ihr aus- 
gesprochenen Gedanken die grölsere Bedeutung zuerkennen. Sie 
waren ein erstes Flügelregen des erwachenden, in sich schauenden 
Menschengeistes und wirkten nach, als ihre Form eingesargt in 
Papiersärgen ruhte. Für die Zeit, in der sie entstanden ist, war 
allerdings die Form — zu der auch ihre Metrik und nicht zuletzt 
ihre Musik gehörte — wesentlicher. Sie konnte gelernt werden. 
„E apprenda far cansos e sirventes“ heifst es melhır als einmal in 
der Biographie cines Trobadors. 

Sehen wir im einzelnen, welche Stilmittel Raimbaut anwendet, 
um seinen Zuhörern sein Lied angenehm zu machen. 

Bei einem Überblick über seine Dichtung fallen zuerst auf 
die zahlreichen Anspielungen auf epische Stoffe? Auch 
bei anderen Trobadors haben wir deren, aber bei keinem so 
reichlich wie bei ihm. Auf die Quelle dieser Kenntnisse wurde in 
seiner Lebensbeschreibung hingewiesen: Als Jongleur mufste er mit 
all diesen Sagenstoffen vertraut sein. Der Roman „Flamenca“ 
liefert v. 620—705 die vollständigste Aufzählung, die wir in dieser 
Art besitzen. So reich ist die Skala nicht, die man aus Raimbauts 
Gedichten zusammenstellen kann, aber er zeigt sich doch mit der 
„matiere de France, de Bretaigne et de Roma la grant“ sehr 
vertraut. 


a) Anspielungen auf Stoffe des klassischen Altertums. 


Pyramus und Thisbe erwähnt er in Ara’m requier, „e Pam 
per son cosselh Mais que Tibes non amet Piramus.“ Im selben 
Lied wird Tantalus genannt „E fa'm murir si cum mor Tantalus“. 


2 Auszug aus einer gröfseren Arbeit über den Trobador „Reimbaut von 
Vaqueiras und seine Dichtung“, deren übrige Teile auch in dieser Zeitschrift 
erscheinen werden. 

2 Vgl. aum Folgenden Birch-Hirschfeld „Über die den Troubadours 
des ı2. und 13. Jahrhunderts bekannten epischen Stoffe“, Halle 1873. 


620 KLARA M. FASSBINDER, 


Beide Anspielungen gehen auf Ovids Metamorphosen zurück, die. 
erste auf IV, 55fl., die zweite auf Orpheus und Eurydike v. 41 
Vielleicht kannte Raimbaut die Übersetzungen des Chrestien von 
Troyes, da das Lied ja vermutlich erst in den neunziger Jahren 
des ı2. Jahrhundert entstanden ist, wie im Lebensbild gezeigt wurde. 
Im selben Gedicht steht eine Anspielung auf den „confanoniers“ 
Alexanders, dessen Kühnheit beim Sturm auf Tyrus im Alexander- 
roman besonders hervorgehoben wird: 


Bona dona, aitan arditz e plus 

fui, quam vos quis la joia del cabelh 
e que'm dessetz de vostr’amor cosselh 
No fan del saut de Tyr Emenidus. 


Alexander selbst ist ihm, wie den Troubadours überhaupt, das 
Vorbild der Freigiebigkeit. „Alexandres vos laisset son donar“ 
rühmt er seinen Herrn (Brief auf ar, v. 98). Im Kreuzzugslied 
„No m’agrad“ ist Alexander dagegen der Held, der grofse Er- 
oberungen macht: Anc Alexandres no fetz cors ... tan honrat. 

Der Name „Troia“, den die Festung der lombardischen Damen 
im „Carros“ erhält, weist darauf hin, wie beliebt der roman de Troie 
auch im provenzalischen Kulturgebiet war. 

Die Kanzone „Leu pot hom“ erwähnt das Liebespaar Floris 
und Blancheflor: 


Et anc Floris de Blancaflor 
No pres comzat tant doloros 
Com eu, dompna, si'm part de vos. 


Eine Anspielung auf diese beiden Liebenden finden wir schon bei 
der Gräfin von Dia einige Jahrzehnte vor den uns erhaltenen 
französischen Bearbeitungen. Sie setzt also entweder eine proven- 
zalische frühere Bearbeitung des Stoffes voraus oder eine fran- 
zösische, die später von einer vollkommeneren abgelöst wurde. 


b) Aus der Matiere de Bretaigne. 


In „Engles, un novel descort* verspricht er der Herrin, im 
Falle sie ihm ihre Gunst gewährt, so heimlich zu ihr zu kommen 
„Si cum Tristan que’s fes guaita tro qu’Ilseus fo vas si traita.“ 

In der „Estampida“ erklärt er ihr „D’amor per gensor vos ai 
chauzida gensor qu’Erex Enida“. 

Im Lied „Ja no cugei vezer“ erwähnt er Gavan, indem er 
behauptet „Vencut agra sobrier D’aventuras Galvanh“, wenn sie 
ihm ihre Gunst gewährt. 

In „Ara'm requier“ spricht er von Parzival: „Anc Parsavals 
quant a la cort Artus Tolc las armas del cavalier vermelh Non ac 
tal gaug com ieu del sieu cosselh.“ Bartsch hat in seinem Grundrils 
(S. 19) hervorgehoben, dafs dies die älteste Anspielung auf das 
Parzival-Epos ist, Faurieli weist darauf hin, dafs diese und alle 


ı A.a.0. S.431, BJ. III, 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 621 


provenzalischen Anspielungen sich auf Situationen aus Wolfram von 
Eschenbachs Bearbeitung beziehen. Es wäre dies ohne Zweifel 
eine starke Stütze für Wolframs Erzählung von dem Provenzalen 
Kyot-Guiot, der ihm den Stoff zu seinem Epos geliefert habe. 1 


Aus der Matiere de France 


stammen die meisten Anspielungen Raimbauts. Mehrmals spricht 
er von Roland. „Mas trahitz sui si cum fo Ferragutz Qu’a Rotlan 
dis tan son maior espaut Per on l’aucis.* Fauriel? bezieht die Stelle _ 
auf Turpins Chronik, in der von diesem Verrat berichtet wird. Da 
aber Raimbaut sonst nirgends lateinische Kenntnisse verrate, könne 
man eher vermuten, sie beruhe auf einer der Vorlagen von Turpins 
Chronik. — Man kann auch an eine poetische Fassung eines 
Teils der Chronik denken, die uns nicht erhalten ist. 

Die Antwort auf den Vorwurf mangelnder Tapferkeit von Seiten 
Alberts von Malaspina: „E s’ieu no val per armas Olivier Vos no 
valetz Rotlan a ma semblansa“ erwähnten wir schon. Die oben 
angeführte Stelle aus seinem Brief, in der er Bonifaz von Monferrat 
wegen seiner Freigiebigkeit mit Alexander vergleicht, geht weiter: 
„Et ardimen Rotlan elh dotze par el pros Berartz domney e gent 
parlar*. Die „dotze par“ sind der Karlsreise entnommen, wo 
sie allerdings nicht gerade im Frauendienst ihren höchsten Ruhm 
suchten wie B&erart de Mondidier, der als Typ des galanten 
Helden betrachtet wurde. P. Meyer schlielst aus den zahlreichen 
Arspielungen auf ihn (er wird z.B. auch bei Marcabru, P. Vidal, 
Giraut de Cabreira genannt) „qu’il a &te anciennement le heros 
d’un po&me aujourd’hui perdu, qui le repr@sentait comme aussi 
heureux en amour qu’en guerre*.3 Eine letzte Anspielung auf 
den Stoff der Karlssage bringt „No m’agrad’iverns ni pascors“. 
Nach dem schon angeführten Vers „anc Alexandres no fetz cors* 
fährt das Lied fort „Ni Karls ni’) reys Lodoyx tan honrat ni'| coms 
n’Aimerics Ni Rotlan ab sos ponhedors No saubron fan gen conquer“. 

Die Anspielung auf Aimeric, den Vater des Wilhelm von 
Orange, aus der Geste Narbonne beziehen sich nach P. Meyer auf 
das Epos „Faucon de Candie*, „qui a joui au 12° siecle du plus 
grand succ&s“.4 Der reys Lodoyx stammt aus dem gleichen Kreis. 
Sein Gegner Thibaut, der Verlobte der Oroble, bekannt aus den 
Enfances Guillaumes, Couronnement Lodoys und der Prise d’Orange, 
ist mit Ludwig zusammen in „Guerra ni plaig* genannt: „anc 
Tibautz ab Lodoys Non fetz plaig ab tans plazers Com eu quan 
sos torts m’esders“. 


I Dieser Frage ist man anscheinend von germanistischer Seite noch nicht 
nachgegangen, die neueste Annahıne ist die eines französischen Troveors Guiot. 
Vgl. bereits Wechssler, Gralsage S. 75 und 164 fl. 

2 A.a.0O., R.III, 74. 

s P. Meyer in einer Besprechung des Buches von Birch -Hirschteld, 
Rom VII 

“A.2a.0. 


622 KLAKA M. FASSBINDER, 


An die Chanson Aye d’Avignon schlielst sich eine Fortsetzung 
an, deren Held Gui de Nanteuil, Sohn Garniers und der Aye, 
ist. Er wird zweimal bei Raimbaut genannt. Einmal als Bild der 
Tapferkeit in „Leu sonet“: „Le vaslet de Nanteuil feri mielz de 
son bran“, hält der Trobador dem Dragonet, einem feigen Partei- 
gänger der Baus entgegen. Der Beiname „vaslet“ ist stehend für 
Gui,i ohne dafs man eigentlich weils warum. In „No posc saber“ 
wird er als Zeichen treuer Liebe aufgeführt: „Leys, qu’ieu am mais 
que non ametz Guis de Nantuelh la pieusel Ayglentina“. Diesen 
‘ Namen trägt seine Geliebte auch in der französischen chanson 
de geste. 

Das Urbild eines treuen Liebhabers ist aber für die Trobadors 
ein anderer Held: Andrieus de Fransa. Raimbaut erwähnt 
seiner im gleichen Lied Nr. 25 „Amada'us ai mais c’Andrieus la 
reyna“2 und in „Engles, un novel descort“: „Ses doptansa, Andreus 
de Fransa No saup tan gen rendre“. Der Stoff ist den französischen 
Epen nicht bekannt. Aus den Anspielungen der Trobadors geht 
rur hervor, dals er die Königin von Frankreich leidenschaftlich 
liebte, und in dieser Liebe — oder vielleicht richtiger an dieser 
Liebe — starb. G. Paris$ machte darauf aufmerksam, dals im 
„Chastoiement d’un pere & son fils“ ausführlicher von ihm die 
Rede ist. Aus der von ihm angezogenen Stelle ist ersichtlich, dafs 
Andreas in Paris starb und zwar, weil er der Königin seine Liebe 
nicht zu gestehen wagte. Es ist verwunderlich, dafs sich die 
Trobadors diesen Zug haben entgehen lassen, der so gut in manche 
ihrer Streitfragen gepalst hätte! 

Man mulfs fragen, in welcher Sprache der Roman über Andrieu 
existierte, und wie es sich wohl erklärt, dafs kein Manuskript etwas 
von ihm enthält, da er sich doch anscheinend grolser Beliebtheit 
erfreute. Vielleicht war es überhaupt nicht ein geformter Stoff und 
die Erwähnung im Chastoiement ist erst eine spätere Erweiterung, 
die sich aus den Bemerkungen der Trobadors leicht ergab.* 

Wir haben noch einmal eine Anspielung in Raimbauts Ge- 
dichten, zu der bisher keine Beziehung ausfindig gemacht worden 
ist und die Birch-Hirschfeld wohl deshalb übersehen hat. In „Ja 
no cugei vezer“ ist von einem Gui de Essiduelh die Rede, mit 
dem Raimbaut seinen Liebeskummer vergleicht. Die Stelle ist nicht 
ganz klar. G. Paris® gibt sie in folgender Fassung: „Com en Gui 
d’Essiduelh A cui fo sourizenz La reine entre'ls denz, D’on la fad'el 
vergier Perdet“. Es handle sich also um eine Geschichte analog 
der von Graälent oder Lanval in den Lais der Marie de France. 
Die katalanischen Handschriften geben statt „Lä rein’entre’ls denz“ — 


ı Z.B. Flamenca v. 700 „L’us diz del vailet de Nantoil .. .“ 

%2 Das Zitat bei Birch-Hirschfeld ist ungenau. 

® Rom. I, 105 ft. 

* Auch Trojel, Rom. 18,473 bringt nichts Neues, nur eine lateinische 
Stelle, in der A. de Fransa erwähnt wird. 


5 Rom. V, 469. 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 623 


„La reina Eldenz“, was, wenn man nicht die Ersetzung von sovinenz 
durch sowrizena mit G. Paris vornehmen will, jedenfalls einen besseren 
Sinn ergibt als das in der Luft schwebende enfre’ls denz. Die Stelle 
könnte dann lauten: „A qui fo sovinenz La reina Eldenz Quan 
la fada'l verger Perdet“. (Das guwan ebenfalls aus der katalanischen 
Handschrift genommen.) 

Der Ausdruck „Lo conort del Bertau“ inNr. 25, v. ı9 weist 
auch auf eine den Trobadors bekannte Figur hin, von der aber 
nichts Näheres überliefert ist. 

Die Anspielungen aus den drei grolsen Sagenkreisen sind 
natürlich in Raimbauts Dichtungen nicht getrennt. Sie bilden für ihn 
ein zusammenhängendes Ganze. Ungezwungen kommen sie ihm im 
Laufe der Darstellungen, oft eine die andere hervorrufend, wie im 
Briefe an Bonifaz, in „No m’agrad“, in „Era’'m quier“. Man merkt, 
dals er die Stoffe vollkommen in ihren Grundzügen und in Einzel- 
situationen beherrscht und sie ihm jederzeit zu Gebote stehen. — 
Ob man daraus, wie aus den Zitaten der anderen Trobadors, 
einen Rückschluls auf eine reiche provenzalische Romanliteratur 
ziehen mufs? Aus Raimbauts fünfsprachigem Descort geht hervor, 
dafs er französisch verstand, und vielleicht war es bei anderen 
Trobadors ebenso. 

Viel weniger zahlreich sind bei ihm wie überhaupt bei den 
Trobadors die Anspielungen auf Erzählungen der Bibel und 
der Heiligenlegende. Es zeigt sich auch hierin, dafs die höfische 
Kultur vorwiegend weltlich orientiert war. Das umstrittene Lied 
„Ar vei escur e trebol cel“ vergleicht einen Verräter mit Kain, 
der den Abel erschlug. Im Kreuzzugslied „Ara pot hom“ bittet 
er Gott, die Kreuzfahrer so sicher zu geleiten, wie er die Weisen 
aus dem Morgenlande nach Betlehem geführt habe. Er nennt 
dabei Kaspar und Melchior mit Namen. Schutzpatron der Flotte 
sei St. Nikolaus de Bar. Birch-Hirschfeld sieht darin eine Gestalt 
der Sage. Das stimmt sicher nicht. Es kann nur von einem 
Heiligen die Rede sein. Der hl. Nikolaus wird allgemein als Patron 
der Schiffer angesehen. Ob Lewent mit seiner Deutung St. N. 
de Bari recht hat, ist nicht sicher. Man könnte eher an Bar in 
Östfrankreich denken, da dieser Heilige der besondere Schutzpatron 
von Bar und Lothringen ist. 

Aufser ihm erwähnt Raimbaut noch im fünfsprachigen Descort 
San Kyteyra, eine Schutzheilige von Katalonien und im Planch 
„Ar pren comgat“ ist vom hl. Johannes die Rede, zu dem die 
Seele der Abgeschiedenen von Gott geführt werden soll. Dieser 
Zug ist mir nicht recht erklärlich. Vielleicht ist der Name einfach 
durch den Reim veranlafst. 

Diese epischen Anspielungen sind eines der Mittel, um den Ge- 
danken des Dichters zu veranschaulichen. Häufig dienen sie dazu, um 
seine Liebesbeteuerungen zu verstärken.! Denselben Zweck haben die 


1 Auffallend ist dabei, dafs nur der Sänger selbst mit Helden der Sage 
verglichen wird, nie die Herrin mit einer Heldin, 


624 KLARA M. FASSBINDER, 


Bilder und Vergleiche aus dem Leben der Natur. 


Da sind zunächst Lieder mit einem Naturbild als Einleitung. 
Man hat schon oft gezeigt, wie wenig lebendig und auf Beobachtung 
beruhend die Bilder sind, die uns die höfische Dichtung bietet. 
Die der Provenzalen noch weniger als die der Deutschen. Sie 
beruhen nach Wechsler auf lateinischer Schulüberlieferung, die das 
Schema: Naturbild am Anfang eines Liebesgedichtes bot. G. Fauriel 
bringt diese Frühlingseinleitungen mit dem Leben der Trobadors 
in Verbindung, denen der Winter langweilig gewesen sei. Doch 
ist der Unterschied der Jahreszeiten in der Heimat der Trobadors 
nicht allzugrols, und dann hätten die Worte in diesem Falle 
vielleicht doch eine etwas individuellere Färbung angenommen. 
Es kam beides zusammen, die Überlieferung fand durch die eigene 
Stimmung des Sängers einen fruchtbaren Boden; nach Art des 
mittelalterlichen Menschen genügte es ihm, die fertige, bequem zu 
handhabende Form zu benutzen. G. Paris weist in der tief- 
schürfenden Kritik von Jeanroys Buch „Les orgines de la Poesie 
lyrique en France“! auf eine andere Quelle der Natureingänge 
zumal in den Liebensliedern hin. Die Maifeiern, die jedes Jahr, 
alter Sitte folgend, mit Gesang und Spiel begangen wurden. Er 
geht so weit, zu behaupten, dafs alle Liebeslieder ursprünglich 
„reveıdies“ waren, was mir übertrieben scheint. Man müsste dann 
ja von vorneherein eine Schematisierung annehmen, und ursprünglich 
sind die Liebeslieder. gerade die volkstümlichen, doch einem 
wirklichen Gefühl entsprungen, das wohl auch in Südfrankreich in 
seiner Entstehung kaum an die Jahreszeit gebunden ist! 

Auch bei Raimbaut haben wir, wie schon erwähnt, Minnelieder 
mit Natureingang. „Kalenda maya“ ist eine Iyrische reverdie im 
Sinne von Gaston Paris. Hier dienen Blatt und Blüte und Vogelsang 
dazu, um den Wert der Liebe, der so ungleich gröfser ist, unmittelbar 
hervorzuheben. Das Gleiche ist der Fall in „No m’agrad iverns 
ni pascors“. Das Gewöhnlichere ist, dafs am Anfang des Liedes 
kurz die Jahreszeit an sich, meist der Frühling geschildert wird, 
und von diesem lichten Hintergrund Liebesfreude als noch helleres 
Licht oder Liebesleid als einziger Schatten sich abheben. Diesen 
letzten Fall haben wir bei Raimbaut in „Ara can vey verdeyar.? 
Eine originellere Färbung als diese Frühlingseingänge bietet „Ar 
vei escur e trebol cel“. Es schildert ein stürmisches Winterwetter, 
das mit der — offenbar fingierten — grimmigen Stimmung recht 
eigentlich übereinstimmen soll. Ein ausschlielsliches Naturlied, wie 
wir sie bei Walther von der Vogelweide finden (der entzückende 
Wettstreit zwischen Blumen und Klee!), haben wir bei Raimbaut nicht. 

Von Einzelheiten des Frühlings hebt Raimbaut hervor das 
schöne Wetter, das frische Grün und den Vogelsang. Von einzelnen 


1 G.P. in Melanges de litterature du moyen äge. 
? „Quan lo dous tems comensa“, das wir als zweifelhaft bezeichneten, 
fiele mit diesem Anfang nicht aus dem Schema Raimbauts heraus, 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS, 625 


Pflanzen erwähnt er fuelhs de faya (in „Kalenda maya*) und fuelhs 
de garricx (in „No m’agrad“) — beides durch den Reim bedingt. 
Von Blumen dienen Rose, besonders die Rose im Mai, und die 
Schwertlilie als Mittel, um die frische Farbe der Geliebten hervor- 
zuheben. Die Rose hat dieses Vorrecht ja bis heute behalten. 
Der Vergleich mit der Schwertlilie, der sich in der ganzen proven- 
zalischen und französischen höfischen Dichtung findet, berührt uns 
zunächst befremdend, denn weder die blaue, noch die blalsgelbe 
noch eine andere Schattierung dieser Blüte ergäbe eine schöne 
Gesichtsfarbe.e Man mufs also wohl den Begriff „Frisch“ ganz 
alllein denken, der das Bindeglied bildet. 

Manchesmal wird auch die Liebe selbst erläutert durch Ver- 
gleiche aus der Pflanzenwelt: „Ans d’amor m’es falhida el flors El 
dous frug el gras e L’espicx* (No m’agrad’.. Oder: „nach der 
Blüte und dem Blatt entsteht die Frucht des Baumes, die man 
pflückt, und die Gunst entsteht bald nach Tapferkeit und Verständig- 
keit. (Qu’apres la flor el folh nais d’arbre fruit c’om coilh, E 
merces nais breumenz apres valor e sens. „Ja no cugei“). Ganz 
allgemeine Vergleiche aus der Natur sind in Nr. 26 „Sa beutat 
venz aissi trastot autra beutat com lo soleil venz tot autra clartat“, 
oder in Nr. 24: reine Liebe würde, wenn er sich nicht schämte, 
so schnell erlöschen „Anc flamma tan tost non s’esteys“. 

Bei Raimbauts Vergleichen aus der Tierwelt fällt zunächst 
auf, dafs er bei denen aus der Vogelwelt,! die zahlreicher sind als 
die aus der übrigen Tierwelt, niemals die Vögel erwähnt, die 
eigentlich zu den stehenden Requisiten der Liebesiyrik aller Völker 
bis auf den heutigen Tag gehören, die Nachtigall, die Lerche usw. 
Er entnimmt seine Vergleiche mit Vorliebe der Welt der Raub- 
und Jagdvögel. Das ist bezeichnend für seinen Charakter etwa 
gegenüber einem Bernhard von Ventadorn! Sein kriegerisches 
Temperament zeigt sich hier. Der Senher Coine möge ihn von 
Sperbern und Habichten unterhalten, rät er ihm, in Sachen der 
Liebe wisse er selbst Bescheid. In „Del rei d’Aragon“ hat einer, 
unter dem vielleicht das Haupt der Baus zu verstehen ist, den 
Beinamen Mon Austoret.? 

Aus einem wilden Gierfalken mache man einen gezähmten, 
den man auf der Hand tragen könne (fai manier d’un espervier 
grifaing), aber er könne bei ihr keine Barmherzigkeit finden. Der 
Vergleich ist nicht sehr klar, es soll wohl heifsen, dafs der Herrin 
Herz schwerer zu bezwingen ist als der wilde Falke. Am weitesten 
ausgeführt ist der Vergleich mit dem Pfau, in dem Hensel wohl 
mit Recht eine alte Physiologusfabelei sieht (S. 653). In seiner 
Liebe gleicht der Sänger dem Pfau, der sich voll Stolz aufbläht, 
wenn er das Rot und das Blau und das Grün auf seinen Flügeln 


1 Vgl. Hensel, Die Vögel in der provenzalischen Lyrik. (R. F.) 
® Hensel spricht von der Nennung dieses Namens in einem Geleit, ich 
habe dies nicht gefunden. 


Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII. go 


626 _ KLARA M. FASSBINDER, 


betrachtet, aber beschämt den Kopf senkt, wenn er auf seine häfs- 
lichen Fülse sieht. Und er ahmt ihm nach: Ihre Liebe gibt ihm den 
Stolz des Pfauen, „tro cab no m’atayna“.1 Ganz durchgeführt ist 
der Vergleich nicht, man sollte erwarten, dafs er seine Unwürdig- 
keit ihrem Wert gegenüberstellte. — In „Ar vei escur e trebol cel“ 
werden die Falschen, d.h. die „lausengiers, mal parliers* „stechender 
als Rauhreif* genannt, und von einem Verräter heilst es, er habe 
weniger Verstand als ein Ochse.?2 Der Sinn der Verse „Et on 
caia porc ni vacca ell n’auran pro, el vis er pars“ (wenn man 
Schwein und Kuh tötet, werden sie keinen Nutzen haben und das 
Gesicht wird klar sein) — ist mir dunkel geblieben. — Dem 
Grafen W. von Baus ruft Raimbaut in der Cobla „Tuit me pregon, 
Engles“, spöttisch zu, die Fischer hätten ihn wie einen Hecht 
gefangen genommen, was in diesem Falle ja sehr trefiend war, wie 
in der Lebensgeschichte gezeigt wurde. — Ähnlich ist der Gedanke, 
wenn er von sich selbst kläglich sagt: „Jeu remanh pres si cum 
perditz in tona“ (10). Hensel gibt an (S. 256), dafs tona auch 
eine Art Netz bedeuten könne, was jedenfalls einfacher wäre als: 
Ich bleibe gefangen wie ein Rebhuhn in der Tonne. Das nahe- 
liegende Bild, dals der Liebende in den Netzen der Liebe gefangen 
ist, findet sich bei den Trobadors häufiger. (Hensel O. 580).? 
Während die meisten Vergleiche aus der Tierwelt bei Raimbaut 
pejorativen Sinn haben — dahin mufs man wohl auch rechnen, 
wenn er von dem Pferd des dons Merlho in seinem „Garlambei“ 
sagt, es sei „fetter als eine Wachtel“ —, nennen zwei die Tiere 
im günstigen Sinne als Wertmesser. So wenn er sagt, die Liebe 
könne ihn fröhlicher erhalten als einen Fisch das Wasser (24) und 
in „Er vei escur e trebol cel“* er würde nicht für zwei Damhirsche 
noch ein Gedicht machen „in diesem vertrakten Reim“ (en aquesta 
rima bracca). 

Aus dem Mineralreiche hat Raimbaut kaum etwas zum 
Vergleiche herangezogen. Die Dame von Tortona wolle seine 
Liebe umsonst haben, klagt er, weil sie in ihrem Spiegel „Rubin 
und Kristall® sehe. Demselben Ausdruck begegnen wir noch 
einmal im Liede „Nuills hom“: De robin an cristaill Me par que 
Dieus la fe. Schon Dietz hat die beiden Stellen zusammen 
gebracht. Stössel® führt nur sie an. Aber da er Raimbaut bei- 


I Die Stelle „Serra las paretz“ ist mir unklar geblieben. Soll es heilsen, 
er habe sich stolz abseits der andern an die Mauer gedrückt? 

% Vgl. B. v. Born, der von einem Joglar sagt „et etz plus nescis que 
moutos“, 

8 Nach frdl. Mitteilung von Carl Appel ist dies die einzige Stelle, die 
Tona enthält. Da das fränkische done-Netz, auf das mich Herr Geh.-Rat 
Meyer-Lübke aufmerksam machte, nur dora hätte ergeben können, so ist die 
Übersetzung Hensels nicht haltbar. Der Vergleich wird jedenfalls origineller 
dadurch. 

* A.a.O. S.ı7. Im allgemeinen konnte diese Arbeit wegen ihrer selt- 
samen Art nur nach Abschluls dieses Kapitels zum Vergleich herangezogen 
werden. 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 627 


nahe nie nennt, auch wo er hätte genannt werden müssen, so 
scheint mir seine Zuverlässigkeit auch in bezug auf die andern 
Trobadors nicht sicher zu stehen. 

Bei den Vergleichen aus der Tierwelt ist Raimbaut unstreitig 
origineller als bei den ganz abgegriffenen, blutleeren aus dem 
Pflanzenreich.!  Manchen können keine aus anderen Trobadors 
zur Seite gestellt werden. (So dem mit dem Pfau, der Wachtel, 
dem Hecht usw... Auch sonst liebt er etwas gesuchte Bilder. So 
erklärt er im Rügelied Nr. ı2, er schätze eine Dame, die sich heute 
dem und morgen jenem an den Hals würfe nicht mehr als „das 
Aufblasen einer Backe*, (un botocays) und gäbe keine „wilde 
Pflaume“ um ihre Gunst. Caym, der Mörder Abels habe einem 
gewissen „treulosen Verräter“ gegenüber „nicht ein Ei* von Verrat 
gewulst (5, 38). Die treulose Dame in diesem Lied nennt er eine 
Pest (una racca) und den Guiraudetz, einen schlappen Parteigänger 
der Baus, der sich von allen Taten zu drücken weils, „geschwätziger 
als einen Grammatiker* (Leu sonet),. Dank seiner und seines- 
gleichen Taktlosigkeit mufs es von der Herrschaft des Angegriffenen 
immer noch heilsen „sie ist nicht um eine Knoblauchzehe gewachsen“ 
(non es d’un aill cregutz). Die Welt scheint ihm sol uns ertz (24), 
nachdem ihn die Liebe verlassen hat, von der er sagt „ab un 
dous ris me nafra’l cor d’un pes“ (Engles, un novel descort). 

Auf die gerade bei Raimbaut zahlreichen Vergleiche zwischen 
Liebe und Rittertum, dem gegenüber die gebräuchlicheren aus 
dem Wortgebrauch des Lehnswesens zurückstehen, wurde schon 
im Kapitel über sein Minnelied genügend eingegangen. Diese 
Wendungen bilden bekanntlich einen wesentlichen Teil des Gedanken- 
inhalts der gesamten Minnepoesie. Sie sind aber zugleich auch 
ein stilistisches Mittel, die Aufmerksamkeit der höfischen Zuschauer 
zu fesseln. Am glücklichsten durchgeführt sind bei Raimbaut die 
Vergleiche der Herrin mit dem Lehnsherrn, der seinen Vasallen, 
den treuen Sänger, bekriegt, bis sich dieser ergibt und um Gnade 
bittet, wie sie die Kanzonen „Eissamen ai guerreiat“ und „Guerra 
ni plaich“ bieten. 

Eine letzte Art von Vergleichen sind Beteuerungen der Art: 
Anc plus valen de lieys nejus Que s’era reys d’Engleterra o 
Fransa (Nr. 3). Deutschland (Nr. 3) England und Frankreich (Nr. 15), 
bei andern Trobadors auch noch Spanien, erscheinen als Inbegriff 
der Macht und des Reichtums, die aber natürlich gegenüber dem 
Reich der Liebe nichts sind. Um die schöne Genueserin seinen 
Wünschen gefügig zu machen, beteuert ihr Raimbaut, in dem Fall, 
dals sie ihm sich schenke, würde er mehr bezahlt sein, als 
wenn er die ganze Stadt Genua mit ihrer ganzen Habe besäfse. 
—- Hierin gehört auch, wenn er der Herrin versichert, kein Kaiser 
oder König habe anderes als Ehre von ihrer Liebe. (Eissamen 
ai guerreiat). 


ı Weitere Vergleiche in seinen Briefen werden später besprochen. 
40* 


628 KLARA M. FASSBINDER, 


Beteuerungen 


spielen überhaupt eine grofse Rolle in der höfischen Dichtung. Der 
Sänger war ja mit seinem Lied in ständigem Konkurrenzkampf. Er 
mulste stets gewärtig sein, dals ein anderer ihn bei der Herrin aus- 
stach und ebenfalls in der Gunst der höfischen Gesellschaft. — Beides 
stand, wie die aus der EStampida abgeleitete „razo“ zeigt, in engem 
Zusammenhang: sobald die mafsgebenden Kreise ihn nicht mehr be- 
achteten, war es für die Dame keine Ehre mehr, von ihm besungen 
zu werden. Darum bei allen die stets wiederkehrenden Versiche- 
rungen ihrer unvergleichlichen Liebe, die die aller andern Trobadors 
weit hinter sich lasse und alle Liebeshelden der Geschichte und 
Legende zu armen Waisenkindern mache. Darum die beständigen 
Bitten, nicht auf „gelos“ und „lausengiers“, d.h. Neider und Ver- 
leumder zu hören. Darum mulfste er aber auch danach trachten, 
die Schönheit, den Ruhm der Herrin wirkungsvoller als die andern 
zu preisen, war es ja im Grunde geschmeichelte Eitelkeit und nicht 
Liebe, die sie an den Sänger band. 

Die Vergleiche ihrer Schönheit mit den Biumen, die Ver- 
sicherung, nur Gottes Hände hätten solches Wunder bilden können, 
und keiner sei imstande, sie gebührend zu loben, wenn auch alle 
Welt sich in diesem Lobe zusammenfinde usw., sind alles Mittel 
zu diesem Zweck. 

Rein stilistisch ist es, wenn Raimbaut alle seine Sinne zum 
Zeugen ihrer Schönheit anruft. Mit keiner ist sie zu vergleichen. 
Durch Gehör und Gesicht weils er es (28, 40). Sie sei mehr wert 
als alle, „com mostr’auzir e vezer* (18, 46). Niemand kann sie 
hören oder sehen, ohne von Liebe entflammt zu sein (26, 12). 
Ähnlich: Qu’ieu non l’auzi ni la vey ni l’au (25, 3). Wenn er 
von ihr betrogen würde, glaube er niemals mehr an etwas, das er 
höre oder sehe. 

Ähnlich sind 

Wortspiele, 


in denen entweder ihre Schönheit oder seine Treue zu aller Zeit 
durch Flexion des gleichen Verbs ausgedrückt wird: Per qu'ieus 
am eus amarai (4), soi s’eri vostres e serai ses tot cuy (25,3) 
E non es ni er ni fo gensser de neguna leig (18, 47). Ebenso 
in Nr. 31: S’il reis no‘us det ni’us dona. 

Ein verwandtes Wortspiel, das häufiger angetroffen wird als 
die beiden andern, weil es mehr Spielraum läfst und wirkungsvoller 
ist, besteht im Nebeneinandergebrauchen von zwei Formen des- 
selben Stammes. Qu’ennuian s’en li malvat ennuios (28, 20). 
Als amadors fai d’amor voluntat E fai amar celz que non an 
amat (26, 26/27). Mas als clamans l’aug clamar l’amor fina 
(25, 5)... Von den Wirkungen der Liebe heifst es zweimal, sie 
mache Es meilliors meillurar, (20, 130, 23, 13). Gegen die 
Guten ist die Herrin freundlich, aber „encontra lor orguelh fa 
orguolhos conselh (20, 5/6). 


FORMALES UND TECHNISCHES REI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 629 


Gern würde er aus aufrichtigem, fröhlichem Herzen ein Liebes- 
lied singen: aber es wird ein Streitgedicht, denn seine Herrin 
streitet, „Mas er tenso, car ma dona tensona“ (10, 21). Anderer- 
seits muls er bekennen: „Jeu lauzi ab sas lauzors mos chans“ 
(2, 44). Hierher gehört auch der Refrainreim, bei dem das gleiche 
Reimwort an derselben Stelle in allen Strophen wiederkehrt. Raim- 
baut wendet ihn nur einmal an (wenn man von der zweifelhaften 
„Albe“ absieht) im berühmten Era’'m requier, bei dem jede dritte 
Zeile auf das Wort „cosselh“ ausgeht, woraus dann, wie schon 
gezeigt, die eine razo in E.R.P. hervorging. 

Nur einmal hat Raimbaut den grammatischen Reim (Formen 
derselben Wortfamilie im Reim). In Nr. 2 „ans“ und „ansa*. — 
Im Kreuzzugslied: „Ara pot hom“ ist die ganze 2. Strophe um den 
Begriff „honar“ aufgebaut. 


Faut a d’onor, e vol onratz estar 

Qu’e/ onra den e pretz e messio 

.... de totz sap onar 

Qu’el onra es sens onra gent estranha. 
Perqu’es desus quan autre son desotz 

Qu’a tal onrar a levada la crotz 

Que no'm pens mais que onars l’en sofranha 
Qu’ar onor vol est segl’e l’autr’ aver.! 


Wortkoppelungen. 


Häufiger noch als die Verbindung von zwei formal verwandten 
Wörtern ist die von zwei inhaltsgleichen oder doch nah verwandten, 
so dals sie gewissermalsen nur eine Einheit bilden. Es wird durch 
diese Verbindung der Begriff entweder erweitert oder verstärkt, in 
letzterem Falle wird man das Wortpaar meistens durch ein Sub- 
stantiv mit einem ergänzenden Adjektiv wiedergeben oder durch 
ein Adjektiv oder Verb mit einem Adverb. ı. Erweiternd durch 
Verbindung von zwei nebeneinander stehenden Substantiven. iois 
e iovens (7 u. 28), esmenda m’es e dos (28). Diese Verbindung 
ist bei Raimbaut besonders beliebt. In Nr. ı8: Car per esmend’e 
per do, auch im Brief an Bonifaz „esper de vos esmend’e do“ 
v. 28. Nur einmal, Nr. 32, kommt esmend’ allein vor. — In den 
Ausdrücken, mit denen er von sich spricht: Et ieu en pert lo cor 
e la persona (10, 8), mon cor e lesperansa 2, — ailieys mos 
cors e mon talans. Vos su hom e servire, sui vostre ben- 
volenz e vostrramics (Donna, tant vos ai pregada). Noch ölter, 
wenn er von der Herrin spricht: Ges sitot ma don’e amors 
(17,1). Pus mos Bels Cavaliers Grazitz E joys m’es lunhatz e 
faiditz (24, 82, 83). Ed s’ieu en perd ma donna ed amor 


1 Dieses Stilmittel kommt auch in anderen Poesien vor, in der altnordischen 
z.B. ist es einc stehende Redefigur. Auf uns wirkt es wegen seiner Gekünsteltheit 
nicht mehr. 


630 KLAKA M. FASSBINDER, 


(23, 7). Et agra’m fait piegz de mort Ma don’e fiansa (10, ı0o). 
Qu’elh es don’e senher de mi (16, 00). Qu’amors e vos 
m’avetz tal res promes. Abgesehen von dem vorletzten Ausdruck, 
der mit der eigentümlichen Anrede der Herrin als „Lehnsherr* 
zusammenhängt, hat die Koppelung in all den angeführten Aus- 
drücken eine feine Bedeutungsänderung im Gefolge: Er verliert 
usw. in seiner Herrin nicht nur sie selbst, sondern die Liebe, die 
Freude überhaupt, sie wird mit dieser identifiziert — jedenfalls 
eine wirksame Huldigung! — FEnuegz ni vilanatge kehren 
zweimal in Nr. ı5 und 6 als Begriffspaar wieder; enger noch 
gehören zusammen sagramen ni fiansa (Nr. ı) en estraing cos- 
sire ed en esmai (7). Oft zeigt schon die Verknüpfung durch 
„ni“ die nahe Zusammengehörigkeit der beiden Wörter. 

Bei Adjektiven haben wir diese Bindung verhältnismäfsig 
selten: sos pretz es tan cars ni bos (15), vos es tan ric coratge 
e haut (31), fresqu’e novel zweimal von der Gesichtsfarbe der 
Dame (in Nr. 32 u. 4) und im „Garlambei“ von einem Pferd. 

Am häufigsten ist diese Verbindung bei Verben: conoisser 
e proar (3). Quex lauz’e crida Vostre valer (9). Mas largurza 
no ylh valh ni no l’enansa (15). Lo conort que'm destrenh 
em enui (25). Quant hom gast e detrui (22). tant fort me 
destraing em venz (7), On mielhs m’acuelh em sona (10). 
Non cobre ni non iensa (14). Ja mos Engles ne me blasme 
ni m’acus (2). Bonifaz ist bereit a lansar et a traire (32). 
Gerade bei Verben ist wie hier die Verbindung von zwei Synonyma 
häufig: Ara’lh prec e l’incaut (10). D’una donam tolh em 
lais (12). No straing qu’ie'm tenson ni'm baralh (23, 56). Et 
en fugens m’encaus’ em camina (25, 8). Manchmal sind auch 
zwei Substantive so gekoppelt: so costum e son us (2, ı). Es 
caps e messios de pro&za (15). Faran metrels enaps es bacis 
(11). Zweimal Adverbien De manes ni de lanz (22) und serir 
de grat e volontier (1). 

Einige der eben genannten Beispiele führt Cnyrim! als 
sprichwörtliche Redensarten an: Un botocays, l’orguelh del 
pau, Non daria una pruna d’avays. Leider hat er kaum oder gar 
keine Belege dazu aus andern Trobadors gegeben, was doch zur 
Erhärtung ihres sprichwörtlichen Charakters notwendig wäre. Einer 
Reihe anderer Ausdrücke schreibt er ihn mit grölserem Recht zu. 
Lo conort del Bertau (10), faire paniers (1,00), Per que no'm 
cal far d’un dan dos (23) u. a. Die Verse der Cobla esparsa 
Nr. 31 z.B. Amor fa] meillior meillurar als Sprichwort zu bezeichnen, 
scheint mir nicht berechtigt. Die Cobla esparsa wie die Sirventese 
enthalten meistens und auch bei Raimbaut allgemein bekannte 
Gedankengänge, die in bestimmten Formen ausgesprochen sind, 
ohne dafs man sie deshalb in einzelne Sprichwörter und Sentenzen 
auflösen kann. 


! Cnyrim, Sprichwörter, sprichwörtl. Redensarten und Sentenzen bei den 
provenzalischen Lyrikern. Marb. 1888. 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI KEIMBAUT VON VAQUEIRAS. 631 


Ein paarmal fangen auch Raimbauts Kanzonen mit solch all- 
gemeinen Gedanken, richtigen Gemeinplätzen, an. So geht das 
Lied 26 von dem Gedanken aus: Niemand fällt da so sicher, als 
wo er sich am sichersten glaubt, um daran das besondere Beispiel 
seiner Liebesenttäuschung zu knüpfen. Ganz ähnlich geht er im 
Lied Nr. 23 vor. Seinen Ausführungen über sein Liebesleid schickt 
er den Gedanken voraus: Leu pot hom gaug e pretz aver Ses 
amor, que ben vol pognar Abque’s gart de tot malestar, E fassa 
de ben tot son poder.“ Zu diesem Lied führt Cnyrim als Sprich- 
wort an „Amor tol mais que non vol dar.“ Im Lied „Ja no cugei“ 
heifst es ausdrücklich „ditz el reprovier. Qu’onratz ben mal 
refraing“ (v. 75). Ebenso ı3, 13 e'm promet tan que.l'’reprovier 
cre Que ditz: Qui ben guerreia, ben plaideia. Andere sicherlich 
sprichwörtliche Redensarten sind: Cel frabrega fer freich Qui vol 
ses dan far son pro (18). Joves deu far guerra e cavaleria E 
quant er veillz taing ben qu’en patz estia (ıı). Im Zwiegespräch 
mit dem Senher Coine sind mehrmals die Ansichten der beiden 
Partner in Sprichwortform niedergelegt: Sobre tot amador lai paors. 
— Cel qui tem sap d’amar son usatge. — Cel qui quer no se 
fida en lauzors* (aus R. Antworten). Demgegenüber betont Coine: 
„Maint peschador fai desesper morir“ und „Folz es qui cel al 
mege son malatge.“ Ganz wie ein Sprichwort lautet auch der 
Anfang seines Kreuzzugsliedes: Ara pot hom conaisser e proar 
Que de bos faitz ren Deus bon gazardo! Raimbaut bleibt in all 
den Aussprüchen, auch da, wo sie mehr sentenziösen als sprich- 
wörtlichen Charakter haben, durchaus innerhalb der Gedankenwelt 
seiner Berufsgenossen. Doch nur wenige haben dies Stilmittel 
häufiger angewandt. Cnyrim nennt nur acht. Aber bei dem aufser- 
ordentlich weitgefalsten Begriff, den er dem Wort gibt, ist seine 
Zählung nicht zuverlässig. 

Es bleibt noch ein Stilmittel zu betrachten, dals bei allen Tro- 
badors, den Liederdichtern wie den Moralisten, z. B. Peire Cardinal, 
sehr beliebt ist: 

Die Gegenüberstellung von entgegengesetzten Be- 
griffen. Bei Peire Cardinali sind es besonders Tugenden und 
Laster, die dadurch wirksamer ins Licht gestellt werden, als wenn 
sie, wie bei B. v. Ventadorn, nur einfach aufgezählt werden. Bei 
Raimbaut ist die Liebe der Ausgangspunkt für diese Gegensätze, 
die bei ihm die widerstreitensdsten Empfindungen auslöst. Der 
Dichter steht ja selbst im gröfsten Gegensatz zu seiner Herrin. 
Wenn ich denke, was Ihr seid und was ich bin! (18, 59). Daraus 
entwickelt sich der Gegensatz der Gefühle, mit denen er ihrer und 
seiner gedenkt. „Ich liebe sie und hasse mich“ (26, 30). „Anz 
sui tan fins e leials Ves vos que ves mi sui fals, E'us am tan que 
mi’n azire* (18, 18). — Die Herrin stellt sich auch selbst in Gegen- 
satz zu ihm: „Perqu’ieu empleig Lo mien oc el vostre no“ (18, 50) 


3 Volsler, a.u. 0. S. ı5, 16, 17. 


632 KLARA M. FASSBINDER, 


Die gleiche Gegenüberstelluüng von „Ja“ und „Nein“ bringt das 
Lied „No pose saber“ in den Worten: „Pel oc remanh e per lo 
no m’esmay“.! — Manchmal ist die Herrin auch voller Wider- 
sprüche in ihrem Benehmen ihm gegenüber, abwechselnd anziehend 
und abstoflsend, dadurch wechselvolle Erregungen in der Brust des 
Sängers erweckend: „E'm fay amar lays que'm ten pres em fuy, 
Et en fugens m’encaus’e'm camina (23, 9—ı9) Partir no'm puosc 
ni no say restar quetz, Qu’ira'm fay dir gaban mon talan bran“ 
(25, 1ı—ı2). In der Cobla esparsa „Si ia amors“ ist das Wesen 
der Liebe dahin erklärt, dafs sie zwischen Gegensätzen klar erkennen 
läfst. „Und ich erkenne besser den Tüchtigen unter den Schlechten 
und verstehe besser, was kühn und was Wahrheit ist, und rufe 
lauter, was Langweile und Vergnügen ist.“ Auch praktisch hat 
sie die Wirkung, das Schlechte in sein Gegenteil umzuwandeln 
na... | plus malvatz pot far valer. E sap far de volpil vassailh 
E’ls desavinenz de bon tailh E don a mains paubre riccor“ 
(23, 14—17). 

Ganz auf dem Gegensatz der durch die Liebe im Herzen des 
Dichters hervorgehobenen Empfindungen aufgebaut ist das Lied: 
„savis e folhs“, in dem eine bis ins einzelnste gehende, geradezu 
raffiniert zu nennende Analyse der Liebesempfindungen gegeben 
wird, die noch heute ihre Wirkung nicht verfehlt. Freilich besteht 
diese mehr in einer Freude des Verstandes über diese psychologische 
Eindringlichkeit und einem ästhetischen Genuls an der Kunst, diese 
Feinheiten entsprechend zum Ausdruck zu bringen als in einem 
Mitschwingen von Gefühlsseiten. Dafür ist die Analyse eben zu 
restlos durchgeführt: nicht das seinen Widerstreit erschauernd 
fühlende Herz spricht, sondern der Kunstverstand, der dieses Herz 
neugierig belauscht — um damit ein schon etwas blasiertes Publikum 
anzureizen.? 

Aulser in „Savis e folhs“ ist das Spiel der Gegensätze am wirkungs- 
vollsten durchgeführt in der „Elegie“. Der Dichter klagt darüber, 
wie mit dem Verlust der Liebe alles seinen Wert für ihn verloren 
hat. „Quar mos enans mi par destricx E totz mas magers gaugz 
dolors E son ... dezesperat mei esper, Tot autra vida'm sembla 
mortz E tot autre joy desconortz ... Si be'm sui iratz’et enicx 
Qu’ieu don gaug e mas enemicx ... Qu’ades on plus mas poders 
creys N’ay maior irab me mezeis.* 


1 Oc und No Thema einer Tenzone zwischen Aimeric und Peire del Puei 
(=P. Cardinal), Auch bei G. del Olivier d’Arle nach Nickel, a.u.O. ı5 der 
gleiche Gegensatz. B. de Born nennt Richard Löwenberz Oc-et-No, 

2 Man vergleiche mit diesem Gedicht folgende Proben aus dem 18. Jahr- 
hundert: La nourelle Heloise: „Que d’inexplicables contradictions dans le 
sentiment que vous m’inspirez! Je suis A la fois soumis et t&me£raire, impetueux 
et retenu. Je ne saurais lever les yeux sur vous sans €prouver des combats 
en moi“. Rousseau kannte aber die Troubadours ebensowenig wie Lessing, 
der seine Minna von Barnhelm sapen läfst: „Franziska, wenn alle Mädchen 
so sind, wie ich mich jetzt fühle, so sind wir sonderbare Ding:r — zärtlich 
und stolz, tugendhaft und eitel, wollüstig und fromm“ (2. Akt, 7. Auftritt). 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 633 


Während Raimbaut all diese Stilmittel mit seinen Kunstgenossen 
teilt, ist ihm eins eigentümlich: er bedient sich nicht nur seines 
eigenen Idioms, er zieht 


fremde Idiome 


heran, die er auf seinen Wanderfahrten mehr oder weniger gut 
kennengelernt hat. Im Lied „A vos bona dona“ redet er zum 
Schlufs einen Spielmann an „Vencut, en nostre lengage m’es plus 
dous Qu’autre parlars De na Biatritz lauzars“. Statt nos/re kann 
es auch vos/re heilsen. In jedem Fall deutet es darauf hin, dals 
er nicht nur in seinem Provenzalisch dichtet. Erhalten sind uns 
zwei mehrsprachige Gedichte: das fünfsprachige Descort „Engles, 
un novel descort* und die Tenzone mit der Genueserin „Dona, 
tant vos ai pregada“, die eine grolse Vertrautheit mit dem genuc- 
sischen Dialekt zeigt. Sie ist eines der ältesten Denkmäler eines 
italischen Dialektes, älter als der Sonnengesang des hl. Franz von 
Assisi und als solches sprachlich von grofsem Interesse. Künstlerisch 
wird die Wirkung durch den Gegensatz des geschmeidigen, an- 
deutenden und verhüllenden Provenzalisch, das Raimbaut nie mehr 
in solcher Vollendung brauchte, und den ungefügen, grob zugreifenden 
Genuesisch, die sich beide mit dem Inhalt des darin Gesagten in 
restloser Harmonie verbinden, sehr verstärkt. Bei dem fünfsprachigen 
Descort wird dagegen nur die kaum künstlerisch zu nennende Neu- 
gierde erregt: Wie findet sich der Trobador mit den fremden Dialekten 
bzw. Sprachen zurecht? Teilweise, besonders in der kastilianischen 
Strophe, schlecht. Das in der ersten Strophe angekündigte Ziel, 
durch die verschiedenen Sprachen seine innere Zerrissenheit aus- 
zudrücken, wird infolge der Dürftigkeit des Inhalts der einzelnen 
Strophen, von denen jede ungefähr das Gleiche sagt, nicht erreicht. 
Man merkt, dafs er noch mit der äulseren Form kämpft und 
darüber den Gedanken- und Gefühlsinhalt nicht meistern kann. 
Das letztgenannte Gedicht gehört der erst Anfang der achtziger 
Jahre des ı2. Jahrhunderts entstandenen Gattung der Descorts an. 
Wir sehen, dass Raimbaut sich bald mit dieser neuen Dichtungsart, 
die freilich nur eine Spielart der Kanzone war, beschäftigte. Seine 
Dichtung zeichnet sich überhaupt durch die ungewöhnliche 


Mannigfaltigkeit der Formen 


aus. Er hat sich fast in allen herkömmlichen Dichtungsarten ver- 
sucht, wie aus der Übersicht am Ende des ı. Kapitels dieser Arbeit 
hervorgeht. Nur wenige fehlen: das Enueg zum Beispiel — das 
palst nicht zu seinem Charakter! Für einige Dichtungsarten wird 
er als alleiniger Vertreter angeführt: Carros, Estampida, Garlambei 
oder Tournei. Von diesen hat das letztere seinen Namen von dem 
Inhalt, es wird ein Turnier darin beschrieben. Ein solcher Inhalt 
steht einzig da in der Trobadordichtung. Vorläufer und Nachfolger 
sind m. W. nicht bekannt. Estampida, das Tanzlied, trägt seinen 
Namen in sich selbst: Der Dichter nennt das Lied am Ende selbst 


63} KLARA M. FASSBINDER, 


Estampida. Ob diese Art Tanzlied französischen oder provenzalischen 
Ursprungs ist, bildet bisher noch immer eine Streitfrage. Römer tritt 
für letzteres, Suchier für ersteres ein. Er stützt sich auf die Erzählung 
von P, dafs Raimbaut das Lied auf die Melodie der beiden franzö- 
sischen Spielleute gedichtet habe, Römer auf die Tatsache, dafs die 
erhaltenen französischen Estampiden erst aus dem Ende des 13. Jahr- 
hunderts stammen. Die Frage bleibt noch offen, doch ist bei einer 
Entlehnung aus Nordfrankreich, die gerade bei Raimbaut leicht 
erklärlich ist, wie sein Lebensbild zeigt, eher verständlich, dafs sein 
Gedicht die einzige Estampida geblieben ist. — Auch für den 
„Carros* hat man bisher vergeblich nach einem Vorbild gesucht. 
Die Bezeichnung ist vom Fahnenwagen der Lombarden her- 
genommen. Einen ebensolchen „Wagen“ führen die angreifenden 
Damen in diesem Gedicht gegen Biatritz von Monferrat ins Feld. 
Jeanroyt ist allen Angaben über Gedichte ähnlichen Inhalts nach- 
gegangen, aber er hat kein früheres entdecken können. Da nun 
irgend jemand den Ruhm des Erfindens haben mufs, warum nicht 
Raimbaut? Er kannte den lombardischen Brauch aus den Kämpfen 
mit den Städten; Rittertum und Minnegesang bildeten bei ihm 
engste Einheit. Er suchte nach neuen Formen. Es liegt also nichts 
Unwahrscheinliches darin, ihn als den ersten Dichter eines Carros 
anzusprechen. 

Während die vorhergehenden Ausführungen zeigen sollten, wie 
Raimbaut seiner Dichtung Schmuck und Glanz geben möchte, sei 
noch auf einen Notbehelf hingewiesen, den wir auch bei seiner 
glatten Formgebung mehr als einmal finden: Füllworte wie „per 
ma fe! (28, ı2) Segon qu’ieu cre (12) sia vos plai (7) Segon la 
mia esmansa (15) a ma semblansa (1) so sapchatz (26) Peitz de 
martire (18) (— bei der Brust der Märtyrer). Als Ausruf, ähnlich 
wie Potztausend! gebraucht. Einige dagegen sind gegeben als 
Überleitung zu folgenden Gedanken oder auch als Beteuerung, was 
aber an ihrem Charakter als Füllsel nichts ändert. 

Vergleichen wir Raimbauts Lyrik hinsichtlich ihrer 
Stilistik mit der der übrigen Trobadors, so müssen wir wie 
bei dem Gedanken- bzw. Gefühlsinhalt sagen, er bedient sich der 
gleichen Mittel, die auch ihr Rüstzeug bilden. Doch scheint er 
hier eigenartiger zu sein, indem er sie alle in reichem Malse, einige, 
wie die Vergleiche aus den epischen Dichtungen, aus der Tierwelt, 
in viel stärkerem Mafse heranzieht. Seine Dichtung wird dadurch 
lebendiger. Wie weit er im einzelnen selbständig ist, kann ich, da 
derartige Untersuchungen über bestimmte andere Trobadors noch 
nicht vorliegen, nicht feststellen. 

Wenn man all die stilistischen Mittel betrachtet, die wir in 
Raimbauts Dichtung finden, so könnte man denken, sie sei wirklich 
[farbig und lebendig. Und doch ist sie in Wirklichkeit auf weite 
Strecken eintönig. Beim Lesen des einzelnen Gedichtes kann man 


ıi Rom. 27. 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI KEIMBAUT VON VAQUEIRAS. 635 


seine besondere Note erfassen, wenn man in einiger Entfernung 
davon ist, verschwimmen eine Reihe davon zu einer Masse, aus 
der man vergeblich in seinem Gedächtnis lösen will, was zum einen 
und was zum anderen gehört. Woher kommt dieser Mangel, den 
Raimbaut ja mit seinen übrigen Kunstgenossen teilt? Er liegt am 
Inhalt und an der Form. 

Wechsler hebt besonders hervor,! dafs die Minnepoesie als 
eine Poesie der Selbstanalyse, der bewulsten Reflexion — er geht 
sogar so weit zu sagen: des psychologischen Experiments — auch 
einen Stil der psychologischen Analyse und interspektiven Methode 
verlangt habe. „Dieser Stil der inneren Welt, wie ich ihn nenen 
möchte, verlangt eine bewulste Abwendung von den Erlebnissen 
und Erscheinungen der Sinnenwelt.“ Appel? gibt für die gleiche 
Beobachtung eine andere Erklärung: „Musik hielt die Trobadors 
in der Welt der Gefühle, daher so wenig Tatsachen darin“. 

Zunächst des Gemeinsame der beiden Erklärungen: wir haben 
fast keine Tatsachen in der Dichtung, besonders der Liebesdichtung 
der Provenzalen wie in der ihrer Nachfolger in den verschiedenen 
Ländern. Es sind nur Gefühle oder richtiger Betrachtungen über 
Gefühle. Dabei sind diese zwar, wie wir sahen, aus dem schönen 
Schein geboren, der die Liebe umgibt, aber sie erhalten ffüh — 
durch die Verbindung mrt den Formen des Lehnswesens — eine 
so bestimmte Form, dals man sie ebenso mechanisch, so nach- 
ahmend gebrauchen konnte wie die als Allgemeingut in der Luft 
schwirrenden Stoffe. Der Begriff des geistigen Eigentums war dem 
Mittelalter ebenso wie der des Plagiats unbekannt. 

Es fragt sich nur, ob diese Abkehr von allem Greifbaren, Be- 
obachteten, Erlebten wirklich bewulst aus künstlerischen Gründen 
vollzogen wurde, wie Wechsler meint. Es scheint mir in dieser 
Annahme eine Überschätzung der künstlerischen und noch mehr 
der geistigen Fähigkeiten der Begründer des Minnegesangs zu 
liegen: Ein solch bewulstes in Übereinklangbringen von Inhalt 
und Form setzt Künstler von solch bewufstem Kunstverstand 
voraus, wie man sie wohl am Ende, nicht aber am Anfang einer 
Epoche findet. Ich erkläre mir diese Abstraktheit aus der Zeit 
und den Umständen der Entstehung des Minnegesangs selbst. Die 
ihn schufen, waren Menschen des Mittelalters, denen, wenn nicht 
die Fähigkeit zu beobachten — davon wissen wir nichts — so 
wenigstens die Fähigkeit, das Beobachtete getreu wiederzugeben, 
fehlte. Zeugnis dessen sind alle Chroniken, selbst Augenrzeugen 
geben meist nur den groben Ralhımen des Geschehenen und den 
auch noch wie ungenau! Dazu kam vielleicht auch, dafs im Anfang 
die vornehme Frau sicher nicht ohne weiteres das Recht hatte, 
mit dem Sänger aus niederem Stande ein Verhältnis einzugehen, 
wie es später wenigstens nach der von allen ernst genommenen 


IW. 22.0, ı11fl. 
2 Appel, P. Rogier S. ı5. 


636 KLARA M. FASSBINDER, 


Fiktion geschah. Es mochte also ratsam sein, nicht allzu deutlich 
zu werden. (Wenn diese Vermutung richtig ist, dann könnte 
„Senhal* ursprünglich doch ein Versteckname gewesen sein, später 
war er es sicher nicht mehr.) Endlich war diese Lyrik ja nicht 
nur eine Reaktion gegen die damals üblichen Konventionsehen 
der herrschenden Kreise — aus einer solchen Strömung kann wohl 
eine polemische Literatur entstehen, aber keine solche Dichtung! — 
sie war auch eine notwendige Reaktion der Gesamtseele, den 
Ausdruck mit aller Vorsicht gebraucht, gegenüber der Rohheit und 
Gefühlsarmut des vorhergehenden Zeitalters. Notwendig ergab sich 
daraus aber ein Überschwang nach der anderen Seite. Wir haben 
eine ganz ähnliche Erscheinung zu Beginn unserer zweiten Blüte- 
zeit in Deutschland: auf Opitz, Gottsched usw. folgte Klopstock 
mit seinem Messias. Wie wir aber in diesem das fortdauernde 
Schwelgen in Gefühlen fast ohne konkrete Handlung nicht ertragen, 
so bei den Trobadors auch nicht. Dafs ihre Zeitgenossen es nicht 
nur aushielten, sondern dauernd bewunderten, lag wohl zum Teil 
daran, dals sie einfacherere Menschen als wir waren, und diese 
Dinge noch nicht gerade so oft gehört hatten wie wir. Aber auch 
unzweifelhaft an der Musik, die unzertrennlich mit der Dichtung 
verbunden war. Wir könnten ein Lustspiel vom Wert des Textes 
zur Zauberflöte nicht einmal, geschweige denn öfter hören. In 
das Gewand Mozartscher Musik gehüllt, können wir uns am Ganzen 
stets aufs neue entzücken. 

Ein zweiter Grund der Eintönigkeit liegt darin, dafs die 
Trobadors ständig in Superlativen reden, was ebenfalls nur bis zu 
einem gewissen Grade erträglich ist und jedenfalls nur dann, wenn 
ein echtes Gefühl die hohen Worte ausfüllt, dafs sie nicht nur 
„klingendes Erz nnd eine tönende Schelle“ bleiben. Gerade hierin 
liegt der eine wunde Punkt der höfischen Lyrik, der provenzalischen 
zumal, hier auch der von Raimbaut im besondern: man spürt kaum 
den Atem eines echten Gefünls, wie bei Walter von der Vogel- 
weide, auch wohl bei B. v. Ventadorn, noch viel weniger den Hauch 
einer grofsen Leidenschaft, wie ihn die Wirklichkeit jener Tage in 
der Geschichte der Gräfin von Hammerstein und Konrads von 
Franken wehen läfst, wie ihn die Kunst in des Deutschen Gottfried 
von Stralsburg „Tristan und Isolde* unvergänglich gemacht hat. 
Es ist ganz sicher kein Zufall, dafs ein Deutscher aus diesem einen 
Liebespaar unter sehr vielen andern das eine Paar gemacht hat, 
in dem die Liebe eine Schicksalsmacht ist, gegen die es kein 
Stemmen, vor der es kein Entrinnen gibt. — Das Verhältnis 
zwischen Trobadors und Minnesängern ist ungefähr das Gleiche 
wie zwischen dem Tristan des Chrestien von Troyes und dem 
Gottfrieds. 

Gerade bei Raimbaut spürt man, wie schon erwähnt wurde, 
kaum ein tieferes Emfinden durch, wenn man nicht den Groll auf 
die Dame von Tortona ausnimmt. Wir haben bei ihm auch ein 
Beispiel von niederer Minne, die Unterredung mit der Genueserin 


FORMALES UND TECHNISCHES BEI REIMRAUT VON VAQUEIRAS. 637 


— keck, übermütig, voll spielerischer Laune im strengen Rahmen 
der höfischen Lyrik. Keins seiner Gedichte scheint mir ästhetisch 
so vollendet, glänzend in Stil und Sprache. Sie geben den so oft 
durch allerlei Hände gegangenen Perlen nochmals neuen Glanz, 
der sich auf dem stumpfen Untergrund der genuesischen Antworten 
doppelt leuchtend abhebt. Aber von Gefühlswärme ist nicht die 
Spur darin: er moquiert sich, zum mindesten über die Genueserin, 
vielleicht auch über sich, Blagueur!, vielleicht sogar — doch 
diese letzte Möglichkeit sei dem letzten Kapitel dieser Arbeit auf- 
gehoben! — Das schöne Frauenlied Walthers „Unter der Linden‘, 
das ja auch niederer Minne seine Entstehung verdankt, bildet 
einen merkwürdigen Kontrast dazu, wie auch zu den Pasturellen 
und allen andern hierhin gehörigen Dichtungen. 

Es kommt als weiterer Grund der geringen Wirkungen und 
vielleicht als der ausschlaggebende hinzu, dafs die meisten Tro- 
badors höchst mittelmäfsige Talente sind, was bei der ungeheuren 
Anzahl der Dichter auf die verhältnismäfsig kurze Zeit des Minne- 
gesangs verteilt, kein Wunder ist. So übernahmen sie einfach, 
ohne auch nur eine Veränderung grols zu versuchen. Auch bei 
Raimbaut kann man nicht von einer eigentlichen lyrischen Begabung 
reden. Seine besten und reichsten Ernten sollten ihm auf einem 
andern Felde reifen, wovon noch zu reden sein wird. — Wir 
haben in jeder Dichterperiode einen Trofs von blofsen Nachahmern. 
Dals dieser im Mittelalter, dessen eines Charakteristikum auf 
geistigem Gebiet das möglichst getreue Nachbeten war, besonders 
grols war, ist verständlich. Die Trobadors haben dabei den für 
ihre ästhetische Einschätzung nicht geringen Nachteil, dafs von so 
vielen dieser Leute Proben erhalten sind, die das Ganze drücken. 

Vielleicht kommt für uns Deutsche noch hinzu, dafs wir von 
Lyrik überhaupt eine andere Auffassung haben als die Franzosen 
und darum den Eingang in diese südfranzösische Lyrik noch 
schwerer finden als die Franzosen der Gegenwart, deren Urteil nach 
Jeanroys Ausführungen in der Revue des deux mondes (1902—04) 
jedoch im wesentlichen mit der oben skizzierten ästhetischen Ein- 
schätzung übereinstimmt. 

Es bleibt dabei trotz aller Einwände das Urteil von P. Meyer! 
bestehen: C’est la poesie provencale qui, la permiere depuis 
Pantiquite, a realise, pour ainsi dire de prime abord, cet accord 
parfait de l’idee et de l’expression. 

Die Form bleibt bewunderungswürdig auch in vielen Fällen, 
wo uns der Inhalt gar nichts sagt — wie wir etwa japanische 
Elfenbeinschnitzereien bewundern, denen gegenüber wir doch ein 
leises Gefühl der Fremdheit nicht los werden. 


* * 


ı A.a.0. 262. 


638 KLARA M. FASSBINDER, 


2. Die Persönlichkeit des Raimbaut von Vaqueiras. 


Wenn man Raimbauts Leben und Dichten in seiner Gesamt- 
heit überschaut, fallen einem Cäsars Worte aus seinem gallischen 
Kriege ein: „Galli sunt mobiles et novis rebus studentes“. Raimbaut 
ist Südfranzose, er ist ein Trobador des ausgehenden 12. Jahr- 
hunderts und des beginnenden 13. Jahrhunders. Mit diesen Worten 
ist der Kreis seines Seins umschrieben. 

Er ist „beweglich“. Nirgends hält es ihn lange, selbst wenn es 
ihm, wie anscheinend am Hofe der Baus, gut geht. Ez zieht hinauf 
nach Nordfrankreich und wieder zurück, er durchstreift die Provence 
und ÖOberitalien, zu Fuls, zu Pferd, wie es sich gerade trifft. Er 
zieht über die Pyrenäen, und hält dort an ihrem Fufse Umschau, 
und wieder übersteigt er die Alpen, um sein Heil nochmals in der 
Lombardei zu suchen. Auch als er an Bonifazens Hof dauernd 
seine Stätte gefunden, bleibt er nicht ruhig. Wie einst auf Aben- 
teuer, begleitet er nun seinen Herrn auf seinen Kriegszügen und 
als er seine Abneigung gegen den neuen Kreuzzug überwunden, 
ist er auch dort unermüdlich bei allen Unternehmungen gegen- 
wärlig. 

Fröhlich und guter Dinge ist er, die Armut hat den Spiel- 
mann anscheinend nicht sonderlich gedrückt. Nirgends haben 
wir in seinen Liedern bis auf die „Briefe“, eine Bitte um greifbaren 
Lohn, so sehr er auch Gönner im Liede preist. Die Anzapfungen 
Alberts von Malaspina und Wilhelms von Baus verfangen nicht bei 
ihm. Aber deshalb nimmt er doch, was sich ihm bietet: Essen und 
getragene Kleidung, solange er noch armer Fahrender ist, neue 
höfische Gewänder, als er des Markgrafen von Montferrat Waflen- 
bruder und Freund wird. 

Er hat seine Augen und Ohren offen gehalten auf seinen 
Reisen und auch die enge Berührung mit dem einfachen Volke 
nicht gescheut. Beweis dessen die Kenntnisse, die er sich von 
Dialekten, die nicht hoffähig waren, erworben hat, und der ungemein 
lebendig getroffene Ton der Genueserin. Durch das fremde Idiom 
hört man ihr Schimpfen bis zu uns dringen. 

Mit der gleichen Beweglichkeit weils er sich aber auch dem 
Hofton anzupassen und sich allenthalben zum „geschätzten Kavalier“ 
zu machen. Die Ehre der Ritterschaft wird er eher persönlichen 
Eigenschaften als seinen Künstlertum verdankt haben, denn keinem 
der andern Trobadors, die kürzere oder längere Zeit am Hofe 
von NMonferrat weilen, ist sie zuteil geworden. Sein persönliches 
\Vesen gewann ihm die Gunst des Herrn. Seine Freude am ritter- 
lichen Waffenhandwerk, an Karnpf und Schlacht, seine Tapferkeit 
und Treue befestigten sie dauernd. Ob es ihm nicht gelungen 
ist, den Ton des neuen Standes ganz zu treffen? Oder ob aus 
den Spöttereien der andern Neid und Mifsgunst blicken? Er 
nimmt sein neues Amt jedenfalls furchtbar ernst — mit dem ganzen 
Ernst des Neophyten. Hier fand er etwas seinem Wesen Ent- 


DIE PERSÖNLICHKEIT DES REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 639 


sprechendes. Von ihm gilt, was Wilhelm Herz zu verallgemeinernd 
von allen Trobadors im Gegensatz zu den deutschen Minnesängern 
sagt: dals ihre aufs Praktische gerichteten Naturen nicht von der 
Liebe allein ausgefüllt würden. Nicht nur in den Briefen, die sich 
gegenüber seiner höfischen Poesie gewissermalsen wie die Wirklich- 
keit zur Dichtung verhalten, zeigt sich dies Aufgehen im Leben 
eines streitbaren Helden; auch in seinen Liedern bricht es immer 
wieder durch. Dies eine ist Eigenes, das andere Konvention. 

Die Mode verlangte nun einmal von dem, der in den Kreis 
der Sänger eintritt, dals er sich in Minneliedern erging, und da 
seine Begabung zu grols war, um sich mit der rein reproduzierenden 
Tätigkeit eines Spielmannes auf die Dauer zu begnügen, schlug er 
natürlich die gebahnten Wege seiner Vorgänger ein, ihren Spuren 
treulich folgend, sie kaum weiter austretend, nur hier und da ein 
wenig länger oder kürzer verweilend oder einen winzigen Seiten- 
pfad einschlagend. 

Im allgemeinen war’s ein ganz angenehmer Weg für ihn: Von 
grolsen Liebesfreuden künden seine Lieder nicht, auch nicht von 
zehrendem Schmerz. Es bleibt alles innerhalb einer gefälligen Mittel- 
linie. Nur einmal geht ein Groll verletzter Eitelkeit — oder war 
vielleicht doch ein tieferes Gefühl im Spiel? — darüber hinaus, 
wie er denn überhaupt im Zürnen origineller als im Lieben ist. 
Kaum ein Wort kommt hänfiger als „ira“ bei ihm vor. Aber viel- 
leicht kann man hier Lessings bekanntes Wort umgekehrt anwenden: 
dafs man auch von der Untugend, die man nicht hat, am meisten 
spricht. Tragisch vermögen wir jedenfalls diesen Zug nicht zu 
nehmen! 

Ob der andere Zug in seinem Liebeswerben, die starke Sinnlich- 
keit, echt ist? Es spricht mehr dafür als dagegen, der Schlufs der 
Unterredung mit der Genueserin, die Art, wie er das Gegenteil bei 
Bonifaz rühmt, die Zeitanschauung etc. Dafs sie sich der Herrin 
gegenüber doch in Schranken halten konnte, wird damit nicht ver- 
neint. Sie war ja nicht die einzige Frau, mit der er zusammenkam. 

Wie wenig wir auch seinen Versicherungen treuer Liebe glauben, 
er war sicher ein treuer Freund und Diener. Seines „Engles* ge- 
denkt er noch im letzten Liede, nachdem er wohl ein halbes 
Menschenalter von seinem Hof entfernt war. Für seinen Herrn 
scheut er weder Gefangenschaft noch Todesgefahr. Vielleicht 
darf man allerdings bei mancher Heldentat, die er von sich er- 
zählt, an Cyrano de Bergerac’s Wort erinnern „Mais quel geste!“ 
Auch seine religiösen und moralischen Gefühle und Anschauungen 
gehen nicht tief. Kein Versuch wie bei Peire Cardinal, ein sittliches 
Problem wirklich aufzurollen, kein Aufflammen bei der Predigt des 
Kreuzzuges. Es wurde auf die eine Stelle aus seinen Briefen (v. 9 
auf ar) hingewiesen, die auf einen Wandel der religiösen An- 
schauungen der Zeit deutet. Aber daneben steht im Kreuzzugslied 
„Ara pot hom“ ganz unumwunden der Gedanke, dafs der seine 
Seele retten wird, der sich im Jordanflusse bade, also an der Er- 


640 KLARA M. FASSBINDER, 


oberung des hl. Landes teilnehme. Ob der Gedanke aus dem Brief 
nur ein Anflug religiöser Skepsis war, neben dem das Alte, äufserlich 
zum gröfsten Teil noch unversehrt, eben deshalb fortbestand, weil 
es nie auf seine innere Festigkeit untersucht wurde, oder ob er in 
dem Zweifel seine eigene Meinung ausdrückte und die landläufig 
Ansicht als gewissermalsen zum Requisit eines Kreuzzugsliedes 
gehörig ohne Überzeugung wiedergibt? — Beides spricht nicht zu 
seinen Gunsten. Er nahm auch darin das Leben leicht. Von einem 
Suchen, einem Forschen nach neuen Wegen ist er weit entfernt. 

Auch als Minnesänger geht Raimbaut in dem, was er sagt, 
nicht über ein liebenswürdiges Mittelmals hinaus. Er erreicht weder 
die Anmut und Zärtlichkeit von Bernhard von Ventadorns Liebes- 
spiel, noch die leidenschaftliche Glut des Hasses, mit der Bertran 
de Born seine Gegner verfolgt, noch den zürnenden Ernst, mit dem 
Peire Cardinal die Schwächen seiner Zeit geilselt. Aber gerade 
darum ist er vielseitiger. Er ersetzt durch die Ausdehnung seiner 
Begabung und seiner Tätigkeit; was ihm an Tiefe abgeht. Man 
kann ihn darum, wie die Hist. litt. es tut, mit Recht als einen der 
typischsten Vertreter des ganzen höfischen Kulturkreises bezeichnen. 
Solche Vertreter findet man stets in einer gewissen Mittelschicht, von 
den einsamen Gipfeln und den allzubreiten Tälern gleich weit entfernt. 

Doch würde man ihm unrecht tun, wenn man ihn mit dem 
einfachen Wort der Hist. litt. „II &tait homme des dames et des 
guerriers* abtun wollte. Es machen sich 


Ansätze zu einem Neuen 


bei ihm geltend, und gerade sie sind, die seine Gestalt für uns so 
anziehend machen, die sie aus der rein historischen und ästhetischen 
Betrachtung in den Kreis menschlichen Interesses rücken. 

Wechsler hat ganz richtig gesagt, dals vom ersten Kreuzzug 
ab, der den Abendländern eine neue Welt erschlols, der Indivi- 
dualismus sich langsam zu regen begann, und dafs ohne ihn die 
höfische Dichtung gar nicht zu begreifen wäre. Aber diese ersten 
Regungen wurden gewissermalsen aufs neue in die mittelalterliche 
Weit hineingezogen. Die Dichtung wurde in das Prokustesbett der 
feudalistischen Formen eingezwängt, der Dichter wurde aus einer 
eigenen Persönlichkeit, wie man sich Wilhelm von Poitiers und etwa 
Jaufre Rudel denkt, Mitglied eines neuen Standes, gewissermalsen 
einer Zunft, die genau so streng nach bestimmten Normen abgegrenzt 
war wie irgend eine andere. 

Um die Wende des 13. Jahrhunderts seizt dann ein neuer, 
stärkerer individualistischer Zug ein. Zunächst auf religiösem Gebiet. 
Man braucht nur an Namen wie Petrus Waldus, Franz von Assisi, 
die deutschen Mystiker zu erinnern. Auf weltlichem Gebiet Roger ll. 
von Sizilien und Friedrich II., sein gröfserer Enkel, dessen Bild uns 
aus den verworrenen, verhüllenden, ihn so gar nicht verstehenden 
Schilderungen seiner Zeitgenossen rätselhaft und doch seltsam be- 
kannt und verwandt anschaut. In diesen Kreis gehört Raimbaut 


DIE PERSÖNLICHKEIT DES REIMBAUT VON VAQUEIRAS. 641 


nicht, aber er berührt ihn und strebt, wenn auch unbewulst, nach 
dem neuen Ziel, das, auch dem Geiste der Führer noch verschleiert, 
nur ihrer Sehnsucht offen war. Raimbaut hatte auf seinen Wander- 
fahrten, die ihn mit den verschiedensten Ständen und Völkern in 
Berührung brachte, seinen Gesichtskreis erweitert. Das stereotype 
Minnelied genügt ihm nicht mehr. Vielleicht kann man in der 
Tenzone mit der Genueserin, die all seine Künste auf ein so un- 
würdiges Objekt häuft, eine versteckte Verhöhnung dieser Dichtung, 
ein sie Ad-absurdum-Führen sehen. Aber seine Begabung und 
sein inneres Empfinden sind nicht stark genug, um in die alten 
Schläuche neuen Wein zu gielsen. Nur der einzige Walther von 
der Vogelweide, vermochte es, die alten Formen mit glühendem 
eigenem Leben, mit reichstem deutschen Leben zu erfüllen. Raimbaut 
sucht als Franzose zunächst das Neue in formalen Elementen: 
in der stärkeren Heranziehung stilistischer Mittel, im Gebrauch 
fremder Sprachen, in der Schaffung neuer Dichtungsgattungen. Er 
bleibt damit auf dem Boden der höfischen Kunst stehen. Es sind 
die gleichen Blumensorten, die er in seinem Garten zieht, um sie 
seiner Dame als Strauls zur Huldigung zu überreichen. Nur ein 
paar neue Spielarten in anderen Farben und etwas abweichend 
geformten Blüten hat er gezüchtet. 

Auch als ihm ein stärkeres und anders geartetes Gefühl die 
Brust erfüllt, vermag er sich nicht aus dem Bann des Hergebrachten 
zu befreien, wie Wechssler allgemein feststellen kann: „Neue poetische 
Erlebnisse auszusprechen, auch wenn man sie deutlich fühlte und 
klar erkannte, das wagte man nicht ohne weiteres“. — Es handelt 
sich um das Lied „No m’agrad’iverns ni pascors*, das noch heute 
uns zu bewegen vermag. Soll man nun annehmen, der über Fünfzig- 
jährige habe auf einmal die Liebesgefühle, die bis dahin anscheinend 
nie an die Tiefen seines Seins gerührt, mit solch ungewöhnlicher 
Gewalt empfunden? Viel wahrscheinlicher deucht es mir, dafs diese 
ungewohnte Wärme aus einer anderen Quelle stammte. Rainıbaut 
war fern seiner Heimat, der seiner Geburt und der seiner Wahl, 
inmitten sich immer unerquicklicher gestaltender Verhältnisse, in 
denen auch das neue Lehen nur sehr zweifelhaften Wert hatte, 
Das eigentliche Ziel ihrer Fahrt rückte immer weiter hinaus. Wäre 
es ein Wunder, wenn er von Sehnsucht nach der Heimat, nach 
dem früheren Leben ergrifien worden wäre, diesem neuen Gefühl 
aber keinen Ausdruck zu geben wulste? Da wird ihm die von 
allen besungene Liebe zum Symbol der Heimat. In eine Klage 
um verlorene Liebe ergielst er, was sein Herz bedrückt. So würden 
sich auch die kriegerischen Strophen, die ihn aus diesem dumpfen, 
erschlaffenden Gefühl aufraffen sollen, erklären, ohne die Einheit 
des Gedichtes und seine gerade in den ersten Strophen beruhenden 
Schönheit aufzuheben. In diesem Zusammenhang könnte ich mir 


1 Jeanroys Ansicht, a.a.O. S. 475, nur die von Kämpfen sprechenden 
Strophen bildeten eigentlich das Lied, „le motif de la nostalgie amoureuse n’est 


Zeitschr, f. rom. Phil. XLVII. gi 


642 KLARA M. FASSBINDER. 


auch die Entstehung der Frauenstrophen „L’altas undas“ erklären, 
die ja auch ein Sehnsuchtsgruls über das weite Meer sind und 
durch ihre Einkleidung auf jeden Fall fiktiven Charakter haben. 

Aber diese Zeit und die neue Umgebung, die zwar noch die 
gleichen Menschen in gleichen Gewändern leben und sich gewegen 
liefs, sie aber jeden Tag vor neue Aufgaben und auf eine neue 
Bühne stellten, die darum aus jedem herausholte, was in ihm war, 
sie liefs Raimbaut endlich den Weg finden, der seine eigene Straflse 
war. Mit den Mitteln, die er lange gehandhabt als Spielmann und 
als Trobador, gelingt es ihm zu sagen, was er allein sagen konnte. 
Das Garlambai war ein stammelnder Versuch gewesen, ein eigenes 
Erlebnis wiederzugeben, in den „Briefen“ ist ihm der grofse Wurf 
gelungen, wie ihre Analyse hoffentlich gezeigt hat. Nur eins sei 
noch hervorgehoben: Man vergleiche das Bild des Bonifaz, das 
uns aus den Briefen, zumal aus dem auf -er, so lebendig individuell 
entgegentritt mit dem blutleeren der altlateinischen Chronisten, das 
Brader in seinem Buch wiedergibt und sogar dem, das ein so fein- 
sinniger, kluger Mann wie Villehardouin am Ende seiner Chronik, 
gleichsam als deren Krönung zeichnet: „Helas! Con doloros domage 
ci ot a l’emperor Henri et a tos les Latins de la terre de Romania, 
de tel home perdre per tel mesaventure, un des meillors barons et 
des plus larges et des meillors chevaliers qui fust el remanant dou 
monde.“ Früher hat er schon einmal von ihm gesagt: „Li marchis 
Boniface de Monferrat est mult prodom et uns des plus prisiez 
que hui cest ja vive.“ Ganz mit denselben Ausdrücken lobt er 
andere auch, nur dafs er ihnen nicht soviel Adjektive beilegt. 

Ob Raimbaut sich dessen bewufst war, was er Neues gegeben 
in seinen Briefen? Ob er auf dieser Bahn vorangeschritten wäre? 
Das einzige nach den Briefen sicher zu datierende Lied ist ja 
die „Elegie“, die wieder die alte Form, den alten stofflichen 
Inhalt, wenn auch mit einem anderen Geist erfüllt, zeigt. Jedenfalls 
liegt in diesem Hinausstreben über die ihm gesteckten Grenzen, 


ici qu’un sacrifice fait & la convention poetique“, teile ich nicht. Sie hebt 
m. E. das höchst anerkennende Urteil auf, das er vorher über den ästhetischen 
Wert des Liedes fällt: „Energique et fier coup de clairon succedant & un 
melodieux soupir de flute. Rarement, m&me dans la litterature provengale si 
riche en contrastes, des accents plus mäles se sont associes & une melancolie 
aussi penetrante*. Für diese weils er keine Erklärung zu geben. Ein Seiten- 
stück zu dem oben Ausgeführten, wie das Gefühl aus Mangel an eigener 
Gestaltungskraft zu fremden Formen greift, bietet E. Rod in seinem Roman 
„Le sens de la vie“ S. 225. In einem Dorf der Alpen hört er von einem neu- 
geborenen Dichter und freut sich auf dessen naturwüchsige Bichtung: „Helas! 
au Cours de ses voyages mon po@te avait trouv& quelques volumes de Lamartine 
et sa po&sie & lui n’etait qu’un lamentable pastiche en phrases bossues, avec 
des embryons des rimes au bout, toutes herisses de mots qu’il ne comprenait 
pas. — Avec sa douce figure, son oeil intelligent quand m&me, l’affınement 
relatif de ses traits, il devait sentir — mais autre chose que cela, ces choses 
qui se mouvaient confusement dans son esprit, pour lesquelles il n’aurait trouve 
ni mots, ni rimes, qu’il n’avait peut-@tre jamais cherch® & exprimer, et qui 
sesteront & jamais inexprimees“. 


DIE PERSÖNLICHKEIT DES RAIMBAUT VON VAQUEIRAS. 643 


in diesem unbewulsten Schleierlüften über seinem individuellen Ich 
und der ihn umgebenden sichtbaren Welt — der Trobador analysiert 
ja nur ein Kollektiv-Ich — ein Hauptreiz von seinem Schaffen.! 
Raimbauts höfische Dichtungen im hergebrachten Stil könnten ver- 
loren sein, ohne dafs die provenzalische Lyrik dadurch um einen 
Ton ärmer geworden wäre. Aber wenn die „Briefe“ (und etwa der 
„Kontrast“) nicht erhalten geblieben wären, so bedeutete dies einen 
Verlust. Sie zeigen, wie die um die Wende des 13. Jahrhunderts 
vollerblühte provenzalische Poesie noch frische Keime und Triebe 
zeitigte, die vielleicht eine neue Blüte hervorbrachten, wenn nicht 
der jähe Sturm des Albigenserkrieges die volle Blume und die 
Knospe jäh vernichtet hätten. 


Krara M. FASSBINDER. 
i Den gleichen Unterschied zwischen der schablonenmäfsigen Nachahmung 
und eigener Schöpfung finden wir bei Hans Sachs in seinen Meisterliedern und 


seinen Schwänken. Auch im „Petit Jehan de Saintre“ zwischen dem ersten 
und zweiten Teil. 


41* 


Zur Bedeutungsentwicklung romanischer Partikeln. 


Die Partikeln sind meine Lieblinge. Sie schillern oft in den 
verschiedensten Farben, scheinen Bedeutungen zu haben, die 
schwer miteinander zu vereinigen sind. Und doch müssen sie 
irgendwie aus der Grundbedeutung geflossen sein. Der metho- 
dische Weg ist gegeben. Es gilt, die Grundbedeutung festzustellen, 
die in den meisten Fällen klar zutage liegt, und dann den Weg 
nachzudenken und nachzugehen, der von der ursprünglichen Be- 
deutung zu der speziellen geführt hat. Manchmal macht die Her- 
leitung der speziellen Bedeutung keine Schwierigkeit; dann heifst 
es: guarda e fassa. In andern Fällen wieder hält es schwer, den 
Weg zu finden, den die Sprache gegangen ist. Aber je grölser 
die Schwierigkeiten sind, um so mehr reizt es, sie zu überwinden. 
Löst man den Knoten nicht beim ersten Mal, dann kehrt man 
nach einiger Zeit, an anderer Arbeit erstarkt, dazu zurück und 
versucht sein Glück aufs neue. Vorausgegangen ist auch hier 
Tobler mit seinem Aufsatz über done, VB II, 166, und mit dem 
über „Flickwörter* II, ızıfl. Hier bleibt noch sehr viel zu tun 
übrig. 


a) It. /Zanto ‚kurz und gut‘; eingeschobenes ‚ja... doch‘; 
‚so wie so‘; ‚doch‘. 


Zanto trift man nicht selten an der Spitze von positiven 
wie negativen Aussagesätzen an, wo man, je nach dem Zusammen- 
hang, verschieden übersetzen kann: /anto non voglio ‚kurz und gut, 
ich will nicht‘; Jascia che dicano quel che vogliono, lanto ıl prossimo 
non & mai contenio Deledda, Edera 43 ‚der liebe Nächste ist ja 
doch nie zufrieden‘; (Katharina weint, weil sich der junge Gatte, 
mit dem sie fortfährt, in einen schwarzen Teufel verwandelt hat. 
Er sagt zu ihr:) Caterina, sta zılla. Tanto il tuo babbo & lontano, 
e non senlirebbe una cannonala Imbriani, Novell. fiorent. 292 ‚der 
Vater ist ja doch fern‘; cogliamo du’ saragie (— caliegie) dalle rame 
basse di questo, saragio (— cıliegio) che ce U’ ha belle. — Si — ripıglid 
la Sandra, — tanto no’scmo sul nostro Franceschi, In Citta 534 
‚wir sind ja auf unserm Grund und Boden‘; Mi duole di non arer 
meco una gran filza di proverbi che raccolgo da cınque 0 sei annı fer 
le strade e per le botieghe. Saranno buoni er un’ altra volla, tanlo 
non paliscono Giusti, Lettere U, 88 ‚Sie leiden ja darunter nicht‘; 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 64 5 


‚Sie haben ja keinen Nachteil davon‘. (Auf einem ländlichen Ball 
werden die Tänze von einem Barbier französisch kommandiert. 
Die Bauern verstehen es nicht und sagen:) /acciamole un fo’ a modo 
nostro, lanto questi signori lo sanno che sıamo gente ignoranle ebd. 
1, 245; O che stia for! o che stia dientro, lanto ıl pericolo & ıl me- 
desimo Nerucci, Sessanta nov. montal. ı12 ‚ja... doch‘; (ich komme, 
um einen sprechenden Vogel, einen singenden Baum zu finden) 
Camminerd quanto ci vole! Tanto ıo U’ ho da Irovar quesia roba 
Imbriani, Novell. fiorent. 89 ‚Ich werde sie schon finden‘; mit e 
an das Vorhergehende geknüpft, was selten ist: da no gli (die 
Zündhölzer) 'hanno proibiti e tanlo si campa Giusti, Lettere I, 232 
‚und man kommt auch so durch‘. 

Während in diesen und vielen anderen Beispielen der Satz 
mit /anto sich an einen Hauptsatz anschliefst, erscheint er als 
Nachsatz zu einem Bedingungssatze in: Se : sassı della via 
fossan coltelli, E tutti sı svolgessen per ferimmi, Tanto’un vi lascerei, 
miei occhielli beili! Canti pop. lucch. 7, 34 ‚so werde ich euch doch 
nicht lassen‘. 

Die Erscheinung fehlt in den Grammatiken, bei Vockeradt 
$ 433 und bei Fornaciari S. goff., dagegen findet sie sich in den 
Wörterbüchern, bei Rigutini-Bulle (come disse colul che cadde da 
cavallo!: tanto volevo scendere ‚Ich wollte so wie so absteigen‘); 
bei Hecker, Petrocchi (fanfo un giorno bisogna morire, wozu er 
lediglich bemerkt: anche rassegnativo[!]); bei Tommaseo-Bellini 
fanto 13, die auch einen Beleg für die oben aus Giusti belegte 
Anknüpfung mit e Zanto haben (Non saral piü forte che Sansone, 
piü santo che David ... e tanto questi per lroppo assicurarsı caderono 
aus Cavalca ‚und dennoch‘); und eins im Nachsatz zu einem 
Bedingungssatze (Se g/i alberi potesser favellare ... E _fusse inchiosiro 
U’ acqua dello mare, La terra fusse carla e l!erba penne, Tanto ci 
mancherebbe qualche foglio a scerivere ... 'l ben che vi voglio aus 
Canti pop. tosc. ohne Stellenangabe), aber für die Erklärung bieten 
sie nichts. 

So steht hier und oft Zanio an der Spitze eines Hauptsatzes. 
Es sieht so aus, als ob es ein Teil des Satzes wäre. Und doch 
ist das bei der Grundbedeutung von /anlo ‚soviel‘ ganz unmöglich. 
Hinter /anlo ist von Hause aus eine Pause, und der Hauptsatz 
beginnt erst danach. Und diese Pause ist auch noch immer 
möglich, wie hier und da das Komma in der Schrift zeigt: OA 
s’ ingegnasse un po’ anche leı. Tanto, non era piü la padrona 
Memini, Vita mond. 257 ‚sie war ja nicht mehr die Iierrin‘, da 
sie ihre Besitzung verkauft hatte; (die Wirtschalterin hat den Kaffe 
schlecht gekocht) Ma Fulvia non s’ ınquild e non disse nulla. 
Tanto, era l’ ullima volla ebd. 2005 Ti scerivo sul primo pezzelto di 
carla che irovo qui per la casa, ltanlo, Ira noi non ıstiamo sulle 
eleganze Giusti, Lettere U, 90; No, 2 meglio che lu vada a Milano. 
Tanto, la carrosza bisognerd pagarla fino a Savona Barrili, Val 
d’Olivi 49; deliberö di stare a vedere. Tanto, due anni erano passatı 


646 GEORG EBELING, 


a quel modo, e di peggio non poteva accadere ebd. 94. In andern 
Fällen nicht erkennbar, weil zunächst ein Nebensatz folgt: zeu.r 
un branco di uccelli; disse: — Gl vo’ lirare, tanto, nulla per nulla, 
se ne chiappo dieci o quindic', qualche cosa fanno Pitre, Nov. pop. 
tosc. 122; voglio farvi ridere con una storiella. Tanto, poiche vi 
fermate a Noli, & giusto che ne sappiate Il’ origine Barrili, Val d’Olivi 68; 
O non sarebbe meglio abolire la costumanzaP Tanto, chi si ama si 
cerca allo slesso modo, e le buone strelle dimano ... guadagnerebbero 
dieci volle di pregio ebd. 106. 

Dem Ursprünglichen kommt man noch näher, wenn man nach 
lanto ein Kolon setzt, Z/anto: non voglio. Tanto vertritt einen 
ganzen Satz, dessen Verbum 2 nicht ausgesprochen ist, weil es 
nicht ausgesprochen zu werden braucht: ‚so viel ist (der Fall): Ich 
will nicht‘; /anto: ıl prossimo non & mai contento ‚so viel ist, besteht: 
Der Nächste ist niemals zufrieden‘. Und die volle Form /ani(o) 2 
besteht noch immer daneben: Comprendeva Diana e non l’accusava 

.ma tant’d ... era un ßo’ forte tutto ci! Memini, Vita mond. 19; 
«Jo devo mandar via le bambine? Dove voitu, che io porti le mie bam- 
bine?» «Ah tan!’ 2! Jo voglio cosi» Imbriani, Novell. fiorent. 273; 
(die Mora sagt zu der Frau des Fürsten: ’gdi 2 ora di pettinarsi. Die 
erwidert, es sei nicht nötig:) «Zant’d», — die la Mora. — «IL 
Principe m’ ha ordinato ch’ ı’ la tienga a modo e perö bisogna bene ch’ ı’ la 
pettini»e Nerucci, Sessanta nov. montal. 117. Und dieses /ant’d er- 
scheint auch da, wo man nach dem Zusammenhang /ant’ era erwartet: 
(was konnte ich dafür, wenn mich plötzlich das Fieber packte, sagt 
der Schafhirt) Ma fant’ & doveite far fagotto su due piedi ...e lascıar la 
mandra Verga, Novelle rustic. 182, wo, wenn ich richtig abgeschrieben 
— der Text ist mir nicht mehr zur Hand — hinter /arf 2 kein Komma 
steht, also ohne Pause gesprochen wird. — Ausälterer Zeit: Zanf 2, 
fate quel che io v’ ho delto fängt der Figlio prodigo von Cecchi an; 
Tant 2: dungue fa’ come ti piace ebd. Ill, 2, S. 29, wo hinter der 
Wendung eine gröfsere Interpunktion steht als sonst, und so auch 
in: Zanf 2, padrone, qui bisogna vedere di remediare a quello che 
si! pud ebd. IV, 2, S. 40, wo das Semikolon nicht darüber täuschen 
darf, dafs die Wendung zum folgenden gehört. Und dasselbe 
gilt von: non 2 possibile! Se l’ ho visto io a Milano, l’altro giorno, 
in casa mia, e non mi ha delto nienie! — Tanf db; adesso 2 gu 
Fogazzaro, Malombra 396 (vgl. auch: Tanto, vedi, lo so: io sono 
nala per seguire una via di svenlura Deledda, Edera 37). Vier 
Beispiele für /anf 2 auch bei Vockeradt $ 433,6, dessen erster 
Beleg «Non & un bel nome» «Tanf &» falsch zitiert ist, sofern man 
meinen mülste, dals sich fan? 2 auf das Vorhergehende beziehe. 
Es geht vielmehr auch hier auf das Folgende. Die Stelle lautet: 
«Ci chiaman baggıanı» «Non & un bel nomer «Tanf?2: chi & nal 
nel milanese, e vuol vivere nel bergamasco, bisogna renderselo in sanla 
pace* Manzoni, Prom. sposi Kap. 17 gegen Ende, in der Ausgabe 
von Carcano S. 212; Belege für /anf 2 natürlich auch bei Tom.- 
Bell. 32, der auch doppeltes Zan? £, anf 2 belegt. Das Verbum 2 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 647 


auszusprechen, ist aber nicht unbedingt nötig, Zan/o genügt. Und 
da /anto in fan’ d Subjekt ist ‚soviel ist, besteht‘, so ist es das 
auch in dem allein gebrauchten /arto. Und dieses Subjekt Zanto 
rückt nun an den folgenden Satz heran; die Pause, die ursprünglich 
durch ein Kolon angedeutet wurde, wird geringer — in der Schrift 
erscheint daher das Komma — und schliefslich fällt die Pause 
ganz fort, und Zanfo wird mit dem folgenden Satz in einem Atemzug 
ausgesprochen. Zanto non voglio ist für das Sprachbewulstsein eine 
Einheit geworden, wird nicht mehr als zwei Sätze aufgefalst, wobei 
zu dem ersten das Verbum, weil es sich von selbst ergibt, nicht 
ausgesprochen ist, sondern als ein einziger, d. h. das ursprüngliche 
Subjekt /anto ist zur Partikel geworden, zu einem modalen Adverb, 
das wir je nach dem Zusammenhang verschieden übersetzen können. 
Das ursprüngliche Verhältnis ist in allen diesen Fällen sofort wieder- 
herzustellen /anfo : non voglıo. 

Aber die Entwicklurg ist schon weitergegangen, sofern der 
mit /anto beginnende Satz nun auch nach Konjunktionen der 
Unterordnung erscheint: S’intende che questo degli studi era un 
pretesto per la famiglia, egli ben sapeva che tanlo non avrebbe durato 
al travaglio della passione Barrili, Val d’Olivi 190 ‚dafs er gegen 
die Qual der Leidenschaft ja doch nicht standhalten würde‘. Hier 
kann man hinter /anfo keine Pause mehr machen. Die Ausdrucks- 
weise bringt den Beweis, dafs sich für das Sprachbewulstsein die 
Verhältnisse tatsächlich in der angegebenen Weise verschoben 
haben. Unabhängig würde es heilen: fanto non avrebbe durato al 
travaglio della passione, wo es statt fanto auch /anf 2 heifsen könnte. 
Tanto ist mit dem folgenden Satz zusammengewachsen, wird mit 
ihm als Einheit empfunden. Und dabei bleibt es auch, wenn der 
Satz abhängig wird von egli ben sapeva che. So auch im Relativ- 
satz: Chelati un po’, lascia la sua parte a fuo zio, che fanto dovrd 
lasciarli un giorno la sua ebd. 197 ‚der dir ja doch eines Tages 
seinen Anteil überlassen mufs.‘ So nach Zerch2: (Der Herr fühlt 
sich nicht wohl, will sich niederlegen; der Diener erwidert:) Z 
farete anco bene, perche tanlo si prepara una seralaccia birbona, e con 
una nebbia da tagliassı col filo Franceschi, In Cittä 531 ‚ohnehin‘; 
Zo U’ ho lasciato sempre dire, perche tanlo lo so che & fatlto a quella 
maniera Fucini, Veglie 47 ‚denn ich weils ja doch, dafs ...‘; «Non 
faccia furia, non faccia furia, perche tanto, alle mani di Burrasca 
(ein Spürhund), s2 va sul sicuro» ebd. 74; eins auch bei Tom.-Bell. 
lanto 13. 

Statt /anlo vor einem Hauptsatz trifft man übrigens, was Gram- 
matiken und WB. nicht haben, auch /an/o e tanto in demselben 
Sinne an: Z mi porta via la lettera quello svenlato! Non monla, 
tanto e tanlo la so a memoria Bersezio, Bolla di sapone I], 9 
(Brockhaus) ‚Es tut nichts, ich weils ihn ja doch auswendig‘. 
Wiederholt bei Barrili: 4Amo che la sıgnora duchessa non si scomodi 
per mes lanto e tanlo ci avrö mollo da leggere, e polrd aspeltarla 
franguillamente Val d’Olivi 225 ‚ja doch‘; (wilst ihr nicht) Che la 


648 GEORG EBELING, 


Siıgnora potrebbe, e con ragione, mandarmı a quel paese? (zum Teufel 
schicken) — Zanto e lanto non ci andrele,; voi siele un uomo del 
Signore ebd. 258; so spricht jemand zu einem Priester, der einen 
unangenehmen Auftrag bei einer Frau ausrichten soll. Vor einer 
direkten Frage, was selten ist: (sie allein zu lassen mit den 
andern) S?, cd doveva pur un giorno accadere. Tanto e tanto, che 
vita era la sua? come foteva durare? ebd. 189. Wenn so Zanto 
wiederholt wird und kopulativ verbunden ist, so liegt auch hier die 
Absicht zugrunde, den Leser durch zweimaliges Setzen zu zwingen, 
zweimal so lange bei der Vorstellung zu verweilen, also, was 
man Verstärkung nennt. Gerade so wie in: Pensieri e Densier: 
le salivano dal cuore Fogazzaro, Daniele Cortis 56; Zo passalo mesi 
e mesi della pıü orrida vita Barrili, Val d’Olivi 238; a/ de Cesare 
dirai mille e mille cose Giusti, Lettere Il, 272; da annı e anni 
ıl Leopardi non poteva pin ne leggere nd scrivere Giusti, Lettere II, 174; 
molti e molti anni or sono Deledda, Edera 77; 2% occhti vivacıssimi 
che gli dicevano tante e tante affettuosissime cose Capuana, Bragia 54; 
aulserordentlich häufig, doch gehe ich darauf hier nicht ein. 

Tom.-Bell. haben unter Zanto 15 asyndet. /anto tanlo, beide 
Male im Nachsatz: Se gli desse una buona dote, lanto tanlo la 
sposerebbe und Se fosse bella, tanlo tanto sı polrebbe compalire 
‚immerhin‘. Rigut-Bulle übersetzen es mit ‚in diesem Falle, unter- 
dessen, indessen, einstweilen‘, geben aber keine Belege. 

Überall aber steht dieses /anfo an der Spitze des Satzes, 
nirgends ist es in ihn eingeschoben. Darum fällt die von Tom.- 
Bell. (/anto 13) aus Segneri angeführte Stelle sehr auf und mulfs 
erst nachgeprüft werden: @Quando ancora tu stil desto ad altendere 
ı tuo Signore puö sembrare a te ch’ egli tanto verrä nell’ ullima ora 
a trovarti in guisa di ladro. Sicher ist jedenfalls, dafs die Boccaccio- 
stelle: (die Ärzte untersuchen den Kranken und erkennen sein 
Leiden nicht) avendo un segno et altro guardato di lui, e non polendo 
la sua infermild tanto conoscere, tutti comunemente si disperavano della 
sua salute Dec. D,8, bei Fanfani I, ı7ı, wo der Italiener /an/o als 
nondimeno falste, von ihm milsverstanden ist. Er äufsert übrigens 
selber nachher Bedenken wegen der Stellung von /arfo. Richtig 
hat Vockeradt $ 433,3 das non ... fanto als mit Gebärde ge- 
sprochen aufgefalst: ‚nicht einmal soviel‘, deiktisch; und so fafst 
es wohl auch Fornaciari in seiner Schulausgabe ausgewählter Novellen 
des Bocc. S. 135, 11. 

Die andern romanischen Sprachen kennen diese Verwen- 
dung von /anto, tan & m. W. nicht. Die lateinische Umgangs- 
sprache, wie sie sich in den Komödien spiegelt, hatte /anfum est, 
das aber auf das Vorhergehende sich bezieht ‚soviel ist‘, d.h. 
‚das ist alles‘, ‚melır sage ich dir nicht‘, voz/4 fout: Am Ende des 
Prologes zum Trinummus sagt der Verfasser, dafs Plautus das 
Stück aus dem Griechischen übersetzt und ihm den Namen Trni- 
nummus gegeben hat, und fügt dann hinzu: Tan/umst. Valee: 
adeste cum sılentio, wo also Sfantum est deutlich auf das Vorher- 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 649 


gehende hinweist. In der Anm. gibt Brix weitere Belege für 
diese Verwendung. 

Der Rumäne sagt wohl: a/d/a e numal cä mi-e leamä sä nu 
me pricecapä, de ar sli ei cä joc cm cärfile mäsluite, val de pielea mea! 
Crasescu, Schife I, 210; wörtlich: ‚soviel ist nur der Fall, dafs 
ich fürchte, er oder sie verstehen mich nicht recht; wenn sie 
wülsten, dafs ich mit gefälschten Karten spiele, dann geht es mir 
schlecht!‘ Aber er verwendet a4 nicht in der Weise des it. /anto 
(c? vo), würde nicht sagen: afdt nu gti im Sinne von: ‚kurz und 
gut, ich weils nicht‘. Im Französischen gab es und gibt es 
volkstümlich noch heute: /anf y a gue ‚soviel gibt es, dafs‘, siehe 
Littre unter /anf 22, der auch eine Stelle hat, an der statt des 
que-Satzes ein Hauptsatz erscheint: Je suis faible, et ne me fique 
point de ne l’öire pas: lant ya, je n’en puis plus aus M”® de Sevigne, 
s. auch Toblers WB. u. avorr. Aber ein *anf je ne veux pas, ent- 
sprechend dem ital. /anto non voglio hat das Französische nicht 
geschaffen. 


b) rum. aya, aytT, ag ‚ach was‘. 


Eine gewisse Ähnlichkeit aber zeigt das im abweisenden 
Sinne gebrauchte rum. aya, ayt, ag im Sinne von ‚i bewahre‘, ‚ach 
was‘ ‚denk nicht dran‘: cds/igä cdle 8 pänä la 10 franci pe di, dar 
gändesti poate cä aü bani? Aya! Sed la cafenele pänä ce cheltuesc 
of pänä la o para, staü mal pänd la resäritul soarelut si apot nedormift 
se apucä iaräst de lucru Crasescu, Schife Il 205, ‚Sie verdienen je 
8—ı0 Franken täglich; aber meinst du etwa, dals sie Geld haben? 
I bewahre! Sie sitzen in den Kaffeehäusern, bis sie alles auf den 
Pfennig ausgeben, verweilen noch bis zum Sonnenaufgang und dann 
gehen sie, ohne geschlafen zu haben, wieder an die Arbeit‘; Za 
asia sä me uileü, cä in fie-care clipealä fac cui-va reul CA fie-care 
dihanie despärfindu-se de viafd mai sbiard incd? Asa! da sbiere! 
Ce me priveste pe mine! eb. 1186. ‚Darauf soll ich achten, dafs ich 
in jedem Augenblick einem Böses zufüge? dafs jedes Tier, wenn 
es aus dem Leben scheidet, schreit? Ach, was! Mag es schreien! 
Was geht mich das an!‘ „Mai Tigane, tu ai sä fpicl jos!“ Der 
Angeredete erwidert: „Aya! Ce scaı tu?“ Sbiera, Povesti 286, ‚Hör 
mal, Zigeuner, du wirst runterfallen!‘ (vom Baum), Antwort: ‚Ach, 
was weilst du!‘; nicht selten. Ein Beispiel dafür bei Tiktin aya 14, 
der es als moldauisch bezeichnet. Es begegnet aber auch, wie 
eben belegt, bei Sbiera in seiner Sammlung. 

So auch ag, ag: (Hast du niemand gefunden?) Antwort: Am 
cäulal peste tot locul, rin toate cafenelele. As! parc’ aü zburat Cra- 
sescu, Schife I, 201 ‚Ich habe überall, in allen Kaffeehäusern gesucht. 
I wo! als ob sie ausgeflogen wären!‘; ala insä cea micd nu voia 
sä se märite cu nıcl und chipü (bald sollte sie den Solın dieses, bald 
den eines andern Kaisers heiraten) ag7/ cea dicea cA nu-T place nic! 
unulü Ispirescu, Basme 168, ‚Die jüngste Tochter aber wollte unter 
keinen Umständen heiraten ... I bewahre! Sie sagte, es gefiele 


650 GEORG EBELING, 


ihr keiner‘; (Als der Kaiser, der schon zwölf Söhne hat, eine 
Tochter bekommt, ist sein Glück voll) De unde se ayteta acum 
imperalulü ca sä fe pe deplinü fericitü, agt! unde? &a se adeveri gi 
la dinsulü ... povestea cänteculut (folgen Verse) eb. 393, ‚Worauf 
sollte er, der Kaiser, noch warten, um vollkommen glücklich zu 
sein? Ach, was! worauf? Auch bei ihm bewahrheitete sich der 
Inhalt des Liedes .. .‘; Mnea ta stil acasd, ea seama de foc. — As! 
cum se m& duc? Crasescu Schite 1145, ‚Bleib zu Haus, gib auf 
das Feuer Acht!‘ Dar andere: Ach, was! Wie soll ich denn weg- 
gehen?‘; A fpat fata, s’a rugat de el s’o lase sä ’si implineascä 
datina ...as!...elpar'cänicinu auzca. Stäncescu, Alte basme 127, 
‚Das Mädchen hat geschrieen, hat ihn gebeten, sie den Brauch 
erfüllen zu lassen ... I bewahre! Er schien nicht einmal zu hören.‘ 
So erscheint ag auch in der Antwort allein, ohne dafs noch etwas 
folgt. A: De vinzare ’fi-e fapu ästa®? B: De vinzare, dar nu e faß, 
e vita. A: Asla via? B: Par! A: As/ eb. 192, A: ‚Zu ver- 
kaufen ist der Ziegenbock da?‘ DB: ‚Zu verkaufen, aber es ist 
nicht ein Ziegenbock, es ist ein Kalb.‘ A: ‚Das ein Kalb?‘ B: 
‚Natürlich!‘ A: ‚Ach, was!‘ In solchen Fällen ist zu ag aus dem 
Vorhergehenden die Ergänzung vorzunehmen. Aus Asta zifea? 
ergänzt sich von selbst: As/ nu e vifea! ‚Ach was! Das ist kein 
Kalb!‘ 

Oft steht dar ‚aber‘ davor: Aleodorü vor sä se codescä öre-cum, 
ba cä trebile imperäfiet nu-lü £rtä sä facd o cäldtorie aya de lungä... 
ba cd una, ba cä alta, darä ay!! unde vrea sä scie pocitulü de töte 
asiea Ispirescu, Basme 42, ‚A. wollte irgendwie sich aus der Klemme 
ziehen; bald (sagte er), dafs die kaiserlichen Geschäfte ihm nicht 
gestatteten, eine so lange Reise zu machen ... bald dies, bald 
jenes; aber, kein Gedanke, wie sollte der Mifsgestaltete auf all das 
Rücksicht nehmen?‘ Man könnte es hier und an andern Stellen 
gradezu mit ‚umsonst‘ übersetzen; Cercelarä in dreöpla si in stänga, 
ca sä afle niscal-va licurt care sä le desfacä fäcululü sterpiciunel lorü, 
darä, agt! par'cä inlälne tolü surdt sı muft eb. 160, ‚Sie erkundigten 
sich nach rechts und nach links, um Heilmittel zu finden, die 
ihnen die Behexung ihrer Unfruchtbarkeit beseitigen könnten, aber 
umsonst, als ob sie lauter Taube und Stumme anträfen‘; & sd 
bielulü ciobanü, sä le (= die Schafe) oprescä, darä, agi! pe draculü 
sä-lü opresci? cänd ıinträ spaima in ol, de giaba t6öld munca eb. 397, 
‚Der arme Schäfer bemühte sich, die Schafe zurückzuhalten, aber 
es war kein Gedanke daran. Kann man den Teufel zurückhalten ? 
Wenn der Schrecken in die Schafe fährt, dann ist alle Arbeit 
umsonst.‘ Weitere Belege für das as? eb. 47; 72; 135; 195. 

Die Fälle, in denen aga steht, sind durchsichtig, weil hier die 
Grundbedeutung ‚so‘ offen zu Tage liegt. Asa bedeutet ‚so‘ ‚so 
ist es‘ und weist in diesen Fällen immer auf das Folgende hin. 
Man kann sich danach ein Kolon denken. Das Moment des 
Abweisenden liegt von Hause aus nicht darin. (Das erste oben 
angeführte Beispiel) ‚Denkst du etwa, dafs die Geld haben? So 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 651 


ist es: Die sitzen in den Kaffeehäusern und verzehren alles.“ Auf 
die Frage wird mit einer Tatsache geantwortet, und diese Tatsache 
wird durch ‚so ist es‘ vorbereitet. Dadurch aber, dafs diese Tat- 
sache, die an sich denkbare bejahende Beantwortung der Frage 
bei Scite schiebt, kommt das Moment des Abweisenden hinein. 
Und die Tatsache selber kann mit abweisendem Ton und ent- 
sprechender Gebärde ausgesprochen werden und wird so aus- 
gesprochen. Und dieser abweisenle Ton wird dann auf das 
vorbereitende aya übertragen. So kommt dieses zu der Bedeutung 
‚ach, was!‘ ‚denk nicht dran‘ ‚kein Gedanke‘. Dafs eine Weiter- 
entwicklung vor sich gegangen ist, ergibt sich daraus, dafs nach 
dem aya kein Kolon mehr steht, sondern ein Ausrufungszeichen. 
Es wird nicht mehr als ‚so‘, ‚so ist es‘ empfunden. Eine gewisse 
Weiterentwicklung zeigt sich wohl auch darin, dafs statt des 
Aussagesatzes eine Einräumung folgen kann, wie in dem zweiten 
Beispiel: Aya/ da sbiere! ‚Ach, was! Sie mögen schreien!‘ oder 
eine direkte Frage, wie in der Stelle aus Sbiera 286 Asa’ Ce 
scit tu? ‚Ach, was weilst du?‘ 

ast, ag — Drei gute Beispiele bei Tiktin, der es als walachisch 
bezeichnet; aber auch sonst in den WB. angegeben, bei Dame, 
der es mit ‚das moyen‘ wiedergibt und ein Beispiel hat, das wohl 
identisch ist mit dem oben aus Ispirescu B. 42 angeführten; bei 
Sainean ‚Gott behüte!' ‚Warum nicht gar!‘ und bei Pop in 
seinem kleinen WB. — as hatte Rudow Zs. XXII, 222 gewils 
unrichtig als identisch mit dem Konditionalis ag ‚ich möchte‘ 
gefalst, wobei er sich auf das auch begegnende /e-ag berief, in dem 
er fe-ag veded ‚Ich möchte dich sehen‘ = ‚Sieh nichts‘ (!) ‚keine 
Spur‘ zu erkennen glaubte. Auch seine andere Vermutung = 
ungar. ag! ‚das‘, nämlich ‚wäre‘ ist abzulehnen. Viel ansprechender 
ist die Ansicht von Tiktin (WB. u. ag), dals ag eine ‚augenschein- 
liche Kürzung‘ von aga ist; und in /e-ag — das auch mir begegnet 
ist, z. B. Ispirescu B. 2035: Se spelise, bielulü omü muncindü, gi sä 
salte gi elü ceva, lte-asi! cätusi de cälü, ferita (l. ferit-a) säntulä ! 
‚Er hatte sich in der Aıbeit abgeplagt, der arme Mann, und dals 
auch er es etwas weiter brächte, kein Gedanke! Nicht im Geringsten, 
Gott bewahre‘ — in diesem Ze-ay vermutet Tiktin du-/e, ag; also 
eigentlich ‚geh weg, scher’ dich; ach, was!‘, so dafs /.-as von 
Hause aus miteinander nichts zu tun haben. Im Affekt wäre 
dann nur /e-ag ausgesprochen worden, die nun wie eine Einheit 
aussehen. Schön wäre es aber, wenn du-fe as einmal nachgewiesen 
würde. Darf man, so möchte ich fragen, ag auffassen als ayd-I > 
dsä-ı > as! > ag? Zurückziehung des Akzentes muls ja auch 
Tiktin annehmen. 

Die Ähnlichkeit mit /anio liegt darin, dafs beide von Hause 
aus einen Satz für sich vertreten, indem die Kopula, weil nicht 
unbedingt nötig, unausgesprochen ist; sowie darin, dafs beide sich 
auf das Folgende beziehen. Ob das eine Mal ‚soviel‘ (ist der 
Fall), das andere ‚so‘ (ist es) gesagt wird, macht keinen wesent- 


652 GEORG EBELING, 


lichen Unterschied. Aber darauf beschränkt sich die Ähnlichkeit; 
denn /anto ist mit dem folgenden Satze zusammengewachsen, 
während hinter aya, ag noch immer eine Pause ist. Ist /an/o zum 
Modaladverb geworden, so aya, as zur Interjektion. 


c) span. ello; portg. zsso ‚in der Tat‘. 


Fine gewisse Ähnlichkeit bietet das ältere Spanisch mit 
seinem e//o, das, namentlich in der Sprache der Komödie, zu 
Anfang von Aussagesätzen, gelegentlich auch vor direkten 
Fragen steht im Sinne von ‚in der Tat‘, ‚wirklich‘, wofür 
Bello 8 972 mehrere Belege gibt. So: ZJlo, no tiene duda que for 
ese liempo se represenlaban unos dramas tan toscos, que merccian cl 
nombre de farsas con que se apellidaban (aus M. de la Rosa) ‚in der 
Tat, es unterliegt keinem Zweifel, dals ...‘; Zllo, ti al cabo lo has 
de saber. Ein paar andere Beispiele auch bei Gessner in seiner 
Arbeit über das spanische Pronomen Zs. XVJ, ı2. Wenn sich 
aber Bello damit begnügt zu sagen, dals in solchen Fällen das 
Neutrum e/lo wie die Neutra a/go, foco, mucho u.a. adverbial ver- 
wende: würde im Sinne von en verdad, en efecto, so ist mir einmal 
sehr fraglich, ob man in diesem Falle überhaupt von adverbialer 
Verwendung von e//o reden darf, und sodann ist der Weg der 
besonderen Verwendung nicht klargelegt. e//o repräsentiert einen 
Satz für sich, indem die Kopula es nicht gesetzt ist, weil sie nicht 
unbedingt nötig ist. Statt des Kommas danach könnte man sich 
zur Deutlichkeit ein Kolon denken: ‚Das (ist der Fall): Es unter- 
liegt keinem Zweifel etc.‘; ‚Das (ist der Fall): Schliefslich wirst du 
es erfahren.‘ Indem aber mit edles) eine Tatsache konstatiert 
wird, die gleich darauf inhaltlich angeführt wird, gewinnt e//o (es) 
mittelbar die Bedeutung einer Bekräftigung, Versicherung. 
Bello hätte dieses e/o in Beziehung setzen sollen zu: Z’lo es que 
hay anımales muy cienlificos, wovon er 8 069 spricht, das er auch 
wieder etwas merkwürdig umschreibt, oder aus moderner Zeit: ZJlo 
es, que saben cosas que nadie les ensela Caballero, Cuadros de C. 77 
‚Tatsache ist, dals ...‘; Zllo es que la fiesta en la huerla fut 
apacıblemente divertida Valera, Pepita 47; Zllo fu! que, aungue habia 
romeria en los prados de Miranda, y el sol calentaba bien, a las dos 
de la tarde ya estaba d pie firme la primera hilada de curiosos sobre 
la misma arısta del Muelle Pereda Sotileza 407. Gessner a.a. 0. 
sagt kurz, e//o werde ‚absolut‘ gebraucht im Sinne von ‚freilich, 
in Wirklichkeit, allerdings‘. Ich sage, es bestehe eine gewisse 
Ähnlichkeit der Verwendung. Aber die Verwendung von elh 
ist doch nicht so weit vorgeschritten, wie die des ital. /anto, sofern 
alle Beispiele bei Bello ein Komma danach zeigen, also eine 
Pause in der Rede. Nur das erste Beispiel bei Gessner zeigt 
dieses Komma nicht: Vamos, bien estais. Ello me habeis hecho 
perder la paciencia treinta veces aus Amante de Teruel IV, ı, 
‚Wirklich, Ihr habt mich dreifsigmal die Geduld verlieren lassen‘. 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 653 


Es wird sich aber fragen, ob in der zu Grunde gelegten Ausgabe 
nicht doch ein Komma steht. 

Und damit berührt sich das portg. zsso, das ‚dies da‘ bedeutet 
und volkstümlich im Sinne von ‚ja gewils‘ gebraucht wird, wie 
Michaelis im WB. übersetzt, während Ey die Bedeutung nicht hat: 
A: Levdmos, sim! E todos sabem que o Charroco & homem. B: Ld 
ısso/ ... Gomes de Amorim, Amor da patria 28, wobei die vollere 
Form wiederum zsso £ ist oder mit dem, auf den Sachverhalt hin- 
weisenden Ortsadverb /4:Jd isso £, eigentlich: ‚Da, das ist der 
Fall‘, was leicht die Bedeutung einer Bekräftigung annehmen kann: 
Ai o sıtio Ebom, ld isso E Diniz, Pupillas 178, ‚Der Platz ist hübsch; 
gewils‘; a uva E excellente fructo, Id ısso E Gomes, Fiandeiras 57; 

muilo meu amıgo, isso & Pinto, Margarida 344. Span. e/lo geht 
der Aussage voraus, portg. :sso folgt ihr. Jenes weist vorwärts, 
dieses rückwärts. 


d) ital. /o stesso ‚trotzdem‘. 


Erscheint, wie wir gesehen haben, /anio stets an der Spitze 
des Satzes, seiner eigentlichen Bedeutung entsprechend, so be- 
gegnet umgekehrt /o szesso in der Bedeutung ‚trotzdem‘ immer nur 
am Ende des Aussagesatzes: $7 /rattengono otlo giorni, non si 
pud visitare ıl bastimento, ma li (die Künstler) vedrete lo stesso 
Memini, Vita mondana 2ı2 ‚aber Ihr werdet sie trotzdem schen‘; 
(Die Mutter wünscht für den Tag keinen Unterricht, weil der Onkel 
gekommen ist) e vedendo ıl maestro seccato, s’affreitö a dirgli con 
gentilezza: — Oh, non si dia pensiero; conteremo la lezione lo stesso 
De Amicis, Maestro 284; U Vie si vendicd poi, alla distribugzione 
dei premi, ordinando all’ organısta di sonar la marcia reale sul 
cembalo prima ch'io terminassi la lettura del mio discorso; ma 10 
m’ostinai a leggere lo stesso eb. 312; (Battista fragt Fulvia, die ihm 
keinen Unterricht mehr geben will) Vorresti cessar di venire? Sie 
erwidert: (3 si vedrebbe lo slesso ... almeno la domenica che sıiamo 
quasi sempre qui a pranzo ... Castelnuovo, Bottega del C. 40 ‚Wir 
würden uns trotzdem sehen‘; (Es wären zuviel Menschen da; man 
wirft ein, es seien schon zwei weniger geworden) Siamo in froppi 
lo stesso — ripetd Merli eb. 246; Non per colpa tua ... Il male 
sarebbe venuto lo stesso eb. 300; (Der Schwiegersohn hat keine 
Lust mehr hinzugehen). Die Schwiegermutter erwidert: Vacci /o 
slesso. Ho piacere che tu ci vada Fogazzaro, Piccolo m. 80; Pensa, 
bambina mia, che forse si polrebbe reslare insieme lo stesso Ders, 
Malombra 2735; La gente ora & povera, Simone mio; vive lo stesso, 
anche senza feste Deledda, Edera 10; Quando non avrd piü niente 
sard peggio ancora: sard considerato come un cane vecchio ... Der 
Andere: Va dene! Vi uccaderanno lo stesso eb. 77; Ma del resto & 
meglio cost : quello che & accaduto sarebbe accaduto lo stesso eb. 265. 
Und so oft. Nur einmal habe ich /o stesso innerhalb des Satz- 
gefüges angetroffen: Zra un magro giovedi grasso. Piovigginava, 


654 GEORG EBELING, 


Tuttavia le sirade formicolavano lo stesso della solita gente che ha 
sempre qualche cosa da vedere De Marchi, Pianellig. Und die Ab- 
weichung wird begreiflich. Hier könnte /o s/esso gar nicht am 
Ende stehen, weil zu /a sohta genle noch wieder ein Relativsatz 
gehört. 

Die nicht selten begegnende Erscheinung ist bisher kaum 
beachtet. Sie fehlt bei Vockeradt 8 398, wo er über die ver- 
schiedenen Verwendungen von s/esso handelt, und bei Fornaciari 
in seiner Sintassi S. 87; 88, fehit bei Rigutini-Bulle, fehlt merk- 
würdigerweise auch in dem reichhaltigen Petrocchi und in dem 
uoch reichhaltigeren Tom.-Bell. Dagegen hat Hecker in seinem WB, 
venivo lo stesso ‚Ich wäre so wie so gekommen‘ und in seiner 
Umgangssprache? S. 120, 14 Sareı venuto lo stesso ‚Ich wäre so wie 
so gekommen‘. 

So erscheint hier überall lo s/esso am Ende des Satzgefüges als 
Teil des Satzes, erscheint in der Funktion einer Partikel: 4 vedrete 
lo stesso ‚Ihr werdet sie trotzdem schen‘. Und wiederum zeigt die 
Analyse, dals do siesso, das doch ‚dasselbe‘ bedeutet, von Hause 
aus zu dem vorhergehenden Satze gar nicht gehört haben kann; 
denn was soll es heilsen: ‚Ihr werdet sie dasselbe sehen‘; ‚Ich 
wäre dasselbe gekommen‘? Vor Jo stesso muls eine Pause gewesen 
sein, wenn sie auch in der gesprochenen Rede heute nicht mehr 
eintritt und infolgedessen auch in der Schrift durch ein Komma 
oder ein Semikolon nicht angedeutet wird, während bei /anto die 
Pause immer noch möglich ist. Jo s/esso mufs ursprünglich einen 
Satz für sich vertreten haben, dessen Verb, weil selbstverständlich, 
nicht erst ausgesprochen wird: 2 /o siesso ‚es ist dasselbe‘ oder 
fa lo stesso ‚es macht, es bringt dasselbe zustande‘. Und zwar 
möchte ich lieber annehmen, dafs die erste, als dafs die zweite 
Satzform vorliegt. Dann ist also (2) o sfesso von Hause aus Prädikats- 
nomen. Irgend etwas ist dasselbe, nämlich wie etwas anderes; 
ein Sachverhalt ist dasselbe, wie ein anderer Sachverhalt. Oder 
zwei Dinge, zwei Sachverhalte sind dasselbe So: Vırta e Äibertd 
dovrebbero esser lo stesso (bei Petrocchi) oder guando il cammıno 
fuma & lo stesso che quando il molino gira Rosini, Monaca XIV, 250; 
Ch’egli mi prenda o mi lascı, per me ormai & la stessa cosa Deledda, 
Edera 76; A: 77 ammazzerai. B: St. A: Partı, sparisci; & lo stesso! 
Capuana, Bragia 174 ‚Reise ab, verschwinde, es ist dasselbe‘ nämlich 
wie der Selbstmord. Nach der Meinung des Sprechenden ist unter 
den obwaltenden Umständen Selbstmord und Verschwinden dasselbe. 
Die heimliche Abreise bringt dieselbe Wirkung hervor, wie der 
Selbstmord. Volkstümlich tritt vor ein solches 2 do stesso wiederholt 
noch das /anto, das uns vorhin beschäftigt hat: Zanto 2 lo stesso; 
z.B. O ch'io moja di caldo o che mi faccia morir Sua Maesid, Lanıo 
& l’istesso! Imbriani, Novell. fiorent. 92 ‚Möge ich vor Hitze sterben 
oder möge E. M. mich sterben lassen, soviel ist der Fall: Es ist 
dasselbe‘; ‚es ist ja doch dasselbe‘; O che stia fori 0 che stia dientro, 
fanlo ıl periolo & il medesimo Nerucci, Sessanta nov. montal. 112, 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 6 55 


vgl. auch Veniva (la sua povera mamma) dall’orto con un cavolo sollo 
il braccio e Demelrio le disse. — Non faticale troppo, tanto & lo stesso. 
Vi farete canzonare e maledire De Marchi, Pianelli 289. Auch diese 
Verwendung fehlt bei Vockeradt a. a. OÖ. und sonst, aber Petrocchi 
hat: ditelo, tanto & lo stesso. 

Von hier aus gelangt man zum inneren Verständnis der be- 
sonderen Verwendung, die oben belegt ist. Die klarste Form wäre: 
non si puö visitare il bastımento, ma li (die Künstler) vedrete: 2 lo stesso 
‚Man kann das Schiff nicht besichtigen, aber Ihr werdet die Künstler 
zu Gesicht bekommen. Es ist dasselbe‘. Subjekt zu 2 lo siesso 
ist der voraufgehende Sachverhalt / vedrete. Der Sachverhalt ‚Ihr 
werdet die Künstler sehen‘ ist dasselbe, nämlich wie der erste Sach- 
verhalt ‚Man kann das Schiff nicht besichtigen‘. Beides ist dasselbe, 
zwar nicht an sich, aber unter den obwaltenden Umständen, für 
die angeredete Person, vgl. das von Petrocchi angeführte Beispiel: 
dl padrone non c’t, ma parlı pure a me: fa lo stesso. 2 braucht in 
der Tat nicht ausgesprochen zu werden und wird zu Jo stesso 
zunächst noch hinzugedacht, d.h. vor lo stesso ist noch eine kleine 
Pause. Aber diese syntaktische Scheidewand fällt, und Jo siesso 
rückt an das Vorhergehende heran, wird vom Sprechenden unbewulst 
aufgefalst als gehörig zu dem Satz Js vedrete, d.h. das ursprüngliche 
Prädikatsnomen Jo sitesso ist zur adverbialen Satzbestimmung 
geworden, wie das ursprüngliche Subjekt /anfo. Nur dadurch, dafs 
die Kopula als nicht nötig, nicht ausgesprochen wird, ist die Weiter- 
entwicklung, die Zusammenrückung möglich geworden. Und da 
die beiden Sachverhalte, logisch betrachtet, im Gegensatz zu- 
einander stehen, kommt die gegensätzliche Bedeutung hinein, ‚trotz- 
dem‘, und die wird, wie oft, der Partikel aufgepackt: ‚Ihr werdet 
sie trotzdem sehen‘. Dals ein Wort, das ‚derselbe‘, ‚dasselbe‘ 
oder ‚gleich‘ bedeutet, die gegensätzliche Bedeutung aus dem- 
selben Grunde annimmt, ist schon aus den alten Sprachen bekannt: 
griech. OU@S ‚in gleicher Weise‘ und dann ‚trotzdem‘, s. Kühner- 
Gerth, Griech. Gr. II, 280, 4; lat. /amen, das etymologisch zu /am 
gehört und auch zunächst ‚in gleicher Weise‘ bedeutet; lat. zdem; 
Senectus, quam ut adıpiscantur omnes oßtant, eandem accusant adeptam 


Cat. mai. 2,4, s. Kühner, Lat. Gr. I, 458. 


e) Span. /o mismo ‚trotzdem‘. 


Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als ob span. Jo mismo 
in Fällen wie: Diez anlos que no le habia visto, pero lo mismo (trotz- 
dem) le hubiese reconocido entre mil personas lbafez, Muertos 36 
genau an die Seite von ital. /o s/esso zu stellen wäre. Aber sehr 
bald erkennt man, dals im Spanischen die Dinge doch anders 
liegen; denn während ital. /o siesso, wie hervorgehoben ist, immer 
am Ende des Satzgefüges erscheint, steht hier Jo mismo zu Anfang, 
nach der Konjunktion. Da wäre it. /o s/esso unmöglich; es mülste 
heilsen: /’avrebde riconosciuto lo stesso. Und sodann wird /o mismo 


656 GEORG EBELING, 


(gue) nicht selten adverbial verwendet im Sinne von ‚ebenso‘ (wie), 
was für das ital. /o si/esso nicht gilt. Zo mismo sollte seiner Natur 
nach nur als Nominativ oder als Akkusativ verwendet werden; 
so z.B. Saber algo es lo mismo que no saber nada en cosas lan im- 
portantes Pereda, Sotileza 422 (Nominativ) oder Aare lo mismo que yo 
(Akkusativ). Aber es hat die Fesseln seiner Verwendung gesprengt, 
erscheint auch da, wo die Analyse nicht mehr restlos aufgeht, wird 
adverbial gebraucht. So z. B. Cuando, gracias d su casamiento, 
adquiriese una fortuna y fudiera rescalar el hermoso predio de Son 
Febrer, pasarta en El una parte del ano, lo mismo que sus ascendientes 
Ibafiez, Muertos 42; dajo los tinglados de la playa quedaban colgando 
de escarpias peces enormes, con la cola arrastrando por el suelo, que 
sangraban lo mismo que bueyes eb. 48; Jugaba con sus hijos lo 
mismo que una nifla eb. 53; ... si (ob) los lascos debian comulgar 
con vino lo mismo que los sacerdotes/ eb. 87; A: ;5Me lo dards 
manana? B: Lo mismo que hoy. Caballero, Cuadros de cost. 89. 
Die Weiterentwicklung wird dadurch begreiflich, dafs in allen diesen 
und den gleichartigen Fällen ein Verbum der Tätigkeit vorliegt, 
dals in ihnen ein hacer steckt (und sangrar stelle ich dazu). So 
gut man sagt: Aaria lo mismo que sus ascendientes, sagt man, weiter 
bildend: pasaria una parle del ao, lo mismo que s.a. Oder: wie 
hacta lo mismo que una nilla, so nun auch: Jugaba lo mismo que u.n. 
Grenzfälle sind: (es) valiente y arrojado lo mismo al empunar la 
espada, que al pronunciar un discurso Caballero, Cuadros de cost. IIC; 
Era un legitimo Febrer, lo mismo que su abuelo Ibaßez, Muertos 72; 
(sie würde werden) una hembra esquelelo, retorcida y nudosa, lo 
mismo que un Ironco de olivo eb. 243, weil man lo mismo que zur 
Not noch mit dem vorhergehenden Verbum des Seins (es, era etc.) 
verbinden könnte: ‚er ist dasselbe mit dem Schwerte, wie im Reden‘. 
‚Er war dasselbe, wie sein Ahnherr‘. Aber für das Sprachbewulstsein 
ist /o mismo schon adverbial. Und da die adverbiale Verwendung 
in der heutigen Sprache ganz gewöhnlich ist, so wird die zu Anfang 
des Absatzes aus Ibafez M. 36 angeführte Stelle in diese Ent- 
wicklung gehören. Sie hat nichts mit der von ital. Zo stesso zu tun, 
nur dals /o mismo in dem Zusammenhang ganz von selbst aus der 
Bedeutung ‚in gleicher Weise’ übergeht in die Bedeutung ‚trotz- 
dem‘ Vgl. zur Stellung von lo mismo vor dem Verbum, und 
zwar in der eigentlichen Bedeutung ‚in gleicher Weise’: Zos hombres 
perfeccionaban los jugueles ütiles para su egolsmo y sw bienestar, las 
mäquinas, los medios de locomocidn, pero aparle de esto, lo mismo se 
vivia. Las pasiones, las alkegrias ... eran las mismas ebd. ı65 ‚aber 
abgesehen davon, lebte man in derselben Weise (wie früher)”. 


f) Fız. fouf de möme ‚immerhin‘, ‚trotzdem‘. 


Der Franzose verwendet /e möme so nicht. Dieses kam im 
15—17. Jhdt. im Sinne von /a möme chose wiederholt vor, s. die 
Belege bei Littre meme 9; auch bei Godefroy unter meisme. Auch 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 657 


c’est le m&me begegnete hier und da. So hätte es zu *ıl Seut, je 
sors le möme kommen können. Und von cela revien! au möme hätte 
die Sprache zur partikelhaften Verwendung von au möme fort- 
schreiten können: *l pleut, je sors au meme. Es hat ihr nicht 
beliebt, und wir haben mit ihr darüber nicht zu rechten. Aber 
tout de m£me ‚in gleicher Weise‘ wird im Sinne von ‚trotzdem‘ 
verwendet: Z/ arrivait un peu tard (nämlich Ze dessert), mais ga ne 
faisait rien, on allait tout de möme le caresser Zola, Assommoir 283 
‚Man sprach ihm doch freundlich zu. Nach de meme, das im 
Sinne von ‚in gleicher Weise‘ schon im Rol. 592 begegnet: Altre 
bataille lur livrez de meisme ergänzt sich ganz von selbst ein gue, 
wie ja de meme que ‚ebenso wie‘ noch immer besteht. Und zu 
dem mit gue beginnenden Vergleichungssatz ergibt sich aus dem 
Vorhergehenden: ‚wie man ihm freundlich zugesprochen hätte‘ 
nämlich ‚wenn der Nachtisch rechtzeitig gekommen wäre‘. (Vgl. 
zur Entwicklung die von Littre unter meme 17 angeführte Stelle: 
le desordre qu il endure lui est impulE devant Dieu tout de möme que 
sıl le faisait Balzac, 7° disc. sur la cour.) Oder: ZA bien, file ou 
face, la! Si dest face, j’y vais! (Er wirft das Geldstück in die 
Luft). Cess pile ... Bahl J’irai tout de möme! Pailleron, Ca- 
botins 1, 15 (gegen Ende). Auch hier ist die ursprüngliche Bedeu- 
tung noch zu ermitteln: ‚Ich werde ganz in derselben Weise gehen‘, 
nämlich ‚wie ich gehen würde, wenn es face wäre‘: j’iral tout de 
meöme que (j’irais) si dtait face; je fais du fichu art, c'est entendu | 
mais je suis un arlıste touf de m&me, allez! ebd. I, 5, S.ı7 ‚Ich 
treibe jämmerliche Kunst. Aber ich bin doch ein wahrer Künstler‘; 
‚Ich bin in gleicher Weise ein wahrer Künstler, wie, wenn ich 
nicht jämmerliche Kunst hervorbrächte‘; AA/ dest vous, Goldner ? 
Je vous prenais pour Pegomas ... cest &gal, fichez-moi la paix tout 
de meme! ebd. 1,4, S.5; Quand un Framais a des ıddes, ıl veut 
les imposer aux aulres. Quand ıl nen a pas, ıl le veut tout de 
m&me R.Rolland, Dans la maison 89; je ne suis plus qu’un propre 
d rien, mais je vous aime bien tout de möme Neveux, Golo Rev. 
Par. IV, 408 ‚ganz ebenso, wie wenn ich kein Taugenichts wäre‘; 
Il ne s’agit pas de cela. Seulement, Puisque vous allez passer un 
temps chez vous, informez-vous toul de m&me de ce Joel Bazin, Dona- 
tienne 62). (Der zu ungewöhnlicher Stunde erscheinende Land- 
briefträger sagt:) Crains pas, Louarn, cest moi; j’apporte une letire. 
Der Angeredete: ÜO’est tout de möme pas une heure pour courir les 
chemins ebd. 7 (gehört vielleicht zu den folgenden Stellen, wo ein 
Gegensatz nicht zu sprachlichem Ausdruck kommt; s. weiter unten); 
les jesuites avasent beau dire, le jus de la Ireille &lait tout de meme 
une fameuse invention ! Zola, Assommoir 277; J'en ris, mais j’al le 
caur gros tout de m&me Daudet, Sapho 306; Ce n’dait pas ce que 
le Fenat avait revd ... mais le repas fut charmant tout de meöme 
sur la terrasse du restaurant ebd. 108; S’ı avait eu fort envie de 
moi, ıl auraıt trouvE tout de möme le moyen de s’cchapper el de me 
rejoindre Prevost, Dern. lettr. d. f. 25. In manchen der angeführten 
Zeitschr. f. rom. Phil. XLVII. 43 


658 GEORG EBELING, 


Beispiele (Ass. 283, 277; Sapho 108; Don. 62; 7; Derm.lettr. 25) 
liegt schon eine Weiterentwicklung vor, sofern /out de möme 
nicht mehr am Ende steht, wie man es erwarten sollte, wenn sich 
noch ein Satz mit gue si + Verb anschlielst. 

Schon Hosch, Franz. Flickwörter u. meöme II, 3 (1897) hat 
hervorgehoben und durch gute Beispiele erhärtet, dafs dieses Zouf 
de möme oft mit abgeschwächter Bedeutung erscheint, wo ein 
Gegensatz gar nicht oder ganz schwach zum Ausdruck kommt. 
Aber er hat unrecht, wenn er ihm die Bedeutung ‚gewils‘ zuschreibt. 
Die hat /ou/ de meme nie. Er hätte auch im einzelnen näher an- 
geben sollen, welcher Weg von der ursprünglichen Bedeutung ‚in 
derselben Weise‘ hinführt zu der speziellen; vgl. übrigens — ganz 
kurz und nebenbei — (schon 1894) Tobler, VB. 1, 152 = 2S. 168, 
der aber für /ou/ de möme gleich von der Bedeutung ‚doch‘ aus- 
geht. Hier ein paar weitere Belege, da weder Littre noch das 
Dict. Gen. die Verwendung haben. (Jemand besichtigt wiederholt 
die Wohnung von zwei Eheleuten) Puis, il /erminait chaque fois son 
examen par celte phrase: — Sapristi, vous Eles joliment bien, loutl de 
meme Lola, Assommoir 300, wo das Komma vor Soul de meme zu 
beachten ist. ‚Ihr wohnt doch wirklich schön!‘ Hier ist ein 
Gegensatz in keiner Weise ausgesprochen. Und doch mufs er 
vorschweben, sonst wäre die Verwendung von Zouf de möme genetisch 
nicht zu rechtfertigen. Die Äufserung ‚Ihr wohnt sehr hübsch‘ 
besteht in derselben Weise zu Recht, wie sie zu Recht bestehen 
würde, wenn jemand die gegenteilige Äufserung täte ‚Ihr wohnt 
nicht schön‘. Es hätte heifsen können (s. oben die Stelle aus Zola, 
Assommoir 277) on a beau dire, vous ötes joliment bien, tout de m&me! 
Dann wäre der Gegensatz angedeutet. Hier ist Zow? de m&me noch 
durch ein Komma vom Vorhergehenden getrennt, das andeutet, 
dafs die Wendung nicht als nähere Bestimmung zum vorhergehenden 
Satze gehört, vielmehr Bestimmung zu der Äufserung, dem Urteil 
als solchem ist. Es steht gleichsam draufsen an der offenen Tür. 
Ebenso: Zu peux f dire: dest un cuistol, probab’ ! EL tant plus ü 
est sale, tant plus il est cuistol. Darauf der andere: C’est vrai d 
veritable, tout de meme Barbusse, Feu 10. 

Wie man es nun aber auch sonst in der Bedeutungsgeschichte 
der Partikeln beobachtet, schlüpft die Wendung in weiterer Ent- 
wicklung in den Satz selber hinein. Zunächst noch in Kommata 
eingeschlossen, also noch für sich: Ze ne sait pas, lfout de memı, 
ce qui mest arrive. Si elle avail su tout le mal quelle a fait, elk 
serait peut-Elre revenue! Bazin, Donatienne 51 ‚Sie weils ja gar nicht, 
was mir passiert ist‘; C’est dröle, tout de meöme, hein, la palronn, 
d’avoir jusque chez nous, dans la Creuse, de la graine de gueux de 
chez vous ebd. 62. Und nun auch nicht mehr abgetrennt, als ob 
es ein Teil des Satzes, eine Bestimmung zum Verbum wäre: On 
ne parla pas tout de suite, les nez dans les verres, goütant le cafl. — 
]l est tout de meme bon, decara Clemence Zola, Ass. 231 ‚Er ist 
doch gut‘; ‚Er ist in der Tat gut‘. (Man hat eben Schnaps 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 659 


getrunken.) Da sagt jemand: Ca fait tout de möme du bien ou ga 
passe ebd. 333; La campagne d’wi a lout de meöme bien change, 
depuis les temps de M. le marguis Bazin, Terre qui meurt 33; Vous 
tapez du piano? Compliments! ... C’est-Ü curieux tout de meme 
de faire ce metier-id far goüt! R.Rolland, Foire 40. 

Es erscheint auch ohne jeden Satz. So nach der Anrede: 
(Eine Bretonin geht, wie viele ihresgleichen, nach Paris und sucht 
ihren Mann zu trösten:) elle comprit quelle n’avait pas dit tout ce 
quWıl fallail, el murmura: — Mon pauvre Jean, tout de möme! 
Bazin, Donatienne 8. Hier ergibt sich hinter der Anrede aus dem 
Zusammenhang von selbst (i/ faut partır) tout de möme. Und der 
Gegensatz dazu, der nicht zum sprachlichen Ausdruck gekommen 
ist, sich aber aus dem mit besonderer Zärtlichkeit gesprochenen 
mon pauvre Jean ergibt, lautet: C’es? d’un friste, so dals die volle 
Form wäre: Mon pauvre Jean, (dest d’un triste) (mais ıl faut partır) 
tout de m£me. Endlich erscheint /ouf de meme als Antwort ganz 
allein: Veux-tu me cdder ton tour de planion (Ordonnanzposten), Vau- 
bourgeix? ... — Tout de möme, dit l’autre Descaves, Sous-Offs. 
222, bei Hosch, a.a.O. Ich kann die Stelle leider nicht im Zu- 
sammenhang prüfen, möchte gern wissen, was es mit den drei 
Punkten für eine Bewandtnis hat, ob sie in der Ausgabe stehen, 
oder ob von Hosch etwas weggelassen ist. Aber fouf de meme 
bedeutet hier nicht ‚gewils‘, wie Hosch übersetzt, sondern ist mit 
einem gewissen Widerstreben gesagt: ‚na, meinetwegen!' Der 
Sinn ist: ‚Ich tue es nicht gern, aber ich will dir den Platz trotz- 
dem überlassen.‘ 

Merkwürdig ist, dafs der Franzose in allen diesen Fällen immer 
tout de m&me sagt, nicht das einfache de möme, das ja doch auch 
‚in der gleichen Weise‘ bedeutet; dest de meme dröle sagt er nicht. 
Es wird sich aber fragen, ob das nicht in den Dialekten vorkommt. 


g) Kanadisch-franz. Zare:l ‚trotzdem‘. 


Interessant ist nun, dals im kanadischen Französisch, wie 
es sich in Louis Hemons Maria Chapdelaine zeigt, die ich aber nur 
in der verkürzten Fassung bei Velhagen u. Klasing kenne, wieder- 
holt fareil gebraucht wird im Sinne von fouf de meme: je savais 
bien que ... les chemins d travers les bois seraient mauvais pour venir. 
Mais je suis venu pareil ‚trotzdem‘ 26, 2; Non, on a td malchanceux 
tout du long (‚den ganzen langen Weg‘). Mais nous voılä revenus 
pareil ebd. 44, 27; Il est venu un peu d’eau sur la glace, dit-ıl, et 
la neıge a Jondu; mais nous devons Elre bons pour traverser pareil 
ebd. 15, 18; Chacun songea avec soulagement (nach dem Weggang 
des Arztes): «C’est un bon remiede quil lu a donne, pareil!» (der 
Arzt der Kranken) Ze ne se lamente plus ebd. 114, 32; Ca ne 
fait rien: j'irai pareil 116, 11. Und bald darauf wiederholt er: 
J'irai pareil. Zunächst stutzt man. Aber, wenn man bei der 
Lektüre auf alles achtet, was zur Aufhellung dieser merkwürdigen 


42° 


660 GEORG EBELING, 


Verwendung dienen könnte, dann findet man einen Weg. In dieser 
Sprache, die übrigens manches Altertümliche bewahrt hat, wird & 
meme ganz im Sinne von ains? gebraucht: C’est dpeurant de l’en- 
tendre (die Kranke) se Jamenter de meme ‚so‘ ebd. 111,3; Je peux 
toujours lui donner quelgue chose pour l’empecher de pätir de m&me 
ebd. 114,6; ZRien qu'd vous promener sur les troltoirs des grandes 
rues, un soir, quand la journde de travail est finie ... rien qu’d vous 
promener de möme (‚so‘), avec les lumiöres, les chars dlectriques qui 
passent tout le temps ... vous verriez de quoi vous &lonner pour des 
semaines ebd. 95, 5. Hier würde das volkstümliche Französisch zu 
comme cela, comme ga (= ainsı) greifen: ne gesticulez donc Pas comme 
ga avec votre lorgnetiel Gyp, F&e surprise 249; (jemand ist schwer 
betrunken umgefallen. Eine Frau meint:) que ce ne serait rien, que 
ce monsieur allaıl dormir comme ga douze d quinze heures, Sans accı- 
dent Zola, Nana 125; (Quand elle a apergu la table, tenez! sa figure 
s’est tortillee comme ga Ders, Assommoir 212; Mais quest-ce quWils 
avasent donc lous pour älre apres toi comme ga? Daudet, Sapho 78; 
sehr häufig, s. auch Hosch, Flickwörter unter ga. Und wie dieses 
comme cela auch attributivisch nach Substantiven steht: ur komme 
comme cela ‚ein solcher Mann‘ — Jl est bon d’avoir des amıs 
comme cela Mol., M. de Pourceaugnac 1,7; Mon Dieu! qu’on est 
miserable d’avoir des gens comme cela! ebd. II, 2 und noch immer: 
des moments comme cela Tinayre, Avant !’amour 104; Un’y a que 
vous qui ayez des cheveux bizarres comme ga! Gyp, F£e surprise 33; 
Elle avait des moments comme cela R.Rolland, Foire 159 und oft 
— so erscheint in dem kanadischen Französisch de meme in 
gleicher Funktion: Avec des chemins de m£&me (bei solchen Wegen) 
nous ne serons pas les seuls forces de rester chez nous d soir Hemon, 
Chapdelaine 66, 14; Avec des chemins de m&me, dit-ıl, est pas qu’une 
pelite affaire de venir voir des malades ebd. 112, 16, Mais non! 
Mais non! Fais-toi pas des idees de m&me ebd. ı15, ı0. Das trifft 
man übrigens im 17. Jahrh. auch in Frankreich an, s. Littre unter 
meme 16; Haase $ 53, Anm. 2; Livet, Lexique de Molie&re meme 
u. III, 63. Daneben begegnet aber auch hier comme cela: C'est 
vrai, il y a des hommes comme cela ebd. 27, 29. So wird das 
adverbiale de möme synonym mit dem adjektivischen ZDaresl: des 
chemins de möme = des chemins pareils. So wird schliefslich be- 
greiflich, dafs Dareil analogisch für de meme eingetreten ist in der 
oben belegten Ausdrucksweise: (die Wege sind schlecht) Mais je 
suis venu pareil ‚gleichwohl‘; (wir haben Pech gehabt) Mais nous 
voıld revenus pareil. Natürlich steht unter den Umständen unver- 
änderliches ?arel. In fast allen angeführten Stellen erscheint 
kein Komma vor diesem are; nur einmal ist es gesetzt, also 
eine kleine Pause davor. Aber das liegt an dem Relativsatz, 
zu dem jareil nicht gehört. Ist die Erklärung richtig, wie ich 
glaube, dann wäre die ursprüngliche Form: je sus revenu de mäme, 
ohne das Zouf; also die Form, die ich oben für französische Mund- 
arten vermutet habe. Sonst mülste man annehmen, dafs fareıl in 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 661 


diesen Stellen adverbial im Sinne von 2arezllement gebraucht 
würde: ‚in gleicher Weise‘ — ‚trotzdem‘. Aber Jarel wird sonst 
in dem Texte nicht adverbial verwendet, und Jarezllement kommt, 
glaube ich, in ihm überhaupt nicht vor. Auch der Weg scheint 
nicht gangbar, pareill —= dest pareil zu fassen, etwa wie sür ver- 
wendet ist im Sinne von cesf sür: Ca va.vous guerir, madame 
Chapdelaine, sür comme il y a un bon Dieu 109, 21, wie ja auch 
im eigentlichen Französisch dien s@r nicht selten gebraucht wird: 
ıl viendra, bien sür. Oder wie hier besonders häufig certain: Zi 
justement il a neige il y a deux jours! ga va poudrer, certain! ebd. 
120, 25; Zu dais bien gröö de femme, certain! ebd. 123, 24 ‚Du 
hast eine gute Frau gehabt, gewils‘; ces? ma faute, certain! ebd. 
127,28; Une bonne nuit el demain malın je serai correcte (‚wohlauf‘), 
certain! ebd. 107,4; Je vais travailler tout VEtE d deux piastres 
el demie par jour et je mettrai de l’argent de cöld, certain ebd. 50, 17. 
So auch caır: je reviendrai au Prinlemps avec pas moins de deux 
cenis piastres dans ma poche, clair ebd. ı01, ı8. In allen diesen 
Fällen steht die vollere Form daneben: Zle pählt, dest sür: on 
ne peut pas la laisser comme ga ebd. 109, 9; Le bon Dieu n’aime 
pas ga, cest sür ebd. 51, 31 u.a.; Ze vent burne au sudet. (sic!) 
Blaspheme! 1 va mouiller encore, dest clair ebd. 51, ıı. Und so 
natürlich auch ces# certain. Aber aus diesen volleren Formen sind 
die einfachen: sär, certain, clair nicht hervorgegangen durch Wegfall 
von dest, sondern sie stehen appositiv zum vorhergehenden Sach- 
verhalt; eine Kopula ist nicht nötig. Damit steht Zare/ nicht auf 
einer Stufe: Hier begegnet die vollere Form c’esf pareil überhaupt 
nicht. Und während vor sür, certain, claır jedesmal eine kleine 
Pause ist, angedeutet durch das Komma, fehlt sie vor pareıl stets. 
Die eine Stelle mit Komma hat, wie oben gesagt ist, ihren beson- 
deren Grund. 

Daneben begegnet aber auch in diesem Texte Zouf de meme: 
a la place on je reste maintenant, qui est dans | ’ Etat de Massachusetts, 
il y ena moins (nämlich französisch sprechende Kanadier). Queiques 
/amilles tout de möme 42, ı6 ‚immerhin‘; (Ich dachte, deine Mutter 
würde noch die Zeit erleben, wo wir ein schönes Stück Land mit 
Gemüsegarten hätten) Zr voild quelle est morte tout de meme 
dans une place d moiliE sauvage ebd. 127, 23 ‚trotzdem‘; Je n’aı pu 
venir plus töl, expliqua le cur. Mais me voıla tout de m&me ebd. 116, 28, 
wo es auch me voldd Dare:l in der Sprache der Kanadier heifsen 
könnte. Das de m£me zeigt übrigens in dem Texte auch sonst 
noch eigenartige Verwendungen, auf die ich hier nicht eingehen 
will. — 

Soweit wie der Franzose mit seinem /ouf de m&me in Fällen 
wie ces! tout de möme dröle, geht der Italiener in der 
Verwendung seines Jo stesso nicht. Er würde in dem Falle zu 
pure greifen: Zra pure una singolare creatura! De Amicis, 
Maestro 284 ‚Sie war doch ein sonderbares Geschöpf!‘. Und ein 
lo stesso als Antwort im Sinne von ‚na, meinetwegen‘ wäre ital. 


662 GEORG EBELING. 


unmöglich. Es mülste etwa: eddene, sia pure! heilsen. Ich denke, 
auf die Verwendung von fure, das die drei Bedeutungen 1. ‚nur‘ 
2. ‚auch‘ 3. ‚doch‘ in sich schliefst, an anderer Stelle zurück- 
zukommen. 


h) frz. c’est &gal ‚gleichviel‘; neuprov. es egau 


Andrerseits läfst sich mit ital. /o s/esso in gewisser Hinsicht 
frz. c’es! egal im Sinne von ‚trotzdem‘ ‚gleichviel‘ vergleichen. 
Gute Beispiele bei Hosch unter £gal; z.B. Ce que tu dıs id ma 
pas le sens commun,; mais c’est Egal, ga me fait plaisir Scnibe, 
Bat. d. Dames ı5, Aber Hosch geht hier, wie auch sonst, nicht 
von der ohne weiteres gegebenen Grundbedeutung aus, und 
deshalb ist das darin steckende Problem nicht behandelt. Er sagt, 
egal sei bekanntlich soviel wie ‚gleichgültig‘; dest egal bedeute, 
dafs irgend ein Umstand auf einen andern keinen Einflufs ausübe. 
Es sei zu übersetzen mit ‚das macht nichts, schadet nichts, immerhin, 
trotzdem‘. Vielmehr: /gal heifst ‚gleich‘. Und wenn man von 
einer Person oder Sache sagt ‚sie ist gleich‘, so muls eine zweite 
Person oder Sache da sein, der sie gleich ist. dgal setzt eine 
Zweiheit von Personen oder Sachen voraus. A estegald B oder 
Act B sont tgaux. So können natürlich auch zwei Sachverhalte 
gleich sein. In dem oben zitierten Beispiele und in vielen gleich- 
artigen ist aber immer nur ein Sachverhalt gegeben. Und darin 
liegt das Problem. Sagt man gu’ pleuve ou non, dest &gal, il faıl 
toujours une pelite tournee, so ist alles in Ordnung; ‚Mag es regnen 
oder schönes Wetter sein, das ist gleich, er macht immer einen kleinen 
Spaziergang‘. Daun sind zwei Sachverhalte da, sind wenigstens 
als vorhanden angenommen. Und cest dgal sagt aus, dafs die 
beiden Sachverhalte gleich sind. Der angenommene Sachverhalt 
‚es regne‘ ist gleich dem angenommenen Sachverhalt ‚es regne 
nicht‘; zwar nicht an sich, aber für den besonderen Fall, um den 
es sich handelt. Sie sind gleich für sein Ausgehen, haben also 
für sein Ausgehen keine Bedeutung. So nimmt ces/ “gal den Sinn 
von ga ne fait rien an. Die Vorstellung der Gleichheit verblalst, 
die Vorstellung des Indifferenten bleibt übrig. Und damit ist 
die ursprünglich notwendige Zweiheit nicht mehr unbedingt nötig. 
Und so sagt man analogisch ces/ d&gal auch da, wo nur ein Sach- 
verhalt vorausgeht. Man bildet gleichsam von einem Dual einen 
neuen Singular. Und das ist um so eher möglich, als ın dem 
einen angeführten Sachverhalt mittelbar der zweite entgegen- 
gesetzte mitschwingt. ‚Es regne‘ ist eben der Gegensatz zu 
‚es regne nicht‘. 

Folgt auf cesf Ögal in den meisten Fällen ein Sachverhalt, 
für den der vor cest dgal stehende gleichgültig ist, so erscheint 
nun cesi £gal gelegentlich auch ohne einen solchen: (Paul sagt zu 
seiner jungen Frau, sie müsse sich in dem Schlosse, in dem sie zu 
Besuch weilen, eine gewisse Zurückhaltung auferlegen, da die Schlols- 


ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROMANISCHER PARTIKELN. 663 


herrin auf Etiquette halte; aber sie könnten sich ja heimlich im 
Garten und sonst treffen) je /e donnerai des rendes-vous ... au 
jardin ... parloul ... comme avant notre mariage .,. ches lon fere, 
fu saıis? ... Die junge Frau erwidert: Ah! est egal! dest &gall ... 
Pailleron, Monde ], 2 und setzt sich ans Klavier, um einen Schlager 
zu spielen. Mit der Wendung ist die Antwort zu Ende; aber die 
Punkte danach besagen, dals ein Gedanke nicht ausgesprochen ist, 
der nach dem Zusammenhang etwa lauten könnte: je n’y consens pas 
‚ich kann mich dazu nicht verstehen‘. Und dieser Gedanke ist 
mittelbar dadurch zum Ausdruck gebracht, dafs sie sich ans 
Klavier setzt und sich so um die steife Etiquette nicht kümmert. 
C’est &gal kann man hier mit ‚wenn auch‘ übersetzen. 

Während Hosch egal als ‚gleichgültig‘ im übertragenen 
Sinne gefalst hat, hätte er mit dem eigentlichen Sinne von 
‚gleichgültig‘ ‚soviel geltend, wie etwas anderes‘ operieren sollen, 
das denselben Weg gegangen ist. Auch dieses setzt ursprünglich 
immer eine Zweiheit voraus. ‚Ob du willst oder nicht, das ist 
gleichgültig, gleichwertig, du wirst heute zu Hause bleiben‘ Es 
ist gleichwertig für den besonderen Sachverhalt, der gleich darauf 
angegeben wird: ‚Du wirst zu Hause bleiben‘. Und auch die 
deutsche Sprache schreitet von der Zweiheit zur Einheit vor 
und sagt: ‚Er kommt nicht; das ist gleich.ültig, wir fangen an’; 
s. auch Paul in seinem WB., der ebenso erklärt. 

Das Neuprovenzalische schliefst sich mit seinem: es egau 
an: Es egau, disid Daniso d6u Cacalet, aurifu ben ama que se faguesse 
farmacian! Roumanille, Conte prouvengau 230 ‚Es ist gleichgültig, 
sagte D., ich hätte gern gesehen, dafs er Apotheker würde‘, d.h. 
‚ich hätte doch gern gesehen, dals‘ usw.; fantf se gav& de car de 
gabre, que m’agub uno indigeslioun e n’en crebe. Es egau, jamai 
Cavaiounen an plus visit desempiöi, e veiran jamai plus tuba, coume, 
aquel an per Calöndo, tube ta chamindio, o viel ermitage de Sant- 
Jaque!, ebd. 239 ‚Er schlug sich so sehr den Leib mit Geflügel 
voll, dafs er eine Verdauungsbeschwerde bekam und daran starb. 
Und doch haben die Bewohner von Cavaillon nie mehr gesehen 
und werden nie mehr rauchen sehen, wie in jenem Jahr zu Weih- 
nachten dein Schornstein rauchte, du alte Einsiedelei von St. Jacques‘. 


i) Ital. ugualmente ‚trotzdem‘. 


Der Italiener verwendet zwar sein uguale, eguale nicht im 
Sinne von ‚trotzdem‘, wohl aber das davon gebildete Adverb zgual- 
mente, was die Wörterbücher nicht bieten. Einmal im eigentlichen 
Sinne ‚in gleicher Weise‘: ad essere onesta o a non essere (das junge 
Mädchen) avredbe perduto egualmente la ripulasione, De Amicis, 
Maestro 318. Aber nun auch: /u folevi rimanere ın sala con glı 
sposi e la disgrazia sarebbe successa egualmente Fogazzaro, Piccolo 
m. 463 ‚in gleicher Weise, d.h. ‚trotzdem‘; Non importa,; l’ammalato 
ha avuto ugualmente le cure che doveva avere Castelnuovo, Bottega 


664 G. EBELING, ZUR BEDEUTUNGSENTWICKLUNG ROM. PARTIKELN. 


d. Cambiav. 279; Avrebbe voluto che fosse stato certo alla prima che 
non c’ era nessuna speranza clandeslina da fondare su di lei ma che 
Z’amasse ugualmente Colombi, Cara Speranza 141; Mia madıre 
acconsenlird meglio a lasciarci sposare, che a parlire assieme, soli, per 
un luogo lontano.. — Mi dispiace, ma io verrö egualmente, anche se 
lei non vorrd Deledda, Edera 157, wo überall auch das vorhin 
besprochene d stesso stehen könnte. 


GEORG EBELING. 


Register. 


Sachregister. 


Abenarabi ı0, A. 17, 12f. 

Adenet le roi, s. frz. Litg. 

Aegidius Albertinus, Flagellum 
diaboli, 304, A.1. 

Aimeric de Peguilhan, 237. 

Aimeri de Narbonne, 237. 

Alanus ab Insulis, 4, 21f., 23. 

Alexander v. Hales, 22. 

Ammianus Marcellinus, 38. 

Aragonien, das Verbindungsplied 
zwischen Ungarn und der prov. 
Dichtung, 236 f. 

Aristoteles, 2. 

Augustinus, 2 u. A.1. 

de Barante, Prosper, 598f. 

Bartsch, Karl, 604 f. 

BauduindeSebourg, Anspielungen 
auf die Macht des Geldes, 277. 

Bernhard von Clairvaux, 
A. I, 144. 

Boccaccio, s. it. Ltg. 

Bonaventura, 3u. A.5, 22f., 313, 
315. 

Bretonische Laissinger, Ver- 
breitungsgebiet, 54; ihre Sprache, 55. 

Brüggemann, Advokat Mullerich, 
283—286. 

Carmina Burana, 35, 37. 

Charles de Coster, Ulenspiegel, 
281. 

Chevaliers as deusespees, 267, 
A.2. 

Cidchroniken, s. span. Ltg. 

Ciddramen, 449fl. u. 6. 

Cidromancero, 448f. u. 6. 

Compilatio singularis 
plorum, 156 ff. 

Corneille, Le Cid, 446—449. 

Dancourt, Les Bourgeoises & la 
mode I, 7—ı2, 2382 A. 

Dante: Convivio, 36. — Epistolae, 
15. — Göttliche Comödie, I, 4, 
12 A. 23, 14. ı6f., 21, 25f., 36, 38. 
— Monarchia, 35. — Sonette, 19. — 
Studium der Troubadours, 320. — 
Vita Nova, s. it. Ltg. 


126, 


exem- 


De dan Denier, 277. 

De nummo, 277. 

Eustache Deschamps, „Zouf se 
fait par force d’argent“, 277. 

Diego de Estella, Vanidad del 
mundo; cien meditaciones del amor, 
310f., 313. 

Dionysus Areopagites, 
A.29. 

Dit des Mais, 168. 

Dit de laQuceue de Renart, 168. 

dwöwvalovyalxeiov, 262fl. 

Etienne de Bourbon, 163[. 

Fergusroman, 267, A.2. 

Francisco de Osuna, Abecedario 
espiritual, 303 fl.; besonders Tercer 
Abecedario, 305 ff.; 309. 

Französisch. Wortschatz: Johan 
Vising, Der historisch genetische 
Gesichtspunkt bei Anordnung der 
Bedeutungen in französischen Wör- 
terbücheın, 541— 544. 

Lautiehre: ’>y im Frz. des 17.°, 
46. — Labialisierung des @ in -acu 
im Afrz., 283. — Assimilation einer 
velaren Spirans an einen anlautenden 
Labial im Wallonischen, 289. — 
au vor n>a, 289. — Margarete 
Rösler, Londoner Französisch im 
XIII. und XIV. Jahrhundert, 409 
—417. — Adolf Zauner, Freie 
und gedeckte Vokale im Franzö- 
sischen, 606— 618. 

Formenlehre: Übergang von -ir zu 
-zer bei echt frz. Verben im Lothring. 
und Wallon., 44. — Ersatz der 
Endung der 3. Plur. Praes. -zunt 
durch -unt im Galloromanischen, 
287 ff. 

Syntax: Altred Risop, Zur Syntax 
des Relativpronomens (faire taire 
— faire se taire), 372— 393. 


19 u. 


Literaturgeschichte: Philipp Aug. 
Becker, Adenet le roi und seine 
Gönner, 23—29. — Arthur Franz, 


Die reflektierte Handlung im Cliges, 


666 


gı—86. — Heinrich Gelzer, Der 
Silenceroman von Heldris de Corn- 


valle, 87—99. — Alfons Hilka, 
Altfranzösische Mystik und Beginen- 
tum, 121—170. — Charles Bertram 


Lewis, The function of the gong 
in the source of Chrestien de Troyes’ 
Ivain, 254—270. — Erhard Lom- 
matzsch, Französisches zu E, E. 
Niebergalls „Datterich“*, 271—286. 
— Emil Winkler, Von der Kunst 
des Alexiusdichters, 338—597. — 
Wolfgang Wurzbach, Unver- 
öffentliche Briefe und andere 
Schrifistücke von Prosper de Barante, 
J--Ch -L. de Sismondi, A.-J.-V. Le- 
roux de Lincy, J.-D. Guigniaut, Jules 
Sandeau und Karl Bartsch, 598 
—b05 fl. 

Froissart, Dit dou Florin, 275 fl. 

Galater, Deutun: ihres Namens, 56. 

Galen, 35f. 

Gallier, Deutung ihres Namens, 56. 

Gaucelm Faidit, 236. 

Gautier de Coinci, 165. 

Geus d’aventure, 165. 

Gilla Decair (Wasserbecken) 261 f. 

Gilles li Muisis, Des maintiens 
des Bephines, 169. 

Giordano Bruno, 14f. 

Grisandole, im Prosaroman von 
Merlin, Vulgataversion, und Silence, 
g4fl. 

Guigniaut, J.-D., 602f. 

Guilhem de la Tor, 237. 

Guilhem de Malaspina, 237. 

Guilhen de Castro, s. span. Ltg. 

Hanstein, Wilhelm, 282. 

Heine, Lied vom Dukaten, 230. — 
Harzreise, 280 f. 

Henrivon Avranches, 35. 

Hermes Trismegistos, 3u. A.6, 
4f. 

Hildebert von Tours, 35. 

Huon de Bordeaux, Episode 
„Dunostre®, 255 ff. 

Ibn Gabirol, 2. 

Italienisch. Zautlehre: ZI>u vor 
Dental im Toskanischen etc., 494. — 
ZLab. Vel.>r in ital. Dialekten, 
494, A.ı. — Palatalisierung von 
/Kons. als Reaktion gegen die Ten- 
denz Z>u in ital. Dialekten, 496f. 
— Lautersatz des ZKons. durch r 
im Ttalienischen, 407f. — Z+ Kons. 
> 21+ Vokal + Kons. ım Süditalien., 
498f. — Ausfall de Z/Kons. in pie- 
mont. Mundarten, 498. — Assimi- 
lation des Z an folg. Kons. im Ital., 
500. 


SACHREGISTER, 


Literaturgeschichte: Friedrich Beck, 
Die rätselhaften Worte in Dantes 
Vita Nova, I—327. — O.Schultz- 
Gora, Boccaccios Vater urkundlich 
in Paris nachweisbar, 443—445. — 
Berthold Wiese, Fünf Barcelletten 
nach alten Drucken, S80— 587. 

Jacques d’Amiens, L’art d’amors, 
164 f. 

Jacques de Vitry, 163. 

Jean de Cond&, De l’ipocresis des 
Jacobires, 168. 

Jehan le F&vre, Lamentations de 
Matheolus, 169. 

Joachim von Floris, 2, 6ff., 123, 
A. 2. 

Johannes Damascenus, 23. 

Juan de la Cruz, Sı5. 

Juan de los Angeles, Triunfos 
del amor de Dios; Lucha espiritu- 
al y amorosa entro Dios y el alma; 
Diälogos de la conquista dol espiri- 
tual y secreto reino de Dios: Manual 
de vida perfecta, 312— 315. 

Jnpiter Elicius, 259 ff. 

Kristian von Troyes: Philomela, 
37. — Erec und Enide, Joie de la 
Cort) I 267, A.2. — Ivain, s, frz. 
Lig. — Cliges, s. frz. Ltg.; als 
Antitristan, nur bedingt zutreffend, 
67 ff.; und Tristan, 67 ff.; und Corn- 
wallis, 99. 

Lamentationes Matheoli, 170. 

Leroux de Lincy, A.-J.-V., 601f. 

Loys de la Bellaudiero, s. prov, 
Ltg. 

Luis de Granada, Libro de la 
oraciön y meditaciön, 310. 

Maistre Pathelin, 283 u0 — 
Fortleben der Farce, 285, A.1. 

Merveillles de Rigomer, 267. 
A.2. 

Mistral, La reino Jano, 240f. 

Mocedades del Cid, s. span. Lk. 

Moli&re: Pathelin, 275fl. — Don 
Juan IV, 3, 281f. — Bourgeois 
Gentilhomme III, 4, 2382, A. ı. 

Mystik und Beginentum, s. frz 
Ltg. 

Neuplatoniker, 2, 3, 13. 

Nicolaus von Cues, 14. 

Nodier, Charles, 598 f. 

Parmenides, 3, 12. 

Pedro de Alcäntara, Tratado de 
la oraciön y meditaciön; Peticıön 
especial de amor de Dios, 308 fl; 
3ı2f., 315. 

Peire Cardinal, Dels quatre caps, 
10, A. 18. 

Peire Ramon de Tolosa, 237. 


SACHREGISTER. 


Peire Vidal, 236. 


Percevalfortsetzung (Gerbert) 
164. 
Petrarca, Studiam der Troubadours, 


320. 

Petrus Alfonsus, 8. 

Philo Judaeus, 3, 4, ı12f. 

Plato, E.. Liebestheorie, 301 u. 6. 

Poema del Mio Cid, 455. 

Properz, 35. 

Provenzalisch. Wortschats: Di- 
mitri Scheludko, Über die ara- 
bischen Lehnwörter im Altproven- 
zalischen, 418—442. — Chronologie 
der arabischen Entlehnungen ins 
Altprovenzalische, 441. — Italiens 
und Spaniens Wichtigkeit als Mittler 
arabischen Einflusses auf Südfrank- 
reich, 441. 

Lautlchre: 1Kons im Provenz. 495f. 

Syntax: Kurt Lewent, Provenzalisch 
plus negative Anssage steigernd, 249 
—253. 

Literatrrgeschichte: Herm. Breuer, 
Eine provenzalische Urkunde aus 
Najac vom Jahre 1310, 39—43. — 
Lndwig Karl, Ungarn und uie pro- 
venzalısche Dichtkunst, 235—24 1. — 
Adolf Kolsen, Zwei provenzalische 
Streitgedichte (B. Gr. 461, I6, u. 
424, 1), 242— 248. — Alfred Pillet, 
Grundlagen, Aufgaben u. Leistungen 
der Troubadour-Forschung, 316-348. 
— KlaraM. Fafsbinder, Formales 
und Technisches in der höfischen 
Dichtung des Reimbaut von Va- 
queiras, 619—643. 

Pythagoras 2, 3. 

Raimbaut von Vaqueiras, s, 
prov. Litg. 

Regnard, Joueur, III, 7, 282. 

Renart de Contrefait, Anspie- 
lungen auf die Macht des Geldes, 


277. 

essen Adalb. Hämel, 
Eine unbekannte R., 113— 114. 

Roman de la Rose, 168f. 

Roman de la violette (Gerbert 
de Montreuil), 164. 

Romanisch. A.Griera, Els noms 
vascos dels mesos de Z’any, 102 
—112. — Karl Jaberg und Jakob 
Jud, Transkriptionsverfahren, Aus- 
sprache- und Gehörsschwankungen. 
(Prolegomena zum „Sprach- und 
Sachatlas Italiens und der Süd- 
schweiz“): Vorbemerkung; I. Tran- 
skriptionsverfahren; II. Die Rela- 
tivität der schriftlichen Fixierung 
lautlicher Gehöreindrücke: III. Aus- 


667 


spracheschwankungen; IV. Gehörs- 
schwankungen,;, V. Materialien zur 
vergleichenden Kritik phonetischer 
Transkriptionen (s. Vorbemerkung) 
ı. Traversella; 2. Ceresole Reale; 
3. Cerea; 4. Palombara; 5. Latsch; 
6. Griments; 7. Castelfondo, 171 
—218. — Leo Jordan, Studium 
der Lautgewobnheiten u. Erkenntnis, 
219—234.. — Werner Mulertt, 
Doppelte Vornamen, 293—30I. — 
Elise Richter, Impressionismus, 
Expressionismus und Grammatik, 
I. Impressionismus. II. Expressionis- 
mus. III. Impressionismus und Ex- 
pressionismus, 349— 371. — Geıhard 
Robhlfs, Baskische Reliktwörter 
im Pyrenäengebiet, 394—408. — 
Friedr. Schürr, Sprachgeschicht- 
lich-sprachgeographische Studien H. 
Talpa, Mus, Rattus — ! vor Kons. 
im Romanischen, 492—513. — 
W.v. Wartburg, Discus, 576—579. 
— Georg Ebeling, Zur Bedeutungs- 
entwicklung romanischer Partikeln, 
644—664. — Übernahme von griech. 
x als roman. g, 50. — Kons. im 
Lateinischen, 495. — Dissimilation 
des Znach # < :, 495 f. — Zeit und 
Intensität des Wandels von roma- 
nischen ZKons. > u, 493. 
Rustebuef: Les Ordres de Paris, 
167; Des beguines, 167 f.; De la vie 
du monde, 168; Anspielungen auf 
die Macht des Geldes, 277. 
Ruysbroeck, 313, 315. 
Salut d’enfer, I165. 
Sanct Honorat von Raimon Feraud, 
137 ff, — von Hilarius, 238 fl. 
Sandeau, Jules, 603 f. 
Silenceroman, s. frz. Litg. — Par- 
allelen zu seinen Motiven in der 
Volksliteratur, 97 ff. 
de Sismondi, J.-Ch.-L., 5991. 
Songe du paradis, 166f. 
Spanisch. Zautlehre: i1Kons. im 
Span.-Port.-Katal., 495 f. 
Literaturgeschichte: Ludwig Pfandl, 
Franziskanische Mystik des 16. Jahr- 
hunderts in Spanien, 302—315. — 
WillySchulz, Ein Kulturbild aus 
den Mocedades del Cid von Guillen 
de Castro mit Ausblicken auf Quellen 
und Technik des Dichters wie auf 
den Cid des Corneille: A. Einleitung 
(Geschichte des Cidstoffes); B.I. 
Der Palaststreit; 1lI. Der Ritter- 
schlag; III. Das Gegnerschaftsmotiv; 
IV. Ehre: V. Astrologische Vor- 
stellungen; VI. Galanterie und Liebe; 


668 


VII. König und Staat; VIII. La 
relieiön cristiana; IX. Von Phy- 
siognomik des spanischen Menschen 
und seiner Schöpfungen; C., Schlufs- 
betrachtung, 446 —401. 

Streitgedicht zwischen Wein und 
Wasser etc.: E.Braunholtz, Die 
Streitgelichte Peters von Blois und 
Roberts von Beaufeu über den Wert 
des Weines und Bieres, 30—58. 

Tacitus, Germania, 38. 

Tauler, 313, 315. 

Teresa de Jesüs, 303, A.ı, 313, 


315. 

Theresa von Avila, Vida 308, 
309 u. 0. 

Thomas Cantipratanus, 163, 
259. 


Thomas von Aquino, IS. 
Troubadours; Namen der Trou- 
badours, ihre Überlieferung, 324 
— 329. — Lebensbeschreibungen der 
Troubadours, 334 f. — Urkundlicher 
Nachweis der Troubadours, 335 f. — 
Zusammenfassende Darstellungen 
über die Troubadours, Ursprungs- 
fragen, 344— 348. — Kenntnis der 
Troubadours von arabischer Litera- 
tur, 442. 
Troubadoureditionen, Publi- 
kationen d, Sammelhss., Rezensionen 
ders., Übersetzungen, 337—344. 
Troubadourhandschriften, die 
Grundlage der Forschung, 318-322. 
Troubadourpocsie: Troubadour- 
poesie und Dante, 21. — — und 
Ungarn, s. prov. Litg. — Indirekte 
Überlieferung der Troubadourlieder, 
322—324. — Überlieferung der 
Fürstennamen in den Licdern der 
Troubadours, 329f. — Sprächliche 
Kriterien für die Autorschaft bei 
Troubadourliedern, 330f. — Metr. 


WORTREGISTER. 


Eigentümlichkeiten als Kriterium 
der Autorschaft bei Troubadour- 
liedern, 331 ff. — Chronologie der 
Troubadourlieder, relative und ab- 
solute, 333 ff. 

Ulrich von Zatzikhoven, 254f. 

Ungarn in der prov. und afrz. Dich- 
tung, 235. 

Vergil: 35, 38; — Aeneis VI, Sal- 
moneusepisode, 257 ff. 

Wace, Rou, Sturmquelle, 256 ff. 

Zohar, II, 17. 


Wortgeschichte. Fransösisch: 
Eugen Herzog, Wortgeschicht- 
liches: a) frz. amour; b) afız. en- 


glouve adj. fem. „gefrälsig“; c) frz. 
maigle, prov. mapalk, I15—120. — 
Wilhelm Meyer-Lübke, Zur 
galloromanischen Sprachgeschichte: 
a) frz. font, wallon. feent, 2837 —289. 
Wilhelm Meyer-Lübke, Zur 
galloromanischen Sprachgeschichte: 
b) gaskognisch num: aus lat. nomen, 
289—292. — Gunnar Tilander, 
Le sens et l’origine de v. fr. Zlasssier, 
plaisseis, 523—540, 2. v.O. 
Italienisch: Joseph Brüch, Zu altit. 
morfire „fressen“, 44—46. — Gia- 
como de Gregorio, Due etimo- 
logie: catanese Diofr#, italiano 
ciurlaro, 100 —101. 
Provenzalisch: Vincenzo Crescini, 
Revestor, 47—48. — Karl v. Ett- 
mayer, Die Wortsippe um aprov. 
galliar, 9—60. — Eugen Herzog, 
Wortgeschichtliches: c) frz. maigle, 
prov. magalh, 119—120. — Gunnar 
Tilander, J.e sens de l’origine de 
v. fr. Blaissier, plaisseis, 523 —540. 
Spanisch: Eva Seifert, Die beiden 
Verben Ahabere und tenere in der 
altspanischen Danza de la Muerte, 


514—522. 


Wortregister. 


amirarius (mlat.) 


Lateinisch. 422. 


admira (mlat.) 422. 


admiratus (mlat. 
11.0) 422. 
adsero (vlat.) 110. 


adventu (vlat.) ııT. 
alcanna (mlat.) 419. 
alkitran (mlat.) 421. 


*allare (rom.) 57. 
ambulare (lat.) 57. 


amiratus (mlat.) 422. 
annu (lat.) 104. 
aqua (lat.) 104. 
auru (vlat.) 104. 
azamar (mlat.) 440. 
azemala (mlat.) 440. 
azimar (mlat.) 440. 
bestia (lat.) 615. 
buccellarii (vlat.) 59. 


bufo (lat.) 509. 
bussa (mlat.) 442. 
caballus (vlat.) 57. 
cabella (mlat.) 430. 


cauculus (vlat. 301 
n. Chr.) 495. 
circulari (lat.) 101. 

cubebe (mlat.) 


califus (mlat.) 425. 426. 
callum (lat.) SO. darbus (mlat.) 
*cancraena (lat.)S0o. 508. 


capreolus (lat.) 403 dicunt (lat.) 289. 
A.s- diluvium (lat.) 
carabus (lat.) 399. 


542. 
carpinu (vlat.) 291. discus (lat.) 576. 


*diunt (vlat.) 289. 
*exsartare (vlat.) 
396. 
facıunt (lat.) 287. 
*facunt (vlat.) 287. 
fagu (vlat.) 288. 
failla (vlat.) 289. 
*famen (vlat.) 292. 
famine (vlat.) 292. 
fardellus (mlat.) 429. 
*faunt (vlat.) 287. 
fava (vlat.) 107. 
feda (mlat.) 429. 
fenile (vlat.) 108. 
ferre (lat.) 543. 
filice (vlat.) 291. 
finire (lat.) 103. 
flamen (lat.) 290. 
florariu (vlat.) 106. 
flore (vlat.) 106. 
fraxinu (vlat.) 104, 
291. 
fodica (vlat.) 506. 
forca (lat.) 506. 
gabella (miat.) 430. 
gadalis (mlat.) 55. 
galanga (mlat.) 430. 
Galati (lat.) 56. 
galea (lat.) 50. 
galeare (lat.) 58. 
galearii (vlat.) 59. 
galeator (mlat.) 59. 
galeatus (vlat). 58. 
galerum (vlat.) 58. 
galiardus (mlat.) 59. 
galiarii (vlat.) 59. 
galla (lat.) 49. 
*gallare (rom.) 53, 


57. 
gallescere (lat.) 53. 
Galli (lat.) 56. 
galliarii (vlat.) 59. 
*salllö (lat.) 50. 
*galitta (vlat.) 31. 
gallium (lat.) 50. 


*salliimen(vlat.) 51. 


*oallizare (vlat.) 53. 
Gallizenae (Mela) 
6 


gallodromt (vlat.) 


59. 
gallus (lat.) 50. 
galus (Orybasius) 
50. 
ganglium (lat.) 50. 
gangraena (lat.) So. 
gaudere (lat.) 543. 


gandescere (lat.) 53. 


gelu (vlat.) 104. 
glandula (lat.) 50. 


WORTREGISTER. 


goliardus (mlat.) 59. 
granu (vlat.) 108. 
granu + granu (vlat.) 
106. 
habere (lat.) sı4 fl. 
hostis (lat.) 55. 
idem (lat.) 655. 
ingluvies (lat.) 118. 
julep (mlat.) 431. 
juncu (vlat.) 103. 
juvene (vlat.) 2g1. 
*laccus (vlat.) 288. 
lacu (vlat.) 288. 
lectu (vlat.) ıır. 
levare (lat.) 542. 
Maiu (vlat.) 106. 
*mäkalla (vlat.) 120. 
Martiu (vlat.) 105. 
mascha (mlat.) 432. 
maschara (mlat.) 
432. 
masculus (lat.) 403. 
mergae (lat.) 119. 
*mergula (vlat.) ı19. 
morphea (mlat.) 44. 
mulus (lat.) 508, 
mummia(mlat.) 433. 
mundus (lat.) 617. 
*mürlca (vlat.) 512. 
mus (lat.) 492 fl. 
nebulu (vlat.) 104. 
nigru (vlat.) 112. 
nocte (vlat.) II. 
nomen (lat.) 289. 
*nominem (vlat.) 
290. 
nucha (mlat.) 434. 
orbis (lat.) 576. 
palo (lat.) 537. 
pangere (lat.) 538. 
pardum (mlat.) 429. 
paxillus (lat.) 537. 
pecten (lat.) 290. 
pectore (vlat.) 290. 
pectus (lat.) 105. 
pera (vlat.) 107. 
pilu (vlat.) 107. 
*plactus (vlat.) 


539. 
plagare (vlat.) 539. 
plaisaitium (mlat.) 
532. 
plaissicium (mlat.) 
532. 
plangere (lat.) 538. 
planu (vlat.) 104. 
plassagium (mlat.) 


33- 
plassearium (mlat.) 


532. 


plasseiatum (mlat.) 
32. 

plasseitum (mlat.) 
532. 

plassetum (mlat.) 


532. 
plassonus (mlat.) 


533. 
*plaxare (vlat.) 539. 
*plaxarius (vlat.) 


539. 

*plaxata (vlat.) 539. 

„plaxaticius“ (vlat.) 
539. 

plaxetum (mlat.) 
523. 

plaxitio (mlat.) 532. 

plaxitium (mlat.) 
532. 

*pnlaxum (vlat.) 522. 

#*plaxus (vlat.) 539. 

plectere (iat.) 529. 

pleisseicium (mlat.) 
529. 

plessatum (mlat.) 

plesseium (mlat.) 
532. 

Plessetum (mlat.) 
582, 

plessiaco (mlat.) 533. 

plessiacum (mlat.) 


533. 
plessitua(mlat.)532. 
plexicium (mlat. 532. 
plicare (lat.) 538. 
*plicaticuis (vlat.) 

538. 
ponticus, -a (vlat.) 

506. 
portare (lat.) 542. 
postea (lat.) 615. 
quadrellus (vlat.) 

542. 
quadrum (lat.) 400. 
quadrus (vlat.) 543. 
*quassiculare (vlat.) 

398. 
ratıus (lat.) 492 ff. 
retrahere (lat.) 544. 
revestiarium (mlat.) 


revestorium (mlat.) 
48. 

rocca (vlat.) 400. 

salamalec (mlat.-ar.) 
425. 

sarculu (vlat.) 106. 

sauma (vlat.) 496 
A.3. 


sedentare (vlat.) 105. 


669 


sedern (lat.) 105. 
sıropus (mlat.) 427. 
*soricu (vlat.) 506. 
suile (lat) 408. 
suldanus(mlat.)438. 
sus (lat.) 408. 
sustinere (lat.) 542. 
syrupus (mlat.) 427. 
taflata (mlat.) 439. 
tala (mlat.) 439. 
talare (mlat.) 439. 
talpa (lat.) 492 ff. 
talpanus (lat.) 501. 
talpona (lat.) 501. 
talpina (lat.) Sor. 
tamen (lat.) 655. 
tantum (lat.) 648. 
tantumst (lat.) 248. 
tenere (lat.) Sı4 ff. 
Teodörus (lat.) 101. 
torzimani (mlat.) 


427. 
*tragicare (vlat.) 
283, 
*traginare (vlat.) 
288. 
tragum (lat.) 288. 
*trapunt (vlat.) 287. 
*rahinare (vlat.) 
288. 
trahunt (lat.) 287. 
turcesia (mlat.) 425. 
turcimani (mlat.) 
427. 
vapore (vlat.) 109. 
vencillu + avicellu 
(vlat.) 107. 
vere (vlat.) 107. 
viridu (vlat.) 105. 
zara (mlat.) 471. 
zedoar (mlat.) 440. 
zegi (mlat.) 440 
zemech (mlat.) 440. 
zet (mlat.) 440. 
zezi (mlat.) 440. 
zimiech (mlat.) 440. 
zingar (mlat.) 440. 
ziniar (mlat.) 440. 
zirbus (mlat.) 440. 
zituar (Hildeg.) 
440. 
zuppa (mlat.) 431. 
zymar (mlat.) 440. 
zynfer (mlat.) 440. 


Französisch. 


abriege (afrz.) 613. 
achieve (afrz.) 616. 
ache (afrz.) 613. 


670 WORTREGISTER. 
alcöve (frz.) 420. 
aller (frz.) 57. 
ameu (Aube, südl. 
Champ.) 115. 
ameur (frz.) 115. 
amiu (dial. frz.) 289. 
amor (afrz.) 117. 


c’est Egal (Irz.)662f. Grales (afrz.) 54. 
emporter (frz.) 543. galesc (afrz.) 54. 
englouve (atrz. adj. galfe)ter(norm.,anj., 
fem.) 118. Maine) 57. 
engluive (afrz.) 119. galibote (manc.) 54. 
entier (frz.) 615. galibourdä (gren.) 
envoyer au galivage 


mien (frz.) 289. 
mols (afrz.) 617. 
momie (afız.) 433. 
monde (afrz.) 617. 
mont (afrz.) 617. 
montagne (frz.) 612. 


54. montaigne (afrz.) 613. 
galie (mfrz.) 60. 


amors (obl. sg. bei (anj.) 54. morfalier (Henne- 
Chrestiien) 117. &pouventer (frz.) gali&(afrz.,Savoyen) gau) 45. 

amour (frz.) 115. 289. 55. morfer (mfrz.) 44. 

ant (afrz.) 289. esgaler (afrz.) 54. galier (Rabel.) 55. morfaille (mfrz.) 44. 


apele (afız.) 616. 
apiele (afrz, dial.) 
016, 
apporter (frz.) 543. 
aveugle (frz.) 615. 
Bagay (walon.) 289. 
beals (afrz.) 616. 
beaus (afrz.) 609. 
bisse (frz.) 615. 
bocer (afız.) 509, 
bocere& (frz.) 509. 
bontemps (Irz.) 54. 
bosse (tız.) 509. 
bottes (frz.) 54. 
bougie (frz.) 424. 
bousson (Besang.) 
509. 
brief (afrz.) 613. 
büso (frz. Schweiz.) 


espice (afrz.) 613. 
essarter (frz.) 396. 
face (frz.) 613. 
*faient (afız.) 288. 
faire (afrz.) 287. 
fait (frz.) 609. 
fant (afrz.) 289. 
fardeau (frz.) 429. 
*favent (wallon.) 
289. 
feent (wallon.) 287. 
feste (afrz.) 615. 
fierge (afız.) 615. 
fieus (nfrz. ma.) 
616. 
filz (nfrz. ma.) 616. 
font (irz.) 287. 
force (frz.) 615. 
fou (afrz.) 288. 
fouan (nördl. pik.) 
508. 
fouillant (wall.lothr.) 


galigäs (norm.) 54. 
galiot (mfrz.) 60. 44. 

galivage (afrz.) 54.  morfier (mfrz.) 44. 
gallon (frz.) 60. *morfiller (mfrz.) 
galois (afrz.) 54. 46. 

galoper (frz.) 54. ®morfir (mfrz.) 44. 
galvander (frz.) 54. mote {afrz.) 503. 
galvaudar(Vogesen) mötriüi (Oberels.) 


morfiailler (Rabel.) 


509. 
motte (frz.) 509. 
motter (frz.) 509. 
mot(t)eret (frz.) 509. 
moutire (Doubs) 

509. 
mul(e)t (Marie de 

Fr.) 509, A.ı. 
mulot (frz.) 509. 
müs (afrz.) 509. 
nice (afrz.) 615. 
niece (afrz.) 615. 
noces (frz.) 615. 
oui (frz.) 609. 
paille (frz.) 610. 
paissel (afrz.) 537. 
paisson (frz.) 537. 
pareil (kanad. Irz.) 


53. 
galvauder (dial. frz.) 
53. 
galvoece (mainc.) 54. 
garie (Vogesen) 


53. 
gaule (frz.) 60. 
gauler (G.deCoincy) 

55, A. 1. 
glace (frz.) 613. 
Grice (afrz.) 613. 
hache (afrz.) 613. 
haleter (frz.) 57. 
hui (afrz.) 614. 
ive (afrz.) 615. 
jael (afırz.) SS. 
jaial (afrz.) 55. 
jalous (frz.) 115, 


509. 
cafard (frz.) 430. 
carreau (frz.) 543. 
carouble (afrz.) 426. 
Charizey (frz.) 613. 
chichons (Bayonne) 
398. 


505. 
fref (wallon.) 289. 
fueille (frz.) 610. 
furet (Dep. HErault) 


cierge (frz.) 615. 

cirge (afrz.) 615. 

Clamecy (frz.) 613. 

coille (afrz.) 610, 

conseil (frz.) 610. 

consoil (ma. frz.) 
611. 


correcier (afrz.) 612. 


couille (frz.) 610. 


crapaudine(frz.)401. 


creche (afrz.) 613. 
cubebe (frz.) 426. 
cuisse (afrz.) 615. 
deborder (frz.) 54. 
deis (afrz. mirz.) 
578. 
deluge (frz.) 542. 
dient (afrz.) 289. 
*dient (afrz.) 289. 
*dint (afrz.) 289. 


diont (dial. frz.) 289. 


douane (frz.) 426° 
eawe (afrz.) 615. 


512. 

fustaine (afrz.) 429. 

futaine (afrz.) 429. 

fyö (ma. nfrz.) 616. 

gaalise (Blanchan- 
din) 55. 

gaber (afrz.) 54. 

te fla be gaille 
(wallon.) 53. 

gaillon (dauph.) 


53. 
gala (fız.) 60. 
galabontein (gren.) 


54. 
galant (frz.) 60. 
gale (ostfrz.) :5. 


faire la gale (Villon) 


galebontem ps (Vaux 


de vires) 54. 
galee (mfrz.) 60, 


galer (afrz.) 54. 
galeresse (afız.) 55. 


jouir (frz.) 543. 
lac (frz.) 288, A. ı, 
lai (afrz.) 288. 
lief (afrz.) 613. 
liege (afrz.) 613. 
lievre (afrz.) 614. 


lire (frz.) 287, A. r. 


lit (afrz.) 615. 

magle (afrz.) 119. 

maigle (frz.) 119. 

manecier (afrz.) 
612, 

mauvaise gale 
(norm.) 55. 

de m&me (kanad. 
frz.) 659. 


tout de m&me (frz.) 


656 fi. 
me(r)gle (afrz.) 119. 
mesquin (afrz.) 


433. 
mi (afrz.) 614. 
mielz (afrz.) 610. 


659 fl. 
partr (frz.) 544. 
parveillon (afrz.) 
612. 
peels (afrz.) 616. 
pied (frz.) 609. 
pitre (sofrz.) 290. 
plais (afrz.) 531. 
plaisseis (afrz.) 
523 fl. 
plaissie (frz.) 529. 
plaissier (afrz.) 
523 fl. 
Plassat (saintong.) 
Plassay (saintong.) 


533. 
pleier (afrz.) 538. 
pleissiei(norm.)533. 
plesce (Renart) 531. 
plesse (norm.) 533. 
plesser (norm.) 533. 
plessis (afrz.) 529. 
plessis (Poit.) 533. 


plessure (anj.) 533. 
ploi (frz.) 538. 
proche (afrz.) 613. 
pruef (afrz.) 614. 
puis (frz.) 615. 
rage (frz.) 613. 


reproche (atrz.) 614. 


repruece (afrz.) 613 
retirer (frz.) 544. 
retraire (afrz.) 544. 
revesteur (afrz.) 48. 
revestiaire (afrz.) 


revestitoire (afrz.) 


48. 

revestoir (frz.) 48. 
riegle (afrz.) 615. 
roegnier (afrz.) 612. 
roge (aftz.) 613. 


romavage (afrz.) 54. 


sache (afrz.) 613. 
seiche (afrz.) 613. 
semoraul (schweiz. 
frz.) 107. 
set (afrz.) 615. 
siecle (afrz.) 615. 
soiche (afrz.) 613. 
somarer (schw. frz.) 
107. 
Soredamors (afrz.) 


117. 
supporter (frz.) 542. 


tant (frz.) 649. 


tarchais(Wace) 426. 


taupe (frz.) 493. 


taupinißre (frz.) 501. 


tesmoigne (afrz.) 
613. 

tierz (afrz.) 615. 
töp (pik.) 508. 
torne (afrz.) 610. 
trainer (frz.) 288 A. 
traire (afrz.) 287. 
transporter (frz.) 


542. 

#tront (afrz.) 287. 
ueil (afrz.) 614. 
ues (afrz.) 614. 
vant (afrz.) 289. 
vece (afrz.) 613. 
viaz (frz.) 289. 
vieil (afrz.) 614. 


Provenzalisch 


(einschl. Gaskogn.). 


aben (gask.) 111. 
aDor (bearn.) 395. 
aglout (b&arn.) 402. 


agör (b£arn.) 395. 


WORTREGISTER. 


alambic (prov.) 418. 
alaquana (prov.) 
419. 
albaran (prov.) 419. 
alcafıt (prov.) 419. 
alcali (prov.) 419. 
alcavot (prov.) 419. 
alcoton (prov.) 419. 
alcuba (prov.) 420. 
alferan (prov.) 420. 
alfı (prov.) 420. 
algarada (prov.)420. 


algaravic (prov.) 420. 


Algorisme (prov.) 
420. 

aliscara (prov.) 421. 

alkimia (prov.) 421. 

Almassor (prov.) 
421. 

almatrac (prov.) 


433. 
alquitran (prov.) 
431. 
alsagaia (prov.) 421. 
alvistra (prov.) 411. 
amapärdo (b&arn.) 
400. 
ambra (prov.) 422. 
amiran (prov.) 412. 
amirar (prov.) 422. 
amür (bearn.) 395. 
amurro (b&arn.) 396. 
amürru (bearn.) 395. 
anafıl (prov.) 434. 
angelot (prov.) 423. 
anta (prov.) 289. 
arcabot (prov.) 419. 
argaut (prov.) 440. 
arralb (b&earn.) 408. 
arralh& (b£arn.) 408. 
arsagaia (prov.) 
421. 
artic (nprov.) 396. 
artigal (prov.) 396. 
artigau (nprov.) 396. 
artigo (limous.) 396. 
artigolo (prov.) 396. 
artijo (lim.) 396. 
artiko (bearn.) 396. 
asasi (prov.) 423. 
asnu (gask.) 291, 
atauc (prov.) 440. 
auranja (prov.) 423. 
ausesi (prov.) 423. 
avenuz (prov.) 423. 
azar (prov.) 423. 
azaura (prov.) 423. 
aze (prov.) 291. 
azu (gask.) 291. 
azur (prov.) 423. 


bafomaria (prov.) 
432. 

balach (prov.) 424. 

balais (prov.) 424. 

barbacana (prov.) 
424. 

bardel (prov.) 424. 

barracan(prov.)424. 

besana (prov.) 424. 

biscle (bearn.) 398. 


biskerro (b&arn.) 398. 


biskor (Ariege) 398. 
bocaran (prov.) 424. 
bogia (prov.) 424. 
borais (prov.) 440. 
boum (Luchon) 401. 
bufö (gask.) 512. 
bus (prov.) 425. 
de Diskör (beam.) 
398. 
caf (prov.) 425. 
cafera (prov.) 425. 
calamalec (prov.) 
425. 
Califa (prov.) 425. 
camelin (prov.) 425. 
camelot (prov.) 425. 
caneja (prov.) 425. 
caramida (prov.) 
435. 
carcais (prov.) 425. 
carobla (prov.) 426. 
carrat (prov.) 426. 
cayrat (prov.) 426. 
cordoan (prov.) 426. 
cortves (prov.) 426. 
coton (prov.) 420. 
cotonez (prov. 13°) 
420. 
cubeba (prov.) 426. 
desc (aprov.) 577 A. 
doana (prov.) 426. 
doltze (gask., prov.) 
291. 
dorgoman (prov.) 


427. 
dultz (gask.) 291. 
es egau (nprov. 
662 f. 
eisac (prov.) 427. 
eisalot (prov.) 4328. 
*eisartigar (prov.) 
396. 
eisec (prov.) 427. 
eissac (Mistral) 427. 
eissarop (prov.) 427. 
eoü (Cauterets) 401f. 
escac (prov.) 428. 
espantar (prov.) 289. 
espinarc (prov.)428. 


671 


eßartigä (Htes-Pyr.) 
396 A. 
falop (prov.) 429. 
farda (prov.) 429. 
fardal (prov.) 429. 
feda (prov.) 429. 
feletz& (prov.) 291. 
teltz (gask.) 291. 
feltze (prov.) 291. 
fersa (prov.) 429. 
festuc (prov.) 429. 
folca (prov.) 429. 
fraisnu (gask.) 291. 
fundeguier (prov.) 
429. 
fustani (prov.) 429. 
le Gabardan 
(Landes) 400 A, 
gabarra (Landes) 


399. 
Gabarret (Landes) 
400, A,1. 
gabarro (gask.) 369. 
gabela (prov.) 430. 
gabärro (b£arn.) 
399. 
gafur (prov.) 430. 
gahüs (bearn.) 399. 
gaioun (nprov.) SO. 
galabardo (bearn.) 
400. 
galejä (nprov.) 52. 
galejado (Marseille) 
2 


galejage (Mars.) 52. 
galejaire (Mars.) 52, 
galengal (prov.) 
430. 
gal@re (lyon.) 57. 
galiador (aprov.) 51. 
galiairitz (aprov.) 
51. 
galiar (aprov.) 49. 
galiarz (aprov.) St. 
galiat (aprov.) St. 
galier (aprov.) St. 
galhejä (nprov.) 52. 
galhou (nprov.) so. 
galoi (nprov.) 54. 
garab& (wgask., 
rouss., langue- 
doc.) 399. 
garaby& (wgask., 
roussill., langue- 
doc.) 399. 
garawtce (Landes) 
399. 
garbın (prov.) 430. 
gari (prov.) 511. 
garren (Arrens) 400, 


672 


garrinero (Arrens) 
400. 
garroc (b&arn.) 400. 


garröt (bearn.) 400. 


gavarra (gask.) 399. 
gavärri (gask.) 399. 
gavarrier (aprov.) 
399. 
gavarro (gask.) 399. 
gawarre (Landes) 
399. 
gazal (aprov.) 55. 
gercü (bearn.) 4CO. 
guwäıdo (bearn.) 
399. 
gari (prov.) Sı1. 
hamen (Basses-Pyr.) 
292. 
härri (bearn.) 400. 
idärt (Agnos etc.) 
401. 
isalot (prov.) 428. 
issarop (prov.) 427. 
issirop (Prov.) 427. 
iü (bearn.) 401. 
izär (bearn.) 401. 
izart (gask.) 401. 
ja(i)net (prov.) 431. 
jarra (prov.) 431. 
jazeran (prov.) 431. 
jolep (prov.) 431. 
julep (prov.) 431. 
jupa (prov.) 431. 
karpu (gask.) 291. 
karrot (Barreges) 
400. 
kaus (Parn) 399. 
klüta (bearn.) 402. 
laca (prov.) 431. 
lacai (prov.) 431. 
lacärre (Valle 
d’Ossau) 402. 
lakarra (bearn.) 402. 
lakärre (b&earn.) 402. 
Jambre (prov.) 422. 
lamfil (prov.) 434. 
laut (prov.) 431. 
lebre (prov.) 614. 
lepir (prov.) 287 A. 
lendi (pask.) 291. 
limon (prov.) 432. 
lit (Campan) 402. 
litaräs (Arrens) 
402. 
lite (Campan etc.) 
402. 
lits (Campan etc.) 
402. 
lüdo (gask.) 402. 
lürt (hescun) 402. 


WORTREGISTER. 


magaj (Alpes 
mar.) 119. 

margaja (Alpes 
mar.) 119. 

magalh (prov.) 119. 

magalhar (prov.) 
119. 

magay (Alpes 
mar.) 119. 

Maimon (prov.) 432. 

mandorro (pprov.) 
403. 

mandra (aprov.) 
403, A. 2. 

mandürra (bearn.) 
403. 

mano (nprov.) 403. 

Maomario (prov.) 


432. 
marabeti (prov.) 


432. 
maraboti (prov.) 


432. 
marabotin (prov.) 


432. 
maravedi (prov.) 


432. 


maravites (prov.) 
432. 

marroquena (prov.) 
432. 

mascarat (prov.) 
432. 

masmudina (prov.) 
432. 

matalas (prov.) 433. 

mauro (nprov.) 
401 A. 

mesquin (prov.) 433. 

miei (prov.) 614. 

momıa (prov.) 433. 

mono (rouerg.) 403. 

moresquin (prov.) 
433. 

moriquet (prov.) 
433- 

mortaiza (prov.) 
433. 

mosola (prov.) 433. 

musc (prov.) 433. 

museraba (pıov.) 


433. 
nabat (prov.) 434. 
nafıl (prov.) 434. 
naip (prov.) 434. 
necari (pıov.) 434. 
nom (prov.) 291. 
*nomne (gask.) 291. 
nuca (prov.) 434. 
numi (gask.) 289. 


oliban (prov.) 434. 

omi (gask.) 291. 

hac d’Oö (Luchon) 
401. 

ops (prov.) 614. 


papagal (prov.) 434. 


patac (prov.) 434. 


petarre (bearn.) 403. 


petarrok (bearn.) 
403. 

peus (gask.) 108. 

plais (prov.) 532. 

plaisa (prov.) 532. 


plaisada (prov.) 532. 


plaısaditz (prov.) 
532. 

plaisat (prov.) 532. 

plaissar (prov.) 536. 


playis (nivern.) 538. 


playssadenc (prov.) 
532. 


playssar (prov.) 532. 


pleissado (Mistral) 
5332. 

plus (prov.) 249 
— 253. 


quintal (prov.) 435. 


rabey (prov.) 435. 

rebeb (prov.) 435. 

rebec (prov.) 435. 

resegue (prov.) 435. 

ravestiari (aprov.) 
48. 


revestor (aprov.) 47. 


reysu (gask.) 291. 
ribauda (prov.) 436. 
ribaut (prov.) 436. 
ribec (prov.) 435. 
roc (prov.) 436. 
roumavagi (nprov.) 


54. 
rup (prov.) 436. 
sabata (prov,) 436. 
sacre (prov.) 436. 
safran (prov.) 437. 
sanca (prov.) 437. 
sangatöte (Landes) 
406. 
sanguandilla 
(Alava) 406. 
santafiero (bearn.) 
405. 
sarnäto (be&arn.) 
405. 
särri (Agnos etc.) 
401. 
satanis (prov.) 437. 
satin (prov.) 437. 
saupralo (b6arn.) 


405. 


segundino (b£arn.) 
405. 

semen (prov.) III. 

sene (prov.) 437. 

sernälo (bearn.) 


405. 

sernöto (be&arn.) 
405. 

sigorre (Landes) 
404. 

simach (prov.) 437. 

singatine (Landes) 
06 


406. 
singrauleto (bearn.) 
405. 
siphat (prov.) 437. 
sirop (prov.) 427. 
sisclaton (prov.) 
438. 
soda (prov.) 438. 
soira (prov.) 438. 
soldan (prov.) 438. 
sorn6to (b£arn.) 
405. 
soueiro (nprov.) 
438. 
souiro (nprov.) 438. 
sucre (prov.) 438. 
sufra (prov.) 438. 
sufro (nprov.) 438. 
8:galo (bearn.) 403. 
Bindüs (bearn.) 398. 
Siskle (bearn‘) 404. 
Sıßanglo (bearn.) 


405. 
Sifus (bearn.) 398. 
Surro (bearn.) 404. 
tabor (prov.) 439. 
tafatan (prov.) 439. 
tafetas (prov.) 439. 
tafur (prov.) 439. 
tala (prov.) 432. 
tara (prov.) 439. 
tarida (prov.) 439. 
tarin (prov.) 439. 
tardk (be&amm.) 406. 
täsko (bearn.) 400. 
täska (bearn ) 406. 
tascat (bearn.) 406. 
tascoun (prov.) 

406 A. 
tascoulä (prov.) 

406. 
tassa (prov.) 439. 
tauc (prov.) 440. 
taut (prov.) 440. 
toujo (bearn.) 406. 
toutcho (b£arn.) 

406. 
traginar (prov.) 288, 


tripa (prov.) 440. 
trueio (nprov.) 
401 A. 
tugäjo (Gez) 406). 
tujä (Agnos) 406. 
tujägo (Campan) 
06 


406. 

tüje (Landes) 407. 
tüjo (bearn.) 406. 

turbit (prov.) 440. 
turök (bearn.) 406, 
türro (nprov.) 406, 
tuye (Landes) 407. 
tüZädo (Narbonne) 


406. 

tuZäko (Ari&ge) 406. 
uoi (prov.) 614. 
uolh (prov.) 614. 
uoü (Cauterets) 401. 
üü (Arrens) 401. 
uzar (prov.) 401. 
uzarın (aprov.) 401. 
vaco (npprov.) 401. 
vielh (prov.) 614. 
yuin (gask.) 291. 
yuine (gask.) 291. 
zeduari (prov.) 440. 
zegi (prov.) 440. 
zimar (prov.) 440. 
zimec (prov.) 440. 


Katalanisch. 


advent (kat.) ııt. 
bavor (kat.) 109. 
brostar (kat.) 106. 
bü6rä (kat.) 510. 
buor (kat.) 109. 
cort (kat.) 104. 
febrer (kat.) 104. 
fred negre (kat.) 
112. 
gelada negra (kat.) 
112. 
gallejar (kat.) 52. 
isarda (kat.) 401. 
isart (kat.) 401. 
jaure (kat.) 105. 
jel (kat.) 104. 
mandra (kat.), A. 2, 
notz (kat.) III. 
nou (kat.) T1T. 
Olotis (kat. Stadt) 
105, A.2. 
ort (kat.) 104. 
rat (kat.) 512. 
rata (kat.) 512. 
sagall (kat.) 403. 
sargautäna (kat.) 
405. 


WORTREGISTER. 


seure (kat.) 105. 
sicart (kat.) 401. 
soläs (kat.) 106. 
talp (kat.) 510. 
tasc (kat.) 406 A. 
tasc6 (kat.) 406 A. 
verol (kat.) 107. 
verolar (kat.) 107. 


Spanisch, 
agworro (noarag.) 
95 


395. 
alcoba (sp.) 420. 
alesor («p) 421. 
alexor (sp.) 420. 
alfada (sp.) 429. 
alferza (sp.) 429. 
alud (sp.) 402. 
amagardo (Lescum) 
399. 
amorra (noarag.) 
396. 
andärra (nwarag.) 
396. 
argoyO (sp.) 440. 
arrabeco (sp.) 435. 
artiga (arag.) 396. 
artiga (sp.) 396. 
artigar (sp.) 396. 
arıika (arag.) 396. 
arto (sp.) 396. 
autos (valenc.) 103. 
-azgo (sp.) 618. 
azofra (sp.) 438. 
azolle (arag.) 408, 
baho (sp.) 109. 
bardo (arag.) 402. 
barra (sp.) 402. 
barro (sp.) 402. 
buca (sp.) 425. 
cachar (sp.) 398. 
#cacho (sp.) 398. 
cachorro (sp.) 398. 
cafre (sp.) 430. 
Cangardäna (arag.) 
405. 
cerda (sp.) 398. 
cerdo (sp.) 398. 
chamarra (sp.) 407. 
chändra (arag.) 398. 
chandro (arag.) 398. 
chaparral (sp.) 397, 
A.5. 
chaparro (:p.) 397. 
chorro (sp.) 404. 
chiba (sp.) 403, 
A 


u3, 
chibata (sp.) 403, 
A.3. 


Zeitschr. f. rom. Phil, XLVII. 


chicharrones (sp.) 
398. 


eicönes (arag.) 398. 


eiCons (arag.) 398. 
inlüdnilare) 398. 
&incörros(arag.) 398. 


&i$ärdo (arag.) 401. 


CÖrro (arag.) 404. 
ello (sp.) 652f. 
*enjartigar (sp.) 396. 
fardo (sp.) 429. 
galeador (sp.) 52. 
gallear (sp.) 52. 
gondul (sp.) 398. 
garava (santand.) 


399. 
garrad£era(arag.)399. 
ginete (sp.) 431. 
hielo (kastil.) 104. 
ibön (arag.) 401. 
i3är$o (Graus) 401. 
izquierdo (sp.) 402. 
kacürro (arag.) 398. 
leer (sp.) 287 A. 
lit (noarag.) 402. 
Jitarıäda (noarag.) 

402. 
llevar (sp.) 543. 
lürte (arag.) 402. 


. macho(sp.)398, 403. 


machorra (:p) 403. 
magarda (arag.) 400. 
magarda (arag.) 399. 
magardera (arag.) 
399. 
maimon (sp.) 432. 
mielga (sp.) 119. 
lo mismo (sp.) 655 f. 
modorro (sp.) 403. 
möreröl (sp. dial.) 
SIO, 
mörra (noarag.) 396. 
moxeraba (sp.) 433. 
nombre (sp.) 289. 
outro (urspan.) 609. 
rata (sp.) 507. 
sagal (Benasque) 
403. 
sagallino(Santander) 
403. 
sallo (sp.) 106. 
sargandäna (arag.) 


405. 

sargantano (Hecho) 
405. 

sarrio (sp.) 401. 

särryo (arag.) 401. 

segalo (arag.) 403. 

sirle (sp.) 404. 

sirria (sp.) 404. 


673 


sirrio (arag.) 404. 
sorra (sp.) 438. 
Sißärdo (Kspufa) 
401. 
tasca (arag.) 406. 
terrön (sp.) 406. 
töbdı.6ra(arag.)5 10. 
tojo (sp.) 407. 
topö (sp.) 510. 
torpOk (arag.) 406. 
en 0 (arag.) 4C6. 
torıön (astur.) 406. 
tragar (sp.) 288. 
Yamärra (arag.) 407. 
Yingalantera (arag.) 


405. 
$ingartäla (arag.) 

cS. 
$inglön (arag.) 404. 
Yisktön (arag.) 404. 
Höle (arag.) 408. 
$46n (Ans6) 408. 
Xafagor (sp.) 109. 
zabra (sp.) 423. 
zamarra (sp.) 407. 
zamarro (sp.) 407. 
zapatones (sp.) 436. 
zaque (sp.) 427. 


Portugiesisch. 


alcova (ptg.) 420. 

barda (ptg.) 402. 

cafre (ptg.) 430. 

chibata (ptg.) 403, 
A. 


2. 
farda (ptg.) 429. 
fardo (ptg.) 429. 
feito (ptg.) 609. 
isso (ptg.) 652f. 
ler (ptg.) 287, A. ı. 
outro (aptg ) 609. 
tasca (galiz.) 406 A. 
tascar (sp. ptg.) 
406 A. 

tojo (ptg) 407. 
torıdo (ptg.) 406. 
toupeira (ptg) 494. 
zaca (ptg.) 427. 


sardisch. 
aiyxu (kors.) 577. 


cabbidannu (sassar.) 
109. 

cabidanni (sard.) 
109. 

cabudanni (sard.) 
109. 

cavirani (sard.) 109. 


43 


674 


disku (logud.) 577. 
disk% (sard.) 577. 
diskWodd% (cam- 
pid.) 577. 
Bann (sard.) 512. 
moroAna (sard.) 512. 
merdona (sard.) 512. 
rattsu (sard.) 512, 
tiva (sard.) 403, A.3. 


Italienisch. 


barracame (it. 13.°) 
424. 
caffo (it.) 425. 
calamita (it.) 425. 
cecatä(Salerno) 505. 
cicciola (it.) 399. 
ciurlare (it.) 101. 
ciurlo (it.) ı0t. 
ciurlotto (it.) 101. 
crocchia (it.) 507. 
crocchiare (it.) 507. 
crucchione (Salerno) 
507. 
cuba (it.) 420. 
la cuba (sız.) 420. 
darbün (piem.) 508. 
desc (atosk.) 577. 
Diodoro (it.) 101. 
diotru (katan.) 100. 
donnola (it.) 507. 
Eliodoro (it.) 100. 
fardo (it.) 429. 
foglia (it.) 612. 
föndiko (Campagna 
tarentina) 506. 
forchione (Salerno) 
So6. 
fustagno (it. 13.°) 
430. 
gadoiari (siz.) 53. 
galavia (piem.) 57. 
galeare (Arezzo) 52. 
galer (lomb.) 57. 
galleıia (it.) 57. 
galluzzare (it.) 60. 
galluzzo (it.) 60. 
gangola (it.) 50. 
gangularu (calabr.) 
50. 
ganguni (siz.) 50. 
gaıbino (it) 430. 
gävardapa (Mittleit.) 
o 


505. 
gavstaplla(Mittelit.) 
505. 
ghendodde (molf.) 


„50. 
gröca (Rieti) 507. 


WORTREGISTER. 


guercio (it.) 52. 
kadopa (mittelit. 
Dial.) 5oS. 
kavaia (piem.) 57. 
lesco (Treviso) 578. 
Liodoru (it.) 101. 
lok (lomb.) 506. 
magnaradice(it.)S05. 
mandärin galla 
(bonn.) 56. 
marmutti&dda (Mess.) 


507. 

meglio (it.) 612. 

moredur (venez.) 
512. 

more&ciola (veron.) 
512. 

morfire (altit‘) 44- 

mofegagno (Thiene) 
504. 

mota (tosk.) 496, 

motson (Lago Mag- 
giore) 503. 

mozzo (it.) 503. 

musogöt (Pejo) 504. 

müfgaen (Val di 
Sole) 504. 

müsgöt (Vermiglio) 
504. 

musin (Verona) 504. 

mülga (Loiana) 504. 

nuossas (Nizza) 615. 

pantigana (Ancona) 


5ı1. 

patreföndico(Lecce) 
506. 

piega (it.) 609. 

o diflo pöndico 
griech. Unterit.) 
06 


506. 

o trifo pöndiko 
(Corigliano) S06. 

ponga (Romagna) 
506. 

proföndicu (Lecce) 
506. 

pure (it.) 661. 

rat (it.) 510. 

ratüz (it. dial.) 510. 

rigo golo (tosk.) 496. 

röonola (Tıiepuzzi) 
507. 

rugaröla(Pavia)503. 

sacco (it.) 427- 

siccioli (it.) 399. 

soma (tosk.) 496. 

sorcio (Lat., Umbr., 
Marche) 493. 

sorciotalpone(Basil.) 


506 


sorco (Umbr., Lat., 
Marche) 493. 
sörcola (Campo 
basso etc.) SOS. 
sprufünducu (Galli- 
poli) 506. 
ssöcira da sserpi 
(Pezza Croce- 
Messina) 506. 
ssürici-ölpu (Catan- 
zaro) SO3. 
lo stesso (it.) 653 fl. 
straccare (it.) 288. 
tanto (it.) 644. ff. 
talpa (tosk.) 492. 
talpun (Piemontetc.) 
sos, 
tarafiola(vene7.)508. 
tarpa (westl. Tos- 
kana) 497, A.3. 
tarpüsa (Freson.) 
502. 
tazze (Marco Polo) 


439. 

trapuscera (Mail.) 
02. 

Todaru (it.) 101. 

tonnula (Pisignano) 
507. 

topa (it.) 493. 


ıüfola (Massa Marit- 
tima) SosS. 
rum£ra (friaul.) 505, 
rumola (friaul.) SOS. 
solva (friaul.) 507. 
talpa (friaul.) 508, 


Rumänisch. 


as (rum.) 649f. 
asa (rum.) 649f. 
asI (rum.) 649f. 
atät (rum.) 649. 
disc (rum.) 576. 
maimun (rum.) 432. 
molfäl (rum.) 46. 
musinolu (rum.) 
502 A. 
soböl (istrorum.) 
o 


507. 
sobolän (rum.) 508. 
trägäna (rum.) 288. 


Arabisch. 


abenuz (ar.) 423. 
abütäga (ar.) 434. 
P’aib (ar.) 434. 

albixara (ar.) 421. 
Alchwarizmi (ar.) 


topina (venez.-lomb.) sluxor (ar.) 421. 


501. 
topo (it.) 492. 
tuppinaru (Calabr.) 

so1. 
turcasso (it.) 426. 
ugalmente (ital.) 

663 f. 
urlare (it.) 101. 
zimar (it.) 440. 
zöccola (Salerno 

etc.) 505. 


Rätoromanisch. 


desk (puschl.) 578. 
deök (südtir.) 578. 
dask (bündn.) 578. 
diäka (Molise) 578. 
djalaveze (südtir.) 


50. 
färk (Ostfriaul.) 507. 
*gal (illyr.) 50. 
galaveise (südtir.) 
50. 
(g)rumatera (friaul.) 


505. 
lödula (Grado) 508. 
lok (Tessui) 507. 


mifaröfi (bündn.)504. 


al-ambig (ar.) 418. 
amir (ar.) 422. 
anbar (ar.) 422. 
anzarot (ar.) 426. 
as‘Ar (ar,) 421. 
al-arabia (ar.) 420. 
arrädah (ar.) 420. 
ax-xäya (ar.) 440. 
babagha (ar.) 434. 
bälakhanah (ar.) 


424. 

balaksch (ar.) 424. 
bar&’a (ar.) 419. 
barakan (ar.) 424. 
al-barda’a (ar.) 424. 
barlakh (ar.) 424. 
bätäga (ar.) 434. 
b»tasa (ar.) 425. 
Bidjä (ar.) 424. 
bithana (ar.) 424. 
Bokhara (ar.) 424 
boräk (ar.) 440. 
al-catran (ar.) 421. 
dahul (ar.) 439. 
dirhem (ar.) 439. 
divän (ar.) 426. 
falüka (ar.) 429. 
al-faras (ar.) 420. 
farda (ar.) 429. 


ferza (ar.) 429. 
fidjah (ar.) 429. 
al-fil (ar.) 420. 
folk (ar.) 429. 
fonduk (ar.) 429. 
fostak (ar.) 429. 
fostän (ar.) 429. 
garb (ar.) 430. 
en (ar.) 431. 
azair (ar.) 431. 
&ubbah (ar.) 431. 
uleb (ar.) 431. 
hafıt (ar.) 419. 
haßidui (ar.) 423. 
al-hinna (ar.) 419. 
isfänäkh (ar.) 428. 
el-ixir (ar.) 421. 
kähr (ar.) 430. 
käfür (ar.) 425. 
kandji (ar.) 425. 
kebäba (ar.) 426. 
khalandjem (ar.) 


430. 
Köhalifa (ar.) 425. 
kbamel (ar.) 425. 
khamlah (ar.) 425. 
kharüba (ar.) 426. 
al-kimiyä (ar.) 421. 
lak (ar.) 431. 
laz ward (ar.) 423. 
limun (ar.) 432. 
al-lubän (ar.) 434. 
maimün (ar. pers.) 

432. 
al-mansur (ar.) 421. 
maskara (ar.) 432. 
Masmuda (ar.) 432. 
matrah ar.) 433. 
meskin (ar.) 433. 
misk (ar.) 433. 
mixraba (ar.) 433. 
moräbitia (ar.) 432. 
mumia (ar.) 433. 
murtazz (ar.) 433. 
nafır (ar.) 434. 
nagara (ar.) 434. 
närang (ar.) 423. 
nukha (ar.) 434. 
gabäla (ar.) 430. 
gala (ar.) 425. 
al-gqali (ar.) 419. 
garamit (ar.) 425 
al-gauvach (ar.) 419. 
gintar (ar.) 435. 
al-girar (ar.) 426. 
gitare (ar.) 435. 
al gobbah (ar.) 420. 
al goton (ar.) 419. 
ra'ädah (ar.) 420. 
rabäb (ar.) 435. 


WORTREGISTER. 


ribät (ar.) 436. 
rizq (ar.) 435. 
rob‘a (ar.) 436. 
rokh (ar.) 436. 
sabbät (ar.) 436. 
sabra (ar.) 423. 
saläm’aleik (ar.) 425. 
sanc (ar.) 437. 
saqr (ar.) 436. 
Schah (ar.) 428. 
scharäb (ar.) 427. 
Scharg (ar.) 428. 
schoruq far.) 428. 
senä (ar.) 437. 
sifık (ar.) 437. 
sifär (ar.) 439. 
siklatun (ar.) 438. 
sodä (ar.) 438. 
sorriga (ar.) 438. 
sukkar (ar.) 438. 
sultän (ar.) 438. 
summäq (ar.) 437. 
8amra (ar.) 408. 
tabl (ar.) 439. 
tabut (ar.) 440. 
talaf (ar.) 439. 
talah (ar.) 439. 
targamau (ar.) 427. 
tarha (ar.) 439. 
taridah (ar.) 439. 
tarkasch (ar.) 425. 
Tassa (ar.) 439. 
therb (ar.) 440. 
turbed (ar.) 440. 
al’ud (ar.) 431. 
Za’feran (ar.) 437. 
zag (ar.) 440. 
zapäya (ar.) 421. 
az-zahr (ar.) 423. 
zakä (ar.) 427. 
zakät (ar.) 427. 
az-zaurag (ar.) 423. 
zedwär (ar.) 440. 
zenäta (ar.) 431. 
Zetani (ar.) 437. 
zingafr (ar.) 440. 


Baskisch. 


abendoa (bask.) ı 1. 

abendua (hask.)IIL. 

abenduba (bask.) 
ıll. 

abentia (bask.) ı 11. 

abentu (bask.) Iıı. 

abostua (bask.) 108. 

abustua (bask.) 108, 

abustuba (bask.) 
108. 

abutzu (bask.) 108. 


-aga (bask.) 397. 
agor (bask.) 495. 
agorra (busk.) 110. 
agorril (bask.) 108, 


395. 
alzaga (bask.) 397. 
amörru (bask.) 396. 
amurri (ronk.) 396. 
amürru (bask.) 396. 
ander (bask.) 395. 
andur (bask.) 398. 
andura (bask.) 398. 
aphirike (bask.) 106. 
apiril (bask.) 106. 
apirila (bask.) 106. 
aprilla (bask.) 106. 
aragaril (bask.) 107. 
arrail (bask.) 408. 
arrailtu (bask.) 408. 
arall (bask.) 408. 
arrapamayatza 

(bask.) 107. 
arraun (bask.) 104. 
arregi (bask.) 397 

A.2. 


arta (bask.) 397. 
artalasto(bask.) 110. 
arte (bask.) 397. 
arteaga (ud. navarra) 
arteka (hochnavarr.) 
397- 
arteko (hochnavarr.) 
397. 
asmau (bask.) 106. 
asta (bask.) 110. 
azaro (bask.) 110 
azil (bask.) LIO. 
babail (bask.) 107. 
bagil(a) (bask.) 107. 
bago (bask.) 107. 
barantaila (bask.) 
105. 
belaurikatu (bask.) 


109. 
belhaunikatu (bask.) 
109. 
beltzila (bask.) ı11. 
belz (bask.) 112, 
berri (bask.) 394 
bildilla (bask.) 110. 
biotz (bask.) 105. 
bizkar (bask.) 398. 
bizkör (bask.) 398. 
buruil (bask.) 109. 
buruila (bask.) 109, 
cherri (bask.) 398. 
culotz (bask.) ıı1. 
dagonil (bask.) 109. 
daponilla (bask). 
109. 


675 


danzau (bask.) 106. 

achaımarra (bask.) 
497. 

.egi (bask.) 397 
A.2 


ekhaila (bask.) 108. 
elizaga (bask.) 397. 
elurte (bask.) 104. 
epaila (bask.) 105. 
epaki (bask.) 106. 
ephai (bask.) 106. 
ephaila (bask.) 105. 
errearoa (bask.) 107. 
ereiaro (bask.) 106. 
esquer (bask.) 394. 
etbola (bask.) 408. 
ezkerra (bask.) 402. 
gabon-egun (bask.) 
118. 
gabon-gaba (bask.) 
III. 
gabongari (bask.) 
gabonil (bask.) ııı. 
gabonsubil (bask.) 
IIr. 
gabonts (bizk.) 399. 
gagontz (bizk.) 399. 
gangul (bask.) 398. 
gangur (bask.) 398. 
gapar (niedernav), 
garagaril (bask.) 
106. 


garagartzaro (bask.) 
107. 
garau (bask.) 106. 
garil (bask.) 108. 
garoil (bask.) 110. 
garratoin (bask.) 
107. 
garrik (bask.) 395. 
gastafiazitu (bask.) 
1lOo. 
gan (bask.) 399. 
gau + bon (bask.) 
Ill. 
gauonts (bizk.) 389. 
gerenda (bask.) 400. 
gherinda(bask.)400. 
gorotzila (bask.) 111. 
gorri (bask.) 394, 
gura (bask.) 103. 
harri (bask.) 400. 
harriaga (bask.) 397, 
Aı 


hil (cask.) 103. 
hunts (niedernav.) 


399. 
hüntz (bask.) 399. 
ibai (bask.) 401. 
ihi (bask.) 103. 


43* 


676 


ikuzi (bask.) 107. 
il (bısk.) 103. 
ilbelız (bask.) ııı. 
ilotea (bask.) 111. 
inguru (bask.) 103. 
ira (bask,) 103. 
irail (bask.) 110. 
iraila (bask.) 110. 
irailla (bask.) 110. 
iru(r( (bask.) 104. 
it8ola (bısk.) 408. 
itzotzil (bask.) 104. 
jolas (bask.) 106. 
jorra (bask.) 106. 
jorraila (bask ) 107. 
kakur (bask.) 398. 
kaparra (Pardets) 
399. 
khapar (soul.) 399. 
küskandel (nieder- 
nav.) 405. 
hacarre (bask.) 402. 
lakarra (ba;k.) 402. 
lapharra (nav.) 399. 
lastail (bask.) 110. 
Jau (bask.) 104. 
lau(r) (bask.) 104. 
legarra (bızk., bas- 
nav., guip)) 402. 
leizar (bısk.) 105. 
liot (bask.) ı11. 
lita (bask.) 402. 
lizar (bask.) 104. 
lloll (bask.) 104- 
loraila (bask.) 106. 
lotazıl (bask.) ıı1. 
Jur (bask.) 422. 
Jürta (bask.) 402. 
lurte (bask.) 402. 
lurrutu (bask.) 422. 
luta (bask.) 492. 
*]ute (bask.) 402. 
lurho (bask.) 402. 
modorro (bask.) 
423 
magarda (ronc.) 400. 
mai tz (ba«k.) 106. 
maiatzu (bask.) 106. 
mana ıb'zk.) 493. 
mandar (bizk ) 403. 
mando (ba«k ) 403. 
mandü: (soul.) 403. 
maßüı (soul.) 403. 
marchoa (bask.) 105. 
marti (ba:k.) 105. 
mat8orra (bask.) 
403. 
mauka (bask.) 104. 
nau (bask.) IIT. 
negil (bask.) 104. 


WORTREGISTER. 


negila (bask.) 111. 
negu (bask.) 104. 
nik (bask.) 198 
ondärra (bask.) 396. 
ori (bask.) 105. 
orrilla (bask.) 106. 
-orro (bask.) 398. 
ostarila (bask.) 106. 
ostaroa (bask.) 106. 
ostaila (bask.) 106. 
otaegi (bask.) 397, 
A2. 


ote (bask.) 407 

oihe (ndnav., soul., 
lab.) 407. 

*othe-aga (bask.) 


407. 
otsail (bask.) 105. 
otz (bask.) 105. 
ozkirri (bask ) 105. 
patar (bask.) 403. 
petar (ni:dernav.) 


402. 

sakaıldu (bask.) 
403. 

#sangandera (bask.) 
405. 

sangongifu (hoch- 
nav.) 406. 

San Juanila (bask.) 
107. 

Santanail (bask.) 
108. 

sapar (niedernav.) 


399. 

saphar (niedernav.) 
399. 

soratsaga (bask.) 


397- 
seail (bask.) 403. 
sega'l (bask.) 403. 


segaitı (bask.) 403. 


segeitı (soul.) 403. 
sehaildu (bask.) 403. 
sekail (bask.) 403. 
semendi(bask.) I 11. 
senpe (bizk.) 404. 
sengle (bizk.) 404. 
si (ba;k.) 103. 
sistor (bizk.) 404. 
solaguinda (bizk.) 
406. 
sorgin (bask.) 405. 
sugandola (bask.) 
495. 
sugekandera (ronk,, 
lab.) 405. 
surangit ı (hochnav.) 


405. 
Bakur (bask.) 398. 


$amar (bizk., guip.) 


407. 
Singli (guip.) 404. 
Bingor (basnav.) 
398. 
Sißklo (bask.) 404. 
Sıökor (soul.) 398. 
Bola (bask.) 408. 
Solo (bask.) 408. 


Sorgandila(labourd.) 


495. 
Süßkandea (soul.) 
405. 
tarroka (bask.) 406. 
*toe (bask.) 407. 
*toja (iber.) 407. 
*toju (iber.) 407. 
toska (bask.) 406. 
toßka (soul.) 406. 
tsakur (bask.) 398, 
A.2 


tBakur (bask.) 398. 
t3amar (lab.) 407. 
t3amarra (ronk., 
niedernav.) 407. 
*(Saparra (bask.) 
400, A,2. 
tSıngor (bask.) 398. 
t8inkor (ronc.) 398. 
t8int8or (zuip) 399. 
tSintßär (bizk.) 398. 
tSint8orta (bizk.) 


395. 
t8irra (bisk., guip.) 
404. 
t8irri (bizk.) 404. 
tBistor (bizk.) 404. 
tßola (bask.) 408. 
t8ulo (bask.) 408. 
uda (bask.) 107. 
udabarri (bask.) 


107. 
udaberri (bask.) 


107. 
udabıotz (bask.) 
107. 
udaila (bask.) 107. 
udar (bask.) 107. 
udatxori (bask.) 107. 
ule (bask.) 107. 
Ullivarri (bask.) 
100. 
ur (bask.) 104. 
Uri (bask.) 106. 
urka (bask.) 104 
urre (bask.) 104. 
urri (bask,) 110. 
urria (bask.) 110. 
urrieta (bask.) IIO. 
urril (bask.) 110. 


urrila (bask.) 110. 
urrila bigarrengo 
(bask.) 110, 
urrigı (bask.) 110. 
ürtaıl (bask.) 104. 
urtaril (bask.) 104. 
urte (bask.) 104. 
usta (bask.) 108. 
utza (bask.) 108. 
utzail (bask.) 108. 
yorraila (bask.) 106. 
zamar (nav.) 407. 
zapar (bask.) 399. 
zarcladur (bask.) 
106. 
zarcl&der (bask.) 
106. 
zerri (bask.) 398. 
zezeila (bask.) 105. 
zezendu (bask.) 105. 
zezengli (bask.) 105. 
zezenki (bask.) 105. 
zigor (bask.) 404. 
zingle (guip.) 404. 
zirri (bask.) 404. 
zirria (ronc.) 404. 


Germanisch- 


acheven (me.) 616. 
appeat (engl.) 616. 
appele (me.) 616. 
barbigan (mhd.) 424. 
beran (germ.) 543. 
Blumenmonat (d) 
106. 
buss (aengl.) 442. 
bussa (nordgerm.) 
442. 
carry (engl.) 542. 
chrote (ahd.) 509, 
A 


3: 
dask (Schlesw.) 578. 
disc (ags.) 578. 
disc (ahd.) 578. 
disch (ndl.) 578. 
dısh (engl.) 578. 
disk (wesıf.) 578. 
disk (dän.) 578. 
dıskr {anord.) 578. 
diss (westf.) 578. 
doubt (engl.) 615. 
dvals (got.) 52. 
Ecobe (mhd.) 420. 
Ecub (mhd.) 420. 
Ey kub (mbhd.) 420. 
fäk (kärnt.) 518. 
farken (d.) 507. 
ferkel (d.) 506. 
gala (anord.) 52. 


*galabold (germ.) 
53. 
#galawald (germ.) 


gale (engl) 52. 
galen (schwed,, alt- 
dän.) 52. 


galinaere (mhd.) 60. 


galine (mhd.) 69. 
galle (germ.) 50. 
gal regne (dän.) 52. 
Gast (d.) 55. 

geil (germ.) 60. 
nier (d.) 616. 
hriba (germ.) 436. 
me&s (got.) 577- 
molta (ahd.) 503. 
molwurp (frk.) 508. 
morfelen (Brabant) 


45- 
morfeln (bayr.) 45. 
morfeu (mndl.) 44- 
*morfjan (langob.) 


44. 
*morpen (ndl.) 45. 
*motta (zerm.) 503 
mount (engl.) 615. 
*mozza (langob.) 


503. 
multwurf(ahd.) 508. 
mu(!)werf(ahd.) 508. 


murf (nndl.) 45. 

murfeln (bayr.) 45. 
murfen (mhd.) 45. 
mürfle (elsäss.) 45. 


mürpfe (aargau.) 44. 


murpfen (mhd.) 44. 


WORTREGISTER. 


mürpfen (alem.) 44. 
*murphjan (ahd.) 


4%. 
*murpfjan (langob., 

ahd.) 45. 
mus (mhd.) 504. 
Nachtigall (d.) 52. 
plash (engl.) 537. 
priester (d.) 616 A. 
Ratze (d.) 504. 
Schermaus (d.) 505. 
sunus (germ.) 103. 
tasse (d.) 439. 
thwahlja (frk.) 52. 
tix (ahd.) 578 
Tisch (d.) 578. 
tower (engl.\ 615. 


tragen (d.) 542. 
Varis (mhd.) 420. 
*walhiskare (germ.) 


54. 
*zohha (langob.) 


505. 
zuohha (ahd.) 505. 


Griechisch. 
aunoas (gr.) 422. 
T'araroı (gr.) 56. 
yalen (gr.) 58. 
yalls (gr.) 50. 
y0).A10v (gr.) 50. 
yailaoı (gr.) 50. 
dıxeiv (gr.) 579. 
diaxoc (gr.) 576. 


donyovuavog (gr.) 
427. 
xzaAlasa (pr.) 50. 
20440109 (gr.) 50. 
»&lo» (gr.) 60. 
naıuod (ngr.) 432. 
naxeAka (gr.) 120. 
dı&ıx0» (gr.) 435. 
e1&ıx0» (vgr.) 435- 
tepxacıov (gr.) 
425. 
10024010» (gr.-byz.) 
425. 
1a0xog (galat.) 406. 
TupAög novrxög 
(gr.) 506. 
yegeıv (gr.) 543. 
xnueie (gr.) 421. 
10.05 (gr) 50. 


Keltisch. 


#.all- (kelt) 55. 
chrotta (kelt.) 435. 
discl (akymr.) 578. 
discou (abret.) 578. 
disk (nbret.) 578. 
dysg! (nkymr.) 578. 
gadal (bret.) 55. 
gal (kelt.) SS. 

gall (bret.) 55. 
*gall (kelt.) 57. 


677 


gallaf (corn.) 55. 
gallas (corn.) 55. 


gallö (bret.) 55. 
galvaden (bret.) 54. 
goap (bret.) 54- 
gyliys (corn.) 55. 
#,ücos (gall.) 506. 
lucot- (kelt.) 507. 
tascos (gall.) 406. 
tasc (air.) 578. 


Slaviseh. 


busa (russ.) 442. 

&obot (russ.) 436. 

diskos (bulg.) 576. 

krztz (urslaw.) 509, 
A 


EB. 

krt (slov.) 509, A.3. 
maimuna(bulg.) 432. 
misa (ksl.) 577- 
miza (slov.) 577- 
risik (bulg.) 435. 
sobolj (russ.) 507. 


Verschiedene Sprachen. 


&abuta (türk.) 436. 
duscu (berb.) 578. 
galabere (alban.) 51. 
nabät (pers.) 434. 
nebat (türk.) 434. 
pistah (pers.) 429. 
tabir (pers.) 439. 
tattab (pers.) 439. 
ulak (türk.) 431. 


Hans BROSZINSKI. 


Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale). 


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Druck von Karras, Kröber & Nietschmaon in Halle (Saale). 


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Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale). 


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Register zur Zeitschr, £ rom. Phil. Bd. XLVL 


— 


Sachregister. 


Abteien, Beziehungen d. engl. A. zur 
frz. Lit., 503— 504. 

Alessandro d’Ancona, 762. 

Alexandersage, IO2, 

Artusepik, Entwicklung der, 492. 

Auberi, s. frz. Ltg. 

Aucassin et Nicolette, 489. 

Aurora, s. Bibelversifikation, SS. 

Bibelversifikation: Hans Opper- 
mann, Petrus Riga und Petrus Co- 
mestor, 5SS—73. 

Bischof Bonus, Marienlegende, 112, 

Caesarius von Heisterbach, 100, 107, 
115. 

Chansonnier d’Arras, s. frz. Ltg. 

Chrestien de Troyes, 495. 

Confision del amante por Joan 
Goer, s. span. Ltg. 

Conqutte de Constantinople 
(Robert de Clari), 489. 

Corpus Cantilenarum Medi Aevi: 
Jean-B. Beck, Mitteilung, 767—768. 

Crisostomoslegende, 115. 

Dante, s. it. Ltg. und 761—762. 

Disciplina clericalis (tosk. Frag- 
ment), 762. 

Diz et proverbes des sages, 505. 

Einsiedler und Spielmann, 482. 

Eliduc, 503. 

Eneas, 490—491. 

Erotokritos, 109. 

Farinelli, Arturo, 105. 

Flayder, ı01. 

Französisch. Zautlehre: Jordan, 
Leo, Altfranzösisches Elementar- 
buch, 1928, rez. v. H. Breuer, 85s— 
91. — Schwanken zwischen inter- 
vokalischem r und s im 16.° p. 300. 
— er—.ar in der Volkssprache, 
p. 3c0 ff. 

Syntax: J. Gordon Andison, The affır- 
mative particles in French, 1923; 
rez. v. Alfred Schulze, 94—96. — 
Moritz Regula, Zu gendrulement 


parlant = d gendräalement parler, 
311. — Moritz Regula, Zum Ad- 
verbialtyp -dment, 312—313. — 
Theodor Kalepky, Zur französischen 
Syntax: antf- Formen, 618—644. 
Literaturgeschichte: Favre, Chr., Pro- 
verbes et dictons de Savidse, I—26. 
— Breuer, H., Zum Thomasleben 
des Guernes von Pont-Sainte- 
Maxence, 77—80. — Le roman de 
Jehan de Paris. Publie ... par 
Edith Wickersheimer, Paris 1923; 
rez. v. L. Karl, 91—92. — Les 
fortunes et adversitez de Jean 
Regnier, „.. publi& par E. Droz, 
Paris 1923; rez. v. L. Karl, 9g8—93. 
— Gunnar Tilander, Etude sur les 
traductions en vieux francais du 
trait€ de fauconnerie de l’empereur 
Frederic1I, 21 1I— 260. — O.Schultz- 
Gora, Zum Text und den Anmer- 
kungen der 3. Auflage der Lais der 
Marie de France (ed. K. Warnke), 
314—325. — Fr. Gennrich, Der 
Chansonnier d’Arras, 325—335. — 
Fr. Gennrich, Zu den afız. Ro- 
trouengen, 335—341. — Vier Lais 
der Marie de France, ed. Karl 
Warnke, Halle 1025 (= Samml. 
rom. Übungstexte II); rez. v. Leo 
Jordan, 367. — Histoire litt@raire 
de la France, Tome XXXVI, fasc. I. 
Paris 1924; rez. v. L. Karl, 368— 
374. — W. Mulertt, Eine franzö- 
sische Amadisschatzkammer, 454— 
456. — O. Schultz-Gora, Zu Guil- 
laume le Marechal V. 5024, 457. — 
H. Sparnaay, Zu Yvain—Owein, 
s17—562. — Chr. Favre, Contes 
de Saviese, 645—665. — M. Rösler, 
Die Beziehungen der Puis zu den 
Gilden, 687—693. — W. Benary, 
Die letzte Tirade des „Auberi“, 
693—696. — A. Hilka, Zu Ztschr. 


ı 


2 SACHREGISTER. 


XLV, 105; (Jolens und Andelise) 
764. 

Gerbert de Montreuil, 485, 492. 

Germanisch: Bergmann, Karl, 
Deutsches Wörterbuch, rez. von 
Elise Richter, 83—85. — M. Sza- 
drowsky, Bzdeutungsparallelen, 445 
452. 

Geste des Loherens, 4096. 

Gottfried Baist +, von Fr. Schürr, 
129—134. 

Gower, Confessio amantis, 428—444. 

Griseldisstoff, 762. 

Guernes von Pont-Sainte-Maxence, 
s. frz. Ltg. 

Guilhem de Cabestanh, 490. 

Guillaume le Mare&chal, s. frz. Ltg. 

Henry Plantagenet, 760. 

Hildebert von. Tours, s. Bibel- 
versifikation, 55. 

Imma Portatrix 
Emma), 101. 

Italienisch. Wortschats: Taglia- 
vini, Carlo, Di alcune antichissime 
parole alpine, 27—54. — Rohlis, 
Gerhard, Die Quellen des unterital. 
Wortschatzes, 135—164. — Grie- 
chisch in Unteritalien, 136 ff. — 
Kalabrogriechisch und Oftranto- 
griechisch, 140 ff. — Archaische 
Elemente im Griechischen Süd- 
italiens, 142f. — Das Griechische 
auf Sizilien, 143f. — Arabische 
Bestandteile in den unterit.-siz. 
Dialekten, 146 ff. — Oskisch und 
Umbrisch im unterital. Wortschatz? 
ı53f.—ı55f. — Via Appia, via 
Flaminia und Sprachmischung, 304. 

Lautlehre: Assimilation von nd >n 
in Unteritalien, 153. — nd > un 
in Unteritalien, ı53f. — Sonori- 
sierung stimmloser Verschlufslaute 
nach Nasalen in Unteritalien, 154. 
— Vok.d > Vok.6 > r in Unter- 
italien, 154. — Oskisch -Umbr. inter- 
vok. / statt lat. intervok. 5 in unter- 
ital. Mundarten, 155 fl. — Oskischer 
Einflufs im Vokalismus heutiger 
unterit. Mundarten, 158. — Die 
Sufftixe -arru, -orru, -urru in 
Nordkalabrien und in der Basili- 
kata, 160fl. — d >e im Romagno- 
lichen, 295. — vit.e und 0 >?’ 
bzw. # im Südital., 299. 

Syntax: Griechischer Einfluls im Er- 
satz des Infinitivs durch persönliche 
Konstruktionen in unterital. Dia- 
lekten, 139f. 

Literaturgeschichte: Dante Alighieri, 
Die Blume (Il Fiore), übs. von 


(Eginhard und 


Alfr. Bassermaun, 1926; rez. von 
B. Wiese, 720—722. — Giomale 
Storico della Letteratura Italiana, 
Anno XVIII, vol. LXXXV, fasc. 
1/2; rez. v. B. Wiese, 723—731. 

Jagdlehrbücher, s. frz. Ltg. 
aufre, s. prov. Ltg. 

Tas de Puycibot, 491. 

Jean Bodel, 492. 

Jean Lemaire de Belges, 504. 

Jean R£&gnier, s. frz. Ltg. 

Jean Renart, Galeran de Bretagne, 
488—489. 

Jehan de Paris, s. frz. Ltg. 

Kasseler Glossen, 113. 

Katalanisch: Rokseth, P., Termino- 
logie de la culture des cer&ales A 
Majorque, 1923; rez. v. P. Krüger, 
466—469. — P. Fouche, Phont- 
tique historique du roussillonnais, 
1924; rez. v. P. Krüger, 460466. 

Lai Haveloc, 48S. 

Lamentationes Matheoli: P.Leh- 
mann, Zur Überlieferung der, 696— 
699. 

Lateinisch: Moritz Regula, Zur 
Entstehung des Infinitivus pathe- 
ticus im Fragesatz, 310. — Moritz 
Regula, Zum lat. Nominativus ab- 
solutus als Vorläufer roman. Kon- 
struktionen, 311—312. — H.Breuer, 
Kleine Phonetik des Lateinischen 
mit Ausblicken auf den Lautstand 
alter und neuer Tochter- und Nach- 
barsprachen, Breslau 1925; rez. r. 
W. Baehrens, 470—471. — Pauline 
Taylor, The Latinity of tbe Liber 
historiae Francorum. A phonological, 
morphological and syntactical study. 
N.Y. 1924; rez. v. W. Baehrens, 
471. 

Liber de miraculis sanctae Dei 
Genetricis Mariae, 104—10S. 

Liber Historiae Francorum, 471. 

Lope de Vega, s. span. Ltg. 

Ludovicus Bigamus (Gleichensage), 
101. 

Mabinogi, 505. 

Malory, Le Morte Darthur (Tristan- 
teil), SIT. 

Marie de France, s. frz. Ltg. 

Ovidius de nuntio sagaci: 
P. Lehmann, Der schlaue Liebes- 
bote, 699— 705. 

Parzival u. d. Gral in der Dichtung 
des Mittelalters, 497—499. 

Pastorela, 759. 

Patriklegende, s. span. Ltg. 

Petrus Comestor, s. Bibelrersi- 
fikation. 


SACHREGISTER. 3 


Prosatristan, Sıt. 

Prothesilaus (Hue de Rotelande), 
02. 

Provenzalisch: Breuer, H., Be- 
richtigungen zur Ausgabe des „Jau- 
fre®, 80—81. — Hermann Bıreuer, 
Zum aprov. Artusroman Jaufre, 
411—427. 

Puis und Gilden, s. trz. Ltg. 

Queste del Saint Gral, 487. 

Reimprosa, lateinische, 111I—112. 

Richard ron Fournival, Bestiaire 
d’amour, 501. 

Romanische Philogie AU- 
gemeines: Jahrbuch für Philologie, 
hrsg. v. V. Klemperer u. E. Lerch, 
I, 1925; rez. v. Leo Jordan, 356— 
366. — Breviario di Neolinguistica. 
Parte I: Principi generali di G. Ber- 
toni; II: Criteri tecnici di M. G. 
Bartoli. Modena 1925; rez. v. Leo 
Jordan, 706—713. — Alfredo 
Schiaffini, Intorno al nome e alla 
storia delle chiese non parrochiali 
nel medio Evo (A proposito de 
toponimo „basilica*), Sonderabdruck 
aus Archivio storico italiano 1922. 
— Ders., Per la storia di „parochia“ 
e „plebs“, Sdabdr. aus Archivio 
storico italiano 1924; rez. v. Fr. 
Schürr, 717—719. — A. Zauner, 
Romanische Sprachwissenschaft. II, 
1926; rez. v. L. Karl, 720 

Wortschats und Kultur: Jüdisch- 
Romanisch, 103. — Griechen und 
Romanen in Unteritalien, 105, III. 
Afroromanisch und Iberoromanisch, 
von W. Meyer-Lübke, 116—128. — 
Konkordanz des Unteritalienischen 
im lat. Wortschatz mit dem Rumä- 
nischen, Sardischen und Spanischen, 
162fil. — Zetere und applicare in 
der südl. Romania, 164. 

Lautgeschichte: Fried. Schürr, Laut- 
gesetz oder Lautnorm? 291— 305. — 
Analogie, 293. — Euphemismus, 
292. — „Tabu“ und Lautwandel, 
292. — Umlautswirkung von -5, 4 
im Romanischen, 294, 300. — Di- 
phthongierung roman. off. Vok. in 
geschloss, Silbe, 294. — Einschrän- 
kung der Ausdehnung eines Laut- 
wandels, 296. — Gillıerons Prinzip 
der Vermeidung der Homonymität, 
297 fl. — Reaktionsbildungen, 288. 
— Zeitliche und örtliche Grenzen 
des Lautwandels, 301 ff. — Dialekt- 
bildung, Wesen der, 494—495. 

Roman de Renart, 510. 

Rosenroman, 508. 


Rothersage, IIOo. 

Rotrouengen, 335—341. 

Rumänisch. Wortschats: Ver- 
wandschafisbeziehungen zum Mittel- 
und Süditalienischen, 715—716. — 
Beziehungen des Rumänischen zum 
Sardischen, 716. — Beziehungen 
des Rumänischen. zum Spanisch- 
Portugiesischen, 716-717. — Sextil 
Puscariu, Locul limbii romäne intre 
limbile romanice. Buc. 1920; rez. 
v. Fr. Schürr, 713—717. 

Lautlehre: -esc statt -äsc bei Verben 
mit labialem Stammauslaut, 292. — 
Ablaut d— nach Labialen in der 
nominalen Flexion, 294. — s und g, 
€£ und © in istrorumänischen Dia- 
lekten, 303. 

ta Nachstellung des Artikels, 
298. 

Rutebeuf, Miracle de Th£ophile, 
492. 

Sainte Foi d’Agen, 491. 

Slavisch und Balkanlatein: Peter 
Skok, Zur Chronologie der Palata- 
lisierung von c, g, qu, gu, vor e, 1t, 
Yı$ im Balkanlateın, 385—410. — 
Lat.cad, ec > slav.c; lat. gel > 
slav. 2, 387—392. — Lat.cHV, cd 
> slav. fs, lat. gs © > s(?) 392— 399. 
— Lat. csi = slav.k, 399—404. 
— Lat. gu! > slav. %, 400. — Lat. 
cy > slav.%, 401. — Lat.cj > alb. 4, 
401—404. — Lat. g > slav.g, 404 
—407. 

Spanisch. Sprache: Real Academia 
Espafiola, Diccionario de la lengua 
espafiola. 1925 Madrid, rez. v. P.de 
Mugica, 374—380. — J. E. Pichon y 
J. Aragö, Lecciones präcticas de 
lengua espafiola. Freiburg i.B. 1925; 
rez. v. F. Krüger, 469. 

Literatur: Maria Tietze, Lope de Vega 
und Amarilis, 165—210. — W. Mu- 
lertt, Die Patriklegende in spanischen 
Flores Sanctorum, 342—355. — 
Obras de Lope de Vega. Publi- 
cadas por la Real Ac. Esp. (Nueva 
ediciön) Obr. dram. I. II. 1II, Madr. 
1916—17; rez. v. Adalb. Hämel, 
381—384. — K. Pietsch, Zum Text 
der Confision del Amante por Joan 
Goer, 438—444. — Juan Hurtado y 
J. de la Serna y Angel Gonzälez 
Palencia, Historia de la literatura 
espafola, 2da ed. Madr. 1925; rez. 
v. Wern. Mulertt, 469—470. 

Steinbücher, anglonorm., 509. 

Tractatus de arte venandi cum avi- 
bus, 211. 


ı* 


4 SACHREGISTER. 


Tresor d’Amadis, s. frz. Ltg. 

Tristan und Isolde, 506, 

Vagantendichtung, 109—110. 

Vasconcellos, Carolina Michaelis de 
V. zum Gedächtnis, von F. Krüger, 
513—516. 

Visionenliteratur, 114. 

Voeux du Paon, 495. 

Walter von Chatillon, 113. 

Yvain—Owein, s. frz. Ltg. 

Wortgeschichte. Romanisch: 
Moritz Regula, Zum deiktischen :;- 
und a- in den romanischen Demon- 
strativen, 305—308. — P. Marchot, 
Nouveaux apercus sur les noms de 
lieu en -mala, 680—687. — G.Rohlfs, 
Hacken und Böcke, 763—64. 

Französisch: O. Schultz-Gora, Afrz. 
isnel, 70—77. — Moritz Regula, 
Frz. regretter, 309—309. — Josef 
Brüch, Afrz., aprov. Zlaıis „Hecke“, 
453—454. — O. Schultz-Gora, Das 
altfranz. Sprichwort Ou force vient, 
justice prent, 457—459. — Leo 
Spitzer, Ein neues Französisches 
Etymologisches Wörteibuch, 563 
—617. — G. Tilander, L’origine et 
le sens de l’expression “je lu! ferai 
mon jeu Ppuir”, 666—678. — 
P. Marchot, Wallon, (dialecte lie- 
geois) mäasi „malpropre, sale“, 678 
—79. — Ders, Wallon. Ci n’est 
gu’ chr fleür, gu’ chr et fllürs, etc., 
679-680. — E. Lerch, Zu Zischr. 
XLVI, 360 (besiches), 766—67. — 

Italienisch: G.Rohlfs, Zu abruzz. sku- 
pin» = 'Dudelsack’, 74—706. — 
L. Spitzer, Zu Ztschr. XLVI, 74 fl. 
(abruzz. skupins, Dudelsack, ur- 
sprüngl. ‘Schlauch’), 764—65. — 
Ders., Zu Ztschr, XLVI, 2ııfl.; 
764—65. 

Katalanisch: W. Meyer-Lübke, Zu 
Zischr. XLIV, 586 (kat. xefra) 764. 

Provenzalisch: Jos. Brüch, Afız., aprov. 
plais ‚Hecke‘, 453—454. 

Zeitschriftenschau. (mit Aus- 
nahme von Archiv B. 145—148 be- 
sprochen von A. Hilka.) Analecta 
Bollandiana, t. XLIII (1925), 731 
—732. — Archiv für das Stndium 
der neueren Sprachen und Litera- 
turen, hrsg. von A. Brandl und 
O. Schultz-Gora, 77. Jg-, 145. Bd. 
1226; 78. Jg., 146. Bd. 1923; 79. Jg., 
147. Bd. 1924; 80. Jg., 148. Bd. 
1925; rez. v. H. Breuer, 472—482. 
— Archivum Romanicum, vol. X, 
Nr, ı/2 (Januar-Juni 1926), 732. 
— Deutsche Vierteljahrsschrift tür 


Literaturwissenschaft und Geistes- 
geschichte, hrgb. von Paul Kluck- 
hohn u. Erich Rotbhacker. Halle, 1I 
(1924); 733. — lberica, Zuschr. fur 
span. und ptg. Auslandskunde. Organ 
des Ibero-amerikan. Instituts. Ham- 
burg. Bd.IV, Heft 1—4 (Okt.-März 
1925/26); Bd. V, Hett 1—4 (April- 
Sept. 1926), Beiblatt 6—9; Bd. VI, 
Heft i—2 (Oktob.-Dez. 1926); 733 
—735. — Melanges de philologie 
offerts & M. Johan Vising ... Göte- 
borg u. Paris 1925, 96—99. — Mo- 
dern Philology, vol. XXIlI, Nr.1—4 
(Aug. 1925— Mai 1926), 7306 —738. 
— Das, vol. XXIV, Nr. ı—2 
(Aug.-Nov. 1926), 738—739. — Neo- 
philologus XI (1925/26), Lief. 1—4, 
740—74?. — Neusprachl. Studien, 
Festgabe für Karl Luick zu seinem 
sechzigsten Geburtstag ... Marburg 
1935 (= Die Neueren Sprachen, 
6. Beiheft), 96. — Philological Qua- 
terly. A Journal devoted to scho- 
larly investigation in the Classıcal 
and Modern Languages and Litera- 
tures. Published at the Univ. of 
Yowa. Yowa City, Yowa; vol.l, 
1—4 (Jan.-Okt. 1922); vol.1I, 1—3 
(Jan.- Juli 1924); vol. III, 1—4 (Jan.- 
Okt. 1924); vol. IV, 1—2 (Jan.-Okı 
1925); vol. V, 1—4 (Jan.-Okt. 1926); 
742—745. — Revista de la biblioteca, 
archivo y museo. Ayuntamiento de 
Madıid. Administrator: F. Diaz 
Galdös. Afiol, Nr. ı (Enero 1923), 
745 —727. — Revue des Eıudes 
Horgroises et Finno - ougriennes. 
(Artıkel, die den Romanisten an- 
gehen): Bd. II, Nr. 2/3 (Apr.-Sept. 
1924); Bd. III (1925), Nr. ı/2 n. 3:4; 
Bd. ıV (1926), Heft 1—4, 746. — 
Romania, t. LI (1925). Januaiheft 
1925 (Nr. 201), Aprilbeft 1925 
(Nr. 202), Juliheft 1925 (Nr. 203), 
Oktoberhett 1925 (Nr. 204), t. LIl, 
Januar-Aprilbeft 1926 (Nr. 205/6), 
747—758. 

Neuerscheinuugen (bespr. von 
A.Hilka). Allgemeine Sprach- u. 
Literaturwiss.:. Jean Audiau, La 
Pastourelle dans la poesie occitane 
du moyen-äge, Paris 1923, 759. — 
Auslandsstudien, hgb. vcm 
Aıbeitsausschufs zur Förderung des 
Auslandsstudiums an der Albertus- 
Univ. zu Königsberg i. Pr. L Bd.: 
Die romanischen Völker. Kog:bg. 
1925, 99—1cC0. — Anton Bajec, 
„Filius regi“ en roman ... (1925) 


SACHREGISTER. 5 


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Das Fortieben der antiken Götter 
im mittelalt. Humanismus. Bonn 
und Leipzig 1922, 102—103. — 
D.S.Blondheim, Les parlesjude&o- 
romans et la Vetus Latina. Etudcs 
sur les rapports entre les trad. bibli- 
ques en langue romane des juifs 
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Paris 1925, 103. — James Douglas 
Bruce, The evolution of Arıhurian 
Romance 1 Göttingen 1935, 
492—93. — Georges Duhamel 
et Charles Vildrac, Notes sur la 
technique poß&tique, Paris 1925, 
494 — K. Ettmayer, Über das 
Wesen der Dialektbildung, erläutert 
an den Dialekten Frankreichs. Wien 
1924, 495. — Arturo Farinelli, 
Aufsätze, Reden und Charakteri- 
stiken zur Weltliteratur mit Vorwort 
von M. Koch. Bonn-Leipzig 1925, 
105. — M. Friedwagner, Roma- 
nische Philologie. Frankfurt 1924 
—25, 106. — Edizioni dell’ Istituto 
Christoforo Colombo, ... (23) Amedo 
H.Giamini, L’Istituto Christoforo 
Colombo e la sua funzione. Roma, 
108—109. — lorgı lordan, 
Teroiile lingvistice ale lui Karl 
Vossler. Iasi 1924, 108. — Jahres- 
bericht des Literarischen Zentral- 
blaites, beb. Wilh. Fels. Englische, 
romanische, slavische Sprachen und 
Literaturen. I. Jbg. 1924, Bd. ı2. 
Lpz. 1925, 107—108, — Guillermo 
Jünemann, Estetica literaria.. Frbg. 
i. Br. [1924], 108. — G.Rohlfs, 
Griechen und Romanen in Unter- 
italien. Gen&ve 1924, 112. — 
W.v.Wartburg, Sprachgeschichte 
und Kulturgeschichte (1924); ders., 
Was das Volk in die Sprache hinein- 
denkt (1924), 114.— Emil Winkler, 
Das dichterische Kunstwerk. Heidel- 
berg 1925 (= Kult. u. Spr.®), 116. — 


Französisch: Louis Allen, De l’Her- 


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1925, 482— 483. — Maurice Baudin 
and Edgar Erwing Brandon, La 
Petite Ville par Louis Benoit Picard, 
edited ... N.Y. 1925, 483. — 
Joseph B&dier, Les fabliaux . 

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Alexander Bell, Le lai d’Haveloc 
and Gaimar’s tlaveloc episode edited. 
Manchester 1925, 485. — Biblio- 
theca romanica. Bibliotheque 
francaise. Nr. 300: (Euvres de 
Chateaubriand. Les Aventures du 


dernier Abencerage, ed. Schneegans; 
Nr. 303: La R&surrection du Sauveur, 
ed. Schneegans. Nr. 304/5: Oeuvres 
de Philippes Des Portes I, ed. 
Vaganay. Nr. 308/9: Oeuvres de 
Philippes Des Portes II, ed. Vaganay 
(1925), 484. — Les Classiques fran- 
cais du moyen Age, publies sous la 
direction de Masio Roques. Paris, 
Ed. Champion. Nr. 34 (1923); 
Charles d’Orl&ans, Poe&sies, par 
P. Champion, I, 487. — K. Christ, 
Die altıfranz. Hss. der Palatina, 
Lpz. 1916, 493. — G. Cohen, Le 
livre de conduite du regisseur et le 
compte des d&penses pour le Mystere 
de la Passion jou& & Mons en 1501... 
Strafsb. 1935, 493—494. — Class. 
fre. du m.-&. Nr. 29 (1922): Le roman 
de Troie en prose, par L. Constans 
et E. Faral, t.I, 486. — P.Fa- 
briek, La construction relative dans 
Chretien de Troyes. Diss. Amster- 
dam 1924..— O. Forst-Battaglia, 
Die frz. Literatur der Gegenwart. 
Wiesb. 1925, 495—96. — Class. frc. 
du m.-&. Nr. 37 (1925): Jean Renart, 
Galeran de Bretagne, par Foulet, 
488—89. — Class. fre. du m.-4. 
Nr. 30 (1922) La Passion du Pala- 
tinus, par Grace Frank, 486. — 
Class. frc. du m.-4. Nr. 49 (1925): 
Rutebeuf, Le miracle de Theophile, 
par Frace Frank, 482. — Frank 
T. H. Fletcher, Etude sur la langue 
des Voeux du Paon... Paris 1924, 
495.— Freytags Sammlung fremd- 
sprachl. Schriftwerke, Leipzig, Fran- 
zösisch Nr. 100— 105, 4959. — 
Gie[lsener Beiträge, Heft XIV 
(1924. — XVII (1925), 496. — 
Leonh. Gleich, Der landschaftl. 
Charakter des Geste des Loherens, 
Diss. München 1925, 496. — Wolf- 
gang Golther, Parcival und der 
Gral in der Dichtung des M.-A. und 
der Neuzeit, Stuttg. 1925, 497—499. 
— W. Gottschalk, Französische 
Synonymik für Studierende und 
Lehrer 1u. II, Hdbg. 1925, 449— 500. 
— )J. Haas, Kurzgefafste franz. 
Syntax, Halle 1924; Ders.: Kurz- 
gefafste franz. Literaturgeschichte, 
Halle I (1924), Il (1925), III (1925), 
5600. — ]J. Haas, Um Balzac’s 
„Lilie im Tal“, Tübingen 1924, 500. 
— Prosper Merime&e, Colomba, 
ed. par Ad. u. Ang. Hämel, Bin. 
1924, 500. — H. Hatzfeld, Die 
franz, Renaissancelyrik, Münch. 1924, 


SACHREGISTER. 


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durch Formähnlichkeit im Neufran- 
zösischen, München 1924; ders, 
Leitfaden der vergleichenden Be- 
deutungslehre, Münch. 1924, 500. 
— Class. frc, du m.-4. Nr. 35 (1924): 
Maistre Pierre Pathelin par R.T 
Holbrook, 487—88. — Class. fıc. 
du m.-&. Nr.48 (1925): Jean Bodel, 
Le Jeu de Saint Nicolas, par 
A. Jeanroy, 492. — Max Kapp, 
Die Frauengestalten in Molieres 
Werken, Halle 1925, 501. — Hildung 
Kjellmann, Frz. iduec — aluec — lues, 
Göteborg 1925, 5S01—502. — Victor 
Klemperer, Die moderne franzö- 
sische Prosa (1870— 1920), Lpz.-Bin. 
1923, 502. — Frauz Kluckow, 
Hue de Rotelande; Prothesilaus 

.. I, Göttingen 1924, 562. — 
Class. frc. du m.-&. Nr. 31 (1923): 
Le Mariage des Sept Arts par Jehan 
le Teinturierd’Arras, par Längf ors, 
486—87. — Class. frc. du m.-&. 
Nr. 22 (1925): Le Couronnement de 
Louis, par E. Langlois, 485. — 
Class. fre. du m.-4. Nr. 36 (1924): 
Adam le Bossu, Le Jeu de Robin et 
Marion suivi du Jeu du Pelerin, par 
E. Langlois, 488. — Editions 
Larousse: Paul Adam, Ir&ne et 
les Eunuques; Henry Bordeaux, La 
Maison; Franc-Nohain, Jaboune; 
Edm. Haraucourt, Les Benolt; 
P. Margueritte, Ma Grande; Andre 
Savignon, Filles de la pluie, 502. 
— Class. fre. du m.-4. Nr. 40 (1924): 
Robert de Clari, La Conqutte de 
Constantinople, par Ph. Lauer, 
489. — Arno Lenz, Das Verhalten 
des frz. männl. Artikels // im Nomi- 
nativ Singularis vor Vokal. Diss. 
Jena 1925, 504. — Eug. Lerch, 
Historische französische Syntax, I, 
Lpz. 1925, 503. — Ezio Levi, 
Maria di Francia, Eliduc. Firenze 
1924, 503. — Ezio Levi, Troveri 
ed abbazie, Firenze 1925, 503. — 
Erh. Lommatzsch, Jean Lemaire 
de Belges, Dichtungen. Bin. 1924 
(= Rom. Texte, hgb. E. Lommatzsch 
u. M.L. Wagner, Heft 7), 504. — 
FE. L8seth, Le Tristan et le Pala- 
mede des mss. de Rome et de 
Florence, Kristiania 1924, 594—505. 
— Class. fre. du m.-&. Nr. 47 (1925): 
Proverbes francais anterieurs au 
XVes, par Jos. Morawski, 49I 
—92. — J. Morawski, Les diz et 
proverbes des sages (Proverbes as 


philosophes), Paris 1924, 505. — 
L. Mühlhausen, Die vier Zweige 
des Mabinogi ... Halle 1925, SoS. 
Rodolphe Palgen, Villiers de l’Isle 
— Adam, auteur dramatique. Etude 
critique, P. 1925, 505. — Class. fre. 
du m.-4. Nr. 32 (1923): Alain Char- 
tier, Le Quadrilogue invectif, par 
E. Droz; Nr. 33 (1923): La Queste 
de Saint Graal, par A. Pauphilet, 
487. — De V. Payen-Payne, 
French Idioms and Proverbs, Oxford 
1925, 505. — Cambridge Anglo- 
Norman Texts. General editor: 
O.H. Prior. Poem on the Assump- 
tion ed. by J. P. Strachey. — Poem 
on the Day of Judgment ed. by 
H. J. Chaytor. — Divisiones mundi 
ed. byO.H.Prior. Cambridge 1924, 
505—506. — Friedrich Banke, 
Tristan und Isolde, München 1925, 
s06—507. — Gerhard Rohlfs, 
Sechs afrz. Fablels, Halle 1925 
(= Smml. rom. Übungstexte hgb. 
v. A. Hilka u. G. Rohlfs, Heft ı), 
507. — Class. frc. du m.-4. Nr. 41 
(1925): Aucassin et Nicolette, par 
M. Roques, 489—90. — P.Sak- 
mann, Voltaire, Ma philosophie, hgb. 
München 1924 (= Rom. Bücherei?), 
507. — Class. fre. du m.-4. Nr. 44 
(1925): Eneas, par J.-J. Salverda 
de Grave, 490—491. — Class. fre. 
du m.-&. Nr. 43 (1924): Lettres 
francaises da XlIlIes. Jean Sarasin, 
Lettre & Nicolas Arrode, par A.L. 
Foulet, 490. — W,Söderhjelm, 
Un manuscrit da Roman de la Rose 
a la Biblioth@que royale de Stock- 
holm, Uppsala 1925, 508. — Karl 
Strecker, Die Gedichte Walters 
von Chatillon hgeb. u. erklärt. I: 
Die Lieder der Hs. 35 1 von St. Omer, 
Berlin. 1925, ı13. — Fritz Strob- 
meyer, Der Stil der frz, Sprache, 
2. Aufl. Berlin 1924, 508. — Paul 
Studer und E.G.R. Waters, 
Historical French Reader. Oxford 
1924, 509. — Paul van Tieghem, 
Le preromantisme, Paris 1924, 509. 
— G.Tilander, Derives meconnus 
du latin Zux, Zucem en francais et 
en provengal, Göteborg 1925, SIO. 
— Ders., Lexique du Roman de 
Renart, Paris und Göteborg 1924, 
sıo. — Tobler-Lommatzsch, 
Altfrz. Wörterbuch, Lief. 1—8 (1915 
—1925) = Bd. I, Sıo—sıı. — 
Eugene Vinaver, Etudes sur le 
Tristan en prose, Paris 1925, 511. 


SACHREGISTER. 7 


Ders., Le roman de Tristan et Iseut 
dans l’oeuvre de Thomas Malory, 
Paris 1925, Sır—5ı2. — K. Vo- 
retzsch, Einführung in das Studium 
der altfrz. Literatur, 3. Aufl. Halle 
1925, 5SIı2 — von Wartburg, 
Französisches Etymologisches Wör- 
terbuch, Bonn u. Lpz. 1922 ff. Liet. 6: 
bicornis bis bob-, Lief. 7: Dod- bis 
braca, Lief. 8: braca bis brocus, 512. 
— Class. fre. du m.-4, Nr. 38 (1922): 
Gerbert de Montreuil, La continuation 
de Perceval, par Mary Williams, 
t. I, v. 1—7020, 485. — Class. frc. 
du m.-&. Nr. So (1923): Geıbert de 
Montreuil, La continuation de Per- 
ceval, par Mary Williams, t. II, 
v. 7021—14078 (vgl. Nr. 28), 492. 
Hagiographisches: Thomas Frederic 
Crane, Liber de miraculis Dei Geni- 
tricis Mariae published at Vienne, 
in 1731 by Bernard Pez.... (= Cor- 
nell University Studies in romance 
languages and literature vol. I) 1925, 
104—05. — Goswin Frenken, 
Wunder und Taten der Heiligen. 
München 1925 (= Bücher des Mittel- 
alters, begb. von Fr. von der Leyen ]) 
105—106. — Benjımin P. Kurt, 
From St. Antony to St. Guthlac, a 
study in biographie (1926), 109. — 
Edward Schröder, Die deutsche 
Marienlegende vom Bischof Bonns 
1924. 119—113. 

Italienisch: Le Opere di Dante, Testo- 
critico della Societä Italiana a cura 
di M. Barbi (etc.), Firenze 1921, 
761. — Fr. Schneider, Neuere 
Dante-Literatur IV(1925) = Histor. 
Zs. 131, 761. — Ag. Severino, 
Le bellezze d’Italia I, Rom. Hdbg. 
1925 (= Neuere Schriftst. XV), 763. 
— Karl Vossler, Die Göttliche 
Komödie. 2. Aufl. Hdbg. 1925, 
762. — Ricardo Zagaria, Intorno 
ad Alessandro d’ Ancona, 22 ed. 
Andria 1924, 763. — Ders., Lettere 
inedite di Silvio Pellico e di Nic- 
colö Tommaseo, Luglio 1925, 763. 
Latein u. Mittellatein: Paul Alpers, 
Mittellateinisches Lesebuch, Gotha- 
Stuttpart 1924, 100. — Charles H. 
Belson, A primer of Medieval 
Latin. An Anthology of Prose and 
Poetry. Chicago-Atlanta-New York 
[1925] = The Lake Classical Series, 
10oı—ı1ı02, — Paul Bernstein, 
Lateinische Kirchenlieder aus dem 
Schatze vieler Volker und Zeiten, 
verdeutscht.... Halle 1924, 102. — 


Bibliotheca medii aevi manuscripta. 
Pars prima. Einhundert Hass. des 
abendl. Mittelalters vom 9.—ı5. Jh. 
Katalog83. München, 103— 194. — 
Hermann Breuer, Kleine Phonetik 
des Lateinischen mit Ausblicken auf 
den Lautstand alter und neuer 
Tochter- und Nachbarsprachen. 
Brsl. 1925, 104. — Alfred Gude- 
mann, Geschichte der lateinischen 
Literatur, 1II. Von Hadrian bis 
zum Eude des 6. Jhs. Bin. u. Lpz. 
1924 (Samml. Göschen 890), 106— 
107. — W.Hass, Ekkehards Wal- 
tharius in Auswahl. Bin. u. Lpz. 
Teubner. 1924, 107. — Paul 
Hoppe und Wilhelm Kroll, La- 
teinische Schultexte, Breslau, s. a. 
(Nr. 1-8), 107. — Wilh. Kroll, 
Studium zum Verständnis der rö- 
mischen Literatur, Stuttg. 1924, 109. 
— W.H.Moll, Über den Einfluls 
der lateinischen Vagantendichtung 
auf die Lyrik Waltbers von der 
Vogelweide und die seiner Epigonen 
im 13. Jahrh. Amsterdam 1925, 109 
—110. — Karl Polheim, Die la- 
teinische Reimprosa, Bin. 1925, ıı1 
—112. — Fedor Schneider, Fünf. 
undzwanzig weltliche Rbythmen aus 
der Frühzeit (VIL.—XI. Jh.) aus- 
gewählt (= Texte zur Kulturgesch. 
des M.-A., hgb. von F. Schneider, 
ı. Hefi), Rom 1925, 112. — Georg 
Traut, Lehrbuch der lateinischen 
Sprache. 3. Aufl. von P. Brandt, 
Lpz. 1923, 114. 


Zur Motivforschung: Gustav Beber- 


meyer, Hermann Flayders aus- 
gewählte Werke, hgb. u. eingel. 
Lpz. 1935 (= Bibl. d. lit. Vereins in 
Stuttg., Publik. 267/268. Jahresgabe 
für 1922 u. 1923), 100— 101. — Die 
deutschen Volksbücher, hrsg. von 
Richard Benz, Jena bei Eug. 
Diederichs, 1924: Das büch der 
geschicht des grofsen alexanders.... 
(nach cod. pal. germ. 88, col. pal. 
germ. 154 und den Drucken des 
15. Jh.), 102. — O. Hellinghaus, 
Hundert auserlesene, wunderbare 
und merkwürdige Geschichten des 
Zisterziensers Cäsarius von Heister- 
bach ... in deutscher Übertragung... 
Aachen 1925, 107. — Laura A. 
Hibbard, Mediaeval Romance in 
England, N. Y. 1924, 500-501. — 
Alex. Haggerty Krappe, Über die 
Quelle des Erokritos [= Byzant. 
Zs. XXV (1925), 313—311], 109. — 


WORTREGISTER. 


W. Küchler, Über Herkunft und 
Sinn von Boccaccios Griselda-Novelle 
(=N. Spr. 33), 1925, 762. — Reiner 
Müller, Die Burgunden am Nieder- 
rhein 4t0—433. Mundiacum-Mundt, 
eine Nibelungenfrage des Zülicher- 
landes, Jülich 1934, 110. — Friedr. 
Panzer, Italische Normannen in 
deutscher Heldensage, Frankf. a. M. 
1925 [= Deutsche Forschgn., bgb. 
von Fr. Panzer und Jul. Petersen, 
Heft 1), TI0—ı11. — Albert Wes- 
selski, Märchen des Mittelalters, 
Bin. 1925, 115. — Charles Allyn 
Williams, Oriental afhnities of 
the Legend of the Hairy Anchorite. 
Part I: Pre-Christian (= Univ. of 
Illin. Stud. in Language and Lit. X) 
1925, 115-116. — Alfr. Schiaffini, 
Nuova redazione d’ un frammento in 
volgare toscano della „Disciplina 
cleriealis* di Pietro di Alfonso, 
Firence 1924, 763.— W.Schwartz- 
kopff u. Maja Schwartzkopff, 
Sagen und Geschichten aus dem 
alten Frankreich und England, 
München 1925 (= Bd. II der Bücher 
des M.-A., hgb. Fr. von der Leyen), 


Provensalis:h: Daniel C. Haskell, 


Provengal Literature and Language 
including the Local History of 
Southern France, N.Y. 1925, 759. 
John Holmberg Eine mfrk. Über- 
tragung des B:stiaire d’amour. Upp- 
sala 1925, 501. — Class. frc. du. m.-ä. 
Nr. 27 (1922): Le po6sies de Cerca- 
mon, par A. Jeauroy, 485. — Class. 
fre. du m.-d. Nr. 39 (1923): Jongleurs 
et troubadours gascons des XIIe et 
X1Ile siecles, par A. Jeanroy, 489. 
— Class. fre. du m.-&. Nr. 42 (1924): 
Les chansons de Guilhem de Cabe- 
stanh, par A. Längfors, 490. — 
E. Levy, Prov. Suppl.-Wörterb,., 
41. Heft, Lpz. 1924, 759—760. — 
Olin H. Moore, The Young King, 
Henry Plantagenet, in History, Lite- 
rature and Tradition, 1925, 760. — 
Class. fre. du m.-&. Nr. 46 (1924): 
Les po&sies de Jausbert de Puycibot, 
par W. T. Shephard, 491. — 
O. Schultz-Gora, Aprov. Ele- 
mentarbuch, 4. Aufl., Hdbg. 1924, 
760. — Class. fre. du m.-&. Nr.45 
(1925): La chanson de Sainte Foi 
d’Agen, par A. Thomas, 49ı. 


507 —508. 


Lateinisch. 


aceroia (lat.) 401. 

acetum (lat.) 344. 

-aceu (vlat.) 398. 

#*aciale (vlat.) 398. 

*acifolium (lat.) 
122. 

acrifolium (lat.) 122. 

adaestimare (lat.) 
76. 

Ad decimin (Geogr. 
von Ravenna) 


393. 
afflare (lat.) 163. 
aparicellum (lat.) 
118. 
Agrigentum (lat.) 
387. 
anetum (lat.) 122. 
anpuilla (lat.) 408. 
angustia (lat.) 477. 
*anque + sic (vlat.) 


307. 
app!icare (lat.) 164. 


Wortregister. 


apud (lat.) 121. 
ascopa (frühmittel- 
alt. Gloss.) 75. 

ascora (lat.) 75. 
ascupa (lat.) 75. 
ascura (lat.) 75. 
#*ausis (osk.) 159. 
*ausulare (lat. dial.) 
159. 
bafer (lat.) 155. 
barba (lat.) 157. 
bargena (lat.) 49. 
bargus (lat.) 49. 
bertium (gall.-lat.) 
121. 
beta (lat.) 162. 
Bibanum (lat.) 391. 
bicerra (lat.) 162 A. 
bubalus (lat.) 155. 
bufa (lat.) 155. 
bufo (lat.) 155. 
cadentia (mlat.) 446. 
caementum (lat.) 
402. 
caephalus (lat.) 397. 


caerelolium (vlat.) 
402. 


Caesarea (lat.) 395. 
caesareus (lat.) 394. 
Caesa:ius (lat.) 395. 


*caesörem (vlat.) 
396. 
calabrix (lat.) 162. 


calcaneus (lat.) 120. 


calce (vlat.) 402. 
calcea (lat.) 389. 
callis (lat.) 120. 


cannicius (lat.) 390. 


Caput fici (lat.) 
399. 


9 
casa (lat.) SO, 158. 


caseus (lat.) 119. 
cassis (lat.) 50. 
Castellaceus (lat.) 


397- 
castelluceus (lat.) 
397. 
castrum (lat.) SO. 
catulus (lat.) 120. 
Cebro (lat.) 387. 


Celeia (lat.) 392. 

*centra (viat.) 
402. 

cepulla (vlat.) 
402. 

ceresea (lat.) 388. 
402. 

ceresätum (lat.) 
88 


cerostatum (vlat.) 
402. 

cerrus (lat.) 397. 

cicuta (lat.) 492. 

cimex (lat.) 163, 
388. 

*cimice (vlat.) 
158, 392, 402. 

*Circinalis (lat.) 


399. 
Circinata (lat.) 
400. 
circinus (lat ) 400. 
circulum (lat.)403. 
ciribrum (lat.) 
162. 


#cirra (vlat.) 403. 
cirrus (lat.) 403. 
Cissa (lat.) 387 
cisterna (lat.) 389. 
Cwvitas (lat.) 393. 
civitate (vlat.) 392. 
co2natus (lat.) 119. 
columna (lat.) 403. 
comerchium (lat. 
Urk.) 401. 
commercium (lat.) 
421. 
comerclum (lat. 
Urk.) 401. 
complexäre (spät- 
lat.) 453. 
confectum (gallo- 
rom.) 433. 
Corcyra (gr.-lat.) 
401. 
cossus (lat.) 118. 
cotoneus (lat.) 120. 
cras (lat.) 163. 
crefro (lat.) 155. 
*crepantare (vlat.) 
574 A. 
crescente (vlat.) 403. 
cressanus (lat.) 387. 
Crexi (Piin.) 387, 
391. 
crüce (vlat.) 391. 
eruento (span.) 120. 
*cubitalis (lat.) 119. 
cubitellum (lat.) 
119. 
cum (lat.) 121. 
cumerzaricus (lat, 
Urk.) 401. 
cuna (lat.) 120. 
Cyprianus (lat.) 
388. 398. 
decessus (lat) 403. 
(Ad) Decimum) 
(sc. Lapidem) 
ılat.) 392. 
Ducculum (lat.) 


393- 
Dyrrhachium (lat.) 


390. 
elex (dial. lat.) 155. 
Epidaurus (lat.) 


393. 

faciale (lat.) 398. 
*farfu (osk.) 157. 
fervere (lat.) 163. 
ficus (lat.) 120. 
*follicella (vlat.)493. 
fors (lat.) 445. 

fors fortuna (lat.) 


445. 


WORTREGISTER. 


fortunı (lat.) 445. 
fortunae (lat.) 445. 
fovea (lat.) 120. 
furfur (lat.) 162. 
*furfureus (vlat.) 
163, A.6. 
gelatina (lat.) 406. 


gemellus (Int.) 120. 


Geminiana (lat.) 
404. 

Geminianum (lat.) 
390. 

g:minus (lat.) 119. 

genista (lat.) 406. 


Gervasius (lat.) 405. 


*gisterna (vlat.) 
405. 

gleba (lat.) 163. 

Glemona (lat.) 391. 

*slere (osk.-umbr.) 
109. 


grauare (vlat.) 308. 


gremia (lab.) 163. 
gufa (lab.) 155. 
Furdus (lat.) 450. 
*hiccic (vlat) 306. 
#hicibi (vlat.) 306. 
horreum (lat.) 163. 
humerus (lat.) 120. 
ilex (lat.) 158. 
*jlöc (vlat.) 306. 
-itia (lat.) 120. 
-ities (lat.) 120. 
janua (lat.) 162. 
juncetum (lat.) 391. 
#*kat- (osk. Wur- 
zel?) So, 158. 
Kessa (mlat.) 387. 
Kessensis (mlat.) 
387. 
lab ax (lat.) 403. 
lacerta (lai.) 403. 
lactus (lat.) 430. 
laxare (lat.) 120. 
*jämes (dial. lat.) 
159. 


Liciniana (lat.) 400. 


lilium (lab.) 113. 


lolligine (vlat.) 406. 


Longaticum (lat.) 
393. 

lucerna (lat.) 404. 

lümbus (lat.) 157. 

*]lumfu (osk.) 157. 

luxuriari (lat.) 450. 


maceria (vlat.) 389. 


397. 
magulum (lat.) 


118. 
-mala (lat.) 680 ff. 


mantaica (ibero- 
rom.) 1321. 

maıgella (lat.) 407. 

*margineu (vlat.) 
407. 

-men (lat.) 122. 

mergegnio (mlat.) 
407. 

mergegnum (mlat.) 
47. 

milvus (lat.) 122. 

Muccula (lat.) 393. 

mufro (lat.) 155. 

„muricenta (vlat.) 
404. 

*murru (vlat.) 164. 


*myriceus(lat.) 390. 


*nebulus (dial. lat.) 
158. 
ninguere (lat.) 162. 
nuce pe£rsica (vlat.) 
404. 
nucetum (lat.) 120. 
october (lat.) 156. 
*octufru (osk.) 156. 
oppilare (lat.) 162. 
pıstinum (lat.) 162. 
paxillus (lat.) 433. 
pecus (lat.) 164. 
petere (lat.) 164. 
petrolans (lat.) 450. 
pinnex (lat.) 162. 
Piquentum (lat.) 
398. 
placere (lat.) 404. 
*plaxillum (lat.) 
453. 
*plaxum (gallo- 
rom.) 453. 
plexum (lat.) 452. 
pollen (lat.) 163. 
porcinaria (lat.) 161. 
*pulice (lat.) 158. 
*surfuleus (vlat.) 
162, A. 6. 
quadragesima (lat.) 
8 


385. 
quinta (lat.) 397. 
Quirinus (lat.) 397. 
*racanum (vlat.) 
404. 
rasoricus (lat.) 161. 
recessa (vlat.) 404. 
regreditare (vlat.) 
309. 
*regrevitare (vlat) 
308. 
requiritare (vlat.) 


308. 
rex (lat.) 396. 


ruber (lat.) 156. 
rufu (osk.) 156. 
rufus (lat.( 155. 
rus (lat.) 52. 
saburra (lat.) 162 A. 
sarcina (lat.) 162. 
saturare (lat.) 162. 
scrofa (lat.) 155. 
Scupi (lat.) 391. 
Serdica (lat.) 393. 
siliqua (lat.) 162. 
sisarra (lat.) 161 A. 
Sisciae (lat.) 401. 
sociu (vlat.) 398. 
Sontius (lat.) 393. 
splenium (lat.) 123. 
subare (lat.) 162. 
talo(n) (lat.) 52. 
taspa (lat.) 51. 
talus (lat.) 52. 
tamarice (vlat.) 390. 
404. 
*Tamariciaricum 
(lat.) 390. 
Tarsatica (lat.) 394. 
teba (sab) 156. 
*telos (lat.) 52. 
tellus (lat.) 52. 
Tergeste (illyr.-lat.) 


390. 
*tifa (osk.) 106. 
tifata (Festus) 156. 
*timpa (lat,) 163. 
töfus (lat.) 155. 
traginariu (vlat.) 


497. 
*üfa (osk.) 156. 
tufer (lat.) 155. 
Ulcinium (lat.) 394. 
urceolu (vlat.) 401. 
urceus (lat.) 390, 
401. 
uter (lat.) 120. 
Utinum (lat.) 392. 
*uxorare (vlat.) 
162. 
vacerra (lat.) 161 A. 
Vegium (Plin.) 405. 
*Venetici (lat.) 


393. 
vepera (dial. lat.) 
158. 
Vibianum (lat.) 


393. 
#*vibra (lat.) 157. 
*vicinata (lat.) 392. 
vipera (lat.) 157. 
vitis (lat.) 120. 
vivera (lat.) 163 A. 
vomer (lat.) 120. 


Io 


Französisch. 


& (frz.) 580. 
acabit (frz.) 577. 
accorder (frz.) 580. 
acravanter (frz.) 
adresse (frz.) 574. 
Aemer (afrz.) 76. 
aemer (afrz) 76. 
aesmer (afrz.) 76. 
afferent (frz.) 580. 
aganter (frz.) 577. 
agiau (frz.) 578. 
agrener (frz.) 580. 
ahan (frz.) 570. 
Aimer (afrz.) 76. 
ainsi (frz.) 307. 
alaitier (afız.) 372. 
alerion (frz.) 570. 
allöcher (frz.) 572. 
alluchon (frz.) 573. 


aluec (afrz.) 307 A. 
alues (afrz.) 307 A. 


anchifure (frz.) 575. 
andouille (frz.) 576. 
afele (bearn.) 408. 
ange de mer (frz.) 


575. 
angelot (frz.) 575. 
anicrcoche (Rab.) 
574 
appetit (frz.) 572. 
apprivoiser (frz.) 
572. 
arracher (frz.) 573. 
arriere-ban (frz.) 
573- 
artillier (afrz.) 573. 
artison (frz.) 576. 
assener (frz.) 570. 
atainer (frz.) 448. 
aubain (frz.) 569. 
aub£re (frz.) 577- 
auvel (frz.) 577 A. 
aversier (afrz.) 
292. 
avir (frz.) 568. 
aymer (afrz.) 76. 
baillet (frz.) 583. 
baillif (afrz.) 583. 
baisure (frz.) 583. 
balbutier (frz.) 584. 
baliveau (frz.) 584. 
bandouliere (frz.) 
584. 
barba (wald.) 585. 
barbe (frz.) 585. 
barge (ostfrz.) 49. 
barle (frz.) 585. 
basculer (frz.) 585. 


WORTREGISTER. 


bätard (frz.) 586. 

bave (frz.) 586. 

betuse (frz. 15. Jh.) 
8 


587. 
bidon (frz.) 587. 
bigle (frz.) 587. 
biseul (frz.) 583. 
bisquer (frz., 588. 
bobine (frz.) 588. 
boulongeon _(frz.) 


589. 
bouquer (frz.) 583. 
bourdaigne (frz.) 


590. 
bourseau (frz.) 591. 
boutade (frz.) 591. 
bouteille (frz.) 591. 
branler (frz) 592. 
brassicourt (frz.) 


592. 
brehaigne (frz.) 592. 
bürge (b£arn.) 147. 
ca (frz.) 307. 
caboter (frz.) 593. 
cache-mitoulas (frz.) 


594. 
caille-lait (frz.) 594. 
calais (frz.) 595. 
calandre (frz.) 595. 
calandrer (frz.) 595. 
camelot (frz.) 596 
camus (frz.) 596 
canezou (frz.) 596. 
caniveau (frz.) 597. 
caprice (frz.) 597. 
catiche (frz.) 598. 
carambole (frz.) 597. 
carapace (frz.) 597. 
carde (frz.) 597. 
carosse (frz.) 597. 
ce (nfrz.) 308. 
cet (frz.) 307. 
chambranle (frz.) 

598. 
chance (frz.) 446. 
charancon (frz.) 595. 
chas (frz.) 598. 
chegros (frz.) 598. 
chiche (frz.) 599. 
chinquer (frz.) 679. 
chouette (frz.) 599. 
cibandiere (frz.) 599. 
cigale (frz.) 599. 
ciroene (frz.) 600. 
cit€ (afrz.) 308. 
claquer (frz.) 600. 
cleche (frz.) 600. 
clergeon (frz.) 600. 
cliche (frz.) 600. 
cligner (frz.) 600. 


colifichet (frz.) 601. 

coltis (frz.) 601. 

compou (frz.) 602. 

confire (frz.) 453. 

confit (afrz.) 453. 

congr&ganiste (frz.) 
602. 


controuver (frz.) 602. 
coqueluche (frz.) 602. 


corniche (frz.) 602. 
coron (frz.) 603. 
cosson (frz.) 118. 
coucoumelle (frz.) 
6023. 
coupeillon (frz.) 604. 
couper se (frz.) 603. 
courge (frz.) 605. 
craner (frz.) 606. 
cr&pinietre (frz.) 606. 
ereteler (frz.) 606. 
creton (frz.) 606. 
crinoline (frz.) 606. 
crouchant (frz.) 606. 
cuivre& (frz.) 606. 
curandier (frz.) 607. 
dagorne (frz.) 607. 
dame (frz.) 607. 
deboire (frz.) 608. 
degringoler (frz.) 
608. 
desserte (frz.) 609. 
diable (frz.) 292. 
discale (frz.) 609. 
douillage (frz.) 609. 
driller (frz.) 610. 
dru (frz.) 450. 
dupe (frz.) 579. 
ebaubir (frz.) 610. 
ebauche (frz.) 610. 
ebraser (frz.) 610. 
ebronder (frz.) 611. 
ecagne (frz.) 611. 
€changier (frz.) 611. 
€coeurer (frz.) 611. 
€coperche (frz.) 612. 
&corne (Irz.) 612. 
€cran (frz.) 612. 
ecrouir (frz.) 612. 
€egrillard (frz.) 612. 
eissi (afrz.) 307. 
embarbe& (frz.) 585. 
-&ment (frz.) 312 
ementir (frz.) 612. 
empeigner ({rz.)613. 
emponter (frz.) 113. 
encasteler (frz.) 613. 
enceinte (frz.) 613. 
enclume (frz.) 614. 
encoquer (frz.) 614. 
encrouler (frz.) 114. 


engoulevent 
614. 
enhend£ (frz.) 614. 
enqui (afrz.) 308. 
ensi (afız.) 307. 
entre-pied (frz.)615. 
enveloppe (frz.)615. 
envoye (frz.) 408, 
Epart (frz.) 615. 
€parvin (frz.) 615. 
€ponge frz.) 615. 
epoularderifrz.)616. 
€quinter (frz.) 616. 
escarmouche (frz) 
617. 
esclame (afrz.) 617. 
esnel (afrz.) 617. 
esnelement (afrz.)76. 
espagnolette (frz.) 
617. 
esplein (afrz.) ı21. 
flasque (frz.) 449. 
gaspa (swfrz.) 149 A. 
grementer (afız.) 
309 A. 
grevance (afız.) 308. 
grever (afrz.) 308. 
grief (afrz.) 308. 
griete (afrz.) 308. 
*ica (afız.) 306. 
icel (afrz ) 305. 
icest (afrz.) 305. 
ici (afrz.) 3053. 
ico (afrz.) 308. 
(i)cou (afrz.) 308. 
idonc (afrz.) 3053. 
ilors (afrz.) 308. 
iluec (afrz.) 305. 
iqui (afrz.) 305. 
isnel (afız.) 76. 
issi (afrz.) 305. 
itant (afrz.) 305. 
itel (afrz.) 305. 
itout (afrz.) 305. 
kuite (bearn.) 397. 
küere (gask.) 120. 
lais (afrz.) 306. 
lajus (arrz.) 306. 
Le Caylus(sfrz.) 397. 
linge (frz.) 120. 
loir (frz.) 158. 
lors (frz.) 306. 
malchiere (frz. 16.Jh.) 
679. 
malsier (wall.) 679. 
malsierteit (afrz.) 
679. 
mäsi (lieg.) 678. 
masier (Jean d’Oa- 
tremeuse 679. 


(frz.) 


massiere (16. Jh.) 
679. 
massirue (16. Jh.) 
679. 
maufe (afrz,) 292. 
meesme (afrz.) 76. 
meisme (afrz.) 76. 
meute (afrz.) 308. 
mourre (sfrz.) 164, 
nacelle (frz.) 308. 
nee (frz.) 119. 
ne&es (afrz.) 76. 
neis (afrz.) 76. 
Noisy (ftrz.) 120. 
ogre (frz.) 119. 
Oitier (frz.) 392. 
paisseau (frz.) 453. 
paissel (afrz.) 453. 
pepie (frz.) 571. 
pesance (afrz.) 308. 
pesantume_ (afrz.) 
308. 
plais (afrz.) 453. 
quintaina (frz.) 397. 
regreter (afrz.) 309. 
regretter (Irz.) 308. 
sop£ne (frz.) 679. 
tost et isnelement 
(isnel) (afrz.) 76. 
Uchaud (frz.) 392. 
umi (b&arn.) 120. 


Provenzalisch. 


aacest (prov.) 307. 
aicil (prov.) 307. 
aisi (prov.) 308. 
(ai)so (prov.) 308. 
ails)si (prov.) 308. 
aquel (prov.) 307. 
aqui (prov.) 308. 
ataina (aprov.) 448. 
Azemar (prov.) 76. 


confech (aprov.) 453. 


confir (aprov.) 453. 
euze (prov.) 158. 
gir (prov.) 120. 
irnel (aprov.) 72. 
isnel (prov.) 77. 
loras (prov.) 306. 
mazan (aprov.) 452. 
nada (prov.) 119. 
novia (prov.) 119. 
oire (prov.) 120. 
paisel (aprov.) 453. 
peis-ange (nprov.) 
575. 
plais (aprov.) 452. 


Quintana(prov.)397. 


sa(i) (prov.) 307. 


WORTREGISTER. 


saunar (prov.) 126. 
tain(a) (aprov.) 448. 


tainar (aprov.) 448. 
taupo (prov.) St. 
uech (pıov.) 125. 
vielh (prov.) 125. 


Katalanisch. 


abuch (kat.) 122. 
aqueix (kat.) 307. 
aquell (kat.) 307. 
aqui (kat.) 308. 
ar (kat.) 123. 
asi (kat.) 308. 
as(so) (kat.) 308. 
caracaruecha (kat.) 
122. 
ceballar (kat.) 124. 
#cebolla (kat.) 124. 
cuquera (kat.) 122. 
escisar (kat.) 126. 
esquerre (kat.) 127. 
femna (akat.) 126. 
grevol (kat.) 122. 
kel (kat.) 307. 
llambrega (kat) 
303. 
llavors (kat.) 306. 
llumenar (kat.) 126. 
mantega (kat.) 122. 
morre (kat.) 164, 
A. 2. 
nit (kat.) 126. 
novia (kat.) 119. 
nuvia (kat.) 119. 


pec (akat.) 164, A. 1. 


#*peixell (kat.) 453. 
pleixell (kat.) 453. 
plexe (kat.) 453. 
queix (kat.) 127. 
roja (kat.) 118. 
Rovires (kat.) 125. 
sa (kat.) 307. 


timba(kat.) 163, A.2. 


timpes (kat.) 163, 
A.2. 
xetra (kat.) 764. 


Spanisch. 


aca (span.) 307. 

acebo (span.) 122. 
acelga (span.) ISI. 
acetra (span.) 764. 
acibar (span.) I51. 
agarzo (span.) 118. 
alcuzcuz (span.) 149. 
allegarse (span.) 164, 

A.5. 


angelote (span.) 575. 

aplegar (valenc.) 
1604, A.S. 

aquel (span.) 307. 

aquese (span.) 307. 


aqueste (span.) 307. 


aqui (span.) 308. 
azote (span.) 151. 
barganu (astur.) 49. 
burgil (nordarag.) 
147. 
cacho (span.) 120. 
carareques (men.) 
celtre (span.) 764. 
cerro (span.?) 120. 
cetre (span.) 764. 
chicharo (span.) 118. 
cobdal (span.) 119. 
colmillo (span.) 8 19. 
cospa (nordarag.) 
149. 
cospillo 
149 A. 
cras (aspan.) 163, 


eneldo (span.) 122. 

fembra (span.-kat.) 
126. 

gemelo (span.) 120. 

giro (span.) 120. 

grefia (andal.) 163. 

kallar (span.) 163, 
A 


Ar 
kervir (span.) 163, 
A 


. 3. 

hörreo (nwspan.) 
163, A.8. 

hoya (span.) 120. 

huergo (span.) 119. 

liia (span.) 120. 

lirio (span.) 118. 

llegar (span.) 164, 
A.S$. 


mallar (span.) 118. 

mantega (span.) I21. 

melba (span.) 122. 

melocoton (span.) 
120. 


morro (span.) 164, 
A.3. 


nadie (span.) 119. 
ar end 164, 


sed Bean) 164, 
A.4 


ne (span.) 397. 
roya (murc.) 118. 

thecra (span.) 123. 
timba(val.) 163, A.2. 
timpa(val.) 163, A.2. 


11 


uembre (arag.) 120. 
Zäbila (span.) 151. 
Zamarra (span.) 

161 A. 
Zaragossa (span.) 395. 


Portugiesisch. 


acetere (ptg.) 764. 
rs (ptg.) 163, 


A.4. 
aconte (ptg.) I5I. 
aquelle (ptg.) 307. 
aquesse (ptg.) 307. 
aquest (kat.) 307. 
aqueste (ptg.) 307. 
aqui (ptg.) 
azebre (pig.) 151. 
ca (ptg.) 307. 
(ejcherar (ptg.) 164, 


A. 5. 

cotovello (ptg.) 119. 
cras (aptg.) 163, A. 5. 
ferver (ptg.) 163, 

A.3. 
gemeo (aptg.) 119. 
leiva (ptg.) 163, A. 6. 
pedir (ptg.) 164, A.4. 
pego (pıg.) 164 A. 
selga (ptg) ı51. 


Sardisch. 


appilläc (südsard.) 
164, A. 5. 

auzarra (sard.) 160. 

beda (ztrsard.) 162, 
A.g. 

binistra (log.) 406. 

elige (sard.) 158. 

früfere (zirsard.) 162, 
A.6 


gisterra (alog.) 405. 
kalarige (sard.) 162, 
A 


9, 
kimiki (sard.) 162, 
A. 17. 
kirra (log.) 403. 
kras (sard.) 163, A. 5. 
krasa (sard.) 163, A.S. 
krea (log.) 163. A.6. 
kuddu (log.) 307. 
kugürra (sard.) 160. 
lea (sard.) 163, A. 6. 
lipörra (sard.) 160. 
murru (sard.) 164, 
obbilai (kampidan.) 
162, A. 10. 
örryu (sard.) 163, 
A.8, 


12 


pastinu (ztrsard.) 
162, A. ı2. 

pedire (sard.) 164, 
A. 


4 
pegus u) 164, 
A. 
am (sard.) 163, 
A.ı 


pionite (südsard.) 
162, A. 14. 
pinnige (südsard.) 
162, A. 14. 
pinniye (südsard.) 
162, A.14. 
pinniZi (südsard.) 
162, A. 14. 
pödda (sard) 162, 
A. ı1. 
pöddine (sard.) 162, 
A.1l. 
remyarzu (nord- 
sard.) 163. 
subare (zirsard.) 
162, A. 13. 
tilibba (ztrsard ) 
162, A.8. 
yänna (ztısard.) 
162, A. S. 
zingörra (sard.) 160. 


Italienisch. 


abbrüka (siz.) 144. 

acchicare (kal.) 
16, A. 

accuse (rom.) 308. 

accusi (siz.) 308. 

acse (mod.) 308. 

acsi (Bari) 308. 

acuse (bol.) 308. 

addö ara (südabr.) 
159. 

adörnu (Castroreale) 
145. 

aduselä (abr.) 159. 

aduseli (Touo) 159. 

apphicari (siz.) 164, 
A 


uoßt 
akkyare (tar. apul.) 
163, A. 4. 
u auealh) 


Re „wordkamp. ) 


158. 
Alfano (skamp.) 
ammaßia (nsiz.) 145. 
amudden (siz.) 144. 
amuddia (siz.) 144. 
angiola (vegl.) 408. 
aosolä (irp.) 159. 


WORTREGISTER. 


aplicare (altdalm.) 


164, A. 5. 
appilä (kamp.) 162, 
A.10. 


armadia (nsiz.) 149. 
ä’pa (nsiz.) 144. 
arpegghia (girg.) 
144. 
arpetu (girg.) 144. 
arraffu (siz.) 148. 
-arru (basil.) 160. 
asciare (neap.) 163, 


4. 
asi (gen.) 308. 
adsäri (siz.) 163, 
A. 


4. 
asuddijäre (Scalea) 
159. 
asuliäre (kal.) 159. 
atörnu (Mandau.) 
145. 
attrüfu (salern.) 
156. 
attufro (neap.) 
156 A. 
ausulä& (abr.) 159. 
ayareda (südkal.) 
149. 
ER, (siz.) 163, 


ba (ztrkal.) 
160. 


baläta (kal. siz.) 
147. 

bänna (untit.) 153. 
Barcis (Udine) 49. 
Barco (venet.) 49. 
Barcone (Como) 49. 
Barga (lucches) 49. 
Bargagli (genues.) 


49. 

Barg-ecchia (lucch.) 
49. 

Bargenne (tosk.) 


49. 
Barghe (bresc.) 49. 
Bargi (bologn.) 49. 
Bargine (tosk.) 49. 
Bırgin(n)a (etrusk.) 


Bargone (genues). 
(parm.) 49. 

bezzo (ven.) 409. 

Bonefro (Campob.) 


157. 

brüka (siz.) 144. 

Bucari (it.) 398. 

Bucarizza (it.) 398. 

budzürru (kantan- 
zar.) 100. 


bunnia (siz.) 147. 
burgü (siz.) 147. 
burnea (Aidonc) 
147- 
burnia (siz.) 147. 
busa (siz.) 147. 
caccio (ft.?) 120. 
takärr& (nordkal.) 
60 


100. 
caleze (ven.) 386. 


Cantafi,.ho (it.) 399. 


capriccio (it.) 399. 


Caramiru (siz.) 144. 


taramöfia (abr.) 
160. 

carara (Trapani) 
148. 

carera (siz.) 149. 

Carufo (abr.) 164, 
A. 2, 

&avürra (nordapul.) 

&&mada (bas.) 158. 

Cenda (kamp.) 159. 

Cenga (Venafro) 

Caränoa (skal.) 148. 

chersano (it.) 387. 

Cherso (it.) 387. 

chicave (kal.) 164, 


A.S. 
ci (it.) 308. 
ciacciamita (Patti) 
144. 
ciaramira (siz.) 144. 
ciaramita (siz.) 144. 
cicerchia (it.) 118. 
ciö (1t.) 308. 
&ipränn> (abr.) 159. 
&ipyernu (apul.) 
159. 
Giränna (Furci) 
148. 
civärra (ztrkal.) 160. 
Cividale (it.) 392. 
coccia (bas.) 144. 
codesto (it.) 307. 
cosi (it.) 308. 
cotesto (it.) 307. 
cringatro (aumbr.) 
159. 
*croge (ven.) 392. 
cupa (rom.) 74. 
cupo (it.) 74. 
Curäna (siz.) 148. 
&urayna (siz.) 148. 
Curzola (it.) 388, 
401. 
&y6&rsu (Mand.) 145. 
dänbisu (siz.) 147. 
dägala (siz.) 147. 
dammüsu (siz.) 147. 


ddammusu (siz.) 
147. 
ddisa (siz.) 147. 
ddisi (siz.) 147. 
ddurb4 {siz.) 147. 
ddzabbara (siz.) 
1St, 
disa (siz.) 147. 
doge (ven.) 386, 
392. 
duce (it.) 392. 
dürbu (siz.) 147. 
dürpu (siz.) 147. 
dzabära (siz.) 151. 
dzäkya (wsiz.) 151. 
dzamära (siz.) 151. 
dzambära (skal.) 
15T. 
dzammatäru (siz.) 
151. 
dzärbu (siz.) 152, 
dzärka (ztrsiz.) 151. 
dziro (hamp.) 152. 
elce (it.) 158. 
€lece (neap.) 158. 
cleze (ven.) 158. 
elica (basil.) 158. 
ind (katanz.) 


a (kantanz.) 
160. 


fagu (kal.) 154. 

faläsco (it.) 159. 

färsa (nsiz.) 145. 

lässa (nsiz.) 145. 

ferve (bas.) 163, 
A.2. 

fervara (otr.) 163, 
A, 3. 

foggia (it.) 120. 

fräffd (nordkamp. 
abr.) 157. 

fravire (otr.) 163, 
A 


“3 

füska (katanz.) 144. 
gaddzäna (siz.) 149. 
gal:pp (südabr.) 

159. 
gal&ro (benev.) 158. 
galibbari (siz.) 150. 
galiici (kalabr.) 149. 
galiggi (siz.) 148. 
gämma (unit.) 153. 
&ämmira (siz.) 148. 
ganedda (xkal.) 148. 
ganella (Bianco) 

148. 
gänna (unit.) 153. 
garaflu (siz.) 

148. 


garüfs (abr.) 164, 
A.2 


gasena (siz.) 149. 
gatıger (nordkal.) 


Bee (siz.) 148. 

Gemona (ven.) 371. 
gemulu (siz.) 119. 
gibbia (kal.) 148. 

Gionchetto (it.) 


391. 
Girgenti (it.) 387. 
gitiena (zirsiz.) 148. 
Giupana (it.) 391. 
gödzimu (siz.) 144. 
gödzina (siz.) 144. 
grästa (siz.) 144. 
gremma (kal.) 163, 
A.7. 
grefia (kal.-siz.) 
164. A. 7. 
greNia (ap. neap. irp.) 
163, A. 7. 
grusul&co (Messina) 


145. 
grüyta (nordkal.) 
159. 
guanella (Ferruz- 
zano) 148. 
£&ummi.ra (siz.) 148. 
Een (siz.) 
148. 
uräna (siz.) 148. 
uränna (siz.) 148. 
uvanedda (Palizzi) 
148. 
gwisina (siz) 144. 
hadürra (Centrache) 
160. 
halaßina (Maida) 
159. 
ilfara (otrant.) 157. 
118 (lomb.) 306. 
illoga (lomb.) 306. 
iloc (piemont.) 306. 
intsäla (nsiz.) 145. 
isina (siz.) 144. 
Isonzo (it.) 393. 
issara (nsiz ) 145. 
ittena (nsiz.) 148. 
jeusa (kal. 159. 
jievusa (kal.) 159. 
jöska (bas.) 144. 
jüska (siz.) 144. 
kalabriku (basil.) 
162, A. 7. 
kalapriäu (südap.) 
162, A. 7. 
kalavride (bal.) 162, 
A.7. 


WORTREGISTER. 


er! (Acerno) 
Kelle (abruzz.) 
158. 


15 
kälfa (ztrkal.) 159. 
käma (sröm.) 148. 


käma(nordap.) 148. 


kämi (Vita) 148. 
käm (abruzz.) 148. 
kämma (neap.) 148. 
kanerdzu (sröm.) 
159. 
kärbu (ostsiz.) 149. 
kärfa (ztrkal.) 159. 
Karnausa (vegl. it.) 


39. 
kartedda (siz) 144. 
karüfa (abr.) 164, 

A.2. 
käsa (kamp.) 159. 
kas&na (siz.) 149. 
kaspi (piem.) 149 A. 
käspu (siz.) 149. 
kädpu (siz.) 149. 
katana (kamp.) 159. 
katöju (siz.) 144. 
kavürru (skal.) 160. 
kenku (parm.) 308. 
kerkiri (siz.) 118. 
rd (südit.) 163, 

A. 5. 
krenkatrum 

(aumbr.) 159. 
kübba (siz.) 150. 
kudedia (siz.) 144. 
küpa (neap.) 74 
küs (mail) ı18. 
küskusu (siz.) 149. 
kyuıäna (Mistr.) 

148. 
l&miti (otrant.) 158. 
lendza (parm,) 53. 
$eri (salern.) 158. 
feva 163, 

A.6 


#lez (avenet.) 54. 
leza (berg.) 53. 
limärra (kal.) 160. 
lisa (südkal.) 147. 
lisi (siz.) 147. 
litteri (nsiz.) 145. 
Longatiro (it.) 393. 
losa (ztrkal.) 159. 
*]oz (avenet.) 54. 
lüffu (irp.) 157. 
l’ünfu (otrant.) 157. 
matäkka (abr.) 
160. 
macolla (nord- 
kamp.) 160. 


13 


madzürru (nordkal.) ningi (kal.) 162, 
161. A.ı 


makaröfia (nord- 
kamp.) 160. 


makgka (sröm.) 160. 


mantiga (siz.) I2I. 


mardanu (siz.) 150. 


ee (siz.-kal.) 
mardıdppa (siz.) 


ihrein (skal.) 149. 

marfu (siz.) 149. 

märkatu (siz.) 149. 

marüka (kal. irp.) 
160. 

maßredda (nsiz.) 


145. 
maßrellu (Novara) 


145. 

Massäfra (tarent.) 
158. 

mästra (Bova) 145. 

mastr&dda (Bova) 
145. 

matäffu (siz.) 150. 

matäkku (siz.) 150. 

mäıta (sröm.) 160. 

matörra (nordkal.) 
100. 

matt> (neap.) 160. 

mattsäkkera (sröm.) 
160. 

melo (it.) 120. 

middeu (siz.) 144. 

misulüku (Girg.) 
149. 

mörra (sıöm.) 164, 
A. 2. 

muddia (siz.) 144. 

Muggia (it.) 393. 

murra (siz.) (kal.) 
164, A. 3. 

muüstika (siz.) 150. 

mustikedda (Nico- 
sia) ISO. 

musuluku (ostsiz.) 
149. 

musulüpa (kalabro- 
gr.) 150. 

musulüpu (skal.) 
150. 

näka (siz.) 144, 150. 

nakka (südit,- 
griech.) ı21. 

nasita (siz.) 145. 

Beuene (abr.) 162, 
A 


newds (kamp.) 
158. 


nziru (siz.) 152. 
nzor& (neap.) 162, 
4 
nzurare (kal.) 1632, 
A.4. 
occhio (it.) 40T. 
ödzina (siz.) 144. 
ofena (abr.) 157. 
-orru (basil.) 160. 
örru (Messina) 145. 
Öscina (osiz.) 144. 
ösine (siz.) 144. 
palästra (sröm.) 159. 
pandöökaa (kamp.) 


159. 

pänika (nordkal.) 
159. 

pästium (kal.) 162, 
A.12 

peko (südie, 164, 
A. 


as (basil.) 161. 
pentima (otrant.) 
163, A. 1. 
penzolo (it.) 161. 
peti (röm. kamp.) 
164, A. 4. 
pezzente (südit.) 
164, A. 4. 
picyernu (Teggiano) 
159. 
pimmica (neap.) 
162, A. 14. 
Pinguente (it.) 398. 
pimıda (nordkal.) 
162, A. 14. 
pirrja (skal.) 145. 
pirrju (skal.) 145. 
pitriggüni (nsiz) 
145. 
pittirru (nsiz.) 145. 
pode@a (bas.) 158. 
pöled» (kamp ) 158. 
püysa (kamp.) 159. 
prevede (ven.) 386. 
pudia (siz.) 1344. 
purlinärra (nord- 
kal.) 161. 
puria (siz.) 144. 
putärra (südabr.) 
161. 
putslirru (nordkal.) 
161. 
parfüta (nordkal.) 
162, A. 6. 
pasöıra (nordkal.) 
161. 


qua (it.) 307. 


14 


quello (it.) 307. 
quessu (südit.) 307. 
questo (it.) 307. 
qui (it.) 308. 
quici (it.) 308. 
quilö (lomb.) 307. 
quinci (it.) 308. 
quivi (it.) 308. 
raddena (siz.) 150. 
räfu (siz.) 150. 
Ragusa (it.) 393. 
un (nordkal.) 
61. 


riddena (siz.) 150. 
riniöka (siz.) 144. 
ropa (nsiz.) 145. 
rüfa (nordkamp.) 
156. 
rufru (it.) 156. 
rusul& (nsiz.) 145. 
rusulöw (Mandam.) 
145. 
salamira (siz.) 144. 
salamita (siz.) 144. 
“. (abr.) 162, 
A. 8. 


bamärra (siz.-kal.) 
161, 


Kamärra (kamp. irp. 


Agnone., abr. 
nordapul.) 161. 
särcina (kal.) 162, 
A.2. 
särka (siz.) 151. 
satorare (neap.) 162, 
A.3. 
saturari (siz.) 162, 
A.2. 
säya (siz.) ISI. 
scupina (südit.) 75. 
sekera (nsiz.) 145. 
sekili (nsiz.) 145. 
sekira (nsiz.) 145. 
sell&goya (sröm.) 
162, A.8. 
Bersu (Furci.) 145. 
sillu (kal.) 159. 
Skattierra (nordkal.) 
161. 
skifidda (Santa 
Lucia) 145. 
skirrügga (siz.) 151. 
skupü (Messina, 
Patti) 145. 
skupinu (nsiz.) 75. 
skupina (abruzz.) 


74. 
skupiw (nsiz.) 145. 
skupöyna (Gargano) 
75. 


WORTREGISTER. 


dkurrüßßa (siz.) 


IST. 

Solöfra (avellin.) 
157. 

sopsta (Gargano) 
159. 

spänu (siz.) 144. 

spiria (siz.) 144. 


spisidda (nsiz.) 145. 


spuria (kal. bas.) 
144. 

stöla (Belsito) 159. 

sücchiaru (siz.) 150. 

sulijära (Morano) 


159. 
Bußka (siz.) 144. 
suvare (kal.) 102, 
A.13. 


taddarita (siz.) 144. 


*talpa (avenez.) 52. 


tammärru (kal.) 161. 


tannüra (siz.) 151. 

tapirru (apul.) 161. 

t«mb2 (sal. abr. bas. 
pordkamp.) 163, 
A.2 


terrapäwna (süd- 
abr.) 159. 

tiinu (kal) 159. 

tifa (zirkal.) 156. 

tiba (ztirkal.) 156. 

tikkyena (ostsiz.) 
148 


timpa (siz.) 163, 
A. 2. 
tofa (irp. abr.) 156. 
Tolfa (it.) 157. 
Trieste (it.) 390. 
Trinefriu (it.) 158. 
triti (nsiz.) 145. 
trupa, „(nsiz.) 145. 
trupiggüni (nsiz‘) 
trusul@w (südkal.) 


145. 

tsakatörra (nordkal.) 
161. 

tsäkkannu (kal.) 
IST. 

tsamärru (kal.) 161. 

tsattsamita (siz.) 
144. 

tsattsamitula (siz.) 
144. 

tsimmaru (nsiz.) 


tsimmuru (nsiz.) 
14. 

tsötta (siz.) 151. 

tüfa (irp. abr.) 156. 

Udine (it.) 392. 


Ufente (volsh.) 157. 

üffo (irp.) 157. 

Upliano (it.) 405. 

ulew (Mandan.) 
145. 

uppolä (irp.) 162, 
A. ı0,. 

uppald nn 162, 


En (ral, 163, 
A.8 


-urru (basil.) 160. 
usolare (tosk‘) 159. 
usur& (umbr.) 159. 
valäıa (siz.) 147. 
ee (Gargano) 


Venafio (kampan.) 


157. 
veper® (basil.) 158. 
veta (nordkal.) 162, 
A.9. 
vifera (basil.) 157. 
vinärra (basil.) 161. 
visina (siz.) 144. 
vitörra (nordkal.) 
161. 
vrüka (siz.) 144. 
vukäka (abr. nord- 
apul.) 159. 
vakäta (abr. nord- 
apul.) 159. 
yänu wa (abr.) 162, 
A. 


yänwa (nordkamp.) 
162, A. 5. 
ie (nordkal.) 


BEN (kalabr.) 
405. 
yusterna (kalabr.) 
405. 
yuttena (Girg.) 148. 
zabbära (siz.) 151. 
zäkkanu (siz.) IST. 
zärba (siz.) 152. 
zarbäta (siz.) 152. 
zata (lomb. venet.) 
so. 
zgwizina (siz.) 144. 
zimma (siz.) 144. 
zirma (siz.) 144. 
zirru (nordkal.) 152. 
ziru (siz.) 152. 
zübbia (siz.) 152. 
zuri (it.) 391. 
yama (siz.) 148. 
yaräva (siz.) 148. 
yarbva (siz.) 148. 
xattsäna (skal.) 149. 


xäya (siz.) 151. 

xirba (ssiz.) 149. 

züußka (siz.) 144. 

ngringata (basil.) 
159. 

nwisina (siz.) 144. 


Rätoromanisch. 


accöd (rät.) 308. 
acsi (eng.) 308. 
aissi (eng.) 308. 
aquel (eng.) 307. 
aqui (rät.) 308. 
arder (rät.) 452. 
arint (friaul.) 391. 
assi (eng.) 308. 
atscho (eng.) 308. 
tarc (tirol.) 48. 
barch (valmal.) 48. 
barco (valsugan.) 
48. 

barex (anaun.) 48. 
barga (rät.) 48. 
bargia (oberwaldn.) 


48. 
bargun (oberwald.) 
8 


48. 
bark (trent.) 48. 
barko (comel.) 48. 
barku (comel.) 48. 
buga (bellun.) 46. 
Cara (arcev.) 403. 
Cata (judik. 
puschlav.) So, 
cletg (surselv.) 445. 
dzusterna (istr.) 
405. 
furtegna (rät.) 445. 
furtina (rät.) 445. 
furtüna (eng.) 445. 
furtüna d’aua (eng.) 
furtüna d’aura (eng.) 


445. 
furrüna d’fo (eng.) 


445. 
illd (rät.) 306 
ka (ueng.) 307. 
kau (obw.) 307. 
kel (Iriaul.) 307. 
lezo (fass.) 53. 
lieuca (Padola) 53. 
li6da (comel.) 53. 
l:öza (dolom.) 53. 
loge (friaul.) 53. 
loz& (friaul.) 53. 
lölza (borm.) 53. 
Iöza (dolom.) 23. 
lözdza (borm.) 53. 
lueza (garden.) 53 


luoza (livin.) 53. 
margun (eng.) 48. 
mot (borm.) 46. 
muf (borm.) 46. 
müf (puschl.) 46. 
muga (comel.) 46. 
mughe (friaul.) 46. 
mugo (Alp. or.) 46. 
mux (nousb.) 46. 
muzxon (Tabass.) 46. 
quillö (friaul.) 307. 
dliezo (eng.) 53. 
talpa (Portogruaro) 
(comel.) 51. 
talpe (friaul.) 51. 
ventüra (aeng.) 445. 
vizin (friaul.) 392. 
zata (tirol., ladin.) 
so. 


Rumänisch. 


acel (rum.) 307. 
acest (rum.) 307. 
aci (rum.) 308. 
acice (rum.) 308. 
acilea (rum.) 308. 
aclo (banat.) 307. 
acö (maz.) 308. 
acold (rum. maz.) 
307. 
acsi (arum.) 308. 
nn (rum. maz.) 


alla a 163, 
A.l 
aplech rum.) 164, 


Re (rum.) 301. 
cale (rum.) 120. 
columnä (rum.) 403. 
coplesi (rum.) 454. 
cucutä (rum.) 402. 
drac (istrorum.) 292. 
fatä (rum.) 294. 
fatä (rum.) 294. 
fierbe (rum.) 163, 
A. 


foamete (rum.) 407. 

geamen (rum.) 119. 

gruiü (rum.) 164, 
A. 2. 

impärat (rum.) 396. 

linsur& (rum.) 162, 


.4. 

jur (rum.) 388. 
kauko (maz.) 308. 
livadä (rum.) 194. 
manticä (rum.) 121. 
märgea (rum.) 407. 


WORTREGISTER. 


*märgeali (rum. 
407. 

märginas (rum.) 407. 

molif (rum.) 404. 

ninge (rum.) 162, 
A 


.L 
pefl (rum.) 164, 
A.4. 
roibä (rum,.) 118. 
sarcinä (rum.) 162, 


A.2. 
säturä (rum.) 162, 
A. 3. 
soft (rum.) 398. 
splinä (rum.) 123. 
talpä (rum.) Sı. 
Tämpa (rum.) 163, 
A.2. 


tinte (rum.) 397. 
fintä (rum.) 397. 
vargä (rum.) 294. 


Albanisch. 


ger (alb.) 158. 
kembore (alb.) 155. 
kend6j (alb.) 155. 
kukute (alb.) 402. 
mbret (alb.) 396. 
mengöj (alb.) 155. 
molike (alb.) 404. 
8ok (alb.) 398. 
Be ws 163, 


mp Ar 163, 
Ulkin (alb.) 394. 


Arabisch. 


anelto (mozarab.) 
122. 
balathe (ar.) 147. 
berniia (ar.) 147. 
burg (ar.) 147. 
büis (ar.) 147. 
dabbis (ar.) 147. 
dagal (ar.) 247. 
daghla ıar.) 147. 
damüs (ar.) 147. 
dis (ar.) 147. 
douleb (ar.) 147. 
dukkän (ar.) 148. 
expleni (mozarab.) 


123. 

JAbia (ar.) 148. 
ammar (ar.) 138. 
mal (ar.) 148. 
embera (ar.) 148. 

gerän (ar.) 148. 


gharrä (ar.) 148. 
halig (ar.) 148. 
hama (ar.) 148. 
harare (ar.) 148. 
härb (ar.) 149. 
harba (ar.) 149. 
harir (ar.) 149. 
herära (ar.) 148. 
herra (ar.) 148. 
hezäna (ar.) 149. 
hirbe (ar.) 149. 
el-Kaisärye (ar.) 
396. 

ke&sba (ar.) 149. 
köskos (ar.) 149. 
kusb (ar.) 149. 


lulu (mozarab.) 118, 


marg (ar.) 149. 
märgad (ar.) 149. 
maslüq (ar.) 149. 
medaqgq (ar.) 150. 
merdan (ar.) 156. 
merzeba (ar.) 150. 
mosteqß (ar.) 150. 
naq’ (ar.) 150. 
qalab (ar.) 150. 
gobtal (arb.) 119. 
*gobtal (hispano- 
arab.) 119. 
gotal (mozarab.) 
119. 
qubbe (ar.) 150. 
qubiil (ar.) 119. 
rädan (ar.) 150. 
raff (ar.) 150, 
sabbär (ar.) 151. 
säkan (ar.) 151. 
säquia (ar.) 151. 
saut (ar.) 151. 
setl (ar.) 764. 
sokordja (ar.) 15T. 
selg (ar.) 151. 
south (ar.) 151. 
sukkära (ar.) 150. 
tannüir (ar.) 151. 
tsäia (ar.) ı51. 
zamat (ar.) 151. 
zarb (ar.) 152. 
zir (ar.) 152. 
zubje (ar.) 152. 


Germanisch- 
akeit (got.) 394. 
Amer (schwzd.) 

447- 
Ämer (schwzd.) 


447. 
ämeren (schwzd.) 
447- 


15 
ämeren (schwzd.) 
447. 
ämerig (schwd.) 
447. 
ämerig (schwd.) 


447. 
ange (d.) 447. 
angest (mhd.) 447. 
Angst (d.) 447. 
angust (mhd.) 447. 
aürkeis (got.) 390. 
bairgan (got.) SO. 
bange (d.) 447. 
baurgs (got.) 50. 
bergan (germ.) 50. 
beorzan (ags.) 50. 
bjara (anord.) So. 
bös (schwd.) 451. 
Brand (schwd.) 452. 
brav (schwd.) 451. 
brännen (schwd.) 


452. 

Bränner (Glarn.) 
452. 

bränselen (schwd,) 


452. 
Bräntie n) (schwd.) 


452. 
cäsere (ags.) 396. 
cheisüir (ahd.) 396. 
Chilbi (schwd.) 452. 
dult (ahd. nhd. 
dial. bair.) 452. 
dulps (got.) 452. 
-dwelan (as.) 452. 
enge (d.) 447- 
ergresten (schwd.) 
449. 
ersorgen (schwd.) 


447- 
Fall (d.) 447. 
faul (nhd.) 451. 
Flösch (schwd.) 


449. 
Fiösch (schwd.) 


449. 
flösch (schwd.) 449. 
Flöschen (schwd.) 


449. 
Fortünen (schwd.) 


445. 
fratt (szhwzd.) 451. 
frattig(schwzd.)451. 
frisk (mhd.) 401. 
fül (schwzd.) 451. 
gamaips (got.) 451. 
gefallen (nhd.) 446. 
geil (d.) 450. 
gelücke (mhd.) 446. 
gemeit (mhd.) 451. 


16 


zeömor (ags.) 448. 
ge-resten (schwazd.) 
449. 
gevallen (mhd.) 446. 
gifallan (ahd.) 446. 
Glück (d.) 446. 
gretan (got.) 308. 
hide (engl.) 50. 
hreo (ahd.) 450. 
Hütte (d.) So. 
hydan (ags.) 50. 
jamar (ahd.) 448. 
jämer (mhd.) 448. 
Jamer (schwzd.)448. 
Jammer (d.) 448. 
*jämara (got.) 448. 
käisar (got.) 394. 
kameit (ahd.) 451. 
Kerbel (d.) 402. 
kervele (mhd.) 402. 
kesür (as.) 396. 
*kinta (germ.) 397. 
Kirms (d.) 452. 
krüzi (ahd.) 392. 
kuning (ahd.) 395. 
Lohitsch (d.) 393. 
lust (engl.) 450. 
malz (schwzd.) 450. 
Maulwurf (d.) 52. 
*.melt- (germ.) 450. 
Messe (d.) 452. 
Mifs-Schanz (schwz- 
d.) 446. 
pfingsten (schwzd.) 


449. 
Rast (d.) 449. 
rasta (ahd.) 449. 
raste (mhd.) 449. 
rasıtön (ahd.) 449. 
rasıen (mhd.) 449. 
rasten(schwzd.)449. 
rastlich (schwzd.) 


449. 

raston (shd.) 449. 
räch (schwzd.) 450. 
roehe (mhd.) 450. 
re (mhd.) 450. 
resten(schwzd.) 449. 
Rogaz (mhd.) 393. 
Rohitsch (d.) 393. 
sängen (schwzd.) 


452. 
Sängi (schwzd.) 452. 
schanz (mhd.) 446. 
Schanz (schwzd.) 
446. 
schanze (mhd.) 446. 
schier (d.) 679. 
Schlitten (d.) 53. 
siere (ndl.) 679. 


WORTREGISTER. 


sir (mnd.) 679. 
Sissek (d.) 401. 
skilliggs (germ. got.) 
386. 
sled (e.) 53. 
slede (mnd. me.) 
53. 
sledge (e.) 53. 
sledi (anord.) 53. 
sleigh (e.) 53. 
slidan (ahd.ags.) 54. 
slide (e.) 54. 
slido (ahd.) 53. 
sliten (mhd.) 54. 
slito (ahd.) 53. 
Sorg (schwzd.) 447. 
Sorge (d.) 447. 
sümen (mhd.) 448. 
sümen(schwzd.) 448. 
süumig(schwzd.)449. 
tabjan (got.) 448. 
tult (ahd.) 452. 
twelan (ahd.) 452. 
umen - pfingsten 
(schwzd.) 449. 
un-grofs (schwzd.) 


449. 
un-schön (schwzd.) 


449. 
unsümic (mhd.) 449. 
un-sümig (schwzd.) 
449. 
(ver)bergen (d.) 50. 
wanton (e.) 450. 
Weiberargst (d.) 


447. 
zata (ahd.) 50. 


zee-«ngel(holl.) 576. 


zier(e) (mhd.) 679. 
z’re fallen (schwzd.) 


450. 
zubar (ahd.) 392, 
409. 


Griechisch, 


alywäıog (gr.) 145. 
auvydaln (gr.) 46. 
*ovioxa (gr.) 144. 
konn (gr.) 144. 
Goxonnoa (gr.) 75. 
Goxonvrivn(gr.) 75. 
&0x0g (gr.) 75. 
Bapyadons (cilic. 
gr.) 49- 
Bapyauog (cilic. gr.) 
49. 


Bapyaoa (kar.) 49. 


Bepyoroıoı (gr.) 49. 


BapyvAıa (sic. gr.) 
49. 

yasıga (gr.) 144 

yıovoreova (ngr.) 
405. 


yıozEova (ngr.) 405. 


yunavo» (gr.) 391. 
ydoog (gr.) 388. 
yvoog (gr.) 391. 
devrEgıog (gr.) 145. 
ein (gr.) 446. 
Eouazxıas (gr.) 145. 
Eyıdva (gr.) 144. 
Sebyua ler.) 144. 
Juegos (gr.) 448. 
-1x05 (gr.) 394. 
lEaAf (gr.) 145. 
xcloap (gr.) 395. 


Kaıoapeıa(gr.) 395. 


xaoapeıog (gr.) 
394. 
xa10apnoS 


394. 
xcim (gr.) 452. 


(gr.) 


xzapraAkos(gr.)144. 
zaTwyeıov (gr.) 144. 


xepauida (gr) 144. 
Kiaßoos (gr.) 387. 
Kıooa (gr.) 387. 
xovxia (gr.) 144. 
Kotıya (gr.) 387. 


Kvpıaxog (gr.) 401. 
KvoıAAog (gr.) 401. 


kaßpazı (gr.) 403. 

Aaxeoda (gr.) 403. 

*layrcoida (gr.) 
144. 

haxıpa (gr.) 145. 

ueria (gr.) 144. 

#*.uvy- (vorhellen.) 
47: 

#.uvx- (vorhellen.) 
47. 

MvxYjvaı (gr.) 47. 

uvxnpös (gr.) 46. 

urxns (gr.) 46. 


uv£a (gr.) 47. 
avplen (gr) 144 
390, 404. 
uVCO (gr.) 47. 
vaxn (gr.) 144. 
vacida (gr.) 145. 
vixtepida (gr.) 144 
oluog (gr.) 446. 
oirog (gr.) 446. 
Öpvıov (gr.) 145. 
Ovspyia (gr.) 405. 
*öyıdva (gr.) 144. 
öxıya (Lesbos, 
Chalk.) 144- 
Ilitavoa (gr.) 393. 
nodia (gr.) 144. 
newrtog (gr.) 145. 
nvböiag (gr.) 145. 
dunp (gr) 145. 
oauıauidıov (gr.) 
144. 
#g£xAıov (gr.) 145, 
151. 
oxaAoy (gr.) 52. 
Zxiod«a (gr.) 400. 
0RWTUiOYV (gr.) 145. 
onavog (gr.) 144. 
oni$ovia (gr.) 145. 
*gnopıa (gr.) 144. 
ovupeper (gr.) 446. 
OvuPOER (gr.) 446. 
"taxkapida (gr.) 
144. 
Teunn (gr.) 163, 
A.2. 
Teunvea (gr.) 163, 
A.2. 
tnAia (gr.) 52. 
toAvnn (gr.) 145. 
todße (lesb.) 163, 
A.2. 
teltog (gr.) 145. 
tuyxavıo (gr.) 446. 
zuxn (gr.) 446. 
Yaooa (gr.) 145. 
*povoxovig (gr.) 
144. 
180005 (gr.) 145. 


xiuapos (gr.) 145. 

*yovoolıos (gr.) 
145. 

yayauide(gr.)114 


Slavisch. 


-äc (serb.) 398. 
anguja (Cataro) 408. 
angula(Spalato) 408. 
antrüfirsa (Curzola) 
404. 

«at (slav.) 394. 
Bäg (vegl.) 405. 
Bäg (skr.) 405. 
Bakar (kroat.) 398. 


Bakarac (kroat.)398. 


banestra (slav. 16. 
Jb.) 406. 
bänistra (slav. 16. 
‚Jh-) 406. 
be& (vegl.) 409. 
bere£& (russ.) SO. 
beregü (russ.) 50. 
bergo (slav.) 50. 
berkti (slav.) 50. 


bernestra (dalm.)406. 


Bibine (dalm. slov.) 
391, 393. 
bistijerna (skr.) 4:6. 
Blzet (slav.) 398. 
braße (skr.) 388. 
brede (skr.) 388. 
br&ego (abulg.) 50. 
brh (böhm.) 50. 
brößti (abulg.) 50. 
binistra (vegl.) 406. 
Cabar (skr.) 409. 
Cabdad (skr.) 392. 
bren (skr.) 388. 
abrinovie (Herz.) 
388. 
Caiko (vegl.) 308. 
Cam (rag.) 389. 
Camak (Cataro) 389. 
Camza (slav. 16. Jh.) 
389. 
Canzevina(skr.) 389. 
CAptat (slav.) 393. 
caro (slav.) 394. 
Calka (skr.) 387. 
catrha (Herz.) 389. 
Catrna (dalm.) 401. 
CAvtat (slav.) 393. 
C5b3r3 (slav.) 392. 
Captat (slav. 13. Jh.) 


„393. 
Cedad (slov.) 392. 
Cele (slav.) 392. 


WORTREGISTER. 


*Celi (slav.) 293. 
teme2 (vegl. sler.) 
389, 392. 
Ceprota (Zara) 398. 
cer (slav.) 397. 
cösarı (slav.) 394. 
ceta (slav.) 397. 
tetrua (krot.) 389. 
Chersait (vegl.) 388. 
Cibrica (bulg.) 387. 
cifal (Arbe) 397. 
clmavica (dalm.) 
389. 
*timdCd (slav.) 388. 
cipal (dalm.) 397. 
cipao (süddalm.) 


397. 
cıiplarica(dalm.) 397. 
*Cirin (slav.) 397. 
Cirin (vegl ) 397. 
Cirkul (vegl.) 403. 
cisterna (lat.) 405. 
clez (slav.) 386. 
Como? (skr.) 392. 
&omoz (Dobrii.) 

389. 
Cres (slov.) 387. 
&r&da (gemeinslarv.) 
388. 
Creina (skr.) 388. 
Greönja (skr.) 388. 
rithica (slav.) 388. 
„ubran (skr.) 388. 
Cubrauic (vegl.) 388. 
Cubranovic (Rag.) 


388. 
danda (Sen.) 389. 
Dicmo (slav.) 393. 
Diklo (slav.) 393. 
dökes (Rag.) 403. 
drakmär (vegl.) 407. 
dräkmär (norddalm.) 


407. 

drkmär (dalm.) 407. 
Dru£ (skr.) 390. 
Dubrovnik (slav.) 


393. 
Dulciä (slav.) 394. 
duvna (skr.) 403. 
duz(d) (skr.) 386, 


‚392. 
Dzibrica (bulg.) 387. 
frızak (skr.) 401. 
fünkjela (Rag.) 403. 
galätina (Rag.) 406. 
gera (Rag.) 406. 
Gimai (skr. ı1. Jh.) 
404. 
Giman (Gravosa) 
405. 


gira (vegl.) 406. 
gırica (vegl.) 406. 
gno) (skr.) 399. 
ghoj (skr.) 399. 


gospodar(slav.) 394. 


Grbaß (Arbe.) 405. 


grmiluk (bosn.) 407. 


grmjela (Rag.) 407. 
grmjelica (Rag.) 


407. 
grun (klruss. poln.) 

164, A. 2. 
gugüta (skr.) 402. 
gugutva (Sin.) 402. 
Gumai (skr.) 404. 
Gumaha (skr.) 404. 
Gumin (slov.) 391. 
gusterna (skr.) 406. 
gußterna (skr.) 406. 
gusterha (skr.) 406. 


gustijerna (skr.) 406. 
gußtijerna (skr. )406. 


gustirna (skr.) 406. 
kläfe (kroat.) 389. 
impjerator (russ.) 


390. 
Jakin (skr.) 386. 
jahula (Rag.) 408. 


jegula (dalm.) 408. 
jenguja (Cataro?) 
oB. 


40 
kalez (skr.) 386. 


. *kamptafig (skr.) 


399. 
Kantafıg (skr.) 399. 
*kaptäfig (skr.) 399. 
käpula (skr.) 402. 
kapula (skr.) 409. 
Kaval (slav.) 396. 
kelömna (slav.) 403. 
kelövna (skr.) 403. 
kEntra (skr.) 402. 
kera (Rag.) 403. 
Keräin (vegl.) 400. 
kerica (süddalm.) 

403. 


Kerindie (vegl.) 400. 


ktrostac (dalm.) 
.408. 

kerostat (Rag.) 402. 

kıjerna (Rag.) 401. 

kımak (süddalm.) 

4032. 

nes (Rag.) 402. 

kınkavica (Cataro) 
402. 

Kirin£it (slav.) 400. 

kirha (dalm.) 401. 

klak (dalm. monten. 
kroat.) 402. 


17 


klaßna (kroat. slavon. 
dalm. aserb.) 389. 

kl She (skr.) 389. 

klezo (aksl.) 386. 

knez (slav.) 395. 

kol (vegl.) 307. 

Komorlär (Arbe) 


390. 
komdrika (Arbe) 


404. 
kompr& (skr.) 399. 
konie (Stulli) 390. 
Kor&ula (skr.) 388. 
korizma (skr.) 385. 
korld (slav.) 396. 
Kostölac (serb.) 398. 
kößula (skr.) 408. 
kral (bulg. russ.) 395. 
krfulica (skr.) 402. 
krijesa (Rag.) 402. 
krijesva (dalm.) 402. 
krisa (dalm.) 402. 
kriz (slov. skr.) 391. 
kriZ (Cech.) 391. 
Kikar (askr.) 401. 
Krklant (skr.) 400. 
krklo (Ragusa) 403. 
Kirknäß (skr.) 400. 
Krknaߣlica (skr.) 400. 
Krknata (skr.) 400. 
Krkaül (skr.) 399. 
Krkniüs (skr.) 399. 
Krkhus (skr.) 399. 
krosna (skr.) 338. 
krstjenta (Ragusa 

18. Jh.) 403. 
Kırvaß (Rag.) 405. 
krvel (skr.) 402. 
krzy2 (poln.) 391. 
kükuta (skr.) 402. 
kumerdk3 (Ragusa 

13. Jh.) 401. 
kumjerak (Ragusa) 


401. 

Küril (slav. 15. Jh.) 
401. 

Kurjacovac (slavon. 
serb.) 401. 

Kurjak (slav. 12. Jh.) 
401. 

Lachliane (slav. 
16. Jh.) 400. 

ladis (apreufs.) 54. 

er (slav. 13. Jh.) 


led. (serb.) 54. 
ledas (lit.) 54. 
led (aslav.) 54. 
ledus (lit. lett.) 54. 
ligan (skr.) 406. 


18 


ligah (vegl.) 406. 
Nn8 (Mikalja) 406. 
lıgna (skr.) 406. 

lignarica (skr.) 406. 
ligun (Mikalja) 406. 
Logätec (slov.) 393. 
lökärda (dalm.) 403. 
lömbräk (skr.) 403. 


lükijerna(dalm. ) 404. 


ao (dalm.) 


Be (dalm.) 407. 
Mile (slov.) 393. 
Mietci (skr.) 393. 
mocira (bosn.) 397. 
motira (Arbe) 389. 
midela (skr.) 407. 
Midelici(bosn.) 407. 
mrdin (serb.) 407. 
mtgpän (skr.) 407. 
Mrgaüe (bosn.) 407. 
mrgär (skr.) 407. 
mrein (skr.) 407. 
mrgif (skr.) 407. 
mrgina (skr.) 407. 


mrginäß (mont.) 407. 


mrie (skr.) 390. 
mrijed (skr.) 390. 
mikijenta (dalm.) 


404. 
mtndela (skr.) 407. 
mictär (moh. slav.) 
395- 
murika (bulg.) 404. 
nat (maz.) 119. 
natiperka (Curzola) 


404. 
nätipijerka (Ragusa) 


404. 
ocal (skr.) 398. 
ocbtd (gemeinslav.) 


394. 
oceld (aksl.) 398. 
ocin (rag.) 394. 
dciu (rag.) 393. 
öligah (Rag.) 400. 
oligna (Mikalja) 406. 
Omißal (skr.) 386. 
omorika (dalm.) 404. 
Oprtal (skr.) 386. 
Optuj (skr.) 386. 
orkulic (skr.) 401. 
pöculica (skr.) 398. 
provat (skr.) 386. 


Druck von Karras, Kröber & Nietschmann in Halle (Saale). 


WORTREGISTER. 


Ptuj (skr.) 386. 
räkno (spalat.) 404. 
ranketir (Rag.) 404. 
Rim (skr.) 386. 
Rogatec (slov.) 393. 


Sarakaj ajt (vegl.) 388. 


Saraksj (vegl.) 388. 
Sen (skr.) 386. 
sergiu (lit.) 447. 
sipa (Spalato) 406. 
Sipan (skr.) 391. 


Sisak (skr.) 386,401. 


Sisek (slav. dial.) 


„401. 

Skarka (skr.) 400, 
skalezd (aksl.) 386. 
sklezd (aksl.) 386. 
Skople (moz.) 391. 
s!(a) dıs (lett. ) 54. 
sledd (aksl.) 54. 
*slidö (baltoslav.) 


54. 
slidu, slid&f (lett.) 54. 


slidud (lit.) 54. 
slijed (skr.) 54. 
Soda (skr.) 393. 
Sofia (bulg.) 393. 
Solin (skr.) 386. 
Srijem (skr.) 386. 
stelagd (aruss.) 386. 
Bterna (slov.) 389, 


394. 
iu gs (aksl.) 386. 
Stirna (vegl ) 389. 
Stirha (slav.) 394. 
Stirnica (vegl.) 389. 
Btlagö (aruss.) 386. 
Sukojißan (Spalato) 

388. 

Sukosan (slav.) 

88 


388. 

Sukun (veg].) 402. 
Sumet (skr.) 391. 
Bumiti (skr.) 391. 
talus (apreufs.) 52. 
t3lo (aslav.) 52. 
tilat (lett.) 52. 
tiluot (lett.) 52. 
Trsat (kroat.) 397. 
tredönja (skr.) 388. 
trkmär (Spalato) 


407. 
Trst (slov.skr.) 390. 


Trzalan (slov.) 390, 


TrZaßcan (slov.) 


390. 
trZaßki (slov.) 390. 
Ul6in (slav.) 394. 
uligan (Cataro) 406. 
uligna (skr.) 406. 
uligun (Mikalja) 
"406. 
Uglan (dalm.) 405. 
Videm (slov.) 392. 
viöna (skr.) 388. 
ViZinada (slov.) 392. 
vıe (slov. skr.) 390. 
vröld (aksl.) 390, 

401. 
vracova (aksl.) 390. 
Zir (dalm.) 391. 
Zirje (dalm.) 391. 
Zman (skr.) 390. 
Zman Seica (skr.) 390. 
Zmin (istr.) 390. 
Zmiäßtin (istr.) 390. 


Verschiedene Sprachen. 


ahuntz (bask.) 764. 

akiker (berber.) 
118. 

arsel (berber.) 118. 

*barg (illyr.) 50. 

barag (avest.) SO. 

#bhergh (idg. Wur- 
zel) 50. 

bog (türk. tartar.) 
47. 

bog (magyar.) 47. 

bög (türk.-tart.) 47. 

bong (türk.-tart.) 47. 

bonz (turkotart.) 47. 

borZ (turkotart.) 47. 

brace (gall.) 388. 

etas (ai.) 446. 

fekete-bogy6 (turko- 
tart.) 47. 

fuko (Suahbeli) 52. 

Kaisarieh (türk.) 
396. 

Kara-muh (turko- 
tart.) 47. 

kis (berb.) 119. 

lili (bask.) 118. 

lili (berb.) 118. 

magalia (punisch) 

magdi-’el (hebr.) 47. 


magg (berb.) 118. 
mäg‘w (kürin.) 48. 
makk (ungar.) 47. 
makk-fa (kauk.) 47. 
mäy (udisch) 48. 
meged (hebr.) 47. 
mfnko (Nyamw.)52. 
migh (hürkan.) 48. 
mik8 (avar.) 48. 
mikx (avar.) 48. 
mig (kaukas.) 48. 
miqgq (avar.) 48. 
mogyorö (ung.) 47. 
mok (zachur.) 48. 
mok-as (gok.) 48. 
mok-an (rutnl.) 48. 
m-thatha (afr.) St. 
mug (kirg.) 47. 
mug (uralaltaısche 
Wurzel) 47. 
muk (kirg.) 47. 
muk (uralaltaische 
Wurzel) 47. 
muq (vorindogerm. 
Wurzel) 48. 
muya (georg.) 48. 
muxai (kauk.) 48. 
navala (berb.) 119. 
n-tata (afr.) SI. | 
ogur (berb.) 119. 
-puko (Bantu) 52. | 


puku (Bondei) 52. 
Ramazan (türk.) 
442. 
serc (air.) 447. 
Szerem (ung.) 386. 
Sziszek (ung.) 401. 
takuz (berb.) 118. 
talam (sanskr.) 52. 
Talabriga (basko- 
iber.) 127f. 
tald (esth.) 53. 
talla (finn.) 53. 
tallaa (finn.) 53. 


talp (magyar.) 5I, 


53- 
tarubia (berb.) 118. 
thal’ (armen.) 52. 
thath (armen.) 51. 
thathi (georg.) 51. 
thatwi (mingrel.) St. 
teli- (mong.) 53. 
tikulmut (berber.) 

119. 


Hans BROSZINSKI. 


L 


ZEITSCHRIFT 


ROMANISCHE PHILOLOGIE 


BEGRÜNDET VON Pkror. Dr. GUSTAV GRÖBER + 


FORTGEFÜHRT UND HERAUSGEGEBEN 
voN 


Dr. ALFONS HILKA 


PROFESSOR AN DER UNIVRRSITÄT GÖTTINGEN 


1927 
XLVIL BAND. 


HERAUSGEGEBEN ALS 


FESTSCHRIFT FÜR CARL APPEL 
ZU SEINEM 70. GEBURTSTAGE AM ı7. MAI 1927 


MAX NIEMEYER VERLAG 
HALLE (SAALE) 
1927 


Diesem Bande liegt das Register zu Bd. XLVI bei. 


MAX NIEMEYER VERLAG // HALLE (SAALE) 


Appel, Carl, Zur Entwicklung italienischer Dichtungen Petrarcas. 
Abdruck des Cod. Vat. Lat. 3196 und Mitteilungen aus den Hand- 
schriften Casanat. A III, 31 und Laurenz. Plut. XLIN. 14. 1891. 


gr.8. VIII, 195 8. Vergriffen 
— Deutsche Geschichte in der provenzalischen Dichtung. 1907. 8. 
16 S. Vergriffen 
— Der Trobador Cadenet. 1920. gr.8. 1238. A5— 


Petrarca, Francesco, Die Triumphe. In kritischem Texte heraus- 
gegeben von Carl Appel. Mit 7 Tafeln. 1901. gr. 8. 


XLIV, 476 8. A 14,— 
—, 1 Trionfi. Testo eritico per cura di Carl Appel. 1902. kl.8. 
VI, 132 8. A 1L— 


Gui von Cambrai, Balaham und Josaphas. Nach den Handschriften 
von Paris und Monte Cassino herausgegeben von Carl Appel. 
1907. 8. LXXXI, 467 8. Vergriffen 

Bernart von Ventadorn, Seine Lieder. Mit Einleitung und Glossar 
herausgegeben von Carl Appel. 1915. 8. CXLV, 404 S. mit 
Abbildungen auf 5 Tafeln u. 23 weiteren Facs.-Tafeln. 4 26,.— 

— Ausgewählte Lieder. Herausgegeben von Carl Appel. 1926. 
XI, 47 S. und 2 Tafeln. kart. „4 1,60 

(Sammlung romanischer Übungstexte, Band 7.) 


LEONARDO OLSCHEKI 
Galilei und seine Zeit 


(Geschichte der neusprachlichen wissenschaftlichen 
Literatur, Ill. Band) 


1927. 8. VII, 47285. M%,—: Lwd. gbd. M 22,50 


Inhalt 2 
Die philosophische Literatur — Die Literatur der mathematischen 
Wissenschaften — Galilei. Einleitung — Galileis wissenschaftliche 
Erziehung — Galileis literarische Bildung — Galilei als Forscher und 


Lehrer — Die Vorbereitung der Hauptwerke — Galileis wissenschaftliches 

Manifest — Die Schule Galileis — Die Dialoge über die Weltsysteme — 

Die neuen Wissenszweige — Die Briefe über geographische Orts- 
bestimmung — Die letzten Schriften. 


MAX NIEMEYER VERLAG // HALLE (SAALE) 


Soeben erschienen 


Bernhard Groethuysen 


Die Entstehung der bürgerlichen 
Welt- und Lebensanschauung in Frankreich 


Erster Band 
Das Bürgertum und die katholische Weltanschauung 
gr.8. XVII, 3488. M.16,—; Lwd. gbd. M. 18,— 


Inhalt: Die Kirche und die Bildung des bürgerlichen Bewußtseins: 
1. Der schlichte Glaube. 2. Glaube und Wissen. 3. Symbol und Rede. 4. Bürger- 
tum und Volk. 5. Priester und Laien. — Tod, Gott und Sünde: 1. Die Uıin- 
bildung des religiösen Erlebnisses. 2. Die Idee des Todes. 3. Die Idee Gottes, 
4. Die Idee der Sünde. 


Philologische Studien 


aus dem Germanisch-Romanischen Kulturkreise 


Karl Voretzsch 
zum sechzigsten Geburtstage und zum Gedenken 
an seine erste akademische Berufung vor 35 Jahren 


Herausgegeben von B. Schädel und W. Mulertt 


gr. 8. IV, 5438. M.34,—; Buckram gbd. M. 37,— 


Inhalt: Emil Winkler, Seelische Energie und Wortwert. — Pedro 
Barnils, Algunas consideraciones acera la lingüistica normal y la Patolögira. 
— Franz Saran, Stamm, Wurzel, Hauptsilbe — Franz Specht, Zur 
germanischen Stammbildung. — Georg Baesecke, Verwechslung von „mir“ 
und „ihr“. — Gerhard Rohl£s, Baskische Kultur im Spiegel des lateinischen 
Lehnwortes. — Axel Wallensköld, Les Serments de Strasbourg. — 
Eduard Sievers. Zum Hanger Fragment. — Ph August Becker, Der 
distiebisch-tristichische Rhythmus im Rolandslied.. — Karl Warnke. Die 
Vorlage des Espurgatoire St. Patriz der Marie de France. — Walther 
Suchier, Weiteres zu Ancassin und Nicolette — Karl Christ, La Regle 
des Fins Amans. Eine Beginenregel aus dem Ende des XIII. Jahrhunierta. 
— Josef Brüch, Gab es im Altprovenzalischen ein z aus lateinischen 
intervok. £? — Oskar Schultz-(Grora, Zum Text der „Fides“. — Werner 
Mulertt, Der Trobador Guillem Peire de Uazals. (Mit 4 Faks) — Fritz 
Krüger, Volkskundliches aus der Provence; das Musenm Frederi Mistra!:. 
(Mit 7 Abb. und 1 Taf.) — Dimitri Scheludko, Über Mistrals Rhönelied. 
— A. (rriera, Del Rerne de la Mort. — Carl Weber, Die Legende der 
Santa Guglielma. — Berthol: Wiese, Kleinigkeiten zu Dante. — Gerhard 
Moldenhauer, Zur Geschichte der Tiererzählung in der wittelalterlichea 
spanischen Literatur. — Kari Pietsch, Zum Text des Segundo Libro de la 
Demanda del Sancto Grial. — Miguel Artigas, Una colecciön de Pope!; 
manuscritos. 


 Karras, Kröber & Nietschmann, Halle (Saale). 


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